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Am 11. September 1962 verschwindet der Jurist Heinz Krug. Seine Beteiligung am ägyptischen Raketenprogramm sorgt in den politischen Spannungen des Kalten Krieges und der schwelenden Nahostkrise für eine Reihe von Verschwörungstheorien. Die Hinweise verdichten sich schnell in Richtung israelischem Geheimdienst Mossad, Heinz Krugs Kinder Beate und Kaj beschäftigt das ungeklärte Schicksal ihres Vaters bis heute. Über fünfzig Jahre nach dem Verschwinden berichten sie erstmals von ihrer langen Suche nach der Wahrheit. Die Spuren führten sie über die Arbeit der Geheimdienste bis in höchste politische Kreise der Bundesrepublik. Eindringlich beleuchten sie die Hintergründe des Falls "Raketen-Krug", erzählen aber auch von ihrer abenteuerlichen Kindheit im politischen Kairo der Fünfzigerjahre. Ein ebenso aufwühlendes wie bewegendes Bild eines Lebens mit der Ungewissheit.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2018
Beate Soller-Krug und Kaj R. Krug
Am Ufer des Nils
Unser Vater »Raketen-Krug«
und der Mossad
LangenMüller
© für die Originalausgabe und das eBook: 2018 LangenMüller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten.
© 2018 LangenMüller in der
F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Alle Abbildungen und Dokumente Privatarchiv.
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Lektorat: Max Vogel, Heidelberg
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-7844-8334-2
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www.langen-mueller-verlag.de
Wir widmen dieses Buch dem Gedenken an unseren geliebten Vater, der das Leben seiner Kinder und Enkel leider nicht begleiten durfte. Wir widmen es auch der gesamten Familie, damit sie weiß, was für ein wertvoller Mensch ihr Groß- und Urgroßvater war.
Von links nach rechts: Beate Krug, Heinz Krug, Kaj Krug, Margot Krug
Inhalt
Vorwort Ronen Bergman
Prolog: Kalter Krieg und heiße Raketen
Überblick über die historischen Ereignisse
Brief an die israelische Botschaft
Die Vergangenheit steht vor der Tür
Die Zäsur
Glückliche Jahre am Nil
Gefährliche Freunde
Die Karriere eines begabten Mannes
Recherchen in eigener Sache
Die Schattenmänner
Ein Stich ins Wespennest
Rückkehr ins Land der Sphinx
Sisyphus
Die falsche Fährte
Epilog: Im Hier und Jetzt angekommen
Vorwort Ronen Bergman
In meinem kürzlich veröffentlichten Buch‚ Der Schattenkrieg – Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad, habe ich mich ausführlich mit den verdeckten Aktivitäten des israelischen Auslandsgeheimdienstes beschäftigt.
Viele Jahre lang habe ich dieses Thema sorgfältig recherchiert und über 1000 Menschen interviewt, die mir wertvolle Einblicke in diese Welt und Zugang zu niemals zuvor veröffentlichten Geheimdokumenten gewährt haben.
Eine Geschichte, mit der ich mich eingehend beschäftigt habe, ist die Entführung und Ermordung des deutschen Rüstungsunternehmers Dr. Heinz Krug durch den Mossad.
In den späten 1950er Jahren kollaborierte Dr. Krug mit namhaften deutschen Wissenschaftlern, die während des Zweiten Weltkriegs leitende Positionen in einer geheimen Raketeneinrichtung der Wehrmacht bekleideten, Dr. Eugen Sänger und Wolfgang Pilz, sowie dem ägyptischen Militär, um Raketen zu bauen. Dieses Projekt wurde als nichts Geringeres angesehen als eine existentielle Bedrohung Israels, als ein weiterer Versuch des ägyptischen Präsidenten Nasser, den noch jungen Staat Israel auszulöschen – ein Ziel, über das er offen sprach. Der Mossad war zum Handeln aufgefordert.
In einer Geheimoperation entführte der Mossad Dr. Krug, den Drahtzieher der Waffengeschäfte, am 11. September 1962 in München und verschleppte ihn nach Israel. Er wurde nie wieder gesehen.
Dr. Krugs Kinder, Eva und Kaj, haben nie erfahren, weshalb ihr Vater sich an jenem Tag einfach so in Luft auflöste. Über 50 Jahre nach seinem Verschwinden hat meine Recherche Dr. Krugs Kindern den Grund für das tragische Schicksal ihres Vaters geliefert.
Ein Treffen mit den beiden hat mich tief bewegt. Eva und Kaj haben mir ihre persönliche Geschichte erzählt, wie es für sie war, ohne Vater aufzuwachsen und nicht zu wissen, weshalb und wohin er im September 1962 verschwand.
Ich hoffe, dass ihr Buch Am Ufer des Nils dazu beitragen wird, den Schmerz, der sie seit über fünf Jahrzehnten begleitet, etwas zu lindern.
Ronen Bergman im Februar 2018
PROLOG
Kalter Krieg und heiße Raketen
Es ist der 15. Februar 2018. In ländlicher Idylle sitzen wir zusammen: Beststeller-Autor Ronen Bergman, Verleger Michael Fleissner, meine Schwester Beate und ich. Wie reden über Heinz Krug, Beates und meinen Vater, der uns gewaltsam entrissen wurde, als wir noch Kinder waren.
Ronen Bergman ist bewegt. Bewegt, weil er uns, dem Sohn und der Tochter von Heinz Krug, die Ergebnisse seiner Recherchen persönlich mitteilen kann. Er öffnet uns ein Fenster zur Wahrheit, gibt der unglaublichen Geschichte, die im vorliegenden Buch erzählt wird, eine neue Wendung.
