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Der neue offizielle Roman aus der Welt von League of Legends: "Chosen of the Wolf" erzählt die Geschichte von Ambessa Medarda, bekannt aus dem Netflix-Hit "Arcane" Zwischen Intrigen und Verrat kämpft die Kriegerin Ambessa unerbittlich um ihren Platz an der Spitze der Medarda-Familie. Ambessa Medarda ist eine gefürchtete Kriegerin und Generalin. Sie hat Eroberungsfeldzüge angeführt und legendäre Bestien erschlagen. Aber um im Haus Medarda an die Spitze zu gelangen, braucht es mehr als militärischen Ruhm. Denn ihre mächtigsten Feinde kommen nicht von außen, sondern aus ihrer eigenen Familie. Ambessas Cousin und ehemaliger Vertrauter Ta'Fik kennt die blutigen Sünden aus Ambessas Vergangenheit. Und er weiß, dass er nicht zulassen kann, dass sie aufsteigt. Die Intrigen ihrer Familie und die Bedrohung von Feinden, die in den Schatten agieren, machen jeden Tag gefährlicher als den letzten. Doch Ambessa wird sich nicht beugen. Zur Not wird sie die Welt niederbrennen, um ihren rechtmäßigen Platz darin zu sichern. Weitere Romane aus dem League of Legends-Kosmos: - "Ruination von Anthony Reynolds (Viego und Kalista) - "Die Reiche von Runeterra" - Alles, was du schon immer über League of Legends wissen wolltest
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Seitenzahl: 562
Veröffentlichungsjahr: 2025
C. L. Clark
Chosen of the Wolf
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Hardebusch
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ambessa Medarda ist eine gefürchtete Kriegerin und Generalin. Sie hat Eroberungsfeldzüge angeführt und legendäre Bestien erschlagen. Aber um im Haus Medarda an die Spitze zu gelangen, braucht es mehr als militärischen Ruhm. Denn ihre mächtigsten Feinde kommen nicht von außen, sondern aus ihrer eigenen Familie. Ambessas Cousin und ehemaliger Vertrauter Ta'Fik kennt die blutigen Sünden aus Ambessas Vergangenheit. Und er weiß, dass er nicht zulassen kann, dass sie aufsteigt.
Die Intrigen ihrer Familie und die Bedrohung von Feinden, die in den Schatten agieren, machen jeden Tag gefährlicher als den letzten. Doch Ambessa wird sich nicht beugen. Zur Not wird sie die Welt niederbrennen, um ihren rechtmäßigen Platz darin zu sichern.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Motto
Teil I
Prolog
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Teil II
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
Kapitel sechsundzwanzig
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
Teil III
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
Kapitel vierunddreißig
Kapitel fünfunddreißig
Kapitel sechsunddreißig
Kapitel siebenunddreißig
Kapitel achtunddreißig
Kapitel neununddreißig
Kapitel vierzig
Epilog
Danksagung
Für meine Mutter Rachel, meine Stiefmutter Cindy und all die anderen Frauen, die mich fanden, beanspruchten und mir auf meinen Wegen halfen.
Der Kodex der Medardas
Medarda an erster Stelle!
Eine schlaue Zunge ist so wertvoll wie scharfer Stahl.
Medardas gehen ihre eigenen Wege.
Medardas kämpfen ehrenvoll.
Ambessa Medarda packte ihren Katar fester. Schwer saß sie auf ihrem Reittier, als sie beobachtete, wie die Krieger des Raxii-Stammes sich auf dem steinigen Strand der südlichen Küste gegen die Reihen der Armee ihres Großvaters Menelik warfen. Der Lärm von Stahl auf Stahl, von sterbenden Männern und Frauen war so laut wie die wilde See. Ihre Hand lag auf der ungewohnten Wärme ihres prallen Bauches. Sie war nach Rokrund gekommen, um eine andere Schlacht zu schlagen.
Die Raxii waren einer der alten Noxii-Stämme, die sich dem Noxianischen Imperium bei seiner Gründung verweigert hatten. Es war schwer zu sagen, wer den besten Anspruch hatte; Ambessas Familie hatte es für Jahrhunderte beherrscht. Aber obwohl sie in den Bergen hausten, hatten die Raxii ebenfalls einen Anspruch angemeldet und offensichtlich entschieden, wie sie den Streit gewinnen wollten. Also taten sie es. Wie es Noxianer eben taten. Rokrund war Ambessas Heimat. Ihr zweites Kind würde nicht außerhalb der Mauern geboren werden, auch wenn sie sich durch eine ganze Armee kämpfen musste, um das durchzusetzen.
»Wolfsschnitter!« Sie hob den Katar über ihr Haupt, und die Krieger und Kriegerinnen hinter ihr brüllten ihre Bereitschaft in den Himmel. Die Wolfsschnitter waren ihre beste Einheit, mit den stärksten Kriegern, die sie in den Arenen überall in Noxus gefunden hatte. Die Raxii würden zu sehr mit Meneliks Armee vor sich beschäftigt sein, um die Gefahr zu bemerken, die aus dem Norden heranritt, um sie in das Meer zu treiben. »Wir sind lange marschiert, nur um die Tore geschlossen zu finden. Kommt nun und öffnet sie!«
Sie stürmten die Hügel hinab, der Donner der Hufe laut genug, um selbst den Ozean zu übertönen.
Der erste Raxii kam ihr mit einer großen Axt in beiden Händen entgegen, hoch über den Kopf gehoben, um sie aus ihrem Sattel zu schlagen. Aber ihr Pferd wich dem Hieb aus. Ambessa durchtrennte einen Arm, Blut spritzte, er schrie, die Axt fiel herab, aber sie war schon weiter.
Die Zeit verlangsamte sich, bis Ambessa glaubte, sie sei schon immer hier gewesen, in diesem roten Schlamm, ihr Atem schwer, ihr Rücken schmerzend. Irgendwann wurde sie vom Pferd gezogen, doch sie trat sich frei, als das Tier getötet wurde. Das Gewicht ihres Bauches war kaum für länger zu ertragen. Jeder Schritt war schwerer als der davor. Ihr rechtes Auge brannte vom Blut eines Schnittes auf ihrem Gesicht, aber sie konnte es nicht abwischen. Sie presste es zu und sah sich mit dem linken Auge um.
Kaum dass sie sich drehte, spürte sie einen Lufthauch am Nacken und ging in die Knie, wirbelte herum. Eine Frau mit einem Speer, muskulöse Arme, Zähne vor Wut gefletscht. Ambessa hatte ihre eigene Wut. Sie war nicht den weiten Weg gekommen, um ihr Heim in die Hände anderer fallen zu sehen.
Sie zwang sich auf die Beine und sprang.
Die Frau war schneller, als sie aussah, und ebenso stark, parierte den Stoß des Katars und drückte ihn zur Seite. Sie zog den Schaft des Speeres herum, hieb nach Ambessas Beinen, aber die war zur Seite gesprungen, den Arm zum Schlag bereitet …
Schmerz ließ ihre linke Hand schlaff herabfallen. Sie sah sich um, aber das Blut in ihrem Auge blendete sie noch immer. Wäre sie keine Medarda, Ambessa hätte wohl Furcht empfunden.
Stattdessen riss sie den Katar hoch, um den Speer zur Seite zu lenken, und trat einige Schritte zur Seite, bis sie den Armbrustschützen sah, dessen Bolzen sich in ihre linke Schulter gegraben hatte. Der Arm hing nutzlos herab. Aber er lud gerade erst nach, was ihr etwas Zeit verschaffte.
Mit einem schnellen Lauf stürmte sie auf die Speerträgerin zu, gelangte nah an sie heran, so nah, dass der Speer nutzlos wurde. Der Katar stieß in die Seite der Frau, die aufstöhnte. Ihr Mund öffnete sich, als wollte sie verneinen, was Ambessa ihr antat. Doch der Tod ließ sich nicht verneinen. Ambessa zog ihre Klinge heraus und ließ den leblosen Körper zu Boden fallen.
Sie hörte das Pfeifen, bevor der zweite Bolzen sich in ihre Seite bohrte.
Mein Kind. Ihr erster Gedanke. Dann erst folgte der Schmerz. Die Pein in ihrer Schulter war nichts im Vergleich zu der Qual, die sich durch ihre Seite fraß. Dennoch hob sie den Katar wieder. Aber beim ersten Schritt versagten ihre Beine den Dienst, und sie fiel zu Boden. Sie schrie auf, als sie auf ihren Bauch stürzte und auf ihren Rücken rollte.
Jeder Atemzug war Schmerz. Es gab in der ganzen Welt nicht genug Luft für sie.
Ambessa kämpfte darum, wach zu bleiben, aber alles um sie herum wurde blass und fern, glitt in Dunkelheit. Neben ihr starrte die Speerträgerin mit leerem Blick in den grauen Himmel. Wie Ambessa es bald auch tun würde.
Dann sah sie statt der Frau einen Wolf, seine Schnauze nahe am Boden, als er sie eindringlich ansah. Bote von Kindred.
Er kam, um sie zu holen.
Ambessa geht durch die Dunkelheit – und ist nicht länger auf dem Schlachtfeld. Sie wischt den Dreck von sich – Nachgeburt ist das einzige Wort, das passt, auch wenn sie weiß, dass dies das Gegenteil einer Geburt ist. Überall um sie erheben sich Säulen aus schwarzem Stein, und ein rotes Glühen erfüllt die Luft. Auf den Wänden sind Figuren eingraviert, aber sie sind nur undeutlich zu sehen. Sie weiß nicht, wo sie ist, aber sie weiß, was sie tut: Warten. Worauf? Nein, zuckt die Erkenntnis durch ihren Geist, auf wen?
