Ambition Girl - Paula Walks - E-Book

Ambition Girl E-Book

Paula Walks

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Beschreibung

Hamburg, 1943. Die junge Petra muss aus dem vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Deutschland fliehen. Auf sich allein gestellt, gelingt es ihr allen Widrigkeiten zum Trotz, sich ein neues Leben in Amerika aufzubauen. Von Selbstzweifeln geplagt tritt sie den Ambition Girls bei, einer Gruppe von Hoffnungsträgerinnen für US-Soldaten. Unter großem Druck wächst Petra über sich hinaus. Mit ihrer neugewonnenen Kraft setzt sie sich für Minderheiten im vom Rassentrennung geprägten Amerika ein. Als sie schließlich für eine Sondermission ausgewählt wird, erlebt sie die Schrecken des Krieges hautnah. In einem Strudel aus Angst und Hoffnungslosigkeit gefangen, muss sie nun beweisen, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen ist. Eine mitreißende Geschichte voller Gefühl, inspiriert durch wahre Ereignisse aus der Ardennenschlacht 1944.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 663

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ambition Girl

Paula Walks

© 2021 Paula Höpfner

Umschlag, Gestaltung, Satz: Kähler & Kähler KG

Umschlagfoto Model: Sarah Troester Photography

Umschlagfoto S/W: Alamy Stock Foto

Lektorat, Korrektorat: Mona Fendri

Landkarten: tw_grafikdesign by Theresa Wedeking

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Paperback: ISBN 978-3-347-36711-1

E-Book: ISBN 978-3-347-36713-5

“Success is how high you bounce when you hit bottom.”

George S. Patton

KAPITEL 1

EIN ABSCHIED MIT NEUANFANG

Hamburg, Mai 1943

Der Nebel zog sich langsam und schleichend durch die sonst zu dieser späten Stunde stillen und friedlichen Gassen. Doch an diesem Abend war die ganze Stadt in Aufruhr. In der belebten Einkaufsstraße nahe dem Hamburger Hafen herrschte reinstes Chaos. Eine große Razzia war für diesen Abend angeordnet worden. Alle Läden, die unter Verdacht standen, dem Untergrund zu helfen, wurden nach Beweisen für ihren Verrat durchsucht. Zwei Uniformierte standen vor einem Uhrengeschäft, während ein dritter den Ladenbesitzer, einen älteren Mann mit grau meliertem Haar, auf die Straße zerrte. Die beiden Uniformierten, die vor dem Geschäft gewartet hatten, schlugen den alten Mann brutal mit Schlagstöcken zusammen, während der dritte wieder in den Laden verschwand und diesen verwüstete. Passanten blieben stehen, um dem Schauspiel beizuwohnen. Niemand sagte etwas, niemand schritt ein. Sie wussten, dass sie sonst dasselbe Schicksal ereilen würde. Betreten wendeten einige den Blick ab, als das Blut des Mannes aus seiner Nase spritze. Doch es gab auch jene, die zustimmend nickten, während der Mann sich vor Schmerzen am Boden krümmte. Einige Umstehende munkelten, dass er heimlich unter der Hand ausländische Schallplatten verkauft habe – ein ernstzunehmender Verstoß gegen das Verbot vom Vertrieb von Platten aus Feindstaaten. Das Verbreiten „undeutscher“ und damit unerwünschter, gar schädlicher Musik galt es einzugrenzen. Unter Tränen bettelte der sich auf dem Boden windende Mann die Uniformierten an, seinen Laden nicht zu zerstören. Doch diese achteten nicht auf sein Flehen.

Nur ein paar Straßen weiter saß ein kleines Mädchen im Rinnstein und spielte mit bunt leuchtenden Glasmurmeln. Ihr roter Wollmantel strahlte förmlich im zutiefst erdrückenden Grau, das sie umgab. Sie war in ihrem Spiel vertieft und merkte nicht, was um sie herum geschah. Der Nebel teilte sich, als ein Auto heranraste. Es war ein Volkswagen, der eilig durch die Straßen von Hamburg bretterte. Die Scheiben waren beschlagen, doch drei schemenhafte Umrisse waren dahinter zu erkennen. Am Steuer saß ein Mann in den 50ern mit kurzem braunen Haaren. Falten durchzogen sein gutmütiges Gesicht. Hektisch und besorgt blickte er immer wieder in den Rückspiegel.

Seine 21 Jahre alte Tochter Petra saß auf dem Rücksitz. Trotz ihrem vor Anspannung verzerrten Gesicht waren ihre Schönheit und ihre Ausstrahlung zu erahnen. Sie hatte sanfte Züge und treue blauen Augen, die jedem, der sie erblickte, ein Gefühl von Reinheit und Unschuld vermittelten. Dunkelblondes, welliges Haar umspielte ihr feines Gesicht. Sie war wie eine geschlossene Rosenknospe, die ihre Anmut noch entfalten musste. Auf ihren Lippen zeichnete sich meist ein scheues Lächeln ab, doch nicht an diesem Abend. Ihre Furcht war zu groß. Ihre Hände zitterten und Angstschweiß perlte von ihrer Stirn. Nervös zupfte sie an ihrem Mantel, der schon besseren Zeiten gesehen hatte. Er war mit kleinen Löchern übersät und unten fehlte ein Knopf. Trostsuchend konzentrierte sie ihren Blick auf den Nacken ihrer Mutter, die vor ihr auf dem Beifahrersitz saß. Petra war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, doch der Zahn der Zeit war nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Auch über ihr Gesicht zogen sich tiefe Sorgenfalten. Sie sah aus dem Fenster, als sie gerade die Beamten passierten, die inzwischen von dem reglos am Boden liegenden Mann abgelassen hatten. Wieder drehte sich der Vater nervös um: „Sind sie noch hinter uns?“ Petra schaute aus der Heckscheibe: „Ich kann niemanden sehen.“ „Vorsicht!“, schrie die Mutter laut, als sie das kleine Mädchen in dem roten Mantel auf die Straße rennen sah.

Mit quietschenden Reifen konnte der Vater dem kleinen Mädchen gerade noch ausweichen. Dabei verlor er die Kontrolle über den Wagen und raste mit voller Wucht in eine nahegelegene Straßenlaterne. Reflexartig schlugen sich die Hände des Vaters vor seinem Gesicht zusammen, bevor der Aufprall seinen Kopf gegen das Lenkrad knallen ließ. Von seiner Augenbraue lief etwas Blut herab. Ein wenig benommen drehte er sich um: „Geht es allen gut?“, fragte er, als er seine verängstigte Frau und Tochter ansah. Beide waren mit einem Schrecken davongekommen. Aus der Motorhaube begann Rauch aufzusteigen und trotz mehrerer Anläufe weigerte sich der Wagen zu starten. „Komm schon!“ Der Vater schlug wütend gegen das Lenkrad, doch das Auto machte keine Anstalten anzuspringen. „Wir müssen zu Fuß gehen“, sagte er mit angespannter Stimme. Seine Frau schaute ihn kopfschüttelnd an. „Das schaffen wir nicht rechtzeitig.“ Er drehte sich zu seiner völlig verängstigten Tochter um, die nervös im Sekundentakt aus der Heckscheibe spähte. „Wir haben keine Wahl. Holt den Koffer und lasst uns gehen.“ Hastig stiegen sie aus und Petra holte einen alten Koffer aus dem Kofferraum. Der Vater warf noch einen kurzen Blick auf das demolierte Auto. Er spürte ein Stechen in der Magengrube, als er darüber nachdachte, dass er sich den Wagen für diese Fahrt nur geliehen hatte. Schnellen Schrittes machte sich die Familie auf den Weg.

Die kalte Abendluft brannte in ihren Lungen, als sie die letzten Meter zu einem kleinen, etwas versteckten Anleger in der Nähe des Hafens hetzten. Es war kurz vor 23 Uhr. Die Nacht hatte sich schon längst über den Steg gelegt. Schemenhaft waren vereinzelte Matrosen zu erkennen. „Das muss es sein.“ Petras Vater zeigte auf ein schon etwas in die Jahre gekommenes Schifferboot, das gerade von Arbeitern beladen wurde. Als die kleine Familie dieses Boot ansteuerte, nahm Petra die Hand ihrer Mutter und drückte sie ganz fest. Diese streichelte ihr liebevoll mit dem Daumen über den Handrücken und hauchte beruhigend: „Alles wird gut.“ Petra blieb abrupt stehen und schaute ihre Mutter mit großen Augen an. „Das weißt du nicht. Mich wegzuschicken ändert nichts. Du weißt nicht, ob ich dort sicherer bin.“ Ihre Mutter musterte sie betrübt. Sie wusste, dass sie ihre Tochter auf eine gefährliche Reise schickte, auf der sie ihr Leben riskierte. Sie strich Petra eine Strähne aus dem Gesicht und sagte traurig: „Wir haben das besprochen. Die Regierung wird nicht aufhören, bevor alle Menschen, die nicht ihrer Meinung sind, tot oder deportiert sind.“ Petra nahm die Hand ihrer Mutter und sah ihr flehend in die Augen. „Wir können doch weiter so tun als ob. Ich werde mich bessern.“ Die Mutter schüttelte den Kopf. „Wir haben dich nicht dazu erzogen, blind Befehlen zu gehorchen. Sich immer unterzuordnen zu müssen, ist kein Leben.“

