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Als 19-Jährige wandert S. in die Vereinigten Staaten aus und kehrt 33 Jahre später wieder nach Deutschland zurück. Dort entdeckt sie die Korrespondenz mit ihrer Mutter abgeheftet in großen Ordnern. Lang vergessene Bilder kommen wieder hoch. Sie beginnt unmittelbar vor der Geburt ihres ersten Enkels ihre Geschichte als Geburtstagsgeschenk aufzuschreiben.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2016
© 2016 S. Kent
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-3752-3
Hardcover:
978-3-7345-3753-0
e-Book:
978-3-7345-3754-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
S. Kent
… und zurück
Eine Geschichte für Simón
Ich warte auf dich, Simón. Deine Reise beginnt bald. Noch zehn Tage kannst du dich auf deine Ankunft vorbereiten. Es gibt nur einen Weg. Jetzt bist du noch geborgen, aber der Zeitpunkt deiner Ankunft steht schon fest. Man wird dich holen, wenn du dich nicht selbst aufmachst.Und während ich auf dich warte, werden meine Erinnerungen wach – an einen Aufbruch, den ich vor langer Zeit gewagt habe. Auch ich hatte zehn Tage für meine Reise in die Neue Welt.
Das Schiff fängt an sich zu bewegen. Unter dem Dröhnen der Maschinen ruft man sich auf Wiedersehen zu. Ich winke so lange, bis ich die Menschen, die mir so vertraut sind, kaum noch erkennen kann. Dann setzt dieses beklemmende Gefühl ein, in meinen Schläfen pocht es unerträglich. Ich drehe mich um und fühle mich entwurzelt und fremd. Ich finde auch kein freundliches, sympathisches Gesicht. Die meisten Passagiere sind älter als ich. Ich wandere aus! Dabei war es doch eine so leichte Entscheidung gewesen. Wie hatte ich diesem Tag entgegengefiebert, der mich endlich aus meiner bürgerlichen norddeutschen Heimatstadt retten würde. Die Abenteuerlust in mir war stärker als jegliche Freundschaft, die ich nun mit jedem Meter für immer hinter mir lasse. Ich bin jetzt ganz allein und auf einmal völlig verunsichert.
Du musst wissen, Simón, dass ich nur 18 Jahre alt war, als ich mich zu diesem Schritt entschloss! Meine Familie, meine Freunde, alles, was mir vertraut war, blieb zurück, und vor mir lag eine ungewisse Zukunft.
Als Erstes gehe ich in den Rauchsalon und halte mich nervös an einer Zigarette fest.
Liebste Mutti,ich bemühe mich schon am zweiten Tag euch einen kleinen Lagebericht zu geben:
Wo wir genau sind, kann ich beim besten Willen nicht sagen. In Southampton haben wir nur ein paar sehr korrekt aussehende Briten an Bord genommen. Anscheinend werden wir an Schottland vorbeifahren, aber frag mich nicht, wie dann die Route verläuft. Der Himmel ist zwar bewölkt, lässt jedoch ab und zu ein paar Sonnenstrahlen durch, und die See ist spiegelglatt. Hoffentlich bleibt es so, denn ich möchte nicht seekrank werden.
Das Schiff ist toll und mir gefällt meine Kabine sehr gut. Leider teile ich sie mit einer Gemeindehelferin, die sehr innig das Neue Testament liest. Wenn sie das nicht tut, so scheint sie laufend psychologische Tests mit mir anstellen zu wollen. Zuerst fand ich das lustig, aber wenn ich mich nicht woandershin verziehe, wird sie mir bald auf die Nerven gehen. So habe ich mich schon unter die anderen Passagiere gemischt und sehr nette Leute gefunden. Ich glaube, wir werden noch eine nette Clique.
Das Essen ist ausgezeichnet und wird von sehr feschen Stewards serviert – sehr schön! Das einzig Negative ist, dass gerade an meinem Tisch ein Herr sitzt, der mit Händen und Füßen frisst.
Das Schiff ist kaum ausgebucht. Viele der Passagiere sind ältere Herrschaften, die wie grauenhafte Proleten nur so mit Dollars um sich werfen. Typische Holzfäller. Der tollste Typ ist ein junger Bayer. Auf die Frage, ob er Englisch spricht, antwortete er, er könne Bayrisch, Österreichisch und Schweizer Deutsch fließend. Und viele englische Schlager auswendig singen.