»Hallo?«, ruft sie. Niemand antwortet. Ihre Stimme hat kein Echo.
Vor ihr wird das Zwielicht heller. In der Ferne ist ein Thron zu sehen, auf dem jemand sitzt.
»Hallo!«, wiederholt sie fordernd. Doch die Person auf dem Thron antwortet nicht. Niemand hält sie auf, als sie sich nähert.
Eine plötzliche Eruption von Gestein zu ihrer Linken lässt sie in eine Verteidigungshaltung gehen. Aber da ist kein Feind, den sie bekämpfen könnte. Inmitten der Trümmer ist eine Figur, die um sie herum schwebt, um alle – Figuren. Ambessa sieht sich selbst in ihrer Mitte.
Sie beobachtet sich selbst, diese andere Ambessa, die in einem Raum voller Menschen tanzt, verloren im Gefühl ihres Leibes, seiner Stärke, seiner Schönheit, ihres Hungers und des Hungers aller um sie herum. Das ist, wofür der Leib da ist, das ist, was sie ist. Ihre Füße tragen sie näher. Sie will sich ihnen anschließen. Sie streckt ihre Hand aus …
Nein.
Das ist nicht, weshalb sie hier ist. Ein Teil von ihr weiß das. Dieses Leben ist vorbei. Dieser Körper. Sie weiß nun, wo sie ist. Volrachnun. Wohin der Wolf große Krieger nach ihrem Tode bringt.
Sie hebt ihre Hände vor ihr Gesicht. Im Zwielicht fühlt sie sie mehr, als dass sie sie sieht. Ihre Gewissheit. Ihre Stärke. Noch sind es ihre Hände.
»Wer bist du?«, ruft Ambessa der Gestalt auf dem Thron zu, als sie sich von der Vision ihrer eigenen Ekstase abwendet. »Was willst du von mir?«
Wieder nähert sie sich dem Thron, diesmal schneller. Dabei wünscht sie sich eine Waffe. Ihre Hände sind die ihren, aber sie fühlt sich nackt, ohne Waffen und Rüstung. Sie ist nackt.
Und dann, als würde diese seltsame, traumartige Totenwelt ihr gehorchen, ist sie gekleidet: eine Schärpe über eine Schulter drapiert, eine Brustplatte, die ihren Bauch frei lässt, ein Rock für den Kampf mit goldenen Plattenpanzern auf den Hüften.
Beim Thron wird sie ihre Bestimmung finden. Sie läuft weiter …
… und wird von einer weiteren Szenerie aufgehalten. Dieses Mal ist es eine junge Ambessa, ein Kind, mit einem Lamm in den Armen. Sie kann sich nicht daran erinnern, jemals so ein Lamm getragen zu haben, und doch – etwas ist vertraut. Sie ist so jung, so unschuldig – wann war sie das letzte Mal so unschuldig? Sie weiß es nicht, und weint darüber, über dieses Loch in ihr.
Sie tritt auf das kleine Selbst zu und sieht nun auch ihre treuen Drachenhunde, Quench und Temper. Egal, wohin sie ging, die Hunde folgten ihr, bis sie starben. Dieser Verlust ist realer – sie kann den Schmerz zuordnen, und auch den daneben: den Verlust einer anderen Freundin, einer Freundin, die jetzt hier wäre.
Ambessa sieht sich suchend nach ihr um, aber dabei erblickt sie den Thron. Er ist näher, aber noch immer kann sie die Figur darauf nicht erkennen. Und in ihren Händen liegen mit einem Mal Waffen, zwei Halbmondklingen, so golden wie ihre Rüstung, glänzen im roten Licht.
Verwirrt runzelt sie die Stirn. Rüstung. Waffen. Wofür braucht man diese Dinge, wenn es keinen Feind gibt, den man bekämpfen kann? Jetzt nähert sie sich dem Thron vorsichtiger.
Auch wenn der Weg nicht mehr weit scheint, wird sie doch wieder und wieder von diesen Visionen ihrer selbst aufgehalten. Augenblicke, an die sie sich erinnert, und andere, die ihr entfallen sind.
Eine junge Ambessa auf dem Schlachtfeld, das Schwert einer toten Frau in ihrer Hand.
Ambessa und Azizi mit ihrem ersten Kind auf dem Schoß, Kino an ihrer Brust.
Ta’Fik und Zoya, umgeben von Drachenhunden.
Ta’Fik und Ambessa, umgeben von Drachenhunden.
Eine ältere Ambessa in einem großen Stuhl, mit einem jungen Mann und einer jungen Frau an ihrer Seite.
Ambessa und die junge Frau einander gegenüber, bereit, sich anzugreifen.
Ein ganzes Leben, gelebt und ungelebt, das sie durchqueren muss. Ambessa reißt sich von ihrer Vergangenheit und einer Zukunft, die nicht kommen wird, los. Sie wird nicht kommen, kann nicht kommen, denn Ambessa ist tot.
Sie steht am Fuße der Treppe, die zum Thron führt.
Sie legt den Kopf in den Nacken. Eigentlich sollte der Anblick sie nicht überraschen, doch er tut es.
Hoch über ihr sitzt sie selbst auf dem Thron.
Ambessa fühlt Stolz in sich aufsteigen. Das ist, was ihr Mut ihr erkämpft hat. Sie tritt auf die erste Stufe.
»Dieses Recht musst du dir verdienen.«
Die Stimme kommt von nirgends und überall, dröhnt in ihren Ohren und in ihrem Geist. Zwei Stimmen zugleich, dunkel und hell, sanft und hart.
»Wie?«
»Was denkst du, wie?«
Aus den Schatten schält sich eine Kreatur, auf zwei Hufen gehend. Eine Mähne liegt um den Kopf, der sich senkt und sucht, als schnüffelte sie nach ihr. Vier Ohren, zwei aufrecht wie die eines Wolfes, zwei bis zum Kiefer hängend.
Kindred.
»Habe ich meinen Platz nicht auf dem Schlachtfeld verdient?«
Vielleicht ist das unverschämt, aber der Thron erhebt sich direkt vor ihr. Sie ist in Volrachnun. Was muss sie noch tun, um sich zu beweisen?
»Du hast deinen Platz in Volrachnun verdient«, antworten die Zwillingsstimmen. »Aber hast du dir einen Platz in den Legenden verdient?«
Sie halten etwas vor sich, ein Schmuckstück, einen dreiköpfigen Wolf, der sich schwebend zwischen ihnen dreht.
Ambessa greift danach, aber Kindred zieht es aus ihrer Reichweite.
»Du musst dich deinen Prüfungen stellen.«
So langsam wird Ambessa ungeduldig. »Ich werde mich jeder Prüfung stellen, die du mir auferlegst.«
Und obwohl Kindred kein Gesicht hat, um damit zu lächeln, spürt Ambessa ihre Belustigung.
Mit einem Mal ist Ambessa in einer großen Arena, umgeben von Tribünen, und darauf ihr Publikum. Sie sieht ihre Rüstungen, ihre Waffen. Sie sind ihr Publikum und gleichzeitig ihre Konkurrenz. Auch wenn niemand auf sie zukommt, weiß sie, dass dies die Wahrheit ist.
Hinter ihr erklingt ein Kratzen von Metall.
Ein großer Krieger mit goldenem Schild erhebt sich vor ihr. Sein Oberkörper ist nackt, abgesehen von der goldenen Rüstung, die sich um seine Schultern und Brust schmiegt. Panzerhandschuhe, Beinschienen, Stiefel, Helm, alles golden. Ein Mantel in der Farbe frischen Blutes. Das ist das Land der Helden. Daneben fühlt Ambessa sich grau.
Vom Thron kommt kein Zeichen, aber sie versteht.
Du musst dir das Recht verdienen, sagt die Stimme. Die Stimmen.
Sie stürmt auf den Krieger zu, ihre Halbmondklingen wirbeln herum, aber plötzlich ist der Schild hinter ihr. Er stößt sie in den Rücken, sendet sie beinahe taumelnd zu Boden.
Die Menge brüllt nach ihrem Blut, nach seinem Blut, dem Blut von allen, und sie wird es ihr geben, denn dafür ist ihr Leib geschaffen, das ist, wassie ist!
Ambessa weicht seinem Speer aus und stößt zu, wieder und wieder, jeder Angriff trifft eine Parade, einen Gegenangriff. Für einen Moment denkt sie, dass sie einander ebenbürtig sind, sie und dieser legendäre Krieger.
Es bleibt aber nicht genug Zeit für Selbstlob. Der Schild rammt ihr den Helm ins Gesicht, und sie taumelt zurück. Ein weiterer Hieb mit dem Speer, und sie rollt darunter hinweg – verwirrt bemerkt sie, dass ihr Bauch flach genug für dieses Manöver ist; wo ist ihr Kind? Auch um darüber nachzudenken, hat sie nicht genug Zeit. Sie springt in die Luft, stößt von oben zu, wie ein Blitzschlag.
Er fängt sie und wirft sie donnernd zu Boden. Ihre Klinge fällt aus ihrer Hand.
Ist das der Tod?, fragt sie sich stumm. Denn es wird gejubelt. Aber der Jubel klingt wie Trauer, wie Weinen. Er klingt wie ihr Großvater Menelik im Hof bei den Übungen, der ihr zuruft, dass sie auf die Füße soll!
Auf die Füße.
