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Jahrelang hat Jasmin sich für ihre Brüder aufgeopfert. Jetzt könnte sie endlich an sich selbst denken. Aber nur wenn sie morgens im Stadtpark dem attraktiven Läufer begegnet und er ihr zulächelt, ist sie glücklich. Wochenlang, bis sie ihm im wahrsten Sinn des Wortes vor die Füße fällt ... Max hat alles. Er sieht gut aus, es mangelt ihm nicht an Geld und er ist erfolgreich. Das Millionenprojekt mit dem saudischen Königshaus katapultiert ihn und das Familienunternehmen in den Olymp der Wiener Baubranche. Wären da nicht das schreckliche Erlebnis, das ihn seit Monaten verfolgt, und die Tatsache, dass seine besten Freunde plötzlich vom Liebesvirus befallen sind, könnte er glücklich sein. Doch er ist es nur, wenn er morgens der gazellengleichen Läuferin begegnet. Wochenlang wartet er auf den Tag, an dem er sie ansprechen und um ein Date bitten kann – aber dann kommt alles anders ...
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Düfte berauschen, beflügeln die Fantasie. Doch manche sind trügerisch ...
Jahrelang hat Jasmin sich für ihre Brüder aufgeopfert. Jetzt könnte sie endlich an sich selbst denken. Aber nur wenn sie morgens im Stadtpark dem attraktiven Läufer begegnet und er ihr zulächelt, ist sie glücklich. Wochenlang, bis sie ihm im wahrsten Sinn des Wortes vor die Füße fällt ...
Max hat alles. Er sieht gut aus, es mangelt ihm nicht an Geld und er ist erfolgreich. Das Millionenprojekt mit dem saudischen Königshaus katapultiert ihn und das Familienunternehmen in den Olymp der Wiener Baubranche. Wären da nicht das schreckliche Erlebnis, das ihn seit Monaten verfolgt, und die Tatsache, dass seine besten Freunde plötzlich vom Liebesvirus befallen sind, könnte er glücklich sein. Doch er ist es nur, wenn er morgens der gazellengleichen Läuferin begegnet. Wochenlang wartet er auf den Tag, an dem er sie ansprechen und um ein Date bitten kann – aber dann kommt alles anders ...
„Ambrosial Vibes: Max & Jasmin“ ist der dritte Roman der Reihe
Alle Bücher können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.
INHALTSVERZEICHNIS
Ambrosial Vibes
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Mr. Indestructible
Die Autorin
Impressum
1
Sie kommt näher. Bei jedem Schritt zeichnen sich die Muskeln unter dem engen Laufdress ab. Noch zwanzig Meter. Sie ist perfekt, wunderschön, scheint aus einem Stück gegossen. Einer Statue gleich, dem Meisterwerk eines Künstlers, der nie zuvor und nie danach etwas Ähnliches geschaffen hat. Noch zehn Meter. Endlich erkenne ich im Licht der Lampions auf der Promenade auch ihr Gesicht. Ein breites Stirnband fasst es ein, unterstreicht die Konturen, die hohen Wangenknochen, die schwarzen Augenbrauen, die wie gemalt wirken. Der sanfte Blick aus ihren von dichten, langen Wimpern umrahmten Augen trifft mich, raubt mir den Atem. Noch drei Meter. Die schmale Nase mit dem leichten Höcker, der einzigen Imperfektion in diesem schönen Gesicht, nimmt ihr das Unnahbare. Noch zwei Meter. Ihr Mund, herzförmig und an den Winkeln etwas hochgezogen und von senkrechten Grübchen begrenzt, sobald sie lächelt, lässt mich abrupt anhalten. Anstatt ihr auszuweichen wie an jedem anderen Morgen bisher, mache ich einen Schritt zur Seite, strecke die Arme aus – und sie fliegt an meine Brust.
»Endlich«, haucht sie atemlos.
Ihr warmer Atem vereint sich mit meinem, bildet kleine Wölkchen, die zwischen uns in der eiskalten Luft des frühen Wintermorgens aufsteigen.
»Endlich!«, wiederhole ich einem Echo gleich.
Sie lächelt. Ihre sinnlichen Lippen öffnen sich. Das lange Warten hat ein Ende. Ich überwinde die letzten Zentimeter, die uns trennen. Atme ihren Geruch ein, löse mit einer Hand das Band, das ihre dichten rotbraunen Haare zusammenhält, lege die andere zwischen ihre Schulterblätter und ziehe sie näher. Hauche sanfte Küsse auf ihren Mund. Sie seufzt tief, schlingt ihre Arme um meinen Nacken, presst ihren Oberkörper an meinen. Dann ihr Becken. Heiß, perfekt, gefährlich. Egal! Ich drücke meine Mitte gegen ihre, lasse sie spüren, was sie mit mir macht. Aus mir macht. Und endlich ...
Das schreckliche Geräusch setzt schlagartig ein. Der Handywecker! Ich reiße die Augen auf und ziehe ruckartig die Hand weg, die mein bestes Stück umfasst. Nicht ihre. Meine.
Verdammt! Schon wieder dieser Traum, der mich jede Nacht verfolgt!
Seit dem Tag vor sieben Wochen, als ich mich wie immer nach meiner Rückkehr aus Riad schlaflos hin und her warf, bis ich aus dem Bett sprang und noch in der Dunkelheit meine Laufklamotten anzog und die Wohnung verließ. Ohne einen Blick in den Fitnessraum zu werfen, den Benjamin und ich uns auf unserer Etage teilen, stieg ich in den Lift. Ich brauchte frische Luft.
Fünf Minuten später lief ich an der Albertina vorbei, bog kurz darauf bei der Staatsoper nach links ab und nahm eine der beiden Alleen, die beidseitig der Ringstraße verlaufen und die Nebenfahrbahnen von den Gleisen der Straßenbahn und den drei Fahrspuren der Prachtstraße trennen. War ich planlos von daheim losgelaufen, so hatte ich plötzlich mein Ziel vor Augen. Sobald ich nach dem Kursalon die Treppe des prunkvollen Wienflussportals erreichte, wählte ich die linke. Ebenso gut hätte ich die andere nehmen können. Aber das Schicksal ist unvorhersehbar – und so ist sie mir vor die Füße gelaufen. An mir vorbei, um genau zu sein.
