Am Katzentisch - Eva Seifried - E-Book

Am Katzentisch E-Book

Eva Seifried

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Beschreibung

Wer am Katzentisch sitzt, betrachtet die Welt anders, hat ein besonderes Augenmerk auf ihre Randbereiche. Keiner beobachtet Sonderlinge, Verlierer, Schaumschläger, Eigenwillige, Rast- und Namenlose schärfer. Mit Würde, Mut und Schläue, mit zarter Sehnsucht, bösen Rachegedanken, Witz und Verzweiflung schlagen sie sich durchs Leben. Es geht nicht immer gut aus. Manchmal bleibt das Herz stehen.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2015

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für Clärchen

Eva Seifried, 1955 in Freiburg i. Br. geboren, hat in Frankfurt am Main Gesellschafts- wissenschaften studiert und arbeitet seit 1990 als Buchherstellerin in einem Frankfurter Verlag.

Inhalt

Der Coach

Unsere Diät

Emil

Die Mitte der Straße

Am Katzentisch

Die Jagd

Der verlorene Bruder

Der Brief

Der Club

Einen Moment noch, Doktor!

Die Sommerliebe

Elena

Rabeas Geschichte

Der Coach

Keine Ahnung, wie ich am Ende hier gelandet war.

Hinter ausgerechnet diesen lausigen Gittern! Jung und blauäugig genug, um meiner Abenteuerlust bedenkenlos nachzugeben, hatte ich allmählich jede Orientierung verloren und war von einer verfluchten Teufelsküche in die nächste geraten. Eine Flucht waghalsiger als die andere – bis es eines Tages offenbar nicht mehr gereicht hatte. Hier setzte mein Erinnerungsvermögen aus. Ich sehe mich noch in eine Sackgasse rasen, verbeulte Mülltonnen am Rand wahrnehmend, alte Autoreifen im Stapel, Unrat in jeder Ecke, ein paar lärmende Gassenkinder dazwischen, die Verfolger dicht hinter mir – und danach wußte ich nur noch, dass in meinem Kopf etwas explodierte. Ich musste mich verzweifelt zur Wehr gesetzt haben, sonst wäre ich nicht am nächsten Morgen auf dem fleckigen Zellenboden in völlig zerschlagenem Zustand aufgewacht.

Und da saß ich nun, umgeben von Zellengenossen, die mich mitleidlos anstarrten, einige mit den fahrigen Gesten von Halbverrückten, andere wieder völlig apathisch an der Wand hockend. Ich vernahm das Rasseln schwerer Schlüsselbünde, und mit einem nervtötenden Schleifgeräusch näherte sich allmählich der Rollwagen voller Frühstücksschüsseln, die der Wärter träge eine nach der anderen in die Zellen schob. Dem Rasseln, Schleifen und dem wiederholtem Quietschen rostiger Türangeln nach zu urteilen, war unsere Zelle die letzte im Gang.

Für die graue Pampe in den Schüsseln hatte niemand viel übrig, zumal es im gesamten Zellentrakt so erbärmlich stank, dass selbst die widerlichen Toiletten keiner besonderen Erwähnung mehr bedurften. Die meisten schlangen das Zeug dennoch herunter, denn es war immerhin eine Abwechslung im ereignislosen Tagesablauf. Und die meisten hatten auch immer noch so etwas wie ihren Lebenswillen – als Frage, als eine einzige Frage: Wie komme ich hier raus? Dafür musste man bei Kräften bleiben, also musste man essen, egal ob es einem schmeckte oder nicht.

Wir saßen wie die Schwerverbrecher im schummrigen Licht einer fliegenverkrusteten Deckenleuchte und dachten an Flucht. Immer wieder an Flucht. Unzählige Fluchtfantasien sorgten endlos für Gesprächsstoff. Zuerst hörte ich zu und erwog ernsthaft jeden noch so absurden Vorschlag, bis ich merkte, dass unser Dauerthema nichts als ein Hirngespinst war und bleiben würde. Es diente der Unterhaltung, es war eine Art geistiges Training, und – um die Wahrheit zu sagen – es hinderte mich daran, eine triste Tatsache zur Kenntnis nehmen zu müssen: Der einzige Weg nach draußen führte durch die vergitterte Tür, und dieser Weg wurde vom Wärter mit seinem rasselnden Schlüsselbund bewacht. Ab und zu schubste er durch die Gittertür einen Neuen hinein, und gelegentlich, wenn auch äußerst selten, holte er einen der Alten wieder heraus.

Flucht konnte ich mir aus dem Kopf schlagen. Ich rollte mich stumm in einer Ecke zusammen und war tagelang nicht mehr ansprechbar. Irgendwann setzte sich der alte Balu neben mich. Er blieb einfach neben mir sitzen. Und irgendwann flackerte ein Funken meiner schon fast erloschenen Neugier wieder auf.

Ich drehte mich zu ihm herum. Er war grauhaarig und groß, fast schon unheimlich, aber vom Alter bereits ganz krumm. Ein Ohr schief, das andere zerschlitzt wie Gulasch. Überall Narben. Das rechte Auge fehlte und mit dem linken schaute mich der dienstälteste Insasse meiner schäbigen Zelle eine Weile wach und forschend an.

