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21 Erzählungen und Novellen von zwei Autoren*. Auf der einen Straßenseite schaut eine gebrochene, junge Frau in das Fenster des Mannes, der den Krieg in Srebrenica als Opfer und Täter überlebt hat. Wird er möglicherweise gerade von zwei Frauen ermordet... Oder doch nicht? Nach der gemeinsamen Auftaktstory der Autoren folgen 20 Erzählungen, in denen Begegnungen und die hieraus entstehenden Beziehungen lebensverändernd wirken. Mit Humor und Zweideutigkeit, manchmal politisch untermalt, dann wieder ganz alltäglich. Es geht um Sehnsucht, Schuld, Trugbilder, Rache, Verzweiflung, Lust, Emanzipation, Wahrnehmungsstörungen und ab und zu auch einfach um schöne und berührende Erlebnisse. Immer bleibt es mehrdeutig, ambig, und etwas Neues im Erzählen entsteht. In den Erzählungen von Jens Gärtner und Svenja Hirsch bricht in den Alltag durch Begegnungen oftmals der Wahnsinn ein. Unverhofft, und manchmal ganz und gar unwirklich. Wenn zwei Autoren aus verschiedenen Perspektiven schreiben, taucht der Leser in ein breites Spektrum und Facettenreichtum ein. Doch was kann real sein und was ist nur ein Hirngespinst?
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Lamellen – Begegnungen, eine Vorgeschichte
Zwischen Möwen und Delfinen
Der Leichensack
Begegnungen in der Bahn. Hitler in Lissabon
A-Menor-Fado in São Luís im August
Tauben töten
Der Bestattermeister
Begegnungen in der Traumwelt
Johannisbeersaft
Gaby, Bateman und das Lotka-Volterra-Modell
Begegnungen in der Bahn. Applikationen
Begegnungen in der Bahn. Der Maler
Der Oberboss
Tim Breugel
Die Heide
Aserbaidschanischer Traum – eine Frau in Baku
Samstag
Männer
Aldidente und Testosteron
Im Schwimmbad
Epilog in zwei Zeitungsausschnitten
Das Fenster geht über die gesamte Zimmerfront. Auf der Fensterbank steht ein Blumenkübel mit abgebrochenen Stielen einer Blume, von der ich nicht mehr weiß, welche Art es genau gewesen ist. Ich hätte sie mehr pflegen, mehr gießen sollen. Sie sehen traurig aus, trocken und abgestorben. So wie ich.
Das Licht des Computer-Bildschirms färbt bläulich auf die Zweige ab, auf meine Hände. Seit einer halben Stunde beobachte ich das Farbenspiel, starre apathisch aus dem Fenster. Ein Wohnblock neben dem nächsten, gebaut in Reih und Glied. Die vielen Eingänge, Türen zu Treppenhäusern, die zu den Wohnungen führen. Zwischendrin nur Balkone, kleine Terrassen und Gärten, ein schmaler Gehweg. Von der linken Seite her rauscht die Straße. Die Fenster gegenüber sind gardinenverhangen. Alte Leute, denke ich und schaue kurz zurück auf den Bildschirm. Nur das eine Fenster, schräg rechts, hat keine weißen, fließenden Spitzenstoffe. Eine Lamellenjalousie verdeckt, wenn etwas verdeckt werden soll. Zeigt, wenn etwas gezeigt werden soll, oder deutet an, was sich dahinter verbergen könnte. Ich kneife die Augen zusammen, schaue dann schnell wieder weg. Meine Gardinen sind weiß und schwer, mit großen Ösen, nur zugezogen, wenn ich schlafe. Sonst kann jeder von gegenüber sehen, wie ich alleine und zusammengerollt auf meiner 90 cm breiten Matratze liege. Kein Platz für einen zweiten Menschen in der Ein-Zimmer-Wohnung.
