24,99 €
David hat ein siegessicheres Vorbild: Jene überwältigende Statue aus Marmor, die seit Jahrhunderten die Menschen fasziniert. Als auch er in Florenz an der Hand seines Vaters vor dem Kunstwerk Michelangelos steht, weiß er, dass es nicht einfach werden wird. Von der Stärke, die David zugesprochen wird, spürt er selbst nicht viel. Wo fing es an? Um diese zentrale Frage kreist der Roman, der die Geschichte eines Suchenden erzählt. Als Kind sucht David seine Stärke im Wald, während er sich mit dem Großvater um Tiere und den Baumbestand kümmert. Als Heranwachsender sucht er seinen Widerstand in den Kunstwerken, die er mit dem Vater in dessen Museum betrachtet. Er will Künstler werden, beginnt ein Studium der Bildhauerei und scheitert an den eigenen Anforderungen, verliebt sich und wird verlassen, reist ans andere Ende der Welt und findet Briefe, deren Geheimnisse zu einer schmerzlichen Erfahrung werden, die alles infrage stellen. Im Zimtlicht des zu Ende gehenden Jahres erzählt sich Davids Geschichte neu und gibt endlich Antworten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2024
Minu Ghedina
Minu Ghedina
Roman
OTTO MÜLLER VERLAG
Das bei der Produktion dieses Buches entstandene CO2 wurde durch die Finanzierung von Klimaschutzprojekten kompensiert.
Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert von:
www.omvs.at
ISBN 978-3-7013-1321-1
eISBN 978-3-7013-6321-6
© 2024 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Christine Rechberger
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Umschlaggestaltung: wir sind artisten, nach einem Gemälde von Minu Ghedina
Druck und Bindung: Florjančič Tisk
I. Suchen oder finden
II. Auf halbem Weg
III. Bleiben oder gehen
Dank an Angelika für ihre beständige emotionale Unterstützung.
aber irgendwann
werde ich die Fenster öffnen
weit
und im Zimtlicht der Morgensonne
auferstehn
Letztendlich bleiben wir, was wir sind.
Die Kobolde aus dem Kinderbuch.
Notausgänge mit Leuchtschrift.
Das Lumpenkasperle.
Der Gorilla schlägt einen Purzelbaum. Sein schwerer Körper wirkt plötzlich ganz leicht.
Großvaters belegte Brote. Immer aus der Metalldose. Dieses Klicken der Spange. Wenn er sie öffnet und schließt.
Die Kindheit ist voll davon.
Die Strommasten wie blattlose Bäume, an die wir uns gewöhnt haben.
Die Schubumkehr. Mit der Bauchatmung beginnen. Hand aufs Herz.
Wie fing es an. Warum fing es an. Oder auch: Wo fing es an.
Verändert sich das Leben in den guten Momenten, den zarten und zerbrechlichen, den starken, die wie Höhenflüge sind, oder in den ausgefransten, die uns Antworten zuwerfen, mit denen wir nichts anfangen können oder die wir nicht wollen.
Könnte man die Worte wählen und die Tage und die Farben, die sich in die Morgenröte schieben als pures Abenteuer.
Wann fing es an.
Schwerfällig reihen sich die Gedanken aneinander. Er ist müde und die Fingerspitzen sind taub. Seine Oberfläche entfernt sich von der Welt. Er hat das bemerkt.
Er schreibt das heutige Datum auf das Papier. Es lässt sich nicht fassen. Was bedeutet die Drei und das Wort Oktober. Er zögert und könnte es genauso gut wieder durchstreichen. Aber das wäre ein schmutziger Start und deswegen legt er den Stift zunächst beiseite. Er schiebt das Blatt von einer Ecke des Tisches zur anderen, bis es irgendwo über den Rand rutscht und federleicht zu Boden fällt. Er sieht dem Papier nicht hinterher. Sein Blick gilt dem Abend, der sein Zimtlicht zwischen die kahlen Äste der Bäume schiebt. Wie Schriftzeichen heben sie sich vom Orangegrau des Himmels ab. Der Raum hängt sanft in diesem Licht. Die Schatten der Äste werfen Rätsel an die Wand.
Die Erinnerung ist sorgsam um ihn bemüht. Sie brennt in ihm. Er steht auf und geht zur vertäfelten Wand seines Zimmers. Sie hat im Laufe der Jahre ihre Zusammenhänge verändert. Lange stand das Bett davor. Manchmal ein Tisch, eine kurze Zeit das Bücherregal. Aufdringlich enthob es dem Holz seine Schönheit und wurde schnell wieder versetzt. Jetzt ist die Wand frei. Sie ist dunkel geworden und hat die Stimmung des Raumes nicht dem Licht zu verändert. Er mag das nicht. Der Vater hat vor Jahren vorgeschlagen, sie abzuschleifen. Diesen Zeitpunkt hat er versäumt und sich letztendlich an das Dunkel gewöhnt. Nun ist eine Veränderung nicht mehr notwendig.
Kurz schließt er die Augen und der eine Gedanke kommt wieder: Gibt es einen Moment, den er versäumt hat. Gib es etwas, das er übersehen hat, und es sich genau da festzusetzen begann. Er wühlt sich durch die Tage, Monate und Jahre wie in die Gedärme seines Inneren, wie in die unendlichen Längen der Blutgefäße, der Muskelfasern, der feinen Äderchen und Partikel, die ihn ausmachen. Sein Inneres ist ein Gefüge ohne Anfang und Ende.
Eigentlich wusste er, wohin er wollte. Oder nicht. Jetzt sind die Ideen ausgegangen. Der Blick ist versperrt. Ein Balken hängt vor den Gabelungen seiner Gedanken und blockiert alles. Irritiert reißt er die Augen auf. Er holt rechtzeitig Luft.
Er dreht sich zur Holzwand und macht es wie damals als Kind. Er setzt sich auf den Boden und ganz dicht an das Holz. Er fängt, wie früher, mit den Fingerspitzen an. Das erweckt für Augenblicke ihre Verfügbarkeit. Sanft streifen sie über die Oberfläche. Er schließt die Augen und spürt den samtenen Wellen und Schwingungen von Tälern und Hügeln nach. Die Fingerkuppen nehmen diese äußerst feinen Bewegungen des Holzes wahr und er ist erleichtert. Sie können das noch. Dann legt er die Wange an die Wärme. Die Berührung hat sich nicht verändert. Auch das ist gut. Er mag es, wenn das Holz in seine Haut atmet. Es schenkt ihm etwas Namenloses, das ihm gehört. Leicht dreht er das Gesicht. Das ist der beste Moment. Wenn er am Holz riecht und sich ihm sein Duft, manchmal bereits an der Oberfläche, manchmal erst nach mehreren Atemzügen, öffnet. Da wird er durchlässig und nimmt ihn bis in sein Innerstes auf.
Er ist Heimat. Verlässlich und stark.
*
Er mochte den Fuß nicht. Er fraß sich in seinen Blick. Er bedrängte ihn. Trat beinahe auf ihn ein. Ungnädig war seine steinerne Masse. Sie schob sich hart in die Welt. Und das war noch nicht alles. Hob er etwas den Kopf, hing der kantige Ellenbogen über seinem Scheitel, als könnte er jederzeit auf ihn stürzen. Er wich zurück, er stieß mit Menschen zusammen, die ihn unbarmherzig gegen den Sockel drängten.
Lass das, sagte er, als jemand ihn grob beiseiteschob. Er sagte es leise.
Auf der anderen Seite des Sockels stand sein Vater. Andächtig hatte er den Blick nach oben gerichtet und war zufrieden. Als ob er betete. Es erinnerte David an die Blicke vor Gemälden, in denen der Vater kurz versank. Er konnte das. David setzte sich manchmal dazu und übte. Jetzt zog der Vater David zu sich und deutete auf die vollständig ausmodellierte Hand der Skulptur.
Schau dir diese Hand an, schau nur, jedes Äderchen ist da, die Fingernägel, man spürt sogar die Haut um die Fingernägel, die Muskeln und Falten. Man spürt die Kraft. Ist das nicht großartig. Der Vater rief es der monströsen Gestalt zu, die stoisch seit Jahrhunderten ihren Blick über alle erhob. David beobachtete seinen Vater. Er mochte seine Leidenschaft, mit der er sich zwischen Kunstwerken bewegte. Er stellte sich hinter David und legte die Hände auf seine Schultern. Die Wärme von Vaters Körper enthob ihn jeglicher Not. Es ging ihm gut.
Wie kann man so ein Werk schaffen. Der Vater griff in seiner Freude fest in Davids Schultern und schüttelte ihn ein wenig. Sie lachten, weil er mit dem Kopf wackelte wie ein Wackelhund. Noch mal!
Sie standen mitten in Florenz. Vor ihnen erhob sich eines der gigantischsten Werke der Kunstgeschichte. Menschenmassen bedrängten sie. Stoisch blieb der Vater an der Stelle und blickte über die Menschen hinweg zu der Skulptur. David versuchte die Euphorie des Vaters zu verstehen.
