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Ulrich Bihander, ein Student aus dem Egerland, kommt zum Studium nach Wien. Vor ihm liegt die Hoffnung auf neues Wissen für ein erfülltes Leben. Auf seiner Sinnsuche kann die Universität nicht alle seine Lebensfragen beantworten. Diese bespricht er dafür mit seinem Vermieter, einem einsam in einem Wiener Vorort lebenden Finanzrat. Der Finanzrat spielt stundenlang Beethoven auf dem Klavier und besitzt große Bibliothek, in der die klassischen Philosophen stehen. Eines Tages trifft die Nichte des Finanzrats, Martha Rörs ein. Sie ist ebenfalls Studentin, ein Freigeist, aus England kommend, wo sie Kontakte zur der Frauenrechtsbewegung aufgenommen hat und nun in Wien diese Bewegung weiter tragen möchte. Ausgerechnet in sie verlieben sich beide: der Finanzrat, der dafür zu alt ist und Ulrich der die Frau an sich gemäß Ihrer Natur wertschätzt. Die Frage nach der Rolle der Frau und dem Sinn der Frauenrechtsbewegung bilden den Spannungsbogen des Romans. Neben der tragischen Liebesgeschichte finden sich auch Beschreibungen der Stadt Wien mit den Weinbergen, dem bekannten Schreiberweg und Beethovendenkmal. Der inzwischen historisch gewordener Roman erschien erstmals 1911 und dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2026
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E. G. Kolbenheyer
Gesamtausgabe der Werke letzter HandAbteilung 1
Band IV
Romane II
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andereSprachen und des Nachdruckes, behält sich dieKolbenheyer-Gesellschaft e. V. vor. © 1967 Kolbenheyer-Gesellschaft e. V.
© 2026 Copyright by Kolbenheyer-Gesellschaft e. V.
Verantwortlich für den Inhalt: Kolbenheyer-Gesellschaft e. V. Graslitzer Straße 30 82538 Geretsried [email protected]
published by epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
I
II
III
IV
V
Eigentlich ist die Geburt des Ulrich Bihander im Eilzug geschehen. Dabei wurden keine Umstände gemacht. Die Notbremse blieb unberührt, der Kondukteur brauchte nicht den erstbesten Stationsarzt zu holen, die Aufwartefrau war ahnungslos. Im selben Wagenteil lag ein dicker Herr mit verschobenem Seidenkäppchen, offener Weste, offenem Kragen, die runden Wulstfinger behäbig verschränkt – er schlief ungestört.
Nur draußen, wo der Himmel über der Erde liegt, ist zur selben Stunde der neue Tag erwacht. Der Himmel war wunderlich erhellt, klar, blaugrün wie ein Bergwasser, und doch kein Blinken und Flirren darin, nur Ruhe, Heiligkeit. In seiner Höhe stand eine schöne Wolke, leichtgebäumt, erdabgewandt und bis ins innerste Herz lichtdurchtränkt. Die Wolke beachtete den Eilzug nicht, ihre Strahlenbrust war himmelwärts geschwellt, ihr ganzes Wesen inbrünstige Tageshoffnung.
Sie hat, ein morgenglühender Schwanenfittich, alles Land erweckt, das schattentrunken und still am Eilzug vorbeiglitt. Die Kiefern standen regungslos, ihre dunklen Kronen mußten noch von ernsten Nachtgedanken erfüllt sein, aber da und dort brannte die Borke auf, als werde der schwermütige Ernst von einem leidenschaftlichen Entzücken durchpulst. Auf den Waldhügeln lags mattschimmernd, wie der Flügelstaub eines Nachtfalters, und doch unwesentlich, traumweich: im ersten Morgenkuß muß sich der Schimmer heben und lösen – ein Ätherbad des neuen Tages. Die Landstraßen ruhten glatt, reinlich, aller Hast und Mühsal entsühnt. Nur über den Wiesen harrten noch seichte Nebelbänke, und auf den abgeräumten Feldern war das sprossende Nachgrün schwer mit weißem Tau beladen. Die Weite war wach wie ein stilles Gebet.
Um diese feierliche Stunde ist die Geburt des Ulrich Bihander geschehen.
Und was das Merkwürdigste war: Mutter Bihander lag daheim in den wohlgefüllten Kissen, ließ die heilige Frühe jenseits ihres Schlafzimmers walten und hat nicht im leisesten Traum an die Geburt ihres Ulrich gedacht.
Daß er selber davon nichts merkte, kann niemand wundern. Keiner ahnt, daß er geboren wird; jeder sieht nur nach und nach ein, daß er da ist. Und ist einer besonders vorsichtig und voraussetzungslos, so merkt er nicht einmal, daß er da ist, sondern daß sich alles um ein Rätsel herum verändert. Und so müßte an und für sich ein jeder geneigt sein, seine Existenz von Ewigkeit her zu glauben.