Hinter den Lamellen ist ein Schatten. Ein Kind oder ein sitzender Erwachsener. Schreibtischhöhe, meine Höhe. Er bewegt sich und wird länger. Kein Kind, ein ausgewachsener Mensch. Steht frontal, entweder mit dem Rücken oder Gesicht zu mir, breites Kreuz, ein Mann. Meine Gardinen sind zu beiden Seiten aufgezogen, geben den Blick auf mich an meinem Schreibtisch frei. Er könnte mich jetzt gut beobachten oder sehen, dass ich ihn beobachte. Ich schaue weiter zu den Lamellen. Der Schatten bewegt sich, ein zweiter kommt dazu, hinten aus dem Licht einer geöffneten Tür. Oder dem, was ich als die Tür erkenne. Ich arbeite, öffne Back-Ends, tippe Codes in Masken und aktualisiere. Die Zeit vergeht, ich fülle die Online-Shops meiner Kunden mit neuen Produkten. Trash, denke ich, doch er bringt mir Geld. Bezahlt die Ein-Zimmer-Wohnung mit dem schmalen Bett. Gerade so. Bestandskunden, die ich während meiner erfolgreichen Zeit als selbstständige Online-Shop-Managerin akquiriert habe. Jetzt betreibe ich kaum noch Akquise, die Kunden schwinden, die Kontakte generell. Drüben brennt noch Licht. Als ich den PC runterfahre, ist es bei mir stockdunkel. Dann werden auch die Lamellen sorgsam von innen geschlossen.
Eigentlich ist es mir völlig egal, was die Leute über mich denken. Sie denken ja eh, was sie wollen. Ich habe meine Fenster gern offen, frei von Stoff, anders als viele hier. Biete, wem auch immer, Einblick. Manchmal nur ein wenig durch schräg gestellte Lamellen. Andere haben lieber Gardinen, vielleicht nur, um sich dahinter zu verstecken. Die Häuser stehen sich eng gegenüber und geben einen freien Blick in das 100-fache Theater in diesen Schaukästen. Wie Puppenstuben. Wohnzimmer, Schlafzimmer. Wenn die Häuser nach Norden ausgerichtet sind, kann man auch in die Küchen blicken, in die Töpfe gucken. Sehen, wer alleine lebt, Familienleben, wechselnde Partner, nackte Menschen in allen erdenklichen Situationen. Schamlos, vergessend, dass jemand sie sehen könnte. Das alles wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen, denke ich, für sie ist es wie Autoverkehr, in den sie sich einfügen. Gedankenlos, eng beieinander und dennoch anonym. Wen interessiert das schon. Gegenüber sehe ich im Hintergrund eine bläulich illuminierte Silhouette, die sich im Fenster spiegelt. Wieder so eine einsame Person, die sich am Computer festhält, bis sie einschlafen kann. Ich ziehe mich vom Fenster zurück.
Ich sitze gern am Fenster. Wenn ich mich zu sehr beobachtet fühle, schließe ich die Lamellen auf eine Weise, die mir die Möglichkeit lässt, hindurch zublinzeln und das Geschehen auf der Straße, die zwischen den Häusern verläuft, zu verfolgen.
Auch die mittleren Etagen kann ich auf diese Weise einsehen, das reicht mir meistens. Ich habe mich einmal in das Treppenhaus gegenüber geschlichen, um auszuprobieren, was man von dort aus sehen kann. Manchmal, wenn ich irgendjemanden bemerke, spiele ich auch mit der Fensterverdunklung. Egal wer da guckt. Ein Angebot im Schaukastentheater, ja, das biete ich manchmal.