Zum Englischsprechen bin ich noch gar nicht gekommen, nur zum Französisch! Eine Diplomatenfamilie aus Haiti fährt mit (natürlich erster Klasse!). Sie haben ihren Sohn aus Deutschland abgeholt, wo er in Heidelberg studiert hat. Er ist richtig süß, wird jedoch von seiner Mutter nicht aus den Augen gelassen.
Ansonsten erhole ich mich in den Nachtstunden gut (meistens). Gleich in der ersten Nacht wurde ich mit ein paar jungen Leutenausgesperrt, stell dir vor, man hatte uns einfach vergessen. Wir machten uns schon mit dem Gedanken an einen windigen Nachtaufenthalt an Deck vertraut, als jemand eine Luke fand und wir ins Innere des Schiffs klettern konnten.
Was sonst noch toll ist, sind die Filme an Bord: Es gibt einen Winnetou-Film nach dem anderen. Dufte!Ich werde noch einmal von Bord schreiben.
Tausend Küsse, Eure S.
Das war erst der Beginn der Reise, Simón. Natürlich blieb die See nicht spiegelglatt. Die nächsten acht Tage wurden richtig heftig. Wir kamen in einen Sturm, der fast bis New York anhielt.
Ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt auf sicherem Boden zu stehen. Wir sind hier ganz allein draußen. Um uns herum: eine gewaltige Wasserberglandschaft. Wie kommt das Schiff da nur durch? Wir sind noch keinem anderen begegnet. Man ist vollkommen abgeschnitten, was eigentlich ein ganz tolles Gefühl ist. Auf dem ganzen Schiff sind Taue gespannt, damit man sich festhalten kann und nicht über Bord geht!
Die meisten Passagiere sind schon lange nicht mehr zum Essen erschienen. Neulich gab es eine köstliche Szene. Am Nebentisch hatte man einen der sehr korrekt aussehenden Engländer mit einer sehr eleganten deutschen Dame zusammengesetzt. Die beide verkörpern so etwas wie die große Welt für mich. Alles, aber auch alles stimmt an ihrer Erscheinung. Beide fahren in die Staaten, um ihre Kinder zu besuchen, und sie scheinen sich sehr sympathisch zu sein. Wir waren wohl schon gut zwei Tage auf hoher See, mitten in diesem Sturm. Ich habe mir sofort Tabletten und Zäpfchen geben lassen, alles, um nicht seekrank zu werden. Das Schiff schaukelte so ekelhaft, dass es fast unmöglich wurde, sich wohl zu fühlen. An Schlaf war kaum zu denken, da ich mich in der Koje wie betrunken fühlte. Das Essen wurde immer opulenter, aber ich wagte kaum zu essen.
Mir fiel schon beim Abendessen auf, dass der Engländer und die Deutsche verdächtig blass aussahen. Aber sie kämpften sich durch alle Gänge, was ich erstaunlich fand. Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück, als die beiden nacheinander herangeschlichen kamen. Das konnte nicht gut gehen, beide sahen jetzt schon wie ausgespuckt aus. Als dann der Steward kam und Spiegeleier mit gebratenem Speck anbot, geschah es: Der Engländer wurde aschgrau im Gesicht, erhob sich, sagte: „Pardon
me“ und erbrach sich – im Speisesaal. Dieses Ereignis löste eine Kettenreaktion aus: Leute suchten fluchtartig das Weite und waren danach kaum mehr gesehen.
Wenn du seekrank bist, kannst du schon den Gedanken an fette, schwere Sachen nicht vertragen. Ich gehe grundsätzlich nur noch zum Frühstück und verbringe den ganzen Tag an Deck in einem Liegestuhl. Irgendwann kommt immer ein süßer Steward vorbei und bringt mir eine Brühe und Zwieback. Abends ist das schon anders. Da wird es erst richtig lustig beim Tanzen. Die Kapelle schwankt vor und zurück und auf der Tanzfläche fällt alles übereinander.
Liebe Mutti,
noch ein Brief von Bord. Morgen sind wir da! Es war eine sehr bewegte Reise, die die meisten Passagiere nicht gut überstanden haben.
