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Der alte Jordan ist ungeheuer reich - und ein ungeheures Ekel. So wundert es eigentlich niemanden, dass er eines Tages erschossen wird. Die Liste der Verdächtigen ist lang und Polizeichef Lanigan muss feststellen, dass gute Alibis in der Stadt Mangelware sind. Rabbi David Small versagt unterdessen kläglich an einer Schießbude – und beweist damit, dass er bei den unmöglichsten Gelegenheiten die besten Ideen hat. Der siebte Fall für den klugen Rabbi und leidenschaftlichen Amateurdetektiv David Small.
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2015
Der alte Jordan ist ungeheuer reich - und ein ungeheures Ekel. So wundert es eigentlich niemanden, dass er eines Tages erschossen wird. Polizeichef Lanigan stellt fest, dass gute Alibis Mangelware sind. Und Rabbi David Small versagt kläglich an einer Schießbude – und beweist damit, dass er bei den unmöglichsten Gelegenheiten die besten Ideen hat.
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Harry Kemelman (1908-1996) wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award.
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Gisela Stege ist Übersetzerin aus dem Englischen.
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Harry Kemelman
Der Rabbi schoss am Donnerstag
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Gisela Stege
Durch die Woche mit Rabbi Small (Der siebte Fall)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1978 unter dem Titel Thursday the Rabbi Walked Out im Verlag William Morrow & Company, New York.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1979 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
Originaltitel: Thursday the Rabbi walked out (1978)
© Harry Kemelman 1978
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Visions of America LL
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30914-2
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
DER RABBI SCHOSS AM DONNERSTAG
1 – Wenn ihr Mann eine Predigt vorbereitete, war Miriam …2 – Henry Maltzman war ein großer, kräftiger Mann …3 – Tief in seinen Lehnsessel hineingerutscht, das eine lange …4 – »Ach Ben, wie schön! Wie wunderschön!« Mimi Segal …5 – Lawrence Gore, Präsident der Barnard’s Crossing Trust Company …6 – »Aber das ist ja wie auf dem Wasser!« …7 – »Warum wollten Sie am minjen teilnehmen?«, fragte Rabbi …8 – Laura Maltzman war keine hübsche Frau; ja …9 – Ellsworth Jordon ging unruhig im Wohnzimmer seines alten …10 – Der Anruf kam am Spätnachmittag. »Mr Maltzman …11 – Im Speisesaal des Agathon Jacht Clubs konnte man …12 – In Hut und Mantel blickte Henry Maltzman sich …13 – Als Henry Maltzman zu Hause eintraf, waren die …14 – Stanley Doble, Hausmeister der Synagoge, war durchaus kein …15 – Lawrence Gore blickte fragend auf, als Molly Mandell …16 – Als er gerade an seine Haustür kam …17 – Als Billy die Haustür öffnete, um Lawrence Gore …18 – Lawrence Gore lenkte den Wagen langsam die Einfahrt …19 – Mrs Mandell erwachte vom Schrillen des Telefons …20 – Um den Besuch der Synagoge zu fördern …21 – Am Samstagvormittag schaute Gore noch schnell bei den …22 – Während seine Männer im Wohnzimmer arbeiteten, fotografierten …23 – »Aber es ist Sabbat«, protestierte Miriam24 – »Und jetzt erzählen Sie uns mal, was gestern …25 – »War es was Ernstes? War es wirklich ein …26 – »Ich hasse diese Art von Fällen«, erklärte State …27 – Da Rabbi Small am Sabbat weder Radio noch …28 – Der Sergeant vom Dienst musterte Rabbi Small zweifelnd …29 – Die Vernehmung dauerte Stunden. Als Lanigan und Jennings …30 – Als Herb Mandell nach dem Dinner von seinem …31 – Als der Anruf am Montagmorgen kam, war sein …32 – Es war Herb, der dem Sergeant die Tür …33 – Die Stimme am Telefon klang aufgeregt und ungeduldig …34 – Henry Maltzman trommelte ungeduldig mit den Fingern auf …35 – Anne Kaufman war Silberschmiedin und hatte ihr Geschäft …36 – »Er ist auf Children’s Island«, sagte Chief Lanigan …37 – »Ich glaube, ich habe bisher noch nie einen …38 – An jedem Mittwochabend hielt der Magistrat seine Sitzung …39 – Obwohl Rabbi Small lieber zu Hause arbeitete …40 – Es war nicht etwa Ärger über Morton Brooks …41 – Außerhalb von Boston hatte McLure, als State Detective …42 – Trotz seiner Enttäuschung meldete McLure, als guter Polizist …43 – »Das ist die Stelle, an der der Bus …44 – Vor der Abänderung der Statuten hatte es immer …45 – Sie hatten das Sonntagsdinner beendet, und da Molly …46 – Falls Mrs Mandell gehofft hatte, ihr Sohn werde …47 – »Was machen wir jetzt?«, fragte Miriam tragischen Tones …48 – Als Herb von der Vorstandssitzung nach Hause kam …49 – »Wissen Sie, Rabbi, sie ist so loyal …50 – Nachdem er Maltzman entlassen hatte, schlug Lanigan Lieutenant …51 – Als der Rabbi auf dem Revier anrief …52 – Während sie im Esszimmer auf das Eintreffen des …53 – Rabbi Reuben Levy hatte zugenommen, seit Rabbi Small …54 – Der Brief kam Dienstag mit der Post …WorterklärungenMehr über dieses Buch
Über Harry Kemelman
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Wenn ihr Mann eine Predigt vorbereitete, war Miriam stets sorgsam bedacht, ihm nicht über den Weg zu laufen – nicht weil sie fürchtete, ihn in seinen Gedankengängen zu stören, sondern weil sie ihm keinen Vorwand für die Unterbrechung seiner Arbeit liefern wollte. Denn für David Small, den Rabbi der konservativen Synagoge von Barnard’s Crossing, war weder die Vorbereitung noch das Halten einer Predigt ein besonderes Vergnügen. Er hatte wie üblich damit begonnen, sich Papier zurechtzulegen, Bleistifte zu spitzen, die Lampe näher zu rücken – alles, um das Ringen um den Anfang hinauszuzögern. Er war mager und bleich, und wie er da an seinem Schreibtisch saß, hielt er die Schultern gebeugt, wie es für Gelehrte typisch ist. Sein schütteres Haar, das an den Schläfen bereits ergraute, machte ihn nur älter, nicht distinguierter. Er schrieb ein paar Worte, dann betrachtete er sie kurzsichtig durch seine dicke Brille. Er strich sie aus, klopfte mit dem Bleistift auf die Schreibtischplatte und begann zu stricheln, bis er die Predigt vergaß und sich ganz und gar darauf konzentrierte, ein kompliziertes Muster aus geraden und geschwungenen Linien, von Kreisen und Quadraten, verbunden durch eine Querschraffierung, auszuarbeiten. Als es an der Haustür klingelte, war es für ihn eine Erleichterung. »Ich mache auf!«, rief er aus seinem Studierzimmer.
