Amerigone - Mark SaFranko - E-Book

Amerigone E-Book

Mark SaFranko

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Beschreibung

Für den Hightechmanager Parker Saturn beginnt der sonnige Septembertag in New York etwas ungewöhnlich. Der ihm bis dato unbekannte Kollege Iwan Rubleski aus der Niederlassung an der Westküste hat ihn zu einer Besprechung in ein Hotel in Manhattan bestellt. Trotz einer quälenden Migräne fühlt Parker sich fit für einen langen Arbeitstag mit anschließendem Geschäftsessen und einer Tour durch die Nachtlokale. Doch es kommt alles ganz anders: Rubleski führt sich plötzlich auf, als hätte er jahrelang im New Yorker Schlachthof gearbeitet. Der Eindruck eines außer Kontrolle geratenen Gulag-Golems verstärkt sich, als Rubleski Parker seine Lebens- und Todesphilosophie erklärt und immer wieder an blutigen Beispielen eindrucksvoll demonstriert, wie der neoliberale Raubtierkapitalismus der USA ausgelebt werden sollte. AMERIGONE ist mehr als eine tiefschwarze Tragikomödie, denn hinter der Fassade dieses spannungsgeladenen Thrillers verbirgt sich eine weitere Dimension: Jenseits der Gewalt wird die Tragik des amerikanischen Traums transparent, der, konsequent zu Ende gedacht, durch Fehlen jedweder Empathie und Solidarität in die Katastrophe führen muss.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2023

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AMERIGONE
Mark SaFranko
Übersetzt aus dem amerikanischen Engllisch von Sepp Leeb
»... er triggerte den Wahnsinn in jedem, dem er ihn unterjubelte. Fütterte das Monster, das von Anfang an, Millionen Jahre unterdrückt, in jedem hauste, aber ständig und für immer darauf wartete, losgelassen zu werden.«
— Shane Stevens
September 2019
Ein Tag in New York
Mein Name ist Parker Saturn.
Ich bin in Zimmer 1503 des Hilton in Tribeca. Ich stehe am Fenster und schaue auf die friedliche, wolkenlose Skyline hinaus.
Von unten ein markerschütternder Schrei.
Auf der Straße muss etwas Schlimmes passiert sein. Nur Sekunden später das Jaulen einer Sirene, dann zwei oder drei weitere, ein extrem deprimierendes Geräusch, eins, das ich inzwischen hasse.
In wenigen Minuten werde ich mich mit einem gewissen Rubleski treffen. Iwan Rubleski, der von der Niederlassung in Kalifornien rübergeflogen kommt, um über Firmenangelegenheiten zu reden. Angeblich Routinekram. Soll mir nur recht sein. Einen Tag, an dem nichts allzu Schwieriges ansteht, kann ich gut gebrauchen.
Was für ein großartiger blauer Himmel, wie die Lavur bei einem Aquarell. Genauso hat er auch vor langer Zeit mal ausgesehen, am 11. September. Zumindest sagen das die Leute, die damals dort waren.
Ich hatte noch nie mit diesem Rubleski zu tun und weiß nichts über ihn, außer dass er drüben an der linken Küste mit Strategiefragen befasst ist. Er ist also gewissermaßen mein Pendant. Bei genauerer Überlegung finde ich es ein bisschen eigenartig, dass er und ich noch nie etwas miteinander zu tun hatten – andererseits hat er die Stelle noch nicht lange. Leute kommen und gehen in regelmäßigen, manchmal täglichen Abständen. Ich habe nicht die Zeit, mich mit allem zu beschäftigen, was in der Firma passiert. Wir sind alle austauschbar und, das versteht sich von selbst, verzichtbar. So ist das in Amerika.
Ich öffne mein iPad und starte eine Suche nach diesem Rubleski. Es kommt aber nichts dabei heraus. Nichts auf Facebook. Nichts auf Twitter. Nichts auf Instagram. Auch nicht auf Pinterest. Oder LinkedIn. Komisch – andererseits reduzieren immer mehr Leute ihre Internetpräsenz auf ein Minimum, was ich ihnen nicht verdenken kann.
Wenn ich den Namen Rubleski google, erhalte ich vereinzelte Ergebnisse – aber wer sind diese Leute? Keiner von ihnen scheint etwas mit der Firma zu tun zu haben. Ist er einer von ihnen?
Und so sitze ich bloß da, kratze mich am Kopf, warte und schaue ab und zu auf den hartnäckig blauen Himmel hinaus.
Heute Morgen habe ich höllische Kopfschmerzen. Oder sollte ich sagen, »einen dieser Migräneanfälle«? In letzter Zeit scheinen sie mich häufiger zu plagen. Die heutigen haben mich ohne Vorwarnung überfallen, wie ein Gewitter, das man nicht hat kommen sehen. Müsste ich diesem lästigen Etwas einen Namen geben, würde ich es einen Kater nennen – obwohl ich gestern Abend nichts getrunken habe —, nur heftiger, wegen seiner besonderen Intensität. Wie ein zu eng sitzender Helm, der mir den Schädel so fest zusammenquetscht, dass er fast zu platzen droht. Winzige schwarze und rote Teilchen tanzen so chaotisch vor meinen Augen, dass ich sie irgendwann schließen muss ...
Ein Hirntumor? Allerdings habe ich erst vor zwei Wochen meinen Firmengesundheitscheck mit Bestwerten bestanden. Ich habe der Ärztin von den Kopfschmerzen erzählt, aber sie hat sich nicht dazu geäußert.
Mit größerer Wahrscheinlichkeit ist die Migräne eine Folge von Stress. Stress ist der große Killer, die Wurzel aller Leiden, inklusive Krebs – heißt es. Mich für die Firma reinzuhängen war und ist anstrengend und wird immer anstrengender, vor allem wegen der absurden Budgetkürzungen, die das Personal dezimiert und meine Arbeitslast fast verdoppelt haben. Seit letzten Donnerstag auch noch Leonardo Strong gekündigt hat, darf ich die Arbeit von zwei Leuten übernehmen.
