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Rabbi David Small ist nach Israel gereist, um Urlaub zu machen. Doch der Sabbat in Jerusalem verläuft ganz anders, als er sich das vorgestellt hat: Bei einer Bombenexplosion sterben zwei Männer. Der israelische Geheimdienst verdächtigt den Rabbi, seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Er hat alle Hände voll zu tun, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Und dann taucht auch noch ein junger Mann auf, dessen Unschuld er ebenfalls beweisen muss. Der vierte Fall für den legendären Rabbi David Small.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2015
Rabbi David Small macht Urlaub in Israel. Doch der Sabbat in Jerusalem verläuft ganz anders, als er sich das vorgestellt hat: Bei einer Bombenexplosion sterben zwei Männer. Und der israelische Geheimdienst verdächtigt den Rabbi, seine Finger im Spiel gehabt zu haben.
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Harry Kemelman (1908-1996) wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award.
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Liselotte Julius ist Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen.
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Harry Kemelman
Am Montag flog der Rabbi ab
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Liselotte Julius
Durch die Woche mit Rabbi Small (Der vierte Fall)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1972 unter dem Titel Monday the Rabbi Took Off im Verlag G. P. Putnam’s Sons, New York.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1974 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
Originaltitel: Monday the Rabbi Took off (1972)
© Harry Kemelman 1972
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: vittavat-a
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30911-1
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
AM MONTAG FLOG DER RABBI AB
1 – Vom Sofa im Wohnzimmer, wo sie in die …2 – Bert Raymond klopfte auf den Tisch, um sich …3 – Miriam öffnete die Tür und führte Marty Drexler …4 – »Er hat gebeten, ihn drei Monate zu beurlauben …5 – Der junge Absolvent des Seminars kam eigentlich von …6 – Plötzlich waren die Smalls überaus gefragt. Leute …7 – Während sie seinen Mantel im Wandschrank in der …8 – Von ihrem Büro im fünften Stock des Krankenhauses …9 – Sie sind herzlich eingeladen, Rabbi und Mrs Hugo …10 – Während Roy Stedman sich das Gesicht mit einem …11 – Jonathan fand es offensichtlich herrlich; er sauste in …12 – Vater und Sohn schüttelten sich die Hände …13 – Bis sie den Wagen entladen und ihre Koffer …14 – Vom Tag seiner Ankunft in Barnard’s Crossing an …15 – Die Nachwirkungen der Reise waren noch nicht vorüber …16 – Der Assistent, dunkelhäutig, schüchtern, schlich sich ins Büro …17 – Am Sonntag wollten die Smalls die Stadt besichtigen …18 – Ish-Kosher studierte die vor ihm liegende Liste. »Haben …19 – Das Rezept mit den kurzen, schwungvollen Gottesdiensten am …20 – Familie Small hatte jetzt ihren geordneten Tagesablauf …21 – Jeden Sonntagnachmittag, wenn das Wetter und die Straßenverhältnisse …22 – Die Stimme war so laut, dass der Rabbi …23 – Sie trafen sich wie üblich in der Hotelhalle …24 – »In dem Buch will ich die öffentliche Meinung …25 – Für Miriam begann der Tag wie gewöhnlich …26 – Das Jerusalem Café in der Altstadt ist nicht …27 – Der Rabbi traf sich mit ihm im King …28 – Dr. Ben Ami, ein Bär von einem Mann …29 – Die Detonation war nicht laut. Bis auf das …30 – »He, wieso bist du denn so braun gebrannt …31 – Die Polizei, vertreten durch Chaim Ish-Kosher, und Shin …32 – Ish-Kosher blätterte den Pass durch und betätigte dann …33 – Trotz seiner Jarmulke war Inspector Ish-Kosher nicht fromm …34 – Dem Rabbi war keineswegs entgangen, dass die Polizei …35 – »Die Sache ist in keiner Weise offiziell, Rabbi« …36 – In seinen Gesprächen mit Roy kleidete Abdul seine …37 – In dem Verzeichnis, das über die verschiedenen Ressorts …38 – Adoumi schickte niemals nach Ish-Kosher; stattdessen rief er …39 – Als Rabbi Deutch, noch in Pyjama und Bademantel …40 – Die Konferenz zwischen Ish-Kosher und Adoumi hatte in …41 – Am Montag kam Gittel nach Jerusalem. »Hier findet …42 – Der stellvertretende Dekan der ausländischen Studenten legte die …43 – Jedes Mal, wenn Abdul in einen anderen Gang …44 – »Ich hätte Sie überall sofort erkannt«, sagte Dan …45 – »Dein Pyjama sitzt besser als der Anzug« …46 – Die Monatszeitschrift Haolam brachte zwar Artikel über Naturwissenschaft …47 – Gittel erschien frühzeitig am Freitag, um Miriam bei …48 – Es war kein Zufall, dass Marty Drexler und …49 – Uri war zu seiner Freundin gegangen; Jonathan hatte …50 – »Sie haben einen Flug für Montag bekommen« …51 – »Als ich dein Telegramm bekam, war ich fest …52 – Sie waren übereingekommen, dass Raymond das Reden übernehmen …53 – »Meine Frau sagt mir, dass Sie beide morgen …WorterklärungenMehr über dieses Buch
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Für meine Familie und Freunde in Israel
Vom Sofa im Wohnzimmer, wo sie in die Sonntagszeitung vertieft saß, hörte Miriam, wie die Tür zwischen Windfang und Küche geöffnet und geschlossen wurde. »David?«, rief sie und sagte, als ihr Mann hereinkam: »Mr Raymond hat angerufen, gleich nachdem du weggegangen bist. Hörte sich an, als ob es wichtig wäre.«
Rabbi David Small nickte und rieb sich die kalten Hände. Er durchquerte das Zimmer und stellte sich vor den Heizkörper. »Ich hab ihn in der Synagoge gesehen.«
»Hast du keinen Mantel angehabt?«, fragte sie.
»Für die paar Schritte vom Wagen bis zur Tür?«
»Du bist den ganzen Winter über erkältet gewesen, vergiss das nicht.«
»Nur eine Erkältung …«
Rabbi Small war zwar bei guter Gesundheit, aber blass und mager. Die leicht vorgebeugte Haltung eines kurzsichtigen Gelehrten ließ ihn älter erscheinen als seine fünfunddreißig Jahre. Seine Mutter redete ständig auf Miriam ein, sie solle ihn anhalten, ordentlich zu essen.
»Aber sie ist dir dafür den ganzen Winter geblieben … Was wollte er denn? Mit dir über den Vertrag sprechen?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, er wollte mir mitteilen, dass der Vorstand beschlossen hat, diesmal zu Pessach keinen Gemeinde-Seder abzuhalten.«
Sie sah, dass er erregt war. »Bis dahin sind es doch noch vier Monate.«
»Viereinhalb Monate«, berichtigte er. »Aber es dreht sich gar nicht um eine rechtzeitige Benachrichtigung. Er hat es mir gesagt, damit ich als Vorsteher der Religionsschule den Leiter informieren kann, dass er gar nicht erst anfängt, die Kinder auf ihre Aufgaben bei der Feier vorzubereiten. In der Armee heißt das dann ›der Dienstweg‹.«
Der bittere Unterton entging ihr nicht. »Hat er gesagt, warum sie das beschlossen haben?«
»Erst als ich danach fragte. Die Sache wäre uns in den letzten Jahren zu teuer gekommen«, erklärte er.