Das war vor neunundvierzig Tagen, und es vergeht keine Nacht, in der ich nicht an sie denke. Sie nicht vor mir sehe. Nicht, nachdem ich ihr morgens noch vor dem Sonnenaufgang auf der Promenade im Stadtpark begegnet bin, nicht wenn ich Tausende von Kilometern von ihr entfernt in Riad bin. War. Denn damit ist endlich Schluss. Wir haben genug Mitarbeiter, die weitere Einladungen unserer saudischen Geschäftspartner an meiner Stelle annehmen werden. Der Vertrag ist seit Monaten unterschrieben, die Planungsphase abgeschlossen. Ich will weder Prinz Khalid noch sonst einen seiner katzbuckelnden Scheichs wiedersehen. Schon gar nicht in dem reichsten Land der arabischen Welt, in dem ich vor meiner ersten Reise das ultimative goldglitzernde Paradies vermutete. Mittlerweile ist mir Saudi-Arabien derart zuwider, dass ich nach jedem Aufenthalt dort Tage brauche, bis ich den widerlichen Geschmack aus meinem Mund und den abstoßenden Geruch aus meiner Nase bekomme. Sobald auf dem Display ein Anruf aus Riad angezeigt wird, überkommt mich der Ekel bei dem Gedanken an das, was ich gesehen und erlebt habe.
Mir ist sogar die Lust auf Sex vergangen, was jedoch nicht daran liegt, dass alle um mich herum plötzlich verliebt sind und vom Singlestatus direkt in die Beziehungskiste gehüpft sind. Na ja, auch. Vielleicht. Ein bisschen. Doch begonnen hat es bei meinem ersten offiziellen Aufenthalt als Vertragspartner für das Projekt in Riad. Ohne mich in irgendeiner Hinsicht darüber zu informieren, ließ mich Prinz Khalid, der zu Hause drei Ehefrauen hat, am Abend nach meiner Ankunft vom Hotel abholen. Der Fahrer der Limousine hüllte sich in Schweigen, bis wir vor einem Palast hielten. Nicht vor Khalids, dem des Königs oder eines anderen Familienmitglieds des saudischen Königshauses, von denen ich in all der Zeit nicht einen von innen gesehen habe, sondern einem Gebäude, das mit all dem Glanz und Glitzer wie ein Märchenpalast wirkt. Nur ist das, was sich dort abspielt, absolut nicht jugendfrei. Selbst für jemanden wie mich, der Sex aus Vernunftgründen lieber weit weg von Wien hat, während der unzähligen Wochenenden, die Benjamin und ich stets gemeinsam in Paris, Amsterdam, London oder sonst wo verbringen (verbrachten, berichtige ich mich, denn er hat ja nun Leonie ...), sind Bordellbesuche ein Tabu. Zu den Gepflogenheiten beim Abschluss von Projekten in Millionenhöhe gehört es jedoch einfach dazu, dass man den Geschäftspartnern die schönsten Frauen oder Männer, ganz nach Geschmack, auf dem Silbertablett präsentiert. Aber doch keine Kinder! In Saudi-Arabien gibt es offenbar keine Altersgrenze nach unten, was die Prostitution anbelangt. In dem Empfangsraum, dem einzigen, den ich in diesem einem goldenen Käfig ähnlichen Bordell betreten habe und wo natürlich auch der sonst im Land verbotene Alkohol ausgeschenkt wird, habe ich Jungen und Mädchen gesehen, die sicher nicht älter als vierzehn waren. Kinder, die kaum bekleidet den geilen Säcken zur Wahl stehen, die dann mit ihnen irgendwo in den Tiefen des Gebäudes verschwinden. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, und bin geflohen. Khalid ist mir nachgelaufen und hat mich gefragt, was denn mit mir nicht stimme. Alle anderen europäischen und amerikanischen Geschäftspartner kämen so oft wie möglich nach Riad, um die tabulosen Annehmlichkeiten zu genießen, meinte er. Ich habe ihn stehen lassen und bin in die Limousine gestiegen und ins Hotel zurückgefahren. Die restliche Zeit war ich entweder dort oder bei den Meetings – bis zum Tag, an dem wir den Vertrag unterzeichnet haben und ich endlich wieder heimfliegen konnte. Damals habe ich gehofft, alle weiteren Gespräche in Wien führen zu können. Immerhin wird hier das Luxushotel mit der angeschlossenen Privatklinik errichtet, die ausschließlich auf Schönheitschirurgie und sonstige Behandlungen spezialisiert ist, die keiner braucht – und die hingegen für die Reichen und Mächtigen der Welt zum Leben gehören wie für Durchschnittsmenschen Brot und Butter. Aber nein, Khalid und die unzähligen Scheichs um ihn herum, die jeweils nur für einen klitzekleinen Aspekt des großen Ganzen zuständig sind, beorderten mich für jeden Fliegenscheiß nach Riad. Wieder und wieder. So oft im heurigen Jahr, dass ich die letzten Male schon beim Anflug auf die saudische Hauptstadt im Flugzeug nicht nur den Spuckbeutel aus der Sitztasche vor mir ziehen musste, sondern auch nutzte. Bis ich Khalid endlich die Stirn bot und ihm klarmachte, dass ich in Wien ein großes Unternehmen leite, und zwar mit Beginn des neuen Jahres allein, weil sich mein Vater frühzeitig aus den Geschäften zurückzieht und mir das Ruder übergibt. Ich bin Papa für seine überraschende Entscheidung unendlich dankbar, habe ich doch endlich einen stichhaltigen Grund, an meiner Stelle Mitarbeiter nach Riad zu schicken, die sich dort mit Details wie goldene Wasserhähne, mit Edelsteinen besetztes Besteck und Sofadecken aus der Wolle der Kaschmirziegen auseinandersetzen werden.
Doch ich kann einfach nicht vergessen, was mich krank macht.
Nicht öffentlich machen zu können, dass ich diese Sexsklaven mit ihren schmalen Körpern und oft noch kindlichen Gesichtern gesehen habe, hat mir monatelang Albträume beschert. Bis ich Benjamin und Jason davon erzählte und ihnen sagte, was ich vorhatte. Beide haben entsetzt die Hände gehoben, weil ich mich mit meinem Wissen an eine Menschenrechtsorganisation wenden wollte. Auch meine Absicht, alternativ den amerikanischen Journalisten zu kontaktieren, den ich vor etlichen Jahren kennengelernt habe und der mit seinen bestens recherchierten Enthüllungsberichten weltweit Aufsehen erregt, haben sie mir vehement ausgeredet.