In den nächsten Tagen brennt die Sonne in meine Wohnung. Tagsüber muss ich den linken Vorhang ein Stück zuziehen, um nicht komplett zu verbrennen. Ich arbeite, sitze, starre gegen den Stoff. Wie eingepfercht in den eigenen vier Wänden, der Blick kann nicht weit schweifen, er bleibt nur wenige Zentimeter weiter stehen, verirrt sich in dem Weiß, bis er ermüdet aufgibt. Nachmittags
lässt sich der Vorhang endlich wieder ganz öffnen. Mein Blick wandert jedes Mal zu den Lamellen, jedes Mal dasselbe Spiel: ein Schatten, der hinter dem Rollo sitzt, sich erhebt, einige Zeit wie erstarrt vor dem Fenster verweilt. Ich fühle mich beobachtet und beobachte doch penetrant zurück. So geht es bis zum Freitag. Keine Alternative. Ich kann nirgendwo anders hin, ein Büro kann ich mir nicht leisten. Nicht jetzt. Seit zwei Jahren wohne ich hier. Davor war mein Leben fast vier Jahre lang angenehm. So dachte ich zumindest. Oder vielleicht waren es weniger als vier Jahre, ich bin mir nicht sicher, habe den Wendepunkt verpasst, habe nicht gemerkt, wann sich etwas entscheidend veränderte. Erst hinterher, als es schon zu spät war und ich mit gepackten Kisten an der Straße saß, dämmerte es mir langsam. Zu zweit bin ich gewesen. Doch irgendwann verspürte ich Einsamkeit. Die kleinlichen Vorwürfe häuften sich, zuerst kaum spürbare Verletzungen, die, je mehr es wurden, desto tiefere Wunden rissen. Die Ablehnung. Erst nur von romantischen Gesten: zwei Weihnachtsplätzchen auf einem Teller, einer in Schlüsselform und einer als Herz. Und die versteinerte Miene, die mir entgegensah, mit den Worten „Ich kann so etwas nicht“. Dann die Ablehnung von dem, was ich war: Meine Lieblingsbilder, mein Bücherregal, es war alles nicht mehr genug. Nicht mehr auszuhalten, nicht erwünscht. Ich habe gelernt. Ich habe es für mich übernommen, romantische Gesten gebe ich keinem mehr. Deshalb das 90-cm-Bett, die kleine Wohnung, nur mit mir am PC.
Ich bin erschöpft vom vielen und langen Sitzen, die Augen brennen. Ich ziehe mich aus dem Stuhl hoch, stemme die Hände in den unteren Rücken und drücke das Kreuz durch, sodass es knackt. Frontal stehe ich an meinem Fenster, wieder beobachtend, was hinter den Lamellen passiert.
Heute regnet es endlich. Mehr Gardinen als sonst sind in den Wohnungen gegenüber zurückgezogen. Wahrscheinlich tun das die meisten, weil sie denken, dass der Regen ausreichenden Schutz vor eindringenden Blicken biete. Eine natürliche Senkrechtlamelle. Oder es sind Hoffende, die auf besseres Wetter warten, die Sonne zurücksehnend. Zeitweise ziehen die Wolken dicht und schwarz über die Häuser, sodass sie wie die Nacht selbst die Dunkelheit vor die Fenster und auf die regennasse Straße werfen. Ich blicke auf das Grau der Straße, die sich mit dem Himmel zu vereinen scheint. In dieses tiefe Grau hinein tritt langsam, erst nur schemenhaft, eine noch dunkler gekleidete Person, mit einem schwarzen Schirm geschützt, in den Windfang vor der Eingangstür. Das kann ich von meinem Platz aus gerade noch erahnen. Dann klingelt es bei mir. Ich öffne nicht. Ich will nicht. Ich kenne hier niemanden. Nur gegenüber eine Person, deren Schatten ich hin und wieder sehe. Das reicht mir. Es gibt keine Person mehr, die mir nah ist, also kann ich nicht gemeint sein. Dennoch spüre ich, dass da etwas ist, was ich weiß, und dass es noch Menschen gibt, die mich vielleicht kennen. Srebrenica ist weit weg. Aber eine Angst ist ganz nah, immer bei mir. Eine Angst, die ich nicht erklären kann. Die ich aus mir verbannen will, indem ich für mich bleibe. Schemen reichen mir.
