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Eine Therapeutin findet auf einem verwilderten Grundstück einen erblindeten Spiegel. Wer es wagt in ihn hineinzublicken, erlebt seltsame Dinge. Und wird mit dem konfrontiert, was er am liebsten vergessen, verbergen oder verstecken möchte. Drei Freundinnen machen sich auf den Weg, um das Rätsel um die Herkunft des Spiegels zu lüften ...
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2018
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HeikeHanna Gathmann
Amaterasu
Eine Erzählung mit Illustrationen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Impressum neobooks
Gibt es heute noch Märchen, welche tatsächlich geschehen? Sabrina, eine Therapeutin, findet auf einem verwilderten Grundstück einen erblindeten Spiegel, der eine Geschichte zu erzählen beginnt. Für jeden, der es wagt, hineinzusehen. Die Frau muss feststellen, dass dies kein Zufall ist. Denn das rätselhafte Fundstück besitzt eine Vorgeschichte, welche den Leser mit der japanischen Sonnengöttin Amaterasu bekannt macht. So war und ist auch diese mythische Figur, eine Kami, nur ein Teil der Natur: „Stärke und Schwäche sind keine Gegner. Sie sind Geschwister.“
Sabrinas Erlebnisse sollen einladen, die Gegenwart - mit den eigenen Augen gesehen - zu verstehen und vor allem sich selbst zu trauen …
Sabrina betrachtete die wilden Himbeerstauden. Die roten, reifen Früchte hingen tief herab. Die Blätter der Pflanzen waren durch die zahlreichen, heftigen Stürme der letzten Wochen arg zerzaust. Sie zog eine Frucht vom Stengel. Kostete sie. Trotz der Süsse blieb ein bitterer Geschmack auf ihrem Gaumen zurück. Sollte sie nicht besser gehen und alles hinter sich lassen? Sie trat einen Schritt vorwärts. Das zerbrechende Unterholz knirschte unter ihren Schuhen. Was für eine verlassene Gegend war das nur hier! Trotz des grosszügigen Blickes auf den Fluss, welcher die triste Gegenwart mit Gleichmut ertragen liess. Ja, zweifelsohne bot diese Landschaft noch wilde, natürliche Oasen, um Natura zu tanken. Oder die Hoffnung auf eine schadstoffarme Atemluft. Die Frau sah zu den Wipfeln der Tannen, wo sie für einen winzigen Augenblick den buschigen Schwanz eines Hörnchens erhaschte. In ihrer Kindheit auf dem verwilderten Grundstück angepflanzt waren die Bäume inzwischen fünfzehn Meter in die Höhe geschossen. Als Sechsjährige hatte sie unter den Tannen Verstecke angelegt. Angeschwemmtes Holzgut als ihren ganz persönlichen Schatz gesammelt. Kindliche Abenteuer und Träume von einer unbeschwerten Zukunft. Hinter den Tannen lukte ein bedachtes Stahlgerüst hervor. Just errichtet und geplant als Prüfstelle für Autos. Obgleich mitten in einem Wohngebiet liegend war das Vorhaben von dem zuständigen Bauamt genehmigt worden. Ein Unding sei dies, dachte Sabrina zornig, wo doch endlich fast jeder die klimatischen Veränderungen zu spüren beginne. Wenn auch noch nicht am eigenen Leib. Nur ein Blinder könne die unnatürlichen massiven Regenfälle, die starken Winde im Frühjahr und Herbst leugnen. Beinahe stolperte sie über den Eingang zu einem Kaninchenbau, tief im Unterholz verborgen. Aufgeregte, warnende Vogelstimmen liessen den Eindringling auf der Stelle verharren. Mit welchem Recht stolpere sie in einem fremden Revier herum?, fragte sie sich. Die Frau atmete den intensiven Duft der vielen Wildblüten ein, welche um sie herum prachtvoll gediehen. Ein sich warm und wonnig anfühlendes Wohlgefühl, doch angekommen zu sein, durchflutete ihren Körper, ihre Sinne, als im goldgelben Licht der Abendsonne am Waldboden ein rätselhafter Gegenstand aufblitzte. Die heissen Strahlen des fernen Energiespenders spiegelte. Was war das nur? Sabrina vermutete eine achtlos weggeworfene, plasterne Einkaufstüte oder eine vergammelte Taschenlampe. Vorsichtig schob sie mit den Händen das üppig wuchernde, sommerliche Wiesengrün beiseite, um das Geheimnis zu lüften. Vor ihr lag im Moos ein unscheinbarer, erblindeter Spiegel. Im Quadrat etwa dreissig Zentimeter gross. Was für ein gammeliges Ding, dachte sie enttäuscht, aber sein kunstvoll verzierter Rahmen zog sie in seinen Bann. Es handelte sich um mysteriöse rote, blaue oder grüne Linien, welche auf dem korngelben Hintergrund ein undurchsichtiges, beschwingtes Muster wiedergaben. Die Linien ähnelten asiatischen Schriftzeichen, und ihr war, als ob sie tanzten. Neugierig hob sie das seltsame Fundstück an. Es wog nicht viel. Möglicherweise ein halbes Kilo oder weniger. Sie drehte es auf seine Rückseite. Nein, es war nichts Aussergewöhnliches an dem Ding zu entdecken! Es schien nur ein gewöhnliches Glas zu sein. Feines, jedoch in die Jahre gekommenes Aluminium als reflektierender Hintergrund. Warum nur konnte sie den Blick nicht abwenden, den Spiegel einfach in seinem waldigen Grab liegenlassen? Sie verstand den Grund nicht. Der hölzerne Rahmen schien ihr eine besondere Geschichte erzählen zu wollen. Es kam ihr nun vor wie ein verzweifelter Hilfeschrei. Obwohl Sabrina in dem verschmutzten Glas noch nicht einmal ihr eigenes Antlitz erkennen konnte, beschloss die Frau, das Ding mitzunehmen.