Sie sah zu ihm auf. »Ärgert dich das?«
»Es ärgert mich, dass man nicht mal meine Meinung dazu eingeholt hat. Dass mich der neue Vorstand nicht mehr zu den Vorstandssitzungen einlädt – darüber bin ich hinweg, obwohl es sechs Jahre lang anders gehandhabt wurde. Aber die Frage wegen Pessach liegt so ausschließlich im Zuständigkeitsbereich des Rabbi, dass man eigentlich annehmen sollte, sie würden meine Meinung dazu gern kennenlernen. Wenn ich in solchen Dingen nicht entscheiden soll – wo soll ich dann eigentlich entscheiden? Bin ich hier bloß noch für das reine Zeremoniell zuständig? Glauben die vielleicht …«
»Bist du wirklich sicher, dass das Absicht war, David?«, fragte sie besorgt. Er war in letzter Zeit so reizbar. Sie versuchte, ihn zu besänftigen. »Sie sind doch noch neu; vielleicht ist ihnen einfach nicht klar …«
»Neu! Sie sind jetzt drei Monate im Amt. Und wenn sie irgendwelche Zweifel haben, gibt es genug Leute, bei denen sie sich erkundigen können. Nein, es ist ihre ganze Einstellung. Sie haben alles unter sich, und ich bin bloß ein Angestellter. Denk nur an die Sache mit meinem Vertrag.«
»Hat er den erwähnt?«, fragte sie rasch.
»Nein.«
»Und du auch nicht?«
»Ich habe darauf hingewiesen, bevor er ablief«, sagte er steif, »und das sollte genügen. Erwartest du von mir, dass ich ihnen dauernd damit in den Ohren liege? Soll ich ihn ihnen abschwatzen?«
»Aber du arbeitest ohne Vertrag.«
»Na und? Was heißt das?«
»Das heißt, dass sie dich jederzeit rauswerfen können. Sie können dich binnen einem Monat kündigen mit der Begründung, dass deine Dienste nicht länger benötigt werden.«
»Das könnten sie vermutlich. Und das Gleiche gilt umgekehrt. Ich könnte ihnen genauso kündigen.« Er lächelte spitzbübisch. »Der Gedanke ist verlockend.«
»Ach, das tätest du doch nie.«
Er begann, auf und ab zu wandern. »Warum nicht? Wenn ichs recht bedenke, wäre das eine gute Idee. Was würde ich verlieren? Die paar Monate bis zum Jahresende? Wenn sie mir bis jetzt keinen Vertrag gegeben haben, kann das nur bedeuten, dass sie nicht beabsichtigen, mich im nächsten Jahr weiterzubeschäftigen. Aus welchem anderen Grund haben sie nicht mit mir darüber gesprochen? Warum sonst haben sie mich nicht gebeten, an den Vorstandssitzungen teilzunehmen? Und das heute – mir einfach zu sagen, sie würden keinen Gemeinde-Seder abhalten. Ja, ich bin überzeugt davon, dass sie genau das vorhaben. Ich soll für den Rest des Jahres sämtliche Aufgaben erledigen – Trauungen, kleine Reden zu Bar-Mizwa, die Predigt am Freitagabend –, und dann teilen sie mir mit, dass sie für das nächste Jahr einen Wechsel planen. Also warum sie dann nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen?«
»Ach, das täten sie nie«, widersprach Miriam. »Damit kämen sie nicht durch. Mr Wasserman und alle deine Freunde würden dagegen ankämpfen.«
»Na, ich bin gar nicht so sicher, ob ich einen Kampf möchte. Wieso habe ich es nötig zu kämpfen? Und wie lange? Bis sie mich akzeptieren? Ich bin jetzt sechs Jahre hier. Das ist mein siebentes, und es hat fast in jedem Jahr eine Krise um meine Stellung gegeben. Entweder haben sie versucht, mich zu feuern, oder mich in eine Position manövriert, in der mir keine andere Wahl blieb, als meinerseits zu kündigen. Ich habe das satt. Wenn ein Job so geartet ist, dass ein Mensch seine ganze Zeit und Kraft darauf verwenden muss, ihn zu behalten, stimmt doch was nicht daran.«
»Der letzte Vorstand wollte dir doch einen Vertrag auf Lebenszeit und außerdem ein Sabbatjahr geben.«
»Solche Gerüchte habe ich auch gehört. Vermutlich hätte ich angenommen, wenn sie dazu bereit gewesen wären«, sagte er niedergeschlagen. »Und trotzdem – wozu ist ein Vertrag auf Lebenszeit gut? Er bindet mich, aber nicht sie. Wenn sie mich loswerden wollen, brauchen sie nur einen Vorschlag zu machen, der für mich unannehmbar ist, und schon würde ich kündigen. Denk doch mal an damals, als ich eine rabbinische Entscheidung über das Begräbnis für den armen Isaac Hirsh getroffen habe und der damalige Gemeindevorsteher Mort Schwarz einfach darüber hinwegging und die Leiche exhumieren ließ. Das war im ersten Jahr meines Fünfjahresvertrages, wenn du dich erinnerst. Und mir blieb keine Wahl, als meinen Rücktritt einzureichen.«
»Aber sie haben ihn nicht angenommen«, wandte Miriam ein.
»Ach, das hätten sie ohne Weiteres getan, wenn es nicht um die Goralskys gegangen wäre, denen sie gefällig sein wollten. Und hat nicht Ben Gorfinkle mir erst voriges Jahr klipp und klar gesagt, er würde mich für die letzten paar Monate meines Vertrages auszahlen und mich mitten im Jahr auf die Straße setzen?«
»Das stimmt. Aber da dachten er und seine Freunde im Vorstand, du hetzt ihre Kinder gegen sie auf. Es war eine reine Machtfrage. Ich bin sicher, sie hätten das nicht bis zu Ende durchgespielt. Deine Freunde im Vorstand, Wasserman, Becker und die anderen, wären bestimmt dagegen eingeschritten.«
»Irrtum, Wasserman und Becker konnten nichts dergleichen tun«, entgegnete er. »Sie konnten mir höchstens einen Posten in einer anderen Gemeinde anbieten, die sie gründen wollten. Erst als dieselben Kinder in einen Mordfall verwickelt wurden, hat mir das die Stellung gerettet. Und vergiss eins nicht – gerade Becker war derjenige, der in meinem allerersten Jahr hier an der Spitze meiner Gegner stand. Er wollte mich unbedingt fallen lassen, als es nicht nur um meinen Posten, sondern um meinen Kopf ging.«
»Ach, David, das sind doch uralte Geschichten«, sagte Miriam vorwurfsvoll. »Seitdem hat dir Becker ebenso die Stange gehalten wie Wasserman. Willst du ihm etwa heute noch vorwerfen, dass er im ersten Jahr gegen dich war?«
»Ich mache es keinem zum Vorwurf, wenn er gegen mich war«, antwortete er. »Weder Becker noch Schwarz noch Gorfinkle. Sie haben alle nur das getan, was sie für richtig hielten. Vielleicht ist der Einzige, dem ich etwas übel nehmen sollte, Jacob Wasserman.«
Miriam sah ihn ungläubig an. »Wasserman! Wieso denn, er war doch von Anfang an dein Freund. Er ist derjenige, der dich hergebracht und sich gegen alle Widerstände dafür eingesetzt hat, dass du hier bleibst.«
Der Rabbi nickte. »Genau das meine ich. Er war zu gut zu mir. Hätte er sich im ersten Jahr der Mehrheitsmeinung angeschlossen, wäre ich vielleicht von hier weggegangen und in einer anderen Gemeinde angestellt worden. Vielleicht habe ich hier um meinen Posten kämpfen müssen, weil ich nicht richtig dazugehöre. Und wenn ich das nach sechs Jahren immer noch tun muss, ist es vielleicht der falsche Job. Vielleicht würde eine andere Gemeinde …«
»In diesen Stadtrandgebieten ist eine wie die andere«, meinte Miriam.
»Dann liegt es vermutlich an mir. Vielleicht bin ich nicht flexibel genug. Vielleicht gehöre ich überhaupt nicht ins Rabbinat, zumindest nicht in die Leitung einer Gemeinde. Vielleicht tauge ich besser für ein Lehramt, vielleicht für wissenschaftliche oder organisatorische Arbeit.« Er setzte sich aufs Sofa und sah sie an. »Erinnerst du dich an das letzte Pessach? Damals waren wir überzeugt davon, hier sei alles aus und vorbei. Und wir beschlossen, anstatt gleich auf Stellungssuche zu gehen, zunächst nach Israel zu fahren. Weißt du noch?«
»Na und?«
Der Anflug eines Lächelns überzog sein Gesicht. »Na, und warum tun wir es nicht? Wenn sie mich binnen eines Monats feuern können, wieso kann ich dann nicht genauso binnen vier Wochen kündigen?«
»Du meinst, du willst deine Stellung aufgeben?« Sie war sichtlich erschrocken.