Wenn sich nun in den meisten dennoch die Überzeugung ihrer Geburt festgesetzt hat, so beruht dies nicht auf Erfahrung, sondern auf der Beobachtungswillkür ihrer Mitmenschen und auf deren Überredungsbedürfnis. Wer kann aber behaupten, daß all sein Leben mit gleicher Begierde beachtet und zum Gegenstande der Überlieferung gemacht wurde, als jener Augenblick, da er sich dem Mutterschoße entrang und seine Notdurft zum ersten Mal eigenstimmig in die Welt schrie? Kein Menschenkind kann sich rühmen, fürderhin jemals so interessant gewesen zu sein.
Sonach bleibt es – mindestens bei einigen – zweifelhaft, ob jene Geburt aus dem Mutterschoße wirklich die einzige und ob sie auch die eigentliche, das heißt die entscheidende war.
Körperlich wird ein jeder zeit seines Lebens unaufhörlich neu geboren. Keine Zelle, die nicht ihren wesentlichen Inhalt von Minute zu Minute änderte. Die lebendigen Bedingungen, der Uranfang dieser unaufhörlichen Zellenneugeburt, liegen aber den kirchenbücherlichen Geburtsdaten weit voraus. Und erst das Seelische! Wer wagte das an einen Zeitpunkt festzunageln, wie man etwa einen Schmetterling an eine Korkscheibe spießt?
Es kann behauptet werden, daß der eigentliche Ulrich Bihander im Eilzuge geboren wurde und daß die Geburt so still wie das Tageserwachen vor sich ging, weil niemand von ihr eine Ahnung hatte: ein Wunder, alltäglich und menschenfremd, tiefversteckt in eines jungen, ausgewachsenen Mannes Herzen.
Ulrich Bihander stöhnte. Sein Gesicht war verstört, seine Rechte geballt, und die Finger der Linken tasteten hilfesuchend über den Fußboden. Er flüsterte ängstlich, stoßweis: »Wänniger, der Aorist von … krouo … sag, der Aorist von krouo!« Ja, der Wänniger! Auf den kann man sich wieder einmal verlassen! Der verzieht nur sein blasses Vorzugsschülergesicht mit den breiten, rasierten Kinnladen, bläht die Nüstern der Gansschnabelnase und schreibt unbekümmert weiter. Es geht stark auf dreiviertel vier, die meisten sind mit der griechischen Schularbeit fertig. Nur der Ulrich Bihander sitzt noch dick in der Mitte. Zwei Verba und einen Dual hat er endgültig aufgegeben … wenn jetzt noch der Aorist von krouo … überhaupt muß die Schularbeit von da ab fehlerlos sein … auf diese nämliche Schularbeit kommts an … noch ein »nichtgenügend« … das Semester geht zu Ende … durchgefallen! Die hellen Perlen brechen aus Ulrichs Stirn. Er hört das Rascheln der Federn, sieht die fleißgekrümmten Rücken der Mitschüler. Alle, alle werden fertig, nur er steckt noch inmitten, und der Wänniger grinst hämisch, der sonst so sanft tut! Einen Fußtritt will er noch wagen. Der Kerl soll sehen, daß nicht zu spaßen ist. Der Aorist von krouo muß heraus. Da hört er ein Räuspern vom Katheder her und sieht den überglasten Basiliskenblick, der ihn für einen Herzschlag lähmt. – Aber er muß den Aorist wissen … er wagt ein Letztes, Äußerstes, trotz der drohenden Augen und stößt …
Ulrich Bihander schlug die Augen auf. Im Netze lag sein neuer, gelber Lederkoffer, vom verhangenen Fenster matt beleuchtet. Ein unsägliches Behagen schmeichelte vom Herzen durch alle Glieder. Aus dem Rollen und Schlagen der Räder wuchs ein jauchzendes Lied, und selbst das nachbarliche Schnarchen floß in die Jubelmelodie.
Da fing ihn die Ahnung seines Schultraums ein. Er stutzte. Warum mußte er an sein Maturitätszeugnis denken, das in dem Koffer da oben lag? Es war länger als ein Jahr her, seit er vor den Gestrengen bestanden hatte. Ein Jahr seitdem, doch eines, so taub wie eine frühgefallene Nuß. Auch darüber lag die Bescheinigung droben neben dem Maturitätszeugnis. Auf ihr stand: »Zum Kavalleristen ausgebildet.«
Er schloß die Augen wieder.