Ausgangspunkt dieser Geschichte ist der 11. September 1962. Ein schöner Spätsommertag, an dem die Münchener schon dem Oktoberfest entgegenfiebern. Aber mir gefriert noch heute das Blut in den Adern, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, denn an diesem Tag begann für unsere Familie eine Tragödie, die noch immer kein Ende gefunden hat. An diesem Tag ist unser Vater für immer spurlos verschwunden.
Es war die Zeit des Kalten Krieges. Die Politik dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs war bestimmt vom Wettrüsten, und im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Ost und West stand Deutschland. Die BRD setzte auf Wiederbewaffnung, um ein wirksames Abschreckungsarsenal aufbauen zu können. Franz Josef Strauß hatte sich nach seiner Ernennung zum Verteidigungsminister 1956 für die Ausstattung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen stark gemacht. Später erregte er die Gemüter mit der sogenannten Lockheed-Affäre. Es wurde berichtet, dass seine Partei zehn Millionen Dollar für die Bewilligung des Kaufes von Kampfflugzeugen des Typs F-104 erhalten hätte. Als es zur Krise kam, blieben die Akten 15 Jahre lang unauffindbar – bis 1976.
Schließlich stand diese Zeit auch im Zeichen der Annäherung zwischen dem neugegründeten Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Am 14. März 1960 trafen sich im New Yorker Hotel Waldorf Astoria die Regierungschefs beider Staaten: Premierminister David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer saßen sich gegenüber und sprachen über Anleihen für Israel und Rüstungsverkäufe.
Die auf den Zweiten Weltkrieg folgende Phase der Entmilitarisierung war vorbei. Deutschland durfte eigene Streitkräfte aufstellen. Die Bundeswehr war gegründet worden. Unter Auflagen durften auch wieder Rüstungsgüter hergestellt werden. Und Waffentechnik, deren Produktion in Deutschland noch nicht statthaft war, ließ sich – im Rahmen wissenschaftlicher Kooperationsprogramme – im Ausland entwickeln.
Ein erstklassiger Standort für Forschungsprojekte dieser Art war Ägypten.
Namhafte Wissenschaftler wie Eugen Sänger, Wolfgang Pilz, Paul Goercke, der Elektronik-Experte Hans Kleinwächter und der Raketenindustrielle Heinz Krug, genannt Raketen-Krug, hatten sich dort zu einer starken Innovationsgemeinschaft für Deutschland und Ägypten zusammengeschlossen. Mit Fachwissen aus Frankreich und aus der Heeresversuchsanstalt des Nazi-Regimes in Peenemünde und mit Lizenzen von Willy Messerschmitt tüftelten rund 350 Mitarbeiter, darunter etwa 200 Deutsche und Österreicher, in einem Raketenstützpunkt bei Kairo an Düsenjägern und Boden-Boden-Raketen.
Heinz Krug arbeitete in dieser Einrichtung schnell in leitender Funktion und avancierte zur Schlüsselfigur im »Raketenspiel«. Ohne ihn ging nichts mehr. Ohne ihn standen die Räder in Besorgung, Forschung und Technik still.
Im Juli 1962 stellte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser der Bevölkerung in einer Parade die Boden-Boden-Raketen »al-Zafer« (der Sieger) und »al-Qaher« (der Eroberer) vor. Er gab sich diplomatisch. Er sagte nicht, die Raketen erreichen Israel, sondern, die Raketen reichen weit über Israel hinaus. Was gemeint war, verstand aber jeder.
Der Mossad war geschockt. Die Raketen gab es nun wirklich. Und die treibende Kraft hinter der Entwicklung war Heinz Krug gewesen. Am 11. September 1962 wurde er entführt.
Zur Trauer über den Verlust unseres Vaters kamen Attentatsversuche, Einbrüche, Einschüchterungsversuche, Morddrohungen. Sie gehörten fortan zu unserem Alltag. Die deutschen Behörden konnten uns kaum helfen. Keiner hatte nennenswerte Erfahrungen mit solchen Fällen, und so wurde mein Vater für Staatsanwaltschaft, Kripo, Bundesnachrichtendienst und Staatsschutz zu einem Lernobjekt.
Wir, die Familie, wollten wissen, was passiert war. Wir stellten Nachforschungen an, um die Wahrheit herauszufinden. Es gab Drohungen und Druck von namhaften politischen Größen mit der »Bitte«, unsere Recherchen nicht weiter zu betreiben. Zwischen Lachen und Weinen vergingen die Jahre mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen zu den wahren Hintergründen.
Später überschlugen sich die Meldungen. Es erschienen etliche dicke Wälzer, in denen der Entführungsfall behandelt wurde. Bücher wie Alliierte Jagd auf deutsche Wissenschaftler, Ben Gurion, Reinhard Gehlen, aber auch die englischsprachige Originalfassung von Die Akte Odessa legten immer wieder neue Thesen zum Verbleib unseres Vaters vor.
Mal hieß es, er sei in Deutschland erschossen worden, mal soll er in Israel zu Tode gefoltert worden sein. Andere wollten wissen, dass er in Ägypten erdrosselt oder in Deutschland vergiftet wurde. Manche Zeitungen behaupteten sogar, er habe sich mit einigen Millionen ins Ausland abgesetzt.
Die politischen Intrigen, die gesponnen wurden, hatten auch Auswirkungen auf den Fall unseres Vaters: Interessant ist, dass alle Kartons mit den Unterlagen zu den Untersuchungen im Kriminalfall Krug, die uns heute immens helfen würden, verschwanden.
2016 erreichte uns eine weitere Nachricht: Unterlagen des Mossad sollten belegen, dass ein ehemaliger SS-Mann im Dienst des israelischen Geheimdienstes unseren Vater noch am Tag der Entführung im Raum München getötet haben soll.
