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Aus dem vielfältigen Bild vom reichen bürgerlichen Leben und politischer Leidenschaftlichkeit läßt Kolbenheyer die geistigen Verhältnisse des Goldenen Zeitalters in Amsterdam entstehen: Dem Maler Rembrandt formt sich angesichts von Unduldsamkeit und religiösem Hasse das Bild des barmherzigen Samariters, dieses findet er in dem von Juden und Christen verfolgten Uriel Acvota. Über viele Jahre hinweg entsteht ein Beziehungsgeflecht zwischen Acvota, dem tief denkenden Rabbi Jehuda und dessen Schüler Baruch Spinoza. Dieser sucht jedoch seinen eigenen Gott. Der Talmud, wie auch die Schriften des Maimonides wecken in ihm Zweifel. Der Sohar und anderes zeigen ihm, das vieles vom Väterglauben für eine Zeit galt, da "Israel noch Schwert trug", aber heute das Leben ein anderes Gesetz fordert. Die Judengemeinde fordert seine Rechtfertigung, bietet auch tausend Gulden Jahrgeld, wenn er öffentlich seinen Religionspflichten genüge. Er lehnt ab, verfällt dem kleinen Bann, weicht aus Amsterdam. Findet Ruhe. Indessen wird das reiche Holland von den Königen ringsum argwöhnisch und gierig betrachtet, bei den Holländern wächst die Endzeitstimmung, die Judengemeinde schaut auf einen fernen Messias Zabatai Levi. Der Weltuntergangstermin geht vorüber, der Messias bleibt aus – statt dessen wütet die Pest. Dann Krieg mit England, Sieg über die englische Flotte, in ihm selbst aber der Kampf der Freiheitspartei gegen die Oranier, die Königspartei. Spinoza veröffentlicht seinen "Theologisch-praktischen Traktat". Andere Freigeister stellen die Philosophie als einzige Erklärerin der Bibel dar. Im Bunde mit dem französischem Feinde wird Oranien der Herrscher Hollands, die Freiheit versinkt. Doch einzelne bleiben aufrecht: Spinoza, nun Benedictus, weiß in sich trotz allem die Gotteswahrheit. Die nach seinem frühen Tode nachgelassenen Werke prägen ein ganzes Jahrhundert. Der Roman, 1909 erstmals erschienen, ist ein Meisterwerk.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2026
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E. G. Kolbenheyer
Gesamtausgabe der Werke letzter HandAbteilung 1
Band III
Romane I
Ein Spinoza-Roman
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andereSprachen und des Nachdruckes, behält sich dieKolbenheyer-Gesellschaft e. V. vor. © 1967 Kolbenheyer-Gesellschaft e. V.
© 2026 Copyright by Kolbenheyer-Gesellschaft e. V.
Verantwortlich für den Inhalt: Kolbenheyer-Gesellschaft e. V. Graslitzer Straße 30 82538 Geretsried [email protected]
published by epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
I
II
III
IV
V
Pieter Keezer van Dort hegt keine Träume. Wie seine Stirne, kurz und breit, ist seine Gestalt.
Über den engen, sonnigen Platz vor der Alten-Kirch schreitet Pieter Keezer wohlgesetzten Schrittes, nicht im spärlichen Mittagsschatten den Häusern entlang, in gerader Richtung dem Seitengäßlein zu, das in die Warmmußstraße führt. Ihm folgt der junge Kontordiener, eine Ledermappe unterm Arm. Er zwingt seinen Eifer in die gemächliche Gangart des Meisters. Das Glockenspiel der Alten-Kirch hat den Choral der Mittagsstunde über Amsterdam ausgeklungen, längst muß der Börsenhof vom schwirrenden Gedränge erfüllt sein.
Und sie schwenken auf den Feigendamm ein. Des Gesellen Herz pocht in der stolzen Erregung des ersten Kaufmannsdienstes. Nun noch der Brückenbogen der Börse. Sie werden hart aneinander gedrängt und arbeiten sich zum Platze der Tuchhändler durch. Dort wird die Handelslage ruhig erwogen. Die Hauptmasse aber der Versammelten, die der Kornmakler, erschüttert den Hof mit betäubendem Lärm, der dem Neuling die Brust beengt. Ein Wirrsal kämpfender Laute, ineinandergepreßt zu einem Dröhnen: die rauheren Worte der Niederdeutschen stürmen gegen das schmiegsame, durchdringende Genäsel der Franzosen und Spanier, dazwischen surren die Silben der Moskowiter und Polen. Perser und Türken sind ins Feuer geraten: dumpfe Rufe, hastige Arme. Kühl scheinen die Inder, sie flüstern dem Nachbar in die Ohren. Aber die Magyaren suchen den Schwall zu überbrüllen. Die Dolmetsche vermögen kaum vernehmlich zu werden. Als hätten die Meere ihr Sturmbrausen und ihre Wellenwucht in die Brust der Weitgereisten gegossen, mit ihnen die Dämme Hollands zu überfluten für diese eine Stunde, so schwillt es aus dem Menschen wirrsal: Deutsche und Slaven, Romanen und Türken, Inder und Juden, die Völker der Erde, einander stoßend und überschreiend: es gilt die schweren Säcke holländischer Silberdukaten. Draußen im Jjstrom liegen behäbig die Schiffe, Frucht fernster Sonnenländer im Bauche. Sie werden ihren Reichtum in die Kornhäuser der Amstelbürger schütten, abertausend Scheffel.
Briten und Venetianer berichten darüber voll Bewunderung und Neid. Amsterdam ist der Speicher Europas.
Während die deutsche Saat von den schwedischen und kaiserlichen Kriegsvölkern zermalmt wird, Dörfer und Städte in Asche sinken, sprengt Amsterdam seinen Mauergürtel, muß seine Wälle in weiterem Bogen führen, da sein Reichtum überquillt. Und während in Flandern der erbitterte Erbfeind vor den Söldnern Hollands Schritt für Schritt zurück weicht, häuft der Kaufmann am Jj das schimmernde Gepräge der Welt in seinen Eisentruhen. Amsterdam, Schlagader der Alten Welt.
Inmitten der Erregung stehen die Herren der Indien-Kompanie. Nationen schreien auf sie ein. Sie bleiben gelassen, kein Patrizier kann sich an ihrer Würde messen. Ihre Kinne sitzen in dicken Halskrausen, von ihren Schultern fallen kunstvoll geraffte Mäntel. Die „Herren“ – sie haben den Titel des Adels angenommen und tragen ihn ohne Widerspruch. Sie ziehen einen entschlossenen, unbezwinglichen Machtkreis, der alle Handelswerte bannt: die Kompanie. Nur wenige haben den Mut, neben ihr eigene Wege zu gehen, und diese wenigen werden von den geringen Kaufleuten gefeiert und bewundert. Sie nennen sich „Signeurs“ und haben stark zu ringen; trotzig sind ihre Mienen: Die Kompanie verfügt über unversiegliche Quellen! Sie schöpfen ihre Kraft aus dem Volke, sind strenge Kalvinisten. Doch ihre Zahl schmilzt von Jahr zu Jahr.
Die Stunde der Börse eint alle. Verblaßt sind die Farben der Politik in dem bunten Trachtengewühl, erdrückt sind die Stimmen persönlicher Neigungen vom Wogengange der Marktwerte, erstickt liegen die Flammen religiösen Eifers, die halb Europa verderben, unter dem Willen des Länder und Meere beherrschenden Gottes Gewinn.
Wieder klingt der Stundenchoral vom Turme der Altenkirch. Er senkt seine milden Wellen in das Getümmel. Die Kaufleute drängen erschöpft aus den Toren. Ihre Köpfe glühen, ihre Augen leuchten noch.
Einen Teil des Kaufhauses bildet die Laken-Hall, Sitz und Sammelort der Niklasgilde. Sie hat ihre vornehmsten Verkaufsstellen dort geöffnet, breite Läden, deren obere Flügel gegen die Sonne gespreizt stehen, hinter den Fenstern ein köstlicher Stapel: Ballen von dunklem Holländer Sammet und rauhem Bombasin, schillernder Armosintaffet, schwere venetianische Seidenstücke, Rollen flandrischer Gold- und Silberbrokate, sorgfältig in Spinden verwahrt, durch deren verglaste Luken die Ornamente blinken, geblümter Satin, Flammet aus englischer Wolle und französischer Serge. Daneben hängen schottische Gurtbinden, persische Seidenshawls und Nesseltücher von Cambrai.
Signeur Keezer hat hier einen guten Teil seines Wohlstandes liegen. Er macht Aufzeichnungen über den Verkauf. Der junge Kontordiener steht daneben, doch achtet er seines Herrn nicht, er ist noch völlig verwirrt. Die schlanke Hand eines hochgewachsenen Mannes berührt seinen Nacken. Er zuckt auf, und sein Gesicht erhellt sich freudig. Er führt die Hand an seine Lippen. Pieter Keezer und der Schlanke ziehen fast gleichzeitig unter Verbeugung die wallenden Federhüte.