Der erste Schatten steht am Fenster, hinter ihm Licht, das durch die Türöffnung fällt. Ein Türlichtfeld. Der zweite Schatten bewegt sich in den Raum. Dann stehen beide ganz dicht beieinander, umarmen sich vielleicht. Der zweite bewegt sich einen Schritt zurück, beugt sich zu dem ersten. Sie küssen sich bestimmt, denke ich. Ein warmes Gefühl durchwühlt mich. Schnell und zaghaft. Dann weicht das Gefühl zurück. So sieht auch der zweite Schatten aus, als ob er zurückweiche. Ich kneife die Augen zusammen, schiebe das Kinn nach vorne. Ich stehe einfach da. Der Anblick kommt mir unwirklich vor, sie fällt heraus aus dem, was die vergangenen Tage hinter den Lamellen geschehen ist. Oder von dem, was ich denke, dass es geschehen sein könnte. Der Schatten bewegt sich minimal, es scheint, als blicke er zu mir herauf. Er verharrt. Der zweite Schatten sieht so aus, als bewege er sich auf den ersten zu. Ich halte die Luft an. Es geht alles ganz schnell. Kaum eine Millisekunde, so schnell, dass ich es nicht begreifen kann, und der erste Schatten fällt. Er ist nicht mehr zu sehen. Nur der zweite Schatten, wie er langsam bis ganz ans Fenster tritt, den Kopf gehoben und geradeaus blickend, die Lamellen, die sich langsam meinem Blick verschließen.
Ich kenne die Frau nur flüchtig. Ich erkenne sie an ihrem alt gewordenen Gesicht. Aber ich weiß nicht mehr, wer sie war, oder gar, wie sie heißt. Es stellt sich auch kein Gefühl ein. Sie sagt, sie kenne mich gut. Sie lacht. Warum lacht sie, frage ich mich. Ein Tee? Ein Kaffee? Etwas anbieten oder keine Zeit haben? Ein Tee wäre jetzt doch gut, sagt die Frau. Ich will meine Lamellen ein wenig weiter öffnen, damit die Person von gegenüber, die immerzu bläulich gefärbte Person, teilhaben kann an meinem Besuch, der mir nach der ersten Überraschung gar nicht mehr bekannt vorkommt. Die Frau gegenüber weiß, dass ich zurückgucke, sie muss es wissen, sonst macht alles keinen Sinn. Sie könnte Zeugin sein. Ich weiß noch nicht wovon. Sie steht da am Fenster und ich scheine ein Teil ihrer Welt zu sein. Erst will ich das Teewasser aufsetzen. Es klingelt wieder. Die Frau öffnet, bevor ich bereit bin. Ich weiß nicht, warum ich das zulasse.
Es ist außerdem völlig unaufgeräumt. Was soll ich zuerst machen? Schnell schiebe ich den großen Kleiderständer beiseite. Meinen fast zwei Meter hohen Butler, der wie immer vollgehängt ist, mit mit Kleidungsstücken, die ich in den letzten Wochen getragen habe. Meine Bewegungen sind zu abrupt und das Monstrum kippt, in Zeitlupe zwar, aber unaufhaltsam zu Boden. Es fällt leicht, weich und leise, gedämpft durch den Berg von Klamotten. Lärm macht lediglich das rahmenlos verglaste Poster, welches im Fallen von der Wand gerissen wird. Dann stehen unvermittelt zwei Frauen im Raum. Sie lachen, sie freuen sich anscheinend über das Chaos. Sie sehen sich an und lachen wieder, die zuletzt gekommene Frau sagt: „Ich gehe dann mal in die Küche.“ Sie schwingt sich dynamisch, mit dunkelgrünen Highheels beschuht, in Richtung Küche. Woher weiß sie, wo die Küche ist, denke ich noch, bevor die erste Frau, die mit dem alten Gesicht, sagt: „Wir haben Kekse mitgebracht.