Wenn ich mir jetzt überlege, ob mir die Fahrt gefallen hat, so kann ich nur mit ja antworten, allerdings mit Einschränkungen. Da ich jung bin, habe ich mich nicht mit den Panoptikumsfiguren abgeben müssen, sondern habe sehr netten Anschluss gefunden, konnte mich also herrlich amüsieren. Ich habe mich direkt verliebt, aber das macht nichts. Ich wurde oft so herrlich umschwärmt, dass ich mir sagenhaft vorkam. Wenn ich jedoch jemals wieder eine Schiffsreise über den Atlantik machen sollte, würde ich eine italienische Linie nehmen. Die fährt genau so lange, mit dem Unterschied, dass sie in Palermo, Gibraltar und Lissabon anhält; vor allem ist die südliche Route nicht so stürmisch wie die nördliche.
Nun hoffe ich nur, dass ich inNew York auch abgeholt werde. Diese Stadt soll für einen Fremden ein einziges Chaos sein. Es haben sich jedoch schon ein paar von der Besatzung angeboten, mich zum Kennedyflughafen zu bringen, falls niemand da sein sollte.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich heute nicht mehr schreiben kann – ich bin einfach nicht in der Lage dazu. Einmal verursacht das die wilde See und zum anderen jenes besagte männliche Geschöpf, das neben mir sitzt und mich anstarrt. (Keine Angst, ich bleibe ledig.) Denk bloß nicht, dass ich dumme Sachen mache. Aber ich genieße die Überfahrt und ich freue mich, dass ich sie machen durfte. Dafür möchte ich mich noch einmal bei dir bedanken, liebste Mutti!
Der nächste Brief wird aus Detroit kommen. Vielleicht bin ich dann ein heulendes Bündel, weil mir der Abschied so schwer gefallen ist.
Bis dahin, alles Liebe, 1000 Küsse,
Eure glückliche S.
Es gäbe so viele Geschichten zu erzählen, aber sie sind alle unwesentlich. Das Wichtige war die Überfahrt, zehn stürmische Tage, die ich blind verliebt an mir vorbeiziehen ließ, ohne mir jemals Gedanken über das zu machen, was mich in der Neuen Welt erwarten würde. Erst später erkannte ich, dass das ein Muster für die nächsten Jahrzehnte sein würde.
Wir sitzen schon seit Mitternacht hier, eingemummelt in Decken, händehaltend. Wir wollen zusammen den ersten Blick auf das andere Ufer werfen. Langsam wird mir klar, dass die große Party bald vorbei sein wird. Rolf will nur ein Jahr in den Staaten bleiben. Diese Überfahrt hat sein Leben total verändert: Er hat die Reise mit seiner Verlobten angetreten und verlässt das Schiff allein. Unsere Begegnung ist emotional geladen: Wir fühlten uns dem Meer ausgeliefert, und in dieser Wasserwelt haben wir uns gefunden, beide mit dem Wunsch, auszubrechen, und beide ohne Idee, wie das konkret geschehen könnte. Wir bauen Luftschlösser und klammern uns aneinander, um die Angst nicht zu spüren, die uns lähmt. Wir werden einander wiedersehen und zueinander finden.
Langsam wird es hell und der erste Landstreifen wird sichtbar. Wie erstarrt halten wir einander fest. Es gibt nichts mehr zu sagen. Immer mehr Leute kommen an Deck. Der Himmel wird strahlend blau. Der Sturm ist vergessen. Viele kommen zum ersten Mal nach Tagen an die Luft. Es herrscht eine freudige, ausgelassene Stimmung. Warum spüre ich das nicht? Mir ist das Herz schwer. Langsam kann man Häuser erkennen und unaufhaltsam nähern wir uns dem Koloss New York. Es ist unbeschreiblich, die Skyline, die Einfahrt in den Hafen, vorbei an der Freiheitsstatue, die mir nichts bedeutet. Meine Augen sind nur auf das Land gerichtet, die vielen Autos, die gigantischen Gebäude, der Schmutz um den Hafen. Was mache ich hier nur? Das Schiff wird unaufhaltsam in den Hafen gelotst. Es gibt kein Zurück!
Dann geht alles rasend schnell. Jeder stürzt in seine Kabine und kommt mit seinem Gepäck wieder an Deck. Dann kommt die eigentliche Einwanderung: An einem Tisch sitzen drei Männer von der Einwanderungsbehörde vor langen Listen. Ein Passagier nach dem anderen muss vortreten, sich ausweisen. Das ist mein erster Kontakt in englischer Sprache, und es geht gründlich daneben. Auf die Frage, wohin ich denn wolle, sage ich (mit französischer Aussprache) Detroit und (mit englischer Aussprache) Michigan, woraufhin alle drei Männer laut lachen und mich korrigieren: Welcome to the United States! Ich komme mir richtig dumm vor, aber dann gehe ich über die Gangway runter in eine Halle.