Im Hintergrund rief ein Matrose „Alle an Bord!“, damit sowohl seine Kollegen wie auch die heimliche Passagierin wussten, dass sie bald ablegen würden. Der Vater zog Petra weiter. Während sie sich weiter dem Boot näherten, erklärte er: „Wir haben so viel wie möglich organisiert. Du musst zweimal das Schiff wechseln. In deiner Tasche hast du deine neuen Dokumente und eine Liste mit deinen Kontaktpersonen. Wenn du dann in Amerika angekommen bist, nimmst du den Zug nach Baltimore. Dort hast du ein Zimmer. Die Miete ist für die ersten drei Monate bezahlt.“ Petra wusste all das. In den letzten zwei Monate hatte es kein anderes Thema mehr gegeben. Ihre Eltern hatten jedes Detail ihrer Flucht akribisch geplant. Von den geschmierten Seeleuten, die sie auf dem Schiff verstecken, bis hin zu den Familien, die ihr auf den verschiedenen Stationen Unterschlupf bieten würden, sollte etwas schiefgehen. Sie besaß gefälschte Ausweise verschiedener Länder und hatte sogar ein paar Sätze in den entsprechenden Sprachen lernen müssen, falls jemand sie anhalten und befragen sollte. Ihre Eltern waren von Anfang an Teil des Untergrundes gewesen. Sie halfen Juden und jenen, die als Asoziale und Feinde des Nationalsozialismus gebrandmarkt wurden. Über die Jahre hinweg hatten sie Dutzenden von Menschen geholfen, das Land zu verlassen. Und nun war es an der Zeit, ihre Kontakte zu nutzen, um ihrer Tochter den Weg nach Amerika zu ermöglichen. Doch Petra wollte nicht gehen. Trotzig warf sie ein: „Ihr glaubt, ich wäre vorbereitet, nur weil ich die Sprache sprechen kann?“

Ihr Vater blieb stehen und betrachtete sie streng. „Wir fangen jetzt nicht wieder damit an. Du musst uns vertrauen. Du musst dir selbst vertrauen.“ Petra ergriff die Hände beider Eltern und drückte sie an ihre Brust. „Kommt mit mir“, flehte sie. Die Verzweiflung war ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Mutter streichelte ihre Hand. „Du weißt, dass wir es uns nicht leisten können. Aber du musst gehen.“

Petras Stimme zitterte, als sie die Frage aussprach, vor der sie sich schon die ganze Zeit fürchtete: „Aber woher weiß ich, dass es euch gut geht?“ Petra umklammerte die Hand ihrer Mutter noch fester. Diese seufzte laut, während sie versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. „Mach dir keine Gedanken um uns. Das Wichtigste ist, dass es dir gut geht und du deinen Weg gehst.“ Ihr Vater drückte sie fest an seine Brust. Ihre Mutter versuchte sich unbemerkt die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, die sie nun doch nicht länger zurückhalten konnte. Dann sagte sie: „Du bist stärker als du denkst, Petra.“

Während die Familie sich ein letztes Mal in die Arme fiel, brach plötzlich Tumult ganz in ihrer Nähe aus. Zwei uniformierte Männer drängten sich grob an ein paar umstehenden Menschen vorbei. Unsanft wurde jeder weggestoßen, der ihnen im Weg stand. Mit schnellen Schritten kamen sie auf die kleine Familie zu. Der Vater löste rasch die Umarmung. „Du musst jetzt gehen!“ Hastig holte Petras Mutter einen Umschlag aus ihrer Jackentasche und streckte ihn der Tochter entgegen. „Hier. Lies ihn erst, wenn du angekommen bist.“ Petra nahm mit zitternder Hand den Brief und ihren Koffer und machte sich mit zügigen Schritten auf den Weg zum Boot, das kurz davor war abzulegen. Immer wieder drehte sie sich um und blickte zu ihren Eltern. „Ich liebe euch und ich werde zu euch zurückkommen! Das verspreche ich euch. Ich komme zurück!“, rief sie ihnen noch zu, als sie das Boot betrat.

Hektisch stolperte sie zur Reling, um ihren Eltern zum Abschied zuzuwinken. Doch als ihr Blick auf ihre Eltern fiel, erschauderte sie. Sie waren von den uniformierten Männern umstellt, die mit ihren Waffen auf sie zielten. Petra wollte ihnen noch etwas zurufen. Doch bevor auch nur ein Laut aus ihrem Mund kommen konnte, legte sich eine ölverschmierte Hand darüber. Als sie sich umdrehte, sah sie einen grimmigen Matrosen, der warnend den Kopf schüttelte. Er brauchte nichts zu sagen. Petra wusste, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen durfte. Die letzten Kisten wurden aufs Boot gebracht und sie waren bereit zum Ablegen. Es hätte keine Minute später sein dürfen. Die Beamten waren so mit den Eltern beschäftigt, dass sie zu spät das Ablegen des Bootes bemerkten. Sie konnten nur noch zusehen, wie es sich weiter und weiter vom Hafen entfernte. Vom Boot aus musste Petra hilflos und voller Grauen mit ansehen, wie ihre Eltern von den Beamten brutal davon geschleift wurden. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Schuldgefühle übermannten sie. Tränen füllten ihre Augen und verschleierten ihren Blick. Angestrengt versuchte sie noch zu erkennen, was mit ihren Eltern passierte, doch das Boot hatte sich bereits zu weit vom Anleger entfernt. Ihre zitternden Beine gaben nach und sie sackte auf dem Boden zusammen. Eine lautlose Hoffnungslosigkeit überkam sie und die Tränenflut war nicht mehr zu bremsen. Petra konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Ich bin schuld“, war alles, was ihr durch den Kopf ging. Immer und immer wieder. „Ich bin schuld.“ Hätte sie an diesem einen bestimmten Abend nicht die Kontrolle verloren, hätten ihre Eltern vielleicht nicht darauf bestanden, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Der ganze Terror hatte Ende der 20er Jahre begonnen und sich zunehmend gesteigert, bis dann im Januar 1933 schließlich Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Petra elf Jahre alt. Damals verstand sie die Sorge ihrer Eltern nicht. Ganz im Gegenteil, sie war wütend auf sie. Viele ihrer Freunde waren nun Teil besonderer Gruppen und durften hübsche Uniformen tragen. Sie machten Ausflüge, an denen Petra nicht teilnehmen durfte, weil sie kein Mitglied war. Stets versuchte sie ihre Eltern davon zu überzeugen, sie in diesen Gruppen anzumelden, doch sie weigerten sich stets. Für die Tochter war das Verhalten ihrer Eltern unerklärlich. Mit der Zeit bemerkte jedoch auch Petra die alarmierenden Veränderungen im Alltag. Eines Tages kamen einige ihrer Mitschüler nicht mehr in den Unterricht, doch in der Schule sprach niemand darüber. Als Petra an jenem Tag nach Hause kam, führten ihre Eltern ein langes Gespräch mit ihr, in dem sie ihr erklärten, dass in den Augen der Regierung manche Menschen, zum Beispiel Juden, nicht so viel wert seien wie andere. Petra war bestürzt. Worin bestand denn der Unterschied? Abgesehen davon, dass sie andere Feiertage hatten und einen anderen Gottesdienst besuchten? Machte es sie zu schlechteren Menschen, weil sie kein Weihnachten feierten? Petra hatte gelernt, immer zu allen freundlich zu sein. Sollte sie nun damit aufhören? „Auf keinen Fall!“, hatten ihre Eltern nachdrücklich geantwortet. „Jeder Mensch ist gleich viel wert“. Dieser Satz wurde zu einem ungeschriebenen Gesetz in ihrer Familie. Ihre Eltern wiederholten ihn regelmäßig, denn es war ihnen unsagbar wichtig, dass Petra es nie vergaß. Doch als sie 18 Jahre alt wurde, konnte sie sich dem nationalsozialistischen Erziehungssystem nicht länger entziehen. Sie musste der Organisation „Glaube und Schönheit“ beitreten, eine Unterorganisation des „Bund Deutscher Mädel“. Von da an musste sie auch eine Uniform tragen und fand es gar nicht mehr so erstrebenswert. Im Dienst hatten sie in blauen Röcken, weißen Blusen und schwarzen Halstüchern mit Lederknoten zu erscheinen. Das Ziel war klar definiert: Aus den Mädchen sollten gute Hausfrauen und vor allem Mütter werden, damit die arische Rasse fortbestehen und wachsen konnte. Petra, die schon immer recht sportlich war, hatte kein Problem mit den Leibesübungen. Das Sportprogramm bestand aus Leichtathletik, Spielen und Gymnastik. In den Anfängen wurde noch marschiert, doch das galt irgendwann als zu bubenhaft. Auf die Heimabende hingegen hätte Petra durchaus verzichten können, in denen durch den Unterricht der „Volksrassenkunde“ Feindbilder in den Köpfen der Mädchen geschaffen werden sollten. Mit der Zeit stellte Petra fest, dass diese Gehirnwäsche nicht bei allen Mädchen wirkte. Viele der Mädchen waren nur da, um ihrem Elternhaus zu entfliehen. Es bot ihnen eine Art Freiheit, auf Ausflüge zu fahren und ab und zu aus dem familiären Rahmen zu kommen.