Der Reitlehrer steht vor ihm: die Fäuste in die Ecken der Pelztaschen verbohrt, den Nacken krumm, den Mund weit aufgerissen, wie ein fauchender Kater: »Bihander, Trottel, Lumpenhund, Beschtie!«
In Ulrich stockt und gefriert es, er beobachtet vom Pferd herab das unwürdige Schauspiel; er sollte bestürzt dreinschauen und nicht beobachten.
Die stieren Augen, die blitzenden Zähne, Adern, die am Halse schwellen und an den Schläfen zucken, krampfende Finger, übergeiferte Lippen. Und er sollte bestürzt dreinschauen, er weiß, daß eine erschreckte Miene seinen Instruktor besänftigen kann.
Ein halbes Jahr hat er ein Sträflingsdasein ertragen, dann war er zur Eskadron abgerückt.
Das Nest lag im Herzen von Galizien, mitten im idealsten Reitboden. Sand, Sand und Sand. Stellenweise für einen idealen Reitboden allerdings zu tiefer Sand. Die Bauern mußten eine Hülsenfrucht bauen, um die Erde für ihre nächste Saat dürftig mit Nahrungsstoff zu versetzen.
Als Ulrich Bihander auf dem Korbwägelchen vor der Kaserne auffuhr, standen einige Offiziere am Tor. Sie nahmen Meldung und Vorstellung so frostig als möglich entgegen. Aber ihre Augen hingen hungrig und fragend an ihm, der aus der Großstadt kam. Ein Kadett begleitete ihn zum Offizierspavillon; dort fand sich eine Kammer für den Freiwilligen.
»Schau halt, daß d’ kan Raimadismus kriegst.«
Zwei Wände waren über Fensterhöhe durchnäßt, in einer Ecke wuchs Schimmel auf einem Papierknäuel.
Ulrich wußte, daß er sich immer an die Herrn zu halten habe. Die Herrn sahen ihn drei Wochen lang hungrig an, dann erloschen ihre Augen allmählich, da sie merkten, daß kein Hauch Großstadt an dem Freiwilligen hängen geblieben war. Ausfragen wollten sie ihn nicht. Aber Ulrich hörte von jedem das Ideal einer ins Herz von Galizien dislozierten Reitergarnison. Das Ideal wurde immer vom Rangältesten geschildert. Es hieß: Urlaub in Wien, Urlaub in Graz, Urlaub in Prag.
Der Eskadronskommandant hatte noch ein anderes Ideal: Pferdefett. Er versuchte, das andere Ideal seinen Herrn einzupflanzen, sie nahmen es aber nur mit dienstlicher Begeisterung auf. Die Pferde des zweiten Zuges standen seit Ulrichs Einreihung bis ans Sprunggelenk im Haferstroh. Man fand Ulrich nett und staunte über das ungeheuere Strafausmaß seines militärischen Vorlebens.
Das Exerzieren wurde in zwei frühen Morgenstunden erledigt. Man brauchte nicht weithin auszurücken, da der idealste Reitboden unmittelbar hinter der Kaserne lag. Vom Einrücken bis neun Uhr abends währte das dienstliche Zusehen. Nur der Kanzleiwachtmeister beaufsichtigte nichts, er mußte die militärischen Drucksorten ausfüllen.
Die dienstliche Wachsamkeit der Chargen und Gagisten war in regelmäßige Abstufungen nach Rang, nach Dauer und Namen gegliedert. Der Rittmeister sah gewöhnlich dem Kanzleiwachtmeister, einem erprobten Mann, zu, seltener der Eskadron. Bei der Eskadron hieß seine Tätigkeit Inspektion. Die Herrn Subalternen benannten ihre Beaufsichtigung »Visit«: Pferdevisit, Waffenvisit, Montur-, Stall-, Zimmervisit, je nachdem. Die Zugführer hatten den Hafer auszuteilen, sonst aber der Pferdewartung, Monturpflege, Stallwartung und ähnlichem aufzupassen. Das gleiche taten die Korporäle bei ihren Bereitschaften, nur daß sie statt des Hafers das Heu verteilten.
Der »Vojak« arbeitete unter dem System der Aufsicht, in das auch der Freiwillige Korporal eingereiht war.