„Signeur, ich ersuche zu bedecken.“
„Ihr habt meine Bitte überholt, Herr de Vries.“
„Eure Geschäfte blühen, Signeur. Ich sehe auf Eurer Tafel keinen leeren Platz mehr.“
„Ich bin zufrieden, wenn meine Verbindungen den Euren gleichen, Mijnheer. Übrigens, meine Aufträge sind notiert. Der Vorzug Eurer Gesellschaft …“
Keezer versucht eine einladende Handbewegung und gibt die Mappe ihrem Träger, ein wenig gespreizt wendet er der Laken-Hall den breiten Rücken zu.
„Ich hoffe, daß Euch mein Sohn zufriedenstellt“, fragt Herr de Vries mit einem Seitenblick auf den Jüngling.
„Noch kann ich kein Urteil fällen … wenige Tage, die er in meinem Hause ist! Allein die Befürchtung, daß seine gewählte Erziehung ihm den Dienst der ersten Jahre versäuerrn möchte, kann ich immer noch nicht unterdrücken. Ihr wißt, ich stamme aus geringen Verhältnissen, und meine Erholung ist die des einfachen Mannes geblieben: die Bibel und unseres großen Gomarus Erläuterung zur Jnstitutio christiana‘ Calvins.“ Der Signeur legt einen Ton in sein Bekenntnis, die Wangen seines Kontordieners röten sich. „Euer Sohn liebt von mancherlei anderem zu kosten.“
„Simon, ich will nicht annehmen, daß du …“
„O, er ist eifrig, ohne Sorge, Mijnheer! Ich fürchte nur, nach philosophischen Lektüren werde die ,Doppla scrittura' nicht munden.“
Herr de Vries weiß, daß die Bemerkungen des Signeurs mehr ihm als seinem Sohn gelten. Er leitet das Gespräch auf den flandrischen Feldzug und dessen kühne Führung durch den lebensfreudigen Generalkapitän und Statthalter. Da reckt sich der Signeur, drückt den Degengriff nach unten, sein Mantel sträubt sich.
„Prinz Frederik Hendrik! Glänzende Perle der Oranier! Kein Volk der Erde kann mit gleicher Freude auf einen Fürstenstamm blicken! Vor einem Jahr der Sieg bei der Tholeninsel: fünftausend Gefangene, an vierzig Fregatten! Vor wenigen Wochen der kühne Kampf gegen drei Heere! Die Pappenheimer sind gewichen! Maastricht, der Schlüssel Flanderns, ist unser!“
Das hören Vorübergehende. Neue Zeitung? Sie bleiben stehen, sie schauen nach. Signeur Pieter Keezer van Dort hat seinen Schritt verlangsamt, mit lebhaften Armbewegungen die Ausrufe begleitet. Ein verbundener Offizier kommt über die Brücke, auch er winkt: „Der Friede ist vereitelt! In Brasilien geht der Krieg weiter! Unser ist die neue Welt!“ „Heil, Frerik Hein!“ antwortet Keezer.
Die Amsterdamer sind gewöhnt, allezeit vom Zufall zusammengerottet zu werden. Keine Woche ohne erregende Neuigkeit. Sie hören einen Ruf, sehen ein Hutschwenken, ein kleiner stämmiger Mann strebt freudig auf einen blessierten Offizier zu, schon bilden sie einen Ring um beide. Aus allen Gassen neugierige Leute. Kein Verkaufswinkel, keine Werkstatt bleibt für den Augenblick behütet. Auch Schiffer in der Gracht lenken ein, recken die Hälse. Die Warenschlitten wollen nichts vom Aufenthalt wissen, unter Geschrei ihrer Führer gleiten sie ineinander und füllen die Breite der Straße. Karossen und Sänften halten an, ihre Schläge öffnen sich vorsichtig. Kein Fenster bleibt leer. Kopf an Kopf steht es, fragend, schreiend.
Pieter Keezer ist entzückt, er umarmt den Offizier. Herr Jost de Vries und Sohn stehen abseits. Der Offizier sucht sich Bahn zu schaffen, man drängt nach und bestürmt ihn.
„Friede zerschlagen! Brasilien unser!“
Über die Ballen einer umgestoßenen Schlittenfracht, umwirbelt von schreienden Jungen, angehalten von Vornehm und Gering, erkämpft der Offizier den Weg. Seine Augen blitzen vergnügt: er kennt die Amsterdamer, ihre Vorliebe für Straßengeschrei, er weiß, daß sie willkommenen Nachrichten unermüdlich lauschen. Er arbeitet sich glücklich zum „Fröhlichen Hirschen“ durch. Da will er seine Sporen unter den kühlen Tischen verankern für diesen Tag und die folgende Nacht. Sein Becher wird sich stets von neuem füllen, und die Falten seines Beutels werden sich glätten beim klappernden Tricktrack.
Der Signeur hat seine Begleiter wiedergefunden. Er entwickelt die Pläne seiner brasilianischen Politik; allmählich nur kehrt er, von zarten Entgegnungen ernüchtert, zur Wirklichkeit zurück.
„Sinterklaas ist nicht mehr allzu fern“, lenkt Herr de Vries das Gespräch. „Unserer Gilde stehen die Wahlen bevor. Ihr und viele unserer Meister sind mit den Vorstehern dieses Jahres nicht zufrieden –“
„Was Euch betrifft, Mijnheer – nirgends ein Tadel, niemals, ich versichere!“
„Gerade heraus, Signeur, man rechnet auf Euch. Die Regentschaft hat Vorschläge zu machen. Werdet Ihr Euch der Gilde verweigern?“
Pieter Keezer kennt seine Stellung unter den Tuchhändlern, er hat diese Frage gefürchtet, und wie sie von De Vries ohne Umstände gestellt wird, ist sie ihm doppelt unlieb. Seine gehobene Stimmung schlägt ins Gegenteil um. Das Gewissen ist nicht rein vor De Vries. Es wäre ihm lieber gewesen, vermöge seines Anhanges eine Regentenstelle zu ertrotzen. Der Ehrgeiz verlangt nach einem lauten Sieg. Und nun kommen ihm die Gegner zuvor.
„Ihr solltet mir Eure Antwort nicht versagen, Signeur. Ich weiß, daß Ihr meinen Beitritt zur Kompanie verurteilt habt, doch denkt, daß ich zu meinen Freunden stehen muß, wie Ihr zu den Euren, und ehrt mein Vertrauen.“
„Herr, Vertrauen habe ich Euch bewiesen, ich habe Euren Sohn in die Lehre genommen. Es wundert mich, daß Ihr gerade mich zu seinem Meister ausersehen habt.“
„Ich suche Eure Freundschaft.“
„Würdet Ihr sie suchen, wenn Ihr nicht wüßtet, daß meine Person eine nicht geringe Zahl Unzufriedener in der Gilde vertritt?“
„Signeur, ich habe niemals die Freundschaft eines unbedeutenden Mannes gesucht.“
Gegen De Vries war ein Streit aussichtslos, das hatte Keezer erfahren, als er widerwillig darauf eingehen mußte, den jungen Simon heranzubilden.
„Setzen wir uns über die Parteien hinweg“, fährt der Handelsherr fort, „halten wir unser nächstes und bestes Ziel, die Wohlfahrt der Gilde, das heißt unsere Wohlfahrt, im Auge …“
Pieter Keezer van Dort will entgegnen, an seiner Haltung ist die Antwort zu erraten, allein der Handelsherr läßt ihn nicht zu Wort.
„Wollt Ihr leugnen, Signeur, daß die Formeln der höchsten Güter, wie sie von Kanzel und Katheder zu hören sind, etwas anderes bedeuten als eine Verkleidung dieses nächsten Zieles? Glaubt Ihr, ein Magellan hätte es unternommen, ohne Aussicht auf freundliche Winde, wider feindliche Stürme um den Erdball zu kreuzen? Wir nutzen alle die günstige Brise, müssen unser Steuer nach ihr richten.“
Pieter Keezer ist kein Träumer. Wahrheit aus Gegnersmund schmeckt vergällt; gegen sie gibt es nur einen Schutz: Orgeltönen unbestreitbarer Überzeugungen. Und Herr de Vries hat geduldige Ohren.
„Ihr seid theologisch geschulter als ich, Signeur“, bemerkt er nach den erschöpfenden Auferbauungen. „Ich kann nur mit nüchternen Augen sehen. Zeigt mir den ersten, der seinen Vorteil verachtet, und ich will Euch glauben. Bis dahin halte ich am nächsten fest. Doch will ich Euch nicht länger mit Fragen bedrängen. Vielleicht wird Euch eine andere Stunde günstiger stimmen.“
„Ihr seid jederzeit willkommen.“
„Ein kleines Geschäft noch. Ich möchte Euch einen jüdischen Händler empfehlen, der mir ein Stück spanischen Brokates verkauft hat. Euer Urteil über die Gangbarkeit des Musters wäre mir wertvoll, ich bitte Euch darum. Der Jude scheint anstellig zu sein und des Vertrauens wert. Er nennt sich Michael de Spinoza.“
Sie sind vor den Stufen des Keezerschen Lagerhauses stehengeblieben. Der Signeur dankt für die Auszeichnung, die in der Bitte des Kaufherren liegt. Herr de Vries küßt die Stirn seines Sohnes. Die beiden Kaufleute fächeln mit ihren Hutkrempen den Staub des Bodens.