»Nicht unbedingt aufgeben. Ich könnte ja um einen Urlaub bitten.«
»Und wenn sie ihn dir nicht bewilligen?«
»Dann würde ich ihn trotzdem nehmen. Ich bin müde und habe diese Stadt gründlich satt. Ist dir eigentlich klar, dass wir seit sechs Jahren hier sind und ich in der ganzen Zeit keine Ferien gehabt habe? Im Sommer ist viel weniger los. Die Religionsschule ist geschlossen, es gibt keine Feiertage und keinen Gottesdienst am Freitagabend. Nur Trauungen und Bar-Mizwas oder Kranke, die mit meinem Besuch rechnen. Trotzdem waren wir bloß gelegentlich mal übers Wochenende fort, weiter gar nichts. Ich muss weg – irgendwohin, wo ich eine Zeit lang für mich sein kann.« Er lächelte. »Und in Israel wäre es warm.«
»Wir könnten ja eine von diesen Drei-Wochen-Reisen buchen«, überlegte sie. »Die Sehenswürdigkeiten besichtigen und …«
»Ich will keine Sehenswürdigkeiten besichtigen«, unterbrach er sie. »Das sind entweder neue Bauten oder die Überreste von alten oder Erdlöcher. Nein, ich möchte eine Zeit lang in Jerusalem leben. Wir Juden haben uns jahrhundertelang nach Jerusalem gesehnt. Jedes Jahr sagen wir zu Pessach und Jom Kippur: ›Nächstes Jahr in Jerusalem.‹ Am vorigen Pessach war es uns ernst damit. Wir dachten wirklich, dass wir fahren würden. Ich zumindest. Na, und jetzt ist unsere Chance. Ich habe keinen Kontrakt, der mich bindet.«
»Aber der Vorstand würde das als Kündigung auffassen, und seine Stellung aufzugeben …«
»Und was wäre, wenn sies täten? Wir sind noch jung und können es uns leisten, das Risiko einzugehen.«
Miriam musterte ihn besorgt. »Und für wie lange?«
»Ach, das weiß ich nicht«, entgegnete er leichthin. »Drei, vier Monate, vielleicht länger. Jedenfalls lange genug, um das Gefühl zu bekommen, wir haben in Jerusalem gelebt und waren nicht nur auf Besuch.«
»Und was würdest du dort tun?«
»Was tun andere Leute dort?«
»Nun, die Bevölkerung arbeitet. Und die Touristen sind unentwegt mit der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten beschäftigt.«
»Also wenn du dir darüber Gedanken machst, womit ich mir die Zeit vertreiben würde, dann könnte ich ja meinen Aufsatz über Ibn Esra für das Quarterly fertigstellen. Die wissenschaftlichen Vorarbeiten habe ich hinter mir; meine Notizen sind komplett. Was ich jetzt brauche, ist viel Zeit zum Schreiben, ohne ständige Unterbrechungen.«
Sie sah ihn an. Er machte dasselbe eifrige Gesicht wie der kleine Jonathan, wenn er um etwas ganz Besonderes bat. Außerdem spürte sie, wie dringend er diese Reise brauchte. »Das ist dir doch nicht eben erst eingefallen, David. Du denkst schon eine ganze Weile daran, nicht wahr?«
»Mein ganzes Leben lang.«
»Nein, ich meine …«
Er hielt ihren Blick fest. »Als es letztes Jahr so aussah, als würde ich hier aufhören, dachte ich, wir könnten fahren, bevor ich mit der Suche nach einer neuen Stellung anfing. Wann würden wir sonst wieder die Gelegenheit bekommen? Und als sich dann herausstellte, dass ich meinen Posten behielt, hätte ich wohl froh darüber sein sollen, weiter mein Gehalt zu beziehen. Aber ich war es nicht. Ich hatte mein Herz an diese Reise gehängt – und jetzt kann ich den Gedanken daran nicht mehr loswerden.«
»Aber dafür eine Stellung aufzugeben …«
»Nach unserer Rückkehr werde ich eine neue finden, verlass dich darauf. Außerdem sieht es ganz so aus, als wäre ich nächstes Jahr sowieso nicht mehr hier.«
Sie lächelte. »Gut, David, ich schreibe an Tante Gittel.«
Jetzt machte er ein erstauntes Gesicht. »Was hat die denn damit zu tun?«
Miriam legte die Zeitung ordentlich zusammen. »Ich bin dir bei jeder wichtigen Entscheidung gefolgt, David. Als du die Stellung in Chicago, die so viel Geld einbrachte, gekündigt hast, weil dir die Gemeinde nicht passte, war ich einverstanden. Und das, obwohl wir von meinem Stenotypistinnengehalt lebten und von dem, was du durch Gelegenheitsarbeiten in den Ferien in irgendeiner Kleinstadt dazuverdienen konntest. Und dann der Posten in Louisiana, den du nicht wolltest. Und der Job als zweiter Rabbi in Cleveland, der höher dotiert war als die meisten regulären Stellen für Rabbis, die gerade mit dem Studium fertig sind. Du sagtest damals, du wolltest dich in deinen Ansichten keinem anderen Rabbi unterordnen. Und als du in der Ära Schwarz hier kündigen wolltest, war ich auch einverstanden, obwohl ich damals Jonathan erwartete und nicht besonders scharf darauf war, in eine andere Stadt zu ziehen und eine Wohnung für uns und ein neugeborenes Baby zu suchen. Und jetzt möchtest du das Risiko eingehen, deinen Posten zu verlieren, damit du wegfahren und eine Zeit lang in Jerusalem leben kannst. Wieder werde ich dir darin folgen. Die große Strategie ist deine Sache, aber in Taktik bist du weniger gut. Wenn wir mehrere Monate in Jerusalem leben wollen, müssen wir eine Bleibe haben. Wir können es uns nicht leisten, die ganze Zeit in einem Hotel zu wohnen. Außerdem ist man dann noch immer mehr Gast. Ich werde also Tante Gittel schreiben. Sie lebt seit den Zeiten der britischen Mandatsregierung in Israel. Ich sage ihr genau, was wir vorhaben. Mal sehen, ob sie uns eine möblierte Mietwohnung verschaffen kann.«
»Aber sie lebt doch in Tel Aviv, und ich möchte nach Jerusalem.«
»Da kennst du meine Tante Gittel nicht.«
Bert Raymond klopfte auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen. »Das Verlesen des letzten Sitzungsprotokolls können wir uns wohl schenken, glaube ich. Soweit ich mich erinnere, haben wir nicht viel getan.«
Ben Gorfinkle hob die Hand. »Ich würde das Protokoll gern hören, Mr Chairman«, erklärte er gelassen.
»Aber sicher, Ben. Würdest du bitte das Protokoll vorlesen, Barry.«
»Na ja, also, Bert, Mr Chairman wollte ich sagen – ich bin nämlich noch nicht zum Abschreiben gekommen. Ich meine – Notizen hab ich mir ja gemacht, aber – na, eben nur als Entwurf gewissermaßen.«
»Schon gut, Barry. Ben wird an kleinen Stilfehlern bestimmt keinen Anstoß nehmen.«
»Ich wollte auf was anderes raus. Ich hab nämlich meine Notizen gar nicht dabei. Ich dachte, da fehlt sowieso noch der letzte Schliff und dann haben wir ja in der letzten Sitzung auch keine besonderen Beschlüsse gefasst – na ja, und da fand ichs eben nicht der Mühe wert, sie mitzubringen.«
Der Chairman war ein hochgewachsener, nett aussehender junger Mann, ein guter Kerl, den jeder gernhatte und den niemand unnötig in Verlegenheit bringen wollte. Die Nachlässigkeit des Schriftführers war ihm sichtlich peinlich. Gorfinkle zuckte die Achseln. »Wenn sich sowieso nichts getan hat, spielts ja wohl keine Rolle.« Bei diesem neuen Vorstand gab es so viele Einwände gegen gewichtigere Dinge, dass es sinnlos erschien, sich bei einer solchen Bagatelle zu widersetzen.
