Am Tag, als Anne ging - Dirk Schaper - E-Book

Am Tag, als Anne ging E-Book

Dirk Schaper

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Beschreibung

"Am Tag, als Anne ging" ist eine bewegende Geschichte über die Beziehung zwischen Mensch und Hund - vom Tag der ersten Begegnung bis zum letzten gemeinsamen Augenblick. Ein liebevoll geschriebenes Buch über Vertrauen, Akzeptanz, das Lernen voneinander und neuen Lebenswegen, die daraus entstehen können.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Der Tag, an dem wir Anne kennenlernten

Der Tag, an dem Anne zu uns kam

Tonis Ankunft

Der Tag der Erkenntnis

Die Prüfungen

Als Anne ein Therapiehund wurde

Der Tag, an dem ich die Hundephysiotherapie-Ausbildung begann

Der Tag, an dem wir unsere Praxis eröffneten

Der Tag, an dem ich Dozent für Hundephysiotherapie wurde

Der Tag, an dem wir uns entschieden, Deutschland zu verlassen

Die Erhebung

Der Tag, an dem Anne operiert wurde

Der Tag, an dem Annes Befund kam

Der Tag des Entschlusses gegen Chemo- und Strahlentherapie

Der Tag, an dem wir Mut schöpften

Annes Ankunft in Schweden

Die ersten Wochen in Schweden

Am Tag, als Anne ging

Der Tag, nachdem Anne ging

Der zweite Tag, nachdem Anne ging

Der dritte Tag, nachdem Anne ging

Den Tag dereinst, an dem ich gehe,

wend' ich mich ab mit müdem Blick.

Beseelt, wenn ich dann vor Dir stehe.

Wieder vereint; gemeinsam Glück.

Es fühlt sich so an, als ob es keine Zeit mehr gibt. Der Augenblick erscheint wie eingefroren.

Ich streichele Anne und fühle ihr warmes, weiches Fell unter meinen Händen. Welch unwirkliches Gefühl. Keine Atembewegung ist mehr bei ihr zu spüren. Meine wundervolle Hündin liegt regungslos neben mir.

Der Raum, von kleinen Kerzen mild erleuchtet, ist angefüllt mit tiefer Ruhe und einer großen, umhüllenden Liebe.

Während ich auf Anne hinabsehe, erinnere ich mich an den Tag, als ich sie als kleinen, unbeholfenen Welpen zum ersten Mal sah.

Der Tag, an dem wir Anne kennenlernten

„Wollen wir kleine Hunde anschauen gehen?“ fragte Saskia in die Runde, die zusammengekommen war, um mit ihr ihren Geburtstag zu feiern. „Unsere Bekannten haben eine Hündin aus dem Tierschutz adoptiert und ein paar Wochen später hat diese dann Welpen bekommen, obwohl sie eigentlich kastriert sein sollte.“

Sie schaute uns fragend an. Alle waren begeistert. Ein paar Minuten später machten wir uns auf den Weg und schlenderten, entspannt plaudernd, ein paar hundert Meter durch den kleinen, ruhigen württembergischen Ort.

Freundlich empfing uns die Besitzerin der kleinen Hundemeute an der Haustür und schien nicht besonders irritiert zu sein, dass Saskia unangemeldet mit einer Gruppe fremder Leute erschien, die ihre kleinen Hunde anschauen wollte. Wir wurden durch den Flur in das Wohnzimmer geleitet. Und schon liefen uns neugierig vier kleine tapsige Wesen entgegen. Thessa, die Hundemutter, ging vor den kleinen Welpen her und schnüffelte zunächst alle Neuankömmlinge ab, legte sich dann mitten in den Raum und beobachtete ruhig die Szenerie.

Alle waren entzückt von der Mutter und den vier winzigen, unbeholfenen Fellwürmchen, die kaum älter als fünf Wochen waren.

Meine Frau Gabi und ich setzten uns im Schneidersitz an eine Zimmerwand und beobachteten interessiert die tatendurstigen und neugierigen Hunde. Ein kleiner, äußerst zierlicher Welpe mit hellbraunem Fell kam direkt zu uns und versuchte, an meinem Bein hochzuklettern. Ich nahm ihn vorsichtig hoch und setzte ihn sanft in meinem Schoß ab. Seine kleine Hundenase schnüffelte ausgiebig an meinen Händen.