Was hat Orsini neulich gesagt, als wir uns beim Mittag­essen alle darüber beklagt haben? »Wenn die Firma einen ordentlichen Gewinn vorweisen will, bleibt ihr gar keine andere Wahl, als das Letzte aus uns herauszupressen. Also quetschen sie uns aus bis zum Gehtnichtmehr.«
Jetzt, wo das mal raus ist, habe ich gewaltig Schiss, dass es mich als nächsten erwischt. So geht es uns allen, auch Orsini. Er ist wichtig, ich bin wichtig, das schon, aber nicht wichtig genug. Die Show würde auch ohne uns weitergehen. Die Show geht immer weiter. So ist das in Amerika.
Ich schüttle – unter einigen Schmerzen – den Kopf. Hätte ich mich nicht zu diesem Tête-à-Tête mit Rubleski bereit erklärt, hätte ich mir den Tag freinehmen können, wäre jetzt zu Hause und schliefe bei heruntergelassenen Jalousien in meinem breiten Doppelbett. Aber wenn es um meinen Job geht, habe ich keine Wahl. Ich muss funktionieren und liefern, Kopfschmerzen hin oder her. Beklage ich mich deswegen? Nein. Mein Leben ist gut.
Nachdem ich genug von der Skyline gesehen habe, hole ich eine Packung Advil aus meinem Rucksack, schüttle zwei der ansprechenden, durchscheinenden grünen Tabletten heraus, gehe ins Bad und spüle sie hinunter. Ich schaue in den Spiegel, als posierte ich für ein Foto. Auch wenn ich mich ziemlich elend fühle, ist es meinem Spiegelbild nicht anzumerken.
Ich drehe eine Runde durch das Zimmer, setze mich wieder und lehne mich zurück. Wo bleibt Rubleski bloß? Es ist höchst ungewöhnlich, dass dieser Mann und ich uns hier treffen. Er war derjenige, der in seinen Nachrichten darauf bestanden hat, dass wir uns an einem Ort wie einem Hotelzimmer treffen; er wollte nicht, dass wir von dem Chaos in unserem New Yorker Büro abgelenkt werden, das sich in Chelsea, im Norden Manhattans, neben dem Google Building befindet. Ich bin auf seinen Wunsch eingegangen – bereitwillig. Wer kann nicht mal einen kleinen Tapetenwechsel vertragen? Raus aus der Enge seines Arbeitsplatzes? Trotzdem, seit die Firma die Spesenpauschale empfindlich gedeckelt hat, ist diese Lösung höchst ungewöhnlich. Aber Rubleski hat darauf bestanden, dass ich das Hotelzimmer für zwei Tage buche, damit wir gleich am Morgen loslegen können.
Von meiner Seite gibt es jedoch nichts dagegen einzuwenden. Außerdem muss ich das Zimmer nicht aus eigener Tasche bezahlen.
Ich schließe die Augen, lausche dem Sauerstoff, der in meine Lunge strömt und dann wieder hinaus. Wie still es hier oben ist, viele Stockwerke über den Straßen von Manhattan. Fast wie in einer Kirche. Fast so, als ob es die dreckige, laute, verrückte Metropole da unten gar nicht gäbe ...
Es ist nicht nur der berufliche Stress, von dem ich Kopfschmerzen bekomme. Ich brauche auch etwas Abstand von Alana. Wir sind jetzt fast zehn Jahre verheiratet. Zwei Kinder, ein großes, nicht abbezahltes Haus in einer teuren Wohngegend – was eben dazugehört, wie es immer so schön heißt. Es ist keineswegs so, dass ich meine Frau nicht liebe ... aber ich fürchte mehr und mehr, dass zwischen uns die Luft raus ist. Und ich kann nicht leugnen, vor allem mir selbst gegenüber nicht, dass das schon lange so ist, sogar schon gefährlich lange. Welcher Mann, egal, wie glücklich er verheiratet ist, hat diesen Gedanken nicht ab und zu?
Was tun also?
Ich weiß, was jetzt die Leute – die meisten jedenfalls – sagen werden. Dieser Mann ist ein wandelndes Klischee. Er ist weiß, er ist privilegiert, und was macht er? Jammert wegen seiner ganzen Vorteile nur rum, wegen Vorteilen, für die weniger Glückliche alles geben würden. Durchaus zu Recht. Aber wie die meisten Leute in meiner Position glaube ich – oder will ich zumindest glauben —, dass das nicht die ganze Geschichte ist. Ist es doch nie, oder? Für keinen von uns. Das Problem ist, dass es eigentlich zu schwer ist, die ganze Geschichte in Worte zu fassen ...
An Alana gibt es nichts auszusetzen – daran liegt es nicht. Eher trifft sogar das genaue Gegenteil zu. Meine Frau ist schön, intelligent, kultiviert, eine wundervolle Mutter und was sonst noch alles dazugehört, wie die meisten heutigen Superfrauen. Sie hat an einer Elite-Universität studiert, spielt hervorragend Klavier, unter anderem auch Mozart, ist sehr sportlich – wenn ich auf die dumme Idee komme, mit ihr laufen zu gehen, hängt sie mich locker ab –, und sie sieht fantastisch aus. Der winzige, kaum zu sehende Stern, der über ihren linken Fußknöchel tätowiert ist, verstärkt nur ihre Attraktivität, sexuell und anderweitig. Sie ist der Typ Frau, den man in der Öffentlichkeit am Arm haben will, denn, einmal ganz abgesehen von ihrem gutem Aussehen, ihr unterläuft niemals ein Fauxpas.
Und im Bett? Auch da lässt sie nichts zu wünschen übrig.
Anders ausgedrückt, sie ist so perfekt, wie man nur sein kann. Womit habe ich das verdient?
Ich bin nicht der Einzige, der den Zauber ihrer Vollkommenheit bemerkt. Ich bin nicht blind. Mir sind die bewundernden Blicke anderer Männer – und Frauen – nicht entgangen. Erwidert sie diese Blicke? Auch sie ist nicht blind. Doch falls sie es tut, weiß sie es sehr gut zu verbergen. Hat sie jemals etwas hinter meinem Rücken getan – eine Affäre, um auf ein anderes Klischee zurückzugreifen? Eine flüchtiger Seitensprung? Gute Frage. Woher soll ich das wissen? Ich neige nicht zur Eifersucht. Deshalb mache ich mir deswegen nicht allzu viele Gedanken. Ich habe ihr von Anfang an vertraut, denn so, wie ich die Sache sehe, ist sie absolut ehrlich und aufrichtig.