Pieter Keezer poltert die steile Holzstiege hinauf. Seine Wangen sind zornrot. Vor dem Kontor bleibt er stehen und stöhnt. Höflichkeit! Lieber eine Schute Sand auf dem Rücken sackweise verladen! Was hätte er drum gegeben, den zierlichen Herren von der Kompanie einen Gewaltstreich zu spielen! So bringen sie ihn um die Freude. Er stößt die Tür mit einem Tritt auf, sie schellt an die Wand. Die Kanzlisten schnellen vom Pulte in die Höhe und starren den Gebieter an. „Maulaffen“, donnert der Signeur. Die Begrüßten knicken über ihren Pulten zusammen, ihre Federn eilen quarrend über das Papier hin, das Geräusch einer fernen Gansherde.
Simon de Vries befreit des Signeurs Beine von den prallen Reitstiefeln und holt Schlafrock, Mütze und Filzpantoffel.
„Geh Er hinüber zur Frau, sie hat Arbeit für Ihn! Vielleicht kann Ihn der Maler brauchen!“
Pieter Keezer atmet auf, er hat am Pulte Platz genommen. Die Mütze umschmeichelt seine Stirn. Die Kanzlisten gehen sachter zu Werk.
Vor Pieter Keezers Blicken reihen sich die wirr, nach Gelegenheiten gesammelten Notizen zu geordneten Gruppen. Wie ein Heerführer die neugeworbenen Söldlinge sichtet und ihnen Waffen und Fähnlein zuteilt, so fügt der Kaufmann Zug an Zug in seinen Plan. Die Reserven der alten Verbindungen werden immer neu durchblättert, hier wird eine Verstärkung zugeschlagen, dort ein schwacher Posten aufgegeben. Jüngste Vereinbarungen sollen behutsam erprobt werden; ihre Aufträge werden sorgfältiger geprüft und ihre Waren vorsichtiger gewählt. Ein Konkurrent ist einem kühnen Angriffe erlegen. Der Kaufmann streicht den Namen des Bankerotteurs aus seinen Listen. Dieser Erfolg hat eine Schlappe zu decken, die seit Jahren hemmend wirkte. Schwanke, unsichere Erwartungen gestalten sich zu umrissener Notwendigkeit, die Handeln fordert. Der Blick des Kaufmanns übersieht seine blühenden Streitkräfte, das weite Kampfesfeld – die Erde.
Signeur Keezer überhört ein leises Klopfen. Erst als der jüngste Kanzlist öffnet, bemerkt er eine schmächtige, gebückte Gestalt im Türrahmen, deren Gruß er mit kurzem Nicken beantwortet. Seine Stirn umwölkt sich leicht: die kostbare Geweberolle auf den Schultern des Eintretenden erinnert ihn an Herrn de Vries.
„Verzeihung, ich bringe …“
„Den spanischen Brokat“, fällt der Signeur ein. „Dort, breitet ihn über die Bank!“
Der Jude vollzieht eifrig den Befehl, während der Kaufmann sich wieder in seine Erwägungen versenkt.
Behutsam, als sei er ein Lebewesen, ist der Stoff über die Bank hin entrollt und in gefällige Wellen geordnet, allein der Kaufmann läßt das Stundenglas noch eine Weile rinnen, ehe er aufblickt und zuerst den Gesandten, dann den Brokat mustert.
Gold- und Silberranken fließen zitternd auf ihrem matten Grunde hin. Die Schönheit zieht Keezer an. Er ist unverwandt näher getreten und streichelt über die schweren Falten. Sie sind wert, von den Schultern eines Königs zu fallen am Krönungstage. Südländische Üppigkeit, Ahnung einer höheren, alten Kultur. Die Orientalen haben um köstliche Stoffe einen Schimmer ihrer Märchen gegossen. Der Signeur ist von dem Zauber befangen.
„Woher stammt das?“
„Aus Lissabon.“
„Nicht aus Spanien?“
„Aus unserer Heimat, aus Portugal.“
„Seid Ihr schon lang in der Judenbuurt?“
„Mein Vater ist – ich war noch Jüngling – vor dem Blutgericht gewichen.“
Der Kaufmann wendet dem Juden sein Gesicht zu, eine gutmütige Scheu liegt in seinem Blick. Man hatte sich gewöhnt, die blutigen Werke der Kirche zu verurteilen.
„Ihr habt noch Verwandte in Portugal?“
„In Lissabon lebt der Brudersohn meines Vaters. Er ist Tuchhändler wie ich.“
Keezer hebt eine Falte des Brokates wägend auf.
„Altes Werk, nur im Süden zu finden.“
„Nicht oft, Herr van Dort. Es ist ein Familienstück.“
„Wollt Ihr mit mir kommen? Ich möchte es dem Maler Rembrandt van Ryn zeigen.“
„Ich kenne Herrn Rembrandt van Ryn“, beteuert der Jude und rollt seinen Schatz zusammen. „Er wohnt nicht weit von mir in der Breestraat. Ich hab ihm ein Seidentuch verkauft, und er hat nichts vom Preis abgerissen.“
Der Weg zu dem stattlichen Wohnhause Keezers ist nicht weit.
„Ihr seid Herrn de Vries verpflichtet?“
„Was soll ich sagen? Der Herr hat von mir den Brokat gekauft. Ich weiß nicht, wird er ihn behalten für seine Zimmer oder wird er ihn wieder aus der Hand geben. Vielleicht wird er ihn zum Muster nehmen?“
Pieter Keezer zuckt vornehm die Achsel.
„Könnt Ihr Eurem Verwandten in Lissabon trauen?“
„Trauen! Wenn ich mir selbst in einem Handel könnt kein Vertrauen schenken, würd ich ihn legen in die Hand meines Vetters. Er ist reich und hat ein Herz für die Familie. Er hat uns in der Not geholfen, in der großen Not. Und wenn ich mir sage: du bist nicht mehr so arm, du kannst deinen Kindern etwas zuwenden – ich verdank es ihm.“
„Meine Verbindungen mit Lissabon sind nicht so fest, wie ich wünschte. Würde Euer Vetter bereit sein, für mich Erkundigungen einzuholen?“
„Er ist ein vermögender Mann, sein Arm reicht weit. Er wird vielleicht bereit sein, mir seine Ansicht über Eure Wünsche zu schreiben.“
Die Lippen des Signeur werden dünn.
„Wie heißt er?“
„Wie unser berühmter Ahn: Petro de Spinoza.“
„Ich werde ihm selbst schreiben.“
„Wie Ihr wollt, Signeur van Dort, ich glaube nur …“
„Also gut, schreibt Ihr, Michael Spinoza. Es soll Euer Schade nicht sein.“
Im Flur des Keezerschen Hauses stehen breitgetretene Pantoffel in wirksamem Gegensatz zu den kostbaren Marmorfliesen. Der Hausherr deutet auf die Fußbekleidungen. Michael de Spinoza muß in ein Paar schlüpfen, bevor er dem Voranschreitenden auf der breiten Holztreppe folgen darf.
Die Stiege ist mit einem üppigen Geländer verziert. Die unterste Stufe wird von zwei Löwen bewacht, deren Vorderpranken das Wappen Dortrechts umklammern.
Im Prunkzimmer sind alle schützenden Laken von Stühlen und Wänden genommen. Tische und Truhen haben die Holzverkleidungen abgelegt. Alle Pracht erglänzt, als sei ein Fest bereitet.
An einer Wand sitzt auf hohem Stuhle Frau Katrijn Hendriks, die Herrin des enthüllten Prunkes. Ihr Gewand und Geschmeide hat den Wert eines seidenbeladenen Kauffahrers. Ihre gepreßten Brüste wogen ängstlich unter dem Rande des engen Mieders und lassen Reihen seltener Steine funkeln. Inmitten der kurzen, feuchtglänzenden Stirn hängt aus dem schlichten Blondhaar eine nußgroße Perle.
Frau Kaatjes Wangen sind hochrot. Die winzigen Äuglein haften ängstlich an dem Manne, der jenseits an der Wand lehnt, dessen Blicke über sie hinweg immer von neuem alles mustern, was in ihrem Umkreis steht, und immer wieder zu ihr zurückschweifen, der seine starke Stirn dabei so ernst, fast finster faltet.
„An dieser Wand also, Meutje Ka, soll es hängen?“
„Der Signeur wünscht es“ antwortet sie kleinlaut.