»Hier geht es nicht darum, dass Khalid nicht einmal seinen Geheimdienst einsetzen müsste, um sicher zu sein, dass du hinter der Sache steckst.« Benjamin hat mit todernstem Gesichtsausdruck nach meinen Händen gegriffen und sie so fest gehalten, dass es schmerzte. »Deine Reaktion damals, als er dich in dieses Bordell einlud, war doch eindeutig!«
»Ich verzichte lieber auf das Projekt, als zu wissen, was diese Drecksäcke den Kindern antun – und ich werde einen Weg finden, dich für den Verlust des Auftrags abzufinden, Benjamin, selbst wenn ich den Rest meines Lebens Raten bei dir abstottere.«
»Himmel, Arsch und Zwirn, Max!« Benjamin hatte derart geschrien, dass sogar Jason blass geworden ist – was ich bei seiner karamellfarbenen Haut nicht für möglich gehalten habe. »Scheiß auf das Projekt. Ich würde mich sofort mit meiner Firma daraus zurückziehen, um diese Sache ans Licht zu bringen und zu beenden. Aber wir wissen doch alle, was passiert, wenn sich jemand gegen das saudische Königshaus stellt. Oder hast du den Mord an ihrem eigenen Landsmann in der Botschaft in Istanbul vergessen?«
»Kashoggi war Journalist«, erwiderte ich. »Er wollte nur ...«
Ich unterbrach mich, als mir plötzlich die Tragweite meiner Gedanken und die daraus resultierenden möglichen Konsequenzen klar wurden. Seither habe ich das Thema nicht mehr angeschnitten – bei niemandem. Am Morgen nach dem Gespräch mit Benjamin und Jason, als ich aus einer schrecklichen Nacht aufschreckte, bin ich einfach drauflosgelaufen – und landete im Stadtpark.
Es war der Tag Anfang November, an dem ich ihr zum ersten Mal begegnete.
Sie war der einzige Lichtblick in all den Wochen, in denen ich mir ihre Reaktion ausmalte, sobald ich sie endlich ansprechen würde. Was ich nicht tun wollte, bevor ich sicher war, nie wieder wochenlang aus Wien verschwinden zu müssen, um der saudischen Königsfamilie, die den Großteil der Millionen für das Projekt beisteuern, in den Arsch zu kriechen und dabei innerlich aus Angst zu zittern. Denn das war es, was ich seit meinem Gespräch mit Benjamin und Jason tat. Zur Abscheu kam nun die Panik, die mich fest im Griff hatte, sobald ich ein Flugzeug in die saudi-arabische Hauptstadt betrat. Auf dem Rückflug von Riad vor vier Tagen spürte ich zum ersten Mal nicht nur den mir wie üblich anhaftenden Ekel über das, was hinter mir lag, sondern Vorfreude. Natürlich habe ich die kurze Nacht wieder teils schlaflos und durchweg unruhig verbracht und von ihr geträumt. Von dieser wunderschönen Läuferin, die einer Gazelle ähnelt und sich in meinem Kopf und meinem Unterbewusstsein festgesetzt hat, als ob sie dorthin gehörte. In meinen jede Nacht wiederkehrenden Träumen erlebte ich zunehmend realistischer, was ich tun würde, sobald der Moment gekommen war. Und es beunruhigte mich absolut nicht, dass ausgerechnet ich einer Frau nachlief – im wahrsten Sinne des Wortes!
Aufgeregt lief ich am Morgen des Heiligen Abends los. Bei der Staatsoper sind die ersten Zweifel aufgekommen. Welcher normale Mensch geht zu Weihnachten freiwillig vor sechs Uhr aus dem Haus? Niemand – außer mir. Beim Kursalon war ich mir fast sicher, dass sie nicht kommen würde. Als ich die Treppe nahm, die zur Promenade hinabführt, stand für mich endgültig fest, dass ich sie nicht treffen würde. Mit gesenktem Kopf lief ich zwischen der steinernen Brüstung und der kunstvoll gestalteten Seitenwand zum etwas oberhalb liegenden Stadtpark entlang. Jemand rief nach seinem Hund und ich sah auf. Sah sie. Keine fünf Meter von mir entfernt. Ihr Blick war auf mich gerichtet, ihre Lippen zu einem zaghaften Lächeln verzogen. Und dann war sie an mir vorbei.
Ich weiß nicht, wieso niemand Verdacht an meinem Geisteszustand geschöpft hat. Mir fehlt jede Erinnerung daran, wie ich hinaus in den 13. Bezirk in mein Elternhaus gekommen bin, ebenso an die Gespräche mit meinen Eltern, meiner Schwester Sophie und Jason bei der in unserer Familie am Heiligen Abend obligatorischen gebratenen Gans mit Rotkraut und Kartoffelknödeln. Nur als ich die Tüte mit den Geschenken am nächsten Morgen sah, erinnerte ich mich daran, dass wir vor dem festlich beleuchteten Christbaum Glückwünsche ausgetauscht haben – während in meinem Kopf unablässig dieselben Wörter rotierten: Du bist ein Idiot! Und obwohl ich die Stimme der Frau, die längst keine Unbekannte für mich ist, nicht kenne, sie nie gehört habe, raunte sie mir im Traum genau diesen Satz zu.
So zeitig wie am Christtag war ich noch nie beim Stadtparkeingang oberhalb des Wienflussportals. Am oberen Ende der Treppe lief ich im Stand und wartete. Nach unendlichen Minuten verschwand meine Hoffnung und meine Laune erreichte den absoluten Tiefpunkt. Ein Mann mit einem Rottweiler an der Leine, dem ich schon mehrmals begegnet war, warf mir einen eigenartigen Blick zu und zog seinen Hund in großem Abstand eilig an mir vorbei. Keine Ahnung, ob ich vor mich hin gemurmelt habe, aber wahrscheinlich reichte mein grimmiger Gesichtsausdruck, um mir aus dem Weg zu gehen. Ich wollte ihm etwas nachrufen – und sah sie. Nah, viel zu nah. Ich sprintete los, nahm immer zwei Stufen auf einmal, rannte ihr entgegen. Dabei musste ich einem Hundehalter und seinem krummbeinigen Dackel ausweichen – und plötzlich war sie unmittelbar vor mir. Mit einem unsicheren Lächeln in meine Richtung, bevor sie verschwand.