Auf dem Rücken liegend, starrt Ambessa zum Schild hoch. Sie kann sein Gesicht nicht sehen, aber sie spürt seinen enttäuschten Blick. Trotz der Wunden rollt sie sich auf den Bauch.
Noch ist sie nicht am Ende.
Sie drückt sich hoch. Nimmt ihre Halbmondklinge auf. Stützt sich auf ein Knie. Jede Wunde, die sie jemals erleiden musste, ist wieder offen, blutet erneut, als der Schild näher kommt, flankiert von weiteren Kriegern: eine Assassine mit zwei roten Dolchen und goldener Brustplatte; ein streng aussehender Mann mit einem flüsternden Arm und einem Mantel aus schwarzen Rabenfedern, seine goldenen Schulterplatten glänzen; mehr und mehr und mehr. Sie kommen auf sie zu.
Sie ist noch nicht am Ende. Sie steht auf, wendet sich ihnen zu.
Mit einem Nicken, das Ambessa als Respekt deutet, senkt der Schild seine Waffe. Sein goldener Schutzschild zieht sich zurück.
»Was soll das?«, will sie wissen.
Er antwortet nicht. Keiner dieser Helden tut das. Also tritt sie auf sie zu …
… und damit einen weiteren Schritt in Richtung des Throns. Mit einem Mal ist sie wieder in dem dunklen Raum voller Stein und Erinnerungen.
Der Thron ist wieder unbesetzt, und Ambessa klettert darauf zu, nur um dort Kindred zwischen sich und dem Thron zu finden.
»Ich habe die Prüfung bestanden. Lasst mich passieren.«
»Eine Prüfung«, erwidert Kindred. »Wir wissen seit Langem, dass du bereit bist, zu töten, Ambessa, Kriegsherrin des Medarda-Clans. Deine Prüfungen sind noch nicht vorbei!« Die Stimmen wickeln sich im lauten Schrei umeinander, Echos voneinander, harmonisch und voller Misstöne im wilden Wechsel.
Ambessa erschaudert und presst die Hände auf die Ohren.
»Ich stelle mich euren Prüfungen!«, brüllt sie in die Dunkelheit.
Und dann ist da plötzlich keine Dunkelheit mehr. Die letzte Erinnerung an die finstere Halle ist ein Echo:
»Du wirst das Blut anderer vergießen, aber was ist mit deinem – dein eigenes – dein Herz –, wirst du Opfer bringen?«
Sie wirbelt herum, aber Kindred ist verschwunden.
Der Pfad vor ihr ist hell und brennend heiß unter einer Wüstensonne. Und Gestalten, so viele Gestalten, weinen unter ihren Masken um sie. Sie singen und weinen und schreien, und sie kann ihre Trauer fühlen, doch andere trauern nicht, sondern umringen sie, nur wilde Arme und wilde Beine in zerschlissenen Reisemänteln. Es gibt keinen Platz für sie, außer jenen, den die Menge ihr lässt, also folgt sie den Öffnungen, lässt sich führen. Über ihr im Himmel schlagen Trommler den Rhythmus ihrer Schritte.
In ihren Armen hält sie ein goldenes Lamm. Es ist hart und kalt und besteht aus vielen Stücken. Etwas daran kommt ihr bekannt vor.
»Was ist das?«, fragt sie. Woher kommt es?
Es gibt keine Antwort, aber sie spürt, dass es wertvoll ist, und ihres, und dass sie es beschützen muss, um jeden Preis.
Ambessa kämpft sich weiter, ohne zu wissen, wonach sie sucht, schiebt die heulenden Gestalten fort. Ihre augenlosen Gesichter sind blau und die Münder weit aufgerissen, als wollten sie das Lamm fressen. Sie beugt sich vor, um es zu beschützen, sich selbst vor dieser Kakofonie zu schützen, in der gnadenlosen, grellen Wüste.
Sie hat Angst. So eine Angst hat sie seit Langem nicht mehr verspürt.
Gib es mir.
Die Worte fließen über sie, und sie umklammert das Lamm fester.
Lass los.
»Nein«, flüstert sie, schüttelt den Kopf.
Die kreischenden Trauernden in ihren Roben drücken sich mehr und mehr an sie, bis Ambessa auf die Knie fällt. Das Lamm in ihren Armen scheint zu zittern. Wie soll sie es loslassen? Es ist ein Teil von ihr. Es ist ihres. Obwohl es ein Ding aus Metall ist, sind seine Augen groß und offen. Es muss beschützt werden.
Aber das Echo von Kindreds Worten kehrt zurück.
Opfer.
Ambessa hebt das Lamm empor und lässt es los.
Es schwebt nach oben, und sofort bereut sie. Es gleitet davon, über ihr, über ihnen, außerhalb jeder Reichweite. Sie wird es niemals wiederbekommen. Die Sonne brennt noch heißer auf ihrer Haut. Die weißen Binden, die sie trägt, schützen nicht. Der Tanz wird frenetischer, kreist um sie. Das Trommeln übertönt ihren eigenen Herzschlag. Das Heulen ihre eigenen Schreie.
Das Lamm schwebt zum Maul des vielköpfigen Wolfes. Sie erinnert sich an diesen Wolf. Das Zeichen, vor Kindred drehend, ihr angeboten. Das Lamm wird verschlungen werden, wenn sie es nicht rettet.
Lass los.
Aber ich kann nicht, erkennt sie.
Du musst.
Dann ist das Lamm nicht mehr, und die vielen Lefzen der vielen Wolfköpfe blecken Zähne, und sie schreit, als das Lamm verschlungen wird, schreit wie jene, die um sie trauern, kratzt mit ihren Fingernägeln ihr eigenes Gesicht auf. Blut quillt hervor, aber es ist ihr egal. Etwas ist von ihr gegangen, jemand ist von ihr gegangen, alles, was sie kannte …
»Ein Opfer«, ertönen die Zwillingsstimmen von Kindred.
Ambessa findet sich in der dunklen Halle von Volrachnun vor den Wesen wieder, und sie bieten ihr alles an, was sie sehnlichst wünscht. Sie greift danach, es ist formlos, unberührbar, es … was wird es kosten?
»Ich werde bezahlen«, stößt sie hervor. Was auch immer der Preis, ich werde ihn bezahlen.
Ihre Hand schließt sich um den vielköpfigen Wolf, und blutrotes Licht brennt sich ihre Adern entlang, wie Risse in einem Vulkan. Es brennt. Es ist Agonie.
Als Kindreds Licht durch sie scheint, schreit Ambessa auf, und zum ersten Mal versteht sie, was ihr angeboten wird. Eine Möglichkeit. Eine Zukunft: Sie sitzt auf dem Thron mit einem Schwert an ihrer Seite. Das ist ihr Schicksal. Falls sie zurückkehrt, kann sie es für sich beanspruchen.
Oder sie kann sterben. Hier im Reich der Helden ist ein Platz für sie. Sie kann neben dem Schild in der Arena stehen, in die Rüstung der Legenden gehüllt, ihre Löwenmaske golden, ihr Haar weiß und fließend wie eine Mähne, ein goldener Reif um ihren Nacken gelegt. Diese Krieger würden ihr folgen. Und sie würde sie auf die Jagd der Besten führen. Der Jagd der Auserwählten.
Das war, was sie sich immer erhofft hatte – den Wolfstod sterben. Sich Volrachnun würdig zu erweisen. Jetzt wird ihr es angeboten.
Verdient.
Sie wird mit ihnen reiten – ein Herzschlag in ihrem Bauch, Hitze – für immer mit jenen, die alle Prüfungen des Wolfs bestanden haben – Licht, weißes Licht, und mit dem Pulsieren kommt ein Krampf – ihr Sieg steht bereits fest, hier in Volrachnun …
Mit einem Ächzen erwachte Ambessa aus einem wunderschönen, schrecklichen Traum. In der Ferne sah sie den Wolfsschweif im Nebel verschwinden, der den Strand emporkroch. Ein weiterer schmerzender Krampf, und sie packte ihren Bauch. Eine Wehe. Sie fand den Armbrustbolzen, der sie niedergestreckt hatte – getötet hatte? Vorsichtig fühlte sie nach der Spitze. Sie steckte tief in ihr, schien aber nicht mit Widerhaken versehen zu sein. Das Echo des Traums gab ihr die Kraft, sich der Pein zu stellen, und sie zog den Bolzen mit einem Stöhnen heraus.
Sie musste dringend zur Rokrundzitadelle zurück. Das Kind kam.
Es kostete sie viel, auf die Füße zu kommen. Mit einer Hand schützte sie ihren Bauch, die andere presste sie auf die blutende Wunde. Langsam suchte sie einen Weg über den felsigen, mit Leichen übersäten Strand. Mit dem Ende der Schlacht war das Donnern der See verklungen. Sie konnte kaum sagen, wer gesiegt hatte; die Gefallenen beider Seiten lagen vermengt miteinander, aber die Mauern der Zitadelle standen noch.
Mit einem Blick über ihre Schulter suchte sie nach dem Wolf, von dem sie sicher war, ihn gesehen zu haben. Ihr Traum war zu lebhaft gewesen, um nur ein Traum zu sein. Vieles war jetzt hinter einem Schleier verborgen, aber sie erinnerte sich an eines: Sie hatte auf einem schwarzen Thron gesessen, auf einem Berg von … von was? Steinen? Leichen? Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie sich den Platz mit Blut verdient hatte, dem Blut ihres eigenen Leibes, und dem Blut jener, die ihr den Weg versperrten. Der Wolf hatte ihr dieses Geschenk gegeben, aber da war ein Versprechen:
Es ist deins, wenn du es dir nehmen kannst.