Rolf ist irgendwo anders. Ich sehe ihn nicht mehr. Er hat mir seine Adresse gegeben. Ich denke jetzt auch gar nicht an ihn. Wer holt mich wohl ab? Die meisten Passagiere finden ihre Freunde und Familien sofort. Es ist zehn Uhr morgens und schon jetzt unwahrscheinlich heiß. Ich schmelze dahin in meinem schwarzen Wollblazer. Jetzt stehen nur noch ein paar Leute rum, aber keiner kommt mich holen. Ich muss mir unbedingt die Nylonstrümpfe ausziehen.
Jemand klopft mir dabei auf die Schulter. Ein junger Mann in einem schäbigen Unterhemd, in Nietenhosen und Turnschuhen grinst mich an und sagt “hi“, was ich als „high“ verstehe. Ich reagiere sofort, sehe hoch und schaue mir die Decke der Halle an. Endlich habe ich den zweiten Strumpf ausgezogen und in die Handtasche getan. Der Mann weicht nicht von meiner Seite. Er zieht einen Zettel aus der Tasche und sagt: „Are you Susan? I’m Jamie, I’m supposed to pick you up.“ Und plötzlich dämmert es mir: Er ist mein Kontakt!
Ich hatte einen Rechtsanwalt erwartet und nicht so einen Typ. Wie oft hatte ich mir die Begrüßung vorgestellt und eingeübt: „How do you do.“ War doch richtig, oder? Ein breites Grinsen geht über sein Gesicht. Dann kommt ein Wortschwall, von dem ich nur Fetzen mitbekomme. Er nimmt einfach meine Koffer und gestikuliert, dass ich ihm folgen soll. Habe ich eine Wahl? Auf dem Parkplatz steht sein Wagen, ein riesiges Cabrio. Die Koffer kommen auf den Rücksitz und los geht’s. Ich muss erst am Abend nach Detroit. Jamie hat sich entschlossen, mir ganz New York zu zeigen.
Vielleicht wird es dir auch so gehen, Simón. Wenn du einmal da bist, weißt du gar nicht, wo du dich festhalten kannst. Alles ist unbekannt und aufregend, aber du bist auf vollkommenem Neuland und orientierungslos. So klammert man sich an jede Hand, die einen halten will. Aber mit jedem Augenblick wächst das Selbstvertrauen.
Liebste Mutti,
ich bin gut in Detroit angekommen. Allerdings war ich vollkommen übermüdet. Die Youngs waren bei meiner Ankunft leider nicht da (sie waren im Stau auf der Autobahn stecken geblieben) und so wusste ich gar nicht, was ich tun sollte. Ich setzte mich auf meine Koffer mitten in die Ankunftshalle und schlief ein. Man hätte mich kidnappen können. Doch dann weckte Mr. Young mich auf und alles war gut. Ich wurde zu Hause sofort ins Bett verfrachtet und schlief wie eine Tote.
Du musst wissen, dass ich in New York von einem netten jungen Mann abgeholt wurde. Der hatte sich vorgenommen, mir eine gründliche Tour dieser Metropole zu geben. Wir haben ganz Manhattan abgeklappert. Es war einfach herrlich. Wir fuhren in seinem Cabrio die ganze Fifth Avenue lang. Ich bin so voller Eindrücke, dass ich alles erst mal verarbeiten muss. Das ist schon ein Unterschied zu unserem kleinen Kaff!! Mit dem Englisch ging es so recht und schlecht. Zum Glück habe ich den Langenscheidt bei mir gehabt! Aber als wir im Waldorf Astoria zum Lunch waren, konnte der mir auch nicht helfen. Jamie (der junge Ami) fragte nämlich, was ich trinken wollte. Ich sagte, ich hätte gern einen Martini. Der Kellner sah mich immer so intensiv an. Ich dachte, ich muss wohl so was von attraktiv sein, dass er sich an mich heranmachen wollte, und ich ignorierte seine konstante Frage: „How old are you?“ Er ließ nicht locker und so musste ich ihn deutlich zurechtweisen. In meinem besten Englisch erklärte ich ihm, dass man in meinem Heimatland eine Frau nicht nach ihrem Alter fragt. Woraufhin er mich grinsend darüber informierte, dass es ihm ganz egal sei, woher ich käme. In New York müsse man 21 Jahre alt sein, um ein alkoholisches Getränk zu bestellen. Ich könne jedoch nach New Jersey fahren, dort dürfe man schon mit 18 Jahren ein Bier trinken. Das war mir so peinlich! Jamie lachte nur und ich wunderte mich im Stillen, ob man uns das jemals in einer unserer Englischklassen gesagt hatte.