Ich war kein Idiot, sondern ein ausgemachter Volltrottel! Vielleicht habe ich deshalb das Wasser der Dusche so kalt eingestellt, dass ich noch stundenlang am ganzen Körper zitterte, obwohl ich irgendwann die Funktion des Mischhebels begriff und diesen auf warm stellte, bevor ich mich im Bademantel unter der Decke vergrub und aufs Sofa schmiss. Bis das Telefon läutete und meine Mutter mich fragte, wann ich denn endlich käme. Ich jettete zur Tiefgarage und raste nach Hietzing. Erst an den hochgezogenen Augenbrauen meines Vaters merkte ich, dass löchrige Jeans nicht die Kleidung sind, in der man in meinem Elternhaus den Christtag begeht. Dass ich absolut keinen Grund zum Feiern hatte, behielt ich für mich. Auch, warum ich kaum etwas vom Wildschweinbraten anrührte und auf das Mousse au Chocolat verzichtete, was meine Mutter mit einem besorgten Blick kommentierte.
»Ich muss mich heute früh beim Laufen verkühlt haben«, kam ich ihrer Frage zuvor.
»Seit wann läufst du denn draußen?«, fragte mich Sophie kopfschüttelnd.
»Also wenn ich so einen tollen Fitnessraum hätte wie den von Benjamin und dir, würde ich keinen Fuß vor die Tür setzen«, meinte Jason, was ihm einen Stoß in die Rippen meiner Schwester einbrachte.
»Als ob deiner nicht fantastisch wäre!«, sagt sie mit einem Augenrollen.
»Unserer, Liebling, nicht meiner. Und ja, die Geräte sind toll und die Größe passt ebenfalls, aber den Ausblick, den die beiden haben, bieten nicht einmal die teuersten Studios der Stadt.«
»Du hast noch immer nicht Sophies Frage beantwortet, Max!«, unterbrach meine Mutter das Geplänkel. »Warum um Himmels willen läufst du bei dieser Eiseskälte draußen?«
Ich spürte, wie die aufkommende Verlegenheit drohte, meine normale Gesichtsfarbe mit dunklem Rot zu überziehen, atmete tief ein, versuchte, nicht an sie zu denken, und zuckte mit den Achseln.
»Ich brauche frische Luft, vor allem nach Riad.«
Mein Vater, der die saudi-arabische Hauptstadt als Einziger außer mir persönlich kennt, kam mir zu Hilfe.
»Das kann ich verstehen. Die unerträgliche Hitze in Kombination mit dem Wüstenwind ist schrecklich – und du warst heuer wirklich sehr oft dort.«
»Das hat jetzt zum Glück ein Ende«, murmelte ich.
»Fliegst du nicht mehr hin? Ist das Projekt denn ...«
»Nicht heute, Kinder«, unterbrach Mama Sophie.
Die Hürde war umschifft, und ich war froh, als meine Schwester Jason bald darauf zum Aufbruch drängte. Sie wollte noch einmal den fertig gepackten Koffer kontrollieren, bevor sie am Abend nach Nassau flogen, um in der Karibik das alte Jahr ausklingen zu lassen und auch die erste Woche des neuen zwischen Sand, Sonne und Palmen zu verbringen. Kurz nachdem die beiden fort waren, fuhr ich mit unzähligen Tipps – beginnend bei warmen Socken bis zur absoluten Bettruhe, sowie einer Packung Hustenbonbons und einer Thermoskanne mit Eibischwurzeltee – heim.
»Geh keinesfalls laufen, bis du nicht wieder topfit bist«, warnte mich Papa an der Tür. »Du weißt, das neue Jahr beginnt mit großen Änderungen für dich!«
Als ob ich das vergessen könnte!
»Keine Sorge, ich bleibe im Bett. Ist ja ohnehin niemand da, der mich ablenken könnte.«
Als mich der Handywecker am nächsten Morgen unsanft aus dem üblichen Traum holte, in dem ich mich gerade vorbeugte, um meine Lippen auf den herzförmigen Mund meiner gazellengleichen Läuferin zu legen, sprang ich aus dem Bett. Zehn Minuten vor der Zeit war ich beim Stadtpark. Meine Augen tränten und mein Hals kratzte. Ich fühlte mich gelinde gesagt genau so, wie ich am Vortag behauptet hatte: verkühlt. Plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Ich sog die eisige Luft ein, was die Sache nur kurzfristig besser machte, denn ich begann zu husten. Ich zog einen Handschuh aus und versenkte meine Finger in der Tasche, fand eines der Hustenbonbons meiner Mutter. Das Ding schmeckte nach Eukalyptus und Menthol – eklig. Ich spuckte es aus, aber selbst wenn ich nicht meine allzu sensible Nase gehabt hätte, wusste ich, dass ich ihr mit diesem Geruch nicht nahekommen durfte. Ist der erste Eindruck bei Geschäftsbeziehungen der entscheidende (was ich persönlich nur unterschreiben kann), wie wichtig ist er dann beim näheren Kennenlernen zwischen Mann und Frau? Die Idee, mich ihr in den Weg zu stellen, sie festzuhalten und ihr mit dem Gesicht so nahezukommen, dass sie meine Absicht, sie zu küssen, entweder mit einer Ohrfeige oder mit sich einladend öffnenden Lippen beantworten würde, weil sie sonst keine Alternative hatte, war zu vergessen.