Fünfzehn Jahre später
Ambessa erhob sich. Die Klinge des Katars glitt aus dem Körper des Hauptmanns der Binan. Das Blut des Toten troff von der Waffe auf ihre Lederrüstung. Er war der Soldat gewesen, der sie nach ihrer Ankunft herausgefordert hatte. Die Feder auf seinem Helm hatte wunderbar geschimmert, als sie sich im Wind wog, während er Befehle bellte, die von anderen loyalen Soldaten der Familie Binan befolgt wurden, hier bei ihrem Festungspalast nahe Kumangra. Jetzt lag die Feder auf dem Boden und glänzte nicht mehr, sondern war vom Rotbraun des Schlachtfelds.
Er hätte sich ergeben sollen.
Stattdessen hatte er sein Leben fortgeworfen, und das aller, die ihm folgten, gegen die Unvermeidbarkeit ihrer Eroberung. Jetzt hatte Ambessa nicht nur die Gebiete im Osten, sondern vielleicht, nur vielleicht, über die Binan-Familie eine Verbindung nach Ionia. Wenn Ambessa eines Tages ihren Platz als Matriarchin der Medardas einnahm, wollte sie, dass Darkwill ihr bereits etwas schuldete. So früh wie möglich würde sie ihm zeigen, was sie zu bieten hatte, damit er verstand, wie unersetzlich sie war. Und danach … Ambessa zwang sich, nicht an die ferne Zukunft zu denken. Noch musste sie sich um die Gegenwart kümmern.
Überall um sie herum trieb ihre Kriegsmeute jene zusammen, die schlauer als ihr Hauptmann gewesen waren. Sie sammelten und fesselten die Soldaten im prächtigen Gras außerhalb des eigentlichen Palastes. Der gelbbraune Steinweg, der hineinführte, war voller Kadaver, die viele Gefangene ängstlich beobachteten. Die meisten aber sahen zu ihr.
Der Palast war mehr Dschungel als Gebäude, umgeben von Bäumen – nicht Pinien, wie sie Ambessa aus den Bergen ihrer Heimat in Rokrund kannte, auch nicht die Palmen von Bel’zhun, woher sie ihre Armeen geführt hatte, sondern gewaltige, hängende Pflanzen, verschlingende Gewächse, voller Lianen.
»Ambessa.« Rictus, ihre rechte Hand, zog eine junge Frau an ihrem Arm hinter sich her. Flache Scheiben und schwarze Bänder hingen von Piercings in ihrem Gesicht. Die Frau war verängstigt, aber er war sanft.
Ambessa blickte ihr in die weit aufgerissenen Augen.
»Du bist eine Binan?«
»Ja«, antwortete sie. »Lady Mion von Binan.«
Man hatte ihr das Land der Binan als üppig und grün beschrieben. Die exotischen Früchte würden sich gut in Noxus verkaufen, und die Lage war perfekt, um die Kanalzölle von Piltover zu umgehen. Die Familie Binan war alt, reich, auch wenn sie Ionia vor langer Zeit aus Gründen verlassen hatten, die Ambessa noch nicht kannte. Es war noch genug Zeit, das in Erfahrung zu bringen.
»Generalin Medarda!« Eine schrille Stimme zerbrach den Moment zwischen ihnen. Die Botin kam schlitternd vor ihr zu stehen, eine Hand auf ihrem Knie, eine mit einem versiegelten Brief ihr entgegengestreckt. »Dringend aus Bel’zhun.«
Allein für die Unterbrechung war Ambessa versucht, sie aus ihren Diensten zu entlassen, aber die letzten Worte ließen sie innehalten. Bel’zhun. Ihre Tochter war hier in Sicherheit, aber ihr Sohn, Kino, war dort mit ihrem Vater Azizi, und kümmerte sich um einige Handelsabkommen. Der Brief trug das Siegel der Medardas, den Stern, vier Spitzen, die Rat boten. Ein kurzer Blick zu Rictus und Lady Mion, die vor ihr zitterte. Ambessa wandte sich ab und riss den Brief auf.
Schon beim ersten Überfliegen keuchte sie auf und konnte die Regung kaum verbergen. Dann las sie es langsamer und fühlte ein seltsames Ziehen in ihrer Magengrube. Sie faltete den Brief zusammen und übergab ihn wieder an die Botin.
»Bring ihn zu meinen Sachen.« Zumindest ihre Stimme verriet sie nicht.
Dann wandte sie sich an Lady Mion.
»Wo ist der Rest deiner Familie?«
»Mein Vater ist verstorben, und meine Mutter ist alt. Meine Schwester kümmert sich um sie.« Auch wenn ihre Stimme sanft war, war da eine Härte um ihre Mundwinkel. »Ich führe die Geschäfte allein.«
»Es gab auch … Gefangene.« Die Pause in Rictus’ Worten sprach Bände.
Noch einen Moment ließ Ambessa ihren Blick auf dem Mädchen ruhen, dann befahl sie: »Bring mich zu ihnen.«
Rictus übergab die Adlige an zwei Soldaten, dann führte er Ambessa in den Palast. Das Gebäude war alt; die Binan lebten hier seit Generationen. Einige der Bäume, die sie innerhalb des Steingebäudes angepflanzt hatten, waren wohl älter als Ambessa selbst. Die Räume, durch die sie schritten, waren alles in allem wenig interessant – keine großen Schätze, auch wenn es einen Raum gab, in dem Bücher und Schriftrollen gesammelt waren. Vielleicht eine Bibliothek oder ein privates Studierzimmer. Sie nahm sich vor, alles nach Bel’zhun transportieren zu lassen. Rictus hielt an einem Ende einer Halle an, die kaum beleuchtet war. Die Tür war aufgebrochen worden. Einer der ihren hatte sie eingetreten.
Einige Vastaya hingen in Fesseln, manche mit schmutzigem Fell, andere mit glanzlosen Federn oder trüben Schuppen. Ambessas Nase zuckte ob des Gestanks. Man hatte sie eine lange Zeit über hier eingesperrt. Ihre Blicke waren vorsichtig, ängstlich. Einer von ihnen starrte sie unverhohlen an, mit unheimlichen, quadratischen Pupillen.
Sie nickte in seine Richtung.
»Du. Was macht ihr hier?«
»Die Binan halten uns gefangen«, grollte er und senkte das gehörnte Haupt, als wollte er die Binan bei der nächstbesten Gelegenheit anstürmen.
Ambessa blickte zu Rictus, der die gewaltigen Schultern hob.
»Warum?«
»Weil wir es leid waren, den Bewohnern von Ionia unser Land zu überlassen.«
Ah. In Ambessa keimte Verständnis auf, und mit ihm kam der Nervenkitzel von Möglichkeiten. Besonders jetzt, da ihr eigener Aufstieg schmerzhaft näher war, als sie jemals erwartet hätte.
»Wenn wir euch befreien, müsst ihr Noxus Treue schwören.«
Der Vastaya schluckte und setzte sich auf. Sein kurzer Schweif war ruhig, aber vor Anspannung aufgeplustert.
»Wir werden eine Abmachung mit Noxus treffen.«
Ambessas Augen verengten sich.
»Ja?«
»Ionia zerstört die magischen Wälder der Vastaya. Wenn unser Land geschwächt wird, werden auch wir schwach. Uns bleibt nichts. Einige Binan fingen mich in Ionia, als ich …« Er schüttelte das pelzige Haupt, die Schnauze vor Abscheu verzogen. »Unsere Stämme wehrten sich, aber etwas ist … etwas ist mit uns geschehen. Wir sind nicht … so stark, wie wir einst waren. Es gibt immer weniger von uns. Aber wenn Noxus käme, könnte es uns helfen. Uns das zurückgeben, was wir hüten.«
»Du würdest Noxus nach Ionia führen?«
Ambessa wusste, wie undurchdringlich die Inseln waren. Den Legenden nach lebte das Land selbst und kämpfte gegen Invasoren. Es war unerforscht und beherbergte genug rohe Magie, um den mutigsten, erfahrensten Soldaten erzittern zu lassen.
»Wenn ihr uns unsere Heimat zurückgebt.«
Ambessa nickte langsam. Ionia. Die unberührten Inseln jenseits der See, eine verlockende Frucht, gerade außerhalb von Darkwills Reichweite.
Seine größte Ambition. Als ihre Späher ihr von den ionischen Exilanten hier berichtet hatten, war sie gekommen. Die Vision jenes Tages, als sie – fast – in Rokrund gestorben war, überlagerte alles in ihrem Geist. Der Brief ließ sie noch dringender werden. Darkwill würde mehr als nur erfreut sein, hiervon zu erfahren, und wenn sie erst ihren Platz als Haupt des Medarda-Clans eingenommen hatte, wäre sie der Vision viel näher gekommen.
»Gut. Ich werde euch zu Großgeneral Darkwill bringen, und ihr werdet Treue schwören. Wir werden euch nach Hause zurückbringen.«
Aber bevor sie das angehen konnte, musste sie nach Bel’zhun zurückkehren.
Menelik wurde verwundet, Ambessa.
Eine Heilung ist unwahrscheinlich.
Komm schnell.
Zurück nach Bel’zhun, wo ihr Großvater keine Wahl haben würde, außer sie als Erbin einzusetzen. Das bedeutete, dass Ambessa ihre eigenen vorbereiten musste.
In der großen Halle des Palastes hielt Ambessa inne und betrachtete den hohen Stuhl in der Mitte auf dem Podest. Es war düster, die Fenster mit großen Vorhängen gegen die helle Sonne verdunkelt. Neben steinernen Säulen erhoben sich Bäume bis unter die Decke. Der Thron war zerbrochen, ein Spritzer Blut lief über die helle, geriffelte Steinoberfläche.