Schnell hatte auch Petra ihren Platz unter dem Radar gefunden. Nur nicht auffallen; das war einer der Leitsätze, den ihre Eltern ihr immer wieder eintrichterten. Je länger die Herrschaft der NSDAP dauerte, desto extremer wurden die Methoden. Am Anfang gab es vielleicht einen tadelnden Kniff in die Wange, wenn ein Fehler gemacht wurde, später wurden die Methoden rauer. Wer die Autorität des Lehrkörpers nicht anerkennen wollte, bekam den Rohrstock zu spüren. Dem konnte Petra zum Glück entgehen, doch allein das klatschende Geräusch des Stockes, wenn er auf eine Handfläche traf, konnte einen erschaudern lassen. Wie auch die Erwachsenen wurden die Jungen und Mädchen schon in der Schule darauf getrimmt, die Autoritätspersonen, in diesem Fall die Lehrer, nicht infrage zu stellen und sich ihnen nicht zu widersetzten. Viele Menschen weigerten sich anfangs, sich vorschreiben zu lassen, wie sie zu leben hatten, doch schnell mussten sie feststellen, dass sie keine Wahl hatten. Jeder, die sich gegen die Regierung aussprach, wurde schnell mundtot gemacht. Die Zahl der Gefängnisinsassen nahm von Jahr zu Jahr drastisch zu. Doch dies betraf nicht nur die Erwachsenen. Auch die rebellierende Jugend musste unter Kontrolle gebracht werden. Es wurden Jugendschutzlager erbaut. Dort wurden die Kinder und Jugendlichen hingebracht, die sich gegen die nationalsozialistischen Regeln und Normen auflehnten. Es galt, die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. Niemand wusste, was mit den Kindern dort passierte. Viele ahnten nicht einmal, dass solche Lager existierten. Petras Familie war im Untergrund tätig, dadurch wusste Petra, wie gefährlich es war, seine Meinung in der Öffentlichkeit auszusprechen. Man konnte sich nie sicher sein, wer gerade zuhörte. Die Spitzel der Gestapo waren überall.

Während sie lernte in der Öffentlichkeit stumm und unsichtbar zu sein, ermutigten sie ihre Eltern, hinter geschlossenen Türen frei zu denken und sich kritisch zu äußern. Es gab kein Thema, über das sie nicht sprachen. Beim Abendessen entbrannten oft hitzige Diskussionen. Ihr Lieblingsthema war Musik. Ihr Vater besaß ein Geschäft, in dem er Musikinstrumente nicht nur verkaufte sondern auch reparierte. Er war sehr angesehen in der Stadt. Auch viele Parteimitglieder besuchten seinen Laden regelmäßig. Dies war nicht selbstverständlich, denn er war ein paar Jahre zuvor in Ungnade gefallen, als herausgekommen war, dass sich nach Feierabend sein Geschäft zum Dreh- und Angelpunkt staatsfeindlicher Musik verwandelte. Als dies noch nicht verboten war, fanden im Keller des Öfteren Swing-Abende statt, auf denen die verpönte „Neger Musik“ aus den USA gespielt wurde. An diesen Feiern durfte Petra nicht teilnehmen. Nichtsdestotrotz schlich sie sich immer mal in den Laden und lauschte an der Kellertür den rhythmischen Klängen der Jazz-Musik. Einmal wagte sie es sogar, ein paar Schritte die Kellertreppe hinunterzugehen. Sie lugte um die Ecke und sah, wie wild getanzt wurde. Leider wurde sie schnell von ihren Eltern entdeckt und nach Hause geschickt. Diese wollten sie nämlich so weit wie möglich davon fernhalten, sollte es doch Probleme geben. Ihre Angst war durchaus berechtigt, denn sie mussten eines Tages feststellen, dass ihr Laden von der Gestapo überwacht wurde. Schließlich versiegten die Tanzabende, die ein immer größeres Risiko für alle Beteiligten darstellten, das Petras Eltern nicht bereit waren einzugehen. So sehr Petras Eltern auch gegen die Praktiken des Regimes waren, die Sicherheit ihrer Tochter war ihnen wichtiger. Also verhielten sie sich die nächsten zwei Jahre wie die meisten Deutschen und versuchten sich bedeckt zu halten. Doch mit der Zeit wurde die Gewalt auf den Straßen immer extremer und Petras Eltern konnten und wollten nicht länger untätig danebenstehen. Also schlossen sie sich mit ein paar Gleichgesinnten zusammen. Zunächst sprachen sie nur viel über Veränderung, zu groß war die Angst vor den harten Strafen. Doch irgendwann waren Worte nicht mehr genug, es mussten Taten folgen.

In kürzester Zeit bauten sie ein geheimes Netzwerk auf, um Verfolgten und Freidenkern die Möglichkeit zur Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Sie waren sich der Gefahr durchaus bewusst und versuchten Petra so weit wie möglich aus allem herauszuhalten. Darüber war Petra sehr dankbar. Natürlich war ihr klar, warum ihre Eltern das taten, doch Petra fragte sich oft, ob das Leben anderer es wirklich wert war, das eigene aufs Spiel zu setzten. Doch wer war sie, ihre Eltern zu hinterfragen, wenn sie doch selbst mit einem Fuß auf der falschen Seite des Gesetzes stand. So sehr sie auch versuchte sich an die meisten Regeln zu halten, gab es doch einen Punkt, bei dem sie aus dem perfekten nationalsozialistischen Frauenideal ausbrechen musste: Das Tanzen. Sie war vom Swing-Fieber erfasst worden, als sie zum ersten Mal bei ihrem Vater im Keller die rhythmischen Klänge der Jazz Musik gespürt hatte. Auch andere ihrer Generation hatten die drögen Standardtänze bald satt. Petra lernte ein paar Mädchen kennen, die immer genau wussten, wo gerade etwas los war. Der Tanz war schnell gelernt, denn beim Swing ging es nicht um einstudierte Bewegungsabläufe, sondern um die eigene Individualität und darum, den Gefühlen durch den eigenen Körper Ausdruck zu verleihen. Individualität – Für die Nationalsozialisten ein verpöntes Fremdwort!

Petra und ihre Freunde aus der Swingtanz-Szene waren eine eingeschworene Gruppe mit einem ganz besonderen Erkennungszeichen. Wenn man nicht genau wusste, ob man einen Gleichgesinnten vor sich hatte, sagte man den Satz “Alles wird gut“. Das Gegenüber drehte dann an einem Jackenknopf, als würde es den Sender an einem Radiogerät wechseln. „Feindsender hören“, wie die Nazi-Propaganda es gerne betitelte. Diese kleine Geste hatte sie schon manches Mal gerettet.

Ab 1941 wurden verstärkt Razzien durchgeführt. Viele ihrer Freunde wurden verhaftet und hart bestraft. Aus diesem Grund sahen es ihre Eltern nicht gerne, wenn sie zu solchen privaten Tanzveranstaltungen ging, auch wenn sie es ihr nicht verbieten wollten. Dennoch ahnten sie, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich dadurch Schwierigkeiten auftun würden. So begannen sie Vorkehrungen zu treffen, um ihrer Tochter eine Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Petra hörte sich die Vorträge und Pläne immer wieder an, doch nahm sie nicht wirklich ernst. Warum auch? Sie hatte nicht vor, ihre Familie zu verlassen. Sie gliederte sich so gut sie konnte in die Gesellschaft ein und versuchte jeglicher Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Was sollte also passieren? So dachte sie, bis sie eines Abends mit ein paar Freunden in ihrer Stammkneipe saß.

Es war ein Freitag wie jeder andere. Sie waren immer eine gemischte Gruppe von vier bis fünf Leuten. Sie selbst hätten sich nicht als Rebellen bezeichnet, dennoch fielen sie in der Öffentlichkeit auf. Martin Wagner, genannt Satchmo, gehörte zu Petras besten Freunden. Er war ein bekennender Anhänger der Swing-Jugend, was durch seinen ungewöhnlichen Kleidungsstil unschwer zu erkennen war. Ging er aus, trug er eine Hose mit besonders viel Schlag sowie ein langes, kariertes Sakko. Im Gegensatz zu den Anhängern der Hitlerjugend, die ihre Haare meist seitlich kurz rasiert, oben etwas länger mit Seitenscheitel oder mit Pomade nach hinten gekämmt trugen, ließ er seine Haare einfach lang wachsen. Auf dem Kopf trug er einen schicken Hut und der obligatorische Regenschirm durfte auch bei Sonnenschein nicht fehlen. Seinen Spitznamen verdankte er dem amerikanischen Jazz-Musiker Louis Armstrong, der selbst Satchmo genannt wurde, was im übertragenen Sinne „großer Mund“ bedeutete. Tatsächlich war Martins großes Mundwerk noch auffälliger als seine Kleidung. Zudem konnte niemand den Tiger Rag tanzen wie er. Durch seine ausgefallene Erscheinung und seine Tanzkünste war er bei der Damenwelt sehr begehrt. Anfangs war Petra trotz seines Charmes nicht besonders angetan von ihm gewesen, denn sie fand sein Auftreten zu gekünstelt. Was sie störte, war nicht sein Bedürfnis, immer im Mittelpunkt zu stehen sondern ihr Verdacht, dass sein übertriebenes Selbstbewusstsein nur eine Fassade war, hinter der er sich versteckte. Je mehr er versuchte, sie mit seinen extravaganten Tanzkünsten zu beeindrucken, desto weniger interessierte sich Petra für ihn. Doch an ihrem zwanzigsten Geburtstag konnte sie zum ersten Mal einen Blick hinter die Maske werfen. Die Feier war vorbei, die meisten Gästen waren bereits gegangen und Petra fing gerade an aufzuräumen, als Martin ihr seine Hilfe anbot. Zu ihrer Überraschung führten sie ein tiefgehendes Gespräch, in dem Martin ihr erzählte, dass sein verstorbener Vater ihn zum Tanzen gebracht hatte. Von seiner sonst übertriebenen Art war in diesem Moment nichts mehr zu spüren. Am Ende gestand Petra ihm, dass ihr der wahre Martin besser gefiel als der oberflächliche Satchmo. Diese Bemerkung tat er nur mit einer abwinkenden Handbewegung ab. Dennoch verbesserte sich von diesem Abend an ihre Beziehung, sie wurden sogar richtige Freunde. Anders als die meisten in seinem Freundeskreis nannte Petra ihn weiterhin Martin und sie amüsierte sich prächtig, wenn er sich darüber echauffierte, weil der Name nicht gut für sein Image sei. Damit meinte er, dass dieser bei den Frauen nicht gut ankam, das wusste Petra. Sie fand es schade, dass niemand den richtigen Mann hinter der Maske kennenlernen durfte, aber das musste sie akzeptieren.