Miriam, die aus der Küche kam, entgegnete: »Lass nur. Das ist wahrscheinlich nur der Junge, der das Zeitungsgeld kassieren will.« Doch als sie öffnete, sah sie das freundliche, frische Gesicht von Hugh Lanigan, dem Polizeichef von Barnard’s Crossing, vor sich.
Der Rabbi, hinter ihr, begrüßte ihn freudig. »Nur herein! Nur herein, Chief! Miriam wollte gerade Kaffee machen. Nicht wahr, Liebes?«
Pflichtgetreu erwiderte Miriam: »Ja, ich habe das Wasser schon aufgesetzt. Bitte, kommen Sie herein.« Aber sie konnte es sich nicht verkneifen und setzte hinzu: »David arbeitet an einer Predigt, und ich weiß, dass er nach einem Grund zum Aufhören sucht.«
Lanigan lächelte. »Was ist los, David? Haben Sie Schwierigkeiten damit?«
»David hat mit all seinen Predigten Schwierigkeiten«, behauptete Miriam spitz. Sie war klein und hätte in ihrem Pullover, dem Rock und den Mokassins wie ein Teenager ausgesehen, hätten die Gesichtszüge mit dem spitzen Kinn nicht Reife und Entschlossenheit verraten. Ihr dichtes blondes Haar, auf dem Kopf aufgetürmt, als wolle sie es lediglich aus dem Weg haben, schien fast zu schwer für die kleine, schlanke Figur.
»Ach, wirklich? Ich hätte gedacht, so was macht Ihnen Spaß«, sagte Lanigan. »Sie können die Leute runterputzen, und die dürfen nicht antworten. Zuhörer, die wahrhaft gefesselt sind.«
Der Rabbi grinste. »Es liegt mir nicht sehr, die Leute runterzuputzen, vor allem nicht, da ich mir meiner eigenen Unzulänglichkeit nur allzu bewusst bin. Außerdem würde es nichts bringen. Die Predigt ist nichts weiter als eine Art Unterhaltung, die der Rabbi liefert, damit der langweilige Gottesdienst schneller vorbeigeht. Sie gehört im Grunde sogar überhaupt nicht zur Tradition. Früher haben die Rabbis nie gepredigt.«
»Sie meinen, wenn eine Synagoge einen Rabbi engagierte, erwartete man nicht von ihm, dass er predigte?«
Der Rabbi schüttelte den Kopf. »Nicht die Synagoge engagierte den Rabbi, sondern die Stadt oder Gemeinde. Und sie engagierten ihn ausschließlich als Schiedsrichter, der Rechtsfragen löste, die eventuell auftauchten. Ansonsten erwartete man von ihm, dass er sich seinen Studien widmete.«
»Er wurde bezahlt, damit er studierte?«
»Warum denn nicht? Die Universitäten subventionieren doch auch Wissenschaftler. Warum also nicht eine Gemeinde?«
»Nun ja, vermutlich. Und er brauchte überhaupt nicht zu predigen?«
»Sein Vertrag schrieb ihm zwei Predigten pro Jahr vor, am Sabbat vor dem Pessachfest und am Sabbat vor dem Versöhnungstag. Aber das waren keine Predigten in Ihrem Sinn. Es waren gelehrte Vorträge wie die Vorlesungen eines Juraprofessors. Er hat die Gemeinde nicht ermahnt. Die Predigten, wie Sie sie gewöhnt sind, die gegen die Sünde, die wurden gewöhnlich von einem Wanderprediger gehalten, einem megid. Heutzutage erwartet man natürlich, dass der Rabbi, genau wie der Pastor und der Pfarrer, jede Woche eine Predigt hält. Manche Rabbis tun das gern. Wahrscheinlich, weil es ihnen besonders liegt. Der ärmste Student meines Jahrgangs im Seminar hat aufgrund dessen jetzt eines der angesehensten Rabbinate im Bezirk New York. Er besitzt eine wunderschöne Baritonstimme, und wenn er nur das Alphabet aufsagt, kommen den meisten Leuten schon die Tränen. Wir nannten ihn immer ›die Stimme‹.«
»Reuben Levy?«, erkundigte sich Miriam. »Der mit den Gleichnissen?«
Der Rabbi lachte vergnügt. »Genau der.« An Lanigan gewandt, erklärte er: »Einmal haben wir, ein paar Seminaristen mit ihren Frauen, uns über das Predigen unterhalten, weil wir damals zum Sabbat in kleinere Gemeinden geschickt wurden. Levy erklärte, bei der Ausarbeitung einer Predigt suche er nicht etwa nach Beispielen und Gleichnissen, um etwas zu verdeutlichen, sondern mache es umgekehrt. Wenn er eine gute Story höre, merke er sie sich und baue dann eine Predigt drumherum.«
»Ach so! Wie der Bursche, der als Scharfschütze galt, weil er zuerst schoss und dann eine Zielscheibe um das Einschussloch malte?«, fragte Lanigan.
»Genau!«, antwortete der Rabbi.
Als Miriam in die Küche ging, um den Kaffee zu holen, fuhr der Rabbi fort: »Meine eigenen Predigten sind auch immer eher wissenschaftliche Vorträge. Wissen Sie, dreimal die Woche lesen wir Teile aus dem Pentateuch, also verbinde ich meine Predigten mit den jeweiligen Zitaten.«
»Dann leiden Sie ja nie Mangel an Themen«, meinte Lanigan. »Also dürfte es Ihnen nicht schwerfallen.«
»Gewiss, aber nach so vielen Jahren befürchte ich, dass ich mich möglicherweise wiederhole.«
»Ach was!«, sagte Lanigan, der von Miriam seine Kaffeetasse entgegennahm. »Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, dass Ihre Gemeinde Ihnen gar nicht zuhört?«
Der Rabbi lächelte säuerlich. »Vielen Dank.«
»Nein, aber im Ernst: Wie lange sind Sie jetzt hier – zehn Jahre?«
»Zwölf.«
»Wenn Sie also jetzt einige von Ihren alten Predigten wiederholten, von denen, die Sie ganz am Anfang gehalten haben – wer würde das schon bemerken?«
»Ich«, sagte der Rabbi.
»Aber hören Sie mal, Sie sagen, Ihre Predigten ähneln den Vorlesungen von Professoren. Also, die halten jahraus, jahrein dieselben Vorlesungen, nicht wahr? Ich meine, es kommt immer wieder ein neuer Jahrgang, und mit dem muss er doch jedes Mal dasselbe durchkauen. Also, ich wette, dass in den zwölf Jahren, die Sie jetzt hier sind, ein ziemlich großer Teil Ihrer ursprünglichen Gemeinde ausgeschieden ist – gestorben, weggezogen, nach Florida gegangen, um sich zur Ruhe zu setzen. Dafür sind viele neue Leute hergekommen. Wenn das, was Sie Ihrer damaligen Gemeinde gesagt haben, für die Leute wichtig war, dann wäre es doch sicher genauso wichtig für die neuen, nicht wahr?«
Der Rabbi nickte. »Das stimmt. Es geschieht ganz allmählich, sodass man es kaum bemerkt, aber es stimmt. Von den ursprünglichen Mitgliedern sind nicht mehr viele übrig.«
»Und sehr viel mehr neue Leute sind hierhergezogen«, ergänzte Lanigan.
