Am See - Brigitte Dahmen - E-Book

Am See E-Book

Brigitte Dahmen

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Beschreibung

Wismar an der Ostsee im Jahre 1999. Heiko Kremer lebt zurückgezogen in einer Hütte an einem See. Sein einsames Leben wird lediglich unterbrochen von Besäufnissen, durch die er die Erinnerung an den Tod seines Bruders vergessen kann. Nach einer dieser Touren findet er in seiner Hütte einen Unbekannten. Heikos umnebeltes Gehirn nimmt zwar wahr, dass dort ein Fremder ist, doch am nächsten Morgen hat er alles vergessen. Sechs Wochen später machen sich die Kommissare Jansen und Borchardt aufgrund einer Vermisstenanzeige auf die Suche nach Jürgen Engeler. Ihre Recherche führt sie zu der Archäologin Anette Caldrien, mit der der Vermisste eine Beziehung hatte. Auch Anettes Freundin gerät in den Fokus der Ermittler. Nur langsam hebt sich für die Kommissare der Vorhang vor den Ereignissen. Hervor kommen alte Verwundungen, frische Verletzungen und unnötige Anschuldigungen. Und am Ende ist alles anders!

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Brigitte Dahmen, 1951 in Gladbeck geboren studierte in Bochum und Münster Archäologie und Geschichte. Vor und während des Studium war sie in verschiedenen Bereichen der Gastronomie tätig. Als Archäologin leitete sie zahlreiche Ausgrabungen und schrieb ihre ersten Texte.

Nach dem Eintritt in die Rente widmete sie sich ausschließlich dem Schreiben. Neben einigen Short Stories und Kindergeschichten erschien 2023 ihr erster Roman „Lipsande“, eine historische Erzählung über eine Familie in der Leibeigenschaft.

In der vorliegenden Erzählung "Am See" verknüpft sie Erlebnisse aus ihrem Arbeitsleben mit einem fiktiven Kriminalfall. Sie lebt in Ahrensburg nördlich von Hamburg und arbeitet zurzeit an einer weiteren historischen Erzählung.

Für meinen Sohn

Inhalt

Heiko Kremer trifft auf einen Unbekannten

Kommissar Jansen tastet sich vor

Anette in Gedanken

Was man so hört

Borchardt berichtet

Grabungen

Die Pohls

Bei einem Glas Wein

Kirstin und die Kommissare

Der unangenehme Herr Conradi

Ein Gespräch von Mutter zu Mutter

Kirstin mauert, und Knut denkt zurück

Im Kommissariat

Ein Rückblick – 1989

Zeugin Hellweg wird befragt

Noch einmal 1989

Das Ende einer Freundschaft

Zeuge Lederer

Eine besondere Nacht

Jansen und Borchardt bei der Arbeit

Eine Ehe am Ende?

Auf Mörderjagd

Im Namen des Volkes

Zuletzt

Die Personen

Heiko Kremer

trauert immer noch um seinen Bruder Harald

Jürgen Engeler

verschwindet, ohne dass es sofort bemerkt wird

Anette Caldrien

Archäologin und Wessitussi

Hauptkommissar Jansen

alter Hase im Kriminalgeschäft

Kommissar Borchardt

Jansens Assistent

Kirstin Pohl

Freundin von Anette Caldrien

Knut Pohl

ihr Mann

Conradi

unangenehmer Campingplatzbesitzer

Rita Mahrholz

Jürgen Engelers Mutter

Frau Hellweg

Zeugin mit einem Lieblingswort

Herr Lederer

Zeuge ohne ein Lieblingswort

Günter Schabowski

hinreichend bekannt als derjenige, der die Grenzöffnung angekündigt hat

Horst

Zufallsbekanntschaft, „Nenn mich Hotte!“

Kalle Ramelow

Reporter des Ostseeboten mit Ambitionen

Winkler

Hauptwachtmeister an der Wache in Wismar

Helga Sievers

Betreiberin einer Kantine und Heikos allerbeste Freundin

Ein Unbekannter

???

Darüber hinaus Personen, die die Geschichte füllen und ohne die es nicht geht. Und dann sind da noch einige Hunde und eine Katze.

Die Erzählung spielt im Jahr 1999

Heiko Kremer trifft auf einen Unbekannten

In der Nacht, in der Heiko Kremer das erste und einzige Mal auf Jürgen Engeler traf, konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Begegnung nachhaltig sein Leben verändern würde.