“ Ich komme nicht darauf. Wer ist sie, und Kekse, was für Kekse? „Wir trinken erst einmal einen Tee und dann räumen wir auf, nicht?“ „Woher kennen Sie mich?“, frage ich. Mittlerweile sitze ich auf meinem Sofa, von wo aus ich sowohl den Raum als auch das Fenster sehen kann. Sie sagt nichts, lächelt aber freundlich. Dabei blitzen zwei silbern überkronte Schneidezähne aus ihrem Mund. Das Dorf, sagt sie nach einer Weile, und jetzt blitzen auch ihre Augen. Aber sie sieht aus wie jede Frau aus einem Dorf, jedenfalls in ihrem Alter sieht sie aus wie jede Frau. Eine beliebige Nachbarin aus einem Dorf, ja genau, ich fange an, mich zu erinnern. Ein Dorf an der Drina, im Chaos der „Säuberung“. Was machen sie jetzt hier? Ich sehe sie in Strömen von Menschen, die in alle Richtungen laufen. Die einen Blauhelmsoldaten anschreien, eine Straße blockieren, um Zeit zu gewinnen. Aber das ist sinnlos, denn die Blauhelme verschwinden, die Menschen sind auf sich gestellt. Jeder für sich. Ich für mich. Der Lärm der Granaten, die dann kommen, ist verschwunden. Hier ist es still. Hier soll es still bleiben. Das laute Töten geht mich nichts mehr an. Ich nehme einen dieser Kekse. Sie schmecken bitter und zuckersüß. Ich nehme noch einen. Wenn ich kaue, muss ich nicht reden. Worüber auch reden? Blute ich?
Kann das Gewalt gewesen sein? Körperliche. Seelische meine ich zu kennen – schon als ich mit ihm zusammenzog, war ich nicht gänzlich willkommen. Und dann nach zwei Jahren die Haussuche. Ich suchte, sollte aber nicht im Grundbuch stehen. Er traute mir nicht. Er meinte, ich könne ihn ausnehmen. Stattdessen wollte er mich ausnehmen. Ich sollte Miete zahlen, dort im Eigenheim, zahlen für etwas, das ich am Ende nicht besitzen würde, damit er es am Ende besaß. Ich begriff das erst später. So isoliert war ich von meinen eigenen Gefühlen, von dem, was ich eigentlich wollte, dass ich sein Misstrauen kaum mehr spürte. Als wäre auch mein Schatten gefallen, nicht mehr sichtbar. Mein Glück? Ich hatte es nicht verteidigt gegen ihn. Gegen ihn und für mich. Und jetzt sitze ich hier. Ich kann an dem Leben der anderen teilhaben, wenn ich durch die Scheiben sehe. Mein Kopf erledigt den Rest. Hinter Scheiben können sie mir nichts anhaben, diese Menschen. Wie die wilden Tiere im Zoo. Ich sehe sie und ihr Leben. Glaube, mit ihnen in Kontakt zu stehen, und doch können sie nicht an mich ran, mir nichts anhaben. Mir nicht wehtun.
In meinem Kopf dreht sich alles. Zu laut und schwer, wie der Kreislauf an einem heißen Sommertag. Habe ich je jemanden in das Haus gegenüber gehen sehen? Und wenn ja, wie könnte ich den- oder diejenige identifizieren? Als Gast hinter den Lamellen? Wenn ein Schatten runterfällt und wegbleibt, ist er dann tot? Oder durch ein Licht weggeblendet? Hörte man einen Schuss? Oder war da etwas, das nicht im Stande war, zu mir herüberzudringen, wie ein Schlag oder ein Stich? Und sollte ich rübergehen? Sollte ich die Polizei rufen, würde man mich für verrückt erklären? Hat es hinter den Lamellen schon eine Putzaktion gegeben, alle Spuren verwischt? Ein Mord oder nur ein ermordeter Schatten?