Überhaupt habe ich kaum etwas in neun Jahren Englischunterricht gelernt, was ich hier anwenden könnte! Aber ich scheine wider alle Aussagen meiner Lehrer eine ausgesprochene Sprachbegabung zu haben. Nach ein paar Tagen hier in Detroit bei den Youngs bin ich so richtig in Schwung gekommen. Ich bin ein bisschen jünger als ihre Töchter, durch die ich gleich alle möglichen Leute kennengelernt habe.
Die Amerikaner sind irrsinnig, herrlich und spontan. Als Allererstes musste ich mir die Beine rasieren – macht man so hier. Christina hat mich auch gleich zum Shopping mitgenommen. Also Karstadt ist gar nichts, verglichen mit den Geschäften hier.
Ich glaube, ich werde mich hier wohlfühlen, obwohl Detroit nicht gerade eine schöne Stadt ist. Man nennt sie „Motorcity“, weil hier die großen amerikanischen Autokonzerne ihren Sitz haben. Es ist eine Arbeiterstadt. Die meisten Menschen malochen in einer der riesigen Fabriken. Erstaunlich ist, dass der größte Teil dieser Arbeiter in einem eigenen Haus wohnt und sich einen relativ hohen Lebensstandard leisten kann.
Mir geht es wirklich gut. Es ist schwer, sich an das heiße Klima zu gewöhnen. Mir wird schon ganz Angst und Bange, wie heiß es wohl in Florida sein wird! Wir sind hier doch an der Grenze zu Kanada und die Temperaturen sind wie im südlichen Europa.
Ich melde mich wieder, wenn ich in Miami angekommen bin. Vergesst bloß nicht zu schreiben, denn sonst fühle ich mich ganz allein auf der Welt.
1000 Küsse, Deine S.
Ich nehme einen Nachtflug nach Miami. Jetzt weiß ich schon, wie sich das Fliegen anfühlt. Mein erster Flug nach Detroit war nicht so toll. Ich kam mir so allein vor und hörte jedes Geräusch der Maschine mit Panik. Eine nette Frau nahm sich meiner an und erklärte mir alles. Es ist einfach unglaublich, dass ich jetzt nach Florida fliege. Ich werde sehen, wo der letzte James-Bond-Film aufgenommen wurde! Florida! Ich erwarte ein tropisches Paradies: Südfrüchte, Palmen, einen langen, weißen Strand und das Meer.
Wie die Bates wohl sind? Eigentlich kann ich mich mit der Idee gar nicht anfreunden, dort als Au-pair im Haushalt zu arbeiten. Irgendwie ist mir das peinlich. Um ehrlich zu sein: Ich habe praktisch keine Erfahrung in Haushaltsdingen. Wo bin ich jetzt eigentlich? Deutschland ist so weit weg und ich fürchte, es gibt keinen Weg mehr zurück. Ich werde das nagende Gefühl nicht los, dass ich nicht hierhin gehöre. Egal, alles ist besser als mein vorheriges Leben. Da habe ich auch nicht hingepasst. Vielleicht werde ich doch eine richtige Amerikanerin. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Alles geht so schnell. Ich bin unwahrscheinlich nervös und wünschte, die Ankunft läge schon hinter mir. Was, wenn die Bates nicht da sind? Aber ich kann ja immer in Detroit anrufen. Mr. Young hat mir ausdrücklich ans Herz gelegt, sofort per R-Gespräch bei ihm anzurufen, wenn irgendwas nicht klappt. Er ist überhaupt rührend und scheint mich als Tochter zu betrachten. Was Rolf wohl macht? Ich habe ihn noch nicht vergessen. Er ist meine Verbindung zu der alten Welt. Wir sind jetzt auf dem Anflug auf Miami. Unter uns liegt ein Lichtermeer.