Großes Rauschen im Blätterwald. Meine Schwester und ich wurden von Journalisten bedrängt, die uns mit Fragen zu unserem Vater löcherten.
Was war dran an den neuen Behauptungen? Konnten wir nun endlich mit der Geschichte abschließen? Hatten wir endlich Gewissheit? Als ich wieder klar denken konnte, spürte ich, wie sich alles in mir gegen diese neuen Meldungen sträubte. Es gab ja noch andere Fährten. Hinweise, dass mein Vater außer Landes gebracht worden war. An dieser These hielt ich fest. Ich glaubte nur daran. Ich war überzeugt davon, dass man Heinz Krug nach Israel verschleppt hatte.
Und dann 2018: Ronen Bergmann veröffentlicht sein monumentales Werk Der Schattenkrieg, in dem er die geheimen Tötungsoperationen des Mossad minutiös nachzeichnet. Auch auf den Fall Krug geht er explizit und detailliert ein. Er stützt sich auf Unterlagen des Mossad, auf Dokumente und Belege, die ihm zum Teil zugespielt wurden. Seine Ausführungen sind stichhaltig. Alles klingt glaubwürdig. Trotzdem regen sich Zweifel. Fallen wir vielleicht gerade auf ein Täuschungsmanöver des Mossad herein? Es ist doch mehr als befremdlich, dass der Geheimdienst plötzlich Fakten offenlegt, sich gleichsam in die Karten blicken lässt, zugleich aber darauf pocht, dass er das Manuskript vor der Drucklegung gegenlesen kann, um zu wissen, was alles zur Sprache kommt und wie es dargestellt wird.
Wieder kamen Journalisten zu uns, jagten uns bis in die Nacht. Wir mussten ihnen jetzt Antworten geben, einiges klarstellen, damit nichts Schmutziges berichtet wurde, weil wir eine Stellungnahme verweigerten. In diesem Fall war Schweigen sicher kein Gold. Wir suchten uns gezielt Medien und faire Journalisten mit einem hohen Arbeitsethos aus, mit denen wir offen reden konnten.
Bergman erklärte in den persönlichen Gesprächen mit meiner Schwester Beate, unserem Verleger von LangenMüller, Michael Fleissner, und mir, dass der Mossad in seinem Buch einzelne Passagen, Seiten, ja ganze Kapitel gestrichen habe. Beate und ich sahen uns an.
Was bezweckt der israelische Geheimdienst? Sucht er, nachdem wir ihm die Geschichte mit dem SS-Mann nicht abgekauft hatten, nach einem neuen Weg, um uns von weiteren Recherchen abzuhalten? Offenbart er von seinem Vorgehen vielleicht genauso viel, wie er für nötig hält, um uns ruhigzustellen? Streut er vielleicht sogar Fake News? Ein Geheimdienst ist sehr findig, wenn es um die eigenen Belange geht. Wirklich clever gemacht. Sicher, die Möglichkeit, dass das Geständnis des Mossad einige Wahrheiten enthielt, war gegeben. Ronen Bergman hat solide recherchiert, und niemals hätte er sich in eine Intrige hineinziehen lassen. Das meiste Wissen, auf das er sich beruft, stammt zwar von Toten, aber seine Version der Ereignisse erscheint sehr schlüssig.
Und doch können wir nicht mit letzter Sicherheit zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden. Es wird im Fall Krug keine Gewissheit geben. Und solange die Zweifel nicht ausgeräumt sind, werden wir keine Ruhe finden.
Zum x-ten Mal war es wieder Dienstag, der 11. September 1962.
Überblick über die historischen Ereignisse
22. März 1945
Die Arabische Liga wird gegründet
1947/1949
Palästina-Krieg
14. Mai 1948
Israel erklärt seine Unabhängigkeit
23. Juli 1952
Sturz des ägyptischen Königs Faruk
18. Juni 1953
Gründung der Republik Ägypten
1956/57
Suezkrise
1958
Zusammenschluss Ägyptens und Syriens zur »Vereinigten Arabischen Republik«
1960
Treffen zwischen Adenauer und dem israelischen Ministerpräsidenten Ben- Gurion
1961
Die »Vereinigte Arabische Republik« zerbricht
1962
Spiegel-Affäre
11. September 1962
Entführung Heinz Krug
1963
Rücktritt Adenauers
1967
Sechstagekrieg (5. bis 10. Juni 1967), zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien
1973
Jom-Kippur-Krieg (6. bis 26. Oktober 1973), Syrien und Ägypten greifen Israel an
1977
Anwar as-Sadat leitet durch eine von US-Präsident Jimmy Carter vermittelte Friedensinitiative den Dialog mit Israel ein
1978
Friedensnobelpreis an Anwar as-Sadat und Menachem Begin
Brief an die israelische Botschaft
Eva-Beate Soller
Tel.: 08202-7282591
Fax: 08142-7282593
Email: [email protected]
An die Botschaft
des Staates Israel
Botschafter
Versendet per E-Mail und Brief-Einschreiben
25.01.2018
Betreff: Die Entführung des deutschen Staatsbürgers Dr. Heinz Krug durch den israelischen Geheimdienst Mossad.
Hier: Wir berufen uns hier auf die neuesten Erkenntnisse durch die Aussagen des Agenten Odet in der ARD Sendung am 22.01.2018 sowie der Sendung im BR am 24.01.2018 und dem Buch von Ronen Bergman »Der Schattenkrieg«
Sehr geehrter Herr Issacharoff,
aus gegebenem Anlass wenden wir uns heute bezüglich der Entführung unseres Vaters, Dr. Heinz Krug, am 11. September 1962 durch den israelischen Geheimdienst Mossad und seiner schließlich erfolgten »Hinrichtung« – offenkundig ohne fairen Prozess – an Sie.