„Das Licht ist ungünstig. Wollt Ihr nicht die Kredenz um eine Klafter tiefer rücken?“
Meutje Ka ist ins Herz getroffen. Ihre Ordnung wird angetastet! Alle Ängstlichkeit ist gewichen. Die Kredenz, das kostbarste Stück, ins Dunkel rücken! Zwanzig Rosenobel habe Keezer dafür gezahlt, sie sei froh, daß das schwere Möbel stünde. Nicht zu denken ans Verrücken!
Meutje Ka hat sich in eine Ecke des Lehnstuhls geworfen. Sie schaut trotzig in die Glasmalereien. Rembrandt scheint seine empörende Anforderung im Augenblicke vergessen zu haben, er hat sein Skizzenbuch ergriffen, in wenigen Strichen die weibliche Gestalt umrissen und die Helligkeitswerte angegeben. Er tritt freundlich näher.
„So wird Euer Porträt, Katrijn Hendriks.“
Die Frau beugt sich verwirrt über die Zeichnung, dann blickt sie auf.
„Die Kredenz darf bleiben?“
Der Künstler nickt. Lebensvoll und dankbar glänzen ihre Augen.
„Nun werdet Ihr den Imbiß doch annehmen, Rembrandt Harmensz?“
Er lehnt freundlich ab und langt nach seinem Hut.
Da nähern sich schlurfende Schritte, der Signeur kommt mit seinem Begleiter.
„Gut, daß ich Euch treffe, Meister. Einen Augenblick! Diesen Brokat, den der Jude da trägt, sendet mir Herr Jost de Vries zur Begutachtung. Vielleicht kennt Ihr den Herrn, Mitglied der Kompanie, Regent der Gilde …“
Rembrandt verneint.
„Ich wollte diesen Anblick nicht allein genießen: Ihr seid ein Sammler von Ruf, der Brokat wird Euch erfreuen.“
Rembrandt lobt, er dankt dem Signeur.
„Gehört der Brokat Euch, De Spinoza?“
„Ich habe ihn dem Herrn de Vries verkauft.“
„Als ich neulich bei Euch war, habe ich ihn nicht gesehen.“
„Er stammt aus dem Heiratsgut meiner Frau. Sie hat ihn nicht zeigen wollen. Sie hat ihn auch jetzt nicht gern gegeben. Aber was sollen wir mit dem teueren Stück? So nützt er uns mehr: ich habe damit gewonnen das Vertrauen von Herrn Keezer van Dort und von Herrn de Vries.“
„Wird sich zeigen“, bemerkt der Signeur.
„Ist der Rabbi, den ich bei Euch gesehen habe, noch in Amsterdam?“
„Rabbi Jehuda Leon. Er ist da. Er ist weitläufig mit mir verwandt durch meine Schwieger.“
„Wollt Ihr mich zu ihm führen? Ich möchte den Rabbi um eine Gefälligkeit bitten. – Ich brauche ein jüdisches Modell“, erklärt Rembrandt den erstaunten Eheleuten. „Man stößt immer auf großes Mißtrauen.“
„Begreiflich – gegenseitig“, meint Keezer.
„Wenn Ihr von hier in die Judenbuurt geht, könnt Ihr mich mitnehmen, Michael de Spinoza.“
„Wenn der Herr van Ryn mit mir gehen will, kann ich ihn auf der Stelle zum Rabbi führen.“
„Wozu“ fragt der Signeur. „Ich schicke Simon zu dem Rabbiner, er soll ihn bitten, zu Euch zu kommen.“ Ein Blick auf Spinoza deutet an, wie wenig schicklich es Keezer erachtet, wenn Rembrandt sich mit dem jüdischen Händler auf der Straße zeigt.
„Ich glaube nicht, daß Rabbi Jehuda kommen wird“, wirft Spinoza mit heiserer Stimme ein.
„Er hat merkwürdig stolze Verwandte“, brummt der Signeur.
„Wir gehen miteinander. Ihr werdet mir einen großen Dienst erweisen, Michael de Spinoza. Mich freut Eure Bereitwilligkeit.“
Der Künstler nimmt Abschied. Spinoza folgt.
„Vergeßt nicht auf Lissabon“, ruft Keezer und klopft dem Juden auf die Schulter.
„Nichts werde ich vergessen.“
Sie nähern sich dem trotzigen, kastellartigen Waagehaus auf dem Neuen-Markt. Rembrandt erregt Aufmerksamkeit, denn sein Begleiter folgt ihm nicht in gemessener Entfernung wie ein Packträger, er geht neben ihm.
„Wird Euch der Brokat nicht zu schwer?“
„Ich bin’s gewohnt. Was hab ich nicht geschleppt, seit wir in Amsterdam sind!“
„Ihr plagt Euch. Ich sehe Euch oft.“
„Wenn man nicht nur das blanke Leben will, Schweiß muß man vergießen. Der Herr sei gelobt, ich bin gesund.“
Sie gehen einige Schritte schweigsam, dann hebt der Gebückte seine Augen.
„Schwer gemacht und bitter wird’s einem! Wenn man nur seine ganze Kraft brauchte zu geben, um weiterzukommen! So aber schlagen sie einen mit Verachtung, und man muß schweigen.“
„Ihr dürft den guten Keezer nicht auf die Goldwaage setzen, er meint’s nicht schlecht.“
„Gerade wenn er nicht schlecht meint. Unser Name hat Klang in der Heimat, im Süden, in Portugal. Ein Zweig unseres Stamms, ein schlechter nur, denn er ist abgefallen vom Väterglauben, sitzt hoch in der Würde. Mein Vater ist ein stolzer Mann gewesen. – Des Herren Zorn ist auf uns gefallen. Ich habe nur mehr das Geschrei der Brüder gehört und die Pein gesehen …“
„Hängt nicht am Vergangenen, De Spinoza.“
„Mein ganzes Leben lebt von dem Vergangenen. Daß mein Geschlecht wieder groß werde, ohne vom Glauben zu fallen, daran hängt mein Leben. Ich gehe gebückt durch die Straßen der fremden Stadt mit der Last auf den Schultern; ich murre nicht, wenn die Füße der Fremden mein Blut treten, wenn ihre Zungen und Augen meine Seele mißachten … der Trost liegt im Vergangenen. Daß der Herr uns gebe nur einen blassen Schatten der Vergangenheit!“
Sie gehen an den Fischständen vorbei. Breitschultrige Weiber sitzen da und häuten junge, lebende Aale. Ein Schnitt um die Kehle, ein Schnitt längs des Bauches, dann ein Riß, und die glatte Haut ist von den Muskeln getrennt. Die blutigen, ringelnden Tiere werden in einen Sach geschleudert, dort verenden sie jämmerlich.
„So ist es uns gegangen, so wird es uns gehen … geschunden unter den Händen der Unwissenden … bis das Reich des Herren kommt!“
Rembrandt hat ihn nicht vernommen. Sie gehen schon in der Judenstadt, ein Haufen Leute läuft auf sie zu. Die Breestraat ist voll Geschrei. Ein zerlumpter Mann hastet in ihrer Mitte nieder. Sein großer Kopf ist bedeckt von dichtem, welligem Grauhaar, darunter ein schmales, todblasses Gesicht. Der Mund preßt sich ober dem Kinne, die Lider sind fast geschlossen. Hinter ihm schreien Judenkinder her. Sie raffen den Unrat vom Boden und bewerfen den Mann.
„Gotteslästerer!“
Die Erwachsenen haben die Geschäfte vergessen. Sie bleiben stehen und überschütten den blassen Mann mit Flüchen, speien auf seinen Weg, laufen mit. Sie hetzen die schreienden Kinder. Die Unmündigen sollen ihn mit Schmach und Schande beladen und jagen.
„Verfluchter! Leugner! Lügner!“
Ein Stein fliegt aus dem Haufen, eine graue Locke des Flüchtlings färbt sich rot. Er schüttelt nur den Kopf und tastet leicht über die Haare hin.
„Schänder! Thoraschänder! Lügenprophet!“
Ein Bürschlein faßt den zerschlissenen Mantel und wischt seine kotigen Hände dran. Da hält der Flüchtling. Seine Stirn wird rot, die Augen funkeln, er erhebt die Faust. Der freche Bursche duckt zurück. Die Straße ist plötzlich stumm.
„Er will mein Kind schlagen“, kreischt ein Weib.
„Steinigt! Steinigt ihn!“ schreit es von allen Seiten.
Michael de Spinoza ist weiß vor Zorn. Er faßt einen Stein und taumelt dem Flüchtling entgegen. Der kreuzt beide Arme über dem Kopf und läuft die Straße herab. Spinozas Stein verfehlt. Der Gehetzte flüchtet an Rembrandt vorbei in eine Seitengasse, setzt über etliche Stufen in ein Haus und schlägt die Tür zu.