»Wir haben jetzt fast dreihundert Familien«, sagte Miriam.
»Dreihundert?« Lanigan war erstaunt. »Ich dachte, es wären weit mehr hier in der Stadt.«
»O ja, in der Stadt schon«, bestätigte der Rabbi. »Ungefähr noch weitere zweihundert, aber die sind keine Gemeindemitglieder.« Er lächelte. »Wenn es nach Henry Maltzman, unserem Vorsitzenden, ginge, dann würden alle der Gemeinde beitreten. Er ist sehr dafür, die Mitgliederzahl zu erhöhen.« Er lachte. »Ewig redet er davon, man müsste nur den richtigen Trick anwenden.«
»Ja, aber warum sind sie keine Mitglieder? Wenn von unserer Kirche jemand hier zuzieht, wird er sofort vom Pfarrer oder von einem seiner Kaplane aufgesucht. Und wenn er nicht in die Kirche kommt, versuchen sies weiter. Ich möchte wetten, dass es hier in der Stadt kaum ein Dutzend Katholiken gibt, die nicht so oder so mit der Kirche in Verbindung stehen.«
»Ihre Religion ist kirchenorientiert«, wandte der Rabbi ein. »Sie dreht sich um Messen, Kommunion und Beichte, und dazu gehört ein Priester in der Kirche. Unsere Religion wird hauptsächlich zu Hause ausgeübt. Der Sabbat wird zu Hause gefeiert. Das Pessachfest findet zu Hause statt. Außerdem ist auch die Finanzstruktur anders. Die unsere stützt sich auf die Mitgliedschaft, und die jährlichen Beiträge belaufen sich auf mehrere Hundert Dollar pro Jahr. Das ist viel für ein junges Ehepaar, und das sind die meisten neu Zugezogenen. Die nur gekommen sind, weil sie Jobs in den Forschungslabors und den vollautomatisierten Fabriken an der Route 128 ergattert haben.«
»Und viele davon reduzieren jetzt«, warf Miriam ein, »und einige schließen vielleicht ganz.«
»Meinen Sie die Rohrbough Corporation?«, erkundigte sich Lanigan.
»Es wurde davon gesprochen«, bestätigte Miriam. »Einige Frauen machen sich Sorgen.«
»Ich habe einen Artikel in der Sonntagszeitung gelesen«, sagte ihr Mann. »Es heißt, eine große Firma aus Chicago wolle das Werk übernehmen.«
»Die Segal-Gruppe?« Lanigan schüttelte den Kopf. »Die werden bestimmt keine Hilfe sein. Der Artikel wurde gestern Abend bei der Magistratssitzung erwähnt, und Al Megrim, ein Börsenmakler, der es eigentlich wissen muss, sagte, das wäre eine Finanzgruppe, keine Herstellungsfirma. Die tauschen Konzerne wie Kinder Baseballbilder. Sie übernehmen eine Firma, melken sie trocken, manipulieren die Aktien, während sie liquidieren, und verschwinden wieder. Was übrig bleibt, sind ausgeschlachtete Gebäude.« Er stellte seine Tasse hin und lehnte sich bequem zurück. »Haben Sie schon von dieser Sitzung gehört?«
Der Rabbi schüttelte den Kopf.
Lanigan rutschte voll Unbehagen hin und her. Er räusperte sich und sagte dann: »Nun ja, es wurde dafür gestimmt, über das Aufstellen von Verkehrsampeln bei der Synagoge erneut zu beraten.«
»Aber letzte Woche ist der Antrag doch einstimmig angenommen worden«, sagte Miriam bestürzt.
»Nach wochenlangen Diskussionen«, ergänzte ihr Mann. »Ist denn inzwischen irgendwas passiert, das die Situation verändert hat? Es kommen jeden Nachmittag Kinder zur Religionsschule, und …«
»Ich weiß, David. Ich weiß. Wahrscheinlich nur eine Routinefrage«, erwiderte Lanigan.
»Ist das üblich, eine Maßnahme in der einen Woche zu beschließen und in der nächsten den Beschluss zu widerrufen?«
»Nun ja, Ellsworth Jordon – kennen Sie ihn?«
Der Rabbi schüttelte den Kopf.
»Dem gehören ein paar Grundstücke da unten. Mein Gott, dem gehören Grundstücke in der ganzen Stadt. Dadurch ist er ein Anlieger. Er schrieb dem Magistrat, er sei nicht benachrichtigt worden. Deswegen schlug Megrim erneute Beratung vor, und das übrige Gremium hat ihm aus Höflichkeit zugestimmt.«
»Und was geschieht nun?«, fragte Miriam.
»Der Punkt kommt nächste Woche noch einmal auf die Tagesordnung«, suchte Lanigan sie zu beruhigen. »Und wahrscheinlich wird dafür gestimmt. Aber ich würde lieber hingehen.«
»Wie wärs mit einer Delegation?«, fragte Miriam.
Lanigan zögerte. »N-nein, lieber nicht. Dann hätten sie womöglich das Gefühl, dass Druck ausgeübt werden soll, und das würde sie verärgern. Schließlich sind wir in New England, und der Magistrat besteht aus lauter konservativen Yankees. Die können furchtbar stur werden, gegen Druck. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.«
Fragend sah Miriam ihren Ehemann an.
»Ich glaube, der Chief hat recht«, meinte der Rabbi. »Trotzdem werde ich mit Henry Maltzman sprechen. Er kommt heute Abend.«
Als Miriam den Tisch abräumte, begleitete der Rabbi den Gast zur Tür. »Was steckt wirklich hinter diesem Beschluss zu erneuter Beratung?«, fragte er. »Ist dieser Jordon tatsächlich nur verärgert, weil der Magistrat ihn nicht benachrichtigt hat?«
Lanigan blieb auf der Türschwelle stehen. »In einer so kleinen Stadt hört man alle möglichen Dinge über alle möglichen Leute. Und ich höre aufmerksam zu, weil es mir manchmal bei meiner Arbeit zustattenkommt. Also, ich habe das Gefühl, er hat nur Protest erhoben, weil er Ihre Leute nicht mag.«
»Er mag keine …«
»Juden.«
Henry Maltzman war ein großer, kräftiger Mann. Zwar hatte er seit der Zeit, da er im Koreakrieg Captain bei den Marines gewesen war, einen kleinen Bauch entwickelt, trug aber den Kopf immer noch erhoben, das Kinn eingezogen und die Schultern gestrafft wie bei einer Parade. Obwohl das bei seinen fünfzig Jahren ein wenig unnatürlich wirkte – wie ein Dicker, der beim Anblick eines hübschen Mädchens am Strand den Bauch einzieht –, war man allgemein der Ansicht, dass er mit seinen roten Wangen und dem kurz geschorenen, krausen Haar eine gute Figur machte, ja sogar ein gut aussehender Mann war. Es hieß, er habe ein Auge für die Weiblichkeit, und umgekehrt. Und vielleicht war die Tatsache, dass er zum Vorsitzenden gewählt worden war, ein Beweis für seine Anziehungskraft. Denn er war ein krasser Außenseiter in der Organisation der Synagoge gewesen, hatte nur eine Periode im Vorstand gesessen, als er sich um den Posten des Präsidenten bewarb, nachdem die Statuten dahingehend geändert worden waren, dass es nunmehr auch den Frauen gestattet wurde, zu wählen und ein Amt zu bekleiden.