Warum hast du mich nach ihm benannt.
Der Vater lachte: Deswegen. Weil er großartig ist. Ich liebe ihn.
Ich bin aber nicht so stark wie er.
Darum geht es nicht, David. Er schüttelte ihn wieder leicht. Aus meiner Zuneigung zu ihm und weil der Name einfach schön ist. Oder nicht.
David nickte. Die Dimension dieser Statue überforderte ihn. Unentwegt sah dieser David in die Ferne und über alle hinweg. Die Menschen interessierten ihn nicht. Er wollte den Kampf und er wollte den Sieg. Er war bereit. Er hatte keine Angst. Die angespannten Muskeln zeugten vom bevorstehenden Kampf, die Lockerheit der Haltung machte ihn zugleich siegessicher. Schön war er in seinem weißen Marmor und den zarten Maserungen. Er atmete seit Jahrhunderten in die Welt und der Gedanke lag nahe, diese ewige Haut berühren zu wollen.
David nahm den Vater an der Hand und zog ihn fort. Hinter dem Getümmel hielt er an und blickte zur Skulptur. So war es besser. Von hier aus könnte er sie mögen, sie bewundern, etwas von ihr lernen, ihren Gesten nachspüren, der Haltung, dem Blick, dem Muskelspiel. Zumindest die Siegessicherheit legte sich jetzt warm in seine Erinnerungsfelder. Anderes verdrängte er.
Ich bin David, sagte er. Jemand stieg ihm auf die Füße und er schubste den Rücken weg.
Später holten sie sich eine warme Pizza und Eistüten aus einem Laden hinter dem Platz. Sie saßen auf einer Bank an der warmen Hausmauer und blickten in die schmalen Gässchen. Sie beobachteten die Menschen und David mochte es, wie sie lachten und mit der Sonne spielten oder den Vögeln etwas zuwarfen und dem Abend ihren Blick öffneten. Das überspann die Landschaft zärtlich, und die Hausgiebel und verschlossenen Gärten wurden zu verwunschenen Orten voller Geschichten.
Der warme Abend schob sich immer weiter in die schmale Häuserflucht und es war gut, hier mit Vater zu sein. Es war ihre erste gemeinsame Reise. Sie schickten Fotos nach Hause, auf denen im Hintergrund bunte Lämpchen schaukelten. Wenn sie sanft aneinanderstießen, klang etwas an. Ein Lied vielleicht. Gut für eine Erinnerung.
Eine Papiertüte stand auf dem Stuhl. Der Vater griff hinein und zog den Katalog hervor: David, die erste europäische Kolossalstatue seit der Antike. Er hatte ihn für David gekauft und strich sanft mit der flachen Hand über die Plastikhaut. Sie glänzte und schlug leichte Wellen. Er nickte David zu und legte das Buch wieder zurück.
David lehnte sich an die warme Mauer. Ein leichter Geruch ging von ihr aus. Jahrhunderte hingen in den Steinfugen. Das Alter und etwas Feuchtigkeit vermischten sich zu einem leicht moderigen Konglomerat. Es war ein angenehmer Geruch und er erinnerte an eine Vergangenheit, die so weit zurücklag, dass man nur aus den Gerüchen die Bilder weben konnte. David mochte das. Er mochte es, sich in Bildern zu verlieren und in ihnen Geschichten zu erfinden, die ihn mitnahmen.
Der Katalog blieb an Davids Seite. Er begleitete ihn und gehörte zu seinem Leben. Manchmal wog er schwer. Oft und fast täglich studierte er die Bilder. Je älter er wurde, desto unvorstellbarer schien ihm, wie Michelangelo es gelungen war, dieses Werk zu schaffen. Welche Rechenkünste er angelegt haben musste, um dem Kopf genau das richtige Maß zu geben für den fünf Meter entfernten Blick. Er begann Vaters Euphorie zu verstehen. Irgendwann kannte er jede Seite des Buches, jede Faser der Skulptur, jeden Muskelstrang und die Armbeuge über dem Ellbogen. Dieser Blick von unten auf die Ellbogenspitze in Florenz überstand die Jahre und war kein gutes Erinnerungsbild. Es löste sich nicht auf. Vielleicht, dachte er später, sollte er noch einmal dorthin zurück, um sich von diesem Blick zu befreien.
*
David, was machst du da.
Erschrocken fuhr er herum. Hinter ihm stand die Mutter. Ich habe dich gerufen, du hast nichts gehört. Was machst du da. Sie sagte es erstaunt.
Ich rieche das Holz. Er drückte die Nase gegen die Vertäfelung.
Die Mutter lächelte: Das hat dir bestimmt Großvater vorgemacht.
David nickte. Am Geruch erkennt man die Baumart.
Aha. Die Mutter deutete zur Türe. Er wartet unten auf dich.
Schnell sprang David auf und rannte die Treppen hinunter. Immer gleich zwei Stufen auf einmal. Die letzten vier übersprang er und landete genau vor Großvaters Füßen.
Los, komm, zieh dich an, ich muss nochmals in den Wald, um ein Nest zu kontrollieren. Kannst mitkommen, wenn du willst.
Schnell zog David seine Stiefel und die Jacke an. Fertig! Großvater nickte, drehte sich um und marschierte los. Sein breiter Rücken war ein Schutzwall. David beeilte sich, um ihm hinterherzukommen.
Und die Hausaufgaben!
David war schon weit, drehte sich um und rief der Mutter zu: Später. Sie stand in der offenen Türe und das Licht fiel genau auf ihren Scheitel. Kurz hielt er inne und sein Blick hing an ihr wie das Licht. Dann rannte er weiter.
An der Straße hinter dem Haus fing der Wald an. Der Boden war vom vielen Regen aufgeweicht und sie sanken bei jedem Schritt leicht ein. Der Großvater ging vor und David hinterher. Seine Füße passten zweimal in die Fußstapfen des Großvaters. Sie lagen weit auseinander und er musste große Schritte machen, um sie zu treffen. Der Großvater drehte sich um und lachte.
Sie gingen bis zur Anhöhe. Unter ihnen lag das Dorf still und eingebettet in sanfte Hügelwellen. Der Wind berührte sie und die Bäume hinter ihnen. Man hörte ihre Windstimmen. Ein Rauschen, ein sanftes Knistern. Ein Flüstern. Schob sich bis in die Baumkronen und verlor sich.
David kannte den Wald gut. Großvater nahm ihn oft mit und erklärte ihm seine Geheimnisse. Überall waren Tiere, Gerüche, Farben, Verstecktes, Unerwartetes, eine Welt in der Welt. Wie in eine Kapsel tauchte er, wenn sich die Bäume um ihn schlossen und der Himmel nur durch kleine Risse im Blätterdach tropfte. Der Wald sang sein eigenes Lied.
Großvater benannte jeden Baum, jedes Blatt, jede Spur im Schnee und jeden Ruf eines Vogels. Er beugte sich hinunter und griff in den bemoosten Boden. Er hob etwas hoch, untersuchte es und nickte, oder er steckte es in seinen Beutel und nahm es mit. Manchmal blieb er unerwartet stehen und legte seinen Finger auf den Mund. Sie verstummten beide, atmeten verhalten und lauschten. Zart vibrierte der Gesang eines Vogels durch das Geäst und es kam von einer anderen Seite die Antwort. Was sie sich wohl erzählten.
Der Großvater und David erfanden einen Vogeldialog. Es beruhigte, dass die Vögel ihr Geheimnis nicht preisgaben. Es beruhigte, dass es Geheimnisse gab, die sich nicht öffneten. Die Sprache der Tiere malte den Träumen einen Raum.
Auch die Bäume, sagte der Großvater, lassen uns eintauchen und ihr Wissen erahnen, aber preisgeben werden sie es nie. Sie sind klüger als wir.
Diese Sätze verankerten sich in David als Sicherheit für zerbrechliche Momente. Er hielt als Kind seinen Großvater für den klügsten Menschen. Den Vater und die Mutter für die Zweitklügsten.
Sie setzten sich auf einen Baumstumpf und der Wald breitete sich wie ein Gabentisch vor ihnen aus. Bescheiden und selbstverständlich. Großvater musste nur seinen Blick heben oder seine Hand drehen, und David verstand die Geste und sah in dem Geäst ein Eichkätzchen oder weit hinten in der Baumhöhle die leichte Bewegung eines Käuzchens. Großvater hob einen abgebrochenen Zweig hoch und roch daran. Dann reichte er ihn David.
David roch auch daran und sagte: Fichte, oder Tanne. Nein warte, Zirbe, Großvater, es ist Zirbenholz.
Stumm saßen sie in ihrer Waldheimat. David lehnte sich an den Großvater.
Ich hätte es nicht anmalen können, sagte er später.