Die einzige Freude des endlosen Kasernentages blieb die Stunde, in der Remonten zugeritten wurden. Ulrich Bihander beneidete den Vojak, der alle Hände voll Arbeit hatte und nichts beaufsichtigen brauchte. Und doch war keine Stunde zur Sammlung gelassen. Über der Kaserne lag der Mißmut einer alles verdrängenden, alles erstickenden, alles belauernden und beschwerenden Tatarmut. Ein jeder Offizier mußte fühlen, daß seine Tagesarbeit von einem Durchschnittsmenschen in drei bis vier Stunden voll geleistet werden konnte, allein diese Arbeit wurde zerdehnt und zersplittert, in hundert halbe Lässigkeiten zerstückelt, die keine gesunde Ermüdung gaben. So gingen die Kräfte der jungen, lebensvollen Offiziersleiber, durch fortwährende halbe Arbeitsanregung und die Vorstellung eines draufgängerischen, raschen Soldatenlebens gereizt, aber nie sattsam ausgelöst, in verdrießliche Spannung über. Das Standesbewußtsein sollte über den Verlust persönlich gearteter und darum befriedigender Arbeit hinweghelfen und mußte in den Besten und Tauglichsten zur resignierten Geste werden. Ulrich fragte sich, wie ein Staatswesen diesen unschätzbaren Wert junger Manneskraft verschmerzen könne. Die Rüstungskredite, die in den Parlamenten endlose Debatten heraufbeschworen, schienen dagegen lächerlich klein. Krieg gab es seit langem nicht.
Zuweilen gelang es ihm, vor Sonnenuntergang aus der Kaserne zu entwischen. Dann ging er auf Feldrainen zu der sanften Sandhöhe, die eine weithin sichtbare, wettergespaltene Ulme trug. An einer langen Stange ragte über dem Ülmenwipfel das Doppelkreuz.
Wenn die Sonne in den breiten Bodenwellen Galiziens untergeht, entfaltet sie ihren stolzesten Königsprunk: Du hungriger Bauer, du müdes Bauernweib! Seht mein Purpurbett, in das ich sinke! Es ist köstlicher Samt. Und seht den goldgewirkten Himmel, der über mein Bett gespannt ist, schimmernd gelb wie das reife Ährenfeld. Wie eure Hoffnung, so herrlich bin ich, und so unsäglich arm seid ihr! Die Sonne weiß, daß sie zu Knechten redet und daß Knechte ein hartes Leben wollen. Im Winter läßt sie den Schnee haushoch wachsen, und jetzt dörrt sie die Strohdächer zu grauem Staub. Die Knechte sollen ihr Feuer hüten. Fällt der zündende Funke aufs Dach, dann geht er zu höllenheißer Saat auf. Dann brennt das Dorf vier Tage und vier Nächte und nichts bleibt, was den Bauern bergen kann. Denn die Herrin Sonne hat die tiefen Wasserrisse ausgetrocknet; das Flußbett, darüber sie zur Zeit der Schneeschmelze ein reißendes Ungestüm jagt, zeigt überall lehmige Furten; die tiefen, kalten Brunnen genügen aber kaum für die Menschen und das geringe Vieh.
Und die Sonne weiß, daß Knechte nur von schwerem Brote satt werden. Deshalb sind die Felder so mühselig und karg wie ein altes Bettelweib. – Nur ein Tag, der Sonntag, darf bunt und froh sein. Da läuten die Glocken unter dem dicken, kurzgestellten Zwiebelturm, daß die grauen Schindelschuppen zittern. Und die Mägde schimmern von vielen, zartgebleichten Farben; über den braungebrannten Armen falten sich die weißen, gestickten Hemdärmel. Fast den ganzen Tag läuten die Glocken. Aus dem Kirchentor, das weit offen steht wie eine Scheuer zur Erntezeit, dringt köstlicher Weihrauchduft. Davor zu stehen oder zu hocken, die Sonntagspfeife im Mund, ist eine Lust. Die Mägde und Frauen gehen mit wiegenden, breithüftigen Bauschröcken, an denen die Schürzenbänder niederzüngeln, auf und nieder und lassen die zierlichen Stiefelchen bis an die Wade sehen. Am Abend bläst der Jan Niemkowicz seinen Dudelsack auf der Tenne des Juden. Man hat vor der Kirche schon gesehen, worauf man sich freuen kann.
Nur einen Ort meidet die Herrin Sonne: den Schloßpark. Der Panje hat die Linden und Eschen dicht verwachsen lassen. Kein Gräslein kann unter dem Laubdach gedeihen. Die Wege sind vermoost. Moosgrün ist das ebenerdige Schloß getüncht. Gott weiß, wie lange kein Sonnenstrahl durch die blinden, wackeligen Fenster gedrungen ist. Der Panje fährt selten durchs Dorf. Dann aber werfen seine sechs Pferde den fußtiefen Straßenstaub zu einer dicken Wolke auf. Die nackten Kinder krabbeln eilig zur Seite, die Bauern am Straßenrand beugen ihre Knie, daß die gezogene Mütze den Boden berührt. Der Panje hat einen dicken, weißen Schnurrbart, der bis auf die Brust niederfällt. Es gibt nichts, was er mehr verachten könnte als den grüßenden Bauern. Die Herrin Sonne läßt ihn gewähren. Sie braucht ihn nicht zu beneiden, wie der Gott einen hochmütigen Priester nicht beneidet, vor dem die Leute knien. Die Sonne weiß, der Bauer braucht ein Knechtschaftszeichen, das er sehen und begreifen kann. So ein Zeichen ist der sechsspännige Wagen und der weißbärtige Panje, der dem knienden Bauern in die Mütze spuckt.