Auch an jenem besagten Abend waren sie wieder eine muntere Gruppe und diskutierten hitzig über das Verbot von Swing Musik. Martin konnte nicht umhin festzustellen, wie scheinheilig es war, dass gerade der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels persönlich eine Big Band zusammengestellt hatte, die – er malte mit seinen Fingern ein paar Anführungszeichen in die Luft – diese „entartete Musik“ spielte. „Charlie and His Orchestra“ hieß die bizarre Propagandaidee, die bekannte englische Jazz-Lieder mit neuen politischen Propagandatexten versah. Im Radio gespielt, sollte diese Musik die Moral des Feindes untergraben. „Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen“. Und da wollte man ihm, Satchmo, verbieten, Swing zu hören! Das sah er nicht ein. Die Gruppe klebte an seinen Lippen, während er weiter über das heuchlerische System hetzte. So merkten die jungen Leute nicht, wie eine Gruppe von vier Jungs der Hitlerjugend – kaum älter als sie selbst – das Lokal betraten. Schnell hatte die kleine Gruppe um den lautstark wetternden Martin herum die Aufmerksamkeit der Neuankömmlinge geweckt, die ein paar Minuten lang Martins Hasstirade lauschten.

Sie waren sich einig; diesem unverschämten Vogel musste eine Lektion erteilt werden. Martin verstummte, als er die Jungs mit den brauen Hemden und den schwarzen Cordhosen bemerkte. Petra, die mit dem Rücken zur Tür saß, drehte sich verwundert um, als Martin und die anderen plötzlich still wurden. Bevor sie erfassen konnte, was passierte, packten zwei der Jungen Martin routiniert an der Jacke und zogen ihn mit sich. Die anderen blieben bei der Gruppe, um diese in Schach zu halten. Doch Martins Freunde kamen gar nicht auf die Idee, sich zu wehren. Zwei Mädchen und ein jüngerer Bursche hatten keine Chance gegen zwei ausgewachsene, sportliche und äußerst wütende Kolosse wie diese. Bestürzt und hilflos sahen sie dabei zu, wie Martin nach draußen geschleift wurde. Untätig, wie in Schockstarre, beobachteten sie durch ein Fenster, wie die Jungen ihm ein paar heftige Schläge verabreichten. Martin war kein Kämpfer, also ließ er die Prügel über sich ergehen. Erst als einer der Jungen Martins Arme brutal hinter seinem Rücken verschränkte und diese erbarmungslos festhielt, versuchte er Widerstand zu leisten. Er wusste genau, was nun auf ihn zukam. Er hatte es schon bei anderen gesehen. Als er verzweifelt versuchte, sich aus dem Griff zu lösen, versetzte der andere ihm einen so heftigen Schlag in die Magengrube, dass er stöhnend zusammensackte. Er hörte, wie sein Peiniger etwas aus seiner Tasche holte. Noch ein letztes Mal wand sich Martin, doch seine Kraft reichte nicht mehr aus. Er senkte den Kopf und spürte, wie dieser schmierige Typ eine Strähne seiner Haare in die Hand nahm. Dann hörte er es: das kratzende Geräusch, das die Klinge eines Taschenmessers machte, wenn sie durch menschliches Haar schnitt. Er musste nicht einmal den Kopf heben, er konnte das hämische Grinsen der beiden praktisch in seinem Nacken spüren. Durch das Fenster verfolgte Petra das ganze Geschehen. Sie atmete schwer, ihr Magen zog sich zusammen. Sie wusste, wie sehr Martin seine Haare liebte, doch das war nicht das Schlimmste: Die Demütigung, die Martin resigniert über sich ergehen ließ, gekrönt durch das süffisante Grinsen der beiden jungen Nationalsozialisten, war für Petra kaum zu ertragen. Flehend wendete sie sich an einen ihrer Aufpasser. Dieser war weder besonders groß noch gut aussehend: eine gedrungene Gestalt mit einem narbigen Gesicht, Segelohren und starkem Körpergeruch. Alles, was ihm sein Selbstvertrauen gab, war diese schreckliche Uniform, dachte sie. „Hört damit bitte auf, bitte!“, flehte sie ihn mit Tränen in den Augen an.

Doch er lachte nur schmutzig. Dann begutachtete er Petra eindringlich mit einem schiefen Grinsen und trat noch etwas näher an sie heran. Er flüsterte ihr lüstern ins Ohr: „Warum treibst du dich mit diesen Versagern rum, du bist doch keine von denen.“ Petra wusste genau, was er damit meinte. Die Swing Girls trugen im Gegensatz zu den obligatorischen Zöpfen des BDM meist offene, gelockte Haare. Auch schminkten sie sich auffällig und trugen skandalös kurze Röcke. Petra bewunderte diese Mädchen oft für ihren Mut. Gerne hätte sie es auch getan, aber sie hatte ihren Eltern versprochen, so wenig aufzufallen wie möglich, genau für solche Fälle. Doch in diesem Moment machte es Petra nur wütend, dass dieser Kasper von der HJ denken konnte, sie wäre eine von ihnen. Als dieser einfältige Kerl dann auch noch erklärte, dass sie mit dem richtigen Umgang sicher eine ansehnliche Ehefrau abgeben würde, kochte sie innerlich vor Wut. Es widerte sie an, dass dieser ekelhafte Nazi ihr vorschlug, sich von ihren Freunden abzuwenden, um seine treue Ehefrau zu werden und ihm, im Dienste von Führer und Vaterland, viele arische Kinder zu schenken. Als er mit seiner kalten, verschwitzten Hand ihr Gesicht streichelte und versprach, ihr den richtigen Weg zu zeigen, brannte in ihrem Kopf eine Sicherung durch. Mit voller Wucht holte sie aus und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Schon als die Vibration des Aufschlages durch ihren Körper zuckte, realisierte sie, was für einen riesigen Fehler sie gemacht hatte.

Der Junge, dessen Wange augenblicklich eine rötliche Farbe angenommen hatte, war im ersten Moment sprachlos. Nicht so sein Begleiter, der sich sofort auf sie stürzte. Petra hatte den Jungen mit den raspelkurzen Haaren schon öfters gesehen. Er wohnte in ihrer Nachbarschaft. Da sie um seine radikale Einstellung wusste, ging sie ihm so gut sie konnte aus dem Weg. Auch er wusste genau, wer da vor ihm stand. Schon seit längerem beobachtete er das Geschäft ihres Vaters, da sich der Verdacht erhärtet hatte, dass dieser ein Vaterlandsverräter und Judenfreund war. Er griff Petra am Arm und zerrte sie mit sich auf die Straße, wo Martin noch am Boden kauerte, die abgeschnitten Haarbüschel um ihn herum verteilt. Petra versuchte den Blick abzuwenden, doch ihr Peiniger hielt ihr Kinn fest, damit sie genau sehen konnte, mit was für armseligen Leuten sie sich abgab. „Sei froh, dass wir heute Abend etwas Besseres zu tun haben, als uns um dich und deine jämmerlichen Freunde zu kümmern“, zischte er ihr hasserfüllt ins Gesicht. „Aber du und deine verdammten Eltern werden schon noch sehen, was mit Verrätern passiert. Du wirst noch bereuen, dich so benommen zu haben!“ Mit diesen Worten ließ er Petra los und versetzte Martin noch einen kräftigen Tritt. Dann gab er den anderen ein Zeichen ihm zu folgen. Im Vorbeigehen trat jeder von ihnen Martin noch einmal mit voller Kraft in die Magengegend. Hämisch grinsend und überheblich lachend stolzierten sie davon. Petra ließ sich sofort auf die Knie sinken und half dem blutüberströmten Martin, sich aufzusetzen. Als dieser ihren besorgten und mitleidigen Blick bemerkte, versuchte er ein Lächeln hervorzupressen. „Es ist doch gar nichts passiert“, tröstete er sie. „So leicht lass´ ich mich doch nicht unterkriegen.“ Petra wusste, dass er nur den Starken spielte. Er vergaß immer wieder, dass er das bei ihr nicht brauchte. Er strich sich durch die Haare und sagte: „Ich werde sicher noch ein paar Mädchen damit beeindrucken können, oder?“