Ich weiß. Der Großvater drückte seinen Arm. Gestern hatten die Eltern in die Sprechstunde gemusst. Es hatte in der Schule die Aufgabe gegeben, den Wald zu malen, und David hatte sich gefreut. Er zeichnete Bäume und Blätter und Tiere, eine Idee reihte sich an die andere und er verlor sich in den Details. Dann weigerte er sich, das Bild anzumalen. Die Lehrerin forderte ihn mehrmals auf, die Aufgabe zu erfüllen, aber er schüttelte störrisch den Kopf, verschränkte seine Arme und betrachtete stolz sein Paradies. Sie verstand ihn nicht und gab ihm für das Blatt eine Fünf. Es war ihm egal. Die Eltern lachten. Sie verstanden die Antwort. Breitbeinig hatte David sich vor ihnen aufgestellt und gemeint: Großvater hat gesagt, der Wald besitzt so unendlich viele Grüntöne. Wie hätte ich die malen können.
Jetzt gingen sie auf einen bestimmten Baum zu. David war aufgeregt. Großvater deutete ihm stehen zu bleiben und legte seinen Finger auf die Lippen. Dann zog er seine dicken Lederhandschuhe an und kletterte ein Stück den Baum hoch. In der Baumhöhle sah David die Ohren eines Käuzchens. Mit einem schnellen, sicheren Griff packte der Großvater das Tier und holte es aus der Höhle. Er zog den rechten Flügel auseinander und begutachtete ihn. Seine Finger glitten rasch und vorsichtig die Federn und zarten Knochen entlang. Das Tier versuchte sich zu wehren. Sein Schnäbelchen öffnete und schloss sich aufgeregt. Dann drehte es langsam seinen Kopf und seine riesigen Augen trafen direkt auf David und fixierten ihn. David erschrak. Der Blick hing stumm im dumpfen Waldlicht. War er ein Hilferuf, meinte er: Hilf mir. David erzitterte über diesem direkten Augenaufschlag. Er hob die Schultern und spürte sein Herz. Das muss sein, flüsterte er. Er muss nachsehen, ob es dir wieder gut geht.
Schon setzte der Großvater sachte das Tier zurück in die Höhle und verließ rasch den Baum. Er zog seine Handschuhe aus und nickte: Es scheint alles in Ordnung zu sein.
David war erleichtert und warf noch einen letzten Blick zu dem Käuzchen. Es versuchte sich zurechtzufinden. Es zupfte an seinem Gefieder.
Großvater gehörte zu einer Organisation, die sich um den Fortbestand von Eulen kümmerte. Er hatte alle Nester im Blick, versorgte verletzte Tiere, beringte jedes Frühjahr zusammen mit anderen die Jungtiere und hielt Vorträge. Manchmal durfte David ihn begleiten.
Auf dem Rückweg setzten sie sich kurz auf die Bank hinter der Anhöhe. Dieser Bildausschnitt reihte sich in die guten Erinnerungsfelder. Sie blickten gemeinsam in die Herbströte. Sie verbrannte die Bildränder und trennte die Welt vom Wolkenkarussell. Unterhalb und weit entfernt rang eine Kirchturmspitze mit dem Licht.
Es war ein beruhigender Gedanke, dass sie dasselbe sahen und sich Arm an Arm spürten. Und dass das Schweigen ihre Sprache vervollständigte. Nichts zerbrach. Dann gingen sie wie immer über den kleinen Friedhof zurück nach Hause.
Hast du noch viele Hausaufgaben.
Nein. David log.
Ich will keinen Ärger.
Sie nahmen eine Gießkanne und füllten sie mit Wasser. Dann gingen sie zum Grab.
Zwei Winterlinden standen in seinen Ecken. Großvater hatte sie vor Jahren gesetzt. Jetzt überragten sie die Mauer und neigten sich sanft zueinander. Vielleicht hatte Großvater sie genau deswegen ausgewählt. Er sprach nicht darüber.
Als ob sie sich umarmen wollen.
Der Großvater nickte. Hier war er noch schweigsamer als sonst. Großmutter war vor zwei Jahren gestorben und das Haus hatte ohne sie lange leer und verlassen gewirkt, obwohl alle, die Eltern, David und der Großvater, darin wohnten. Die Leerstellen hingen fest und nichts erblühte. Schwerfällig krochen die Pflanzen der Sonne zu und brachen erfolglos wieder ein. An allen Ecken haftete Großmutters Blick, ihre Gesten verharrten an den Gegenständen und ließen keine Hoffnung zu. Alle waren stumm geworden.
Inzwischen schien die Zeit den Schmerz verdrängt zu haben und das Haus erwachte wieder. Nur an diesem Ort blieb die Trauer. An diesem Ort wurden die Fragen zu einer unbezwingbaren Festung. Hier gab es keine Antworten, kein Lachen, keine Worte, die sanft sich um das Herz legten, Worte, die erklärten. David hatte aufgehört zu fragen und erfand seine eigenen Antworten. Manchmal wollte er den Großvater schütteln.
Stumm zupfte der Großvater verdorrte Blätter fort und zerrte an dem störrischen Unkraut. Weit oben stand der Name Hannah Färber. Sie war Großvaters jüngere Schwester gewesen, die mit vier Jahren gestorben war, mehr wusste David nicht und der Großvater hatte noch nie über sie gesprochen. Stumme Mitbewohner allerorts. Sie warfen gelegentlich ihre Schatten in die Räume und Tage und Gespräche, und David stolperte über sie.
Er polierte jetzt mit seinem Ärmel den Namen und holte die abgebrannte Kerze aus der Laterne.
Jemand grüßte. David sah zu Großvater. Der nickte verhalten und stand mit seinem stoischen Schweigen in der Dämmerung. Er gab nichts von seinen Gedanken preis. Seltsam fern seine Hand. Der breite Rücken jetzt beinahe eine Wand. Ein Vogel schrie in den nahen Abend und Großvater blickte kurz hoch. Dann holte er tief Luft, nahm Davids Hand und sie gingen zurück.
*
Als er wach wird, blickt er um sich. Die Dämmerung hat den Raum erfasst und legt sich bis in seine Armbeugen. Der Fensterausschnitt ist leer. Er spürt an seinem Rücken die Holzwand und lehnt sich erleichtert zurück. Sie ist weich und warm.
Dann leuchtet das Handy auf dem Tisch, hüpft ein wenig und er steht auf.
David, gut deine Stimme zu hören. Es knistert unruhig im Telefon. Amerika ist weit.
Ja, Mutter. Er setzt sich. Direkt am Schreibtisch hat er den besten Empfang.
Wie ist es dir gestern ergangen.
Gut, lügt er. Er hätte gestern ein Gespräch für eine schriftliche Arbeit gehabt. Er ist nicht hingegangen.
Dann kannst du jetzt mit Recherchen beginnen.
Genau, sagt er. Ich habe schon Ideen.
Er spürt ein Zögern der Mutter. Sie kennt ihn und nimmt bestimmt die Schwingungen wahr, die er zu verbergen versucht. David, geht es dir nicht gut. Was ist los.
Doch, lügt er, mir geht es gut.
Wenn etwas ist, kann ich jederzeit kommen.
Mutter, mach dir keine Sorgen, ich bin ein bisschen müde. Er drückt das Gerät an seine Wange. Wäre es gut, wenn sie jetzt käme, ihn in den Arm nähme wie früher als Kind. Wäre es gut, wenn ihre Wärme seine dumpfen Hautoberflächen erlöste. Könnte sie das. Ihn erlösen. Er ist kein Kind mehr und er ist nicht erreichbar. Er weiß es. Er würde erschrecken über die dumpfe Ahnung ihrer Wärme.
Er hört im Hintergrund den Vater etwas rufen. Er versteht ihn nicht.
Vater fragt, ob du hin und wieder zum Grab gehst und eine Kerze anzündest.
Natürlich.
Gut. Was hat der Heizungsmechaniker gesagt. Ist die Therme in Ordnung.
Natürlich. David ist erstaunt, wie gut er lügen kann. Er hat den Heizungsmechaniker nicht zurückgerufen für einen Termin. Er weiß nicht, ob die Heizung funktioniert. Er friert nicht und es war bis jetzt nicht notwendig, sie anzuschalten.
Er sieht aus dem Fenster. Der letzte Rest Licht hängt im äußersten Eck fest. Schwankt in die Dunkelheit. Langsam verschwindet die Welt. Als das Handydisplay erlischt, ist es ganz dunkel.
*
Wo fing es an. Er zögert noch immer. Er hebt das Blatt Papier auf und legt es sorgfältig zurück auf den Tisch. Jetzt stimmt das Datum nicht mehr. Es ist unwichtig. Wie fing es an. Er dreht den Stift zwischen den Fingern, dann beginnt er. Ich, schreibt er, und weiter, ich mochte den Wald. Nach ein paar Sätzen spürt er den Stift nicht mehr und hält inne. Das ist seltsam, wenn einem die Welt entrückt. Und wo sind die Träume.