»Wurde aber auch langsam Zeit, mein Junge. Oder wie lange willst du noch die Wand anstarren? Gibt nicht viel her, so eine graue Wand, auch wenn sie gegenüber zur Abwechslung mal weiß gestrichen ist. Nee, Wände anstarren bringt’s nicht, glaub’ mir«. Balu fuhr sich mit seinen riesigen Pfoten über das Gesicht.

»Was willst du von mir«, fuhr ich ihn an und er lachte. »Nichts, nur plaudern. Komm, lass uns plaudern, nicht diesen Schwachsinn über Flucht. Erzähl’ mir, woher du kommst und wie du hierher geraten bist«.

Als Balu alles von mir wusste, auch die weniger schmeichelhaften Dinge wie mein mangelndes Geschick im alltäglichen Überlebenskampf, meine lächerlichen Versuche, alleine klar kommen zu wollen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, das Schicksal zu meinen Gunsten zu lenken, strich er sich lange über das Gesicht. »Junge, du bist nicht der Erste, der so was durchmacht. Mit der Zeit lernt es jeder, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Aber dein Pech ist, dass du dich zu früh hast schnappen lassen.«

Einen Moment lang dachte ich, wieso schnappen lassen, was kann ich denn dafür, dass da plötzlich Endstation gewesen war, aber dann dämmerte mir etwas: Ich hatte mich schnappen lassen! Wäre ich doch bloß nicht so verdammt unerfahren gewesen. Das hatte mir meine Abenteuerlust am Ende eingebrockt. Ich schniefte beschämt vor mich hin. Balu widmete sich einer gründlichen Untersuchung seiner Zehen. Schließlich bat ich ihn zerknirscht um einen ganz großen Gefallen: »Balu, bing’s mir bei!«

»Das kann ich nicht! Sieh dich doch mal um, Junge. Wo ist hier die Straße, wo das Jagdgebiet? Welche Art Übung soll hier stattfinden können? Nein, streng’ deinen Grips an und sage mir dann – unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände – ganz genau, was du willst. Darüber können wir reden.«

Balu überließ mich meinen Gedanken, strich durch die Zelle, unterhielt sich mal mit diesem, mal mit jenem, gähnte ausgiebig, hielt Mittagsschlaf, stopfte sich das Abendbrot rein und schlief ungerührt weiter.

Am nächsten Morgen suchte ich ihn auf. »Ich habe nachgedacht, du hast recht. Hier drinnen kann ich nicht das lernen, was ich draußen brauche. Folglich macht nur eine einzige Frage Sinn«. Ich zögerte: »Wie schaffe ich es hier raus?«

»Na endlich, mein Junge. Dachte schon, du kommst nie drauf. Aber du bist ein schlauer Bursche. Und das mit deiner Abenteuerlust geht auch in Ordnung, schau dir doch nur einmal die an, denen sie fehlt. Traurige Gestalten. Tja, wie kommst du hier raus. Irgendeine Idee, die du garantiert noch nicht vernommen hast?«

»Äh, nein. Alles verriegelt, Fenster, Lüftung, Tür. Die Wände und der Boden sind zu hart zum Graben. Die Wärter passen auch draußen auf, falls es wider Erwarten gelingen sollte, durch diese Tür«, ich deutete auf das magische Gitter, »hinaus zu schlüpfen. Tja, wenn die Wärter uns nicht hindern würden …«

Balu nickte. »Richtig, wenn sie genau das nicht täten! Eines solltest du wissen. Hier in der letzten Zelle des Traktes sitzen die, die keiner mehr haben will. Wir sind die Aussortierten, das Allerletzte. Jeder hat ein, zwei oder mehr Probleme. Alter, Krankheit, flatternde Nerven. Oder«, er grinste, »sie sind so hässlich wie ich.

Nicht deine Sackgasse mit den Mülltonnen, sondern das hier ist die Endstation. Zumindest für die meisten von uns. Fast alle waren schon mehrfach draußen gewesen, haben sich dort irgendwie über Wasser gehalten, ihre Fehler gemacht und daraus gelernt. Manche hatten bessere Tage erlebt, einigen war es wahrhaftig noch weitaus schlechter ergangen als hinter Gittern, und das will etwas heißen. Du hast Glück gehabt, dass es gar nicht erst so weit mit dir gekommen ist.« Das Einauge kreiste durch die Zelle. »Es gibt welche unter uns, die sind durchaus dankbar für die zwar miese, aber zuverlässige Verpflegung hier drinnen. Für den Schutz, für die hier gebotene medizinische Versorgung, für das Ausatmen dürfen.«

Das klang niederschmetternd. Ich hatte Angst vor der Antwort auf die Frage, die mir auf der Zunge lag: »Warum bin ich denn ausgerechnet in dieser allerletzten Zelle«?