Aber am Abend sollten sich die stumpfen Schlitzaugen heben. Am Abend wird die höchste Herrin eitel und zeigt ihre Pracht. Der Himmel brennt über den breiten Bodenwellen Galiziens, als sei er ein loderndes Liebesentzücken, und die Sonne legt einen rotgoldenen Mantel um, daß ihre blendende Schönheit gedeckt sei und auch das Menschenaug nicht daran verlösche.
Ulrich Bihander fühlte immer heftiger, wie fremd ihm diese Sonne blieb. Wenn aber die Dämmerung in den lichtperlenden Himmel verflüchtigt war, dann wurde es ruhig in ihm.
Die Sterne führten seine Herzenssprache, und um die Sterne nach einem lauten Farbenprunk erwachen zu sehen, war er zu der Ulme gegangen. Sie redeten zu ihm wie alte Freunde, die keinen Hochmut der Jahre kennen: du mußt deine Zeit erwarten wie wir, die Zeichen des ewigen Bestehens, die wir zeit- und ereignislos in die Unendlichkeit gespannt erscheinen. Auch unser Pendel schwingt, doch seine Weite ereilt kein Lichtstrahl. Unser Sekundenschlag mißt vom Erglühen deiner Sonne bis über ihr Erkalten hinaus. Du mußt deine Zeit erwarten können! Menschenherz, auch wir müssen.
Zu solchen Stunden konnte Ulrich Bihander beten.
Das Licht ist all versunken
In dir, du tiefe Nacht,
Du hast es eingetrunken.
Perlend brichts nun aus deinem Schoß, vertausendfacht.
Und was der Tag verschwendet,
Buntschillernd wesensfern,
Was fremd das Aug’ geblendet,
Klar strahlt es durch die Ewigkeit, nun Stern bei Stern.
Nimm auf die Sehnsucht meine,
Die heiß im Herzen brennt,
Daß sie mir widerscheine,
Sternhell aus deiner tiefen Ruh, vom Firmament.
*
Der neugeborene Mensch auf dem Eisenbahnsofa schlug zum andern Mal die Augen auf. Das taube Jahr war so schnell über ihn hingeglitten wie ein restliches Gefühl, das alles erschöpft und in die nächste Blutwelle versenkt, was zwölf lange Monate durchlebt werden mußte.
Ulrich hielt es nicht länger in dem Doppelsarg aus, er trat auf den Gang und öffnete zwei Fenster. Der taukühle Morgen schlug in den Wagen wie Gelächter ein. Er blies das offene Hemd Ulrichs auseinander, umflutete die Brust, badete, spannte das Gesicht, wirbelte das wirre Haar, das dicht und tief in die unfertige Stirn hinabwuchs. Ulrich kniff die Augen zusammen, ließ sich umsausen; er preßte die Lippen und brummte irgendeine starke Melodie durch die geblähten Nüstern, so laut, daß ihm die Zähne summten. Die Räder flogen, daß der Wagen im Schnelligkeitstaumel hin und her gewiegt wurde. Ulrich hätte gern seine Jungmannssehnsucht vor das zischende Kraftwirbeln gespannt, daß es rasender noch sein Ziel ereile, die Großstadt, in deren Herzen die kleine Republik lag, die Republik der freien Wissenschaften und Künste, seine, Ulrich Bihanders Universität.
Eine Lerche hob sich aus dem Stoppelfeld, darauf der Eilzug zerrissene Dampflaken warf. Die Lerche stieg gedankenschnell mit schwirrenden Flügeln, dann warf sie sich gegen die Sonne. Sie überflog die hastenden Räder, Ulrich hörte sie jauchzen, er wünschte an ihrer Stelle zu sein. Da sank sie seitwärts in ein Feld und war jäh überholt, zurückgelassen, vergessen. Das Hinsinken des Vogels schien so hoffnungslos erschöpft, daß der kaum erwachte Wunsch des jungen Mannes in Bangigkeit umschlug: nein, nicht wie dieser Vogel.
Er hatte nichts zu überholen, nichts hetzte ihn mehr, er war frei. Seine Mutter, der er allein verantwortlich blieb, verlangte keinen eiligen Broterwerb von ihm. Und dankbar dachte er an die letzte Unterredung daheim.Seiner Mutter Herzenswunsch war, daß er Kanzelherr werde. Sie hielt es gut mit dem lieben Gott, dafür erließ ihr Gott in heiteren Zeiten die kirchliche Strenge, in schweren Tagen war er ihr bester Trost. Doch sie wußte, daß Ulrich dem Wunsch nicht folgen werde, so meinte sie, er solle wenigstens Jus studieren. Auch da stand etwas Sicheres hinter ihm, wars nicht das göttliche, so wars doch das menschliche Gesetz. Mit dem Begriff des Juristen verband Mutter Bihander eine ungemein knetbare Vorstellung, die sich aber immer zu einer wohlbestellten Rednerkanzel ausformte.