Wir bitten Sie, unser Anliegen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten, damit wir endlich Antwort hinsichtlich unserer Jahrzehnte währenden Suche nach der Wahrheit erhalten sowie Gelegenheit zu einer Aussprache.
Nachdem nun in den Sendungen in der ARD und im BR sowie im Spiegel und dem Buch »Der Schattenkrieg« behauptet wurde, dass man jetzt weiß, wie unser Vater umgekommen ist, hoffen wir endlich auf eine an uns gerichtete persönliche Stellungnahme vom Staate Israel.
Es war eine traurige und schwere Kindheit, die Familie wurde auseinandergerissen, uns Kindern der Vater genommen. Selbst der Mossad-Agent Zvi Aharoni erklärte, die Tat sei ein Schandfleck in der Geschichte des Mossad und Israels. Wir, die Hinterbliebenen, wurden bestraft, indem wir keinerlei Nachrichten auf alle unsere Anfragen bekamen. Man ließ uns ohne Vater, in Ungewissheit und Verzweiflung zurück. Die Enkelkinder lernten ihren Großvater niemals kennen. Unsere Mutter, die 2004 verstarb, wartete bis zu ihrem Tod täglich auf die Rückkehr ihres Mannes und blieb 55 Jahre alleine.
Dieses Trauma der Kindheit tragen wir immer noch mit uns.
Nun, da die neuesten Erkenntnisse vorliegen und angeblich auch aus Israel so bestätigt wurden, wünschen auch wir uns eine Stellungnahme sowie eine persönliche Aussprache.
Nachdem wir letztes Jahr bereits mit der erschütternden und brutalen Skorzeny-Szenerie geschockt wurden, hat Ronen Bergman in seinem Buch »Der Schattenkrieg« nun alles bis ins Detail durch aussagebereite Mossad-Agenten beweiskräftig aufgedeckt. Die Sendungen in ARD und BR sowie der Artikel im Spiegel belegen, was unserem Vater widerfahren ist.
Natürlich sind bei uns Fragen offen, die direkt und unmittelbar einer Antwort bedürfen.
Wir hoffen, der Staat Israel besitzt die Fairness, uns diese Aussprache, die schon lange hätte erfolgen sollen, zu gewähren.
Wir wollen endlich Frieden finden und bitten ebenso höflich wie dringend, dass unserem Anliegen möglichst kurzfristig entsprochen wird.
Mit freundlichen Grüßen
Eva-Beate Soller geb. Krug
Dr. Kaj Rüdiger Krug
Die Vergangenheit steht vor der Tür
23. April 2016
Kofferpacken. Nicht gerade eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Draußen waren es gerade mal zwölf Grad, und ich sollte für Florida sommerliche Sachen einpacken. Wie immer hatte ich mich bis zum letzten Moment davor gedrückt. Morgen Früh um acht Uhr ging mein Flug. Meine Gedanken kreisten um den Ablauf der Reise, mit den dicht gedrängten Terminen für mein neues Buch »Reisen mit Handicap«. Seufzend inspizierte ich den Inhalt meines Kleiderschranks, der momentan hauptsächlich Winterliches zu bieten hatte. Auf einer kleinen Leiter balancierend versuchte ich, aus dem obersten Regalfach meine Sommersachen hervorzukramen. Da klingelte es wie wild an der Haustür. Ziemlich undamenhaft vor mich hinschimpfend, wer denn jetzt noch was von mir wolle, drückte ich ohne nachzufragen auf den Türoffner. Ein junger Mann hechelte die Treppen in den zweiten Stock hoch. Oben angekommen, fragte er außer Atem und ohne sich vorzustellen: »Sind Sie die Tochter von Dr. Heinz Krug?«
Nun blieb auch mir die Luft weg. Wie ein Fisch mit Schnappatmung öffnete ich den Mund, ohne auch nur einen Ton hervorzubringen. Endlich hielt mir der Mann seinen Personalausweis unter die Nase und stellte sich als Reporter der Bild-Zeitung vor. Langsam hatte ich mich wieder im Griff und fragte trotz meines Schreckens ziemlich unwirsch: »Was wollen Sie von mir?« Er wiederholte seine Frage, die ich nun mit Ja beantwortete. »Wen um Himmels Willen interessiert es, wessen Tochter ich bin?« Ob ich denn keine Zeitung lese, wollte er daraufhin wissen. War das ein Seitenhieb auf meine Bildung, oder war dieser Mensch nur einfach unverschämt? Leider obsiegte meine Neugierde, sonst hätte ich ihm liebend gerne die Türe vor der Nase zugeknallt.