Petra musterte die völlig verunstaltete Frisur, falls man sie überhaupt noch so nennen konnte. An einigen Stellen fehlten ganze Haarbüschel, während an anderen noch einzelne Strähnen lang und schlaff herunterhingen. Sie musste ungewollt lachen. „Wenn es jemand schafft, dann ganz sicher du“, versicherte sie ihm und wuschelte ihm liebevoll durch das Haar. Nun waren auch die anderen nach draußen gekommen und halfen ihrem Freund auf die Füße. Als sich Martin an Petra wendete, war jede Spur von aufgesetzter Fröhlichkeit verflogen. Er nahm sie zur Seite und legte ihr nahe, sich sofort auf den Heimweg zu machen und mit ihren Eltern über das Geschehene zu sprechen. „Anscheinend seid ihr schon unter Beobachtung. Dieser Idiot von Nazi hat sicher nicht einmal mitbekommen, was er da mit seiner Warnung verraten hat“, sagte Martin verächtlich. Das hatte Petra in der Hitze des Gefechts fast verdrängt. Doch Martin hatte recht. Ihre Eltern lebten unter ständiger Beobachtung und mit stetiger Bedrohung und sie hatte es nun noch schlimmer gemacht. Schnell verabschiedete sie sich von den anderen und drückte Martin zum Abschied noch einen Kuss auf die Wange. Als sie sich auf den Weg nach Hause machte, konnte sie noch nicht ahnen, dass dies ein Abschied auf unbestimmte Zeit war. Nachdem Petra ihren Eltern von dem Vorfall in der Kneipe berichtet hatte, war diesen klar, dass sie Petra so schnell wie möglich aus dem Land schaffen mussten. Wenn sie schon unter Beobachtung standen, war es nur eine Frage der Zeit, bis man an ihre Tür klopfen würde und bei einem freundlichen Hausbesuch würde es nicht bleiben. Sie kannten die Strafen, die nicht nur ihnen, sondern auch ihren Freunden, Verwandten und auch ihrer Tochter drohen würden. Sie konnten sich wahrscheinlich selbst nicht retten, aber wollten wenigstens alles dafür tun, um zumindest ihr Kind in Sicherheit zu bringen.

Während Petra sich gedankenverloren und voller schmerzlicher Bitterkeit an diesen verhängnisvollen Abend erinnerte, spürte sie einen stechenden Stich in der Brust. Dieser Schmerz in ihr entstand aus dem Wissen heraus, dass vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn sie sich an jenem Abend nur unter Kontrolle gehabt hätte. Vielleicht hätten ihre Eltern nicht die endgültige Entscheidung gefällt, dass sie in Deutschland nicht länger sicher wäre. Vielleicht wären ihre Eltern jetzt nicht selbst in Gefahr. Petra fühlte sich hilflos. Sie befand sie sich auf einem Boot, das sie in eine ungewisse Zukunft brachte. Immer wieder hatten ihre Eltern versucht, ihr das Ganze als Abenteuer zu verkaufen. Doch Petra sah sich nicht als mutige Heldin in dieser Geschichte. Ihre Eltern waren die wahren Helden.

Über Jahre hinweg hatten sie so vielen Menschen geholfen und dabei jedes Mal ihr eigenes Leben riskiert. Und jetzt retteten sie auch ihr Leben. Das war nicht gerecht. Immer wieder tauchte das Bild in ihrem Kopf auf, wie ihre Eltern davon geschleift wurden. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass alles ihre Schuld war. Langsam rappelte sie sich wieder vom Boden auf und klammerte sich an der Reling fest. Fassungslos stand sie da und starrte auf das dunkle, unergründliche Meer. Sie hörte die Wellen schäumend und brodelnd gegen den Bug schlagen. Was würde wohl passieren, wenn sie einfach springen würde? Würde sie jemand aufhalten? Wahrscheinlich nicht, an Deck beachtete sie niemand. Sie hatte gelesen, dass der menschliche Körper in eine Art Schock verfällt, wenn er auf so kaltes Wasser trifft. Ihre Finger schlossen sich noch enger um die Reling. Sie musste also nur den Mut aufbringen zu springen und alles andere würde das eisige Wasser für sie erledigen. Sie würde keine Angst und keinen Schmerz mehr empfinden.

Um sie herum wäre nur noch die allumfassende Dunkelheit. Petra schüttelte den Kopf und versuchte, diesen Gedanken so schnell wie möglich wieder zu verbannen. Ihre Eltern hatten ihr Leben riskiert, um sie auf dieses Schiff zu bringen. Und sie wollte einfach aufgeben? Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Sie müsste eigentlich froh sein. Doch das war sie nicht. Zu groß war die Angst vor dem, was vor ihr lag. Vor der Ungewissheit, ob sie es überhaupt bis nach Amerika schaffen würde. Zu viele Dinge konnten schief gehen. Woher ihre Eltern ihr unerschütterliches Vertrauen in sie nahmen, konnte sie noch immer nicht verstehen.

KAPITEL 2

STÜRMISCHE ÜBERFAHRT

Europa, Mai 1943

Tief in Gedanken versunken stand Petra wieder an Deck, doch befand sie sich mittlerweile auf einem großen, majestätischen Schiff. Das kleine Fischerboot vom Anfang ihrer Reise lag nun weit hinter. Der kalte Wind pfiff ihr um die Ohren, die anderen Passagiere drängten sich an Deck, um ihren Lieben auf dem Hafenkai ein letztes Mal zuzuwinken. Doch erst, als sie das laute Horn ertönen hörte und das Schiff sich träge schaukelnd in Bewegung setzte, nahm Petra ihre neue Umgebung wahr. Wie aus einem Traum erwachend, ließ sie ihren Blick umherschweifen. Es war ihr schleierhaft, wie sie es so weit geschafft hatte. Aber je weiter sich das Schiff vom Festland entfernte, desto mehr spürte Petra eine Last von ihren Schultern fallen. Tage geprägt von Angst und Bangen lagen hinter ihr, doch nun sollte der letzte Teil ihrer großen Reise anbrechen. Langsam schlenderte sie auf dem Deck entlang und bewunderte das riesige Gefährt, auf dem sie sich befand. Im Vergleich hierzu erinnerte der erste Kahn an eine Nussschale. Dieses Schiff hatte mehrere Decks und zwei riesige Schornsteine, die in den Himmel ragten. Auf dem Weg zu ihrer Kajüte sah sie Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Die gut betuchten hatten eine Kabine mit Aussicht sowie einen riesigen Speisesaal mit edler Einrichtung und mit Geschirr aus dem feinsten Porzellan. Petra lugte in den luxuriösen Saal. Der Stil erinnerte sie an ein französisches Straßencafé, wovon sie einmal in einem Magazin eine Abbildung gesehen hatte. Ihre Augen glitzerten, als sie die Lichter der Kronleuchter an der Decke reflektierten sah. Doch ehe sie noch einen weiteren Blick riskieren konnte, wurde sie entdeckt und weggescheucht. Sie wusste, dass sie dort nicht hingehörte, daher machte es ihr nichts aus zu gehen. Für ein paar Sekunden in diese pompöse Welt einzutauchen und einen Hauch von der Welt zu erhaschen, welche sich hinter den schweren Mahagonitüren versteckte, genügte ihr schon. Als sie auf ihrem eigenen Deck ankam, wurde ihr der Bruch zwischen der glamourösen Welt der ersten Klasse und der Armut der dritten Klasse deutlich bewusst. Ihre Kabine lag im Schiffsinneren. Hier gab es keine schöne Aussicht, kein Fenster, kein Tageslicht. Petra teilte sich ihre Kabine mit fünf anderen Mitreisenden, die so wie sie auf der Suche nach einem neuen Zuhause waren. An Privatsphäre war bei der Enge des Raumes nicht zu denken.