Eigentlich konnte von einer üblichen Begegnung auch gar nicht die Rede sein. Es war nicht so, dass sie sich auf der Straße getroffen haben. Auch haben sie sich nicht in einer Kneipe kennengelernt und schon gar nicht bei der Arbeit.

Nein! Der Ort, an dem Heiko Kremer auf Jürgen Engeler traf war so ungewöhnlich, dass Heiko in seinem damaligen Zustand Jürgen nicht wirklich wahrgenommen hatte. Und ein paar Stunden später konnte er das Erlebte nur noch als eine Episode des ständig gleichgeträumten Albtraumes deuten: Des Traumes, der immer mit dem Tod seines Bruders Harald endete.

Nachdem Heiko zwei Tage zuvor von einem ehemaligen Arbeitskollegen zu einem Bier eingeladen worden war, begann eine seiner Sauftouren, die immer so lange dauerten, bis er kein Geld mehr für den nächsten Schnaps hatte oder keiner mehr einen ausgeben wollte.

Seine vorletzte Station war der Schlauch gewesen. Bis auf Heiko hatten um zwölf Uhr sämtliche Gäste die Kneipe verlassen. Er bekam einen letzten Korn, und dann hatte ihn Astrid, die Frau hinter der Theke, mehr oder weniger sanft vor die Tür gesetzt. Sie wollte schließen, um endlich einmal früher ins Bett zu kommen. Heiko war rüber zur Volkskammer gelaufen. Und als die um zwei Uhr schloss, war auch für ihn Schluss.

Es war eine der milden Sommernächte, wie sie hier am Meer recht selten sind. Im Licht des Vollmondes wankte Heiko entlang des Trampel-pfades nach Hause zu seiner einsam gelegenen Hütte am Ende des Lütjensees. Angekommen bemerkte er, dass die Tür seiner Behausung sperrangelweit offenstand. Vielleicht besucht mich jemand, dachte er. Wobei ihm das Absurde des Gedankens nicht bewusst geworden war.

Auf der Eingangstreppe zog er seine Schuhe aus und stellte sie sorgfältig nebeneinander auf der oberen Stufe ab, so wie er es immer tat. Drinnen tastete er nach dem Lichtschalter.

Eine einzige Lampe, die in der Mitte des Raumes von der Decke hing, beleuchtete nur spärlich die karge Einrichtung. Rechts eine kleine Kochecke mit einem Tisch und zwei Stühlen. Mittig ein alter Bollerofen, dessen Rohr schräg durchs halbe Zimmer verlief, bevor es in der Decke verschwand, und links unter dem Fenster ein Kanapee. Die Wand daneben beanspruchte ein Regal, vollgestopft mit Büchern.

Und auf der Couch lag ein Fremder!

„Hey, Kumpel“, lallte Heiko bei seinem Anblick. „Was machst du denn hier?“

Der Fremde ächzte nur und starrte ihn mit glasigen Augen an. Auf unsicheren Beinen stand Heiko da, starrte seinerseits und wartete auf eine Antwort. Doch außer einem Stöhnen war aus dem Fremden nichts herauszubekommen.

„Is´ gut, Kamerad. Kannst liegen bleiben“, beruhigte Heiko den Fremden gutmütig. Er langte, nachdem er zweimal danebengegriffen hatte, nach der Decke auf der Sofalehne und legte sie fürsorglich über den stöhnenden Mann.

Mit breiten Schritten wankte er ins hintere Zimmer und plumpste in sein Bett. Er war eingeschlafen, noch bevor er sich richtig hingelegt hatte.

Nur wenige Stunden später schien die Morgensonne Heiko direkt ins Gesicht. Laut brummend schwirrte eine Fliege durch den Raum. Hartnäckig ließ sie sich immer wieder auf seine Nase nieder und war nicht zu verscheuchen. Mit jeder Bewegung wurde Heiko nüchterner und registrierte schließlich, dass er angezogen in seinem Bett lag. War er so hackenvoll gewesen?

Allmählich klärte sich sein Blick. Sein Mund war ausgetrocknet und er hatte das Gefühl, als würde seine Zunge am Gaumen kleben. Er brauchte Nachschub. Irgendwo hatte er doch noch eine Flasche. Wo war der Sprit nur hin? Im Küchenschrank? In der Ofenklappe? Angestrengt versuchte er sich zu erinnern. Klar! Hinter den Büchern auf dem Regal neben dem Sofa.