Allein Ulrich mochte weder da noch dort ein Redner werden. Er wollte Philosophie studieren, und Frau Bihander ahnte mit mütterlichem Scharfblick, daß es nichts Ungewisseres auf Gottes Erde geben könne.
»Was wirst du dann sein«, fragte sie am Abschiedsabend.
Darauf mußte Ulrich allerdings schweigen. Und Mutter Bihander warf dem Sohn einen halb vorwurfsvollen, halb scheuen Blick über die Brille zu.
»Der Mensch muß ein Ziel haben.«
Das war der Funke. Ulrich fuhr auf. Wie er diese grundsätzlichen Wahrheiten haßte, denen nichts an den Leib kann, die nicht zu beweisen und nicht zu widerlegen sind, die alles und jedes mit demselben dicken Schleim überziehen wie ein Tümpel, in dem neben einer abgerissenen Schuhsohle eine Köstlichkeit unauffindbar versinken und vermodern kann. Mutter Bihander wußte, daß ihr Ulrich auf grundsätzliche Wahrheiten hin loslegte. Sie steckte die Nadel in den Strumpf, den sie über den Stopfschwamm sorgsam gespannt gehalten hatte, nahm die Brille von dem Stumpfnäschen und folgte Ulrich mit neugierigen Blicken die Stube auf und nieder. Er hatte eine kräftige Stimme und trug sich im Eifer so männlich.
»Ich weiß schon, was du willst, Mutter. Ich soll in die große Titulatur. Versorgt soll ich sein. Wenn schon kein Pastor, so doch ein Beamter. Ins geistige Rentnertum mit der Pensionsaussicht. Da weißt du dann genau, was dein Sohn wert ist: an Titeln, Rosetten, Knöpfen, Borten, Dienstjahren herunterzuzählen! Ich muß unbedingt ein Ziel haben. Ich habe aber schon zu viel Ziele gehabt. Jedes Jahreszeugnis im Gymnasium, die Matura, die Offiziersprüfung. Jetzt will ich eine Arbeit haben, die mit mir wächst, kein Ziel. Jetzt will ich ein Mensch werden und kein Pensionsanwärter. Weißt du, Mutter, ich habe Hunger nach dem eigentlichen Leben. Du brauchst nicht zu erschrecken, Mutter. Mit lauter Wahrheiten bin ich gemästet worden. Ich will heraus aus den Wahrheiten, die sich drucken und lernen lassen, die man aus jedem Lexikon holen kann. Ich will endlich auf das Leben kommen, das hinter den Tatsachen steckt. Weißt du, ich will das Menschentum aus dem erschmeckken, was uns nach Daten eingelernt worden ist. Das eigentliche Leben denen ablauschen, die sich mit Wahrheiten und Tatsachen Überwerfen und ihre eigenen finden mußten! Wirds mir dort nicht, bleibt die Menschenherrlichkeit für mich nur Tatsache, dann geh’ ich in die Titulatur. Auch dann hats noch Zeit genug dazu.«
»Du wirst immer gleich wild, Ulrich. Ich muß mich ja um dich sorgen; das kannst du mir nicht verdenken. Ich bin doch die Mutter! – Wenn der Vater noch lebte …. so aber bin ich ganz allein mit der Sorge.«
»Mutter, ganz allein bist du nicht. Hast du gar kein Vertrauen zu mir?«
»Was du sagst, meinst du gut; ich glaub dir schon, Ulrich. Aber alles ist unsicher, und da muß eine Mutter sorgen.«
Sie nickte bekümmert, als werde ihr das heiligste Recht streitig gemacht. Ulrich wußte, was ihre Tränen bedeuteten. Sie war wieder im Grunde einig mit ihm, nur wünschte sie noch das Wort zu hören, daran sie glauben konnte, wenn das Verantwortlichkeitsbangen über sie hereinbrach. Und dann wollte sie auch ein bißchen überwältigt sein, um ihre Ammenzärtlichkeit nicht ungenötigt aufgegeben zu haben. Sie wich gern der Gewalt.