Groß und mächtig stand Maltzman da, als er auf die Smalls hinabblickte. Er hatte kleine blaue Augen, die gewöhnlich freundlich, aber auch stählern blitzen konnten, wenn man ihm in die Quere kam, und die weit aus den Höhlen traten, sobald er sich ärgerte. Als er dem Rabbi jetzt die Hand reichte, blickten sie jedoch freundlich drein, und Miriam schenkte er, als sie ihm den Mantel abnahm und ihn in den Garderobenschrank hängte, das herzliche Lächeln, das er automatisch für jede Frau bereit hatte. Er nahm den Sessel, den der Rabbi ihm anbot, erhob sich jedoch sofort wieder, als Miriam aus dem Flur hereinkam.
»Sie werden sicher Synagogenangelegenheiten zu besprechen haben«, sagte sie. »Ich lasse Sie sofort allein.«
»Es wäre mir lieber, wenn Sie hierbleiben, Mrs Small«, entgegnete er. »Natürlich geht es um die Synagoge, aber es betrifft auch Sie. Wenigstens glaube ich das. Ich möchte mit Ihnen über den Platz der Frauen beim Gottesdienst sprechen, Rabbi.«
»Hätten Sie gern einen Tee oder Kaffee?«, erkundigte sich Miriam.
»Keins von beiden, danke.«
»David?«
»Für mich auch nicht, Miriam.«
Maltzman wartete, bis sie Platz genommen hatte; dann erst setzte auch er sich wieder.
»Da wir nun Frauen im Vorstand haben«, begann er, »verlangen sie jetzt ziemlich energisch die volle Gleichberechtigung beim Gottesdienst. Aber so etwas kann man natürlich nicht durch einfache Stimmenmehrheit beim Vorstand beschließen. Über so etwas Grundlegendes müsste ein Referendum oder eine Generalversammlung entscheiden.«
»Sie haben recht«, antwortete der Rabbi. »Der Vorstand allein sollte über eine derartige Frage nicht entscheiden. Also warum nicht eine Generalversammlung einberufen?«
»Weil die Gegenseite die Abstimmung nicht gelten lassen würde«, sagte Maltzman ärgerlich. »Kaplan, der Vertreter der orthodoxen Richtung, hat mir praktisch angedroht, wenn wir zuließen, dass Frauen einen Teil des minjen bilden und sie zum Vorbeten zulassen und so, werde er austreten. Dann würde er mit seiner ganzen Gruppe die Synagoge verlassen.«
Der Rabbi nickte. »Das hatte ich erwartet. Ich weiß nicht, wie viele mitgehen würden, doch wenn es genug sind, um eine neue Synagoge zu gründen, kann ich mir vorstellen, dass andere nachfolgen.«
»Das meine ich auch«, stimmte ihm Maltzman zu. »Deswegen finde ich, wir müssten jetzt mal energisch werden. Wenn also der Rabbi der Gemeinde für die Gleichberechtigung stimmen, wenn er darüber predigen würde …«
»Mit mir dürfen Sie nicht rechnen, Mr Maltzman«, unterbrach ihn der Rabbi schnell.
»Wollen Sie sagen, Sie sind dagegen? Aber warum?« Maltzman war aufrichtig erstaunt.
Der Rabbi lächelte. »Nennen Sie es Festhalten an der Tradition, wenn Sie wollen. Wenn wir eine so drastische Veränderung vornehmen, zieht das andere Auswirkungen nach sich, unvorhergesehene Auswirkungen, und einige davon nicht wünschenswert. Es ist ein elementares soziologisches Gesetz, dass es unmöglich ist, nur eine Sache zu verändern.«
»Dann sind Sie überhaupt gegen jede Veränderung?«
»Nein, nicht gegen jede. Aber gegen unnötige. Mir scheint, dass diese spezielle Veränderung auf dem Boden der Women’s-Lib-Bewegung gewachsen ist, und wie immer in den Anfangsstadien einer Bewegung kommt es zu allen möglichen übertriebenen Reaktionen. Ein Herrenclub muss Frauen aufnehmen, sonst ist er sexistisch. Es heißt nicht mehr, ›man hat‹, sondern ›mensch hat‹. Bei einem Vortrag, den ich mir anhörte, benutzte der Redner den Ausdruck ›jeder für sich‹. Eine Frau im Publikum stand auf und behauptete, er müsse sagen, ›jeder oder jede für sich‹. Lächerlich! Wir sind eine Jahrtausende alte Institution. Sollen wir uns ändern, nur weil sich die Mode plötzlich geändert hat? Sollen wir den traditionellen Kol-Nidre-Gesang ändern, weil in der Musik gerade Rock ’n’ Roll Mode ist?«
»Aber es hat Veränderungen gegeben, Rabbi.«
»Gewiss, sobald es praktisch und notwendig war. Hillels prosbul änderte die Gesetze des Sabbatjahrs, als es erforderlich wurde, den Handel weiterzuführen, der sich damals entwickelt hatte. Rabbi Gershom änderte die Ehe- und Scheidungsgesetze. Ganz zu schweigen von den vielen Gesetzen, die wir änderten, als sie durch die Zerstörung des Tempels in Jerusalem hinfällig wurden. Unsere eigene konservative Bewegung wurde gegründet und ausgebaut, um der amerikanischen Herausforderung zu begegnen. Wann immer es nötig war, wurden Änderungen vorgenommen. Aber auch nur, wenn sie nötig waren.«
Der Rabbi hielt inne; als Maltzman jedoch nichts erwiderte, fuhr er mit erhobener Stimme fort: »Sie wollen Teil des minjen sein dürfen? Warum? Der minjen ist eine Voraussetzung für das allgemeine Gebet. Er erfordert ein Minimum von zehn erwachsenen Männern. Wenn andere daran teilnehmen wollen, Männer oder Frauen, sind sie herzlich willkommen. Aber wir bringen jeden Morgen gerade eben zehn Männer zusammen, und das auch nur dank Kaplan und seiner orthodoxen Gruppe. Ganz gleich, was ich oder der Vorstand beschließen, wenn die keine zehn erwachsenen Männer sehen, erkennen sie den minjen nicht an und nehmen nicht am Gottesdienst teil. Und was die Ehre betrifft, zum Vorbeten ausgewählt zu werden, nun, es ist eben ganz genau das: eine Ehre. Bei jedem Gottesdienst werden nur einige Männer aufgerufen. Bedeutet das etwa, dass die anderen Gemeindemitglieder diskriminiert werden? Es handelt sich doch wirklich mehr um eine gesellschaftliche als um eine religiöse Ehrung, und es gibt Leute, die in ihrem ganzen Leben nicht zum Vorbeten aufgerufen worden sind.«
»Und wenn die Gemeinde dafür stimmt?«, fragte ihn Maltzman.