Er legt den Stift auf den Tisch. Die Hand, die in seinen Blick rutscht, zittert. Er beobachtet, wie sie entgleitet. Sie rutscht unter die Tischplattenhaut. Er möchte sie festhalten. Er kann nicht. Bevor sie ganz verschwindet, steht er schnell auf.
Er streunt durch das Haus. Die Erinnerungen sind allerorts und haben sich verändert. Er blinzelt, weil er manchmal denkt, es wären die Augen, die sich verändert haben und schuld sind an den Verformungen, Verdoppelungen und Durchlässigkeiten wie im Röntgenblick. Sind es die Augen, die den Dingen ihr Licht und ihre Schönheit entziehen. Kann das sein. Er reibt an ihnen und betrachtet sich im Spiegel. Da ist noch immer er: David. Fünfundzwanzig Jahre alt. Durchtrainiert. Groß, schlank. Die dunklen Locken etwas länger als früher. Die Frauen mögen das. Das hat zumindest Klara gemeint, als sie ihm vor Tagen begegnet ist. Sie hat ihn angelächelt und gesagt: Komm zu meiner Geburtstagsparty. Ich würde mich echt freuen. David.
Wie sie David gesagt hat. Es benannte sofort das Gefühl von damals, die Weichheit und Wärme, die von ihr ausging. Ihr Lachen, das ihn vorantrieb. Und die Tage und Nächte, die sie miteinander verbracht hatten. Die Nähe, die sie ihm kurz geschenkt hatte, und seine Liebe zu ihr. Wie lange war es her. Zwei Jahre. Drei. Er hat das Gefühl für die Zeit verloren.
Er mochte ihre Haut, die wie Porzellan aussah und weich und glatt sich anfühlte. Sie roch unbestimmt. Manchmal biss er sanft zu, um den Geruch zu erfassen. Es nützte nichts und sie lachte. Wenn er sie berührte, erzitterte etwas in ihm, das er nicht benennen konnte. Es war ein geheimer Ort, zu dem er keinen Zutritt hatte. Als ob die Berührung ein Refugium in ihm entdeckte, von dem er nichts wusste. Er mochte es, wenn ihre langen Haare über seine Haut glitten. Sie erfanden eine andere Art der Berührung. Klara war unkompliziert und direkt, und als sie ging, war er erschüttert.
Schade, hat Mutter gesagt. Sie hätte mir gefallen. Aber du bist ja noch jung und sollst dich ausprobieren.
Klara, murmelt er jetzt und die Erinnerung an den Verlust hängt in diesem Wort fest.
Er wundert sich über sein Spiegelbild. Es sieht ahnungslos aus und erzählt nichts von den Geschichten seines Lebens. Oder doch. Das Spiegelbild entspricht nicht den eigenen Vorstellungen, rückt ab und er weiß nicht, wer er ist. Er geht. Er gehört keinem der beiden Bilder mehr.
Vielleicht sollte er zu diesem Fest gehen. Vielleicht ihre Haut spüren und in der Berührung sich wiederfinden. Sich wiederfinden. Eine kluge Formulierung, die sich trostreich und kurz um sein Herz schmiegt.
Fliegen hängen in den Fensterecken des Treppenhauses. Er beobachtet eine Spinne auf Beutezug. Als er aus dem Fenster blickt, sieht er die Meisen an den Futterknödeln hängen. Wenigstens hat er es geschafft, sie zu erneuern. Er will keine enttäuschten Begegnungen. Die kleinen Vögel tummeln sich immer vormittags unter den aufgefächerten Bäumen und kommunizieren aufgeregt über ihren Erfolg. Den will er nicht schmälern.
Jetzt sieht er es. Im Vogelhaus sitzt ein Eichkätzchen und macht sich über die letzten Nüsse her. Er muss sie nachfüllen. Er geht hinunter in den Vorratsraum und nimmt einen Becher voller Nüsse aus dem Beutel. Das Futter wird bis Weihnachten reichen. Die Eltern haben vorgesorgt und er lächelt über ihre Fürsorge allerorts. Draußen ist es frisch. Der Wind zerrt an den letzten Blättern.
Der Garten wirkt zerzaust. Gut, dass Mutter das nicht sieht. Wenn sie wiederkommt, ist es Winter und die Unordnung zugedeckt.
Zeit für die Winterruhe, murmelt er und sieht dem Eichkätzchen zu: Was machst du hier noch. Das Tier sieht auf und dreht die Nuss schnell zwischen seinen Pfoten, begutachtet sie, dreht sie wieder, schnuppert und stopft sie dann in seinen Wangenbeutel. Weg ist es. Huscht über die Wiese und klettert auf den Kirschbaum weit hinten. Sein buschiger Schwanz erlischt im Hintergrund.
David schüttet den Becher Nüsse in das Vogelhäuschen und hängt noch einige Futterknödel auf.
Dann geht er zurück in das Haus und in die Bibliothek. Er sucht unter den vielen Büchern ein bestimmtes. Vater und Großvater haben vor Jahren ein Buch herausgegeben. Es hieß: Der Wald. Großvater schrieb als Ökonom über den Wald und Vater über Kunstwerke, die den Wald zum Thema haben. Es ist ein wunderbares Buch geworden. Es stand viele Jahre auf der Kommode in der Bibliothek. Manchmal nahm es jemand in die Hand und blätterte darin. Irgendwann verschwand es. Wie die Dinge vergehen. Wie die Welt sich verändert.
Wenn die Antworten ausbleiben oder man sie nicht mehr hören will.
Er wird zu Klaras Fest gehen, und wenn sie seinen Namen ausspricht, sich erinnern, wer er war.
Er wird zur Vernissage in das Museum gehen, so verwaist ohne Vater wird es anders klingen.
Seine Pläne machen ihm Mut.
Man wird ihn im Museum begrüßen wie immer. Hallo, David. Schaust du dir die neue Ausstellung an. Er wird den Vater dort vermissen, dessen Gedanken, die er an die Dinge heftet, und die Atmosphäre, in die er die anderen mitnimmt wie in einen neuen Raum. Er wird vermissen, wie er den Finger an den Mund legt, als Beweis für seine beständige Umsicht der Welt gegenüber, und wird mit demselben Finger dann auf ein kleines Detail zeigen und mit dieser einen Geste an Großvater erinnern. Vater würde dies lächelnd verneinen, weil er den Großvater anders erlebt, und würde zu seiner innegehaltenen Geste hinzufügen: Hast du gesehen, ist das nicht wunderbar. David ist sich sicher, er wird ihre Gesten nicht weitergeben. Seine Hände verkümmern. Ihre Verfügbarkeit zieht sich zurück.
Es ist gut, dass die Eltern bald wiederkommen. In all den feinen Schwingungen, mit denen sie die Welt wahrnehmen, fügten sie mit dieser Sorgfalt etwas hinzu, das Davids Welt reich gemacht hat. Nun ist alles im Rückzug. Stück für Stück gehen Dinge verloren.
Wenn Vater wiederkehrt von seiner Gastprofessur in den USA, wird das Museum sich verändert haben. Vater wird sich auch verändert haben und das mögen und sich allem mit seinem Optimismus stellen. David hat sich immer an diesen Optimismus gelehnt. Er war überzeugt, dass er abfärbt.
David, hat Vater gesagt, unser Nervensystem braucht den Reiz, sonst werden wir krank. Wir brauchen Spannung und Entspannung.
Sie waren sich nicht immer einig. In seinem jugendlichen Selbstverständnis hat David sich manchmal gegen die Welt und die Eltern gestemmt. Sie gewöhnten sich an diese Querschläge mit einem Seufzer.
David blickt durch die große Glastüre in den Garten. Schon ist es dunkel. Der Herbst frisst sich in die Tage. Eigentlich mag er das nicht. Der Herbst nimmt den Tagen den Raum. Das beständige Sich-Zurückziehen wie ein Banner am dunklen Horizont. Die einzige Hoffnung. Dass das Frühjahr irgendwann ausbricht und sich in die Tage zurückschiebt.
Er hätte sich manchmal Härte gewünscht, um sich in diesem Widerstand zu spüren, um kämpfen zu müssen und im Aufprall zu erkennen, wer er war.
Du bist stark. Das hat Vater gesagt.
David flüstert die Worte nach. Er geht dicht an das Glas und beobachtet sehr genau den Spiegelbildmund. Er ist sich sicher, dass der etwas anderes sagt.
Ich bin nicht stark. Vater.
Er dreht sich um und geht zurück zu den Büchern. Sie waren ein Zufluchtsort. Er versteht nicht, warum seine Ankerpunkte nicht mehr funktionieren.