Es war der zweite Weihnachtsfeiertag, und ich stand kurz davor, auch die dritte Chance ungenutzt verstreichen zu lassen. Dabei hatte ich absolut keinen Zweifel mehr, dass sie stets zur selben Uhrzeit meinetwegen hierherkam. Warum ich das wusste? Weil sie soeben am Stadtparksteg vorbeikam und in meine Richtung lief. Ich wollte mich umdrehen und heimlaufen, anstatt weiter zu husten. Stattdessen zog ich noch ein Bonbon aus der Tasche, steckte es mir in den Mund, verzog bei dem Geschmack das Gesicht – und trabte los, während ich mir den Handschuh anzog. Allein ihr schüchternes Lächeln zu sehen, das ihre Mundwinkel nach oben zog, als wir nur wenige Meter voneinander entfernt waren, war all die Anstrengung wert, die es mich kostete, locker zu laufen – und zwar rasch an ihr vorbei. Meine Beine schmerzten, mein Atem war flach und meine Kehle eng. Keuchend nahm ich beim Stadtparksteg die Stufen, die von der Promenade in den Park führen, durchquerte ihn und fiel auf den Rücksitz des ersten Taxis auf dem Standplatz am Parkring. Sobald ich daheim war, tat ich genau das, was mir meine Mutter gepredigt hatte – und ein wenig mehr. Zum Glück habe ich den Schlüssel zu Benjamins Wohnung, der mit Leonie schon vor Weihnachten nach Südafrika geflogen ist. Seine Hausapotheke ist bestens bestückt, seitdem er nicht mehr allein lebt.
Keine Ahnung, welche der drei Tabletten, die ich eingeworfen habe, geholfen hat, doch ich fühle mich beim Aufwachen wie neugeboren. Und das, obwohl mich der Handywecker wieder aus dem Traum gerissen hat. Aber warum sollte ich weiterträumen wollen, wo doch heute der Tag x ist. Endgültig und unaufschiebbar werde ich in einer knappen Stunde den Plan umsetzen. Ich steige in die Dusche, trockne mich ab, trinke ein Glas Orangensaft, putze mir die Zähne, ziehe die Laufkleidung an.
Der Mond ist am wolkenlosen Himmel von Sternen umringt, als ich zwei Minuten vor sechs aus dem Haus komme. Die Luft ist eiskalt. Mein Atem verwandelt sich in Wölkchen, die in der Dunkelheit verpuffen, während ich im perfekten Lauftempo an der Staatsoper vorbei, den Kärntnerring, schließlich über die Zebrastreifen am Schwarzenbergplatz und die Allee am Parkring und weiter zum Kursalon laufe. Ich erkenne ihre schlanke Figur bereits aus der Ferne. Beschwingt nehme ich die Treppe zum linken Promenadenufer, verfalle in den Laufrhythmus. Der Mann mit dem Rottweiler erwidert erstaunt meinen Gruß. Kurz darauf überhole ich eine Frau, deren Stiefelabsätze laut klackern. Mit dem schwarzen Lederhandschuh hält sie eine zusammengelegte Leine, doch von dem Hund ist weit und breit nichts zu sehen.
Hingegen kommt sie immer näher. Sie! Diejenige, von der ich nicht den Namen kenne, deren Stimme ich noch nie gehört habe, jedoch weiß, dass das Schicksal irgendeinen Plan verfolgt. Unser Aufeinandertreffen war kein Zufall – nicht einmal beim ersten Mal. Schon gar nicht heute. Und nicht nur ich sehne mich danach, nicht mehr an ihr vorbeizulaufen, sondern stehen zu bleiben – auch sie tut es. Ich erkenne es in ihrem Blick, der Geste, mit der sie hektisch den hochgezogenen Rollkragen nach unten zieht, ihrem Lächeln.
Endlich!
2
Am frühen Morgen in Wien zu laufen, hat überwiegend Vorteile. Man trifft nahezu ausschließlich auf Gleichgesinnte und Hundebesitzer, vor allem im Winter. Es muss ziemlich genau Viertel nach sechs sein, als ich die Allee zwischen der Nebenfahrbahn und der dreispurigen Ringstraße erreiche. Der ältere Mann mit dem Schäferhund, der mir entgegenkommt, zieht wie immer seinen Hut. Ich lächle ihm zu und ziehe das breite Stirnband zurecht, das meine Ohren bedeckt. Im Stand trippelnd warte ich, dass die nahezu leere Straßenbahn der Ringlinie vorbeirollt. Kein Wunder, dass heute kaum jemand unterwegs ist. Zwischen Weihnachten und Neujahr geht die Routine für die meisten flöten und außerdem ist es eiskalt. Mein Atem bildet kleine schneeweiße Wölkchen. Es sieht aus, als ob sich Kristalle bilden würden, bevor diese von der Dunkelheit verschluckt werden. Die Räder der sich entfernenden Tram erzeugen den typisch kreischenden Ton, der durch Mark und Bein geht. Rasch laufe ich los, über die drei Fahrspuren und die äußeren Gleise und muss prompt schmunzeln. Den beiden Pekinesen in ihren Burberry-Mänteln ist komplett egal, was für ein Tag heute ist. Wie immer ziehen sie die rundliche Frau mit der cremefarbenen Michelin-Männchen-Daunenjacke, die prustend und schimpfend versucht, die Leinen zu kürzen. Wie jeden Morgen frage ich mich, warum sich jemand Hunde kauft, wenn er dann nicht selbst mit ihnen Gassi geht. Die Mollige ist heuer schon die dritte oder vierte Hundesitterin für die quirligen Vierbeiner mit den swarovskibesetzten Halsbändern. Kopfschüttelnd schaue ich dem Dreiergespann nach, bevor ich die Nebenfahrbahn des Parkrings überquere, den Rollkragen über den Mund hochziehe und die Geschwindigkeit erhöhe.
Ich mag den Stadtpark, der selbst im Winter, wenn die Bäume kahl sind, seinen Charme hat. Während ich den breiten mit Bänken gesäumten Weg entlanglaufe, werfe ich einen Blick auf den rechts von mir liegenden weihnachtlich beleuchteten Kursalon und biege nach links ab. Beim Wetterhäuschen kommt mir ein Läufer entgegen. Den dürren Mann mit der Glatze, der metallgerahmten Brille und den Ohrstöpseln kenne ich seit Jahren – vom Sehen. Längst habe ich mich daran gewöhnt, dass er seine Umwelt nicht wahrnimmt und leise vor sich hin murmelt. Vermutlich verbindet er den Morgensport mit einem Motivationstraining über den iPod. Ich frage mich nur, ob er nicht irgendwann genug motiviert sein sollte.
Es ist doch viel schöner, die Geräusche rundum aufzunehmen und mit der Umgebung verbunden und nicht von ihr abgeschottet zu sein. So wie das Wasser des Stadtparkteichs, das neben mir an das Ufer schwappt. Darin spiegelt sich das Mondlicht, obwohl ich halb rechts vor mir bereits die ersten Anzeichen der Morgendämmerung ausmachen kann, während ich weiterlaufe und die Kleine Ungarbrücke ansteuere.