Ich stehe vor der Tür, die Jacke fest um mich gewickelt. Friere. Bekomme kalte Füße. Alles grau in grau. Ich starre auf das Klingelschild. Welcher Name könnte zu den Lamellen passen? Peters? Korniman? Jemand kommt aus dem Haus. Der erste Mensch seit Tagen, den ich ohne Fenster zwischen ihm und mir anschaue. Ich reagiere schnell, nicke, lächle, fasse an die Glasscheibe der Tür und halte mir diese in den Hauseingang auf. Wieder dieses Kreislaufproblem. Mir ist schwindelig. Menschen. Menschen machen mich wahnsinnig, wenn keine Scheibe zwischen ihnen und mir ist. Und doch spüre ich, wie ich nach dem Kontakt geradezu lechze, ich fühle mich wie ausgehungert. Als hätte ich mir eben gerade durch die Begegnung am Eingang eine Spritze gesetzt, gefüllt mit einer höchst abhängig machenden Droge. Reingedrückt, ab in die Blutbahn. Mehr davon, sonst fange ich noch an zu zittern. Also steige ich die Treppe hinauf. Erster Stock. Hier müsste es sein. Es duftet nach Tee. Soll ich klingeln?
Im Treppenhaus steht noch eine Frau. Ich werde verrückt, werde ich verfolgt? Aber die im Treppenhaus kommt mir vertraut vor. Aus dem Augenwinkel heraus scheint die Frau Ähnlichkeit mit der bläulich beleuchteten Person von gegenüber zu haben. Ich erschrecke. Machen die gemeinsame Sache? Komm, leg dich aufs Bett, hatten sie mich aufgefordert. „Du bist ja ganz blass“, lachten sie. Die zweite Frau, die zuletzt gekommen ist und genau wie die erste keinen Namen nannte, hatte sich schon rückwärts auf mein Bett fallen lassen. Wie waren sie überhaupt im Schlafzimmer gelandet? Weg von den Lamellen! Die erste zog mich am Arm und biss mir in den Hals. Und lachte. Dann schubste mich die eine und die andere zog. Ich flog auf das Bett. Dann schrie die zweite: „Was machst du hier in meinem Bett?“ Sie zogen mir, während ich im Bett zappelte, den Gürtel aus der Hose und freuten sich. War das noch Spaß? Dann stießen sie mich mit den Füßen auf den Boden, traten zu und versuchten mich mit dem Gürtel zu treffen. „Für Srebrenica“, schrien sie. „Wir ziehen dir die Haut ab.“ – „Ich hab doch nichts gemacht!“, brüllte ich. „Genau das ist es ja, du hast nur zugeguckt, du Feigling.“ Ich wollte etwas erwidern, erklären, aber sie wollten nicht reden. Ich drehte mich zur Seite, trampelte und strampelte mich frei. Mit letzter Kraft bin ich aus der Wohnung gerannt. Ich verliere meine Sinne. Jetzt steht diese Frau hier. Ist sie in Gefahr? Kann ich sie da oben in meine Wohnung reinlaufen lassen? Ich laufe an ihr vorbei, über die Straße in das Treppenhaus hinein, was mir von meinen Besuchen bereits vertraut ist. Von hier aus blicke ich in meine Wohnung, in der gerade die Jalousien, die ich vorhin weiter geöffnet hatte, vollständig geschlossen werden. Ich blicke noch einen Moment hinüber. Mein Herz rast und ich schwitze. Diesen Zustand meines Körpers bekomme ich nicht unter Kontrolle. Auf einem Treppenabsatz ruhe ich mich aus, halte das Stillsitzen aber nicht lange aus. Als ich wieder aufstehe, sehe ich hinter den Lamellen meiner Wohnung einen schwachen Lichtschein. Er wirkt nicht wie ein Lampenlicht, das würde man in diesem noch schummrigen Tageslicht nicht erkennen. Was für ein Licht kann das sein? Ein Zeichen? Für mich? Ich stehe unschlüssig im Treppenhaus. Soll ich bei der Person klingeln, die immer im bläulichen Licht steht? Mit welcher Begründung? Ich denke, sie sieht mich auch. Fühle, dass sie mich kennt, da wir uns gewissermaßen täglich sehen. Soll ich so tun, als wolle ich „Hallo“ sagen? Kann ich das einfach machen? Aber ich muss doch wissen, ob sie in meiner Wohnung ist. Sie ist doch meine einzige Bekannte von gegenüber. Jedenfalls sehe ich sie immer. Wenn sie am Fenster ist. Ich muss doch auch für sie ein Bekannter sein. Unentschieden blicke ich wieder über die Straße. Sie scheint immer breiter zu werden. Ein Schwindel erfasst mich, meine Gedanken und damit mein Schädel weiten sich. Die Straße färbt sich blauschwarz , wird zu einem Fluss. Das Wohnhaus gegenüber schrumpft zu einem Häuschen, wie das in Srebrenica. Srebrenica 1995, das Haus, das brannte. Aus dem liefen jetzt zwei Frauen heraus und schrien. Ich sah sie weglaufen, voller Angst. Männer liefen ihnen nach. Schüsse fielen. Die Alte mit den Metallzähnen wurde jetzt in meinem Kopf immer jünger und lief rückwärts. Ich erinnerte mich nicht mehr: Wer bin ich da gewesen in Srebrenica, in dem Massaker. Das Haus am Fluss brannte jetzt lichterloh.