Und trotzdem habe ich immer wieder diese Träume: Sie hat mich verlassen, ich habe sie verloren, und ich will sie unbedingt zurück. Aber zwischen uns ist eine Barriere, etwas, das mich daran hindert, ihr nahezukommen, und das bereitet mir schier unerträgliche Qualen. Und wenn ich dann aufwache, liegt sie friedlich schlafend neben mir, ihr Kopf auf dem Kissen, alles wie gehabt, und es gibt keinen Grund zur Beunruhigung ...
Danach befällt mich wieder dieser Überdruss. Und ich führe weiter mein Leben, als hätte ich den Traum nie geträumt ...
Ja, abgesehen von einem gewissen beruflichen Stress, ist mein Leben perfekt – so perfekt es eben sein kann.
Manchmal allerdings, wenn ich in die Zukunft zu blicken versuche, weit voraus in die Zukunft, weiß ich nicht recht, ob sie mir gefällt. Soll es denn nicht ›mehr‹ geben als bloß den üblichen Alltag – selbst wenn dieser Alltag besser ist als das Elend, mit dem der größte Teil der Welt geschlagen ist? Und wer sagt denn, dass ›mehr‹ überhaupt existiert? ›Mehr‹ ist doch nur eine weitere Illusion der Überprivilegierten, oder?
Der letzte Mensch, mit dem ich über das alles sprechen kann, ist Alana, weil sie daraus sofort den Schluss ziehen würde, dass sie etwas falsch gemacht hat oder dass es ein Problem zwischen uns gibt.
Aber macht sich nicht jeder Gedanken über ›mehr‹?
Vor Jahren, als Alana und ich uns kennengelernt ha­ben, habe ich wegen meiner Angst, mich auf jemanden einzulassen, eine Therapie gemacht. Noch heute kann ich mich an das Sprechzimmer der Therapeutin erinnern, an den angenehmen Geruch eines Gewürzes, an die archaische Skulptur einer Schwangeren auf einem Tisch in der Ecke, an die stummen afrikanischen Masken an den Wänden, an die schöne, blauäugige Siamkatze, die im Sprechzimmer ein und aus ging, als gehörte es ihr. Esther Barnbauer, deren Wände voll waren von Diplomen und Zertifikaten, war eine gute Therapeutin. Sie war kompetent und einfühlsam, aber sie verstand gar nichts. Sie sagte zwar, dass dem so wäre, fand all die richtigen Worte, aber ich weiß, dass sie nicht wirklich begriff, worum es mir ging. Vielleicht begriff auch ich es nicht, nicht ganz zumindest, jedenfalls nicht so gut wie jetzt.
Der entscheidende Punkt ist, dass es selbst damals schon da war.
Ich weiß auch nicht. Manchmal ... manchmal fühle ich mich, als wäre ich mitten im Meer auf einem sturmumtosten Felsen gestrandet, und weit und breit ist keine Rettung in Sicht.
Ich muss laut lachen bei diesem Bild. Wie bereits ge­sagt, ich bin ein einziges Klischee.
Endlich findet ein Geräusch von der Straße den Weg herauf in den fünfzehnten Stock: das lange Blöken einer Hupe. Es erinnert mich daran, dass die Welt da draußen immer noch da ist, als ob ich das je vergessen könnte.
Mein Handy schrillt. Das muss Rubleski sein, der mir sagen will, dass es bei ihm etwas später wird. Ich drehe es zu mir herum und sehe nach dem Gesicht. Nein, es ist das Büro. Mir ist nicht danach, mit jemandem zu reden. Ich lasse es weiter Maroon 5 spielen.
Wo steckt der Kerl nur? Er hätte schon vor fünfzehn Minuten kommen sollen. Ich merke, dass ich nicht weiß, wo ich seine Nummer habe. Auf meiner Kontakteliste ist sie nicht, und ich kann mich nicht erinnern, sie im Korpus seiner E-Mails gesehen zu haben.
Wie aus dem Nichts durchfährt meinen Kopf ein stechender Schmerz, wie ein Messer, das sich in meine Gehirnwindungen bohrt. Autsch. Meine Augen schließen sich angesichts dieses aus heiterem Himmel einschlagenden Blitzes. Vielleicht habe ich mich bei der Dosierung des Advil vertan ... Ich fasse in mein Necessaire und greife nach der Packung. Ich schüttle sie – soll ich sicherheitshalber noch mal zwei nehmen? —, doch dann kommen mir meine Leber und die zahlreichen Nebenwirkungen in den Sinn. Ich öffne die Packung, schüttle, ein Kompromiss, eine Tablette heraus und wiege sie in meiner Hand, bevor ich sie mit dem letzten Rest Wasser hinunterspüle.
Andere Geräusche, diesmal aus größerer Nähe, aus dem Innern des Hotels. Mein Kopf sinkt zurück. Meine Lider werden schwer ... Hundegebell, ein Strand, eine joggende nackte Frau, draußen auf dem Meer ein Boot, die Bilder wirbeln durch meinen Kopf wie die einzelnen Zutaten in einem Mixer. Ich stehe kurz davor, in dem Traum aufzugehen, als ich das Krachen von Schüssen höre.
Zuerst scheinen sie Teil der Action zu sein, doch schnell wird mir mein Versehen klar. Jemand klopft an die Tür.
»Okay, Moment ... komme ... komme ja schon ...«
Als ich öffne, steht er da.
Rubleski ist genauso groß wie ich, aber mit kräftigerer Statur. Sein Sharkskin-Anzug – von Brioni oder Zegna, so genau kenne ich mich da nicht aus – ist ziemlich teuer und tadellos gebügelt. Sein Haar ist platinblond, fast weiß, mit einem messerscharfen Seitenscheitel, an dem ein bisschen babyrosa Kopfhaut durchscheint, so perfekt geschnitten, dass es beinahe künstlich aussieht. Seine Augen sind von einem übernatürlichen Blau, mit einem leichten Grünstich, wie bei einem Albino – oder einem Außerirdischen. Die Iris scheint keine Tiefe zu haben. Seine Zähne, zu einem freundlichen Blendax-Lächeln gebleckt, sind strahlend weiß, fast unwirklich ebenmäßig, ihre Proportionen perfekt auf den Rest seines Gesichts abgestimmt. Der Teint ist von einer gesunden Bräune, als hätte er nicht gerade wenig Zeit am Strand verbracht, was wahrscheinlich auch der Fall war. An seiner linken Hand baumelt ein silberner Hartschalenkoffer.