Die erste Nacht war die schlimmste. Die dröhnenden Geräusche, die aus dem unweit entfernten Maschinenraum drangen, waren so laut, dass sie ihre eigenen Gedanken nicht hören konnte. Doch vielleicht war das etwas Gutes: Immer wieder kehrte sie gedanklich zu dem Abend am Hamburger Hafen zurück und fragte sich, was wohl mit ihren Eltern geschehen war. Schreckliche Bilder gingen ihr durch den Kopf und sie spielte die grausamsten Szenarien vor ihrem inneren Auge immer und immer wieder durch. Keines davon nahm ein gutes Ende. Erst im Morgengrauen überkam der Schlaf eine völlig erschöpfte Petra. Als sie wenige Stunden später vom morgendlichen Tumult ihrer Zimmergenossinnen geweckt wurde, war die Luft in der Kabine so stickig, dass man kaum atmen konnte. Sie beschloss, sich so wenig wie möglich in diesem Raum aufzuhalten. Dafür hätte sie auch gar keine Zeit gehabt. Zwar stand ihr Name dank der Beziehungen ihrer Eltern auf der offiziellen Passagierliste, dennoch musste sie für ihren Platz auf dem Schiff arbeiten. Anders hätte sich ihre Familie die Überfahrt nicht leisten können. Ein Schiffskoch half immer wieder dabei, Leuten Fahrkarten zu besorgen und im Gegenzug bekam er von ihnen die dringend benötigte Hilfe in der Küche. Da die Schifffahrtsgesellschaft an allen Ecken sparen musste, wurde darüber hinweggesehen. Petra wurde für kleine Aufgaben eingeteilt. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, in der Kombüse Töpfe und Teller zu spülen. Ihr Tagesablauf war klar gegliedert: Morgens und abends arbeitete sie in der Küche, nachmittags hatte sie frei. Die gusseisernen Pfannen waren schwer, die kesselartigen Töpfe unhandlich. Ihr Rücken schmerzte jeden Abend. Dennoch war die harte Arbeit kein Problem für Petra. Sie kam aus einer Familie, die sich alles, was sie besaß, selbst erarbeitet hatte. Es war nicht viel, aber Petra hatte nie das Gefühl gehabt, dass ihr etwas fehlte. Ihre Eltern hatten ihr alles gegeben, was sie brauchte: Liebe, Vertrauen und Respekt. Sie hatten eine junge Frau aufgezogen, die eine eigene, kritische Stimme besaß, auch wenn dies in der Zeit, in der sie lebten, nicht das beste Attribut für eine heranwachsende junge Frau war. Ihre Eltern erzählten gerne die Geschichte, als Petra in der zweiten Klasse von der Schule suspendiert worden war, weil sie auf dem Schulhof in eine Rauferei mit einem Jungen verwickelt gewesen war. Als Grund der Suspendierung war der Vermerk „unschickliches Verhalten“ eingetragen worden. Ihr Vater hatte gelacht, als er den Zettel sah. Er kannte seine Tochter und wusste, dass sie sicherlich einen guten Grund gehabt haben musste, sich auf dem Schulhof zu balgen. Es stellte sich heraus, dass der Junge ihrer Freundin an den Zöpfen gezogen hatte und Petra aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns eingeschritten war. Immer, wenn sie daran zurückdachte, schien es ihr, als wären ihre Eltern stolz auf sie gewesen, weil sie sich für jemand anderen starkgemacht hatte. Leider ging dieser kindliche Mut irgendwo auf der Strecke verloren. Wo einst Mut gewesen war, schürte die Propagandamaschinerie nun ein Feuer der Angst, das in ihrem Kopf immer mehr überhand nahm. Sie wusste nicht, wie ihre Eltern so furchtlos sein konnten, oder besser gesagt, wie sie ihre eigene Angst hinten anstellen konnten im Angesicht des Leides anderer Menschen. Dazu benötigte es einen besonderen Schlag Mensch.

Nach einem langen Arbeitstag in der Küche kehrte Petra geschafft in ihre Kabine zurück. Ihr Rücken schmerzte. Als sie in die schon etwas vergilbte, abgenutzte Matratze sank, fühlte sie sich wie auf einem Wolkenbett. Während sie da so lag, griff sie unter ihr Kopfkissen und holte den Brief hervor, den ihr ihre Mutter kurz vor der Abreise gegeben hatte. Sie ließ ihn zwischen ihren Fingern gleiten. Auf dem Umschlag stand in großen Buchstaben ihr Name geschrieben. Sie hatte schon immer die Handschrift ihrer Mutter bewundert, so grazil und schwungvoll. Sie schmunzelte innerlich, als sie sich daran erinnerte, wie oft sie versucht hatte, sie zu fälschen, wenn sie keine Lust auf einen dieser Heimabende oder einen der obligatorischen Ausflüge hatte. Aber sie fehlte nicht ein einziges Mal, die Angst, von den Betreuern erwischt zu werden, war zu groß. Petra wusste, dass ihre Mutter ihr eine Entschuldigung geschrieben hätte, hätte sie sie darum gebeten, doch sie wollte ihre Mutter damit nicht belästigen. Als Lehrerin einer örtlichen Grundschule hatte Petras Mutter immer selbst genug um die Ohren. Außerdem musste auch sie oft genug darlegen, warum sie an so vielen Veranstaltungen nicht teilnahm. Von Anfang an war sie gegen die Vertreibung der Juden gewesen. Oft kochten ihre Gefühle hoch, wenn sie den hasserfüllten Reden beiwohnen musste – ein weiterer triftiger Grund, öffentlichen Reden fernzubleiben.

Sie betrachtete ihre Schüler wie ihre eigenen Kinder. Entsprechend hart traf es sie, als viele von ihnen mit ihren Familien plötzlich und wortlos verschwunden waren. Petra hatte ihre Mutter immer als starke Frau gesehen, die voller Liebe und Unbeschwertheit durch die Welt ging. Doch mit jedem Jahr, in dem der Nationalsozialismus in Deutschland regierte, wurden ihre unbeschwerten Lachfältchen durch trübe Sorgenfalten ersetzt. Trotz allem, was außerhalb ihrer vier Wände passierte, versuchte sie ihr Haus weiterhin mit Liebe und Hoffnung zu füllen. Wenn sie Petra nicht die Welt zeigen konnte, die sie so liebte, so konnte sie doch zumindest ein Stück Welt in ihr Wohnzimmer bringen. Die Familie besaß Bücher über alles, was das Herz begehrte: Kunst, Musik, Geografie, Geschichte und Sprachen. Obwohl Petra lieber mit ihrem Vater Schallplatten hörte, als in Büchern zu blättern, genoss sie es doch sehr, wenn ihre Mutter völlig hingebungsvoll von einem ihrer neuen Bücher schwärmte. Ihr Vater und sie tauschen dann immer verschwörerische Blicke aus. Sie wussten, dass ihre Hingabe zu den Büchern das kleine Feuer aus Liebe, Wissbegierde und kritischem Denken in ihr weiter lodern ließ. Aber der Besitz von einigen Büchern aus der Sammlung war verboten. Darum versteckte sie ihre Bücher so gut, dass selbst ihre eigene Familie nicht wusste, wo alle zu finden waren.

Es war auch ihre Mutter, die darauf bestand, dass ihre Tochter Englisch lernte. Doch nur die Sprache zu beherrschen war nicht genug. Sie übten so lange, bis Petra fast akzentfreies Englisch sprechen konnte. Sie übten oft Nächte lang an der perfekten Aussprache.

Gerade jetzt hätte sie ihre Mutter gerne an ihrer Seite gehabt. Sie hätte sie gerne wissen lassen, dass sie es sicher aufs Schiff geschafft hatte. Das war nicht selbstverständlich gewesen, da es auf offiziellen Wegen gar nicht mehr möglich war, Deutschland zu verlassen. Und doch war sie hier. Wirklich freuen konnte sie sich darüber aber nicht. Doch spürte sie nur Einsamkeit. Petra konnte es kaum erwarten, die Zeilen ihrer Mutter zu lesen, aber sie hatte ihr vor ihrer Abreise versprochen, den Brief erst bei ihrer Ankunft in Amerika zu öffnen. Sie strich ein letztes Mal zärtlich mit ihrem Daumen über ihren Namen und legte den Umschlag wieder unter das Kopfkissen. Zwar war sie erschöpft und ausgelaugt vom Tag, doch sie konnte trotz der fortgeschrittenen Stunde nicht schlafen. Nach kurzer Überlegung stand sie auf und verließ das Zimmer.

Ein paar Matrosen spielten in der Schiffskombüse Karten. Petra setzte sich an einen leeren Tisch in der Nähe der Tür. Die Stimmung war gesellig und ausgelassen. Sie genoss es, den Männern beim Spielen zuzusehen. Sie versuchte so wenig wie möglich aufzufallen, da sie sich mit niemandem unterhalten wollte. Trotz ihrer Anstrengungen, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, spürte sie, wie die anzüglichen Blicke eines Matrosen immer wieder zu ihr herüber wanderten. Der schmierige Kerl war ihr schon des Öfteren unangenehm aufgefallen, weil er den jungen Frauen an Bord gerne lüstern hinterher starrte. Ihre Nackenhaare stellten sich jedes Mal auf, wenn sich ihre Blicke trafen. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, niemanden vorzeitig zu verurteilen, doch bei ihm hatte sie ein sehr unangenehmes Bauchgefühl. Breitbeinig und süffisant grinsend saß er in seiner verschwitzten Uniform inmitten seiner Kumpane. Dicke Schweißperlen rannen über seinen kahl geschorenen Kopf und seine Stirn und er musste sie sich ständig abwischen, damit sie ihm nicht in die Augen liefen. Petra ekelte sich bei seinem Anblick und wendete sich von ihm ab. Als sie wieder zu ihm hinsah, war sein Platz leer. Panisch suchte sie mit den Augen den Raum nach ihm ab. Ihr Herz blieb kurz stehen, als sie bemerkte, dass er direkt auf sie zusteuerte. Sie erhob sich, verließ die Kombüse und bewegte sich zügig in Richtung ihrer Kabine. Sie hörte schwere Schritte hinter sich und legte daraufhin an Tempo zu. Die letzten Meter zu ihrer Kabine rannte sie fast. Sie traute sich nicht, sich umzudrehen.