Das Büchermeer riecht nach Geschichten und vergilbtem Papier, nach Druckerfarbe und gelebten Jahren. Die Vertrautheit dieses Geruchs beruhigt ihn. Er sucht die Bücherreihen ab. Es hat sich im Laufe der Jahre eine ungeordnete Bibliothek angesammelt. Mutter macht diese Unordnung unruhig. Sie hat als Bibliothekarin gelernt, mit klaren Strukturen zu arbeiten und Zusammenhänge zu finden. Einige Male hat sie probiert, eine Ordnung in den Tumult an Wissen zu bringen, aber die wurde rasch gekippt. Großvater und Vater schoben und quetschten und stapelten die Bücher. Im Suchen und Finden zerbrachen sie die Ordnung und Mutter gab achselzuckend auf.
David mag diesen vollgestopften und strukturlosen Raum. Sein Geruch löst in ihm eine Berührung aus. Wenn er als Kind diesen Raum betrat und sacht die Tür schloss, irgendwo irgendein Buch herauszog und sich auf das samtene Sofa setzte, fand er immer eine Antwort. Fand sich wieder in diesem beschützenden Gedankenzelt.
Er war ein Glückskind.
Er versucht jetzt, diesen Bewegungsablauf zu wiederholen, um bis zu den Antworten zu kommen. Er geht aus dem Raum, den Flur entlang und bis zur Haustüre. Kurz zögert er und erkennt sich nicht wieder in diesen Erinnerungskaskaden.
Dann dreht er sich um und blickt zur Bibliothek. Ihre Tür hat ein kleines Fenster mit bunten Glasmosaiken. Er geht auf sie zu, und weil das Licht von innen durch das Fenster fällt, hat er für einen Augenblick eine Regenbogenhaut. Er schiebt die Hand in das Licht wie in einen Handschuh. Ist das so. Oder sind es die Augen, die ihm eine Welt vortäuschen, die es nicht gibt.
Dann betritt er den Raum, zögert und blickt hinauf zu einer Reihe sehr alter Bücher. Sie sind vergilbt und brechen leicht an ihren Rücken. Sie demonstrieren ihre Anwesenheit auf Zeit. Bald werden ihre Wortberge und verwahrten Geschichten erlöschen. Er zieht ein Buch heraus und ein Staubwirbel löst sich. Er wischt über den Buchdeckel, reibt an seiner aufgerauten Oberfläche, bis ein sanfter Ledergeruch hochsteigt. Er öffnet das Buch und blättert vorsichtig durch die Seiten. Wie wundgerieben das dünne Papier, die Worte am seidenen Faden, noch sind sie da, aber die Farbpartikel rutschen Stück für Stück aus den Buchstabenfurchen und hinterlassen unerkannte Zeichen. Es dauert nicht mehr lange und sie sind fort.
Was fort ist, ist fort, murmelt er in diesen Wundenteppich. Er steigt auf das Sofa und will das Buch zurückschieben. Aber die entstandene Leerstelle öffnet den Blick nach hinten. Da liegt etwas. Er greift danach und ist erstaunt.
*
Er ging an Vaters Hand durch das Museum. Es war menschenleer und ganz still. Heute war kein Besuchertag und sie konnten in Ruhe durch das Haus wandern. Man hörte ihre Schritte, die in den großen Räumen sonderbar verklangen, irgendwo dort oben an den Enden der Säulen und Bogenfenstern und geschwungenen Stuckaturen. Sie warfen sich gegen das Mauergestrüpp und klangen wie ein fremder Vogel. David trat leise auf. Er mochte die Stille, diese Leerräume im Kopf. Dann trat er bewusst hart auf, einmal, zweimal, und hob den Blick und dem Klang hinterher.
Alles war fertig und bereit. Vater hatte in den letzten Monaten mit seinen Mitarbeitern an der großen Ausstellung gearbeitet, war zu Verhandlungen an andere Orte gereist und wirkte jetzt entspannter als in den vergangenen Wochen. Er war zufrieden. Sie setzten sich auf die Bank in der Mitte des Raumes und Vater lehnte sich mit einem tiefen Seufzer zurück. Stumm hing ihr gemeinsamer Blick auf dem riesigen Bild, das fast die ganze Wand einnahm. David starrte es an und versuchte die Farbkonstrukte zu entwirren. Er wusste, ein Bild braucht die Zeit des Betrachters, um seine Wirkung entfalten zu können. Um darin einzutauchen. Er hat verstanden, dass es bei jedem Besuch neue Antworten geben kann. Deswegen hatte er einmal einen Versuch gestartet. Wissenschaftliche Untersuchung schrieb er auf ein Papier, steckte es in seinen Rucksack und holte eine Woche lang Vater nach der Arbeit vom Museum ab. Zuvor setzte er sich immer vor das gleiche Bild. Dort machte er Notizen. Er schrieb auf das Papier: Was sehe ich heute. Er hatte das Gefühl, das Bild veränderte sich täglich, aber das konnte natürlich nicht sein. Es war eine Wundertüte, die ihn verwirrte. Wie hat der Maler das gemacht. Vielleicht waren Maler Zauberer. Dann würde er gerne Maler werden. Das war in der Kindheit sein Plan.
Einmal begleitete ihn die Mutter und beschrieb, was sie in dem Bild sah. Sie entdeckte eine völlig andere Welt und er war erstaunt.
Er ist ein seltsames Kind, hörte er einen Mitarbeiter sagen, und er fragte Vater: Bin ich ein seltsames Kind. Warum bin ich ein seltsames Kind.
Die Welt nahm ihn von Zeit zu Zeit nicht in Gewahrsam und das beunruhigte ihn. Für ihn stimmte die Welt so, wie sie sich ihm zeigte und wie er sich in ihr bewegte.
Vater sah ihn erstaunt an: Wie kommst du darauf. Du bist nicht seltsam. Du bist interessiert und offen für alles. Lass dir nichts einreden.
David dachte darüber nach. Spaghetti und Pommes liebte er wie seine Freunde. Das erleichterte ihn. Also war er normal und wie alle anderen.
Da ist ein großer Fisch, Vater, sagte er jetzt aufgeregt, und über seinem Kopf schimmert das Licht im Wasser, oder nicht.
Wenn du das sagst, wird es so sein, der Vater lächelte und legte ihm seinen Arm um die Schulter. Er betrachtete die Stelle einige Augenblicke und meinte dann: Stimmt, den Fisch sehe ich jetzt auch. Wie bunt seine Schuppen schimmern. Der Künstler wird heute zur Vernissage da sein, dann kannst du mit ihm reden.
David stand auf und trat näher. Das Farbkonstrukt zerfiel in einzelne Partikel und man sah die Spuren des Pinsels, den dicken Farbauftrag und die Brüche zwischen den Schattierungen. Bilder waren wie der Wald. Tauchte man in sie ein, tauchte man in eine Kapsel und schuf einen Zwischenraum.
David liebte Zwischenräume. Sie bewahrten Möglichkeiten und gehörten ihm.
Während Vater noch einige Dinge besprach, setzte David sich an dessen Schreibtisch und versuchte das Bild nachzuzeichnen. Er holte seine Buntstifte hervor und vertiefte sich in die Farbspiele, bis die eigenen Ideen sich darüberlegten und es still verschwand. Irgendwo brachen ein Hase, ein Reh und Bäume aus den Farben hervor, einfach so. Manchmal kam jemand, sah ihm über die Schulter und sagte: Und, David, wirst du auch Maler. Oder: Das ist aber ein schönes Bild.
Er mochte es nicht, wenn man ihn behandelte wie ein kleines Kind und seine Fähigkeiten unterschätzte. Mit neun Jahren ist man kein kleines Kind mehr. Die Dinge schieben sich bereits an die richtigen Stellen. Er reagierte auf diese Sätze nicht. Stoisch ernst beugte er sich über sein Zeichenblatt.
Natürlich wollte er Maler werden.
Die Sekretärin verstand ihn. Sie verdrehte bei solchen Sätzen die Augen und hatte jeden Monat eine andere Haarfarbe. Sie hatte immer Gummibärchen mit Kirschgeschmack und schob ihm welche zu. Er umschloss die Süßigkeit mit seinem Mund und ließ den Geschmack in seinen Körper gleiten, ganz langsam. Er genoss die kirschrote Wärme. Er dachte sich sein Inneres rot und schloss die Augen.
Der Vater tippte ihn an. Nicht träumen, wir müssen jetzt los. David packte seine Sachen zusammen und folgte ihm aus dem Museum.
Sie fuhren nach Hause und zogen sich um. Mutter stand schon in ihrem schönen Kleid bereit. Sie hatte hohe Schuhe an, in denen sie beinahe so groß war wie Vater, und machte unerwartet zierliche Schritte. Der Stoff des Kleides schwang beim Gehen. Sie sprühte ein Parfüm an den Hals und auf die Handgelenke, die sie aneinanderrieb. Er kannte die Gesten. Er beugte sich vor und drückte sein Gesicht auf das Handgelenk. Die Wärme, der Duft und die pulsierende Ader unter der Haut umschlossen warm sein Gesicht, dass er überwältigt war von diesem Glück und Tränen hochstiegen. Er presste sein Gesicht so fest, dass das Gefühl zerbrach. Er erschrak, aber schon strich die Mutter ihm über die Wange, dann nahm sie seine Hand und sie gingen vor das Haus. Vater und Großvater standen da bereits und waren nervös, Mutter schob ihre Hemdkrägen zurecht und zupfte hier und dort. Ihr seht wunderbar aus. Es wird alles gut gehen.