»Parker Saturn? Ich bin Iwan – Rubleski.« Mit einem strahlenden Lächeln reicht er mir eine mit perfekt manikürten Nägeln garnierte Hand. Schon nach diesen fünf Worten ist klar, dass er einen Akzent hat. Deutsch? Polnisch? Lettisch? Russisch? Wenn es nicht ungehörig wäre, würde ich ihn auf der Stelle danach fragen.
Ich ergreife seine Hand und schüttle sie. Sein Händedruck ist kräftig – fast übertrieben fest.
»Entschuldigen Sie die Verspätung ... Ich habe Sie doch hoffentlich nicht bei einem Nickerchen gestört?«
»Kommen Sie rein ...«
Als Rubleski an mir vorbeigeht, steigt mir ein Hauch seines angenehm zitronigen Eau de Cologne in die Nase. Er wirft seinen Koffer aufs Bett, der hochhopst wie ein Ball in einem Swimmingpool.
»Guten Flug gehabt?«
Mein Kollege von der Westküste steuert auf den großen Sessel zu, in dem ich gedöst habe, und macht es sich darin bequem.
»Im Gegensatz wozu?«
»Na ja ...«
»Für einen Nachtflug ganz okay.«
Klar, rufe ich mir in Erinnerung, wir sind hier, um geschäftliche Dinge zu besprechen.
»Sicher sind Sie ziemlich k.o. ... Möchten Sie einen Kaffee oder Tee?«
»In ein paar Minuten.«
»Wie Sie möchten ... Sollen wir dann gleich anfangen?«
»Klar.«
Ich öffne meine Reisetasche und hole die Tagesordnung heraus, die mir Rubleskis Büro in Los Gatos vor ein paar Tagen zugeschickt hat.
»Die Kopfhörer«, beginne ich und setze mich auf die Bettkante. Das ist nicht sehr bequem, und ich ärgere mich, dass Rubleski den Sessel beschlagnahmt hat. »Am besten, wir fangen mit den Kopfhörern an. Sie sind der erste Punkt auf der Liste ...«
Laut Rubleskis knappem Zwei-Sätze-Lebenslauf auf der Tagesordnung ist das kabellose Hightech-Headset, das auch von Astronauten verwendet wird, sein Spezialgebiet. Da dieses Produkt nicht in mein Ressort fällt, habe ich vor, ihm ein paar Fragen dazu zu stellen. Grob sieht der Unternehmensplan vor, eine Variante des Astronauten-Headsets für den irdischen Konsumenten auf den Markt zu bringen, für all jene also, die es sich leisten können, ein paar tausend Dollar für ein Modeprodukt auszugeben. Teile des Managements sind jedoch unschlüssig, ob die Kosten für die erforderliche Werbekampagne das Risiko wert sind. In den heiligen Hallen der Trusonics Inc. geht die Angst um: Was ist, wenn die Dinger niemand kauft? Rubleski und ich sind hier, um, unter anderem, diese Frage zu klären.
»Ja, die Kopfhörer.« Er lächelt. »Wir sollen uns was einfallen lassen, wie wir sie an den Mann bringen können, hm?«
Selbst wenn Englisch nicht Rubleskis Muttersprache sein sollte – dessen bin ich mir inzwischen ganz sicher —, ist er mit seinen Nuancen bestens vertraut.
»Einerseits. Außerdem müssen wir uns, glaube ich, mit der Preisstrategie der neuen Gaming App befassen, die wir nächstes Frühjahr lancieren wollen«, füge ich nach einem Blick auf die Tagesordnung hinzu.
»Sollte uns dafür nicht die Marketingabteilung eine Aufstellung zur Verfügung stellen?«
»Hat sie bereits. Allerdings wollen sie von uns hören, welche Upgrades wir für die App planen ...«
In diesem Moment kommt mir ein seltsamer Ge­danke: Hat Rubleski überhaupt mal einen Blick auf die Tagesordnung geworfen? Er erweckt den Anschein, als würde ihn das alles überhaupt nicht interessieren. Aber das muss es doch, oder etwa nicht? Er ist extra hergeflogen, und so, wie er angezogen ist, müsste es ihm eigentlich ernst sein.
Trotzdem, irgendetwas an dem Mann ist ›eigenartig‹. Er wirkt zappelig und ungeduldig, obwohl wir noch nicht mal richtig angefangen haben. Wahrscheinlich steckt ihm der lange Nachtflug noch in den Knochen.
»Jedenfalls bin ich neu hier in New York, Parker, es ist das erste Mal, dass ich ...«
Wieder macht sich die ungewöhnliche Aussprache bemerkbar, jetzt sogar stärker. In dieser Stadt habe ich schon so ziemlich jeden nur erdenklichen Akzent zu hören bekommen, aber Rubleskis Englisch scheint aus einer anderen Dimension zu kommen. Es hat durchaus seinen Reiz, das auf jeden Fall; von dem ganzen Kerl geht eine Anziehung aus, wie ich sie noch nie erlebt habe.
»Tatsächlich?«
»Aber sicher. Ich brauche jemanden, der mir ein wenig die Stadt zeigt, wenn ich schon mal hier bin. Steht natürlich nicht auf der Tagesordnung, aber vielleicht könnten Sie da ja einspringen, was meinen Sie?«
Ohne zu überlegen, lache ich. »Das ist zwar nicht mein Job, aber klar, warum nicht?« Ich mustere ihn und seinen ungewöhnlichen tatarischen Gesichtsschnitt. Was genau führt er im Schilde? »Wenn wir hier fertig sind, kann ich vielleicht ein bisschen den Fremdenführer spielen.«
Das wäre nicht die schlechteste Idee. Ich kann etwas Abwechslung brauchen – von allem. Vom Job, von der Familie, von mir selbst – von allem. Es kommt mir so vor, als hätte ich schon jahrelang nicht mehr Urlaub ge­macht, obwohl wir erst vor zwei Monaten, in den Schulferien der Kinder, nach Italien geflogen sind.
»Cool.« Rubleski nickt, und sein strahlendes Lächeln lässt seine makellos weißen Zähne aufblitzen. »Echt cool.« Wegen seines Akzents klingt das Wort ›cool‹, wie es aus seinem Mund kommt, ein bisschen dilettantisch und aufgesetzt.
»Also dann, zurück zur ...«
Ich hebe die Tagesordnung in mein Blickfeld.