Liebste Mami,
ich bin gut angekommen. Es ist unglaublich, aber ich bin in Miami. Die Bates sind reizende, interessante Menschen. Das Haus ist sehr schick (leider Gottes sehr groß), im spanischen Stil gebaut. Miami ist eine Wucht, genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, mit wedelnden Palmen und blauem Meer. Das Klima macht mir jedoch zu schaffen: Wir haben an die 40° hier. Zum Glück gibt es Air Conditioning im Haus, denn nur so lässt sich die Hitze ertragen. Ich wage mich kaum raus, obwohl wir in der schönsten Gegend Miamis wohnen. Ich brauche nur zwei Straßen zu überqueren und ich bin am Meer! Öffentliche Strände gibt es jedoch kaum, alles gehört zu irgendwelchen Hotels. Boy, mir fehlt mein Koffer! Er soll ja erst im Juli ankommen. Mrs. Young wird meine Wintersachen rausnehmen und ihn mir dann nachschicken. Ich habe ja nur dicke Sachen hier. Deshalb laufe ich nur im Bikini umher und schwitze mich immer noch halb tot. Jeder Windzug ist heiß. Sogar die Bananenstauden und Orangenbäume vertrocknen hier. Ich weiß nicht, ob ich das lange aushalten werde. Vielleicht gehe ich doch bald wieder nach Detroit zurück. Ich denke ernsthaft daran zu studieren. Irgendwas muss ich ja machen. Mr. Young sagte mir, dass die Universität Michigan sehr renommiert ist. Dort würde ein Studium für mich auch viel billiger sein, weil Michigan meine Residenz ist. Ich bin ja dorthin ausgewandert. In Miami müsste ich sehr viel mehr bezahlen und das könnte ich mir gar nicht leisten. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, Nonne zu werden. Ich könnte ja Weinbrände herstellen.
Auf der anderen Seite dachte ich daran, Englischkurse hier in Miami zu belegen. Die sind nämlich wahnsinnig billig: $ 3 für 3 Monate! Aber die sind für Analphabeten gedacht, d. h. Flüchtlinge aus Kuba, die es hier in Massen gibt. Aber das lohnt sich für mich nicht, ich glaube, es ist besser, wenn ich fernsehe und Radio höre. Dann kriege ich schon alles mit, was ich brauche, um hier überleben zu können, denn so lernt man wenigstens die Umgangssprache.
Mami, könntest du mir bitte schnellstens dein Käsekuchenrezept und auch das für Apfelstrudel senden? Gut wäre noch, wenn du mir schreiben würdest, wie man Königsberger Klopse macht. Ich muss einfach anfangen zu kochen, denn die Youngs haben eine ganz eigenartige Ernährungsweise. Zum Frühstück gibt es immer frischen Orangensaft, Frosted Flakes, d. h. gezuckerte Cornflakes, und entsetzlichen Toast. Das „Brot“ ist ein Trauma für mich: Es ist weiß und wabbelig. Vor dem Frühstück essen die beiden einen Löffel Vaseline, das ist eine Petroleumpaste. Mrs. Bates ist Ärztin und glaubt, dass das der Verdauung gut tut. Ich brauche das nicht! Lunch machen wir nicht, da Mrs. Bates im Krankenhaus isst. Ich mache mir dann meistens unzählige Sandwiches aus diesem wabbeligen Brot. Davon kann doch kein Mensch satt werden. Zum Dinner gibt es immer dasselbe: montags Chicken, dienstags Beef, mittwochs Pork Chops, donnerstags Fisch, freitags Hamburger, sonnabends chinesisches Essen und sonntags Lamm. Dazu gibt es Gemüse oder Salat und Kartoffeln. Ich MUSS kochen lernen.
Das wär’s für heute. Schick mir bitte ein paar Rezepte!
Bis bald, alles Gute, grüße alle, die sich an mich erinnern, viele Küsse,
Deine S.
Der Alltag wird ein Problem für mich. Ich kann nichts mit meiner Freizeit anfangen. An die Hausarbeit habe ich mich schon lange gewöhnt. Das Haus ist zwar groß, aber leicht zu bewirtschaften. Es gibt auch hier eine Routine, die ich schnell gelernt habe und mit der ich klarkomme. Wenn ich um neun Uhr anfange, bin ich um elf fertig.
Mr. Bates zeigt ziemliches Interesse an mir. Er sollte ja eigentlich in die Sowjetunion fliegen, deshalb bin ich doch hier – weil Mrs. Bates nicht allein sein wollte, aber er geht nicht. Er redet gern mit mir und das fördert auch mein Englisch. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte der irgendwelche Hintergedanken.