»Rictus. Wo ist Mel?«
»Sie ist … mit einigen Binan sprechen, Generalin.« Er hob eine Augenbraue, als wollte er fragen, ob er ihr Einhalt gebieten solle.
Ambessa seufzte.
»Lass nach ihr schicken. Und bereite Lady Mion vor.«
Es war an der Zeit, dass Mel den Tod kennenlernte.
Von außerhalb des Palastes beobachtete Ambessa ungesehen, wie Mel den Thronraum betrat und sich die Verwüstung ansah. Ganze Brocken waren mit Schwarzpulver aus den Wänden gebrochen, eine Spezialität von Rokrund. Blut war auf den Wänden getrocknet, den Säulen, dem Boden. Die Bäume hingegen wirkten unberührt. Das Mädchen besah alles ganz genau. Mit fünfzehn Jahren war die kommende Lektion überfällig. Einen Moment gab ihr Ambessa noch, dann folgte sie ihr hinein.
Als sie die Schritte vernahm, wandte Mel sich ihr zu.
»Mit zehn«, begann Ambessa, »nahm mich dein Großvater mit zum Schlachtfeld von Hildenard. Er bot mir eine Goldmünze für jede Klinge an, die ich vom Feld bergen konnte. Er sagte, wir bräuchten den Stahl.« Ein Stein brach aus einer Säule und kullerte zu Boden. »Aber ich wusste, dass es eine Lüge war. Er wollte, dass ich den Tod kennenlernte.«
Mel zog die Brauen zusammen.
»Kino sagt, Krieg ist das Versagen der Staatskunst.«
Mit Mühe zwang sich Ambessa, nicht verächtlich zu schnaufen.
»Dein Bruder denkt, er könne sich aus allem herausreden. Er hält sich für einen Fuchs unter Wölfen. Aber höre meine Worte, Kind, wenn du in dieser Welt überleben willst, musst du der Fuchs und der Wolf sein.«
Nachdenklich betrachtete Mel den Thron. Die Wand dahinter war in konzentrischen Kreisen beschädigt, als hätte sie ein gewaltiger Schlag getroffen.
»Wir malen die Wände golden an. Importieren Kristallleuchter. Berater werden von dort eintreten.« Sie wies auf einen Seitenflur, während sie auf den Thron zuging. »Aber der Regent wird einen eigenen, geheimen Eingang haben.«
Hoffnung breitete sich in Ambessas Brust aus.
»Sie sollte ein gütliches, rundes Gesicht haben«, fuhr Mel fort, und ihre Hand glitt über die Lehne des Throns. »Schlau genug, um ihre Untergebenen zu beherrschen, aber biegsam, sodass wir formen können.«
Ambessa stellte sich das Bild vor, das ihre Tochter malte. Schon jetzt wusste Mel um die Macht der Erscheinung und hielt sich stets aufrecht. Das Kleid mit dem hohen Kragen und dem Sonnenkranz auf der Brust stand ihr – elegant, aber gefährlich. Das Gold, das ihr Haar zurückband, sah schon jetzt wie eine Krone aus. Und sie hatte einen der schwierigsten Parts des Kodex der Medarda gemeistert: Eine schlaue Zunge ist so wertvoll wie scharfer Stahl.
»Vielleicht könnte sie meine Tochter sein.«
Mels braune Augen weiteten sich vor Überraschung. Der erste Schock, den sie zeigte, seit sie im Schlachthaus angekommen war, das einst ein Palast gewesen war.
»Du würdest mir den Thron geben?«
»Ich würde dir die Welt geben, Kind. Wenn du beweist, dass du sie dir nehmen kannst.«
Mit einer Handbewegung gab Ambessa den Befehl, Lady Mion zu bringen. Die junge Frau war im hellen Gang nur eine Silhouette im Licht des Morgens. Sie schien eine Ahnung zu haben, was sie erwartete; ihr Widerstand war gebrochen. Sie hielt nicht einmal mehr ihr Haupt hoch. Die Steine ihres Kopfschmucks wippten vor ihrem Gesicht, und eine dicke Halskette hing von ihrer Kehle, mit einem Anhänger, womöglich aus Knochen, bestückt mit Perlen. Solche Handwerkskunst war nicht überall in Noxus geschätzt, aber irgendjemand würde es schon kaufen. Das Grün ihrer Robe passte zu den Bäumen.
»Was sollen wir mit ihr tun?«, fragte Ambessa.
Mels Augen waren feucht glänzend ob der Schmerzen der Adligen. Lady Mion sah Mel um Gnade flehend an, während Ambessa wartete.
»Sie wird keine Probleme bereiten«, stellte Mel fest. »Nimm ihr allen Besitz und sende sie in die entferntesten Kolonien.«
»Sie ist ein Symbol der alten Herrschaft.« Ambessa packte Lady Mion am Kinn. Das Haar des Mädchens war nass vor Schweiß, und sie stank nach Furcht. Auch wenn ihr Einfluss nicht gewaltig war, pries Ambessa sie, für die Lektion, um ihrer Tochter willen.
»Töte sie jetzt, und nur sie muss sterben.« Sie entließ Lady Mion aus ihrem Griff. »Lass sie leben, und du musst vielleicht Tausende töten.«
»Wir können den Leuten zeigen, dass wir gnädig sind!«
Mels Stimme erhob sich beinahe verzweifelt. Wieder sah sie zur Adligen. Mion von Binan bettelte mit einem Blick um ihr Leben. Beinahe die Farbe von Mels Augen, wie Ambessa feststellte.
Als sie sich zu ihrer Tochter umwandte, erkannte Ambessa ihren Fehler. Lady Mion war ihr zu ähnlich, beinahe gleich alt; Mel fühlte eine Verbindung zu ihr.
Dennoch sollte sie in der Lage sein, das zu tun, was getan werden muss.
Aber es war offensichtlich, dass sie es nicht konnte.
Ambessa wirbelte herum, und ihr Katar zog eine rote Linie über Lady Mions Kehle.
»Ein Wolf kennt keine Gnade.«
Die junge Frau fiel.
Das östliche Noxtoraa von Bel’zhun hieß Ambessa zurück in noxischem Gebiet willkommen. Der gewaltige Steinbogen markierte nicht nur die Straße für die Reisenden, sondern erinnerte sie auch daran, wessen Land sie durchquerten. Und, als wäre der Bogen nicht genug, hingen rote Banner mit dem Wappen von Noxus von Masten, die die Straße säumten, vom Bogen bis zur Stadt selbst.
Bel’zhun war belebt und betriebsam, deshalb führte Ambessa ihre Truppen am Zentrum vorbei, um die gefüllten, engen Straßen voller Stände und Straßenverkäufer und Wagen und Tiere zu umgehen. Ein Gefühl von Dringlichkeit hatte sie schnell reiten und ebenso schnell über den schmalen Kanal segeln lassen.
Die düstere Anlage, in die sie zurückkehrte, bildete einen harten Kontrast zu ihrem Gefühl von Sieg. Sie zwickte unangenehm, ähnlich wie es ihre Trauer tat. Die Stimmung war gedämpft, die Korridore still, und trotz der warmen Sonne, die zu Spaziergängen und Spielen einladen sollte, wirkte es kühl. Sie überließ ihr Pferd einem jüngeren Soldaten für den letzten Rest Weg zu den Ställen, und die Truppen verteilten sich auf die Baracken, etwa tausend verteilt auf die Wolfsschnitter und die Fäuste. Nur Mel und Rictus begleiteten Ambessa tiefer in die Anlage.
Als sie das Hauptgebäude der Medarda-Anlage in Bel’zhun betrat, seufzte sie. Es war so anders als ihr Sitz in Rokrund; hier gab es eine Ansammlung von Gebäuden umgeben von einer Mauer ohne Tor, die von ausgeschnittenen Halbkreisen gekrönt wurden, deren Spitzen scharf nach oben ragten. Ganz im Stil der Paläste der Kriegsherren von Shuriman, die einst hier geherrscht hatten. Die Ecken der Mauern waren mit Verzierungen versehen, die Ambessa an den Hakenschnabel eines Wüstenadlers erinnerten. Das Gebäude in der Mitte war von einfachen Säulen nach noxianischer Baukunst gesäumt, die aus fahlem Sandstein geschlagen waren. Die Kuppel war von der Farbe der See. Das Haus war groß genug, um eine ganze Reihe von Familienmitgliedern zu beherbergen, und dank der Neuigkeit war Ambessa sicher nicht die Einzige hier.
Neben ihr ging Mel steifen Schrittes. Seit sie die Prüfung nicht bestanden hatte, war das Mädchen in sich gekehrt. Die Reise war unbequem gewesen, aber nichts, was Ambessa gesagt hatte, konnte Mel verständlich machen, wie unbequem Macht war.
Die Empfangshalle zu betreten war, wie sich einem Artilleriebombardement auszusetzen. Der weite, offene Raum war bis zum Bersten mit Noxianern gefüllt. Medardas und andere, die gekommen waren, um dem großen Anführer die letzte Ehre zu erweisen. Ambessa zeigte keine ihrer Sorgen auf ihrem Gesicht, und trotz allem war sie stolz zu sehen, dass auch Mel sich nichts anmerken ließ. Der mürrische Schwung um ihren Mund verschwand, und sie warf einen letzten Blick auf Ambessa, bevor sie die Würdenträger begrüßte, die sich gurrend um sie versammelten und ihr sagten, wie sehr sie seit ihrem letzten Wiedersehen gewachsen war.