„Das ist Anne. Sie ist noch nicht vermittelt“, hörte ich Saskia sagen.

„Anscheinend fühlt sie sich recht wohl bei Dir. Wenn ihr sie zu Euch holt, wäre Tanne nicht so allein.“ Sanft streichelte ich Annes zarten Körper, während ich nachdachte. Innerhalb weniger Augenblicke war der kleine Hund eingeschlafen.

„Ich weiß nicht,“ antwortete ich schließlich, „du kennst doch Tanne und ihre Eigenheiten. Sie mag andere Hunde nicht und wir wollen ihr in ihrem Alter nicht den Stress eines Welpen zumuten“.

Unsere Hündin Tanne war zu dieser Zeit schon eine alte Dame.

Wir kannten sie, seit sie ein winziger schwarzer Spitzmischlingswelpe war und hatten sie mit drei Jahren zu uns geholt, als ihr Frauchen, unsere damalige Vermieterin, schwer erkrankte und kurz darauf starb.

Unser erster Hund Bobby kam problemlos mit ihr zurecht. Und auch Tanne vertrug sich, trotz ihrer Abneigung anderen Hunden gegenüber, gut mit ihm.

Vor einem Jahr mussten wir Bobby nach vielen Monaten schwerster Demenz mit siebzehn Jahren gehen lassen. Seitdem führte Tanne ein Prinzessinnenleben bei uns. Natürlich war der Gedanke, einen kleinen Welpen in die Familie zu holen, verlockend. Doch wir fanden, dass wir damit weder Anne noch Tanne einen Gefallen tun würden.

Saskia entschied sich einige Wochen nach der spontanen Welpenschau, Annes Bruder Alf zu adoptieren. Er sah Anne recht ähnlich, war allerdings größer und auch massiver vom Körperbau.

Später berichtete mir Saskia, mit der ich zusammen in einer Rehaklinik als Physiotherapeut arbeitete, dass Anne vermittelt worden war. Eine junge Frau mit einem Kleinkind hatte sie zu sich geholt.

Unserer Tanne ging es in den nächsten Monaten nicht mehr gut.

Sie wollte sich immer weniger bewegen. Spaziergänge dauerten nur noch wenige Minuten, sie wurde zusehends ein alter Hund.

Ihr Schnäuzchen wurde immer weißer und ihre Augen immer trüber, sie sah nur noch sehr schlecht. Da sie es nicht mehr schaffte, allein auf die Couch zu springen, hoben wir sie jedes Mal vorsichtig hoch. Als Tanne von einem Tag auf den anderen nichts mehr fressen wollte, gingen wir, wie so oft in letzter Zeit, zum Tierarzt. Doch alle Möglichkeiten, ihr zu helfen, waren ausgeschöpft. Nach siebzehn Jahren mussten wir Tanne gehen lassen.

Wir waren ziemlich erschöpft von den letzten Monaten, in denen sich alles um Tannes schnellen körperlichen Abbau gedreht hatte.

Wir brauchten Zeit, um zu trauern, um zur Ruhe zu kommen und um zu entscheiden, ob wir wieder einen Hund zu uns holen wollten. In den vergangenen Jahren wurde unser Leben stark durch unsere beiden Hunde Tanne und Bobby geprägt. Jetzt nahmen wir uns vor, wieder mehr in Kinos und in Restaurants zu gehen und wir wollten in den Urlaub fahren, ohne darauf achten zu müssen, ob dort Hunde erlaubt sind. Ohne eigene Tiere erschien uns doch vieles wesentlich einfacher.

Wenige Monate nach Tannes Tod, hatten wir für eine Woche einen Bungalow in Brandenburg gemietet. Er lag direkt an einem kleinen See. Von drei Seiten war das Häuschen von großen Kiefern umgeben. Während wir auf der dem Wald abgewandten Seite auf der Terrasse saßen und unsere Blicke über das Wasser schweifen ließen, genossen wir die Ruhe, den Sonnenschein, die Wärme. Wir hatten seit Jahren das erste Mal das Gefühl, keinerlei Verpflichtungen zu haben.