Der Mann ist verrückt, nicht ich! Ja, es ist ein erwachsener Mann. Ich habe ihn gesehen. Eben. Ich stand vor seiner Tür. Dreckiges Weiß, Schrammen im Holz. Die Tür wurde von innen aufgerissen. Er. Nackt. Keuchend. Als habe man ihn gejagt. Schweißüberströmt, wie ein Urmensch aus einer anderen Zeit. Er starrte mich an. Wie ein Gespenst, auf das er gewartet hat. Ich sah an ihm hinunter. Was sollte ich sonst tun? Da fielen sie mir auf, seine Hände. Rot. Auffallend rot. Er preschte an mir vorbei, so wie er war, die Treppenstufen hinunter. Ich lief ein paar Schritte hinterher. So verrückt und aufgescheucht hätte er leicht ein Kind erschrecken können. Oder jemanden angreifen. Er könnte jemandem wehtun.
Aber was weiß ich schon über Menschen! In so vielen habe ich mich getäuscht, gerade in den mir so nahe geglaubten. Ich sehe, wie er hinüberläuft, von seinem Treppenhaus in meines. Und ich bin hier, im Treppenhaus zu seiner Wohnung. Was tun, was tun? Ich zittere am ganzen Körper. Entzugserscheinung? Oder kann ich ihnen nicht mehr begegnen, den Menschen, so ganz ohne Scheibe, die nackte Realität vor Augen, den ganzen Wahnsinn?
Es gibt kein Zurück. Ich kann nicht hinüber, nicht in meine Wohnung. Da ist er. „Egal wo ich bin, du bist schon da“, der Satz des Todes, ein Satz, der mich an alte Zeiten erinnert. Den er zu mir sagte, im gemeinsamen Bett. Es schmerzt. Ich kann nur warten. Oder gehen. Ein paar Straßen weiter. Zur Polizeiwache.
Ich warte ab. Es dämmert. Sonnenuntergangsfeeling wie im Horrorfilm. Der Mann, er kommt nicht zurück. Dafür verlässt eine Frau das Treppenhaus. Eher älter. Sie fragt, ob sie mir helfen könne, ich verneine. Der Türschlag, er klingt, als wäre sie aus seiner Wohnung gekommen. Doch ich sitze nun unten auf den Stufen und zittere immer noch. Ich beobachte das Treppenhaus gegenüber, sehe keine Lamellen mehr, nur mehr Gardinen, leicht und schwingend oder weiß und schwer. Ich bleibe hier. Erschöpft. Weiß nicht, was zu tun ist. Also warte ich, so wie immer. Beobachte, so wie immer. Und merke, wie krank mich das macht, dieses Warten. Das Warten darauf, dass das Leben passiert.