Ihren Bruder Katye entdeckte Ambessa sofort; er hielt auf sie zu, einen hellen Seidenschal um sich geschlungen. Ihr Sohn Kino stand neben einer wertvollen schwarzen Marmorvase, groß und gut aussehend, und angemessen trauernd, als er Lisabetya, die Verwalterin von Krexor betörte. Lisabetya war in die Familie Medarda aufgenommen worden, als sie noch jung war. Ihre Haut war blass, durch ihr schwarzes Haar zog sich Grau, eines ihrer Augen war erblindet, und ihre Arme und Brust waren breit, ebenso die Hüften. Krexor war vor allem für die Schmieden bekannt, und sie hatte einige Zeit in ihnen verbracht. Etwas, das Kino sagte, ließ sie auflachen, den Kopf in den Nacken gelegt, der Mund weit geöffnet.
Verwalter Ta’Fik war ebenfalls vor Ort. Das verwunderte Ambessa nicht; er war ihr Cousin, von Meneliks führender Hand ebenso wie sie erzogen. Einst hatten sie sich nahegestanden.
So voll der Raum war, einige der Anwesenden erkannte sie nicht, und andere, die hier sein sollten, fehlten. Die Verwalter Smik, Dauvin und Amenesce waren nicht da. Sie würde herausfinden müssen, warum.
»Schwester, es ist zu lange her.«
»Katye. Was treibt er hier?«
Katyes Blick folgte ihrem zu Ta’Fik, der mit jemandem sprach, den sie nicht kannte: eine Frau in einer lockeren Tunika, die ihre muskulösen Arme und Beine frei ließ, was in Bel’zhuns Hitze sinnvoll war. Ihre Augen waren schmal, ihre Brauen eng zusammenstehend, als starre sie in eine Windböe.
»Offenbar redet er mit Stefana von Kilgrove, der Nichte von Dauvin.« Katye schniefte. »Kein ›Wie geht es dir?‹. Kein ›Wie steht es in Rokrund?‹. Du verletzt mich.« Das belustigte Funkeln in seinen Augen ähnelte dem seines Neffen.
Ambessa ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Muss ich fragen? Solange du die Stadt beherrschst, erwarte ich stets, dass alles in Ordnung ist, wenn ich zurückkehre.«
Ob der Schmeichelei musste Katye kichern.
»Jenseits der See ergeht es uns nicht allzu schlecht. Aber die Bediensteten vermissen Mel.« Sein ergrauender Schnurrbart war alles Haar, das er noch hatte, und er strich beinahe bescheiden darüber, was nicht zu den üppigen Roben und weichen Schuhen passte. Der Schal hatte die Farbe von Sand unter der Mittagssonne, mit jeweils einem Streifen in Smaragdgrün, Brombeerpurpur und staubigem Rot. Die Handwerkskunst von Shurima war klar zu erkennen. Trotz der reichen Kleidung stand er immer noch gerade wie ein Speer und bewegte sich wie ein Mann, der zu kämpfen wusste. Dann wurde er jedoch ernst und lehnte sich zu ihr.
»Ich vermute, es wird noch einige Zeit dauern, bis du zurückkehrst, oder?«
»Das hängt von anderen Dingen ab. Ta’Fik. Meine Spione berichten mir, er verhandelt für Darkwill einige Schulden bei Piltover neu.« Ambessa drückte die Schulter ihres Bruders, als würden sie weiterhin nur Höflichkeiten austauschen. Dabei zwang sie sich, nicht noch einmal zu ihrem Cousin zu schauen, auch wenn es in ihrem Nacken kribbelte, als würde sie beobachtet. »Was hältst du davon?«
Ta’Fiks Gespräche mit Piltover waren ein Grund dafür, warum Ambessa sich für das Land der Binan interessierte. Denn dort gab es die Möglichkeit für Darkwill, Piltover komplett zu umgehen.
Katye nahm ein Glas Sonnenwein von einem vorbeischreitenden Diener und nippte daran.
»Ich denke, er ist sehr charismatisch.«
»Er ist kein Kommandeur.« Während sie leise sprach, nahm Ambessa ebenfalls ein Glas. »Seit Jahrzehnten führt er keine Armeen mehr an. Menelik würde niemals ihn erwählen.«
»Du könntest überrascht werden, meine Liebe.« Katye hob eine feine Augenbraue. Seine Lider waren mit Gold besprenkelt, die Augen mit schwarzem Kajal akzentuiert, was sie noch schärfer wirken ließ. »Für einige ist das weniger wichtig.«
»Verstehe.« Ambessa knurrte vor Widerwillen. »Sind also alle weich geworden?«
Ein Lächeln, das Katyes Zähneblecken zeigte.
»Ich nicht.«
»Menelik … wie geht es ihm?«
»Er empfängt Besucher. Jemand hat ihm vermutlich bereits mitgeteilt, dass du angekommen bist, aber ich kann es sicherstellen.«
»Bitte.«
Ein letztes sanftes Klopfen auf ihren Arm, dann glitt er davon, um woanders für Ärger zu sorgen. Was Ambessa zurückließ, um den Raum unauffällig nach Ta’Fik abzusuchen.
Der sprach jetzt mit Azizi, wie eine Schlange, die zur Brust kroch, und ihr somit keine Gelegenheit ließ, ihm aus dem Weg zu gehen. Neben ihm stand jemand Fremdes; klein, dunkle Haut, das kurze Haar weiß. Ambessa gesellte sich zu ihnen.
»Azizi«, begrüßte sie ihn, nahm seinen Arm und küsste ihn auf die Wange. Aus halb geschlossenen Augenwinkeln beobachtete sie Ta’Fik und erfreute sich an dem Flackern von Unmut auf seinen Zügen.
»Ambessa, meine Liebe. Du bist zurück.« Ambessa nahm ihre beiden Arme in die Hände und erwiderte den Kuss, erst auf beide Wangen, dann auf ihre Lippen. »Ich habe dich vermisst. Wie war die Reise?«
Er war schlau genug, sich nicht mehr als das in die Karten blicken zu lassen.
Ambessa lächelte.
»Wir haben mehr vorgefunden als erhofft, aber nicht alles kann man Briefen anvertrauen.«
Ta’Fiks eigenes Lächeln wurde schmaler, aber seine Stimme war glatt wie Öl.
»Herzlichen Glückwunsch. Ich wünschte, wir alle könnten so abenteuerlich sein. Unglücklicherweise halten meine Verpflichtungen mich in unserer Heimat, aber wenigstens konnte ich dadurch schnell vor Ort sein. Du bist die Letzte, die angekommen ist.«
»Ich bin sicher, du warst eine große Hilfe«, erwiderte Ambessa seine aufgesetzte Freundlichkeit mit ihrer eigenen. »Stell mich vor.«
»Inyene berät mich schon lange. Eine große Hilfe beim Verhandeln von Abkommen über Azirit mit einigen der …schwierigeren Kriegsherren aus Shurima.«
»Es ist gütig von dir, meinem Cousin in dieser schweren Stunde beizustehen. Sei willkommen.«
Inyene war wunderschön, aber schlank; so sehr, dass ein starker Wind drohte, zu viel zu sein. Die weiten weißen Hosen verstärkten diesen Eindruck. Die Hände, die Ambessa ergriff, waren ohne Schwielen. Dennoch war die Reaktion warm und beinah ehrlich.
»Ich verstehe seine Trauer nur allzu gut. Und Eure, vielleicht? Aber ich möchte mir nichts anmaßen.« Eine elegante Verbeugung. Das Gold in den Nasenflügeln glänzte im Kerzenlicht.
Ambessa suchte nach einem Hinweis auf mehr, Inyene gab jedoch nichts preis.
»Und die Kinder?«, fragte Ta’Fik. »Wie geht es ihnen?«
Sofort versteifte sich Ambessa. Zum Glück ließ Ta’Fik weder Azizi noch ihr genug Zeit für eine Antwort.
»Meine sind hier irgendwo. Gintara, meine Älteste, hat eine Truppe gegen Rebellen aus Shurima angeführt, die einige unserer Schmiedemagier als Geiseln genommen hatten. Sie hat alle befreit und die Rebellen zerschlagen. Die Schmieden haben noch nie mehr produziert.« Ta’Fik grinste. »Menelik war sehr zufrieden.«
»Das ist wunderbar«, stellte Ambessa fest, als ihr ungewollt der Schock auf Mels Gesicht in die Erinnerungen glitt, dieser Blick, als die Binan tot zu Boden fiel und das Blut über ihre Korallenperlen floss. Azizi bemerkte etwas, eine seiner dichten, dunklen Augenbrauen hob sich kaum merklich. Ambessa lockerte den Griff um das Weinglas. »Ich bin sicher, sie hat dem Namen Medarda alle Ehre gemacht.«
»Generalin Medarda?« Ein Diener wartete höflich darauf, dass Ambessa sich ihm zuwandte. »Heerführer Menelik hat nach Euch gerufen.«
Eine Öffnung für einen taktischen Rückzug. Ambessa verabschiedete sich von Azizi mit einem Druck der Hand und von Ta’Fik mit einem abschätzenden Blick, den er erwiderte. In Wahrheit jedoch war sie nicht sicher, ob sie nicht lieber bei ihnen geblieben wäre. Sicherlich war ein Wortgefecht mit Ta’Fik, das sie schon so oft geführt hatten, der Klinge der Trauer in ihren Eingeweiden vorzuziehen, die sie seit dem ersten Lesen der Nachricht spürte.