»Am besten fangen wir mit ...«
Rubleskis lautes Klatschen ist wie eine kleine Explosion. »Wissen Sie was, Parker? Wenn ich mir’s genauer überlege, habe ich ziemlichen Hunger. Auf dem Flug haben wir nichts bekommen. Nichts – nicht mal ein paar Cracker oder Erdnüsse! Eigentlich unglaublich. Was ist dieses Virgin America bloß für eine Airline? Also wirklich.«
Wann bin ich zum letzten Mal Virgin America geflogen. Schon lange her — nach London, wenn ich mich recht erinnere. Wenn ich mich jedoch an etwas noch sehr gut erinnere, dann sind es der geräumige Jumbo und die freundlichen Flugbegleiterinnen in ihren weißen Blusen und roten Röcken. Und literweise Alkohol, auf Hin- und Rückflug. Diese Flüge waren eine einzige Party. Aber vielleicht ist das, wie bei den anderen Fluggesellschaften, auch bei Virgin anders geworden.
Schon wieder wirbeln diese blöden roten und schwar­zen Flecken in meinem Gesichtsfeld herum. »Virgin gilt als eine der besten«, sage ich – nicht um zu widersprechen, sondern um das zumindest mal anzumerken.
Aber Rubleski wiederholt nur noch einmal, dass er hungrig sei. Das bestätigt meinen Verdacht – er ist eindeutig nicht auf das fokussiert, weswegen wir eigentlich hier sind. Umso mehr frage ich mich, warum dieses Meeting überhaupt anberaumt worden ist. Darüber werde ich mit Jurel sprechen müssen – Mark Jurel, meinem Vorgesetzten.
»Möchten Sie denn irgendwo essen gehen? Oder sollen wir uns was aufs Zimmer kommen lassen? Letzteres wäre vermutlich sinnvoller, oder? Dann können wir ar­beiten, während wir essen – natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben ...«
Rubleskis Kopf wippt auf und ab. »Lassen wir uns was kommen.«
»Dann rufe ich mal unten an.«
Rubleskis Grinsen wird breiter. Er wirkt wie beschwipst. Ziemlich schräger Vogel, dieser Typ von der Westküste.
Ich nehme den Hörer des Haustelefons ab und wähle die Null.
»Hier Eduardo.« Die Stimme am anderen Ende ist angenehm und heiter, ein bisschen affektiert. »Was kann ich heute Morgen für Sie tun?«
»Hallo, Eduardo. Ich hätte gern ein Frühstück auf Zimmer 1503. Was gibt es denn alles?«
»Die Speisekarte ist auf dem Tisch neben dem Fernseher, Sir. Aber wenn Sie Sonderwünsche haben, können wir sie gern berücksichtigen.«
Ich lege die Hand auf die Sprechmuschel und wende mich Rubleski zu. »Wonach ist Ihnen denn?«
»Was Deftiges! Was Amerikanisches! Eier, Speck, Würs­t­chen, Kartoffeln, Toast. Und Kaffee. Leisten Sie mir Gesellschaft, Parker?«
Ich versuche abzunehmen und bin am Kalorienzählen, ohne großen Erfolg. Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich kaum etwas gegessen, nur einen Löffel Heidelbeer-Vanille-Joghurt aus einem bereits offenen Becher. Ein paar Bissen mehr wirken sich vielleicht positiv auf meine Kopfschmerzen aus.
Ich gebe die Bestellung an Eduardo weiter. »Und vielleicht noch eine Extraportion Toast. Vollwert.«
»Ich kümmere mich darum, Sir. Ihr Frühstück kommt sofort.«
»Danke, Eduardo.«
Als ich auflege und mich zu Rubleski umdrehe, steht er am Fenster und schaut auf das funkelnde Stadtpano­rama hinaus.
»So ... dann erzählen Sie mir doch mal ein bisschen über sich, Parker.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Was gibt es zu wissen?«
»Nicht allzu viel. Ich habe eine Frau, zwei Kinder, acht und sechs. Bei Trusonics bin ich inzwischen, warten Sie mal, sieben Jahre. Beruflich war es in letzter Zeit etwas stressig, aber ansonsten kann ich nicht klagen ...«
Rubleski wirbelt herum.
»Und das ist alles? Das ist Ihr ganzes Leben, Parker?«
So eine Frage bekommt niemand gern gestellt, vor allem nicht von einem Fremden. Ich spüre Wut in mir aufsteigen.
Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht sich Rubleski wieder zum Fenster und ruft: »Ein herrlicher Tag heute da draußen!«
Und so ist es. An der Ostküste ist der September fraglos einer der schönsten Monate, wenn nicht sogar der schönste überhaupt. Die meiste Zeit breitet sich ein von goldenen Stäubchen durchsetztes Leuchten über die Erde. Auch wenn sich der Sommer langsam verdrückt, ist das, was am Anrücken ist – Kälte, Schnee und Eis –, noch ein gutes Stück entfernt. Abgesehen von der Möglichkeit eines verirrten Hurrikans ist ausnahmsweise alles perfekt.
»Und es ist eine neue Welt, Parker, es ist eine neue Welt da draußen.«
Rubleskis Blick ist immer noch unverwandt auf den Horizont gerichtet. Worauf will der Kerl hinaus? Eine neue Welt? Wohl kaum. Die Schlagzeilen dieses Morgens unterscheiden sich nicht groß von denen des Vortages und des Tages davor, und das heißt, sie verheißen nichts Gutes. Klagen über Rassismus, sexuellen Missbrauch, Massenerschießungen, politische Fehlentscheidungen, die Gefahr eines Krieges. Ängste vor einer neuen, tödlichen Seuche. Und für keines dieser Probleme ist eine Lösung in Sicht. Nein, wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann dies: Es kann nur schlimmer werden.
»Wenn Sie das so sehen.« Ich lache trotzdem. Mir ist nicht nach großen Diskussionen, noch nie ist mir danach gewesen.
Rubleskis Augen leuchten vor unerklärlicher Begeisterung. »Dieses unglaubliche wirtschaftliche Potential.«
Jetzt verstehe ich – er meint die Zukunftsaussichten von Trusonics. »Schon möglich«, gebe ich ihm erneut recht.