Rasch verjage ich den Gedanken an Julian. Ich will mir seine Reaktion gar nicht vorstellen, wenn er wüsste, dass ich jetzt in der Dunkelheit bei der Brücke die Treppe nach unten zur Promenade laufe, die am Wienfluss entlangführt. Er ist ohnehin der Meinung, dass Frauen den Stadtpark und alle anderen Parks meiden sollten – selbst im Hochsommer und bei Tageslicht. Am besten überhaupt jeden öffentlichen frei zugänglichen Raum wie Straßen und Plätze, ganz zu schweigen von Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen. Keine Ahnung, woran es liegt, aber mein großer Bruder leidet zunehmend an Paranoia – und seitdem unser Nesthäkchen die Flügel ausbreitet, fokussiert er seinen Beschützerinstinkt immer mehr auf mich. Was idiotisch ist, weil ich doch längst bewiesen habe, dass ich auf mich aufpassen kann.
Vor zehn Jahren, als Mama und Papa bei dem Unfall ums Leben kamen, war er dreiundzwanzig und ich gerade erst volljährig – und wir waren von heute auf morgen auf uns allein gestellt. Damals fehlte uns schlichtweg die Zeit, uns Sorgen umeinander zu machen, weil wir genug andere hatten. Irgendwie musste es weitergehen. Genauer gesagt gab es nur eine Richtung und keine Wahl. Unsere Träume zerschlugen sich innerhalb weniger Sekunden. Sie explodierten wie der mobile Bürocontainer, in dem meine Eltern arbeiteten und der sich aufgrund einer defekten Gasleitung in seine Bestandteile auflöste. Wir hatten nur noch uns – und Jo. Der war gerade erst acht und trotz all seiner Probleme ein Sonnenschein. Er war der Grund, weshalb wir uns entschlossen, ihn gemeinsam aufzuziehen und die Baufirma unserer Eltern weiterzuführen, ohne auch nur die geringste Vorstellung davon, wie irrsinnig diese Idee war, die uns beide einer Mehrfachbelastung aussetzte.
Hätte ich damals geahnt, wie mein Leben in den nachfolgenden zehn Jahren aussehen würde, ich hätte mich anders entschieden – und Julian ebenfalls. Zumindest ist es das, was wir uns über lange Zeit gegenseitig an den Kopf warfen, sobald wir wieder knietief in der Scheiße steckten. Was sinnlos war und uns einerseits enger zusammenschweißte und nach Lösungen suchen ließ, uns andererseits immer mehr voneinander entfernte. Beruflich agierten wir als Einheit, in erster Linie jedoch in allen Belangen, die Jo betrafen. Er hielt uns mit seiner Krankheit zusammen wie eine richtige Familie, die aus Vater, Mutter und Kind besteht. Das Schicksal hat uns in diese Elternrolle gedrängt, für die wir beide zu jung waren. Selbst für ein gesundes Kind zu sorgen, wenn man gerade erst am Anfang des Erwachsenenlebens steht, ist schwierig. Doch unsere Aufgabe, eine, die wir uns nicht ausgesucht hatten, war schier unmöglich zu meistern. Und dennoch haben wir es geschafft.
Nur bilden wir keine Familie im klassischen Sinn – weil Geschwister nun einmal kein Elternersatz sind. Das ist etwas, was für mich nie zur Debatte stand. Ich weiß es, ganz im Gegensatz zu meinem großen Bruder, der sich als Familienoberhaupt fühlt, so, als ob er der Vater wäre. Jos und irgendwie auch meiner. Doch jetzt ist unser Nesthäkchen flügge geworden, höchst offiziell und mit Brief und Siegel. Zumindest geht aus seiner Geburtsurkunde hervor, dass er seit drei Monaten achtzehn und somit volljährig ist – und genau das ist mein Problem.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund meint nämlich Julian, dass er nun sein gesamtes Beschützer-Potenzial auf mich anwenden muss. Ausgerechnet jetzt, als ob ich nicht gelernt hätte, mich in der harten Männerwelt durchzusetzen – notgedrungen. Im Baugewerbe herrschen keine idyllischen Zustände. Rücksichtslosigkeit ist an der Tagesordnung, grenzwertige Sprache normal. Als Frau passt man sich entweder an, oder man geht unter. Ich hatte keine Wahl – und bin mit dem besten Vorbild aufgewachsen, das ein Mädchen sich wünschen kann: meiner Mutter. Diejenigen, die sie kannten und mich heute mit ihr vergleichen, sind viele. Und ich bin fast achtundzwanzig und wäre mittlerweile in jedem Fall, selbst wenn unsere Eltern noch leben würden, nicht mehr im richtigen Alter, um mir von irgendjemandem etwas sagen zu lassen.
Julian sollte sich also wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen, wann ich wo laufen gehe. Er verbietet mir ja auch nicht, lange nach Sonnenuntergang und bei dieser Saukälte mit Lieferanten und Arbeitern in einem Rohbau herumzulaufen – im Gegenteil. Er ist heilfroh, dass ich als Troubleshooter auf den Baustellen unterwegs bin und mit Diplomatie und Engelszungen Probleme beseitige, nachdem er mit seiner forschen Art mal wieder jemanden verärgert hat. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass er ausflippen würde, wenn er wüsste, dass – und vor allem weshalb – ich lange vor Sonnenaufgang über die Promenade neben dem geregelten Flussbett laufe. Nicht nur heute, sondern jeden Tag seit Wochen ...
Der Schein der etwa hundertjährigen Lampions beleuchtet die bräunliche Wasseroberfläche der viele Meter unterhalb fließenden Wien, die eher die Beschreibung Rinnsal verdient. Ohne den Rhythmus zu verändern, lasse ich die am anderen Ufer liegende antike Meierei hinter mir.
Mein Blick gleitet hinüber zu dem hoch aufragenden Hotel Intercontinental und dem prächtigen Wienflussportal vor mir, aus dem der Fluss, der die Stadt unterirdisch durchfließt, an die Oberfläche kommt, um sich dann ein paar Kilometer flussabwärts in den Donaukanal zu ergießen.