»Du mußt immer sorgen, Mutter. Aber glaubst du, daß eine geliebte Arbeit verlorengehen kann? Die muß doch sein wie Sonnenlicht. Das kann auch nicht verlorengehen. Es wandelt seine Kraft in den Dingen – Wachstum, Gedeihen, Nahrung, Leben, Leben bleibt es immer. So wirds auch in mir wachsen, wenn ich dir auch nicht sagen kann, wie das heißen soll, was da wächst. Einmal wirds ganz offenkundig da sein: eine Erkenntnis, ein Werk, vielleicht ein Ziel, das in mir Wirklichkeit gewinnt. Daran glaub ich, das ist meine Zuversicht, benennen kann ichs nicht, aber ich kann mir nicht denken, daß jemals so was im voraus benannt worden ist. Das muß schon immer von selbst geworden sein.«
»Ulrich, versprich mir nur eines: mach keine Schulden – hörst du!«
Und Ulrich fuhr mit einer ärgerlichen Bewegung aus. Mutter Bihander nahm wieder Brille und Strumpf auf.
So war er frei.
All- und Jedermann, der unter einem Druck ächzen zu müssen glaubt, konnte ihm nachpfeifen: Ja, wenn ichs auch so leicht gehabt hätte, dann … Was an solch einem bedeutenden Dann zu ergänzen ist, muß Ulrich Bihander fortan hinunterwürgen: dann wäre die Menschheit um ein Genie reicher, denn All- und Jedermann wäre dann zum mindesten ein Genie geworden und kein so vager Geselle, der ziel- und bedeutungslos auf Eilzugsrädern durch den Morgen saust, sich die sehnsuchtsvolle Brust von der taufrischen Frühe umbrausen läßt, dessen Herz unter einem Lerchenjauchzen lichterloh aufbrennt, und dem ein Vogelsinken Ernst und Bangen zufügt.
Ulrich war frei, doch sein Gewissen war rege, und keiner ist gehaltener als der Freie, dessen Gewissen laut ist wie eine Äolsharfe. Ulrich zog auf ein Leben aus, das kein Ziel zu nennen wußte, er war ärmer und reicher als weiland die fahrenden Ritter auf Aventüren: keine wohlgeglättete, wehrhafte Regel schützte ihn, er wußte keinen ausgetretenen Weg unter den Füßen, Ruhm konnte ihn nicht locken. Alle Sinnestore mußten offen stehen. Hinter den Wolken thronte die Burg des Lebens, sein Montsalvasch; schroffe Mauern, Zinnen, die über Berge ragen.
Hoch ragt der Stein In göttlichem Entzücken.
Grundlosen Grüften gleich ertrinkt das Tal.
Sehnsucht allein
Weist Stege mir und Brücken,
Zweifel wird Schwere, Schuld wird Fall.
Nur sehnsuchtrein,
Befreit von Gier und Krücken,
Ladet das Leben dich zum Göttermahl.
Morgensonne hat über der Geburtsstunde des Ulrich Bihander gesungen. Talweiten öffneten und schlossen die winkenden Arme ihrer Hügelketten; Felsbrüche warfen den wirbelnden Achsen, die sie nicht hemmen noch knicken konnten, ihren Lärm nach, höhnisch und kläffend; das Eisengebälk einer Brüche führte flirrende Lufthiebe kreuz und quer, als suche es die sausende Eile zu schrecken; die Weichen einer kleinen Station, die der Zug überdonnerte, ließen ihre Lampen drohend klirren, das Hebelwerk zuckte unmutig und versetzte den Rädern heimliche Stöße, die Schienenpaare bogen nach beiden Seiten aus und schlossen sich, wie die Fangarme einer Falle.
Dann führte das Gleis dicht an den Strom. Weit drüben, jenseits der Glätte, hoben und senkten die Auen den Buschwald. Das Licht spielte morgentrunken von den Wipfeln auf die hängenden Äste nieder, als wolle es seinen leichten Lebensmut der Schwere des Wassers mitteilen. Der Strom schien regungslos, stumpf, grau, ohne Leben, unnahbar dem Spiel. Da sah Ulrich einen Kahn, der am Ufer vertäut war. Das Fahrzeug bebte und schlingerte; unter seinem freien Ende wirbelte und brodelte das Wasser, als wirble eine Schiffsschraube. Und überall, wo das Ufer dem Bahnungstrieb einen letzten eigensinnigen Trotz bot, geschah der Kampf, kurzwellig, schäumend, hastig, ärgerlich. Ein Leben, das unter der Spiegelglätte des Stroms kaum zu ahnen war, reißende Kraft unter Gleichmut verheimlicht – ein unveräußerter Wille.
Da rückte die Millionenstadt ihre ersten Vorposten ins Feld. Der Strom war eben noch ein Bewältiger gewesen, nun schoben sich glatte, seichte Quaderprofile unter seinen Gang. Man hatte ihm die spielerische Kleinarbeit genommen. Das Ufer wies keine Wirbel mehr, war glatt wie der Saum eines Königsmantels in den Händen wohlgedrillter Pagen. Der Stromkönig muß den Weg nehmen, den ihm ein Zeremonienmeister weist. Der Strom ist gefangen, reguliert. Die Millionenstadt muß vor eigenmächtigem Willen gefeit sein. Der König hat seine Konstitution bekommen.