»Ah, das ist etwas anderes. Wenn eine beträchtliche Mehrheit der Gemeinde danach verlangt, so ist das ein Zeichen dafür, dass in der Gemeinschaft eine tiefgreifende soziologische Veränderung stattgefunden hat und dass diese Entscheidung der Ausdruck dafür ist.«
Unsicher blickte Maltzman vom Rabbi zu dessen Frau. »Was meinen Sie denn dazu, Mrs Small?«
Miriam lachte. »Ehrlich gesagt, Mr Maltzman, es hat oft genug ganz scheußlich kalte, verschneite Wintertage gegeben, an denen David in aller Frühe aufstehen und zur Synagoge gehen musste, damit ein minjen gewährleistet war. Ich weiß noch genau, wie glücklich ich mich tiefer ins Bett gekuschelt und Gott dafür gedankt habe, dass ich keine solchen Verpflichtungen hatte.«
Maltzman grinste. »Kann ich mir vorstellen. Na schön, Rabbi, ich werde den anderen Ihren Standpunkt darlegen.« Sein Grinsen wurde breiter. »Und den Ihren, Mrs Small. Damit ist die Sache zwar noch nicht abgeschlossen …«
»Ich weiß«, fiel ihm der Rabbi ins Wort. »In meinem Terminkalender ist ein Treffen mit einer Abordnung der Schwesternschaft eingetragen.« Er wandte sich an Miriam. »Vielleicht möchte Mr Maltzman jetzt eine Tasse Tee. Ich jedenfalls hätte jetzt gern eine.«
Sofort verließ Miriam das Zimmer, und Maltzman sagte: »Wissen Sie, Rabbi, ich bin da anderer Meinung. Ich kann Ihnen in dieser Angelegenheit gar nicht zustimmen. Bei anderen Gemeinden, sogar bei konservativen Gemeinden, nehmen Frauen aktiv am Gottesdienst teil. Die haben auch Rabbis, also muss es doch irgendwelche Argumente dafür geben, rabbinische Argumente, meine ich.«
»Es kommt eben darauf an, auf was man das Hauptgewicht legt«, gab Rabbi Small liebenswürdig zu.
»Nun ja, für mich liegt das Hauptgewicht auf der Mitgliederzahl«, entgegnete Maltzman. »Ich sehe hier in der Stadt viele von unseren Leuten, die keine Mitglieder der Synagoge sind. Und dies könnte nun gerade der Trick sein, mit dem wir sie ködern.«
»Würden wir mehr Mitglieder dazubekommen als Orthodoxe verlieren?«, fragte der Rabbi.
»Eine gute Frage«, erwiderte Maltzman.
Miriam kam mit dem Tee. Als sie Maltzman seine Tasse reichte, fragte sie ihn: »Haben Sie schon gehört, was gestern auf der Magistratssitzung vorgefallen ist? Hat man es Ihnen berichtet?«
Er lauschte aufmerksam, als der Rabbi von Lanigans Besuch erzählte. »Verdammt, dieser Scheißkerl, dieser gemeine, antisemitische Scheißkerl – o Verzeihung, Mrs Small, aber …«
»Meinen Sie Megrim, das Magistratsmitglied?«, erkundigte sich Rabbi Small.
»Nein, nein, Megrim ist schon in Ordnung. Ich meinte diesen Ellsworth Jordon.«
»Warum sagen Sie, er sei Antisemit?«, fragte der Rabbi.
Maltzmans Miene war wütend. »Was für einen anderen Grund hätte er denn, gegen die Verkehrsampeln zu opponieren? Er ist dagegen, weil wir dafür sind. Ich will Ihnen was sagen über Jordon, Rabbi. Er besitzt Grundstücke in der ganzen Stadt, und ich bin Immobilienmakler, also habe ich einen gewissen Kontakt mit ihm. Aber kein einziges Mal habe ich einen Abschluss mit ihm machen können. Die Grundstücke laufen unter verschiedenen Firmennamen: Jordon Realty, Ellsworth Estates, E. J. Land Corporation …«
»E. J. Land Corporation?«, wiederholte Miriam.
Maltzman nickte. »Ganz recht, die Firma, der das Grundstück bei der Synagoge gehört, das wir für die neue Religionsschule erwerben wollten. Ich habe an die E. J. Land Corporation geschrieben und mich nach dem Preis des Grundstücks erkundigt. Aber eine Antwort habe ich nicht bekommen. Nach einer Weile habe ich deshalb meinen guten Freund Larry Gore von der Barnard’s Crossing Trust gefragt, weil man an die E. J. Land Corporation per Adresse dieser Bank schreiben muss. Ich habe ihn gefragt, was los ist. Und er sagt mir, das Grundstück ist nicht zu verkaufen. Wozu hat er es dann aber? Ist Jordon so wild drauf, Steuern zu bezahlen? Will ers vielleicht beackern?«
»Vielleicht will er bauen«, meinte der Rabbi gutmütig.
»Praktisch unmittelbar neben der Synagoge? Nein. Er ist zwar verrückt, aber nicht so verrückt. Außerdem hat er seit zwanzig Jahren nichts mehr gebaut. Damals hat er ein paar Häuser gebaut – er ist Architekt oder irgendein Ingenieur –, und die hat er genau zum richtigen Zeitpunkt verkauft. Dann hat er ’ne Menge Grundstücke gekauft, auf denen er ’ne Menge Häuser bauen wollte, riesige Apartmentgebäude. Aber dann wurde er krank und machte nicht weiter. Na, und ungefähr zu der Zeit hat der Grundstückswert angefangen zu steigen. Die Brücke und der Tunnel waren gebaut worden, man konnte innerhalb von dreißig, vierzig Minuten in Boston sein, und die Stadt wurde ein Wohnort fürs ganze Jahr statt lediglich ein Sommererholungsort für die Reichen. Die Grundstückspreise stiegen weiter, und er hatte ja endlos viele davon. Manche könnten jetzt für den zehnfachen Preis weiterverkauft werden. Er ist ein Spinner und ein Verrückter, aber …«
»Es klingt aber nicht, als ob er verrückt wäre«, bemerkte Miriam.
»O ja, in Geldangelegenheiten ist er clever. Aber verrückt ist er trotzdem.« Maltzman lachte. »Letztes Jahr, als wir für den United Appeal sammelten, zog ich seinen Namen. Er wohnt in dieser alten Arche von Haus, wo die Fenster vernagelt sind.«
»Auf einem Hügel?«, fragte Miriam.