Die Gasse heult ihm nach. Sie stillt ihre Wut an dem Gemäuer. Von dort prallen die Steine auf den Boden und hinterlassen rote Narben an den geschwärzten Ziegeln.
Wehe den Feinden des Herren! Sie sollen zermalmt werden wie der Straßenstaub, und ihre Namen sollen verwehen wie er, keines Gerechten Ohr soll unter ihrem Klang leiden!
Rembrandt befühlt seine Augen. War das Wirklichkeit? Dort stehen noch einige und deuten mit den Händen. Und hinter der Mauer hält sich ein Mensch verborgen, der nach einem freundlichen Blicke dürsten muß, ein Verfluchter. Die Legende des Samariters gewinnt plötzlich Gestalt.
Da fällt der Blick des Malers auf Michael. Der steht gebückt neben ihm und starrt nieder. Das Gesicht zuckt noch, seine mageren Hände umklammern die Stoffrolle.
„Kommt!“
Spinoza wirft einen Blick aus dem Augenwinkel auf Rembrandt, schlurft einen Schritt voraus die Zeile weiter.
„Wer war das?“
„Ein Verdammter.“
„Auch Ihr hättet ihn um ein Haar getroffen!“
„Dem Herren geklagt: meine Hand war nicht sicher!“
„Das wäre auch über Euch gekommen.“
„Was ist das Leiden dieser Erde gegen das Leben in Abrahams Schoß!“
Sie gehen stumm.
Eine alte Frau mit einem Korb voll Rüben kommt auf Spinoza zu und faßt ihn beim Ärmel.
„Was läufst du vorbei und siehst mich nicht?“
„Ich habe Geschäfte.“
„Bringst ihr den Stoff zurück, mein Sohn? Sie weint noch.“
„Kannst du denken! Er ist verkauft.“
Michael läßt die Alte stehen und steigt die Türstufen eines nächsten Hauses hinauf und klopft. Ein Fenster wird geöffnet.
„Ich bringe Herrn Rembrandt van Ryn, den Maler, er will mit dir reden.“
Das Fenster schließt sich.
„Ich gehe. Euer Wunsch ist erfüllt.“
„Ich danke Euch, De Spinoza.“
„Nichts zu danken.“
Der Rabbi rückt einen Stuhl zurecht.
„Kann ich Euch mit einem Schluck Wein dienen? Ihr scheint erregt…"
„Danke, Rabbi. Ich werde alles erklären. Gönnt mir eine Weile! Nehmt meine Bitte nicht ungütig.“
„Eine Freude, Euch zu dienen. – Ich kenne Eure ,Heilige Familie‘. Lob der Stunde, die Euch zu mir führt.“
Rembrandt dankt mit einem Blick. Der Rabbi läßt ihn, er holt aus dem Bücherschrank einen Folianten und schlägt ihn, zum Fenster gehend, auf. Der Gast soll ruhig werden.
Das Gemach schweigt. Schwere, dunkle Vorhänge und Teppiche saugen jeden helleren Lichtstrahl ein. Ein matter Geruch vertrockneter Rosen dichtet die Luft. In der Tiefe des Zimmers brennt eine Öllampe hinter Rubinglas und beleuchtet eine flache Lade, die in die Mauer eingelassen ist.
Der Rabbi scheint sich in die Schrift versenkt zu haben. Rembrandt stützt seine Stirn auf die Hand und hat die Augen geschlossen. Der Verfolgte steht vor ihm, blutig, zerschlagen, und wieder: die Bilder der Samariterlegende ziehen vorüber. Der Unselige wird aufs Maultier gehoben und von dem Barmherzigen zur Herberge geführt. Dort weigert sich der Wirt. Langwierig muß verhandelt werden, Geld will er sehen, dann ruft er den Knecht und läßt den Kranken ins Haus tragen …
Rembrandt tastet nach seinem Buch. Unter dem Ampellichte notiert er das Geschaute, dann atmet er freier.
Der Rabbi wartet beim Fenster, Rembrandt bietet ihm die Hand.
„Jetzt bin ich wieder ruhig.“
„Ihr habt einen Trost, der Euch nicht verläßt“, sagt der Rabbi, auf das Skizzenbuch weisend. „Andern ist das Leben nicht so wohlbestellt. Die müssen den Kampf ausringen, dem die Sprache fehlt. Was Euch immer geschehe, Ihr könnt Euch selbst befreien.“
Rembrandt hat sich wieder in den Armstuhl sinken lassen.
Er spricht halblaut: „Raufende, trunkene Bauern, blutrünstige Köpfe, brüllende Hälse, habe ich freudig betrachten können, erschöpfende Zeichen zügelloser Kraft … ich habe mich bei gereizten, hitzigen Disputen der Herren, die das Klingen der Becher in Degenklirren verwandelt haben, gefreut, ursprüngliche Leidenschaft unter gefälliger Form gebändigt … Schönheit lodert auch aus Roheit und Übermut, das hat der große Hals geoffenbart. Aller Schönheit bar ist der Haß, der bleiche, kieferschlotternde Haß, der morden will und an sein waches Opfer nicht die Hand zu legen wagt, der mit Ruten geschlagen sein muß, daß er den Stein •aufhebt und hinterhältig wirft, der nur laut wird, wenn er sich an Gewalt überlegen weiß. Dann zeigt er seine Häßlichkeit.“
„Ihr seid dem Hasse begegnet?“
„Auf heller Straße! Sie haben einen Erbärmlichen gehetzt, verwundet, und als er in ein Haus entkommen war, an dessen Mauer noch ihre Wut gesättigt! Nicht weit von da, in der Vlooienburg.“
Der Rabbi kommt beunruhigt näher.
„In der Vlooienburg? Und sie haben ihn verwundet?“
„Ein Stein hat den Kopf getroffen. Sie haben ihn mit Kot beworfen.“
„Und er ist entkommen?“
„Meint Ihr, Rabbi, daß man ihm helfen kann?“
Der jüdische Gelehrte senkt den Blick und schüttelt schweigend den Kopf. Er tritt an das Fenster, sich zu sammeln.
„Was hat er begangen“, fragt Rembrandt.
„Er hat Gott gesucht und ihn nicht gefunden. Er hat gezweifelt und den Zweifel laut werden lassen, statt ihn heimlich zu begraben … um des Friedens willen.“
„Schwere Kunst: schweigen mit brennendem Herzen!“
„Keine Kunst, Rembrandt Harmensz, einer der Flüche, mit denen die Gemeinschaft den Schwachen schlägt, einer der hundert Flüche. Wehe dem Feigen, der unter diesem Joch ziehen muß! – Ihr habt Uriel da Costa gesehen. Auch er ist ein Künstler, er deckt seine innere Blöße auf, während andere sie verhüllen. Aber er ist verdammt, dort einzureißen, wo die Zahllosen gebaut haben. So ist sein Schaffen Fluch geworden. Und doch ein Künstler! Künstler sind Glocken, sie tönen oder verderben.“
„Ich möchte ihn sehen.“
Jehuda überlegt. Dann sieht er dem Gast in die Augen.
„Man kann nur in der Nacht zu ihm, wenn die Leute sich scheuen, auf die Straße zu gehen – Ihr wißt, uns sind Waffen untersagt. Er haust als Wächter in einem Keller. Ich fürchte, Euer Mitleid würde sich in Grauen verwandeln, kämet Ihr dorthin. Aber – Ihr habt ein Recht auf alle Besonderheit.“
„Führt mich zu ihm.“
„Es ist der Bann auf den gelegt, der mit dem Unreinen Umgang hat. Ich bin Rabbi.“
Rembrandts Stirne verdüstert sich, Jehuda ist wieder ans Fenster getreten, seine Hände nesteln unruhig am Wams. Beide fühlen, daß sie einander nähergekommen sind als fremde Menschen gemeinhin.
Rembrandt erhebt sich.
„Ich vergesse, Euch den Grund meines Besuches mitzuteilen, Rabbi.“
Jehuda wendet sich ihm zu, seine Hände zittern.
„Ich wollte Euch um einen Dienst bitten, der für mich eine Förderung bedeutet: Ihr sollt mit mir für eine biblische Szene ein Judenmodell suchen.“
Der Rabbi senkt die Stirne, er atmet höher, seine Wangen röten sich, dann faßt er jäh die Hand des Künstlers.
„Ererbte Scheu – verzeiht … Ich will in dieser Nacht an Eure Tür klopfen, Meister.“
Rembrandts Augen leuchten.
„Ich danke Euch, Ihr beschenkt mich.“
„Heute Nacht…“ flüstert der Rabbi, er geleitet den Gast zur Tür.
Dann öffnen sich die Flügel der Mauerlade.
Lange betrachtet Jehuda ein ernstes Frauenbildnis, das unter dem roten Licht Leben gewinnt, er hebt die Hände dem Bild entgegen.