Der dichte Feierabendverkehr schoss ihr auf dem Radweg entgegen. Jeder war in seiner privaten Blechbüchse eilig auf dem Weg heimwärts. Die grellen Scheinwerfer blendeten die Radlerin. Die Ursache für die Raserei - so der Wunsch, auf die schnellste Weise nach Hause zu gelangen, waren verständlich, zugleich egoistisch. Gleichgültig und teilnahmslos schob jedes Auto seinen Vordermann voran. Notfalls hupend. In die Pedalen tretend musste sie sich höllisch vor den an ihr vorbeirasenden PKWs vorsehen, weil die aufgescheuchten Regenpfützen an ihrer Kleidung klebten wie unnötige, wütend gewordene Matschpfropfen. „Ignorantes Pack!“, schimpfte sie, fluchend auf den Spiegel schauend, welcher in ihrem Fahrradkorb am Lenker erzitterte, „die gequälte Natur könnte es euch irgendwann heimzahlen.“ In ihrem Haus, am Fluss gelegen, angekommen, stellte sie das Fundstück sofort auf ihre Kommode im Flur. Dort war es sicher, nicht durch eine Unachtsamkeit zerstörbar. Nachdenklich betrachtete sie erneut die hübschen Zeichen auf dem Holzrahmen. Die eindringlichen Farben entsprachen genau den Farben der bunten, kleinen Edelsteine des Silberringes, den die Frau am rechten Ringfinger trug. Wieder kam es ihr vor, dass es kein Zufall gewesen sei, dass ausgerechnet sie diesen Gegenstand gefunden hatte. Als habe er sie als zukünftige Besitzerin bestimmt. Sie empfand plötzlich ein ihr nicht erklärbare Vertrautheit. Und traf es nicht zu, dass sich die hässlichen, schwarzen Flecken auf dem blinden Glas unmerklich aufzulösen begannen. Im Nichts verschwanden? Verwundert beobachtete Sabrina das Schauspiel, welches sich gerade vor ihren Augen auftat. Aus ihrer Arbeit als Therapeutin kannte sie Wahrnehmungsstörungen, die sich etwa bei drogenabhängigen oder wahnerkrankten Patienten zeigten. Nein, sie sei nicht beschwipst oder gestört, versuchte sie sich zu beruhigen. Vermutlich handelte es sich um eine chemische Reaktion, die mit der hohen Luftfeuchtigkeit zu tun hatte, welche seit Tagen in der schwülen Luft hing. Sie beugte ihren Oberkörper vor. Mit schierem Unglauben stellte sie fest, dass ihre Gesichtszüge beinahe deutlich abgebildet wurden. Sie anlachten. „Nein, ich bin nicht die Schönste im Land. Und will dies auch nicht sein!“, machte sie sich selbst Mut, gelassen zu bleiben, „falls du mir wahrsagen möchtest: Nur zu!“ Gleichzeitig drängten sich Worte ihrer verstorbenen Mutter, welche ihr den schmucken Ring hinterlassen hatte, auf: „Niemand und nichts gehen jemals verloren. Jeder ist es wert, von anderen angenommen zu sein.“ Sabrina erschrak, denn die Zeichen wirbelten wild durcheinander, um dann wunderbare Abstraktionen zu bilden. Sie ergaben eine wundersame, rätselhafte Malerei. Sie fühlte ihr klopfendes Herz, denn die tobenden Farben liessen sie nun an Schiffbrüchige denken. An in brausenden Meerwogen elend Ertrinkende. Und als sei diese Einbildung nicht schlimm genug, tauchten ringsherum eine Unmenge an Plastikteilen auf: Becher, Duschvorhänge, Klosettdeckel, Chipstüten - Wohlstandsutensilien. Die Therapeutin beschloss, sich von dieser offensichtlichen Narretei nicht irre machen zu lassen. „Diese Verrücktheit ist nicht anderes als eine harmlose Sinnestäuschung“, rief sie laut, „eine sommerlich überhitzte Fata Morgana.“ Ihre Stimme hatte einen dermassen entrüsteten Ton angenommen, dass Sabrinas aufgeschreckte Tigerkatze miauend die Treppenstufen hinuntergelaufen kam. „Wenn du ein Zauberspiegel bist, wirst du einen Wunsch von mir erfüllen können“, brüllte sie herausfordernd. Sie schloss die Augenlider und sagte, um ihrem Anliegen noch mehr inbrünstigen Ausdruck zu verleihen: „Augenblicklich möchte ich mit nackten Füssen im warmen Meerwasser waten!“ Sie wartete einige Sekunden, doch nichts geschah. Die tanzenden Zeichen ruhten bewegungslos und friedlich auf dem Holzrahmen. Die Glasfläche war wie gehabt von einem scheusslichen Dunkelgrau bedeckt. Sie beschloss, ihrer hungrigen Katze Futter zu geben und anschliessend eine erfrischende, zugleich ernüchternde Dusche zu nehmen.