Sie alle umgab eine feierliche Stimmung wie zu Weihnachten. Ein Taxi stand bereit und als sie losfuhren, drehte sich David noch einmal um und betrachtete das Haus mit der getönten Fassade, den Blumenranken, den Vogelhäusern und dem weißen Gartenzaun. Es war sein Paradies. Er spürte auf der rechten Seite den Arm des Vaters, und auf der linken hatte die Mutter seine Hand in die ihre genommen. Vorne saß der Großvater und diskutierte mit dem Fahrer. David konnte in diesem Moment seine Anhäufung an Gefühlen nicht benennen. Also hielt er nur still, damit sie lange anhielt und ihn hinaus in die Welt trug mit all der Kraft, die aus diesem Moment hervorging.
*
Was müssen das für Bäume sein, wo die großen Elefanten spazieren gehen, ohne sich zu stoßen. Rechts sind Bäume, links sind Bäume und dazwischen Zwischenräume. Dieses Kinderlied drängt sich in den Bücherzwischenraum, den er beim Herausziehen des Buches geöffnet hat. Er erinnert sich an die massiven Hände des Großvaters, die die Zwischenräume mit abgehackten Bewegungen demonstrierten. Großvater konnte nicht singen, aber tapfer marschierten sie durch den Wald und sangen und sangen. Vielleicht verstummten die Vögel vor Staunen. Großvater.
Als David seinen Arm aus dem Bücherzwischenraum herauszieht, kommt eine Staubwolke mit. Er öffnet seine Hand. In der Fingergrube liegt eine winzige Puppe. Die Fasern des Röckchens sind trüb und lösen sich an manchen Stellen auf. Das Material der Gliedmaßen ist fleckig, aber noch ganz. Wie ein feiner Puder der Staub auf allem. Er macht das Wesen zart und zerbrechlich. Vorsichtig umschließt David die kleine Puppe mit seinen Händen. Schutzbedürftig lehnt sie sich an seine Hautwände und macht ihn ratlos.
*
Manchmal gewährt das Leben diesen Blick in einen Zwischenraum. In ein Land, das keinem gehört. In einen luftleeren Raum, dem man für eine kurze Zeit den Atem schenkt.
Er räuspert sich in diese vage Verfügbarkeit.
Er wartet, dass etwas passiert. Dass das Püppchen erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Seine Zugehörigkeit preisgibt. Es passiert nicht. Er greift noch einmal in den Hohlraum hinter den Büchern, von dem er nichts gewusst hat. Er schiebt den Arm tief in die Schwärze und seine Finger spüren den Widerstand. Sie umschließen etwas ungeschickt ein brüchiges Gestrüpp. Es harrt hinter den Bücherrücken stumm aus und keiner weiß, wie lange schon.
Er hängt fest. Halb hier und halb dort. Verborgenes hautnah und bereits dem Geheimen entrückt.
Es gibt Momente, von denen man nicht weiß, ob sie sich einer Bedrohung nähern oder einem Geschenk. Mit ihnen wird sich der Blick in die Welt verschieben und eine Umkehr nicht mehr möglich sein. Und es gibt diesen Moment vor der Entscheidung, das Verborgene ans Licht ziehen oder es weiterhin dem Staub überlassen. Dieser Moment, über den man später möglicherweise denkt: Hätte ich doch.
Er tastet sich den Widerstand entlang. Er umfasst mit den Fingern etwas Unbestimmtes, langsam und vorsichtig holt er es aus dem Zwischenraum und ist erstaunt.
Er hält – aber nein, er erschrickt, weil er dieses Déjà-vu nicht will – ein zusammengebundenes Päckchen Briefe in der Hand. Grau und vergilbt und bestäubt wie die kleine Puppe in der anderen. Er steht da und hält die Arme steif von sich gestreckt wie eine Marionette.
Was soll das, sagt er laut.
Er öffnet beide Hände. Die Funde fallen wie in Zeitlupe auf das samtene Sofa, brechen kurz ein in die weichen Fasern, schwingen hoch und der Staub schafft ein Wolkenband. Dann liegen sie stumm in seinem Augenfeld und der Staub hinkt der Bewegung hinterher.
David setzt sich dazu.
*
Manchmal ist das so. Da funktionieren die Tage von allein. Man muss nur stillhalten. David wusste das und schloss die Augen. Hinter den Lidern hing vieles, das auf ihn wartete. Die Bilder drängten sich in diesen Augenzwischenraum und erschufen sich jedes Mal neu. Er war neugierig und das Tageslicht, das die Liderwand erhellte, glich einer Kinoleinwand. Er lächelte und überhörte die Lehrerin, die mit ihrem Wortschwall die Wände beklebte. Bis sein Tischnachbar ihm in die Seite stieß und er die Augen aufschlug. Alle starrten ihn an. Auch die Lehrerin mit ihrem auffordernden Blick verriet, dass er etwas versäumt hatte.
Und, David, sagte sie.
Ja, er sah sich um und räusperte sich umständlich. Er hatte kurzzeitig die Orientierung verloren. Dann drehte er seinen Blick dem Fenster zu und sagte: Der Schnee ist heute perfekt.
Alle lachten. Die Lehrerin sah ihn noch immer an.
Wirklich. Er betonte es. Mit einer Geste zum Fenster und hinaus in die Schneelandschaft unterstrich er seine Feststellung. Die weißen Schneepunkte in ihrer stoischen Abwärtsbewegung umschlossen seinen Blick.
Jetzt war es still und die Augen der anderen pendelten zwischen der Lehrerin und ihm. Er sah noch immer aus dem Fenster und beobachtete die Schneeflocken. Die kurze Anspannung entging ihm.
Ja, sagte die Lehrerin und lächelte jetzt auch. Du hast recht, David. Heut ist der Schnee perfekt. Raus mit euch und schöne Weihnachten.
Alle sprangen auf, drängten aus den Bänken, schoben und kreischten, packten ihre Rucksäcke oder Taschen, stießen die Hausschuhe in eine Ecke und schlüpften in die Stiefel. Mit Geschrei stürmten sie aus dem Schulhaus, warfen ihre Rucksäcke irgendwohin und griffen in die Schneeberge. Die ersten Schneebälle flogen. David wich aus und schoss zurück. Alle lachten und schrien durcheinander. Es war eine Freude, einen Tag vor dem Heiligen Abend und mit den Ferien vor sich und mit diesen Unmengen an Schnee, im Glück zu stöbern. Die zarten Wolken schoben sich durch die Welt und machten den Himmel zu einem Geheimnis, das sein Blau verströmte und wieder verbarg. Die Sonne tropfte zwischen den wattierten Ausbuchtungen hervor. Gelegentlich fielen Schneeflocken wie Nachzügler.
Als sich der Tumult aufzulösen begann, stapfte David nach Hause. Er hatte Hunger. Er bog um die Ecke und musste blinzeln, weil das Licht aus dem zarten Kondensstreifen über den Bergen flach in die Straße einfiel. Er schob das Gartentürchen auf. Es quietschte. Er setzte seine Spuren in den frischen Schnee, sprang von einem Bein auf das andere. Stürmisch drückte er die Haustüre auf, schlüpfte aus den Stiefeln, ließ Jacke und Mütze fallen und rannte Richtung Küche.
Dann hielt er inne. Die Küchentüre war einen Spalt geöffnet. Er spürte es sofort. Etwas stimmte nicht. Die feinen Härchen auf seinem Handrücken taten plötzlich weh.
Er zögerte. Er wollte umkehren und den Tag neu beginnen. Mit dem Blick aus dem Fenster und den Schneeflocken, die liebevoll der Welt etwas hinzufügten. Kurz und ohne Aufbegehren.
Mutter weinte. Er hörte das fremde Geräusch und plötzlich wurden die Farben stumpf. Das war ihm fremd. Er stand hilflos am Türspalt. Er suchte Gesten dahinter, die er einordnen konnte. Der Vater sprach leise. Seine Hand strich über Mutters Arm. Ihr leises Weinen störte den Tag. Die Vorfreude auf Weihnachten, die Ferien, die Sicherheit. Leise zerbrach die Gewissheit, dass es ein guter Tag war. Das Weinen war ein Puzzleteil im falschen Spiel. Wenn er es verschob, eckte es an und passte nicht. Er fror und blieb dem Türspalt ausgeliefert.