„Ich danke dir, Hanna Debora! Ich danke dir für diesen Menschen.“
Der Amsterdamer Kaufmann ist nicht spröde. Durch seine Hände gleitet mancherlei Geld. Er hängt nicht an einem besonderen Gepräge. Schrift und Bildnis entscheiden den Wert des Stückes nicht, sondern Waage und Klang. Er ist gewitzt, wie ein Bankier, aller Länder Münzen sind ihm geläufig. Die Karolskronen und Rosenobels aus Frankreich blinken so lieblich wie der Andreasgulden und der deutsche Gulden vom Oberrhein; der Jakobsritter und der ungarische Dukaten rollt so begehrenswert wie die viergedoppelte Pistole und der englische Sovereign. Also verschließt er auch seine Hand nicht vor dem spanischen Goldgepräge mit dem Doppelbildnis Ferdinands und Isabellas und vor den portugiesischen Krusaden. Wer sie bringt, ist willkommen.
Als vor fünfzig und etlichen Jahren ein Portugaler im Jjstrom die Anker warf, und ein Jude vor dem Rate erschien, der für sich und andere seines Glaubens um Aufnahme bat, die alle vor dem blutigen Kreuze geflohen waren, pflog der Rat keine allzulange Erwägung, denn der Portugiese hatte erwiesen, daß im Rumpf des flüchtigen Schiffes manche gewichtige Truhe läge. Man war nicht unbillig und verkaufte den Einwanderern in der Nähe des Neuen-Marktes Häuser zu gerechten Preisen. Wie aber neuer Zuzug aus dem Süden kam, hielt man es für ersprießlich, den Judenbezirk zu umgrenzen: die Judenbuurt. Durch deren Mitte zieht die Breestraat, gleichgewandt die lange Houtgracht, und etliche Winkel und Quergassen durchkreuzen beide.
Die Häuser der Breestraat und Houtgracht sind teuer geworden. Die Mehrzahl der Judenfamilien muß sich in die Quergäßchen pressen, in die Vlooienburg. Sie trägt ihren Namen nach Verdienst.
Die vornehmen Kreise der Amstelstadt betreten die Judenbuurt nicht. Der Verkehr mit ihren Insassen spielt sich außerhalb, am Hafen und in den Kontoren, ab. Zwar besitzen noch einige Kaufleute inmitten des Ghettos Häuser, aber diese sind wenig benützt und verfallen. Man versieht sie mit einem Wächter und wartet, bis ein Jude den erwünschten Kaufpreis bietet. Wenn die Amstelbürger die Judenbuurt durcheilen, dann wählen sie die Breestraat. Sie rümpfen die Nasen, ihre Frauen heben die Röcke hoch. Die Vlooienburg scheut man wie das Pesthaus vor den Wällen.
Die engen Mauern der Vlooienburg erscheinen turmhoch. Ihre Fenster sind schmal und niedrig, blind und schlecht gebessert. Nasse Lappen blecken aus ihren Öffnungen, zerschlitzte Zungen, und von den Brüstungen aus ist die Mauer übel beronnen, triefende Unterlippen. Die Luft schwelt vom Unrat, der den Boden bedeckt und in der Gosse gelblichen Moder staut. Die Kleidung aber der geschäftigen Bewohner steht zu dem Schmutze in gewissem Gegensatz.
Die meisten stammen, wie Michael de Spinoza, von Eltern, deren Jugend noch Reichtum und Heimatsglück erhellt hatten, die dann den geringsten Teil ihres Besitzes zusammenraffen mußten, das Vaterhaus und die gestapelte unbewegliche Habe in den Händen ihrer Verfolger lassend. Im fremden Lande ist ihnen nur ein trotzig geliebter Glaube und der Glanz der Erinnerung geblieben. Sie verachten den gastlichen Boden und erzählen leuchtenden Auges von der südlichen Heimat, die sie ausgestoßen hat. Ihre Väter noch lobten Gott für die Errettung, sie aber fühlen sich weit zurückgeschleudert: man duldet sie, weil sie demütig gebeten und gezahlt haben.
Unweit des Hauses in der Vlooienburg, das dem verfolgten Da Costa Unterschlupf bietet, wohnt Michael de Spinoza.
Die alte Lea Leon sitzt beim Herdbrande und schält Rüben. Ein vierjähriger Knabe rührt den scharfriechenden Brei, in den die Alte von Zeit zu Zeit frische Stücke wirft. Am Fenster steht eine Frau, ihr schwerer Leib ist in ein weites, dunkles Gewand gehüllt, ihr Haar fällt, zwei schwarze Flechten, über den Rücken. Die abgemagerten Hände schmücken den Scheitel eines kleinen Mädchens mit einem roten Bande.
„Keiner noch von uns ist sie leicht geworden, die Pflicht“, murrt die alte Lea. „An allen ist der Fluch der Erzmutter erfüllt. Auch an meiner Tochter, an meiner Rachel! Der Herr hat sie zu früh genommen, er schütze ihre Kinder. – Sie hat dem Manne im ersten Jahre den Sohn geboren. Sie war ein so zartes Weib, viel schmächtiger als du. Und du bist ihm schon drei Jahre angetraut. – Sie hat gesehen, er liebt die Frau um der Kinder willen. Sie war klug, meine Rachel, und hat gewußt, daß sie den Mann nur bindet, wenn sie seinen Namen mehrt.“
„Warum sagst du mir immer dasselbe, Lea Leon? Wird dein Mund nicht müde?“
„Danken sollst du mir dafür, und du wirst unwillig. Nichts wird so leicht vor unseren Ohren stumm als die Pflicht. Und du hast die doppelte Pflicht: Was muß er in dir gesucht haben, wenn er meine Rachel in einem Jahre hat vergessen können und dich heimführen!“
„Er hat auch dich behalten.“
„Er ist ein frommer Mann, er ist besorgt um seinen Ruf vor der Gemeinde. – Und er war auch zufrieden mit meiner Rachel. Er ist viel mehr im Hause geblieben, er war zufrieden. Isaak, mein Enkelkind, du mußt besser rühren.“
„Sie brennen mich“, greint der Kleine und reibt seine Augen.
Die junge Frau tritt zum Herd und hebt den Knaben vom Schemel.
„Geh zur Schwester, Isaak, spiel mit ihr. Ich will es für dich tun.“
Die Alte schüttelt die Schäle in den Kübel und greift schnell nach dem Rührholz.
„Der Herr soll verhüten! Schwangere Frauen verderben ein Gericht. Ich bin ja bereit.“
„Sei vorsichtiger, Lea Leon, der Knabe paßt auf jedes Wort“, flüstert die Junge.
„Was soll ich verschweigen? Die Wahrheit taugt für alle. – Siehst du, auch heute ist er am frühen Morgen fort, jetzt wird es dunkel, und noch ist er nicht da. Sie fehlt ihm, meine Rachel.“
Die junge Frau runzelt die Stirn und geht zur Tür.
„Geh nur, es ist die Wahrheit.“
Hanna Debora wendet sich zornig.
„Warum verfolgst du mich immer mit demselben?“
„Ich dich verfolgen? Der Herr behüte! Du bist die Frau, du bist die Frau – ich bin nur die Schwieger.“ Die Schwangere schlägt die Tür zu.
Es ist ein enges Gemach. Bei der Tür sind mancherlei Stoffe gehäuft, eine dunkle Masse, der Vorrat Michaels. Quer durch den Raum ist ein Vorhang gespannt, durch dessen Gewebe das geringe Licht schimmert. Hinter dem Vorhänge birgt Hanna ihre Schätze: drei Stühle mit kostbarem Tuche ausgeschlagen, an den Wänden seidene Decken, im Winkel eine Truhe aus duftendem Holze und darüber ein Büchergesims. Das war das Heiratsgut. Vor drei Jahren war sie aus Lissabon gekommen. Rabbi Jehuda war der Werber für Michael. Und Michael hat verwundert dreingesehen, als sie ihr Gut brachte.
Sie ruht beim Fenster, ihr Blick verliert sich in die schwarze Mauer des Nachbarhauses. Lang war der Kampf, bis dieser Winkel der engen Wohnung abgerungen war. Noch jetzt muß sie mit aller Kraft für ihr Gut einstehen, daß der Gatte nichts an sich reiße und zu den unedlen Tüchern jenseits des Vorhanges lege. Ein erbittertes Ringen, endlos und widerwärtig. Aber sie hat einen starken Willen, und er scheut ihren Zorn. Sie liebt ihre Stühle und Seidenstücke, ihre Truhe und die Bücher. Wenn es Michael gelingt, ihr ein Tuch zu entreißen, verdoppelt sie ihre Liebe. Das sind ihre Freunde, sie gönnen ihr Frieden und Traum.
In ihrem Winkel hinter dem Vorhange ist sie sicher vor den Worten der Lea Leon, die in der Lade Zauber fürchtet und sich vor den Geweben scheut. Auch Michael wird hier beklommen. Er hat den Vorhang gezogen. Es ist nicht Gewinnsucht allein, die ihn zum Verkaufe ihres Gutes treibt. Er fühlt sich gebunden, wenn sie an den Seidenbehängen lehnt, er flieht ärgerlich, wenn sie die Laute aus der Truhe holt oder nach einem Buche greift.