Doch nach einigen Tagen wurde uns klar, dass das zwar alles recht schön ist, aber eigentlich fühlte es sich ziemlich leer und öde an.

Ohne unsere Hunde war es nicht komplett. Wir waren anscheinend richtige Hundemenschen geworden. Diese ganzen Freiheiten, die sich durch das Leben ohne Hunde ergaben, erfreuten uns nicht annähernd so sehr, wie das Leben mit ihnen unsere Herzen erfüllt hatte.

Seit Tannes Tod waren mittlerweile einige Monate vergangen, Bobby war nun schon zwei Jahre nicht mehr bei uns. Wir vermissten die beiden sehr. Dennoch, vielleicht war es an der Zeit, wieder ein Tier zu uns zu holen. Wir nahmen uns vor, nicht gezielt nach einem Hund zu suchen, sondern zu warten, bis sich etwas ergibt.

Nach unserem kurzen Urlaub kam ich am Montagmorgen in die Klinik und Saskia empfing mich mit den Worten: „Anne ist wieder zurück.“ Ich wusste zuerst nicht, was sie meinte, und glaubte zunächst, dass sie von einer Patientin spricht. Aber schnell war klar, dass es der kleine anschmiegsame Welpe war, über den sie sprach. „Sie wurde von der jungen Frau zurückgebracht.“ sprach Saskia weiter. „Irgendwie hat es wohl nicht funktioniert. Die zwei anderen Welpen und Thessa sind auch noch da. Scheinbar will niemand die Hunde haben und für die Halterin ist das mit den vier Hunden eine enorme Belastung.“

Das war unglaublich. Gerade hatten wir beschlossen, wieder einen Hund aufzunehmen und schon schien sich eine Gelegenheit zu bieten. Saskia steckte mich mit ihrer Aufregung sofort an und wir verabredeten, dass sie so schnell wie möglich ein Treffen mit uns und der Halterin organisiert.

Am folgenden Wochenende fuhren wir los, um die Hunde in Augenschein zu nehmen. Es war abgesprochen, uns auf einem Feld zu treffen und gemeinsam einen Spaziergang zu unternehmen.

Als wir ankamen, sahen wir zuerst Saskias Auto. Sie hatte Alf mitgebracht, der zu einem stattlichen Rüden herangewachsen war.

Die Halterin des kleinen Rudels und ihr erwachsener Sohn kamen wenige Minuten nach unserem Eintreffen an. In ihrem Kombi rumorte es ordentlich, als sie anhielten. Nach einer kurzen Begrüßung ging sie um ihr Auto herum und öffnete die Heckklappe. Es entlud sich eine geballte Menge Hundeenergie.

Jeder Hund wollte möglichst als erster das Auto verlassen. Alle quetschten sich zugleich durch die Öffnung in die Freiheit. Die Hunde sprangen wie verrückt um uns herum und an uns hoch. Es war ein fürchterliches Tohuwabohu mit lautstarkem Gebell, Gehüpfe und aufgeregtem Hin-und-Her-Gerenne.

Ich weiß nicht, was ich mir gedacht hatte, aber das waren keine Welpen. Die fast ausgewachsenen Junghunde waren schon größer als ihre Mutter Thessa und keiner von ihnen wirkte auch nur annähernd wie ein Welpe. Na klar, es war ja schon ein ganzes Jahr vergangen, nachdem wir die Kleinen kennengelernt hatten. Aus Anne war ein mittelgroßer, schlanker Hund geworden. Ihr hellbraunes, kurzes Fell glänzte in der Sonne und ihre Mimik war sehr ausdrucksstark, da das Fell um ihre Augen und ihre Augenbrauen dunkler gezeichnet war als der Rest des Kopfes.

Anne beschnüffelte uns kurz und beachtete uns dann nicht weiter.

Der folgende Spaziergang war sehr anstrengend. Mir ging der Ausdruck „einen Sack Flöhe hüten“ durch den Kopf. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Hund machte, was er wollte. Anne, die wir hauptsächlich beobachteten, hatte nicht viel zu sagen. Die anderen Junghunde begrenzten und maßregelten sie ständig.

Als zweihundert Meter entfernt ein Fahrradfahrer auftauchte, hetzten plötzlich alle Hunde wie von der Tarantel gestochen los.

Mir blieb für einen Moment das Herz stehen.