»Okay«, sagte der Chairman dankbar, »dann kommen wir zum Hauptthema dieser Sitzung. Was halten Sie vom Brief des Rabbi?«
Wieder hob Gorfinkle die Hand. »Ich muss doch was in der letzten Sitzung verpasst haben. Von einem Brief des Rabbi hab ich kein Wort gehört.«
Der Chairman war zerknirscht. »Ach ja, natürlich, du weißt ja nichts davon, Ben. Ich hab ihn diese Woche bekommen und mit ein paar Leuten darüber gesprochen. Daher nahm ich an, jeder weiß Bescheid. Der Rabbi hat mir geschrieben und gebeten, ihn ab Neujahr für drei Monate zu beurlauben.«
»Kann ich den Brief mal sehen?«
»Ich hab ihn nicht bei mir, Ben. Aber sonst steht nichts weiter drin – nur, was ich gesagt habe. ›Hiermit bitte ich darum, mich für drei Monate zu beurlauben.‹ So in der Preislage, ein reiner Geschäftsbrief.«
»Hat er keinen Grund für seine Bitte angegeben?«, fragte Gorfinkle.
»Nein. Nur, was ich dir gesagt habe …«
»Und ich sage euch, das ist ein Schachzug«, unterbrach Stanley Agranat. »Um eine Beurlaubung gehts ihm doch gar nicht. Ein Vertrag – daran ist er interessiert. Er schickt uns diesen Brief, also müssen wir zu ihm gehen und fragen: ›Was gibts, Rabbi?‹ Darauf sagt er, er möchte drei Monate freinehmen. Darauf sagen wir: ›Aber, Rabbi, Sie können doch nicht einfach so drei Monate mitten im Jahr freinehmen. Sie haben ja schließlich einen Job hier.‹ Darauf stellt er sich dumm und sagt: ›Ach, tatsächlich? Ich hab aber gar keinen Vertrag.‹ Darauf müssen wir ihm wieder um den Bart gehen und erklären, wieso wir noch nicht dazu gekommen sind, die Sache mit dem Vertrag zu besprechen, und wie leid es uns tut und lauter so ’n Schmus. Und das soll uns in die Defensive bringen, versteht ihr? Die reinen Schmonzes, sag ich euch.«
»Und was ist, wenn wir ablehnen?«, fragte Arnold Bookspan. »Als du mir den Brief gezeigt hast, Bert, hab ich sofort gesagt, das ist ein Ultimatum. Er bittet uns nicht, er teilt es uns mit. Wenn er nun ein redlicher Angestellter des Tempels ist, kann er nicht einfach so mir nichts, dir nichts abhauen. Und geht er einfach so fort, dann ist er in meinen Augen eben kein redlicher Angestellter des Tempels.«
»Nun hört mal zu, Leute«, sagte der Chairman. »Man muss fair sein. Sie arbeiten immer mit einem Vertrag, und wir haben seinen auslaufen lassen.«
»Wir sollten hier logisch vorgehen«, mischte sich Paul Goodman ein, der wie Bert Raymond Rechtsanwalt war und einen methodischen Verstand hatte. »Zuerst müssten wir entscheiden, ob wir überhaupt einen Rabbi brauchen, dann …«
»Was soll das heißen, ob wir überhaupt einen Rabbi brauchen? Wie sollen wir denn ohne Rabbi zurechtkommen?«
»Viele Gemeinden haben keinen«, antwortete Goodman. »Ich meine, keinen fest angestellten. Sie kriegen jeden Freitagabend einen jungen Spund vom Seminar und zahlen ihm vielleicht fünfzig oder hundert Dollar und Spesen.«
»Freilich, und weißt du, was du dafür kriegst? Einen jungen Spund kriegst du.«
»Nicht einfach einen jungen Spund«, widersprach Goodman, »einen jungen Spund, der Rabbi ist.«
»Pah, ich hab ein paar von diesen Knaben vom Seminar gesehen. Eine Horde von Hippies, wenn du mich fragst.«
»Hört mal zu, Leute«, wandte Bert Raymond ein, »das können wir doch nicht machen. Wir haben das ganze Jahr über Leute, die den Tempel für ihre Trauungen und Bar-Mizwas benutzen. Was sollen wir denen erzählen, wenn sie kommen und Einzelheiten vereinbaren wollen? Vielleicht haben wir einen Rabbi, vielleicht aber auch nicht? Bei uns läuft der Betrieb das ganze Jahr über, und deshalb müssen wir einen Rabbi haben, der ständig zur Verfügung steht.«
»Na schön, dann kommen wir also zum nächsten Schritt«, sagte der methodische Goodman. »Wollen wir diesen Rabbi haben? Wenns denn unbedingt so ein Rabulist sein muss, der mir sagt, was Recht und was Unrecht ist, dann wäre mir persönlich ein älterer Mann lieber. Das ist bei mir ’ne Gefühlssache.«
»Also für mich ist das eine rein geschäftliche Sache. Und ich halte Gefühl und Geschäft strikt auseinander«, sagte Marty Drexler, der Schatzmeister. »Als mir Bert von dem Brief erzählt hat, hab ich mich ein bisschen umgehört. Ich kann euch ein paar harte Fakten zum Nachdenken geben. Der Preis für Rabbis ist seit dem Zweiten Weltkrieg Jahr für Jahr gestiegen. Jeder Studentenjahrgang hat nach Abschluss des Seminars ein höheres Anfangsgehalt verlangen können als der vorige. Wenn ihr auf dem freien Markt einen Rabbi engagieren wollt, der wie unserer fünf oder sechs Jahre Berufserfahrung hat, müsst ihr drei- bis fünftausend Dollar mehr hinblättern als jetzt. Denn bei ihm handelt es sich um jemand, der bereits einen Posten hat und dem wir den Wechsel schmackhaft machen müssen. Wenn ihr einen Rabbi engagiert, kauft ihr geistige Führung. Ich frage euch, warum sollen wir die Kosten für unsere geistige Führung um dreitausend Dollar erhöhen, wenn wirs gar nicht nötig haben?«
»Das leuchtet mir ein.«
»Mir auch.«
Der Chairman sah einen nach dem anderen an. »Na schön, ich glaube, in dem Punkt herrscht Einstimmigkeit. Wir sind uns also alle weitgehend darin einig, dass es im Augenblick für uns das Beste ist, die Dienste unseres jetzigen Rabbi auch weiterhin in Anspruch zu nehmen. Und damit wären wir wieder beim Anfang. Was tun wir mit dem Brief? Ich bin der Auffassung, dass Stan Agranat recht hat und dass der Rabbi an einem Vertrag interessiert ist. Wie stehts damit? Seid ihr alle auch der Meinung?« Wieder ließ er den Blick um den Tisch wandern und wartete bei jedem ein bestätigendes Nicken ab.
Nur Ben Gorfinkle erhob Einwände. »Ich habe den Eindruck, der Rabbi meint gewöhnlich auch das, was er sagt.«
Bert Raymond zuckte die Achseln. »Vielleicht als er ihn schrieb. Vielleicht war er ein bisschen eingeschnappt. Ehrlich gesagt, fand ich, er hat ziemlich sauer reagiert, als ich ihm mitteilte, dass wir keinen Gemeinde-Seder abhalten. Kann sein, dass es damit etwas zu tun hatte. Aber ich bin der Meinung, wenn wir ihm einen Vertrag anbieten, wird er ganz schnell feststellen, dass er eigentlich gar nicht beurlaubt werden möchte. Es wäre ja durchaus denkbar, dass er den Urlaub zur Stellungssuche haben will.«
»Da hast du recht, Bert.«
»Na schön, also was für einen Vertrag bieten wir ihm an?«
Ben Gorfinkle, Chairman des Vorjahres, fühlte sich genötigt, abermals das Wort zu ergreifen. Er nahm nur an der Sitzung teil, weil sämtliche ehemaligen Chairmen nach den Statuten automatisch Vorstandsmitglieder wurden. Seine Vorgänger, Wasserman, Becker und Schwarz, waren nur zu den ersten paar Sitzungen erschienen und dann ausgeblieben. Dieser neue Vorstand bestand aus lauter jungen Männern; keiner war über fünfunddreißig, und alle waren eng befreundet. Sie besprachen die einschlägigen Angelegenheiten bei ihren gesellschaftlichen Zusammenkünften, sodass sich Vorstandssitzungen praktisch erübrigten, außer dass formal über das abgestimmt wurde, was sie bereits untereinander beschlossen hatten. Trotzdem ging Ben Gorfinkle weiter unbeirrt hin, auch wenn er meist den Mund nicht aufmachte. Diese Geschichte aber war wichtig. Langsam, bedächtig setzte er dem Vorstand auseinander, dass der Rabbi mit Ablauf des letzten Jahres auch sein sechstes Dienstjahr in der Gemeinde beendet hatte. Der vorige Vorstand habe geplant, ihm einen Vertrag auf Lebenszeit sowie im siebten Jahr das sogenannte Sabbatjahr anzubieten. »Aber wir meinten, ein solcher Vertrag sollte besser von dem neuen Vorstand abgeschlossen werden.«
»Ich erinnere mich nicht, in den Sitzungsprotokollen vom letzten Jahr etwas davon gelesen zu haben«, sagte der Schriftführer.