Hanna Debora ist einsam. Sie weiß nur einen Menschen, mit dem sie sprechen kann, ohne verletzt zu werden, Rabbi Jehuda Leon. Aber Schranken sind gesetzt, die immer dichter und höher wachsen, wie wilde Kreuzdornhecken.
Sie hat Jehuda zu spät erkannt. In Lissabon hat er nur mit dem Vormunde, Petro de Spinoza, gesprochen. Erst als sie das Schiff bestiegen hatten, kümmerte er sich um sie. Und sie gewahrte bald, daß er immer heftiger bemüht war, ihre geistigen Fähigkeiten zu verkennen. Es kam ihr erwünscht, daß er sie dann, am Ende der Fahrt, fast gänzlich mied, und sie mußte lachen, als er bei der Einfahrt in den Ji an Stelle freudiger Worte nur beruhigende fand, die wie Entschuldigungen klangen.
Bald aber lernte sie den einzigen Freund finden, der unermüdlich besorgt war, die Bitternisse ihres Alltags zu lindern. Der Gatte beugte sich vor der Gelehrsamkeit und der religiösen Würde des Freundes. Doch blieb der Rabbi so ängstlich zurückhaltend, daß Hanna Debora ihn belächelte, bis an einem Abend die Schleier sanken. An einem Abend des vergangenen Frühlings. Michael hatte den Wunsch geäußert, das Jugendbildnis Hannas – ein Schüler Juans de las Roelas hatte es gemalt – dem kunstliebenden Leinenfabrikanten Klaas Plompaard anzubieten. Er hoffte dadurch seinen Geschäftskreis zu erweitern. Hanna hatte schweigend die scharfzügigen Berechnungen gehört und war dann aufgestanden. Sie wolle das Bild unverweilt an Jakob Jehuda verschenken, der für den Freundesdienst, da er sie Michael zugeführt habe, noch unbelohnt sei. Der Rabbi werde das Gemälde besser würdigen als der Leinenfabrikant Klaas Plompaard. Und das Bildnis bleibe in der Familie. Michael blieb stumm und nagte die Lippen.
Als Hanna an Jehudas Tür pochte, vernahm sie keine Antwort. In ihrer Erregung öffnete sie, ohne zu warten, und fand den Rabbi in seinem Stuhle zurückgesunken, er schlief. Neben ihm lag die Schrift. Seine Hände ruhten gefaltet auf der Brust. Die Lampe beschien ihn.
Eine Weile stand Hanna unschlüssig. Da öffnete Jehuda die Augen. Aus seinen Zügen brach ein verklärtes Lächeln, er stand langsam auf und breitete die Arme.
„… Hanna … Hanna … so bist du doch gekommen …“
Sie wich zurück, und er folgte mit tastenden Schritten, ein Träumender.
„Hanna, Hanna. Doch bist du gekommen …“
Ihr Rücken fühlte den Wandteppich, sie mußte ihn erwarten. Er kam ganz langsam, als fürchte er ein Luftgebild zu zerstören, seine Arme vorgestreckt, seine Augen und Lippen voll Freude.
Sie hielt ihm das Bild entgegen. Seine Hände stießen daran, er schrie auf und brach zusammen. Ihre Furcht war verschwunden. Sie sah, nahm den Weinkrug, benetzte seine Schläfen, bettete seinen Kopf auf ein Kissen. Er öffnete langsam die Augen und starrte die Kniende an, sie wagte nicht zu sprechen.
„Weib des Spinoza … was willst du?“
Sie wurde rot vor Scham und erhob sich. Er hörte sie stumm. Dann hob er das Bild vom Boden auf, berührte es mit den Lippen und legte es auf das Kissen. Er öffnete schweigend die Wandlade und entnahm ihren Inhalt: ein goldbeschlagenes Buch, ein getriebener Hochzeitsbecher, feingliedrige Halsketten, Ringe und eine rostige Handschelle – Kleinode seiner Familie. Das alles band er in ein weißes Brauttuch. Dann nahm er das Bild vom Polster und schloß es in die Lade, als sei es eine Thorarolle.
Hanna Debora hatte mit stürmendem Herzen zugesehen. Jakob Jehuda ging wortlos an ihr vorüber zu dem offenen Bücherschrank. Er lehnte die Stirn an die hohen Bände.
Die Frau verließ das Zimmer des Rabbi. Der Frühlingssturm kühlte ihre Wangen. Ihre Schritte wurden fester, sie atmete freier. In dieser Nacht ergriff sie die Sehnsucht nach einem Kinde.
Hanna fühlt ihr Blut wärmer vom Herzen strömen. Was ist alle Kläglichkeit des Alltages dem Glücke gegenüber, nicht mehr verlassen zu sein! Fremd ist ihr die Liebe zum Manne geblieben, und so war ihr die Menschheit verschlossen. Die Frauen ahnten ihr Empfinden durch sie beleidigt, und die Männer suchten über sie hinwegzukommen. Auch Jehuda wußte seinen Trost: er heiligte ihr Bild und schuf sich Müdigkeit über den Büchern.
Nur ein Weg führt zu ihrem Glück, und den kennt sie seit jenem Abend: ein Leben, ihrem Leibe entstammt, darein sie ihre Sehnsucht betten kann.
Sie hebt den Truhendeckel und nimmt die Gitarre. Leise und fremde Klänge in das Dämmern hinaus:
… alle Blüten schließen singend
ihre Kelche, wenn mein Kind
senkt zu süßer Ruh die Lider.
Aus der blauen Himmelskrone
fällt ein Stern zur müden Erde
und zersprüht in hellen Tau,
funkelt auf den Schlummerblüten,
funkelt auf den Schlummerlidern,
daß die Blumen und mein Kind
von den stillen Sternen träumen …
Michael und Rabbi Leon nähern sich der Wohnung. Michael blickt zufrieden.
„Ein guter Tag, Rabbi. Aber du kannst das nicht begreifen. Euch Gelehrten ist die Tagesfreude fremd. Du wirst von mir sagen: er hat viel Arbeit auf sich genommen, also hat er seinen Lohn. Ihr versteht nur alles von rückwärts. Aber unsereiner, der den Berg von vielen Seiten berennt und hundertmal wieder beginnen muß, der weiß dem Zufall Dank. Ihr habt keine rechten Freuden, ihr Gelehrten. Nur der Zufall schafft Freude.“
„Und auch den Kummer.“
„Soll ich vom Kummer reden? Dieser Tag war gut. Wie lang hab ich mich umgetan, einen Lagerraum in die Hand zu bekommen! Jetzt hab ich einen durch Herrn de Vries und das Versprechen dazu, daß der Kaufherr meine Ware nicht wird außer acht lassen. Petro schickt mir nichts Schlechtes. Und der Signeur Keezer wird den Gewinn an der spanischen Ware teilen müssen! Gestern hab ich noch nicht gewußt, daß ich heute meinen Vorteil werde fassen. Alles das um ein Stück Brokat.“
„Vergiß nicht, es hat Tränen gekostet.“
„Was versteht eine Frau vom Geschäft! Sie hat noch genug von ihren Sachen. Wenn sie weniger ihr Herz bei dem Getändel hätte! Aber sie hat keinen Sinn für mich. Vielleicht, wenn das Kind da ist, wird es anders.“
Hinter den beiden folgt ein Kärrner mit einem Hundewagen.
Hanna wird unsanft aus ihrer Träumerei geschreckt. Michael und der Kärrner laden den Tuchstapel auf. Hanna muß auf die Treppe, leuchten.
„Heute geh’ ich zu ihm“, flüstert ihr Jehuda zu.
„Unter der Stufe liegt das Bund Lichte.“
„Er hat mir ein Gedicht für Euch versprochen, die Ballade der schönen Mirjam Nunez.“
„Still.“
Michael und der Kärrner tragen das letzte Stück hinunter.
„Ich gehe nicht allein, der Maler Rembrandt will ihn sehen.“
„Rabbi Jakob spielt mit der Gefahr.“
Michael kommt die Stiege herauf.
„Nun ist deine Kammer leer, Hanna. Du kannst den Vorhang abreißen.“
„Wirst du die Kammer nicht mehr brauchen?“
„Ich habe ein Lager am Hafen. Es ist gut so, und wir müssen einen Raum haben für das Kleine.“
Hanna geht in die Kammer. Wie sie die Schnur des Vorhanges lösen will, befällt sie es wie ein Schrecken: er sorgt für das Kind. Sie tritt zu den Männern hinaus.
„Ich will den Vorhang hängen lassen“, spricht sie rauh und wendet sich in die Küche.
„Siehst du, Jehuda? Es ist nicht leicht mit ihr. Aber ein guter Tag war es doch.“
Am Fuße der Treppe wartet der Rabbi dann, bis Spinoza die Tür geschlossen hat, er tastet unter die letzte Stufe und holt die Kerzen. Der Weg seiner Barmherzigkeit ähnelt dem des Diebes.