Obwohl die Halterin und ihr Sohn aus Leibeskräften hinter den Hunden her schrien, blieb nur Thessa, die Mutterhündin, einen Augenblick leicht verdutzt stehen, um dann aber doch dem laut kläffenden und sich schnell entfernenden Rudel zu folgen. Der arme Fahrradfahrer fiel mit seinem Fahrrad beim Anhalten fast um. Um ihn herum sprangen und bellten fünf energiegeladene Hunde. Wir eilten ihnen hinterher. Endlich, am Ort des Geschehens angekommen, schnappte sich jeder von uns eine der Bestien am Halsband. Die Halterin der wüsten Schar entschuldigte sich bei dem erbosten Radfahrer und wir gingen langsam zum Auto zurück.

Was mir in dieser Situation auffiel, war, dass sich Anne, die Zarteste von allen, am lautstärksten hervortat. Eben noch wurde sie von den anderen Hunden ständig zurechtgewiesen, um kurz darauf als zähnefletschendes Monster wehrlose Fahrradfahrer zu terrorisieren.

Gabi war geschockt. Wollten wir diese Hündin wirklich zu uns holen? Darüber mussten wir erst mal in Ruhe reden. Nebenbei erfuhren wir, dass das nicht der erste dieser Vorfälle war. Die Hunde hatten also schon einige derartige Erfahrungen gesammelt.

Offensichtlich entwickelt das kleine Rudel unter bestimmten Umständen eine Dynamik, die im Alltag zu unschönen Situationen führte. Wir konnten nicht sagen, wie sich Anne ohne die anderen Hunde benehmen würde. Können wir diese geballte Energie in Bahnen lenken, die uns ein möglichst stressarmes Zusammenleben ermöglichten? Unser verstorbener Hund Bobby sah bis zu seinem Lebensende in jedem Hund, dem er begegnete, ein unbedingt zu attackierendes Objekt. Er drehte in diesen Situationen vollkommen durch. Es war nicht immer leicht mit ihm. Zudem wussten wir auch nicht, wie wir mit diesem Verhalten umgehen sollten. Alle „Experten“, die wir damals befragten, arbeiteten ausschließlich über Strafen. „Ihr müsst den Willen des Hundes brechen“ und „wenn es ihm nicht weh tut, lernt der das nie“ waren die Ratschläge, die wir bekamen.

Da wir es selbst nicht besser wussten, war unser Haupterziehungsmittel somit die Bestrafung.

Selbst heute möchte ich noch vor Scham im Boden versinken, wenn ich mich daran erinnere, wie roh und mit wie wenig Empathie ich mit Bobby in seinen jungen Jahren umgegangen bin.

Diese Art der Erziehung wollte ich Anne nicht auch angedeihen lassen. Doch was sollten wir tun, wenn es mit ihr überhaupt nicht funktionieren würde? Mittlerweile gab es einige Bücher über Hundeerziehung, die Ausbildungsmethoden vorstellten, welche nicht ausschließlich auf Strafe beruhten. Allmählich begann sich die Einstellung gegenüber Tieren und ganz speziell Hunden, zu ändern. Hunde wurden zunehmend als Sozialpartner und Familienmitglieder akzeptiert.

Damit änderte sich auch der Umgang mit ihnen und die Ausbildungskonzepte wurden vielfältiger.

Wir beschlossen, Anne zu uns zu holen, zu sehen, wie es im Alltag läuft und dann zu entscheiden, ob wir Hilfe bei ihrer Erziehung benötigten.

Der Tag, an dem Anne zu uns kam

Wir trafen uns mit Annes Halterin auf einem Parkplatz, um unser neues Familienmitglied in Empfang zu nehmen.

Was wir nicht wussten, war, dass wir zu Anne auch noch ein Hundebett, Annes beide Hundedecken, reichlich Hundespielzeug, zwei Leinen und allerhand Futtervorräte mitbekamen.

Nach vielen Abschiedstränen der bisherigen Halterin machten wir uns mit gefülltem Kofferraum und Anne auf dem Rücksitz auf den Heimweg.

Als wir zu Hause das Auto entluden, schlug uns aus dem Kofferraum ein starker Uringeruch entgegen. Wahrscheinlich hatte sich Anne kurz vor der Übergabe noch auf einer ihrer Decken erleichtert.