Noch halb benebelt robbte er ins vordere Zimmer. Am Sofa angekommen fiel sein Blick auf die Umrisse unter der Decke. Lag dort ein Kumpan, der in der Nacht mit ihm gekommen war? Musste wohl so sein. Er konnte sich allerdings nicht erinnern.

„Lass dich nicht stören, Kumpel“, murmelte er in Richtung des Fremden, während er die Flasche mit dem Korn aus ihrem Versteck holte. „Ich will mir nur Nachschub besorgen. Willst auch noch ´nen Schluck?“

Gutmütig streckte Heiko dem Fremden die Flasche hin. Keine Reaktion.

„Mann, du bist aber noch ganz schön voll. Verträgst wohl nicht so viel, was? Umso besser, bleibt mehr für mich.“ Grinsend ging er mit der Flasche nach draußen.

Vor der Hütte ließ er sich in einen Klappstuhl fallen. Der stark verschlissene Bezug dieses Möbel war schmierig braun. Auf der Rückenlehne stand in geschwungenen Buchstaben Franco Nero. Vor einigen Jahren hatte Heiko den Hollywoodstuhl, wie er ihn nannte, in einem der Container gefunden. Die waren damals an fast allen Straßenecken der Stadt aufgestellt worden. Zuhauf hatten die Leute darin alte DDR-Möbel entsorgt, um Platz für die neuen aus dem Westen zu schaffen. Heiko fand, dass man sich aus den Containern noch gut mit brauchbaren Sachen eindecken konnte.

Mit zittrigen Händen setzte er sich nun die Flasche an den Mund und nahm einen tiefen Schluck. Ein leichtes Brennen in der Gurgel und dann wartete er darauf, dass der Alkohol zu wirken begann. Dann konnte er vergessen, dass all seine Träume wie Seifenblasen zerplatzt waren, dass kaum etwas in seinem Leben ein gutes Ende genommen hatte, dass seine große Liebe mit einem anderen davongezogen war und auch die Erinnerung an den Tod seines Bruders würde hoffentlich verblassen.

Bald wusste er nichts mehr von seinen Träumen. Die Niederlagen in seinem Leben waren ihm egal, seine Liebe und auch das Bild seines Bruders verschwanden im Nebel des Alkohols und wie ein Leichentuch legte sich die Trunkenheit erneut auf Heikos Erinnerungen.

Kaum einer wusste, dass er hier am See wohnte, nur seine Tante Frieda, und die Polizei. Vor Jahren, als ein besonders kalter Winter herrschte, hatten sie ihn nach eine seiner Touren unterwegs aufgegabelt und ihn wohlbehalten nach Hause gebracht. Danach hatte sich dieses Ritual eingebürgert. Seitdem wurde Heiko, wenn die Männer der Wache ihn bemerkten und der Ansicht waren, er sei zu betrunken, um sicher nach Hause zu kommen, mit den Streifenwagen heimgefahren. Heiko nahm diesen Service gerne in Anspruch. Da der kürzere Weg am See entlang nur ein Fußweg war, mussten die Beamten den Umweg über die östlichen Dörfer machen. Das letzte Stück zum See führte zu Fuß durch ein kleines Wäldchen. Heiko wurde dann immer von einem der Wachmänner begleitet. „Habt ihr Angst, dass ich mich verlaufe?“, war seine Frage. Und die Antwort lautete jedes Mal: „Nein, wir wollen nur sichergehen, dass du dich richtig zudeckst.“

Für die Idylle seines kleinen Besitzes hatte Heiko schon lange keinen Blick mehr. Eigenhändig hatte sein Großvater einen Schuppen gebaut, nachdem er vor dem Krieg die Fischereipacht des Sees übernommen hatte. Aus dem Schuppen wurde im Laufe der Zeit zuerst ein Bretterhäuschen und dann eine richtige Datsche. Nach dem Krieg wurde die Fischerei und der See Volkseigentum, doch die Hütte blieb wie durch ein Wunder im Besitz der Familie.