»Stimmt, ich erinnere mich auch an nichts Derartiges«, bestätigte Raymond.
»Natürlich nicht«, entgegnete Gorfinkle. »Damals nahm der Rabbi an den Vorstandssitzungen teil. Deshalb konnten wir bei den regulären Sitzungen nicht gut darüber sprechen.«
»In dem Fall«, unterbrach ihn der Chairman, »müssen wir davon ausgehen, dass diese Angelegenheit lediglich inoffiziell zwischen einigen Mitgliedern erörtert wurde. Ich bin nicht der Auffassung, dass wir daran gebunden sind.«
»Ich habe euch nur über die Vorgeschichte informiert«, erklärte Gorfinkle steif.
»Na schön, also angenommen, wir gehen davon aus«, sagte der Chairman. »Was haltet ihr von Bens Idee eines Vertrages auf Lebenszeit und eines Sabbatjahres?«
»Ich kann dazu nur eins sagen – mir sieht das nach einem ganz hübschen Rebbach für den Rabbi aus«, meinte Agranat. »Glaubt mir, ich hab nichts gegen den Rabbi, aber er macht dabei ’nen guten Schnitt.«
»Irrtum«, widersprach Gorfinkle. »Das ist gang und gäbe. Der Rabbi hatte ein Probejahr, und danach bekam er einen Fünfjahresvertrag. Der nächste Vertrag läuft gewöhnlich noch länger, in den meisten Gemeinden sogar auf Lebenszeit.«
»Wie wird das Gehalt bei diesen Verträgen festgesetzt?«, erkundigte sich Marty Drexler. »Gibts da jährliche Erhöhungen oder …«
»Das nehme ich an«, erwiderte Gorfinkle. »Oder man vereinbart eine Angleichung an die steigenden Lebenshaltungskosten. Damit haben wir uns seinerzeit nicht befasst.«
»Mir scheint, das müssen wir uns noch genau überlegen«, meinte Drexler. »Wenn wir ihm ein Sabbatjahr geben, müssen wir während seiner Abwesenheit einen Stellvertreter engagieren. Denkt mal darüber nach.«
»Worauf willst du hinaus, Marty?«, fragte Bert Raymond.
»Ich werd euch sagen, worauf ich hinauswill. Hier gehts um eine Synagoge, und er ist ein Rabbi. Also Religion und all das. Aber ein Vertrag ist ’ne geschäftliche Vereinbarung, egal, zwischen wem. Da muss alles ausgetüftelt werden, und jede Seite muss dabei das bestmögliche Geschäft machen. Nehmt zum Beispiel mal das, was ich vorhin über die von Jahr zu Jahr steigenden Kosten für Rabbis gesagt habe. Das stimmt, aber ihr müsst bedenken, wenn ein Rabbi erst mal um die fünfzig ist, sind seine Aussichten, einen anderen Job zu kriegen, nicht mehr so gut. Er ist sozusagen auf dem absteigenden Ast. Also ist er dann in einer etwas schwächeren Position, und wir sind dafür in einer etwas stärkeren. Wie alt ist er jetzt? Fünfunddreißig oder so was? Nehmen wir nun mal an, wir bieten ihm einen Fünfzehnjahresvertrag, und wenn der ausläuft, verhandeln wir erneut.«
»Na, ich weiß nicht.«
»Das ist doch irgendwie schofel.«
»Was ist daran schofel?«, fragte Drexler.
Stanley Agranat hob die Hand. »Ich möchte einen Antrag stellen.«
»Was für einen Antrag?«
»Einen Augenblick, Mr Chairman, da ist noch ein Antrag auf Wortmeldung.«
»Was für ein Antrag?«
»Es gibt keinen Antrag auf Wortmeldung. Wir haben nur diskutiert, die Sache sozusagen durchgekaut.«
Raymond schlug mit dem Hammer auf den Tisch. »Einen Moment bitte, immer der Reihe nach. Niemand hat einen Antrag gestellt, also besteht kein Grund, warum Stan das nicht tun sollte. Schieß los, Stan.«
»Ich beantrage, Mr Chairman, dass Sie eine Kommission benennen, die zum Rabbi geht, ihn sozusagen abtastet und den Preis aushandelt.«
»Bist du sicher, dass du vom Rabbi sprichst, Stan?«
Der Chairman klopfte auf den Tisch. »Keine Witze, bitte.«
»Also gut, ernsthaft gesagt, möchte ich Stans Antrag dahingehend ergänzen, dass diese Kommission aus einem Mann bestehen sollte«, erklärte Goodman. »Ich schlage Marty Drexler für diese Aufgabe vor.«
»Sehr richtig, soll nur einer mit ihm verhandeln.«
»Wie stehts? Seid ihr alle dafür, einen Mann die Verhandlung führen zu lassen?«
»Unbedingt.«
»Die einzige Möglichkeit.«
»Die einzig faire Art – einer gegen einen.«
»Na schön«, sagte Bert Raymond. »Stimmen wir ab. Also – ja. Aber ich meine, vielleicht sollte ich lieber mit ihm reden statt Marty.«
»Nein, lass Marty das tun.«
»Wieso Marty? Mir scheint, als Gemeindevorsteher sollte ich mit ihm sprechen.«
Keiner von ihnen wollte eingestehen, dass sie befürchteten, er könnte zu großzügig sein. Schließlich übernahm Paul Goodman die Erklärung: »In erster Linie habe ich Marty vorgeschlagen, weil er der Schatzmeister ist und es sich hier eindeutig um ’ne Geldsache handelt. Außerdem ist Marty im Finanzierungsgeschäft und genau im Bilde über Fragen, die mit steigenden Lebenshaltungskosten und diesen Dingen zu tun haben. Aber wenn nicht Marty, dann wärst du wohl der Letzte, den wir dafür haben möchten, gerade weil du Chairman bist. Marty oder wer auch sonst kann immer sagen, er muss sich vom Vorstand weitere Anweisungen holen oder er braucht dessen Zustimmung zu der getroffenen Abmachung. Aber Vorschläge, die der Chairman selber gemacht hat, müssten wir doch wohl oder übel unterstützen, jedenfalls wäre das sicher die allgemeine Ansicht. Und gesetzt den Fall, du versprichst was und bekommst dann von uns keine Rückendeckung, wärst du schön in der Bredouille, wenn du zum Rabbi zurückgehen und ihm sagen müsstest, dein Vorstand passt.«
»Na schön, von mir aus«, sagte Raymond. »Also gehst du zum Rabbi, Marty, und handelst was aus.«
Miriam öffnete die Tür und führte Marty Drexler ins Wohnzimmer, wo der Rabbi saß. »Da es sich um eine Angelegenheit des Tempels handelt, Mr Drexler, lasse ich Sie beide …«
»Nun, vielleicht wäre es besser, wenn Sie dabei sind, Mrs Small«, meinte Marty. »Wenn sichs bei mir im Geschäft um Belange der Familie dreht, zum Beispiel um ein Familiendarlehen, sage ich dem Kunden immer, er soll seine Frau mitbringen. Sie verstehen mich doch?«
»Natürlich, Mr Drexler, wenn Ihnen das lieber ist.«
Der Rabbi war aufgestanden, wies mit einer einladenden Geste auf einen Sessel für den Besucher und setzte sich dann wieder. »Es hat also etwas mit unseren Familienfinanzen zu tun, Mr Drexler?«
Marty Drexler lächelte, das strahlende Lächeln des Darlehenvermittlers. »Allerdings, das würde ich schon sagen. Wir haben im Vorstand beschlossen, Ihnen einen Vertrag zu geben. Bert Raymond hat mich als Ein-Mann-Kommission benannt, damit ich die kleinen Detailfragen und Finessen mit Ihnen bespreche.«
»Das ist sehr freundlich vom Vorstand«, entgegnete der Rabbi liebenswürdig. Er lehnte sich im Sessel zurück und blickte zur Decke. »Ich hatte zwar bisher einen Vertrag für eine Vereinbarung zwischen zwei gleichberechtigten Parteien angesehen – jede hat etwas, was die andere haben möchte – und nicht für eine Gefälligkeit, die eine Partei der anderen erweist.«
Drexler war entschlossen, sich nicht zu ärgern. Er nickte. »Ja, damit haben Sie vermutlich recht. Ich wollte sagen, ich bin hier, um den Vertrag auszuhandeln.«
»Und warum gerade jetzt?«, fragte der Rabbi.