Der Typ von der Bild-Zeitung war schätzungsweise Mitte dreißig und machte auf den ersten Blick einen seriösen und friedfertigen Eindruck. Sportlich war er, dem Geschnaufe nach zu urteilen, wohl eher nicht. Aber warum um alles in der Welt wollte er wissen, ob ich die Tochter von Heinz Krug bin? Er wirkte angespannt und nervös und bat mich, ihn reinzulassen. »Sie können auch gern unseren Chefredakteur anrufen, ich erzähle Ihnen alles«, erklärte er und sah dabei immer die Treppe hinunter. »Leiden Sie unter Verfolgungswahn?«, fragte ich bissig, »Sie machen so einen gehetzten Eindruck. Na gut, kommen Sie erst mal rein.«
Dann erzählte er mir, sämtliche Zeitungen würden berichten, dass mein Vater noch am Tag seiner Entführung, am 11. September 1962, erschossen worden sei, und zwar von einem ehemaligen Offizier der Waffen-SS namens Otto Skorzeny, einem überzeugten Nationalsozialisten, der sich gern damit rühmte, ein Kriegsheld zu sein. Nach der Erschießung habe man meinen Vater mit Säure übergossen, verbrannt und verscharrt und die Stelle anschließend mit Kalk abgedeckt, damit die Spürhunde der Polizei und der Jäger die Leiche nicht finden konnten. Ich starrte mein Gegenüber fasziniert an und staunte. Was sich Journalisten doch so alles einfallen ließen! »Was wollen Sie wirklich von mir?«, herrschte ich den jungen Mann an. »Es tut mir leid«, stammelte er, »dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber die Geschichte stimmt wirklich, Ihr Vater steht heute in allen Zeitungen.«
Mein Blick fiel auf das Bild meines Vaters, das direkt vor mir auf dem Kamin stand. Der Tag, an dem er für immer verschwand, lag nun 54 Jahre zurück, und doch trieb mir diese entsetzliche Schilderung seines angeblichen Todes die Tränen in die Augen. Der Jounalist saß mir nun ziemlich betreten gegenüber. Anscheinend besaß er doch so etwas wie Mitgefühl. Er versuchte, sich zu rechtfertigen. Hätte nicht er mir die bittere Nachricht überbracht, dann hätte es einer der vielen anderen getan, die vor der Haustüre lauerten. Ich starrte ihn an, sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen, und ich flüsterte: »Welche anderen?« Der junge Mann erklärte, die gesamte Straße sei von Journalisten zugeparkt,und kaum hatte er es ausgesprochen, da klingelte auch schon der Nächste Sturm.
Ich winkte ab: »Lassen Sie nur, ich mache nicht auf.« Meine ebenfalls im Haus wohnenden Kinder musste ich allerdings so schnell wie möglich warnen. Wie in Trance griff ich zum Telefon und rief meine Tochter an, sie versprach, nicht zu öffnen und ihre Schwester sowie ihren Bruder zu informieren. »Geht es dir gut Mami? Ist was passiert?«, fragte sie besorgt. Ich nickte, bis mir einfiel, dass sie das ja nicht sehen konnte. »Ja«, sagte ich leise, »mir geht es gut, ich erkläre euch später alles. Macht auf keinen Fall die Türe auf.«
»Woher haben Sie diese unglaubliche Nachricht?«, fragte ich und bemerkte, dass meine Stimme unnatürlich klang. »Die Zeitungen sind voll davon, die Meldung kommt von der isrelischen Zeitung Haaretz. Angeblich, so der Bericht, haben Ex-Mossad-Offiziere Zugang zu den Akten des Geheimdienstes gehabt und sind dabei auf diese Geschichte mit Ihrem Vater, Heinz Krug, gestoßen.« – »Ach, und damit kommen sie jetzt nach 54 Jahren aus der Versenkung?«, fragte ich spöttisch. »Jetzt, wo weder Skorzeny noch sonst jemand dazu Stellung nehmen kann. Ein Nazi, der für den Mossad tötet, das ist doch ein Geheimdienst-Märchen! Absoluter Quatsch«, rief ich aufgebracht, nachdem die Geschichte endlich zu mir druchgedrungen war, »schließlich habe ich meinen Vater ein Jahr später noch mal gesehen.«
Der Bild-Journalist wurde sofort hellhörig, aber ich blockte ab. »Ich rufe meinen Bruder an und warne ihn schon mal vor, falls sich Ihre Kollegen auch vor seiner Haustür zusammenrotten.« Ob ich ihn freundlicherweise bei meinem Bruder ankündigen könne, wollte der Zeitungsschreiber gleich wissen, es wäre der Sache wirklich dienlich, wenn er die Chance hätte, auch bei ihm vorbeizuschauen. »Ach so«, lachte ich gepresst, »Sie wollen sich den Wurm des frühen Vogels zu Gemüte führen und auf Ihr Erstlingsrecht pochen.«
Als ich Kaj am Telefon hatte und ihn überstürzt über das Geschehen in Kenntnis setzte, hallte mir zunächst nur sein Schweigen entgegen. Sekundenlang hörte ich nichts anderes als sein unregelmäßiges Atmen. Als er dann endlich sprach, klang seine sonst sonore Stimme wie die eines kleinen Jungen »Was sagst du da? Papa lebt?« Wahrscheinlich hatte ich alles völlig konfus wiedergegeben, so dass Kaj es missverstehen musste. Doch wie vermittelt man so was behutsam und verständlich am Telefon. »Nein, natürlich lebt er nicht mehr, er wurde laut Aussagen des Mossad von einem Nazi erschossen.« Kaj reagierte gereizt. »Was soll der Schwachsinn, was hatten denn die Nazis damit zu tun?« So hatte das keinen Sinn. Ich erklärte ihm, in der nächsten Stunde werde ein Journalist bei ihm vorbeikommen und ihm alles erzählen.
»Ich bin auch total erschlagen«, sagte ich weiter, »aber ich muss morgen nach Florida, und meinem Flieger ist es egal, was passiert ist, er fliegt auch ohne mich. Ich finde diese Geschichte sowieso total platt, keine Ahnung, wer sich so was einfallen lässt, und vor allem, warum. Aber mach bitte nur diesem einen Journalisten auf.« Ich nannte ihm den Namen des jungen Mannes und erklärte ihm, dass er mit dem Handy anrufen wird, sobald er vor der Türe steht. Erst dann solle er ihm aufmachen. »Lass bloß die Meute nicht an dich ran, die überrennen dich sonst.« Kaj wollte schon auflegen, aber ich konnte ihm gerade noch einschärfen, dass er wachsam bleiben und dem ehrgeizigen Reporter nicht zu viel erzählen sollte, damit am nächsten Tag nicht alles, was er weiß, in der Zeitung steht.