Der Raum von Menelik war dunkel. Der Diener trug eine kleine Kerze durch das Vorzimmer in das Schlafzimmer, wo er andere entzündete. Dann verschwand er und ließ Ambessa allein mit dem Mann zurück, der sie mehr aufgezogen hatte als ihre eigenen Eltern.
Respektvoll kniete sie neben seinem Bett und nahm seine Hand.
»Großvater.« Sie hielt seine Hand gegen ihre Stirn. Sie war kühl, nicht fieberwarm oder feucht. Als Antwort drückte er ihre Hand, fester, als sie erwartet hatte.
»Steh auf, Mädchen.«
Mehr als vierzig Sommer alt, doch sie war immer noch ein Mädchen. Als sie dem Befehl nachkam, lächelte sie. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich.
»Du bist langsam geworden, Großvater.«
Sein tiefes Lachen war ihr vertraut, und sie glaubte stets, nur sie könne es ihm entlocken.
»Bin ich nicht. Alle anderen sind nur schneller geworden. Und sie schummeln. Es reicht nicht, zu gewinnen, es geht darum …«
»Wie man gewinnt. Ich weiß.«
Oh, wie gut sie das wusste. Jeder Grundsatz des Kodex der Medarda, jeder Fetzen Weisheit, den er im Laufe des Lebens gesammelt hatte, war ihr in den Schädel getrieben worden, Tag für Tag für blutigen Tag voller Übungen und Lernen und Planen. Alles unter seiner Anleitung. Damals hatte er sie auserwählt, aus allen Medardas. Eine der wenigen, die seine persönliche Aufmerksamkeit verdient hatten.
»Wie behandeln dich die Heiler?«
»Ich erwarte mehr von dir als solches Geplänkel, Ambessa. Sei direkt.«
»Es ist kein Geplänkel, nach deinem Zustand zu fragen, wenn du verwundet wurdest.«
»Ist es, wenn wir beide wissen, warum dich meine Gesundheit interessiert.«
»Ich interessiere mich für deine Gesundheit, weil du mein Großvater bist.«
Auch, weil ihr vorher nicht bewusst gewesen war, dass es sich ändern konnte, so schnell – in einem Herzschlag. Je genauer sie ihn sich im Kerzenschein ansah, desto mehr fragte sie sich, wie viel davon tatsächlich neu war. In ihrem Geist war er immer eine so gewaltige Figur gewesen, dass der Mann vor ihr im Bett erschütternd war. Noch immer war er groß, aber nicht gerüstet, wirkte er kleiner als in ihren Erinnerungen. Seine Brust war nackt, nur einige Verbände lugten unter der Decke hervor.
Während er wartete, wurden seine Augen schmal, und er schürzte die Lippen.
Seufzend schüttelte Ambessa das Haupt.
»Hast du entschieden, wen du als Erben einsetzen wirst?«
Ein kurzes Nicken, das daran erinnerte, wie er während ihrer Ausbildung vor so vielen Jahren reagiert hatte, wenn sie eine seiner Fragen zufriedenstellend beantwortete.
»Ich habe eine Vision.«
Scharf blickte Ambessa ihn an.
»Ja? Von der Unsterblichen Bastion?«
Er runzelte die Stirn.
»Nein. Wieso?«
Wieder schüttelte sie den Kopf.
»Verzeih, Großvater. Was für eine Vision?«
»Keine gewaltige.« Sorgen zeigten sich auf seinem Antlitz. Er kratzte die grauen Stoppel auf seinem Kinn. Solange sie ihn kannte, hatte er nie einen Bart wachsen lassen. Er bemerkte ihren Blick. »Sie rasieren mich für meinen Geschmack zu selten. Ich bin in Versuchung, einfach aufzustehen und es selbst zu machen. Aber sie verstecken die Rasiermesser, als befürchten sie, ich würde mich damit selbst entleiben. Ich!«
Er spie beinahe aus.
»Erlaube mir.«
Ambessa fand sein Rasierbesteck in einer verzierten Anrichte und zündete mehr Kerzen an. Azizi hatte sich gerne von ihr rasieren lassen, und sie hatte niemals Nein zu einer scharfen Klinge gesagt. Sie seifte sein Kinn ein und begab sich ans Werk.
»Erzähl mir von der Vision.«
»Ich habe von einem Wolf geträumt. Einem Wolf mit dem Leib eines Menschen.«
Ambessa zuckte zusammen, und Menelik fauchte.
»Wolf? Der Wolf?«
Sein Knurren war weder Bestätigung noch Verneinung.
»Ein blutiger Kampf steht bevor, und die Medarda sind in Gefahr.«
»Alle von uns?«
Ein weiterer Strich mit der Klinge über das Handtuch, dann über sein Kinn.
»Der gesamte Clan. Es beginnt mit dem Fall von … es beginnt mit einem Fall.«
Mitten in der Bewegung hielt Ambessa inne, die Klinge lag auf seiner Kehle.
»Und dann?«
»Und dann droht Verderben, wenn kein starker Medarda den Clan anführt.«
»Es gibt viele starke Medarda, Großvater. Darum musst du dich nicht sorgen.«
»Du denkst nicht an den Kampf. Viele Starke fallen in Kämpfen. Wir benötigen starke Formationen.«
»Wo war dieser Kampf. In Volrachnun?«
Menelik zögerte, wog ab.
»Nein. Er war hier, auf dieser Ebene, unter den Lebenden, aber ich weiß nicht …« Er schloss die Augen, konzentrierte sich. Nach einem Moment schüttelte er den Kopf, sah sogar noch angestrengter aus als zuvor. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wo.«
Mit einer Hand hielt Ambessa seinen Kopf fest, um den Rest zu rasieren.
»Ich war im Osten, südlich von Piltover. Dort fand ich ein Bollwerk mit alten Verbindungen nach Ionia. Dieser Fund wird uns die Freundschaft von Darkwill für lange Zeit sichern.«
Aber sie berichtete ihm nicht von Mels Versagen, die Prinzessin zu töten.
»Gut. Wir brauchen jeden Vorteil, den wir bekommen können.«
Die Rasierklinge kratzte über die entgegengesetzte Wange.
»Wir können diesen Fall vermeiden, wenn du jetzt einen Erben ernennst. Stirbst du zuvor, wird es Blutvergießen geben.«
Es war eine versteckte Warnung, dass sie erwartete, als Erbin eingesetzt zu werden, und darum kämpfen würde, sollte jemand anderes genannt werden. Mehr konnte sie nicht sagen.
»Ich weiß. Aber die Ärzte sagen, ich habe noch Zeit.« Er lächelte schüchtern. »Vielleicht habe ich in der Botschaft etwas übertreiben lassen, um sicherzustellen, dass du dich beeilst. Zuerst müssen wir alle über die Ziele der Familie sprechen. Außerdem könnte ich mich ja auch vollständig erholen.«
Misstrauisch beäugte Ambessa ihn. Was gab es zu besprechen, bevor sie als Erbin eingesetzt wurde?
»Wirklich? Das sind gute Neuigkeiten.«
Menelik seufzte.
»Ich habe schon Schlimmeres überstanden. Zeit. Zeit ist, was ich brauche.«
»Und Ruhe.« Ambessa reinigte das Rasierbesteck und legte es zurück an seinen Platz. »Fertig. Schlaf jetzt.«
»Ich hatte nie vor, in einem Bett zu sterben«, knurrte er. Aber er widersprach ihr nicht, und das überzeugte sie davon, dass er näher an Kindreds Türschwelle stand als alles andere, was er gesagt hatte.
»Du hast vom Großen Wolf geträumt, Großvater. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er dich aufnehmen.«
Die Versicherung war vielleicht nicht ganz wahr. Der Wolf kam zu jenen, die in der Schlacht starben. Die Wunde war von einer Klinge geschnitten worden – würde das ausreichen, um Menelik Zutritt zu Volrachnun zu erlauben?
Wieder dachte Ambessa an die Vision, die sie gehabt hatte. Mehr als fünfzehn Jahre waren seither vergangen. Das Schwert, der dunkle Thron. Immer noch erinnerte sie sich an das pulsierende goldene Licht, das sie eingehüllt hatte, an die goldene Rüstung der Auserwählten des Wolfes. Ihre Vision war die Antwort auf Meneliks Vision – sie war der Schutz vor dem Niedergang, den er fürchtete.
Nach ihrem Treffen mit Menelik suchte Ambessa Ruhe und Frieden an dem Ort, den sie oft dafür nutzte – die Vergelter-Arena, die sie mit ihrer eigenen Beute gegründet hatte –, natürlich mit Erlaubnis ihres Großvaters. Im Chaos eines Kampfes fühlte sich alles klarer an, näher, realer. Selbst als Zuschauerin fing die Vergelter-Arena dieses Gefühl für sie ein. Nur dass sie dieses Mal diese Klarheit im teuersten Wein ertrank, den sie finden konnte.
Rictus stand hinter ihrem Stuhl und sah wie sie dem Kampf unter ihnen zu. Er trank nicht mit ihr, aber Katye machte das mehr als wett; er lag halb auf dem Sofa in ihrer Loge und wippte die Sandalen im Takt des Jubels der Menge um sie herum.
»Was denkst du?«, fragte Ambessa ihn. Gerade erst hatte sie von Meneliks Traum oder Vision, oder was immer es auch war, berichtet. Ihr wäre am liebsten gewesen, wenn sie glauben könnte, dass er im Delirium gehangen hatte. Hätte der Wolf ihr nicht ebenfalls eine Vision gesandt, hätte sie es sich wohl einreden können.