Angekommen öffnete sie leise die Tür zu ihrer Kajüte, um niemanden zu wecken. Als sie sah, dass all ihre Zimmergenossinnen in ihren Betten lagen und schliefen, stellte sie einen kleinen Holzhocker unter den Türgriff, sodass die Tür nicht mehr von außen geöffnet werden konnte. Zittrig horchte sie an der Tür. Als keine Geräusche von draußen zu hören waren, zog sie sich aus und legte sich erleichtert ins Bett. Doch plötzlich rüttelte es am Türgriff. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Ein paar Mal wackelte noch der Griff, dann hörte sie, wie sich die schweren Schritte des Matrosen langsam entfernten. Ihre Mitreisenden waren mittlerweile an die lauten Geräusche des Schiffes gewöhnt und schliefen unbehelligt weiter. Noch lange nachdem das Rütteln aufgehört hatte, raste Petras Herz in ihrer Brust. Sie beruhigte sich nur langsam. Wie in den Nächten zuvor war auch in dieser Nacht für Petra an Schlaf kaum zu denken.

Als sie am nächsten Tag aufwachte, war ihre Furcht groß, die Kabine zu verlassen, doch bald hielt sie die stickige Luft nicht mehr aus, außerdem hatte sie Dienst. Das Einzige, was Petra beruhigte, war, dass auch der Matrose nun arbeiten musste. Zum ersten Mal war sie froh, hinter dem alten Spülbecken zu stehen und eine Arbeit zu haben, die sie beschäftigte. Den ganzen Vormittag lang dachte sie an den Nachmittag, an dem sie keinen Dienst hatte. Ihr graute es davor, dem Matrosen erneut zu begegnen. Sie konnte und wollte nicht zurück in die stickige Kabine, also beschloss Petra aufs Oberdeck zu gehen. Dort war sie umgeben von anderen Passagieren und die Wahrscheinlichkeit, dem schmierigen Seemann zu begegnen, war gering. Als sie nach draußen trat, zog die kalte Luft durch jede Masche ihres schon etwas löchrigen Mantels. Schnell zog sie den Kragen bis unter ihr Kinn. Sie sah sich um und beschloss, sich an die Reling zu stellen war. Ein junges Pärchen stand neben ihr und blickte auf die raue See, eine ältere Dame saß in eine Decke gewickelt auf einem Stuhl und eine Mutter versuchte ihre beiden Kinder in Schach zu halten. Doch Petras Augenmerk fiel auf einen einsamen Mann. Sie schätzte ihn auf Mitte 50. Von Weitem ähnelte er ihrem Vater mit den kurzen braunen Haaren und dem gütigen Gesichtsausdruck. Gedankenverloren stand er in einer Ecke und zog an seiner Pfeife. Petra, die nach wie vor nicht an einer Konversation interessiert war, stellte sich mit einem angemessenen Abstand neben den Herren und musterte ihn eingehend. Von seinem perfekt sitzenden Anzug und dem hochwertigen blauen Wollmantel mit goldenen Knöpfen schloss sie, dass er zu den besser betuchten Passagieren gehören musste. Ihr Blick wanderte zu seinen Schuhen. Sie sahen nicht übermäßig teuer, aber gut gepflegt aus. Petra dachte an ihre Mutter, die großen Wert auf ordentliches Schuhwerk legte. „Schuhe sorgen dafür, dass man leichter durchs Leben kommt und deshalb sollte man sich um sie kümmern“, hatte ihre Mutter immer wieder erklärt, wenn Petra erneut in ihre abgenutzten Lieblingssandalen schlüpfte. Immer noch in Gedanken bei ihrer Mutter, bemerkte Petra nicht, dass der Herr sie nun ebenfalls musterte. „Wissen Sie, worüber sich die Fische am meisten aufregen?“ Petra schreckte aus ihren Gedanken hoch: „Wie bitte?“ Er wiederholte seine Frage, doch Petra blickte ihn weiterhin verständnislos an. Mit einem Lächeln sagte er: „Schuhe. Es liegen geschätzt über 10.000 einzelne Schuhe auf dem Meeresgrund, die sie nicht benutzen können.“ „Was für eine komische Antwort“, dachte Petra. Dennoch lächelte sie und erwiderte: „Ja, ich habe auch schon gehört, wie sich die Meerjungfrauen über dieses Problem beschwert haben.“ Beide grinsten einander an. Der Herr war schlagfertige Antworten von Frauen nicht gewohnt und daher positiv überrascht. Sein Akzent war kein deutscher, das war Petra sofort aufgefallen. Als sie ihn danach fragte, erzählte er ihr, dass er ein Journalist aus Österreich sei. Obwohl Petra anfänglich jeder Konversation aus dem Weg gehen wollte, fand sie nun doch Gefallen daran, sich mit diesem netten Herrn, der sich als Johannes vorstellte, zu unterhalten. Sie erfuhr, dass er lange Jahre mit seiner Frau in der Nähe von Salzburg gelebt hatte. Er sprach mit solch einer schmerzlichen Hingabe von ihr, dass Petra sofort verstand, wie sehr er sie geliebt haben musste. „Sie wurde von ihnen abgeholt“, erzählte er mit einem gequälten Blick. Petra wusste genau, was er damit meinte. Sie hatte die verschiedenen Phasen selbst miterlebt. Erst wurden Menschen jüdischer Herkunft aus ihren Positionen enthoben. Sie nannten es die Entlassung aller „nichtarischen“ Beamten. Dann folgten alle anderen Berufsstände. Die Regierung grenzte sie aus der Gesellschaft aus und machte es für sie unmöglich zu arbeiten. Sie enteignete ganze Familien und brachte sie in sogenannten „Ghettos“ unter. Es wurden zahlreiche antijüdische Gesetze und Verordnungen erlassen. Dann kamen die Lager. Viele Menschen wussten nicht einmal, dass diese existierten und diejenigen, die von ihrer Existenz erfuhren, verschlossen oft die Augen davor. Was sollte man schon dagegen tun? Anfangs wurden sie der Bevölkerung noch als Arbeitslager verkauft, doch langsam und schleichend wurden die Gerüchte von Folter und Massenmorden laut.

Immer wenn die Lastwagen anrollten, hielten alle den Atem an. Je älter sie wurde, desto schmerzhafter wurde Petra bewusst, dass die meisten Menschen, die abgeholt wurden, ihre letzte Reise antreten würden. Es war die Gleichgültigkeit, die Petra am meisten abschreckte. Sie wusste, dass sie nicht urteilen durfte, da sie selbst wegsah, wenn die Soldaten Familien auseinanderrissen und unschuldige Menschen deportierten. Allerdings stand vielen ihrer Mitbürger die Freude und die Genugtuung ins Gesicht geschrieben, wenn sie einem solchen Spektakel beiwohnten. So fühlten sie sich stark, erhaben trotz ihrer eigenen Machtlosigkeit. Doch nichts war erhaben daran, einen alten Mann zu schlagen, der sein Leben lang für sein Land gearbeitet hatte. Und nun kam ein 17-jähriger Bursche daher, der in seinem Leben noch nichts geleistet hatte und dachte, er wäre etwas Besseres. Das war in ihren Augen anmaßend. Ein anderes Mal musste sie mitansehen, wie beim Losfahren des Lastwagens ein Mann von der Ladefläche geschleuderte wurde. Statt anzuhalten und ihn wieder aufsteigen zu lassen, legten die Soldaten den Rückwärtsgang ein und fuhren mit voller Wucht mehrere Male lachend über ihn. Seinen reglosen Körper ließen sie auf der Straße liegen. Das Jubeln der Soldaten konnte sie bis heute noch in ihren Ohren hören. Sie konnte sich nicht im Ansatz vorstellen, wie traumatisch es sein musste, einen geliebten Menschen auf solch einem Wagen wegfahren zu sehen.

Umso mehr bewunderte sie die abgeklärte Art, mit der Johannes über den Verlust seiner Frau sprach. Petra konnte die Trauer über den Verlust in seiner Stimme hören, doch sie spürte keine Bitterkeit in seinen Worten. Immer wieder betonte er, dass seine Frau das Leben geliebt hatte und nicht gewollt hätte, dass er seins aufgäbe. „Sie war der Meinung, dass die anderen sonst gewinnen würden.

Ich solle für uns beide leben, sagte sie immer wieder“. Seine Lippen formten ein trauriges Lächeln, während er sprach. Petra gefiel dieser Gedanke, auch wenn sie selbst nicht wusste, ob ihr Zorn gegenüber einer Regierung, die ihr die Eltern nahm und sie zwang, ihre Heimat zu verlassen, jemals verblassen würde. Zu frisch war die Wunde, zu groß der Schmerz. Noch über eine Stunde standen die beiden an Deck und sprachen über ihre persönlichen Schicksale, die sie auf diesem Schiff zusammengebracht hatten.