Auf der Höhe des Stadtparkstegs, über den man oberhalb der Wien in den Teil des Stadtparks gelangt, der bereits zum dritten Bezirk gehört, beginnt mein Puls förmlich zu rasen. Nicht, dass er nach einer guten halben Stunde ausdauernden Laufens ruhig wäre, aber von hundertzwanzig auf hundertsechzig innerhalb einer Sekunde schafft nicht einmal der Motor eines Sportwagens. Mein Körper reagiert auf die Silhouette des Mannes selbst auf fünfzig Meter Distanz wie eine Biene auf den leckersten Blütennektar.
Wie jeden Morgen, wenn er denn kommt, nimmt er die Treppe des Wienflussportals nach unten und läuft los – direkt auf mich zu. Wäre ich nicht so feig, hätte ich schon längst herausgefunden, ob er von der U-Bahn-Station kommt, sein Auto beim Kursalon parkt oder von daheim losläuft, wie ich es tue. Dazu müsste ich nur warten, bis er von seiner Laufrunde zurückkommt, ihn oben auf der Brücke abpassen und ihm hinterherlaufen. Um was zu tun? Schon wieder stelle ich mir diese Frage, was absolut unsinnig ist, da mein Körper seine normale Funktionstüchtigkeit ohnehin aufs Minimum reduziert, sobald sich der Abstand zwischen uns verringert. Ich muss froh sein, wenn ich weiteratme und nicht kollabiere. Prompt spüre ich auch heute, wie meine Knie weicher werden, je näher er mir kommt.
Himmlischer Gott, ist er attraktiv! Nicht, dass Julian es nicht wäre, und selbst Jo, der gerade erst an der Schwelle zum Mannesalter steht, ist nicht zu verachten – aber die beiden sind meine Brüder und bei ihnen bin ich voreingenommen. All die anderen Männer, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, sind unterste Schublade. Bestenfalls vorletzte ... und meine virtuelle Sortierkommode hat fünf Reihen. Nur er, dieser athletische, breitschultrige, große Läufer mit dem Wahnsinnslächeln thront ganz allein in der obersten.
Er ist umwerfend. Schon von sich aus – aber sein Friseur muss ein Magier sein, denn seine dunkelblonden Haare sind nie so kurz, dass der Schopf ihm nicht über sein rechtes Auge fallen würde, von wo er ihn mit einer lässigen Geste entfernt. Das macht er immer, sobald er etwa auf fünf Meter an mich herangekommen ist, fast – als ob er mich besser sehen wollte.
Himmel, Jasmin! Der Mann will nichts von dir, sonst hätte er dich nach all der Zeit schon längst angesprochen!
Jetzt leuchten seine blauen Iriden auf, und ich fixiere ihn wie das Kaninchen die Schlange, anstatt den Blick zu senken. Aber auch er nimmt den seinen nicht von mir. Stattdessen vertiefen sich die beiden Grübchen neben seinen Mundwinkeln und seine Lippen öffnen sich leicht. Ich habe Mühe, mich nicht einfach in seine Arme fallen zu lassen, sondern weiterzulaufen, langsamer als bisher, denn jeder Sekundenbruchteil zählt, damit er mein Lächeln ...
Verflixt!
Ich hebe den Arm, zerre den Rollkragen von meinem Mund – und stolpere. Den Hund, der mit einem langen Stock quer im Maul an mir vorbeiläuft und mit dessen Ende mein Bein berührt, sehe ich erst, als ich am Boden aufkomme – nur von einer Hand gestützt. Mit der anderen musste ich mir ja im Gesicht herumfummeln. Plötzlich wird mir unnatürlich heiß und die Hitze steigt in meine Wangen.
Was muss er jetzt von mir denken!
»Haben Sie sich wehgetan?«, ruft jemand. Zuerst kann ich nicht einmal erkennen, aus welcher Richtung die Stimme kommt. Dann begreife ich, dass sie weiblich ist. Schließlich schüttele ich verwirrt den Kopf, drehe mich zur Seite, bis ich sitze.
»Nein, nein, geht schon«, stammele ich, ziehe die Beine an und schaue erstaunt auf mein rechtes Knie. Dort klafft ein Loch in meiner Laufhose, was mich unheimlich ärgert. Das neue Multifunktionsoutfit haben mir Julian und Jo zu Weihnachten geschenkt und ich habe es zum ersten Mal an.
»Ist wirklich alles in Ordnung?«
Mein Herz stolpert konfus. Der Grund dafür ist diese tiefe, warme, besorgte Stimme, deren Vibration sich wie heiße Schokolade inklusive Sahnehäubchen geradewegs in meinen Magen begibt und die Schmetterlinge aufweckt, die dort ihren Winterschlaf halten. Dann setzt es definitiv einen Schlag aus – bevor es zu rasen beginnt. Kann die simple Berührung einer Hand über drei Schichten Kleidung direkt unter die Haut gehen? Einem das Gefühl geben, dass man diesen Kontakt nie wieder unterbrechen will?
Plötzlich habe ich eine kalte, feuchte Schnauze im Gesicht und starre in zwei treuherzige Hundeaugen. Blitzschnell hebe ich den angewinkelten Arm, bevor das Tier mich auch noch abschleckt.
»Benny, aus!« Laut klackernd nähern sich Absätze, die zu eleganten Stiefeln gehören, die unmittelbar neben mir halten. Eine in schwarzes Leder verpackte Hand greift nach dem Halsband des Hundes und zerrt ihn ruckartig weg.
»Sie müssen entschuldigen, er ist noch jung«, sagt die Frau. Ich schaue auf. Mittleres Alter, perfekt geschminkt inklusive rotem Lippenstift (um diese Uhrzeit!), harter Zug um den Mund. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie sich in einem halbherzigen Lächeln versucht.
»Vielleicht sollten Sie ihn anleinen?« Schmetterlingsalarm! Seine Stimme ist noch tausendmal besser, als ich sie mir ausgemalt habe. Irritiert schaue ich von der Hundebesitzerin zu dem Mann, der seit Wochen in meinem Kopf herumspukt – genauer gesagt seit neunundvierzig Tagen, als er mir zum ersten Mal ungefähr um diese Uhrzeit und an diesem Ort über den Weg lief.