Jetzt hörte er den Großvater an der Haustüre. Das vertraute Geräusch, wie er die Stiefel abstreifte, das Räuspern und der Griff an die Klinke nahmen ihm etwas den Druck. Er drehte sich um. Der Großvater trat ein und kalte Luft drang in den Flur. David starrte ihn an. Er wollte in seinem Gesicht lesen, was hinter der Türe geschah.
Na, David, der Großvater zog seine Winterjacke aus. Ferienbeginn. Das feiern wir jetzt.
David stand da und wollte sagen: Mutter weint. Der Großvater ging auf ihn zu und schob ihn weiter, erlöste den Türspalt, und als sie die Küche betraten, stand Mutter am Esstisch und legte das Besteck auf.
David wischte sich über die Augen und starrte sie an.
Na, ihr beiden, sagte sie, ihr habt ja rote Nasen. Ist das nicht schön, es gibt weiße Weihnachten.
David blickte zum Vater. Er schnitt in der Ecke Brot. David sah irritiert von einem zum anderen. Alles war wie immer. Aber er wusste. Es war eine Täuschung. Ein unbestimmter Schmerz tobte sich aus, rötete die Wangen und untergrub jedes Lied. Er verdarb das Essen, das Lachen, das nahe Fest und die Ferien. Womöglich hing er im Untergrund als bleibender Gast.
Nach dem Essen holte der Großvater den Fuchsschwanz aus der Werkstatt und schob David vor sich her. Was ist los. Wir wollten doch einen Weihnachtsbaum holen. Hast du keine Lust.
Doch.
Stumm zog er sich neben dem Großvater an. Griff nach den Handschuhen und der Mütze, die ihm die Mutter reichte. Er konnte sie nicht anblicken. Dann gingen sie los.
Die kalte Luft tat gut. Großvater nahm seine Hand und sie bahnten sich einen Weg durch die tiefen Schneefelder. Später, als sie mit einem schönen Baum unterm Arm zurückkehrten, hoffte David auf das alte Heimatgefühl. Mutig stapfte er hinter dem Großvater auf das Haus zu. In der Dämmerung schimmerten die erleuchteten Fenster vielversprechend. Sie glichen Geheimnisträgern und zogen ihn hinein, in die Wärme und zum einzulösenden Versprechen. David atmete tief ein und folgte dem Großvater. Es war tatsächlich warm und roch gut. Die Küchentür war geschlossen.
Hallo, rief der Großvater in das Treppenhaus, keiner da! Sie sahen sich erstaunt an und zuckten mit den Schultern. Dann schleppten sie den Baum in das Wohnzimmer. Die Schachteln mit dem Weihnachtsschmuck standen bereit. Sie stellten den Baum in seine Verankerung.
Dann roch alles nach Wald.
*
Am nächsten Abend und genau in dem Moment, als die Kerzen brannten und die Sternspritzer ihre ersten Leuchtpartikel in den Raum warfen und sofort ihr Geruch all die Erinnerungen der vergangenen Weihnachten heraufbeschwor, genau da, als der Duft des Waldes sich mit einmischte und die ausgebreiteten Arme des Baumes mit den bunten Kugeln und Zuckerln und kleinen Schirmchen ihn zum Helden machten, genau da stand David mit seinen zehn Jahren vor diesem Bild der Kindheit und die dunklen Locken hingen ihm wirr ins Gesicht. Es schien alles wie immer. Aber die morbiden Gedanken umschlossen ihn wie ein Gespenst. Sie hefteten sich an seinen schönen Pullover und die neuen Schuhe, an Mutter und Vater und Großvater und den strahlenden Baum.
Er wollte stark und unversehrt auf die Welt zugehen. Er wollte. Nicht verlieren.
Vater. Ich bin nicht stark, rief er in dieses zerbrechende Glück.
Alle drehten sich erstaunt zu ihm. Die Sternspritzer erloschen, ohne dass jemand von ihnen Notiz nahm.
David, was ist los! Was ist geschehen.
Er weinte. Die Mutter drückte ihn an sich. Sein Gesicht lag in ihrer Halsbeuge und der vertraute Geruch beruhigte ihn. Er brachte ihn in Sicherheit.
Irgendwann schob die Mutter ihn von sich und alle sahen ihn an.
Was ist passiert. Der Großvater rieb sein Kinn. Das tat er immer, wenn er beunruhigt war und überlegte.
David sah zu ihm. Ich habe Angst, sagte er.
Dann sah er zur Mutter. Sie trug ein silbernes Kleid. Wenn sie sich bewegte, schimmerte sie. Er griff nach der Hand und presste sie auf sein Gesicht, bis das Licht erlosch. Er roch ihr Parfum.
Ich habe dich weinen gehört. Und da keiner etwas sagte, fügte er hinzu: Es macht mir Angst.
Die Mutter sah zum Vater. Es entstand eine Pause. In sie legte sich der Tag und die Nacht und all die Möglichkeiten eines Verlustes.
Ihm fielen die Kerzen ein und er drehte sich um. Wir müssen aufpassen, dass nichts anbrennt.
Die Mutter nahm seine Hand. Du musst keine Angst haben, David. Es ist alles in Ordnung.
Warum hast du geweint. Ich habe es gesehen. Warum.
Also gut. Vater setzte sich auch neben ihn. Er sah zur Mutter und sie sagte: Ich habe geweint, weil ich ein bisschen traurig war. Ich hätte mir noch ein Kind gewünscht. Aber ich werde kein Kind mehr bekommen. Das habe ich gestern erfahren. Deswegen habe ich geweint, jetzt geht es mir aber wieder gut.
Aber dann bist du krank.
Nein, ich bin nicht krank. Mir fehlen ein paar bestimmte Stoffe im Körper, die man braucht, um schwanger zu werden, das ist alles.
Die flackernden Kerzen machten den Raum unruhig. Der Abend hing fest. Im Hintergrund sang der Kinderchor die Weihnachtslieder in Endlosschleife. Die Mondgedanken hinter den Vorhängen waren wie unter Pauspapier. David sah dorthin. Er begriff, dass das Leben manchmal so ist.
Der Großvater schob sich mit seinem starken Körper in den Raum und klatschte in die Hände, dass alle leicht zuckten. Genug an schlechten und traurigen Gedanken. Er griff mit seinen großen Händen nach den Streichhölzern. Heute ist Weihnachten und bevor die Kerzen ganz runterbrennen, werden wir jetzt feiern.
Ja, die Mutter schob David vom Sofa und erhob sich auch. Wir fangen noch einmal von vorne an. Sie griff nach den abgebrannten Sternspritzern und der Großvater hängte neue auf. Der Vater stellte die Musik auf Stille Nacht, und als die ersten Sätze erklangen, begannen die Sternspritzer ihre Funken im Raum zu verteilen. Ihr Geruch heftete sich endlich an die Gedanken und diese Wiederholung war seltsam. David betrachtete das erneuerte Bild und wusste kurz nicht, woran er sich halten konnte. Die Mutter griff nach seiner Hand. Das half.
Etwas aber blieb zurück. Es setzte sich in einer Ecke seiner Seele fest und verwarf ab und zu gute Gedanken. Es hatte ihm etwas Wesentliches gezeigt. Wie zerbrechlich seine Welt war.
*
Fing es da an. Als die Endlosschleife des Chores sich in die Erinnerungsbilder fraß.
Soll er das schreiben. Er betrachtet das Blatt Papier. Er ist keinen Schritt weiter. Es ist Oktober und der Raureif könnte sich bald wie Staub über die Blätter ziehen.
Die Farben. Er blinzelt, weil die Unschärfe lästig ist. Noch einmal. Er schreibt: Die Farben sind gerade sehr schön. Das Orange. Das Gelb. Er lehnt sich zurück. Er hätte doch Künstler werden sollen. Dass diese Option ihm immer noch zusteht, denkt er nicht. Die Fähigkeit, Zukunftsbilder zu schaffen, ist verloren. Da ist eine Sperre. Als hätte er verlernt, Türen zu öffnen.
Er schreibt: Das Erhebende der Farben schmiegt sich wie ein Schutzschild um die Gestade der Angst. Aber der späte Herbst steht am nahen Abgrund.
*
Er legte seine Hand direkt daneben. Er bog die Finger leicht nach innen und versuchte, den Daumen locker zu lassen. Schon das war nicht einfach. Die Hand der Skulptur bestand aus Sehnen und Adern, aus Schattengespinsten und Licht, die Gelenke waren ausgeformt und stimmig in ihren Rundungen. Die Maserung des Steines schien sich der Hand zu fügen. Sie war perfekt. Ihre Kraft und Schönheit webten sich seit fünfhundert Jahren in die Geschichte.
Seine Hand war anders gebaut. Sie war schmal, nicht knöchern, irgendwie kraftlos und weich. Man sah die Sehnen und Adern unter der Haut schimmern, aber sie hoben sich nicht hervor. Alles war gleichförmig und langweilig. David blätterte um. Auf dem nächsten Bild stand die Skulptur mit ihrer eingeknickten Hüfte locker dem Feind zugewandt. Nichts schien diesen jungen Mann zu irritieren, die Schleuder hing über seiner Schulter wie ein beiläufiges Requisit. Er würde sie beizeiten einsetzen.