Wir nahmen Anne an die Leine, gingen mit ihr langsam durch die Wohnung und ließen sie ihr neues Zuhause beschnüffeln. Sie war sehr aufgeregt und wir entschlossen uns deshalb, mit ihr in den Wald zu gehen, damit sie ihr neues Umfeld kennenlernen und gleich etwas Energie abbauen konnte. Damals wohnten wir in einem kleinen Gewerbegebiet in der Rheinebene, nahe Karlsruhe.

Direkt hinter dem Haus begann der Hardtwald, ein großes Waldgebiet mit tollen, kilometerlangen Wegen.

Draußen zeigte sich Anne von ihrer besten Seite. Sie zog zwar etwas an der langen Leine, aber ansonsten war sie uns gegenüber sehr aufmerksam. Riefen wir ihren Namen, kam sie gleich schwanzwedelnd zu uns gelaufen. Das sah ja schon mal ganz gut aus. Allein, ohne ihre Geschwister und ihre Mutter, war sie uns gegenüber zugänglich und aufmerksam.

In ihrer ersten Nacht bei uns schlief Anne ruhig in ihrem Hundekörbchen, das neben Gabis Bett stand.

Am folgenden Morgen wachte ich ziemlich früh auf, schaute vorsichtig über Gabi hinweg, um zu sehen, ob Anne noch schlief.

Ich sah Annes Kopf, der wach und neugierig zu mir schaute. Ihre Ohren tanzten unentschlossen vor und zurück. „Hallo Anne“ sagte ich leise mit freundlichem Ton. Das reichte völlig aus. Mit einem großen Satz sprang sie zuerst auf Gabi, die mit einem Schrei entsetzt erwachte, hüpfte unerschrocken weiter zu meiner Bettseite und war anscheinend vollkommen entzückt davon, auf uns und dem Bett hin und her springen zu können. Sie versuchte ganz aufgeregt, unsere Gesichter abzulecken. Dabei pinkelte sie im Überschwang alles voll.

„Na toll,“ sagte Gabi laut lachend, während Anne weiter auf uns herum kasperte „da müssen wir wohl demnächst etwas früher aufstehen.“

Es stellte sich jedoch heraus, dass Anne bei jeglicher Form von Aufregung Urin absetzte. Wenn sie bemerkte, dass wir sie zum Spazierengehen anleinen wollten, wenn ihr Futter in den Napf geschüttet wurde, wenn wir zurück zum Auto kamen, in dem sie kurz allein gewartet hatte und wenn sie einen von uns begrüßte, nachdem dieser unermesslich lange zwei Minuten den Müll hinausgebracht hatte.

Das erklärte wahrscheinlich auch den Uringeruch auf den Decken, die wir mitbekommen hatten.

Wir mussten zuerst einmal unsere eigenen Freudenausbrüche Anne gegenüber zügeln. Denn blieben wir ruhig und gelassen bei unseren Wiedersehen, beruhigte sie sich recht schnell und verlor auch nur wenig Urin oder tröpfelte manchmal auch gar nicht. Das war nicht leicht für uns, denn immerhin freuten wir uns ebenso darüber, Anne wieder zu sehen, wie sie sich über uns freute. Es fiel uns schwer, nicht jedes Mal in ihren Freudentaumel einzustimmen.

Obwohl wir unsere Blasenmuskulatur in diesen Situationen gut unter Kontrolle hatten, war es bei Anne eben leider nicht so.

Ihre Freude an den Wiedersehen mit uns unterstrich sie außerdem mit wildem Anspringen. Dabei hüpfte sie an uns hoch, um dann langsam unsere Arme mit ihren Vorderpfoten umklammernd herunterzurutschen. In den ersten Wochen sahen unsere Unterarme aus, als ob wir keinen Hund, sondern eine Wildkatze gegen ihren Willen bei uns beherbergten.

Nach einigen Tagen, während denen ich beobachtete, dass sich Anne draußen gut an uns orientierte, ließ ich sie kurze Strecken frei laufen. Sie ging nie weiter als 30 Meter voraus und schaute sich immer wieder nach uns um. Rief ich Annes Namen, kam sie meistens sofort freudig zurückgerannt. Wahnsinn. Was für ein toller Hund.