Heiko und sein Bruder Harald verbrachten hier die schönsten Stunden ihrer Kindertage. Damals ragte noch ein Steg ins Wasser, und die Brüder wetteiferten, wer die dicksten Arschbomben landen konnte. Zu diesen Wochenenden gehörten immer auch Bockwürstchen mit Kartoffelsalat, und wenn die Nächte mild waren machte der Vater ein Lagerfeuer. Die Jungen durften dann so lange aufbleiben bis das Holz zu einem Haufen Asche heruntergebrannt war.

Es war der Ort, der Heiko geblieben war, sein Rückzugsort, fast unsichtbar hinter Bäumen, Sträuchern und hochgewachsenem Schilf versteckt. Im Laufe der Zeit war aus dem ehemals lichten Grundstück ein zugewachsenes Stück Land geworden.

Nähere Freunde hatte Heiko kaum noch. Lediglich seine Tante Frieda besucht er regelmäßig. Tante Frieda hatte es längst aufgegeben, ihn, wie sie meinte, zur Vernunft zu bringen. Vor der Wende war sie ständig in Sorge um Heiko und auch um seinen Bruder Harald. Die Brüder redeten allzeit unbedacht drauflos und brachten sich immerfort in Gefahr. Dass die Staatssicherheit sie nicht gefasst hatte, dachte Tante Frieda, hatten sie wohl einem besonderen Schutzengel zu verdanken.

Den Brüdern war ein Schutzengel allerdings egal. Was sie für sich als Wahrheit erkannt hatten musste der Welt mitgeteilt werden. Die Widersprüche des Systems in dem sie lebten zwangen sie geradezu zu rebellieren wenn auch nur verbal. Tante Frieda fielen tausend Steine vom Herzen als die Wende kam.

Doch dann passierte das mit Harald!

Das was die Brüder jahrelang mit ihren riskanten Kommentaren angeprangert hatten, hatte im Herbst neunundachtzig von heute auf morgen keine Bedeutung mehr. Der vom Staat angeordnete Glaube an den real existierenden Sozialismus war nun nicht mehr gefragt. Stattdessen wurde an etwas anderes geglaubt: an das Heil des Westens – an die D-Mark. Jetzt waren die Widersprüche des Kapitalismus das Thema der Brüder. Ja, merkte denn keiner, dass die unbegrenzten Reisemöglichkeiten, die vollen Läden, die tollen Autos und all die schönen Sachen ihren Preis forderten? Merkte keiner von denen, die so begeistert die Wende begrüßt hatten, dass sie gerade dabei waren, einen Wechsel auf die Zukunft auszustellen?

„Glaubt ja nicht, dass wir das alles geschenkt bekommen“, teilten sie jedem mit. Auch denen, die es nicht hören wollten. „Die fressen uns mit Haut und Haar. Was glaubt ihr denn, welche Interessen wirklich dahinterstecken?“

Doch nun wurden die Brüder nicht mehr wohlwollend belächelt. Hatten sie vorher gegen einen vermeintlich gemeinsamen Gegner gewettert, so attackierten sie nun in den Augen derer, die die neue Zeit begrüßten den neuen Heilsbringer. Den wollte sich keiner schlechtmachen lassen.

Die meisten ließen die Brüder allerdings reden oder beachteten sie nicht. Andere verwiesen mit mehr oder weniger barschen Entgegnungen auf Diktatur, Stasi und Mauer, was doch viel, viel schlimmer gewesen sei.

Einer allerdings fühlte sich durch die provokanten Reden persönlich angegriffen. Die Brüder kannten ihn. Es war Maik, mit dem sie gemeinsam auf der Werft gearbeitet hatten. Im Sommer 1991 trafen sie ihn auf dem Arbeitsamt wieder. Heiko wartete dort auf Harald und verkündete dem ebenfalls wartenden ehemaligen Kollegen ungefragt seine Ansicht über die neue Zeit.

„Laber doch nicht so ein dummes Zeug“, wurde er von Maik zurechtgewiesen.

Ungerührt trug Heiko seine Weisheiten weiter vor. „Warte es ab, bald gehen mehr Menschen zum Arbeitsamt als zur Arbeit. Das ist nur der Anfang.“

„Quatsch! Woher willst du das wissen? Tu doch nicht so oberschlau. Arbeiter werden außerdem immer gebraucht.“

„Und warum bist du dann hier?“, war Heikos Frage.

Darauf hatte der andere keine Antwort.