Der Rabbi trifft den Maler über der Bibel.
„Auch Ihr?“ Seine Frage klingt enttäuscht.
„Fürchtet nicht, daß ich Euch ins Gehege steige, Rabbi. Mein geringes Latein taugt kaum zur Lektüre.“
Rembrandt zeigt auf einen Haufen übereinandergeworfener Bücher.
„Das ist meine Bücherei. Hier seht: feierliche Folioform, das Wundergewebe einer Weinranke ins weiße Leder gepreßt, und ein köstlicher Silberbeschlag! Was muß das für ein Mann gewesen sein, dessen Geist in einer solchen Schale aufgefangen ist!“
Der Rabbi betrachtet die fremden lateinischen Worte des Titels mit Scheu.
„Eigentlich habe ich nur die Bibel gewissenhaft und mit Freuden gelesen“, bekennt der Künstler. „Ich muß sie immer wieder lesen, unerschöpfliches Leben.“
„Auch bei Da Costa findet Ihr sie.“ –
Sie biegen in die schweigende Vlooienburg. Das enge Gäßchen ist leer und still.
„Hier wohnt Michael de Spinoza“, flüstert Jehuda und blickt zu den dunklen Fenstern hinauf.
„Er hat auch einen Stein geworfen.“
Der Rabbi nickt.
Dann sind sie zur Stelle. Jehuda pocht siebenmal an die Türe des Lagerhauses. Er befühlt die Spuren der Steinwürfe. Sie warten lange.
Ein leises Klopfen von innen wird von der Gasse her beantwortet. Behutsam öffnet sich die Tür.
„Wer ist der Fremde?“
Rembrandt nennt seinen Namen selbst.
„Nun – Ihr kommt mit Jakob Jehuda, tretet ein, doch erschreckt nicht, wenn Euer Fuß etwas Weiches tritt… ich hoffe, Eure Nase ist nicht allzu empfindlich, Ihr wohnt ja in der Nähe.“
Seine Stimme klingt dünn und unsicher, wie die eines Menschen, der viel allein ist. Er geht voraus, eine Laterne hochhaltend, doch aufgerichtet, freien Schrittes.
Sie steigen einige Stufen nieder. Rembrandt hat Mühe, in dem verpesteten Dunste zu atmen. Er setzt seine Füße vorsichtig. Jeder Tritt scheint von der raschelnden Flucht des Ungeziefers begleitet. Da Costa leuchtet in einen Winkel. „Ksch!“ Pfeifend fährt ein Rattenhaufe auseinander.
Noch einige glatte Stufen. Dann öffnet Da Costa die Lattentür seines Unterschlupfes und hängt die Laterne an ihren Zughaken. Der Modergeruch ist geschwächt, gegenüberliegende Luken lassen die Luft zweier Höfe durchstreichen. Der Rabbi legt Hannas Gabe auf den Boden und klärt den Befangenen über den Besucher auf.
In einer Ecke hängt, einer großen, grauen Spinnwebe gleich, das Lager des Einsamen, eine Matte aus Säcken. Zu ihr ragt, von vier Pfosten gestützt, eine umgelegte Holzkiste hinauf, die ein Durcheinander von Lumpen und Nahrungsresten birgt, über ihrer oberen Wand häufen sich Bücher und Papiere. Alles bedeckt flimmernder Staub. In die Tragpfosten der Kiste sind lange Nägel eingeschlagen und starren wehrhaft wie ein gesträubtes Igelfell. Vier niedrige Fässer und eine kurze Leiter noch. Das ist die Einnistung.
Rembrandt hat sich fester in seinen Mantel gehüllt. Der feuchtkühle Hauch des Mauerwerks preßt seine Brust. Da Costa ergreift seine Hand und führt ihn unter die Laterne.
„Ich habe Euch ein klägliches Schauspiel geboten. Ihr dürft nicht gering von mir denken. Das würde schmerzen, mehr als Steine. Ich war unbewaffnet, konnte mich nicht stellen.“
Rembrandt errötet: er war mitleidig gekommen, Da Costa verbittet das.
„Ich wollte Euch meine Hand reichen, falls Ihr Hilfe bedürft.“
„Ich danke, danke“, erwidert der Einsame und weist einladend auf die Fässer. „Durch Euren Besuch habt Ihr mir mehr getan, als Ihr mir sonst tun könnt, Mijnheer. Ich habe mich abgefunden. Ihr werdet diesem Raume eine gewisse Wohnlichkeit nicht absprechen können. Es läßt sich leben, seit Rabbi Jehuda das Gesetz Übertritt und eine barmherzige Frau diese Höhle erhellt. Mein Verdienst genügt, den Hunger zu vergessen. Ehe der Rabbi gekommen war, das war die böseste Zeit. Manchmal kehrt die Angst zurück, die Angst vor der Größe seines Opfers!“
„Ihr sollt nicht so reden, Da Costa“, murmelt Jehuda, „Ihr habt unmenschlich gelitten, seid dem Wahnsinn nahe gewesen.“
„Sagt mir das oft vor, Rabbi! Nur im Wahnsinn habe ich Euer Opfer annehmen können.“
„Nicht mir habt Ihr’s zu danken.“
„Immerhin. Auch Ihr werdet mein Gewissen verstehen, Rembrandt Harmensz. Er ist von Jugend auf in die Schlucht des Gesetzes gezwungen, umdunstet von den Wolken peinlichster Vorschriften, bei jeder Bewegung tausendfältig bewacht. Wie groß deren Rache ist, die diese Schleier hüten, habe ich in meinem Leben erfahren. Wenn ich je vernähme, daß Euer und jener Frau Erbarmen entdeckt sei, ich müßte in der kümmerlichsten Verzweiflung sterben.“
„Seid ruhig. Ihr quält Euch um ein Gedankending. Meine Vorsicht kennt Ihr.“
„Um ein Gedankending! Was kann die erlesenste Qual bringen? Nur ein Gedankending. Das ist der Fluch, den allein der spitzfindige Judengott erdenken konnte, als er den Erkenntnisbaum in Edensmitten gepflanzt hat. Die Vernunft ist mit dem Tode belegt. Aus dem Schwerte des Erzengels lohte das Flammenwort: Du sollst von nun an denken müssen!“
Seine Silben überstürzen sich, seine Stimme hallt vom Gewölbe.
„Mein Leben ist zertreten, weil ich einem Gedanken nachgehangen habe. Soll ich Euch auch noch mitreißen, Jehuda, wo Euer Erbarmen mir den letzten Stolz bewahrt hat? Ihr kennt mein Verhängnis nicht, Rembrandt Harmensz.“
Er deutet auf den schimmernden Griff eines Degens, der in der Nähe seiner Lagermatte an der Mauer hängt.
„Ich habe Kleider getragen, die zu dem Damaszener gepaßt haben. Die ritterlichen Künste waren mein, und meinen Gedichten haben schwärmerische Damen gelauscht, Kavaliere um meine Freundschaft gebettelt. Aber von einem Buche war ich behext, von dem schrecklichsten Buche, das die Menschheit ersonnen hat, unter dem die Menschheit liegt, wie unter einem ewigen Gewitter, für das sie ihre ärgsten Feinde liebt und ihre besten Freunde mordet. – Worin liegt diese Macht? Wo ist der Schlüssel versteckt, den Zauber zu sprengen? Das war meine quälende Frage, das tödliche Gedankending. – Die Kirchenväter hatten keine Antwort; Augustin, das Feuer, ist vor der Frage erloschen, und die Beredsamkeit des Thomas ist stumm geblieben. Ich habe die katholische Konfession von den Schultern geworfen wie einen ausgedienten Mantel. – Vor der Synagoge habe ich mich in den Staub geschlagen: Du lägest an den Quellen, deine Milch ist süß vom Mannah, mich dürstet! Ich habe den tönenden Bußreden des Chacham Uziel gelauscht, Saul Lewi Morteira hat mir die Kabbala aufgetan, aber mein Gaum ist verdorrt geblieben. Scheel haben die Rabbi gesehen und, befragt, sich unter papierenen Zitaten gebläht. Sie wurden zornig, weil sie verstummen mußten, sie haben Demut gefordert, wenn ihre Armut durchblickt war. Ich habe mich, gerüstet mit dem Witze zweier Kirchen, zurückgezogen und eigenmächtig die Hand an das fürchterliche Buch gelegt. – Mein Haar ist darüber vor der Zeit verblichen. Aber ich habe die Pfeiler der Testamente schauen gelernt: die Angst und die Hoffnung… Die rostige Angstkette des alten Bundes war mit einer Jenseitsbotschaft vergüldet worden. Die Kabbalisten bedeckten sie noch mit den schwerduftenden Blüten eines Allewigkeitslebens. Süßeste Menschheitslüge! Lüge der ewig lebenden Seele!