Drexler sah ihn vorwurfsvoll an. »Rabbi, wir sind doch erwachsene Männer und keine Kinder. Wir habens kapiert. Sie schicken uns einen Brief und bitten um Beurlaubung. Ist doch klar, dass Sie wegen des Vertrages angebohrt haben. Schließlich sind wir alle Geschäftsleute. Gut, vielleicht haben wir die Sache zu sehr auf die lange Bank geschoben. Vielleicht haben wir auf unseren Hintern gehockt – Verzeihung, Mrs Small –, anstatt uns ernsthaft damit zu befassen. Um die Wahrheit zu sagen, das Ganze ist uns noch ziemlich neu. Wir hielten es einfach für ’ne Formsache. Gut, tut mir leid; tut uns allen leid. Aber jetzt zum Geschäft. Wie wärs, wenn Sie mir sagen, was Sie sich vorstellen, und dann sage ich Ihnen, was den anderen als fair vorschwebt. Und sollten sich da Differenzen ergeben, reden wir darüber. Und Sie sprechen bitte frisch von der Leber weg, Mrs Small, denn es geht Sie ja wohl genauso an wie den Rabbi. Vielleicht sogar mehr. Ich sage immer, die Frau führt schließlich den Haushalt. Sie weiß, was eine Familie an Lebensmitteln braucht und was die kosten. Also, ihr legt jetzt eure Karten auf den Tisch, und ich werde euch sagen, wie der Vorstand darüber denkt. Wir werden schon was ausknobeln, und falls das anders aussieht als das, was wir uns vorgestellt hatten, rede ich mit dem Vorstand darüber, bis wir uns geeinigt haben. Ein faires Angebot?«
»Durchaus fair, Mr Drexler«, entgegnete der Rabbi. Er zögerte und trommelte mit den Fingerspitzen auf die Sessellehne, während er seine Sätze formulierte. »Sie mögen es vielleicht nicht glauben, Mr Drexler, aber als ich den Brief abschickte, war ich ausschließlich an einer Beurlaubung interessiert. Und das ist immer noch alles, woran ich interessiert bin. An den Vertrag habe ich dabei überhaupt nicht gedacht und glaube auch nicht, dass ich jetzt gewillt bin, mir darüber Gedanken zu machen. Ich habe um Beurlaubung gebeten, und genau das ist es, was ich möchte.«
Drexler war immer noch nicht überzeugt. Er konnte sich eine gewisse Bewunderung für das Verhandlungsgeschick des Rabbi nicht verkneifen. Er versuchte es auf eine andere Tour. »Gut, wenn Sie es so rum haben wollen, ich spiele mit. Denken wir also darüber nach und sehen wir, wohin es führt. Sie möchten beurlaubt werden, sagen Sie. In Ihrem Brief sprachen Sie von drei Monaten. Ist das immer noch Ihr Wunsch?«
Der Rabbi nickte.
»Sie wollen also für drei Monate weg. Bezahlten Urlaub, nehme ich an?«
»Das habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nicht überlegt.« Der Rabbi dachte nach. »Nein, ich glaube nicht, dass ich unter diesen Umständen auf irgendein Entgelt Anspruch hätte.«
Drexler war verärgert. Wie feilscht man mit jemand, der nichts von einem will? Er hatte darlegen wollen, wenn die Gemeinde ihm drei Monate Gehalt zahlte, immerhin eine beachtliche Summe, müsste man sich darüber einigen, wie er das auszugleichen gedachte. Aber wenn er keine Bezahlung erwartete … »Und wenn wir Ihr Gesuch um Beurlaubung ablehnen, Rabbi?«
Der Rabbi lächelte leicht. »Ich fürchte, das würde mich nicht zurückhalten.«
»Sie meinen, Sie würden kündigen?«
»Sie würden mir ja keine andere Wahl lassen.«
»Das heißt also, dass Sie bestimmt zurückkommen, wenn wir die Beurlaubung bewilligen?«
Der Rabbi war ehrlich bekümmert. »Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich in drei Monaten denken werde oder was ich dann möchte.« Er lächelte. »Wer von uns weiß das schon?«
»Aber hören Sie, das bringt uns ziemlich in Verlegenheit. Ich meine, wir müssen doch jemand engagieren, der Sie während Ihrer Abwesenheit vertritt, und wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie zurückkommen …«
»Ich sehe Ihre Schwierigkeit, Mr Drexler. Na gut, warum setzen wir nicht einfach voraus, dass ich zurückkomme? Wenn es dann so weit ist, können wir über einen Vertrag verhandeln, der für beide Seiten akzeptabel ist.« Er lächelte. »Wenn ich nicht komme, brauchen wir das natürlich nicht.«
Das Telefon klingelte. Miriam eilte an den Apparat. Nach einem Augenblick sagte sie: »New York, David. Vermutlich deine Mutter. Am besten sprichst du vom Nebenanschluss.«
Der Rabbi entschuldigte sich und hastete aus dem Zimmer. Am Telefon sagte Miriam: »Hallo, Mutter. Alles in Ordnung? Danke, uns gehts gut … Ja, Jonathan gehts auch gut … Ja, David ist da, er geht eben an den anderen Apparat.« Sie wartete auf das Klicken, das anzeigte, dass ihr Mann den Hörer abgenommen hatte. »Ich muss mich jetzt verabschieden, Mutter. Wir haben Besuch.« Sie legte auf und kehrte an ihren Platz zurück. Nachdem sie sich bei Marty Drexler wegen der Unterbrechung entschuldigt hatte, fuhr sie fort: »Mein Mann ist seit über sechs Jahren in Barnard’s Crossing, Mr Drexler. In der ganzen Zeit hat er keinen richtigen Urlaub gehabt – nur gelegentlich ein freies Wochenende. Er ist erschöpft und überarbeitet. Er muss weg von seiner gewohnten Arbeit, damit er Gelegenheit zum Nachdenken bekommt. Glauben Sie, es ist leicht für mich, zusammenzupacken, für drei Monate wegzugehen und von unseren Ersparnissen zu leben? Sie haben recht, ich führe den Haushalt. Ich bin diejenige, die sich Sorgen über Ausgaben macht. Und diese Reise wird teuer – allein die Fahrtkosten …«
»Haben Sie eine Rundreise vor oder was in der Art?«
»Wir wollen nach Israel, nach Jerusalem.«
»Ach so. Hören Sie, Mrs Small, wenn sichs um Israel dreht, also das kann ich verstehen. Ich meine, er ist doch Rabbi, natürlich muss er mal dort gewesen sein. Wahrscheinlich ist er der einzige Rabbi in der Gegend, der noch nicht in Israel war. Wissen Sie was, Don Jacobson – er sitzt im Vorstand – ist in der Touristikbranche. Ich wette, er kann da was arrangieren. Vielleicht eine dreiwöchige Rundreise mit Ihrem Mann als Reiseleiter. Das kostet ihn dann keinen roten Heller. Ich spreche mit Jacobson.«