„Ich sage dir, warum“, fuhr Heiko fort. „Deine Arbeit kann inzwischen viel billiger eine Maschine machen. Du bist überflüssig.“

„Du! Du bist überflüssig, du mit deiner ewigen Besserwisserei!“

Maik machte einen Schritt auf Heiko zu. Er reckte provozierend das Kinn vor und stieß ein bellendes hä! aus.

Heiko wich zurück, hauptsächlich der süßlichen Alkoholfahne wegen, die ihm der andere ins Gesicht blies. In Heikos Welt gab es keine wirklich bösen Menschen. Er konnte schlecht einschätzen, ob sein Gegenüber auf Krawall gebürstet war.

„Angst?“, fragte Maik. „Haste Schiss? Das hab ich gerne. Vorher gegen alles sein und jetzt auch nicht zufrieden. Ihr seid so richtige kleine Mies-macher, du und dein Bruder. Warum hat die Stasi euch eigentlich nicht eingelocht? Habt wohl was mit denen gemeinsam gemacht, wie?“, pöbelte er und drängte Heiko immer weiter nach hinten an die Wand.

Am anderen Ende des Flurs tauchte Harald auf. Die letzten Worte von Maik hatte er nicht mitbekommen, sah aber, dass sein Bruder in Bedrängnis war.

„Heiko, was ist los?“, rief er und lief auf die beiden zu.

Maik drehte sich um.

„Aha, da ist ja der andere Stinker!“ Und ohne zu zögern holte er aus und schlug mit voller Wucht Harald seine Faust ins Gesicht. Harald wankte und hielt sich die Nase, aus der das Blut nur so schoss.

„Und dann hat er ihn einfach totgehauen!“

Immer noch saß Heiko in seinem Klappstuhl vor seiner Hütte. Den letzten Gedanken hatte er laut vor sich hingesprochen.

Wie eine Luftblase unter Wasser war die Erinnerung an jenen Tag aus seinem Unterbewusstsein emporgestiegen: Jenes schreckliche Ereignis, das sich vor acht Jahren vor seinen Augen abgespielt hatte. Irgendetwas hatte ihn an das Drama des damaligen Tages erinnert. Vor seine Augen hatte er das Bild seines am Boden liegenden Bruders und sah das Blut, das ihm über das Gesicht rann.

Und über dieses Bild schob sich an diesem sonnigen Sonntagmorgen im Juli 1999 ein zweites: Das Bild der blutenden Kopfwunde eines Fremden in seiner Hütte.

Kommissar Jansen tastet sich vor

Sechs Wochen später stand Kommissar Jansen in der Spießergasse in Wismar vor der Hausnummer sechszehn.

„Frau Caldrien?“, sprach er eine junge Frau an, die gedankenversunken auf das Haus zugegangen war.

Verschreckt schaute Anette Caldrien auf und blickte in das erwartungsvolle Gesicht des Mannes, der sie angesprochen hat. Sofort schoss ihr der Gedanke an einen Vertreter durch den Kopf: Braune Kombi mit braunem Hemd, die Krawatte etwas zu grell, der Trenchcoat zugeknöpft. Irgendwie typisch. Sie beschloss den Mann abzuwimmeln.

„Jansen mein Name. Ich komme von der Kripo Schwerin“, stellte sich der Kommissar vor und hielt ihr einen Ausweis hin. „Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Ich hätte Ihnen gerne einige Fragen gestellt.“

Vor Jansen stand eine mittelgroße dunkelhaarige Frau, die er auf Anfang vierzig schätzte. Ihr anfänglich offener Blick verschleierte sich einen Augenblick, wechselte aber schnell zu einem Lächeln, als sie seinen Ausweis erblickte. Trotzdem meinte er, eine gewisse Abwehr zu spüren.

„Ja, bitte“, sagte sie, machte aber keine Anstalten, in das Haus zu gehen. Offenbar wollte sie das Gespräch hier draußen führen.

„Können wir reingehen? Es dauert nicht lange.“

„Ja, natürlich! Entschuldigung.“

Sie stellte die Taschen mit ihren Einkäufen ab und schloss die Haustür auf, aber noch ehe Jansen ihr helfen konnte, hatte sie beide Taschen gegriffen und trat ins Haus. Vor einer Windfangtür jedoch machte sie Halt und forderte Jansen mit einem Blick auf, ihr die Tür zu öffnen.