Balu wog den schweren Kopf hin und her. »Nun, mein Junge, schau dich doch mal an. Du bist zwar noch jung, und alles ist noch dran, aber schön bist du nicht. Viel zu mager. Die Rippen kann man ja zählen. Immerhin, das Blut ist getrocknet und das Fell heilt schon wieder zusammen. Was aber den eigentlichen Grund für deine Einweisung in die Zelle am Ende des Traktes anbetrifft – es ist dein Benehmen! Du bist nicht gut drauf, wenn du weißt, was ich meine.«

Ich wusste es nicht. Was war mit meinem Benehmen nicht in Ordnung? Ich grüßte jeden einigermaßen freundlich, der mich nicht gerade anmachte, gab Auskunft, wenn ich gefragt wurde, sprach mit allen, die auch mit mir sprachen, gab mir Mühe, mich sauber zu halten, ertrug auch einige anmaßende Bemerkungen, bevor ich es mir anders überlegte, und – na klar – ich schlug mich mit jedem, der unverschämt wurde. Das fand ich allerdings wirklich okay.

Mit einem »Denk mal drüber nach«, ließ mich Balu alleine. Ich warf mich in meine Ecke und grübelte. Worum ging es? Es ging nicht um das Leben draußen, wo ausgeteilt und eingesteckt wurde, bis die Verhältnisse wieder gerade gerückt waren. Balus Hinweis musste etwas mit dem Leben hier drinnen zu tun haben. Ich begann meine Zellengenossen genauer zu beobachten und stellte zwei unterschiedliche Verhaltensweisen fest. Es gab die Zuvorkommenden und es gab die Zurückhaltenden. Ich selbst zählte mich zur zweiten Kategorie.

Wer auch immer auf mich zukam – ich trat grundsätzlich mehrere Schritt zurück, legte Wert auf Distanz. Kam jemand trotzdem näher als üblicherweise vorgesehen, stellten sich mir jedes Mal die Nackenhaare auf und ich signalisierte völlig unmissverständlich mit allem, was mir zur Verfügung stand: »Bleib mir vom Leib.« Oder:

»Noch einen Schritt weiter, und du bist Hackfleisch.« Meiner Meinung nach war das die einzig sinnvolle Reaktion, um draußen irgendwie am Leben zu bleiben.

In den letzten Wochen waren gerade mal drei aus der Zelle geholt worden. Es waren drei Zuvorkommende gewesen. Ich erkundigte mich nach früheren Fällen und erfuhr, dass die Entlassenen fast immer der ersten Kategorie angehört hatten. Ich teilte Balu meine Beobachtung mit. Er schaute mich prüfend an. »Aber hallo, du bist ja ein ganz Aufgeweckter, mein Junge. Beantworte mir bitte folgende Frage: Was geschieht deiner Meinung nach mit den Entlassenen?«

Na was wohl. Meiner Meinung nach kamen sie nach draußen. Also dahin, wo sie hergekommen waren. Etwas anderes konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Balu begann mir zu erklären, dass es mehr als nur ein Draußen gab. »Die Entlassenen bekommen einen Job. Der zukünftige Arbeitgeber sucht sie sich hier aus. Sind dir noch nie die Besucher aufgefallen?

Die kommen natürlich nur selten bis zu unserer allerletzten Zelle am Ende des Ganges, weil sie weiter vorne längst fündig geworden sind. Sie schnappen sich fast immer die Hübschen, die jung, gesund und zuvorkommend sind. Der Job ist nicht weiter schwierig, setzt aber voraus, dass du dich strikt an die Vereinbarungen hältst.

Jemand, der dich aussucht, erwartet von dir unbedingte Loyalität. Das heißt, du gehörst an den Platz, der dir bestimmt wird, und du darfst ihn nicht so, wie du es bislang gewohnt warst, bei der erstbesten Gelegenheit auf Nimmerwiedersehen verlassen. Im Gegenzug gibt es regelmäßig etwas zu essen und eine dauerhafte Unterkunft, die dir niemand streitig macht. Und wenn du Glück hast, dann ist das ein zufriedenstellendes Arrangement für beide Seiten. Du musst diese Leute aber umschmeicheln, ja, du musst ihnen buchstäblich aus der Hand fressen und sie davon überzeugen, dass du großes Vertrauen zu ihnen hast. Du musst ihre Nähe ertragen können und ihnen deutlich zeigen, dass es dir recht ist. Nur so kommst du hier raus, und zwar für immer.«

Balu dachte einen Moment lang nach. »Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe mich darauf eingelassen als ich so ein Junger war wie du, frisch von der Straße weg.

Anfangs ging es mir sehr gegen den Strich. Aber mit der Zeit habe ich es gelernt und vor allem kapiert, welche Vorteile das mit sich bringt. Mit der Zeit konnte ich mir auch gewisse Freiheiten erlauben. Abends mal ein paar Stunden verschwinden für ein kleines Treffen mit den alten Kumpels ging durch. Hauptsache, ich tauchte pünktlich zu den Mahlzeiten wieder auf. Dummerweise verstarb meine Arbeitgeberin vor mir, und ich wurde wieder eingelocht. Mittlerweile bin ich zu alt, um bei den Besuchern noch Sympathien erwecken zu können.« Balu sperrte den Rachen auf und zeigt seine Zahnlücken.