»Ganz recht. Ein riesiges Grundstück mit einem Eisenzaun ringsherum.«
»Die Kinder behaupten, dass es dort spukt«, sagte Miriam. »Weißt du noch, David, wie wir da vorbeigefahren sind? Aber es ist doch alles mit Brettern vernagelt. Ich dachte, es wohnt niemand mehr dort.«
Maltzman nickte. »Das kommt von den Bäumen, aber wenn man die Einfahrt raufkommt, sieht man, dass nur die beiden oberen Stockwerke vernagelt sind. Ich fuhr also hin und klingelte. Von drinnen rief jemand: ›Herein, herein!‹ Ich stieß die Tür auf und kam in einen riesigen Raum, beleuchtet nur von einer Deckenlampe mit einer Fünfundzwanzig-Watt-Birne. Eine Stimme fragt: ›Was ist, junger Mann? Was wollen Sie? Raus damit, junger Mann! Was wollen Sie von mir?‹ Na ja, ich sah mich um, konnte aber niemanden entdecken, und einen Moment lang dachte ich, die Stimme wäre aus einem Lautsprecher gekommen, wie in diesen Spionagefilmen. Aber dann sah ich zwei Füße in der Luft, und das war er. Er stand in der Zimmerecke auf dem Kopf! Also, wenn das nicht verrückt ist – ich weiß wirklich nicht!«
»Lebt er allein?«, fragte der Rabbi.
»Hm-hm. Er hat wahrscheinlich eine Frau, die jeden Tag kommt und für ihn kocht und putzt.«
»Er hat keine Familie?«
Maltzman schüttelte den Kopf. »Soweit ich gehört habe, nein.«
»Da haben wirs«, sagte der Rabbi. »Er hat niemand, dem er Rechenschaft schuldig ist, also braucht er nicht zu fürchten, dass er jemanden in Verlegenheit bringt. Er kann sagen, was er will, er kann tragen, was er will, und kann auf dem Kopf stehen, wann er will. Armer Kerl! Er tut mir leid.«
»Aber wenn er ein Antisemit ist, David …«, meinte Miriam.
»Was soll das?«, höhnte Maltzman. »Wollen Sie ihm die andere Wange reichen?«
»Ganz und gar nicht«, erwiderte der Rabbi. »Wenn es sich um Antisemitismus handelt, ist es irrational, und manchmal, wenn niemand da ist, der ihm widerspricht oder dem er es erklären muss, setzt sich ein irrationaler Gedanke in einem Menschen fest, und dann ist es, als wäre er vom Teufel besessen. Ein Mensch sollte nie ganz allein leben. Jawohl, ich würde sagen, er verdient Mitleid.«
»Sie meinen, wenn er Frau oder Kinder hätte, müsste er sich anständig benehmen? Mag sein. Aber ich habe immer die Erfahrung gemacht, ein Antisemit ist ein Antisemit. Der einzige Unterschied ist, dass der mit Frau und Kindern seine Familie auch noch damit ansteckt. Aber jetzt geht es um die Verkehrsampeln.«
»Vielleicht könnte ich diesen Jordon mal aufsuchen«, schlug der Rabbi vor.
»Nein! Jordon, den übernehme ich, und das ist ein Befehl!« Bei diesem Kommandoton errötete der Rabbi, und Miriam schlug vor mitfühlender Verlegenheit die Augen nieder. Maltzman, der das bemerkte, versuchte sofort einzulenken. »Ich meine nur, um mit einem Mann wie Jordon fertigzuwerden, muss man ein Mann sein wie ich. Das heißt, da es sich um eine politische Angelegenheit handelt, braucht man politische Erfahrung dazu. Außerdem bin ich Vorsitzender der Synagoge, und darum ist das mein Baby.«
Als Maltzman fort war, sagte Miriam: »Ich glaube, David, der mag dich nicht.«
»Meinst du? Meinst du wirklich, er kann mich nicht leiden?«
Sie nickte.
»Aber er war doch ganz freundlich.« Er errötete wieder und lächelte. »Das heißt, bis zum Schluss, als er mir diesen Befehl geben wollte. Aber das war wohl nur so eine Redensart von ihm. Ich glaube kaum, dass er es ernst gemeint hat.«
»O ja, respektvoll war er – so, wie alle Army-Offiziere respektvoll waren, wenn sie mit den Feldkaplanen sprachen. Er hält sich für einen richtig männlichen Mann. Du bist Gelehrter, davon versteht er nichts, und deshalb ist er dir gegenüber misstrauisch – und feindselig.«
»Nun ja, das ist nichts Ungewöhnliches – diese Feindseligkeit, meine ich«, entgegnete er philosophisch. »Die bin ich von den früheren Vorsitzenden gewöhnt und auch von anderen Gemeindemitgliedern. Ärzten, Anwälten, erfolgreichen Geschäftsleuten. Wahrscheinlich fragen die sich, warum ein Mann überhaupt Rabbi wird. ›Ist das ein Job für einen jüdischen Jungen?‹« Er lachte. »Und vielleicht haben sie recht damit.«
»Er könnte dir Schwierigkeiten machen«, stellte sie fest.
»Natürlich kann er das. Das haben andere Vorsitzende auch schon getan. Vom ersten Jahr an. Aber das ist jetzt zwölf Jahre her, und ich bin immer noch hier.«
»Aber diesmal ist es anders, David.«
»Warum anders?«
»Weil es jetzt neue Regeln gibt. Der Vorstand besteht nur noch aus fünfzehn Mitgliedern. Das ist wie ein Verwaltungsrat. Acht Stimmen genügen, um dich auszuschalten, und das geht einfach so.« Sie schnippte mit den Fingern. »Weil du nur einen Einjahresvertrag hast.«
»Aber so habe ich es selbst gewollt«, antwortete er stur. »Ich möchte auf keinen Fall länger bleiben, als ich erwünscht bin.«
»Ich weiß, und ich verstehe dich, aber das macht das Vorausplanen ziemlich schwer.«
Tief in seinen Lehnsessel hineingerutscht, das eine lange Bein in den weißen Jeans über das andere geschlagen, einen abgelatschten Turnschuh lässig auf dem großen Zeh seines knochigen Fußes balancierend, las Ellsworth Jordon voller Genugtuung noch einmal den Bericht der Lokalzeitung über die Magistratssitzung.