Gerade hatte ich Anne wieder einmal abgeleint, erschien ungefähr einhundert Meter vor uns an einer kleinen Waldwegkreuzung, die „Dorf-Gang“. Gabi hatte dieser Gruppe von Menschen und Hunden diesen Titel vor einigen Jahren verliehen. Einige Hundehalterinnen trafen sich jeden Tag, um in der Gruppe einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen. Früher waren wir mit Tanne auch ein Teil der Gang, bis sie die langen Strecken nicht mehr schaffte.

Zwei Labrador-Junghunde, ein Husky, ein Huskymix, ein großer Mischlingsrüde und ein Bearded-Collie bogen um die Ecke.

Während uns die Hunde langsam entgegen kamen, waren die dazugehörigen Damen zwar schon akustisch zu erahnen, aber leider noch nicht zu sehen. Anne war einige Meter von mir entfernt, als sie die Hunde sah. Ich rief ihren Namen. Und tatsächlich: sie rannte sofort im gestreckten Galopp davon. Anne zielte genau auf die Hundeschar. Und während einige Hunde ihr Kommen bemerkten, schnüffelten andere weiterhin vertieft das den Weg säumende Gestrüpp ab.

Ich weiß nicht, ob mein Hund meine sich in leichter Panik überschlagenden „Aaaaaanneeee“-Schreie wahrnahm. Vielleicht.

Wahrscheinlich waren sie sogar Ansporn für sie, wirklich alles zu geben, denn sie wurde immer schneller.

Kurz vor der Gruppe wechselte sie abrupt die Richtung und raste durch das Unterholz an den Hunden vorbei, wendete und begann das gleiche Manöver von hinten. Ich eilte keuchend auf die Gruppe zu. Mittlerweile waren auch die zu den Hunden gehörenden Frauen angekommen und sahen erstaunt auf den Derwisch, der um ihre Tiere herum wetzte.

Anne konnte sich nicht beruhigen. Der Abstand zu den außenstehenden und verblüfft dreinschauenden Tieren wurde immer kleiner. Es sah so aus, als ob hier ein reichlich übermotivierter Hütehund seiner Arbeit nachging.

Von einigen Hunden waren nun auch schon die ersten Knurrgeräusche zu vernehmen, als Anne an ihnen vorbeischoss.

Ganz außer Atem bei der Meute angekommen, versuchte ich, Anne auf mich aufmerksam zu machen. Plötzlich blieb sie, wie aus einem Rausch erwachend, mit hängender Zunge und heftig atmend neben mir stehen. Ich leinte sie an und war sehr froh, dass das Rudel sie nicht zerpflückt hatte.

„Ist das die kleine Anne, von der Du erzählt hast, dass ihr sie zu Euch nehmt?“ fragte mich Hannah, die Besitzerin der Huskys, interessiert. „So klein ist sie ja gar nicht.“ fuhr sie fort.

„Ja, das ist sie“ sagte ich, immer noch außer Atem. „Tut mir leid mit der Aufregung, aber ich hatte sie gerade los gemacht, als Eure Hunde um die Ecke gebogen sind.“ „Ist doch nichts passiert.“ sagte Susanne, zu der der braune Labrador-Junghund gehörte. „Ich finde das wirklich toll, dass alle Hunde so cool geblieben sind.“

Gemeinsam ging ich mit der Dorf-Gang zurück in Richtung Waldrand. Anne behielt ich an der Leine. So konnten sich alle Hunde entspannt aneinander gewöhnen. Außerdem war meine Lust auf unvorhergesehene Zwischenfälle für heute gestillt.

Ab diesem Tag gingen wir regelmäßig mit den anderen spazieren.

Anne ließen wir die ersten Minuten an der Leine, bis sie sich beruhigt hatte. Dann durfte sie den Rest der Runde mit dem Rudel frei laufen.

In den nächsten Wochen hatten wir mehrere ähnliche Begegnungen, von denen aber nicht alle so friedlich abliefen, wie die mit den Dorfhunden. Obwohl ich versuchte, alle Eventualitäten vorherzusehen, kam es doch manchmal vor, dass ich zu spät reagierte. Sehr stark engagierte sich Anne bei Fahrradfahrern.