»Es ist sogar größer denn je.«
»Das hängt vermutlich davon ab, welche ökonomischen Indizes man zugrunde legt ... Nur aus Neugier. Wie lange sind Sie schon bei Trusonics?«
»Ich? Erst ein paar Wochen. Ich habe Sharon Valentinos Stelle übernommen.«
Der Name kommt mir vage bekannt vor – glaube ich —, aber ich hatte nie direkt mit ihr zu tun. Angesichts der Größe des Unternehmens und seiner zahlreichen Abteilungen ist allerdings auch das nicht weiter verwunderlich.
»Aha.« Als würde das etwas erklären. Inzwischen be­reue ich, keinen genaueren Blick in Rubleskis Lebenslauf geworfen zu haben. Ich nehme mir vor, es später nachzuholen. »Wo waren Sie, bevor Sie zu Trusonics gestoßen sind – wenn ich fragen darf?«
Rubleskis Lächeln verfliegt nicht – meine Neugier stört ihn nicht im Geringsten.
»Ha! Überall! Ich war immer schon ein Söldner – ich berate den, der am meisten bietet. So bin ich bisher immer am besten gefahren. Trusonics hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht abschlagen konnte. Und da bin ich – solange sie mich brauchen, oder ich sie.«
»Sie sind also Berater ... aha.« Berater habe ich immer schon schrecklich gefunden. Diese Dreckskerle verdienen immer am besten, und zugleich haben sie große Freiheiten und Annehmlichkeiten. Kein Wunder, dass Rubleski so gut drauf ist. Ich beneide den Kerl, ganz ehrlich.
Seine Story hört sich glaubhaft an. Ich kenne andere, die dieselbe Tour fahren. Und vor allem erklärt es, warum ich so gut wie nichts über Iwan Rubleski weiß.
Trotzdem bin ich noch etwas skeptisch. Da kommt mir ein Gedanke.
»Kennen Sie zufällig Brad Wengrow?«
Brads Name ist mir einfach so in den Kopf gekommen. Wengrow ist einer der in Los Gatos stationierten Vizepräsidenten. Er hat in der New Yorker Niederlassung angefangen und vor ein paar Jahren eine enorme Beförderung ergattert.
»Aber klar, sicher«, murmelt Rubleski. »Sympathischer Typ, Wengrow. Wir hatten ein paarmal miteinander zu tun, aber nicht regelmäßig. Eigentlich sehen wir uns so gut wie gar nicht. Als Berater bin ich mir in der Regel selbst überlassen, wenn Sie wissen, was ich meine.«
Irgendetwas an Rubleskis Antwort kommt mir spanisch vor. Hat er sich das eben einfach aus den Fingern gesaugt? Wer weiß?
»Und Muhammad Sunjay?«
Rubleski runzelt die Stirn. »Nein ... kenne ich nicht.« Auch das passt – ich habe mir den Namen nämlich gerade ausgedacht, um herauszufinden, ob er mir was vormacht.
»Aber, wie gesagt ... jetzt haben wir große Freiheiten, richtige Freiheiten! Haben Sie in letzter Zeit den Markt beobachtet?«
»Natürlich, aber ...«
Wie jeder weiß, ist der Aktienmarkt gerade durch die Decke gegangen. Selbst wenn jeder den Präsidenten und seine Regierungsmannschaft für eine Katastrophe hält, lässt sich nicht leugnen, dass die Wirtschaft gerade boomt, und zwar gewaltig. Die Aussichten der meisten Technologieunternehmen sind glänzend, so viel steht fest. Aber Freiheiten? Das finde ich etwas übertrieben. Und was für Freiheiten sollen das überhaupt sein? Ich kann keine erkennen.
»Die Menschheit steht vor einer neuen Grenze«, fährt Rubleski fort, und wieder bringt dieses Blendax-Lächeln seine Zähne zum Erstrahlen.
»Finden Sie wirklich? Ich sehe das etwas anders.« Ich muss grinsen. Irgendwie hat diese Vorstellung etwas Komisches.
Wie ich die Sache sehe, könnte die Menschheit eher in ihren letzten Zügen liegen und vor ihrem endgültigen Niedergang stehen, auch wenn diese finstere Vorhersage in ihrer Geschichte schon unzählige Male gemacht wur­de. Ich bin keineswegs einer dieser durchgeknallten religiösen Fatalisten, aber es gibt genügend Anzeichen, dass das Ende nahe sein könnte – schon allein wegen schmelzender Gletscher und mysteriöser Viren.
»Ich bitte Sie, Parker! Schauen Sie sich doch um! Ein neuer Mensch ist im Entstehen begriffen!«
Ich muss laut lachen, aber Rubleski zuckt mit keiner Wimper.
»Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt ...«
»Aber so ist es doch! Und wissen Sie, was das Schönste daran ist?«
»Jetzt bin ich aber gespannt.«
»In dieser neuen Welt hat nichts, was Sie oder ich denken, oder uns vorstellen, oder sagen, oder tun irgendeine Bedeutung! Überlegen Sie doch mal: absolute Möglichkeiten sind gleich absolute Leere und absolute Absurdität.«
Das ist wohl, was Rubleski unter einem schrägen Witz versteht. Ich schlucke den Köder und lache wieder. Vielleicht ist sein pseudophilosophisches Gelaber eine Nachwirkung des langen Nachtflugs und des damit einhergehenden Schlafmangels, oder es macht ihm aus irgendeinem unerfindlichen Grund Spaß, mich aufzuziehen. Zum ersten Mal beschleicht mich ein ungutes Gefühl.
»Wenn Sie meinen, mein Freund.«
Er verschwindet ins Bad, und ich kann nur den Kopf schütteln, was für einen tollen Berater Trusonics da an Land gezogen hat. Vielleicht sollten die Leute in Los Gatos darauf hingewiesen werden, dass sie mit einem solchen Botschafter nicht gerade das positivste Bild von sich zeichnen.
Als die Badezimmertür wieder aufgeht, trocknet sich Rubleski an einem mit einem Monogramm versehenen Handtuch die Hände.
Ein Klopfen an der Tür – der Zimmerservice. Gott sei Dank, Iwan Rubleski macht mich langsam nervös.
Vor der Tür steht ein junger Mann in Kellnerkleidung: dunkle Hose, weißes Hemd, schwarze Krawatte, Brille mit Plastikgestell. Er ist Anfang zwanzig, würde ich sagen, ein sympathisch aussehender junger Kerl mit karamellfarbener Haut und lockigem schwarzen Haar, das hinter die Ohren gesteckt ist.