„Ich wohne oben“, bemerkte sie und übernahm wieder die Führung eine steile Treppe hoch.

In der Wohnung umfing Jansen eine abgestandene Luft, die leicht von einem zartem Blütenduft überlagert wurde. Auf dem Boden lag ein zusammengeknäultes Frotteetuch, ansonsten war der Flur leer. Türen, die fast die gesamte Breite der Flurwände einnahmen ließen keinen Platz für irgendein Möbelstück.

„Gehen Sie doch bitte dort rein.“ Mit einem Kopfnicken deutete Anette nach links auf eine angelehnte Flügeltür. Sie selbst wandte sich nach rechts.

Jansen betrat ein Wohnzimmer. Durch die gegenüberliegende Fensterreihe fiel sein Blick auf einen alten, leerstehenden Speicher auf der anderen Straßenseite.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten. Ich mache mir auch einen“, rief Anette von hinten.

„Nein, danke!“

Der gesamte Raum war sparsam möbliert. Ein altes Sofa war die einzige Sitzgelegenheit im Zimmer. Daneben standen drei unterschiedlich große Acrylglastische. Jetzt bemerkte Jansen auch woher der Blumenduft gekommen war. In einem Plastikeimer, der notdürftig mit Alufolie zur Vase umgestaltet worden war, befand sich ein riesiger Strauß weißer Rosen.

So etwas kauft man nicht selbst, überlegte er, das bekommt man geschenkt.

Anette kam herein und stellte ein Tablett auf eines der Tischchen ab.

„Ihren Mantel müssen Sie über die Lehne legen“, bemerkte sie entschuldigend. „Ich habe noch keine Garderobe.“

Sie ging ins Nebenzimmer und kam mit einem klapperigen Bürostuhl zurück. Dann verschwand sie wieder.

Jansen hatte Zeit, sich weiter im Raum umzusehen. Den Boden belegte ein alter, schon sehr abgetretener Perserteppich.

Passt zum Rest der Einrichtung, ging ihm durch den Kopf. Scheint irgendwie alles vom Trödel zu kommen.

Anette kam mit einer Kanne Kaffee zurück und setzte sich auf den Stuhl. „Nehmen Sie doch Platz“, sagte sie und wies auf das Sofa.

Jansen ließ sich nieder und sank sofort fast bis zum Boden durch. Verdammt! Wie sollte er da wieder herauskommen ohne lächerlich zu wirken? Er stellte fest, dass sie sein Unbehagen bemerkte.

„Hat leider noch nicht für eine neue Polsterung gereicht“, entschuldigte sie sich.

Statt einer Antwort grinste Jansen etwas schief. Er räuspert sich, um sein Sprüchlein aufzusagen, mit dem er gemeinhin Befragungen dieser Art einleitete. Doch bevor er loslegen konnte, griff sie zur Kanne.

„Wollen Sie nicht doch eine Tasse? Etwas anderes vielleicht, Wasser oder Orangensaft?“

Er wehrte ab. Was war mit der Frau los? Die meisten Menschen, die er befragte, platzten entweder vor Neugierde oder wehrten sofort ab, da sie in keiner Form etwas mit der Polizei zu tun haben wollten. Hier allerdings wurde totales Desinteresse zur Schau gestellt.

„Nein, Frau Caldrien. Ich möchte Sie auch nicht zu lange aufhalten. Es handelt sich um Herrn Engeler, um Jürgen Engeler“, präzisierte er. „Seine Mutter hat ihn vermisst gemeldet. Von ihr wissen wir, dass Herr Engeler mit Ihnen liiert war und bei Ihnen gewohnt hatte. Und ich möchte wissen, ob Sie mir dazu etwas sagen können?“

Während seiner Rede schaute sie ihn unverwandt in die Augen. Als er den Namen Engeler erwähnte, zuckte ihr rechter Mundwinkel. Der Anflug eines Grinsens, das aber schnell wieder verflog.

„Also“, setzte sie an. „Ich will ja Frau Engeler nicht zu nahetreten, aber sie müsste ihren Sohn doch kennen. Dass der sich längere Zeit mal nicht meldet, ist nicht erstaunlich.“

„Das sagte sie uns auch. Sie heißt übrigens Marholz.“

„Wie? – Ach so, ja! Ich vergesse immer, dass die Geschwister anders heißen.“