»Aber werde ich es durchsetzen können?«, fragte er in das leere Zimmer hinein. »Oder werden sie bei der nächsten Sitzung darüber abstimmen? Vielleicht kriege ich Al Megrim dazu, dass er die Stellung hält. Wenn ich ihn das nächste Mal im Club erwische, werde ich mit ihm sprechen. Aber das ist schließlich nur eine Stimme.« Er warf die Zeitung zu Boden und stützte die Fingerkuppen der beiden Hände gegeneinander. »Überlegen wir mal: Da ist Sturgis, der stimmt gegen nahezu alles, was die Stadt Geld kostet. Genauso, wie Blair und Mitchener dafür stimmen werden«, setzte er verärgert hinzu. Er stand auf und begann, auf und ab zu gehen. »Bleibt also Cunningham. Der könnte den Ausschlag geben.« Er nahm vor einem Wandspiegel Aufstellung. »Der ist das Zünglein an der Waage. Das ist dir doch klar, oder? Na also.« Zufrieden darüber, dass er sein Spiegelbild überzeugt hatte, nahm er seine Wanderung wieder auf. »Was wissen wir über Cunningham? Er hat sich zur Ruhe gesetzt, aber gelegentlich bekommt er noch mal einen Auftrag als Agent für die Steerite Boat Company von Long Island. Und der Präsident dieser Firma war im letzten Sommer hier und ganz wild darauf, mein Grundstück auf dem Point zu kaufen.« Wieder blieb er vor dem Spiegel stehen und musterte sein Abbild durchdringend. »Wie wärs, wenn ich nach New York fahren, ganz zufällig bei ihm vorbeischauen und beiläufig erwähnen würde, ich wäre vielleicht bereit, ihm das Grundstück zu verkaufen, wenn ich mich nicht so sehr über seinen Mr Cunningham ärgerte, der für ein paar überflüssige Verkehrsampeln stimmen will. Was meinst du, wie der darauf reagieren würde?«
Das runzlige Gesicht mit dem dürren Hals im Spiegel lächelte ihm zu. Dann, als er daran dachte, was so eine Reise alles mit sich brachte, verengten sich die blassblauen Augen. Er würde einen Anzug anziehen müssen – mit Krawatte! Und Schuhe. Er würde einen Koffer packen und zum Flughafen hinausfahren müssen, es sei denn, Billy konnte sich den Vormittag in der Bank freinehmen. Aber dann musste er dafür sorgen, dass er bei seiner Rückkehr wieder abgeholt wurde. Und was sollte er in New York anfangen, nachdem er bei diesem Mann gewesen war – wie hieß er noch gleich? Leicester? Ja, was würde er anfangen, nachdem er Mr Leicester seinen Besuch abgestattet hatte?
Das Übliche kam nicht infrage, denn Hester war gerade in Europa. Er würde also im Hotelzimmer sitzen und fernsehen müssen. Verdammt, fernsehen konnte er auch zu Hause. Außerdem war Leicester vielleicht gar nicht zu Hause. »Es lohnt sich nicht«, verkündete er laut, setzte sich wieder in den Lehnsessel und langte nach der Zeitung. »Vielleicht rede ich einfach mit Cunningham«, sagte er.
Seit einigen Jahren flog Ellsworth Jordon nicht mehr allzu häufig nach New York, doch wenn er es tat, versuchte er es so einzurichten, dass er einige Zeit mit Hester Grimes verbringen konnte, die er in den Fünfzigerjahren kennengelernt hatte, als sie zweiundzwanzig war und an der Actors’ School studierte. Damals arbeitete er bei dem bekannten Architektenbüro Sloan, Cavendish and Sullivan und war, obwohl nahezu vierzig, noch immer nicht in leitender Stellung. In jenen Tagen hieß sie noch Esther Green, war schlank, mit pechschwarzem Haar und großen, dunklen Augen, intensiv, ernsthaft und entschlossen, eines Tages die großen dramatischen Frauenrollen zu spielen – die Nora, die Lady Macbeth, die Jungfrau von Orleans.
Er selbst war hochgewachsen, blond und gut aussehend, obwohl sein Haar bereits schütter wurde und er das für Männer mittleren Alters typische Gewicht angesetzt hatte. Er behandelte sie mit einer ausgesuchten Ritterlichkeit, die sie umso attraktiver fand, als sie in den Bohemekreisen, in denen sie verkehrte, so etwas ganz und gar nicht gewöhnt war.
Trotz des großen Altersunterschiedes waren sie sehr verliebt gewesen. Die sechs Monate, die ihre Affäre dauerte, waren hektisch gewesen, mit häufigen, heftigen Auseinandersetzungen, gefolgt von tränenreichen Versöhnungen. Dann kam seine große Chance. Man wollte ihn nach Berlin schicken, an ein großes Bauprojekt, das mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde. Er wollte, dass sie ihn begleitete.
Sie erhob Einwände. Sie müsse an ihre eigene Karriere denken. Und außerdem war ihr die Vorstellung, in Deutschland zu leben, einfach widerwärtig, obwohl sie nicht religiös und mit der jüdischen Gemeinde lediglich durch den Zufall ihrer Geburt verbunden war. Die Diskussion steigerte sich rasch zum Wortwechsel und dann, wie so oft, zum ausgewachsenen Krach. Verärgert über ihre Weigerung, ließ er sich hinreißen, ihre Ambitionen lächerlich zu machen und dann sogar die Schauspielerei selbst als ernsthafte Kunst in Zweifel zu ziehen. »Ich gebe zwar zu, dass sie eine legitime Art des Brotverdienens sein mag«, erklärte er von oben herab, »im Grunde aber ist es doch nur ein kindisches Bedürfnis, sich selbst zur Schau zu stellen.« Und was ihre Weigerung angehe, in Deutschland zu leben, so sei er der Ansicht, es beweise, dass sie noch immer an der Paranoia ihrer Rasse leide und dass sie noch immer mit einer ethnischen Engstirnigkeit behaftet sei.
Es endete, wie so viele ihrer Auseinandersetzungen, damit, dass beide einsahen, sie passten nicht zueinander, und dass er, ebenfalls wie immer, davonging – angeblich, um nie wiederzukommen. Kurz nachdem er ins Ausland gegangen war, entdeckte sie, dass sie schwanger war.
Wäre er noch in New York gewesen, hätte sie es ganz zweifellos so eingerichtet, dass er davon erfuhr, auch wenn sie selbst ihn nicht angerufen hätte. Und dann wäre er natürlich gekommen, und dann hätte es natürlich eine Versöhnung gegeben, und dann … Aber er war nicht in New York; er war dreitausend Meilen entfernt. Hätte sie eine Familie gehabt oder wären ihre Freunde und Bekannten Angehörige der Mittelklasse gewesen, in der sie aufgewachsen war, hätte sie vermutlich eine Abtreibung machen lassen, obwohl das bedeutete, zu einem Quacksalber in einem anrüchigen Viertel zu gehen. Oder sie wäre einfach verreist, hätte ihr Kind heimlich zur Welt gebracht und es zur Adoption freigegeben. Doch ihre Bekannten waren alle Bohemiens und hatten große Ideale, vor allem, wenn es darum ging, dass andere nach ihnen lebten. Als sie andeutete, sie habe erwogen, das Kind auszutragen und selbst großzuziehen, waren sie sofort begeistert von der Idee und beglückwünschten sie zu ihrem Entschluss. Zwar änderte sie ihren Namen in Hester Grimes, aber das geschah aus rein beruflichen Gründen.