Der Vertreter einer bundesweiten Telefonfirma erwischte sie am nächsten Morgen auf falschem Fuss. Er war wegen eines Vertrages über eine Glasfaserverbindung gekommen. „Webwelt, Wunderwelt“, frohlockte der gutaussehende Mann mit roten Stoppelhaaren, „der bisherige Festnetzanschluss mit schnellen Internetanschluss wird sich nicht wesentlich verteuern.“ Im Bademantel in der Haustür stehend fühlte sich Sabrina seinem aufdringlichen Geschäftsgebaren willenlos ausgeliefert. Es gelang ihr, den aufdringlichen Rotfuchs um eine Stunde zu vertrösten. Als sie sich angekleidet hatte, im Bad in
den Spiegel blickte, um Rouge, Wimperntusche und Lippenstift aufzutragen, begann sich die Frau sich über ihr tagtägliches Verschönerungsritual zu wundern. Tat sie dies, um sich sicher zu fühlen? Zweifelsohne diente das morgendliche Ritual zwei Zwecken: Einer Verhübschung und einer Selbstvergewisserung. Ja, sie war noch da! Sozusagen die alte geblieben und hatte sich nicht über Nacht zum Schlechteren verändert. In ihrem Outfit, so in hellgrauer Jeans, schwarzem Shirt, himmelblauen Strickpullover und mit dunkelrotem Halstuch war ihre Person annehmbar. Für sich und das Gegenüber. Diese im Grunde nicht notwendige, eitle Gewohnheit, sagte sie sich, gäbe ihr Ruhe. Das Gefühl, nicht nackt, sondern allen Widrigkeiten gegenüber gewappnet in den neuen Tag zu gehen. Prüfend musterte sie ihren Körper von allen Seiten. Ihr Busen sei fülliger geworden, beklagte sie sich, eine hormonelle Tatsache, welche sich wegen ihrer inzwischen fast fünfzig zählenden Lenze nicht aus dem Weg räumen liess. Unvermittelt fiel ihr eine Fleischbeschau zwischen ihr und der um einige Jahre älteren Schwester ein, die beide Jugendlichen einst vor dem Schrankspiegel veranstalteten. „Du hast einen süssen Apfelbusen!“, bewunderte die Jüngere ihr Vorbild, dem sie lange nachgeeifert hatte. „Du nicht! Denn eine Birne bleibt eine Birne“, hatte die zänkische Rivalin erwidert. Ihre Erinnerungen wurden von dem ungeduldigen Klingeln des Telefon-, Handy- und Webexperten unterbrochen. „Wie schön! Dieses Mal öffnet mir kein müdes Bleichgesicht“, folgte ihr der Mann an den Küchentisch. „Ein Vertrag mit äusserst preiswertem Strom? Wie kann es geschehen, dass ein Konzern für das Kommunikationswesen nun zudem in artfremden Gefilden wildert?“, fragte sie den etwa Vierzigjährigen irritiert.
Obgleich er dreist mit seinen Angeboten hofierte, fand sie den Rotfuchs nicht unsympathisch. Seine hellbraunen Augen besassen Witz, seine stattliche Statur vermittelte Beständigkeit. Oder Hartnäckigkeit. „Schliesslich ist die Energiewende im vollen Gang. Da will jeder etwas vom Kuchen“, versuchte er sein freches Vorgehen zu rechtfertigen. Es blieb beim schnelleren Webanschluss. Der eben noch forsch Handelnde zeigte sich zerknirscht, beinahe weinerlich. „Ah, ich verstehe! Sie werden nach Anzahl ihrer Vertragsabschlüsse bezahlt. Das ist leider ein stressiges, undankbares Arbeitsverhältnis.“ Der Rotfuchs bejahte. „Sie helfen mir, ich helfe Ihnen. Dann haben wir eine klassische Win-Win Situation.“ Auch seine höflich hinterlegte Visitenkarte, seine Komplimente über den tollen Ausblick auf das Flussufer konnten sie nicht umstimmen.