Ich fahre hoch. Ich muss eingeschlafen sein! Mein Gesicht, ich ertaste einen Abdruck, hat mit der Wange auf der Treppenstufenkante gelegen. So müde von der Arbeit, von der Aufregung. Ich muss den Auftrag noch erledigen. Ich stoße mich ab von den kalten Treppenstufen. Mein Rücken schmerzt vor starrer Kälte. Ist der Mann an mir vorbei wieder nach oben geschlichen? Steht er noch drüben? Ich kann ihn nicht sehen. Vorsichtig tappe ich hinüber, langsam den Schlüssel umdrehend, Blick ins Treppenhaus. Niemand ist zu sehen. Ich gehe hinauf zu meiner Wohnungstür: rote Spuren quer über dem Weiß. Doch kein Mann weit und breit. Ich schließe auf, greife nach meinem Handy auf dem Schuhschrank.
Hier ist keiner. Nicht hier, nicht irgendwo anders. Niemand, der auf mich wartet. Der durch die Beobachtung durchs Fenster auf mich aufmerksam wird. Ein Irrsinn von mir, darüber nachzudenken, dass keiner auf mich wartet. Ich will selbst nicht mehr warten, denn so wird nichts passieren. Aber ich lebe, und ich will leben. Und ich will genau dieses Leben fühlen. Ich will nicht mehr bloß zugucken. Ich will das Leben spüren. Ohne Scheibe. Ich will jemandem begegnen. Ich will diejenige sein, die dafür sorgt, dass etwas geschieht.
Ich bin weg. Nackt und blutig ist die beste Verkleidung. Nackt und blutig sieht mich niemand wirklich an. Jeder senkt den Blick. So war es auch mit dem Verbrechen, diesem scheußlichen Verbrechen, das wenige wagten, noch mehr wollten, alle geschehen ließen. Tacitus hat das schon gesagt, glaube ich. Srebrenica, ich hätte die Zeichen verstehen müssen. Der silbern überkronte Zahn, Sreben, ja, das bedeutet Silber. Aber ich war doch nur Beobachter, wie die anderen Niederländer auch, wie die Welt, wir konnten nicht eingreifen. Und dann kam der Nebel. Ich habe die Helferinnen nicht vergewaltigt. Ich musste nur zusehen. Ich war der Arzt. „Aber du hast mit Ratko getrunken, wir haben es in der Zeitung gesehen“, flüsterten sie. „Mit Ratko Mladi, dem Kriegsverbrecher, dem Mörder!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Aber es war doch nur ein Glas Wasser, ein Zufall! Nur ein Bild in einer Zeitung. Sie haben es benutzt!“
„Du bist mitschuldig an dem Massaker. Du hast gesehen, wie die serbischen Nachbarn meinen Sohn abtransportiert, meinen Mann hinter die Schule geführt haben. Ihre Knochen habe ich Jahre später bekommen. Du hast nichts unternommen, mit deinem blauen Helm auf dem Kopf. Du bist ein Täter, ein Feigling. Also, wieso lebst du?“, zischten sie.
Jetzt rieche ich das Blut. Wieso lebe ich? Ich hatte mich verkrochen.
„Die Leichen, ich habe die Toten über mich gelegt, das Blut tropfte noch an ihnen herunter. Es war schrecklich“, sagte ich. „Für alle. Ich war nur als Arzt da.“
„Du bist kein Arzt, egal wer du wirklich bist, egal wo du warst, du warst dabei.“ Bin ich das wirklich gewesen, der sich unter den Leichen versteckte, voller Angst auf den Bulldozer wartend, der alles zusammenschob? Oder war ich der, der die Männer von den Frauen trennte und in der Schule erschoss? Ich weiß es nicht mehr. Diese Fragen, die ich mir immer wieder gestellt habe. Ich hatte zugesehen, musste alles mit ansehen. Die Vertreibungen, die Vergewaltigungen, die Morde. Ich hatte das Gefühl, jeder sein zu können. Ich war irgendwann Teil von allem. Die Welt der „Roten Zora“ war verschwunden. Mein Lieblingsroman aus Jugoslawien. „Ich bin Branco“, sagte ich. „Und ich Zora“, erwiderte sie und ich sah diesen daumenlosen Handschuh mit dem Messer daran aufblitzen. Mit diesem Handschuh, der blitzartig die Kehle durchschneiden konnte.