»Also dann«, beendete ich das Gespräch, »wir sehen uns in drei Wochen wieder, aber wir können ja täglich skypen, falls hier noch mehr passiert. Vielleicht kannst du in Erfahrung bringen, warum die Geschichte mit Papa plötzlich wieder aufgewärmt wird.«
Kaum hatte der junge Mann meine Wohnung verlassen, mit der Order, die Treppenhaustüre ordentlich zu schließen und ja keinen weiteren Reporter reinzulassen, da setzte ich mich an den Computer, um die Schlagzeilen des Tages zu lesen. Spiegel, Focus, Bild,Süddeutsche und noch unzählige mehr berichteten über den Fall.
Das Bild von Skorzeny und das unseres Vaters prangten auf allen Startseiten. Nach 54 Jahren stand plötzlich alles, was wir durchgemacht hatten, wieder vor meinen Augen. Als ich vom Schlafzimmerfenster auf die Straße blickte, sah ich unseren Bild-Reporter. Die nach Sensationen lechzenden Kollegen umringten ihn, und er musste sich den Weg zu seinem Auto gewaltsam freikämpfen. Ich wohne in einem kleinen Ort in einer ruhigen Villengegend, die Straße war voller Autos, und an die 30 Menschen standen in Gruppen beieinander.
Wer zum Teufel hatte diesen Wahnsinn ausgelöst und warum? Was war so interessant an der plötzlichen Todesnachricht von einem Mann, der vor 54 Jahren verschwunden ist? Wer hatte sich diese Geschichte aus den Fingern gesogen? Und vor allem: Was bezweckte er damit? Skorzeny, der Name sagte mir nichts, doch dieses Gesicht hatte ich irgendwo schon mal gesehen. Nur wollte mir im Moment beim besten Willen nicht einfallen, wo das gewesen sein könnte. Warum hatten sich die Israelis einen Nazi ins Boot geholt? Mein Blick fiel auf den halb leeren Koffer auf meinem Bett. Wie sollte ich mich nach dieser Hiobsbotschaft nun auf meine morgige Reise und mein Buch vorbereiten?
24. April 2016
Eigentlich war ich müde. Ich hatte mich sportlich verausgabt und mich dabei am Bein verletzt. Die Verletzung schmerzte. Wie konnte ich mich auch auf so einen schwachsinnigen Krückenmarathon einlassen? Im Kühlschrank suchte ich nach einer kleinen Flasche Wasser und Eiswürfeln für meine Knie, als das Telefon klingelte. Wasser oder Telefon? Ich ging zum Telefon. »Kaj, Papa steht in der Zeitung.« Es dauerte etwas, bis ich diesen Satz begriffen hatte. Ich dachte, meine Schwester wollte einen schlechten Scherz machen. »Wie, Papa steht in der Zeitung?« Unser Vater war vor 54 Jahren in München entführt worden, und seitdem lebten wir in Angst, Schrecken und Gewalt. »In welcher Zeitung?«, wollte ich wissen und dachte dabei an die fünf Tageszeitungen in München. »In allen«, hörte ich die aufgebrachte Stimme meiner sonst so taffen Schwester Beate. »In allen fünf?«, war meine erstaunte Antwort. »Nein, in Zeitungen überall auf der Welt.« Mir stockte der Atem. Nach 54 Jahren ist er aufgetaucht. Doch mir war auch klar, dass unser Vater, sollte er tatsächlich noch leben, jetzt 103 sein müsste. »Bist du noch dran?«, fragte Beate. »Ja, und er lebt noch?«, stotterte ich. Beate merkte, dass sie mich aus der Fassung gebracht hatte. Etwas ruhiger erklärte sie mir: »Nein, Kaj, es steht in allen Zeitungen, dass er von einem SS-Schergen hingerichtet und verbrannt wurde.« Ich hörte, wie weh es ihr tat, mir das sagen zu müssen. Meine Kehle war zugeschnürt, und ich hatte keine Spucke, um schlucken zu können. Angestrengt, ruhig und mit leichtem Zittern in der Stimme fuhr Beate fort: »Ein Journalist von der Bild steht gerade bei mir im Wohnzimmer, er hat mich mit dieser Hiobsbotschaft völlig überrumpelt. In unserer Straße ist die Hölle los, es wimmelt von Journalisten, die alle zu mir wollen.« Ungläubig schüttelte ich den Kopf. »Der Journalist kommt heute noch bei dir vorbei«, kündigte meine Schwester an. Doch dagegen verwahrte ich mich. »Nein, bitte erst morgen, morgen ist gut.« Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Ich wollte mich sammeln, um den Fragen, die mir der Reporter stellen würde, gewachsen zu sein. Wie benommen legte ich auf und verharrte mindestens eine Minute lang regungslos vor dem Telefon.
Mein Vater war ein sehr charismatischer Mann gewesen. Alle unsere Verwandten, alle seine Freunde hatten mir das bestätigt. Ich selbst war bei seiner Entführung erst elf Jahre alt, und wenn einem der Vater in so jungen Jahren entrissen wird, beschäftigt man sich natürlich ein Leben lang mit dem Warum. Fest steht, dass er in der Raketenforschung zwischen Ägypten und der jungen Bundesrepublik eine tragende Rolle gespielt hatte. Adenauer, der mit seinem Kabinett die wissenschaftlichen Forschungsarbeiten billigte, ja sogar begrüßte, förderte im Namen der BRD das Raketenprogramm in Ägypten. Die Besten sollten daran teilnehmen. Der Beste, um alles zu koordinieren und zu managen, wissenschaftlich wie kaufmännisch und rechtlich, war Dr. Heinz Krug. Mein Vater. Und es liegt nahe anzunehmen, dass seine hervorragende Arbeit in diesem Projekt zu seinem Verschwinden am 11. September 1962 führte.