»Guten Morgen, Sir. Ihr Frühstück.«
Der Junge nimmt ein riesiges Silbertablett von einem Rollwagen und trägt es geschickt herein. Seine Bewegungen lassen keinen Zweifel daran, dass er das, wie ein erfahrener Kellner in einem edlen Restaurant, schon viele Male getan hat. Die schwere Tür fällt hinter ihm zu.
»Wo möchten Sie es gern haben?«, fragt er und blickt sich im Zimmer um.
»Gleich hier.« Rubleski deutet auf das Sideboard unter dem stummgeschalteten Fernseher. Vor seiner Ankunft habe ich ihn auf einen Nachrichtensender gestellt, der gerade tonloses Bildmaterial von einem Tornado im Mittelwesten überträgt, der eine ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht hat.
Der Junge stellt das Tablett vorsichtig ab, dann hebt er die Wärmeglocken an, sodass die dampfenden Speisen darunter zum Vorschein kommen.
»Haben Sie sonst noch Wünsche?« Er setzt ein einstudiertes, geschäftsmäßiges Lächeln auf.
»Ich glaube nicht ...«
»Wie heißen Sie?«, fragt Rubleski den Jungen, den er die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hat.
»Dominic«, antwortet er blinzelnd. Als Zimmerkellner ist er es nicht gewohnt, von Gästen in ein Ge­spräch verwickelt zu werden.
»Dominic ... Sind Sie gebürtiger New Yorker?«
»Nein. Ich komme aus Florida. Ursprünglich.«
»Aus Florida? Fehlt Ihnen der Sonnenschein nicht?«
 »Ich hatte keine große Wahl. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, und meine Mutter hat mich hierher mitgenommen.«
»Verdammt teuer, in so einer großen Stadt zu wohnen, oder?«
»Na ja, ich wohne in Jersey City.«
»In Jersey City – was gibt es dort?«
Dominic lacht. »Es ist nicht gerade Kansas, liegt auf der anderen Seite des Flusses. Vielleicht sollten Sie es sich mal ansehen. Früher war es ein Slum, aber jetzt ist es, na ja, gentrifiziert. Die Restaurants können sich absolut sehen lassen.«
Der Junge scheint stolz auf seine Vorgeschichte zu sein.
»Und wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor, Dominic? Ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht den Rest Ihres Lebens Leuten wie uns das Essen aufs Zimmer bringen wollen.«
Rubleskis Grobheit lässt mich zusammenzucken.
»Na ja, ich habe schon noch anderes vor ... Ich bin am Überlegen, ob ich wieder aufs College gehen soll.«
»Um was zu werden?«
»Anwalt vielleicht.«
»Ah, Anwalt.«
»Ja.«
»Und worauf würden Sie sich spezialisieren? Haben Sie sich da schon Gedanken gemacht?«
»Mich interessiert vor allem Strafrecht. Ich würde gern Strafverteidiger werden. Das muss ja auch jemand ma­chen.«
Das quittiert Rubleski mit einem sarkastischen Lachen. »Die Mandanten werden Ihnen da jedenfalls sicher nicht ausgehen, so viel steht fest.«
»Ich weiß, was Sie meinen. Aber ich würde gern Leuten helfen, die sich keinen Anwalt leisten können oder zu Unrecht angeklagt werden. Ich habe das in meiner eigenen Familie erlebt ...«  Dominic kann es kaum fassen, dass sich jemand für ihn interessiert, und er beginnt sich für das Gespräch zu erwärmen.
»Das nenne ich eine noble Einstellung«, sagt Rubleski. Ob er das aufrichtig oder zynisch meint, ist schwer zu erkennen.
»Ich weiß nicht, ob das nicht ein bisschen ... vermessen wäre«, stottert Dominic, als wäre er sich seiner Wortwahl nicht sicher.
»Aber so ist es doch! Irgendjemand muss es tun, wie Sie ganz richtig sagen. Irgendjemand muss die Aufgaben übernehmen, die sonst niemand übernehmen will. Und wir brauchen dringend Leute auf dieser Welt, die nicht nur aus Profitgier etwas tun.«
Dominic sieht den eigenartigen Gast mit kaum verhohlenem Erstaunen an. So jemandem ist er bisher eindeutig noch nie begegnet. Nimmt er ihn nicht ernst? Macht er sich über ihn lustig? Vielleicht ist der Mann in dem teuren Anzug betrunken.
»Ja«, sagt er, »da haben Sie vermutlich recht.« Doch dann schlägt er eine andere Tonart an und fügt hinzu: »Allerdings hätte ich auch nichts dagegen, dabei etwas Geld zu verdienen.«
»Aber natürlich! Wer sollte Ihnen das zum Vorwurf machen? Jeder von uns muss Geld verdienen. Von irgendwas muss man schließlich leben.«
In diesem Moment wird mir klar, dass einer von uns, Rubleski oder ich, dem armen Kerl ein ordentliches Trinkgeld geben muss – nicht nur für seine Dienste, sondern auch dafür, dass er sich von Rubleski auf den Arm nehmen und kluge Ratschläge erteilen lassen muss.
»Augenblick«, sagt Rubleski prompt, als könnte er meine Gedanken lesen. Er geht zu seinem Koffer und lässt die Verschlüsse aufschnappen.
Dominic, bereits auf dem Weg zur Tür, bleibt dienstbeflissen stehen.
Rubleski kramt in seinen Sachen, und als er sich schließ­lich wieder aufrichtet, ist statt ein paar Geldscheinen etwas anderes in seiner Hand.
Jetzt aber! Einen Gegenstand wie diesen habe ich noch nie gesehen. Er ist olivgrün und mit silbernen Streifen verziert, mit großen Löchern perforiert und wie ein Korkenzieher oder Handbohrer geformt.
Auch der Junge starrt ihn verdutzt an, er ist genauso baff wie ich.
Was dann passiert, ist wie ein verrückter, in Zeitlupe ablaufender Traum, den der Träumer nicht anhalten kann. Bevor ich auch nur den Mund aufbekomme, hat sich Rubleski wie ein Leopard auf Dominic gestürzt. Er legt seine freie Hand auf den Mund des Jungen, reißt den Arm mit dem seltsamen Gegenstand hoch und stößt ihn mit brutaler, bösartiger Treffsicherheit zwischen dessen Nackenwirbel.