Die Aufmerksamkeit ihres Bruders schien auf das Feld unten gerichtet zu sein, und er beobachtete den ersten Sieg des Favoriten. Sie wurde ungeduldig, aber dann antwortete er doch.
»Ein Krieg um die Nachfolge ist so ziemlich das schlimmste Szenario, das ich mir für unseren Clan vorstellen kann. Kannst du dich an die Geschichten des Schismas direkt nach der Gründung von Noxus erinnern, als der Herr von Haus Kythera ohne Kinder starb? Die Nichten und Neffen kämpften, bis alle von ihnen tot waren.«
Ambessa hob eine Augenbraue.
»Ist jetzt wirklich die Zeit für angestaubte Anekdoten? Wer hat gewonnen?«
»Diese angestaubten Anekdoten nennen sich Geschichte.« Er trank einen Schluck Wein, als wollte er die Worte unterstreichen. »Der Jüngste gewann. Aber seine Frau, die eine Affäre mit seinem Bruder hatte, den er ermordet hatte, vergiftete ihn.«
Ambessa schnaufte.
»Das befürchte ich bei Azizi nun wirklich nicht. Wenn Menelik mich zur Erbin ernennt …«
»Bist du dir so sicher, dass er dich wählen wird?«
»Warum sollte er nicht?«, erwiderte Ambessa kalt, um die Zweifel im Zaum zu halten, die sich wie ein Todeskriecher um sie wanden.
»Ta’Fik hat anderen Verwaltern eine gute Alternative aufgezeigt. Es ging immer nur um euch beide …«
»Er ist ein ausgestopfter Lachvogel …«
»Er hat zwei Erben, die sich bereits im Kampf bewährt haben. Was er heute allen erzählt hat, die nicht schnell genug fliehen konnten.«
Missmutig biss sich Ambessa auf die Zunge, um nicht zu antworten. Die schwere Enttäuschung, gegen die sie ankämpfte, drohte, sie zu überwältigen. Jetzt mischte sich auch noch Sorge um den ganzen Clan darunter.
»Du weißt, dass Mel mich auf der Mission nach Binan begleitet hat«, stellte sie leise fest. Erst als er nickte, fuhr sie fort. »Ich zeigte ihr … ich gab ihr die Möglichkeit, sich zu beweisen, zu zeigen, dass sie bereit ist. Dass sie die Person ist, die unsere Familie braucht.« Ambessa schüttelte den Kopf. »Aber wenn sie die harten Schnitte, die getan werden müssen, nicht machen kann, wie soll sie die Familie führen?«
Schweigend strich Katye seinen Schnurrbart. Dann, mit den Fingern noch auf den Lippen, antwortete er: »Es tut mir leid. Sie hatte so viel Potenzial. Vielleicht braucht sie einfach mehr Zeit? Du bist dir deiner Entscheidung gegen Kino sicher?«
»Niemandem wird Zeit versprochen. Ich habe mir erlaubt, das zu vergessen, und nun schau – Menelik liegt auf dem Sterbebett. Ich dachte, ich hätte noch Jahre der Vorbereitung. Nein, wenn sie nicht Wolf und Fuchs sein können, werde ich einen Wolf für sie finden.«
Sie warf einen Blick über die Schulter auf Rictus. Sein Antlitz war düster.
»Wenn Ihr nicht länger hier seid, um Eure Kinder zu beschützen, habe ich diese Welt längst verlassen.«
Katye räusperte sich nachdenklich.
»Gut gesprochen. Das, und außerdem bist du zu alt.« Er lachte und trank die letzten Tropfen Wein aus seinem Glas, bevor er wieder nachfüllen ließ.
Ambessa wandte sich wieder der staubigen Arena zu. Gerade schleiften sie das blutende Opfer des Siegers aus der Manege, während der Basilisk des Champions seinen Schwanz herumwirbeln ließ. Sein Name war Navus. Er lehnte sich arrogant auf dem Basilisken vor und grinste breit. Mit einer schnellen Bewegung spritzte er das Blut von seiner Gleve. Die nächste Herausforderin kündigten sie einfach als Rell an, und Ambessa erhob sich. Auf diesen Kampf hatte sie gewartet, und ihre ganze Aufmerksamkeit galt nun der Arena.
Rell ritt ihr Pferd hoch aufgerichtet, wie die Tochter einer Adligen. Ihr Ross, auch wenn es nicht von feinstem Blute war, wirkte gut ausgebildet und an die Reiterin gewöhnt. In der einen Hand hielt Rell locker die Zügel, in der anderen einen Speer. Die Hufe wirbelten Staub auf, der Ambessa die Sicht nahm. Dem Lärm der Meute nach war sie nicht die Favoritin. Der Basilisk schnappte zu, als das Pferd sich näherte, und das Grinsen seines Herrn wurde noch breiter.
Ambessa winkte Rictus heran.
»Sag mir, was du von ihr hältst.«
Ein Horn ertönte, und der Kampf begann. Das Mädchen ritt auf ihren Gegner zu, unbeeindruckt vom Grollen des Basilisken, auch wenn die Augen ihres Pferdes aufgerissen waren. Aber sie meisterte ihr Ross, lenkte es mit ihren Schenkeln. Navus lachte, laut und arrogant, als er den Basilisken mit den Fersen antrieb. Die große, eidechsenartige Kreatur benötigte aber keinen Befehl, sondern grub die Klauen in den Schmutz und preschte los. Rell zeigte keine Angst, senkte nur das Haupt in Konzentration, und die Spitze ihres Speeres tat es gleich.
Jetzt erhob sich auch Katye, klopfte mit den Fingern gegen sein Glas.
Als der Basilisk nach der Kehle des Pferdes schnappte, zuckte Ambessa zusammen. Er würde nicht verfehlen, es war unmöglich, dem Angriff auszuweichen.
Rell versuchte es nicht einmal. Stattdessen erwartete sie die Attacke, und als der Basilisk sprang, stieß sie zu, trieb die Speerspitze in das weiche Fleisch unterhalb des Kinns der Kreatur. Ihr Pferd wieherte auf, als sich Fänge und Klauen ins Fleisch gruben, und Rell sprang aus dem Sattel. Die Laute beider Tiere vermengten sich mit den Schreien der Menge und dem wütenden Brüllen von Navus.
Als sein Basilisk zu Boden fiel, riss Navus die Gleve hoch und zog einen blutigen Schnitt über die Kehle des Pferdes. Dann wandte er sich dem Mädchen zu.
Sie rappelte sich gerade auf, aber ihr Speer steckte tief in der Kehle des Basilisken. Als Ersatz zog sie zwei Dolche aus ihrem Gürtel.
Ambessa hielt den Atem an.
»Komm schon.«
Neugierig blickte Katye zu ihr herüber.
»Nun, es war ein guter Versuch.«
Schon wandte er sich ab, aber Ambessa hielt ihn auf, indem sie ihm die Hand auf die Brust legte.
Navus sagte etwas, das sie nicht hören konnten, stolzierte umher und wandte Rell den Rücken zu, um das Lachen der Menge aufzunehmen. Aber sie war schneller, als er dachte. Als er sich ihr wieder zuwandte, stürmte sie bereits auf ihn zu, die Klingen in ihren Fäusten wie scharfe Krallen. Er versuchte, sie mit seiner längeren Waffe von sich fernzuhalten, aber sie war kleiner und wand sich um seine Hiebe herum. Jedes Ausweichen brachte sie näher an ihn heran, und dann war es zu spät. Rell war hinter seiner Klinge, hinter der größten Gefahr – und Ambessa sah die Wut in ihrem Gesicht, als ein Dolch über sein Knie glitt. Während er mit einem Schrei zusammenbrach, zog sie den anderen Dolch über den gegenüberliegenden Arm, durchtrennte auch dort Sehnen. Navus sank auf ein Knie, die Gleve fiel aus seiner kraftlosen Hand, die er vor die Brust hielt.
Das Mädchen trat die Waffe zur Seite, und sie landete klappernd neben den toten Reittieren. In dieser Wut lag eine Reinheit, die Ambessa gut kannte.
»Nicht schlecht für ein kleines Mädchen, was?«, spie Rell Navus in der plötzlichen Stille an.
Doch sie gab ihm keine Zeit für eine Antwort. Stattdessen wirbelte sie einen Dolch herum und trieb das Heft gegen seinen Schädel. Er fiel in den Schmutz.
Katye hob die Augenbrauen fast bis zu seinem Haaransatz.
»Nun. Sie wäre nicht die erste Kämpferin aus den Arenen, die ihren Weg in eine Armee findet.«
Er warf Rictus einen wissenden Blick zu.
Es war kein Geheimnis, dass die Wolfsschnitter aus Vergeltern bestanden. Einige suchten sie direkt auf, in der Hoffnung, dass sie zu ihren Kämpfen kam. Auch Rictus war einst ein Vergelter gewesen. Er hatte in der Arena in Rokrund gekämpft, als Ambessa vor über zwei Jahrzehnten ihn gefunden hatte. Als einer der ersten Kämpfer mit Schulden bei den Medardas hatte er sich entschieden, um die Aufnahme in Ambessas Kriegsschar zu bitten, anstatt zu gehen, nachdem er sich freigekämpft hatte. Seit einiger Zeit nun hatte Ambessa ein Auge auf Rell geworfen.
Noch wartete sie auf Rictus’ Einschätzung.
»Sie ist roh«, knurrte er.
»Das waren wir alle einmal.«
Er blinzelte langsam.
»Sehr roh.«
»Wir können sie formen.«