Der israelische Geheimdienst Mossad sah in den Raketen in Ägypten eine Bedrohung für den Staat Israel und hatte folglich ein Interesse daran, dass das Projekt zum Erliegen kommt. War erst mal Dr. Heinz Krug, die unermüdliche treibende Kraft hinter dem Projekt, aus dem Verkehr gezogen, dann war das Team der Raketenentwickler kopflos und stellte mithin keine Gefahr mehr für Israel dar. Wie in großen Leuchtbuchstaben sah ich den Schriftzug des Mossad vor mir. Ich hatte Angst. Angst, dass alles wieder von vorne losgeht. Die ganze Geschichte noch einmal. Die Kämpfe mit den Behörden. Die schrecklichen Nachrichten über meinen Vater. Die Morddrohungen, die Bombenanschläge und Beschuldigungen durch die Regierung bis hin zum Vorwurf des Landesverrats, und dann die Bestechungsversuche und Drohungen, damit wir unsere Nachforschungen einstellen. Morgen sollte also der Reporter der Bild-Zeitung bei mir erscheinen.
Ich bin selber Journalist und wusste nur zu gut, was auf mich zukam. Den Redakteuren und Volontären, die in der Redaktion meiner »kkp Nachrichtenagentur & Filmproduktion Deutschland GmbH« arbeiteten, erklärte ich immer wieder, wie wichtig es ist, im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen und dazu die richtigen Worte zu finden. Diesmal sollte also ich interviewt werden, was nicht allzu oft vorkam, erst recht nicht zu diesem schrecklichen Thema, bei dem sich mir sofort der Magen umdrehte. Bevor sie auflegte, erwähnte Beate noch, dass es sich bei dem SS-Mann um einen gewissen Skorzeny handle, und sagte dann noch irgendetwas von einer Reise nach Florida. Skorzeny, so hatte ich schon einmal recherchiert, war im Zweiten Weltkrieg ein hochdekorierter Militär gewesen. Hitlers Mann fürs Grobe. Viele seiner Taten waren derart unrühmlich, dass sie selbst in den einschlägigen Publikationen nicht erwähnt wurden. Trotzdem wurde Obersturmbannführer Skorzeny für seine Untaten mit allen erdenklichen Orden des NS-Regimes geehrt. Er ließ sich sogar als Befreier des gestürzten italienischen Diktators Benito Mussolini feiern, obwohl ihm bei der Befreiungsoperation im Gran-Sasso-Gebirge nur eine kleine Rolle zugefallen war. Ich ging an meinen Computer, gab die Namen von Tageszeitungen und den meines Vaters in die Suchmaschine ein.
Da waren sie schon, die Nachrichten über meinen Vater. Ein Artikel nach dem anderen wurde mir angezeigt. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Plötzlich las ich eine Stelle, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Papa soll von Skorzeny noch in der Nacht der Entführung erschossen und verbrannt worden sein. Die sterblichen Überreste hätten Skorzeny und seine Männer an Ort und Stelle vergraben, und über die zugescharrte Grube hätten sie zur Verwischung der Spuren Kalk gestreut.
In den letzten 47 Jahren als Journalist hatte ich einiges erlebt, aber so viel Grausamkeit und Kaltblütigkeit war auch für mich ungewohnt. Irgendwie war mir schlecht. Ich hatte feuchte Hände und einen heißen Kopf. Fieber? Ich ging ins Bad, wusch mir die Hände und kühlte meine Stirn. Als ich in den Spiegel blickte, schaute mich ein alter Mann an. Ich war 65, sah normalerweise aus wie 50, aber der Mann, der mich jetzt aus dem Spiegel anstarrte, sah aus wie 75. Mein Spiegelbild verschwamm, als mir die Tränen aus den Augen liefen.
25. April 2016
Am nächsten Morgen saß ich vollkommen erledigt im Flugzeug nach Florida. Nach der Schreckensnachricht am gestrigen Abend war an Schlaf nicht zu denken gewesen. Was mein Koffer enthielt, würde sich in Miami herausstellen. Ich musste immer wieder daran denken, auf welche brutale Art dieser Skorzeny meinen Vater angeblich getötet hatte. Inzwischen erinnerte ich mich, dass dieser Mann uns kurz vor der Entführung besucht hatte, aber er hieß damals auf keinen Fall Skorzeny, da war ich mir völlig sicher. Sogar im Flughafengebäude in Amerika prangten auf sämtlichen Zeitungen die gleichen Bilder. »Entführter Raketen-Krug wurde von einem Nazi ermordet« war da noch die harmloseste Überschrift. Ich erledigte meinen Job, so gut es eben ging, testete Parks, Museen, Hotels, Restaurants, spezielle Fahrzeuge und verschiedene andere Hilfsmittel – einfach alles, was behinderten Menschen helfen konnte, ihren Alltag zu bewältigen und ihr Leben zu genießen.