Es vergingen beinahe zwei Jahre, bis Ellsworth Jordon sie wiedersah, und dann auch nur auf dem Fernsehschirm. Er war gerade aus Berlin zurückgekehrt und sah sich in seinem New Yorker Hotelzimmer spätabends die Damon Parker Talk Show an, als sie in einem tief ausgeschnittenen, hautengen Abendkleid auftrat und mit tiefer, kehliger Stimme einen Blues zu singen begann. Anschließend bot sie dem Gastgeber die Wange zum Kuss und nahm bei den anderen Gästen auf dem Podium Platz, um den Rest der Stunde mit belanglosem Geplauder zu verbringen. Aus Damon Parkers Fragen nach den Fortschritten ihrer Karriere ließ sich ersehen, dass sie zwar kein regelmäßiger Gast seiner Sendung, aber doch mehrmals schon bei ihm aufgetreten war. Später erzählte sie noch eine lustige Geschichte von der Party, die sie am ersten Geburtstag ihres Sohnes gegeben hatte. Sie so auf dem Fernsehschirm zu beobachten, hatte Jordon zwar in Erregung versetzt, aber er sagte sich energisch, er müsse die Vergangenheit hinter sich lassen und dürfe keinen Versuch machen, sie zu sehen. Die Story von der Geburtstagsparty jedoch stimmte ihn um. Nach Adam Riese musste der Junge sein Kind sein!
Obwohl sie sich einverstanden erklärte, sich mit ihm zu treffen, tat sie das nicht, weil sie ihn sehen, sondern weil sie sich selbst testen wollte. Und als er in ihrer Wohnung erschien, stellte sie unbeteiligt fest, dass er körperlich weit weniger attraktiv war, als sie ihn in Erinnerung hatte. Die Haut an seiner Kehle schlug Falten, und er wirkte alt.
»Du hast abgenommen, nicht wahr?«, bemerkte sie.
»Ganz recht. Ich war krank; eine leichte Herzattacke. Der Arzt wollte, dass ich abnehme und Anstrengungen vermeide.«
»Das tut mir leid.« Sie war nicht eigentlich besorgt um ihn, sondern nur höflich.
»Der Junge, das ist doch meiner, nicht wahr?«, fragte er eifrig.
»Nein, Ellsworth. Er ist meiner.«
»Du weißt schon, wie ich das meine.«
»Ja, natürlich.«
»Warum hast du mir das nicht mitgeteilt? Warum hast du dich nicht mit mir in Verbindung gesetzt? Du hättest dir hier im Büro meine Adresse geben lassen können.«
»Wozu, Ell?« Sie lachte. »Damit du heimkommen, mich heiraten und dem Kind einen Namen geben konntest? Oder hättest du verlangt, dass ich zu dir nach Deutschland ziehe, das Kind da zur Welt bringe oder es dort abtreiben lasse?«
»Verdammt noch mal, Esther.«
»Es ist nicht so leicht, ein Kind zu bekommen, Ell – vor allem, wenn man ganz allein ist. Aber wenn mans durchgestanden hat, ist es nicht mehr so schlimm. Nach allem, was ich von einigen meiner Freundinnen höre, spricht eine ganze Menge dafür, ein Kind ohne die Einmischung eines Vaters großzuziehen.«
Er glaubte, sie wolle ihm wehtun, und meinte, er müsse es ihr heimzahlen. »Das ist doch nur die Jüdin in dir«, sagte er giftig. »Ihr leidet freudig, weil es euch Spaß macht, wenn wir uns schuldig fühlen.«
Falls seine Worte trafen, so zeigte sie es nicht. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, du irrst dich. Leiden müssen ist nicht schön. Jedenfalls für mich nicht. Aber es dauert ja nicht ewig.« Sie lächelte. »Und wie es sich so ergab: dass ich Billy ganz allein bekommen habe, hat mir zu meiner Karriere verholfen.«
»Das vermittelte dir vermutlich eine ganz neue Gefühlstiefe«, höhnte er.
Sie lachte. »Nein, aber seinetwegen bekam ich meine erste Chance. Ich hatte einen Job in einem kleinen Nightclub. Die Gage war nicht hoch, aber ich war auch nicht besonders gut. Ich sang ein bisschen, erzählte ein paar Witze und gab ein paar Parodien zum Besten. Eines Abends dann kam Damon Parker mit einer ganzen Gesellschaft. Nach meinem Auftritt forderte er mich auf, mich zu ihnen zu setzen, aber ich antwortete, ich müsse heim, um Billy zu füttern. Er ist ein sehr gefühlvoller Mensch und war gerührt, als ich ihm erzählte, dass ich das Kind ganz allein großziehe. Er sah in mir ein Musterbeispiel – die Neue Frau. Und lud mich zu einem Auftritt in seiner Sendung ein. Na ja, und damit hatte ich meinen Start.«
»Dann waren ich und das Kind nur Stufen für deinen Aufstieg.«
»So ungefähr.«
»Na schön, aber was ist jetzt? Und in der Zukunft?«
»Was soll da sein?«
»Ich habe schließlich auch Anteil an dem Kind. Billy ist genauso mein Sohn wie deiner.«
»Nein, Ell, du hast überhaupt keinen Anteil an ihm. Was willst du denn? Zu seinem Unterhalt beitragen? Das brauche ich nicht.«
»Ich möchte mithelfen, bei seiner Erziehung, seiner Ausbildung. Ein Junge braucht einen Mann, zu dem er aufsehen kann, ein Vorbild. Darin sind die Psychologen sich einig.«
»Wahrscheinlich nur die männlichen Psychologen«, entgegnete sie.
»Selbst wenn wir nicht heiraten, könntest du mit ihm nach Barnard’s Crossing kommen und mich besuchen. Und wenn er älter wird, kann er mich in den Sommerferien besuchen.«
»Nein, Ell. Ich will nicht, dass er erfährt, dass du sein Vater bist.«
»Aber früher oder später wirst du es ihm sagen müssen. Er wird Fragen stellen.«
»Selbstverständlich, aber ich habe mich darauf vorbereitet. Ich habe mir einen wunderbaren Vater für ihn ausgedacht, einen Idealisten, einen Soldaten, der in den Krieg gezogen ist.«
»In welchen Krieg?«
»Tja, das war natürlich schwierig, weil es in letzter Zeit keine Kriege mehr gegeben hat. Wenigstens keine, in die wir verwickelt waren. Sicher, es gibt immer irgendwelche Militäraktionen, an denen Söldner teilnehmen. Aber das wollte ich nicht. Und dann dachte ich an das Suez-Unternehmen der Engländer, Franzosen und Israelis. Das war zwar vorüber, bevor Billy geboren – sogar gezeugt – wurde, aber im Nahen Osten gibt es doch ständig inoffizielle Kämpfe. Also erfand ich einen jungen Israeli, der zum Studium nach New York gekommen war. Wir lernten uns kennen und verliebten uns ineinander. Dann musste er nach Israel zurück. Ich sollte nachkommen, und wir wollten dort unten heiraten.«
»Aber er fiel bei einer Kampfhandlung?«
»Genau. Deswegen blieb ich hier und brachte mein Kind hier zur Welt.«