Mir stockt der Atem.
Ich kann nicht glauben, was ich gerade gesehen habe.
Sobald die teuflische Klinge eingedrungen ist – inzwischen ist mir klar, dass es eine Waffe ist —, dreht Rubleski sie, und ich höre das grässliche Knirschen von Knochen und Knorpel.
Dominic verliert so schnell das Bewusstsein, dass er keinen Laut mehr von sich gibt. Als er wie ein geplatzter Luftballon in sich zusammenfällt und zu Boden sackt, spritzt wie aus einem wild gewordenen Gartenschlauch heftig pulsierendes Blut durch sein weißes Hemd.
Ich stehe mit offenem Mund und ausgebreiteten Händen da. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so fassungslos, so schockiert – nicht einmal, als ich am elften September im Fernsehen, aus sicherer Entfernung, die Türme des World Trade Center einstürzen gesehen habe. Mein Entsetzen ist so groß, dass ich glaube, dass ich mir das alles nur einbilde, dass ich einer psychotischen Wahnvorstellung aufsitze, dass nicht real ist, was vor meinen Augen passiert.
Als ich endlich den Mund aufbekomme, kommt nur zaghafter Protest hervor.
»Sind Sie wahnsinnig geworden, Rubleski? Was soll das? Warum haben Sie das getan ...?«
Mich überkommt lähmende Angst. Ich bin wie versteinert. Ein einziger Stoß mit Rubleskis Dolch hat genügt, und der arme, nichts ahnende Dominic liegt tot auf dem Boden.
Und jetzt – was weiter? Was hält diesen durchgedrehten Irren davon ab, mich ebenfalls zu erstechen, bevor ich es ans Telefon oder zur Tür schaffe?
Ein Laut, wie ich ihn noch nie gehört habe, kommt über meine Lippen.
Rubleski macht einen Schritt zurück und blickt auf sein grausiges Werk hinunter. Inzwischen sickert Blut, vermischt mit Spinalflüssigkeit, aus dem leblosen Körper. Rubleskis Mund ist zu einem zufriedenen, leicht irren Lächeln erstarrt.
Die Gedanken schießen mit Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf.
Ich habe die Wahl: auf die Knie sinken und Dominic helfen oder um mein Leben rennen. Ich tue weder das eine noch das andere. Rubleski hat immer noch diesen Dolch in der Hand, eine Waffe, die er offensichtlich mit tödlicher Präzision zu handhaben weiß. Deshalb bewege ich mich nicht – ich bin auch gar nicht dazu in der Lage.
Rubleski nutzt den Sekundenbruchteil meiner Un­schlüssig­keit, um sich zwischen mich und die Tür zu stellen.
»Rufen Sie Neun-eins-eins an!« Mein Mund fühlt sich an, als wäre er voller Sand. »Der Junge braucht Hilfe! Was haben Sie da gemacht?«
»Nicht so laut, Parker ...«
Rubleski schreit nicht. Seine Stimme ist keine Spur lauter geworden. Er ist wie ein Stein, ruhig und gefasst und unerschütterlich. So etwas wie ihn – oder das – habe ich noch nie gesehen.
»Du wolltest mir doch die Stadt zeigen, Parker.«
»Sind Sie komplett verrückt geworden? Sie können doch nicht im Ernst ...?«
Plötzlich wird mir übel – mir ist schwindlig: Ich verliere das Gleichgewicht, wie damals auf der Karibikkreuzfahrt mit Alana, als ich seekrank geworden bin, und muss mich an der Kopfstütze des Sessels festhalten.
Rubleski verschränkt seelenruhig die Arme vor der Brust.
Meine Panik amüsiert ihn. »Jetzt reg dich mal wieder ab, Parker. Lass uns erst mal frühstücken, dann sehen wir weiter.«
»Wir frühstücken erst mal? Und dann sehen wir weiter ...? Sie haben sie wohl nicht alle, Rubleski. Sie sind ja komplett wahnsinnig! Wenn Sie glauben, ich stehe hier bloß rum und sehe zu, wie Sie – und wie er ...«
Während ich Rubleski zusammenstauche, habe ich gleichzeitig furchtbare Angst, ihn so gegen mich aufzubringen, dass er mich mit seinem Dolch angreift.
»Hast du nicht gehört, Parker? Nicht so laut, habe ich gesagt. Du verstehst wohl immer noch nicht.«
»Ich verstehe immer noch nicht? Was verstehe ich nicht? Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist, wie Sie etwas wie ... wie ...«
Er schüttelt den Kopf. »Du hältst dich nicht an unsere Abmachung.«
»An welche Abmachung ...?«
»Deswegen bin ich doch hergekommen, verstehst du denn nicht?«
Weswegen ist er hergekommen? Um zu töten?
Mir fehlen die Worte, um zu sagen, was ich sagen sollte. Mir fehlen überhaupt die Worte – ich komme mir vollkommen idiotisch vor. Gleichzeitig kann ich nicht mehr umhin, die manische Energie zu spüren, die in Rubleski wütet, wohnt, sitzt. Wäre sie nicht so aberwitzig, so bösartig, hätte ich sie selbst gern, zumindest etwas davon, denn im Vergleich zu ihm bin ich ein kraftloses menschliches Wesen, ein Nichts.
Alles um mich herum – Zimmerdecke, Wände, Teppichboden, Möbel, Rubleski, selbst Dominic – beginnt, sich zu bewegen. Fast so, als wäre ich ohnmächtig ge­worden und könnte, als ich wieder zu mir komme, meine Umgebung nicht mehr erkennen. Stehe ich wirklich hier und sehe zu, wie das Leben aus einem menschlichen Körper entweicht? Das alles ergibt keinen Sinn.
Die irrwitzige Szene hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es ist, als triebe ich in einer führerlosen Raumkapsel durch die Weiten des Alls. Wenn ich nicht bald irgendwo andocke, wenn ich nicht aus diesem grauenhaften Albtraum erwache, verliere ich noch den Verstand ... wenn ich ihn nicht schon verloren habe. Dieser schreckliche Gedanke – hoffnungsloser Wahnsinn – zwingt mich zu einem neuerlichen Anlauf, vernünftig mit diesem Irren zu reden.
»Schauen Sie, Rubleski ... um diesen Jungen steht es nicht gut, wenn nicht sowieso schon jede Hilfe zu spät für ihn kommt ...«