Mir allerdings wurde immer schwerer ums Herz, denn aus Telefonaten mit meinem Bruder erfuhr ich, dass in Deutschland die Zeitungen immer noch vom Fall Heinz Krug berichteten und dass die Mordkommission bereits bei ihm angerufen hatte, da man einen DNA-Abgleich von uns Kindern benötigte. Falls eine Leiche auftauchen würde, müsste man in der Lage sein, diese richtig zuzuordnen, so die Begründung. Einfach perfide, überlegte ich, es konnte niemals so gewesen sein, wie es jetzt in den Zeitungen stand. Auch die Staatsanwaltschaft hatte sich eingeschaltet. Mord verjährt nicht, sagte Kaj, und nachdem nun alles wieder hochgekocht war, sah sie sich in Zugzwang und musste was tun.
Was versprachen sie sich davon, jetzt, nach 54 Jahren? Einfach lächerlich, dachte ich.
Die Mordkommission erkundigte sich, ob wir noch Unterlagen hätten. Kaum zu Hause suchte ich alles zusammen, was ich finden konnte. Die Polizei hatte von über dreißig Ordnern nur mehr einen ausfindig machen können. Wo blieb denn da die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit, und vor allem: Wohin waren die Ordner verschwunden?
Kaj teilte mir mit, es hätten etliche Zeitungen, aber auch Verlage angerufen, und alle wären an unserer Geschichte interessiert und würden gerne mehr erfahren.
Wen würde denn das nach so langer Zeit noch interessieren? Ich war mehr als skeptisch. Kein Wunder, nach den vielen Rückschlägen, die wir immer wieder hatten einstecken müssen.
Doch die Anfragen der Medien rissen nicht ab. Auch als wir berichteten, dass wir nur noch wenige Unterlagen und Beweise vorzuweisen hätten, ließen sie nicht locker. Natürlich hatten wir im Laufe der Jahrzehnte immer wieder den Versuch unternommen, ein Buch über diese schreckliche Geschichte zu veröffentlichen, aber alle Bemühungen endeten stets damit, dass Manuskripte, Beweismittel, Fotos und andere Materialien entwendet wurden. Irgendjemandem gefiel es ganz und gar nicht, dass wir mit der Geschichte an die Öffentlichkeit wollten.
Sollten wir es jetzt noch mal wagen, ein Buch zu schreiben, alles noch einmal aufzurühren und alle Emotionen erneut zu durchleben? War das überhaupt zu schaffen?
26. April 2016
Am nächsten Morgen pünktlich um zehn klingelte es, und der bereits avisierte Reporter der Bild-Zeitung stand vor der Tür. Jörg, stellte er sich vor und hatte so viele Fragen auf einmal, dass ich mir trotz der unerfreulichen Umstände seines Besuchs ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Als er bemerkte, dass er zu forsch und rasant vorging, entschuldigte er sich und betonte respektvoll: »Das ist für mich eine Bombenstory.« Es war ein gutes Interview, und ich hatte in der Kürze der Zeit einiges sagen können. Vor allem, dass mein Vater unmöglich so ums Leben gekommen sein kann, wie es die israelische Zeitung Haaretz darstellte. Keine Ahnung, warum man nach so vielen Jahren die Akte noch einmal öffnen musste. Wen interessierte die Geschichte denn heute noch? Was hatte es für einen Sinn, mit so einer haarsträubenden Story alles noch einmal aufs Tapet zu bringen. »Ich weiß mit Sicherheit, dass mein Vater nach Israel verschleppt wurde. Ich habe Fakten. Nein, entschuldigen Sie«, wandte ich mich dem jungen Kollegen zu, »ich hatte Fakten und als wichtigsten Beweis ein Bild meines Vaters, auf dem sich im Hintergrund Raketen befanden. Sogar den Entwicklungsstempel sehe ich noch vor mir, es war der 30. August 1963.« Jörg sprang förmlich aus dem Sessel. »Wo, wo haben Sie es? Kann ich es sehen?« Ich verneinte bedauernd: »Wie ich schon sagte, ich hatte es, aber leider wurde es mir 1983 bei einem Einbruch in die Redaktion gestohlen.« Der Reporter nickte und wies mich darauf hin, dass draußen noch einige Kollegen warteten. Ich schüttelte den Kopf, ich wollte keine weiteren Interviews geben.
Mein Puls raste, das alles belastete mich mehr, als ich mir eingestehen wollte. Zwei Stunden und unzählige Bilder sowie ein Video für Bild-online später war es geschafft. Der Telefondraht war in diesen zwei Stunden heißgelaufen, aber ich nahm keine Anrufe entgegen. Für weitere Erklärungen war ich einfach zu erschöpft.
Vor meinen Augen sah ich jetzt ganz deutlich meinen Vater, wie er lachend auf unsere Pferde vor den Pyramiden zuging. Die Bilder verschwammen und ein neues tat sich auf. Der Flughafen von Kairo. Papas zweimotorige Maschine. Seine Douglas DC 3. Sein ganzer Stolz.
Manchmal, bei kleineren Flügen, nahm mich mein Papa mit. Die vielen Instrumente begeisterten mich genauso wie die Ruhe, die mein Vater beim Fliegen vermittelte. Es kam vor, dass ich im Flugzeug warten musste. Das war aber kein Problem. Der Innenraum der Fahrgastkabine war sehr gemütlich. Eine Couch, große, einander zugewandte Sessel, dazwischen kleinere und größere Tische. Alles fest montiert. Manchmal war auch die eine oder andere Stewardess an Bord, um Gäste zu verwöhnen. Mich zum Beispiel.
Meine Mama sah das gar nicht so gern. Nicht dass mein Vater ein schlechter Pilot gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: Papa flog besonnen und umsichtig. Aber sie wusste, dass sich mein Vater von meinem Spieltrieb und meiner kindlichen Begeisterung für die DC 3 nur zu gerne anstecken ließ und der Versuchung erlag, ein paar Kunstmanöver zu fliegen – von denen wir ihr selbstredend nie erzählten.