Der Rabbi kam bei den letzten Sätzen zurück. Er sagte zu Miriam: »Nichts Wichtiges.« Und zu Drexler: »Nett von Ihnen, dass Sie etwas arrangieren wollen, aber wir möchten eine Zeit lang dort leben, in Jerusalem, und keine Stippvisite als Touristen machen.«
»Sie wollen bloß nach Jerusalem? Keine Rundfahrt, keine Sehenswürdigkeiten? Und für drei Monate? Warum?«
Der Rabbi lachte kurz auf. »Die Begründung wird Ihnen vielleicht nicht zwingend vorkommen, Mr Drexler, aber ich will versuchen, es Ihnen zu erklären. Pessach ist eines unserer Hauptfeste. Wir feiern es nicht nur mit einem Gottesdienst, sondern mit einem durchdachten Ritual, damit sich uns seine Lehre, die Philosophie, auf der unsere Religion basiert, einprägt.«
»Ach, Sie sind immer noch verärgert über unseren Beschluss, den Gemeinde-Seder ausfallen zu lassen? Also, da gab es begründete finanzielle …«
»Nein, Mr Drexler, ich bin nicht verärgert über den Beschluss des Vorstands«, versicherte ihm der Rabbi. »Es gibt auf beiden Seiten gute Argumente, obwohl ich darauf hinweisen möchte, dass in dieser Frage der Rabbi der Gemeinde normalerweise konsultiert wird. Nein, ich wollte sagen, dass das Ritual mit einem frommen Wunsch endet: ›Nächstes Jahr in Jerusalem.‹ Diesen Wunsch habe ich nun bei jedem Pessach-Seder am Schluss ausgesprochen, aber vergangenes Jahr war es für mich kein Wunsch, sondern ein Versprechen, eine religiöse Verpflichtung, wenn Sie so wollen.«
Drexler war beeindruckt und blieb in den restlichen Minuten seines Besuches gedämpft und respektvoll. Doch als er nach Hause kam, hatte sein angeborener Zynismus wieder die Oberhand gewonnen, und er antwortete auf die Frage seiner Frau nach dem Verlauf des Gespräches: »Er sagt, er möchte weg und eine Weile in Jerusalem leben. Für ihn ist das so was wie ’ne religiöse Verpflichtung. Wem will er damit was vormachen? Er ist einfach faul und möchte ’ne Zeit lang rumgammeln. Da spart er nun ein bisschen Geld, und jetzt will ers verpulvern.«
»Na, er kriegt doch wohl sein Gehalt.«
»Nein.«
»Was, ihr wollt ihm sein Gehalt nicht weiterzahlen?«, fragte sie ungläubig.
»Hör mal, er lässt sich beurlauben. Kein Mensch zahlt jemand, der sich beurlauben lässt, das Gehalt weiter.«
»Ziemlich schofel, findest du nicht? Hat das der Vorstand beschlossen, oder war das deine Idee, Marty?«
»Sieh mal, Ethel, es ist nicht mein Geld, sondern das der Gemeinde. Als Schatzmeister ist es meine Pflicht, es in ihrem Sinne zu verwalten. Ich kann es doch nicht einfach zum Fenster rauswerfen, nur weil sichs um den Rabbi handelt. Außerdem war das sein Vorschlag.«
Sie antwortete nicht, weder jetzt noch später, als er während der Werbesendungen im Fernsehen gelegentlich Bemerkungen fallen ließ wie: »Manche Männer habens wirklich gut. Sie machen drei Monate blau, und ihre Frauen sagen auch noch Ja und Amen zu dem Blödsinn.« Und: »Wenn ers aus der eigenen Tasche bezahlt, hat er uns gegenüber natürlich keinerlei Verpflichtung. Wahrscheinlich schreibt er jetzt an Dutzende von Gemeinden und fragt nach wegen ’ner Stellung.«
Sie lagen bereits im Bett, und er war gerade am Einschlafen, als sie sagte: »Weißt du, Marty, es ist sicher verrückt, ich weiß, aber irgendwie finde ichs auch nett.«
»Wovon redest du eigentlich?«
»Ich meine, wenn man seine Stellung hinschmeißt und einfach abhaut.«
»Er hat gebeten, ihn drei Monate zu beurlauben, und das haben sie ihm bewilligt.« Harvey Kanter schwang ein Bein über die Sessellehne, fuhr sich durch das dichte eisengraue Haar und richtete die hervorstehenden blauen Augen auf seinen Schwager Ben Gorfinkle. »Was ist daran schofel?« Harvey war gute zehn Jahre älter als Gorfinkle, ein Fünfziger, und mit der älteren der beiden Schwestern verheiratet. Er neigte dazu, seinen Schwager zu begönnern, genau wie seine Frau ihre jüngere Schwester. Als Chefredakteur des Times-Herald von Lynn, einer Lokalzeitung, die Nachrichten von ernstester nationaler oder internationaler Bedeutung mit einem knappen Einspalter abhandelte, während sie der Vorstandswahl im örtlichen Frauenverein zwei Kolumnen widmete, vertrat er in seinen Leitartikeln die engherzigen, konservativen Ansichten der besitzenden Schicht und Wähler der Republikanischen Partei. Im Privatleben aber war er radikal, Atheist und durch und durch respektlos – vor allem, wenn es sich um die Beziehung seines Schwagers zur jüdischen Gemeinde von Barnard’s Crossing handelte, die ihn überaus amüsierte.
»Aber ohne Bezahlung, und der Mann kann nicht viel Geld gespart haben.«
»Du hast doch gesagt, der Rabbi habe das ausdrücklich gewollt.«
»Ich sagte, Marty Drexler hat gesagt, dass er das wollte«, berichtigte Ben.
»Und du meinst, dieser Drexler hat gelogen? Das ist doch der Geldverleiher, oder?«
»Great Atlantic Finance. Nein, ich glaube nicht, dass er gelogen hat. Das hätte rauskommen müssen. Aber jemand wie Marty Drexler könnte den Rabbi sehr wohl in eine Position hineinmanövrieren, wo ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als auf die Bezahlung zu verzichten. Ungefähr so: ›Wollen Sie damit sagen, Rabbi, dass Sie drei Monate freinehmen möchten und wir einen Stellvertreter engagieren und Sie auch noch bezahlen müssen – dafür, dass Sie nichts tun?‹ Das wäre ihm zuzutrauen.«
»Na ja, der Rabbi ist immerhin erwachsen und sollte imstande sein, selber seine Interessen zu vertreten.«
»Was Geld und Geschäft angeht, ist er tatsächlich sehr naiv.« Ben schüttelte den Kopf. »Einen Vertrag auf Lebenszeit und ein Sabbatjahr hätte er haben können. Der Vorstand hätte das bewilligt, wenn ers verlangt hätte.«
»Damit warst du einverstanden?« Harvey sah seinen Schwager an.