»In der Hundezone? Vielleicht sollten Sie Ihre Lauferei lieber dorthin verlegen, wo wir mit unseren Hunden nicht hindürfen, mein Herr!«, stänkert die Frau. »Der Stadtpark ist ja groß genug.«
Da er immer noch seine Hand auf meinem Unterarm hat, merke ich, wie er sich verspannt.
»Ist schon gut«, komme ich ihm zuvor. »Es ist ja nichts passiert.«
»Eben«, erwidert die Hundebesitzerin schnippisch, macht auf dem Absatz kehrt und stakst ohne ein weiteres Wort davon.
Aus dem Augenwinkel bemerke ich das Kopfschütteln des Mannes, der neben mir in der Hocke ist und der jetzt seinen Griff um meinen Arm lockert.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf, bevor Sie zu Eis gefrieren.«
Am liebsten würde ich ihn anflehen, mich nicht loszulassen, doch er tut es, erhebt sich und streckt mir seine Hand hin. Wie eine Ertrinkende greife ich danach. Ich spüre den Ruck, der durch meinen Körper geht, als er mich hochzieht – und schreie auf, als ich den Fuß aufsetze.
Der Schmerz in meinem Knöchel treibt mir Tränen in die Augen.
Mit einem Wimmern hebe ich das linke Bein an und wanke. Aber anstatt zu fallen, finde ich mich in einer warmen Umarmung wieder. Fest an harte Brustmuskeln gedrückt und von zwei starken Armen umfangen.
»Jasmin«, murmelt er an meinem Ohr.
»Wieso wissen Sie ...?«
»Der Duft ist unverkennbar«, erwidert er. »Und er passt zu Ihnen.«
»Und ich dachte schon ...«
Dummes Herz, dummer Kopf!
Er lockert die Umarmung ein wenig und hält mich an den Schultern fest. Dabei hebt er das Kinn an, und ich muss aufschauen, um ihm in die strahlend blauen Augen sehen zu können, die trotz der Lichtverhältnisse leuchten, als ob jemand einen Lichtschalter angeknipst hätte.
»Was dachten Sie?« Er runzelt die Stirn und die Fältchen an seinen Augenwinkeln, die jetzt, im zunehmenden Tageslicht, klar zu erkennen sind, vertiefen sich.
Was soll ich ihm antworten? Dass ich einen Moment lang hoffte, dass er zur selben Uhrzeit hierherkommt, um zu laufen, weil er mich wiedersehen will, so wie ich ihn? Und darauf, dass er mich endlich nach meinem Namen fragt? Es ist doch offensichtlich, dass das Quatsch ist. Denn diejenige, die definitiv tagtäglich seit neunundvierzig Tagen hier war, bin ich. Nach den ersten fünfmal war er zwei Wochen lang nicht aufgetaucht – und ab Mitte Dezember ebenfalls nicht mehr. Bis er plötzlich am Morgen des Heiligen Abends wieder hier war, so wie am Christtag und gestern. Ohne mich anzusprechen oder zu verlangsamen – wobei er meinem Blick nie ausweicht, sondern mir zulächelt. Einen klitzekleinen Moment lang, bevor wir uns voneinander entfernten. Auch die letzten drei Tage! Und wenn jemand an Feiertagen allein laufen geht, dann muss er Single sein, war meine Schlussfolgerung – und die hat prompt meine Tagträume befeuert. Natürlich habe ich mir vorgestellt, dass er meinetwegen pünktlich wie ein Uhrwerk herkommt. Aber ernsthaft, wieso sollte ich ihm das sagen und mich lächerlich machen? Er muss wahrlich nicht wissen, dass ich mir vorstellte, dass dieser Mann alles daransetzen würde, um meinen Namen in Erfahrung zu bringen und sich mir zu nähern. Und zwar während ich mit meinen Brüdern heiße Schokolade trank und dazu Kekse aß, am Christtag den Truthahn füllte oder abends mit Jo Filme anschaute, da Julian wie üblich über irgendwelchen Papieren brütete. Wie vertrottelt muss man eigentlich sein, um einen solchen Schwachsinn zu denken? Er hätte mich doch schon längst einfach ansprechen können! Hat er aber nicht. Warum also sollte er meinen Namen kennen?
»Nicht so wichtig«, erwidere ich ernüchtert und mache einen Schritt zurück, sodass er seine Arme senkt. Dabei beiße ich mir auf die Zähne, weil erneut ein Stich durch meinen Knöchel jagt, und hebe abwehrend die Hand, als er die seine wieder nach mir ausstreckt.
»Es geht schon«, murmele ich.
»Da bin ich mir nicht so sicher«, meint er ungeduldig. Oder eher unwirsch? Auf jeden Fall nicht mehr mit dem warmen Unterton von vorhin. »Sieht so aus, als ob Sie sich den Knöchel verstaucht hätten. Lassen Sie mal sehen.«
»Sind Sie Arzt?«, kontere ich, weil er doch tatsächlich vor mir in die Hocke geht.
Nicht nur, dass die verdammten Insekten in meinem Magen immer noch Polka tanzen, mein Blut scheint zu brodeln, während um mich herum die Kälte sichtbar zunimmt. Das liegt daran, dass ich jetzt die Eiszapfen an den Wänden der Promenade erkenne und mir außerdem plötzlich klar wird, dass ich schwer von hier nach Hause humpeln kann, ohne den Fuß aufzusetzen.
»Nein, bin ich nicht.« Leicht mit dem Kopf schüttelnd richtet er sich auf.
Dackelblick. So nennt man das doch, was nun sein Gesicht überzieht, oder? Der steht allerdings im Widerspruch zu seinem Ton. Offenbar ist er es gewohnt, zu kommandieren. Dominant wie Julian, denke ich. Im selben Moment vibriert es einmal in meiner inneren Jackentasche, bevor auch Julians Klingelton einsetzt. The Boss von Diana Ross drückt in zwei Wörtern aus, was und wie er ist. Vor allem aber, dass es einen Grund geben muss, wenn er mich vor sieben Uhr anruft, wo wir doch um halb acht miteinander frühstücken.
Plötzlich vergesse ich den Mann, der vor mir steht, ziehe den Handschuh aus, öffne den Reißverschluss meiner Jacke und fische das Handy aus der Tasche.
Ich wische den grünen Hörer zur Seite und rufe: »Ist etwas mit Jo?«
»Dir auch einen schönen guten Morgen, Jasmin.«