Nach dem Verlust seiner Frau hielt Johannes nichts mehr in Österreich. Auch war die Regierung nicht der größte Bewunderer seiner Arbeit, zu freidenkerisch waren seine Texte. Johannes berichtete, dass er von Kindertagen an immer ein Künstler sein wollte. Leider stellte sich schnell heraus, dass er kein natürliches Talent dafür besaß. Seine Eltern legte ihm nahe, einen anständigen Beruf zu erlernen und nicht weiter diesen Flausen im Kopf nachzujagen. Also machte er eine Lehre als Tischler. Viele Jahre arbeitete er in diesem Beruf, doch die Leidenschaft zur Kunst verließ ihn nie ganz. Zwar konnte er selbst nicht zeichnen, doch dies hielt ihn nicht davon ab, die großen Künstler seiner Zeit zu studieren. Er wurde ein richtiger Kunstexperte und war begierig darauf, sein Wissen zu teilen. Zu seinem Leid hielt sich das Interesse für Maler und Pinseltechniken in seinem Freundeskreis in Grenzen, also begann er neben seiner normalen Arbeit ein paar Artikel für eine lokale Zeitung zu schreiben. Der Chefredakteur erkannte sein Talent und seinen Enthusiasmus und bot ihm an, in Vollzeit für die Kunstkolumne der Zeitung zu schreiben. Diese Gelegenheit ließ sich Johannes nicht entgehen. Er kündigte seine Arbeit als Tischler und wurde Redakteur. Diese Geschichte erinnerte Petra an ihren Vater. Auch er hatte von einer großen Karriere als Musiker geträumt, doch nie genug an sich selbst geglaubt, um diesen Traum ernsthaft zu verfolgen. Petra hatte ihren Vater oft beim Klavierspielen beobachtet und sie war sich sicher, dass es ihm nicht an Talent fehlte. Immer wieder versuchte sie ihn zu ermutigen, sich einer Musikgruppe anzuschließen. Doch mit den Worten, „Diese Zeiten sind vorbei“, winkte er immer wieder ab. Was wohl passieren würde, wenn die Menschen nicht immer so schnell aufgeben würden, fragte sich Petra. Sie beneidete Menschen mit großen Träumen und Ambitionen, da sie selbst keine wahre Leidenschaft hatte. Sie konnte von allem ein wenig, aber nichts richtig gut. Sie sang gern, aber konnte sich selbst nicht als Sängerin sehen, sie liebte das Tanzen, doch eine Tänzerin war sie auch nicht. Petra merkte, wie ihre Gedanken abschweiften, während Johannes´ Lippen sich weiter bewegten. Schnell schwenkte sie wieder zu ihm zurück.

Sie wollte von ihm wissen, ob die Tatsache, dass seine Frau Jüdin war, ihn dazu bewegt hatte, das Land zu verlassen. Johannes lächelte und schüttelte den Kopf. „Klar war es ein Problem, aber mein Arbeitsverbot habe ich mir selbst zuzuschreiben – im wahrsten Sinne des Wortes. Über die Jahre habe ich mir einen guten Ruf aufgebaut und eine leitende Position bei der Zeitung übernommen. So hatte ich einige Freiheiten in der Themenwahl, aber das sollte mir schnell zum Verhängnis werden. Sie müssen verstehen, meine Liebe zur Kunst ist immens und das kann mir auch das nationalsozialistische Wertesystem nicht nehmen. Besonders diejenigen Künstler, die Dinge neu interpretieren und – ich möchte fast sagen – groteske Interpretationen bieten, faszinieren und inspirieren mich am allermeisten. Leider teilt der nationalsozialistische Staat nicht meine Ansicht und zensiert diese Kunst. Alles, was ich bewundere, ist unter diesem Regime verpönt. Also musste ich einen Weg finden, um trotzdem über diese Art der Kunst berichten zu können. Da kam mir die Münchner Ausstellung über entartete Kunst sehr gelegen. Haben Sie davon gehört?“ Petra schüttelte neugierig den Kopf. „Es handelte sich um eine staatliche Propagandaaktion. Es wurden Kunstwerke ausgestellt, die nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprechen. Ziel dieser Ausstellung war es, den Menschen vor Augen zu führen, wie schrecklich diese Kunst doch sei und was mit jenen passiert, die diese verherrlichen.“ Johannes lachte kurz auf. „Also wurden aus ganz Deutschland Kunstwerke beschlagnahmt, die als „entartet“ gelten und zur Schau gestellt. Um den dramatischen Effekt zu intensivieren, wurden die Wände neben den Kunstwerken mit Schmäh-Sprüchen versehen. Anfangs habe ich wirklich versucht, meine Euphorie über die gezeigten Kunstwerke im Zaum zu halten. Ich wollte die Berichterstattung so sachlich wie möglich gestallten. Glauben Sie mir, meine Liebe, es war nicht leicht für mich. Doch dann bemerkte ich, dass die Leute in Massen in die Ausstellung strömten und da konnte ich nicht anders. Ich sah es als meine Pflicht an, die Menschen über die Künstler und die Geschichte der Kunstwerke aufzuklären. Ich schrieb und schrieb und vergaß dabei immer wieder, dass diese Künstler als Staatsfeinde gehandelt wurden und ich nicht positiv über entartete Kunst schreiben durfte. Meine Vorgesetzten ermahnten mich, vorsichtig zu sein, doch ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits einen guten Ruf in der Kunstszene erlangt und deshalb ließen sie es mir erst einmal durchgehen. Jedenfalls war die Ausstellung in München ein großer Erfolg, also entschied man sich, eine Wanderausstellung unter selbigem Namen durchzuführen. Selbstverständlich war es mir ein Anliegen, diese zu begleiten. Viele unterschiedliche und äußerst spannende Kunstwerke wurden gezeigt.“ Johannes hielt inne und zog ein paar Mal an seiner Pfeife.

Petra sagte nichts, sie war gespannt zu erfahren, wie seine Geschichte weiterging. Doch während sie Johannes beim Rauchen zusah, fiel ihr eine ähnliche Ausstellung ein, die sie mit ihrem Vater besucht hatte und den Titel „Entartete Musik“ trug. Am Pranger standen die Musik jüdischer Komponisten und die als „Niggermusik“ betitelte Jazzmusik. Sie erinnerte sich, dass sie sich selbst immer wieder zwingen musste, nicht mit dem Fuß zu wippen, während sie sich die „unreine“ Musik anhörte. Auf dem Heimweg schlug ihr Vater vor, die Ausstellung öfters zu besuchen, schließlich konnte man dort gute Musik hören. Er hatte zwar versucht, fröhlich zu klingen, als er das sagte, aber Petra war aufgefallen, wie traurig er in Wahrheit darüber war, seine geliebte Jazzmusik nicht mehr hören zu dürfen. So musste es wohl auch Johannes ergangen sein, dachte sich Petra. Sie räusperte sich diskret, um Johannes wieder auf sich aufmerksam zu machen. Dieser schrak tatsächlich aus seiner Tagträumerei auf und fuhr fort. „Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich begleitete die Wanderausstellung. Wunderbare Kunstwerke, über die ich dort berichtete! Allerdings wurden meine Artikel immer mehr zum Problem. Die Leser beschwerten sich über meine Äußerungen und die Zeitung geriet offiziell unter Druck, meine Arbeit zu zensieren. Doch ich konnte nicht klein beigeben, verstehen Sie? Je größer der Druck auf mich wurde, desto kritischer wurden meine Texte. Ein fataler Fehler, denn so wurde die Regierung erst auf mich und dann auf meine Frau aufmerksam. Dass sie sie abholten, brachte das Fass zum Überlaufen. Ich schrieb einen hitzigen Artikel über die Unterdrückung der Kunst, der mir nicht nur ein Berufsverbot einbrachte, sondern auch zwei Wochen Gefängnis. Ich bin nur durch meine guten Kontakte überhaupt wieder rausgekommen. Ich bereue nicht, diesen Artikel geschrieben zu haben, aber leider wurde er nie gedruckt. Das macht mich traurig. Nun ja, danach hielt mich nichts mehr in der Heimat. Ich kenne mich gut genug: Wäre ich dortgeblieben, hätte ich nicht den Mund halten können. Irgendwann hätten die mich für immer weggesperrt, da nützen mir die besten Kontakte nicht.“

Seither war er, wie Petra es nannte, auf der Flucht, doch er umschrieb es als eine abenteuerliche Suche nach neuen Inspirationen. Inspirationen, von denen es in dieser neuen Welt, auf die sie zusteuerten, hoffentlich viele geben würde. In seinen Augen konnte Petra ein Leuchten sehen. Sie bewunderte seine scheinbare Furchtlosigkeit. Für ihn war es ein Abenteuer und für sie eine Reise ins Ungewisse. Das Signal zum Essen ertönte. Bevor sich ihre Wege trennten, verabredeten sie sich wieder für den nächsten Tag. Zum ersten Mal, seitdem sie auf dieses Schiff gekommen war, verspürte Petra Vorfreude. Sie hatte vergessen, warum sie eigentlich an Deck gegangen war. Nichts konnte ihr an diesem Tag die Laune verderben. Sie absolvierte ihren Küchendienst und als sie danach erschöpft ins Bett fiel, schlief sie zum ersten Mal die ganze Nacht durch.

Auch in den nächsten Tagen waren die Treffen mit Johannes der Höhepunkt ihres Tages. Er erzählte ihr von seiner Arbeit als Journalist. Er schwärmte von Künstlern wie Otto Dix und Emil Nolde, von denen Petra noch nie gehört hatte. Doch er beschrieb ihre Kunstwerke so haargenau, dass sie diese mit all ihren Formen und Farben vor ihrem inneren Auge entstehen sah. Sie liebte es, ihm zuzuhören. Die Art, wie er sprach, erinnerte Petra immer wieder an ihren Vater. Wie er strahlte Johannes eine unerschütterliche Ruhe aus und Petra fühlte sich in seiner Gegenwart geborgen. Es war, als hätte sie mit ihm ein Stück ihrer Familie an Bord. Sie konnte über alles mit ihm sprechen und ihre Bewunderung für ihn wurde von Tag zu Tag größer. Für sie fühlte es sich an, als hätte er