David bog den Arm der Schulter zu. Stellte sich mit der eingeknickten Hüfte hin. Er war jetzt beinahe erwachsen. Als er sich im Spiegel sah, entblößten sich seine Unzulänglichkeiten. Er drehte sich um. Wann wäre er dem eigenen Spiegelbild gewachsen.
Er wischte das Buch vom Tisch. Es wurde Zeit zu handeln. Er zog sich an, lief die Treppen hinunter und nahm immer zwei Stufen auf einmal.
Die Mutter stand in der Küche und machte sich einen Kaffee. Sie war allein. Guten Morgen, David, sagte sie und stellte ihm die Schüssel mit den Haferflocken hin.
Er sah zur Uhr und war erleichtert. Er hatte nicht verschlafen.
Alles in Ordnung.
Ja.
Gibt’s heute was Wichtiges in der Schule.
Nein.
Und warum so kurz angebunden.
Ich bin am Überlegen. Er kippte Milch in die Schüssel und rührte um.
Vielleicht könnte ich helfen.
Noch nicht.
Sie stand auf. In zehn Minuten starte ich, ich kann dich bis zur Schule mitnehmen.
Er nickte und sah der Mutter nach. Ihre vertraute Silhouette war im Türrahmen eingefasst und entrückte in die Höhlung des Hauses. Er mochte die weichen Bewegungen ihres Hierseins so sehr. Sie nahm ihn wahr und er war sich ihrer sicher. Warum die Welt ihm trotzdem manchmal Unzulänglichkeiten vor die Füße warf, verstand er nicht. Er aß schnell fertig, stand auf und nahm sich zwei Äpfel aus der Schale, dann packte er seinen Schulrucksack und zog sich an.
Als die Mutter ihn vor der Schule absetzte, sagte sie: Wir sehen uns am Abend. Und …, sie hielt kurz seinen Arm, bevor er ausstieg. Ich bin für dich da. Er sank noch einmal zurück in den Autositz und legte seine Arme um sie. Dann ging er zum Schulhaus.
Er beobachtete die anderen, er beobachtete sich, er beobachtete die Mädchen und wollte wissen, ob sie ihn wahrnahmen. Er warf sich nicht mehr unschuldig in die Welt. Das Kindsein war damit vorbei und seine Gedankenfäden verwoben sich in die seltsamsten Richtungen, die immer bei ihm endeten und der Frage: Wer bin ich, wie bin ich.
Selma setzte sich in der Pause neben ihn. So dicht, dass sich ihre Seiten berührten. Wir treffen uns am Wochenende am See. Kommst du mit.
Natürlich.
Sie nahm seine Hand und er erschauerte leicht. Er betrachtete diese zwei Hände in ihrer Berührung. Würde das Bild ein anderes Gefühl auslösen, hätte er eine Hand wie David. Eine starke, perfekt proportionierte und siegessichere. Oder war es unwichtig und er baute unnötige Gedankenkonstrukte um Idealbilder, die ihn nicht mochten. Selma drehte seine Hand um und berührte die Farbflecken an den Fingerspitzen. Musst du immer mit den Fingern malen.
Ja.
Sie lachten.
Als es zur Stunde läutete, erhoben sie sich und traten zu seinem Arbeitsplatz, die Lehrerin stand mit den Mitschülern um sein Bild. Sie hob das Bild hoch, damit alle es sehen konnten. David, du hast die Verfremdung der Vorlage sehr spannend umgesetzt. Sie erklärte seine Vorgehensweise und warum es gut war, wie er die Aufgabe gelöst hatte.
Er ist halt unser Künstler, Frau Professorin, wir wissen das ja. Sie lachten und standen ganz dicht um den Tisch. Selma sah ihn an. Anna sah das und schob sich näher.
David betrachtete die Farbfugen und Erhebungen, die Aneinanderreihung der Töne, die er dem Herbst zuschrieb. Die Verästelungen eines Baumes, der in der Andeutung einer sein könnte, legten sich auf die Farbfelder und brachen sie auf. Ihm fehlte das Licht, das Weiß, das Gelb. Das Licht brachte die Spannung ins Bild und war entscheidend. Es erhob das Wesentliche.
Es ist noch nicht fertig, sagte er.
Klar, sagten die anderen fast gleichzeitig. Sie kannten ihn. Er war nie zufrieden.
Er war erstaunt, wie seine Lehrerin das Bild aufschlüsselte. Schicht für Schicht deckte sie auf, bis die leere Leinwand übrig blieb. Er ging den umgekehrten Weg und unschuldig und intuitiv an das Bild. Er legte keine Konstruktionen fest. Er malte das, was in ihm war. Er beugte sich über die weiße Fläche und die Innenbilder blätterten sich auf. Etwas anderes konnte er nicht.
Nach dem Unterricht wartete er an der Klassenzimmertür auf Andreas. Ich muss mit dir reden.
Das klingt ernst. Andreas warf seinen Rucksack über die Schulter und schob ihn weiter. Komm erst einmal raus hier.
Bis morgen, David!, rief Selma ihm hinterher. Er drehte sich um. Das Grün ihrer Augen brach auch aus dieser Entfernung aus dem Wimperngarn. Er hatte bemerkt, wie sie heute David sagte. In diesem Moment mochte er seinen Namen, weil der Klang ihrer Stimme ihn erneuerte. Er gehörte ihm. Er musste ihn nicht teilen. Er hätte es gerne Selma erzählt.
Andreas packte seinen Arm und zog ihn weiter. Die steht auf dich. Aber sag, was ist los.
Du, du gehst doch da in so ein Studio.
Ja, das ist ein Verein, musst Mitglied werden, dann kannst du zum Trainieren kommen, auch zum Boxen. Ist gut, coole Jungs, gute Trainer.
Mein Körper ist trostlos, ich muss was ändern. Kannst du mir helfen.
Einfach untrainiert. Das ist alles. Da kann man was ändern. Klar. Ist Arbeit. Andreas war pragmatisch und direkt wie immer. Er sah ihn von der Seite an und griff nach seinem Oberarm mit seinen festen Fingern. Es dauert, denn da ist echt nix los. Er grinste. Versteh schon, die Mädels.
David nickte. Kann sein.
Er erzählt nichts vom stummen Konkurrenten, der in seinem Zimmer hockt und auf den entscheidenden Moment wartet. Sich in Endlosschleife durch das Buch schleicht, bis Goliath aus dem Waldgestrüpp bricht, seinen gewaltigen Schatten vor sich herschiebt und so vor ihm steht, wie man sich das erdenkt, weil man von dem bevorstehenden Kampf weiß.
Irgendwann wird auch er wie David stehen und spüren, dass es einfach ist, mit der Steinschleuder zu schießen.
Andreas war breit und durchtrainiert. Die Oberarme standen leicht ab vom Körper, weil die Muskeln sich dazwischenschoben. Vermutlich nahm er Präparate, um sie aufzubauen. Im Sportunterricht starrten ihn alle an. Die Muskeln wirkten wie aufgeblasen, Adern brachen hervor. Er war der Richtige für seinen Plan.
Wir gehen am besten gleich hinüber, sagte Andreas und wartete keine Antwort ab. David folgte ihm und ließ sich am Weg alles erklären. Einige Straßen weiter war der Sportverein. David sah eine Aneinanderreihung durchtrainierter Körper und den Schweiß, der dorthin führte. Er wäre an der Schwelle gerne umgekehrt. Es war zu spät. Andreas war drinnen und jemand klopfte ihm auf die Schulter. David trat ein.
*
Der Vater war in einer Besprechung. David setzte sich vor das Büro und wartete. Die Sekretärin war immer noch da. Sie hatte inzwischen zwei Kinder und keine bunten Haare mehr. Aber die Gummibärchentüte gab es noch, sie zog sie heraus und schwenkte sie hin und her.
David nickte.
Endlich kam der Vater aus dem Besprechungszimmer. Er wirkte angespannt. Er schüttelte Hände und verabschiedete sich von drei Männern. Als sie aus seinem Gesichtsfeld verschwunden waren, lehnte er sich erschöpft an den Schreibtisch und griff ebenfalls in die Gummibärchentüte. Er stöhnte etwas und sagte: Manche Gespräche sind vergeudete Zeit.
Dann sah er David. Hallo, David. Willst du auch ein Gespräch oder kommst zur Kaffeepause.
Beides.
Aha. Der Vater nickte. Dann komm. Gehen wir runter ins Café. Ich wollte dir eh etwas zeigen. Sie gingen hinunter in das Museumscafé und setzten sich an einen hinteren Tisch.
Probleme.
Nein. David zog ein Blatt Papier aus seinem Rucksack und legte es vor den Vater.