»Das hat ihm jedenfalls der Vorstand letztes Jahr anbieten wollen«, entgegnete Ben. »Aber das war zu Ende der Amtsperiode, und weils um einen Vertrag auf Lebenszeit ging, fanden wir, damit sollte sich der neue Vorstand befassen. Natürlich dachten wir, der neue Vorstand würde nicht viel anders aussehen als der alte. Jedes Jahr wird Spreu ausgesondert, verstehst du, und man nimmt ein paar neue Leute dazu, aber im Prinzip ändert sich nicht viel. Nur hat diesmal die Clique Raymond-Drexler ’ne ganz neue Vorschlagsliste aufgestellt, und sie sind damit durchgekommen.«
»Wie haben sie denn das gedeichselt?«
»Pass auf. Einmal war die Gemeinde Mitte vorigen Jahres ziemlich gespalten. Da gabs meine Clique und die von Meyer Paff. Wir hatten natürlich die Mehrheit, allerdings eine sehr kleine. Und dann sind unsere Kinder in den Schlamassel geraten. Das hat uns ziemlich durcheinandergebracht. Offen gestanden hatten wir danach kein großes Interesse daran, uns um die Führung in der Gemeinde zu reißen. Viele von uns hat die Geschichte quasi ernüchtert, glaube ich. Jedenfalls haben wir nicht übermäßig gekämpft.«
Der skeptische Blick seines Schwagers veranlasste Ben zu einer ausführlichen Begründung. »Wir waren der Meinung, wir brauchen uns gar nicht so sehr anzustrengen. Die Leute um Raymond-Drexler sind noch jung, dachten wir, unter fünfunddreißig, und alle verhältnismäßig neu in der Gemeinde – die meisten gehörten erst zwei oder drei Jahre dazu –, na, und da haben wir uns eben eingebildet, sie würden nicht weit kommen. Aber im Laufe der Jahre hat diese Altersgruppe in der Gemeinde an Zahl zugenommen. Wahrscheinlich gibt es jetzt mehr von ihnen als von uns Älteren. Die Kinder wachsen heran, die Leute setzen sich heutzutage viel früher zur Ruhe, es gibt ’ne Menge Gründe.« Harvey sah immer noch nicht überzeugt aus. Ben legte sich ins Zeug: »Der Tempel ist von Jake Wasserman und Al Becker und solchen Leuten ins Leben gerufen worden, als sie schon gut bei Jahren waren. Sie hielten auf Tradition, und deshalb war die Synagoge wichtig für sie. Für Wasserman mal auf jeden Fall, er ist ein tiefreligiöser Mensch. Außerdem brauchten sie damals in der Gründungszeit Leute mit Geld. Man erwartete von ihnen, dass sie dauernd in die Tasche griffen, um eine Rechnung für Heizmaterial oder das Gehalt für einen Lehrer selber zu bezahlen, wenn in der Gemeindekasse Ebbe war. Sie bekamen dafür Schuldscheine von der Gemeindeverwaltung, aber meiner Meinung nach haben sie nie wirklich damit gerechnet, dass die Gemeinde je imstande wäre, ihnen das Geld zurückzuerstatten. Soviel ich weiß, stehen ein paar Beträge immer noch offen. Na ja, man musste schon ganz schön bei Jahren sein, um dieses Geld anzusammeln.«
»Stimmt«, gab Harvey zu.
»Und als die Gemeinde sich dann zu stabilisieren begann, ich meine, als wir die laufenden Ausgaben bestreiten konnten, da kamen Leute wie Mort Schwarz ans Ruder. Etwas jüngere Männer, aber immer noch ganz schön betucht. Damals hatten wir nämlich dauernd Spendensammlungen, und man konnte doch niemand drängen, ’ne große Schenkung oder ’ne Geldzusage zu machen, wenn man nicht selber ordentlich berappt hatte.«
Harvey zog übertrieben überrascht eine Augenbraue hoch. »Na, du hast doch für so was kein Geld. Oder hältst du das etwa geheim, Ben?«
Aber Gorfinkle reagierte nicht. »Ach, als meine Clique ans Ruder kam, war die Gemeinde völlig schuldenfrei«, sagte er ernst. »Sie wollten jemand, der den Laden richtig schmeißen konnte, einen Verwaltungsfachmann und Geschäftsführer.«
»Was ist mit Raymond und Drexler? Sind sie nicht auch Verwaltungsspezialisten?«
Ben schüttelte den Kopf. »Nein, sie sind anders. Zunächst mal jünger. Und dann sind sie alle entweder Akademiker oder Geschäftsleute. Ich vermute, sie stehen sich durch die Bank recht gut, aber natürlich sind sie trotzdem auf Geld aus. Und für einen Rechtsanwalt wie Bert Raymond oder Paul Goodman ist es nützlich, ein großes Tier in so ’ner Organisation wie der Gemeinde zu sein. Da wird man auch bei Leuten bekannt, mit denen man sonst nie zusammenkommen würde. Sehr günstig für Wirtschaftsprüfer wie Stanley Agranat oder für die Ärzte und Zahnärzte, die zu der Clique gehören.«
»Mit anderen Worten, du meinst, sie sind nur wegen der Publicity dabei?«, neckte ihn Harvey gutmütig. »Ganz anders als ihr zum Beispiel.«
Ben überhörte die Stichelei. »Nein, das wäre nicht fair. Sagen wir lieber so – sie achten auf so was. Außerdem wollen sie natürlich mitmischen, klar. Aus demselben Grund mischen sie auch in der Stadtverwaltung mit.«
»Also gut«, sagte Harvey, der endlich ernst wurde. »Und aus welchem Grund haben sie deiner Meinung nach den Rabbi auf dem Kieker?«
Gorfinkle überlegte kurz. »Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Einmal ist er gleichaltrig, fünfunddreißig, und denkt trotzdem nicht so wie sie. Für Geld hat er kein besonderes Interesse, und an mehr Prestige liegt ihm auch nichts. Seitdem er hier ist, hat er ein paar ganz hübsch sensationelle Dinge gemacht, aber nie dafür um Publicity geworben. Nicht etwa aus Bescheidenheit – er ist nicht bescheiden –, sondern weil er so was nicht für wichtig hält. Bei einem Älteren würden sie das vielleicht hinnehmen, aber nicht bei einem Gleichaltrigen. Verstehst du?«
Harvey nickte. »Ich denke schon.«
»Und dann noch was. Der Rabbi weiß genau, was er will, und sagt alles, was er denkt – ohne Hemmungen.«
»Du meinst, er ist autoritär? Überheblich? Stur?«
»Nein. Allerdings hat es gelegentlich den Anschein, und vielleicht finden das manche auch.« Ben lachte trocken. »Ich gehörte auch einmal zu diesen Leuten.«
»Ich erinnere mich.«
»Aber es ist was anderes«, fuhr Ben fort. »Der alte Jake Wasserman hat mal von ihm gesagt, er hätte so ’ne Art Radarstrahl für jüdische Tradition in seinem Kopf. Wenn die Gemeinde nach der einen oder anderen Seite ausschert, hört er einen Pfeifton. Dann weiß er Bescheid und treibt uns auf den rechten Weg zurück. Die Kinder auf der Highschool und im College, wie mein Stuie, sind ganz weg von ihm. Ich hab Stuie danach gefragt. Er hat mir erklärt, es läge daran, dass sie bei ihm genau wissen, woran sie sind. Soweit ich verstanden habe, schmeißt er sich nicht an sie ran und behandelt sie auch nicht von oben herab.«
»Ich glaube, ich kann mir jetzt ein Bild machen. Und was verursacht dir nun Kopfschmerzen?«
»Hm. Also einmal stimmen die Jungen nicht mit ab.«
»Ach so, du hast Angst, dieser Drexler und seine Freunde werden ihn herausmanövrieren?« Harvey war bemüht, dem Gedankengang seines Schwagers zu folgen.
»Das, und … na ja …« Ben sah weg. »Also, ich möchte nicht, dass er gekränkt wird.«
»Ist das alles?« Harvey lachte und stand auf. »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Solche Menschen, Menschen mit persönlicher Integrität, können durch Leute wie Drexler nicht gekränkt oder verletzt werden.«
Der junge Absolvent des Seminars kam eigentlich von Anfang an nicht ernsthaft infrage. Zunächst – weshalb wollte er überhaupt herkommen? Warum sollte er bei dem großen Bedarf an Rabbis eine Vertretung übernehmen, wenn er eine feste Anstellung bekommen konnte?
»Er sagte, er möchte sich erst mal ’ne Zeit lang umschauen.«
»Na, und kann er das denn nicht in einer festen Stellung? Kein Mensch kann ihn mit Gewalt festhalten, wenn er nach ’ner Weile lieber woanders hingehen will! Ich sag euch, warum er auf diesen Job scharf ist: Es muss daran liegen, dass er keinen anderen kriegen kann. Und warum sollen wir uns um so jemand reißen? Außerdem hat er einen Bart. Das haben wir nötig – einen Rabbi mit Bart!«