Auch auf der andern Seite streckte die Großstadt ihre Zeichen ins Land. Wirtschaften mit breiten, laternenbestandenen Terrassen, die den Sonntagsgästen bereit lagen; auf dem Berghang da und dort eine Villa. Noch blieben die Sommerhäuser unter Grün geborgen, und doch meinte fast jedes eine Hausherren- oder Baumeisteridee aus junger Tünche ins Land rufen zu müssen: fränkische Giebel, Loggien, butzenverglaste Erker, baumdicke Türmchen, dünnwandige Zinnen, Inschriften … selten grüßte die verwitterte, schlichte Barockfassade eines alten Landsitzes durch die überwuchernden Bäume. Aber längs der Landstraße standen noch Bauernhäuser. Ihre Mauern, dick, niedrig, buckelig, waren an die Hügellehne geschmiegt. Die wirren Obstkronen der Landgärten brauchten keine Silhouette zu bringen, Baum über Baum stieg regellos die Böschung an, stufige, gilbende Weingärten unterbrachen die Anspruchslosigkeit. Dann, unvermittelt schossen Häuser zu mehreren Stockwerken auf. Als sei sie das Bollwerk der Stadt gegen freie Luft und Grün, schob sich eine Brauerei mit hohen Schloten und blechgezinnten Essen an breiten Ziegelmauern in das Seitental.
Ulrich wurde unruhig. Als er in sein Coupe trat, fuhr der Zug in den Vorstadtbahnhof ein und hielt kreischend. Der dicke Herr winkte einem Kellner und kaufte ein Glas Wein. Ulrich hob seinen Koffer aus dem Netz, goß Kölner Wasser über ein Tuch, rieb Gesicht, Hals und Hände. Der Herr sah, während er schlürfte, Ulrich zu, verwundert, fast verächtlich.
Ulrich begriff erst, als er in den Taschen seines hellen Überziehers die Handschuhe suchte, daß hier eine Seele auf dem Sprunge stand.
»Sie trinken schon Wein? In aller Frühe?«
»Ja, warum denn net? Das is a Hiesiger. I war jetzt sechs Wochen in der Kur, wegen man Leberl – sechs Wochen hab i nur a warms Wasser trunken, da kommt scho a Gusto zamm. Aber hörn S’, waschen Sie Ihna immer mit Parfim?«
»Nein, nur auf der Reise, wo ich keine andre Gelegenheit habe.«
»Draußen is ja ane.«
»Die ist zu schmutzig.«
»I wasch mi nur mit Wasser. Das is as einzige, z’was as Wasser was taugt.«
Er lachte, und das große silberne Pferd an seiner Uhrkette hüpfte vergnügt. Er holte einen strammgefüllten Plaid und einen schweren Rucksack auf den Sitz herunter, indes der Zug einhielt.
»No alsdann, jetzt san ma da, Gott sei Dank!«
Er beugte sich aus dem Fenster und winkte bald aus Leibeskräften.
»Da bin i«, rief er.
Er wandte sich aufgeregt zu Ulrich.
»Mei Alte und die Tochter! Sie san z’weit vorgangen! Dort, sehn Sie’s … no, die wer’n schaun, wia ri abgefalln bin!«
Er war voll Freude.
»A fescher Kerl, mei Tochter, was? Die geht jetzt in die Pension und singen tuats a! Die wer’n schaun, wia’s mi hergenommen hat, die dalkerte Kur!«
Der Zug fuhr in die Halle, der Herr ergriff Ulrichs Hand und schüttelte sie heftig.
»Sie san sicher ’s erschte Mal da.«
»Ja; ich bin Student.«
»Alsdann: viel Glück, viel Glück!«
Er drängte hinaus, in die Arme der Familie.
Das Gepäck war ins Depot gekommen. Ulrich stand auf der vorderen Plattform eines Tramwagens; er hatte den Motorführer nach der Universität gefragt und war beruhigt worden: »Da ham S’ no Zeit.«
Zum ersten Mal fühlte er das Grau der Großstadt bang und drückend. Das Grau, vor dem keine Farbe standhält, das die dürftige Architektur der Zinsblöcke verwittert und verödet. Er sah hinter dem endlos wiederholten Gleichmaß der Fenster überall dieselben freudlosen, grauen Tüllbehänge. Innen mochte alles nach Miete aussehen, die nach Vierteljahren gemessen wird.
Die Menschen auf der Gasse liefen aneinander vorüber, als müßten sie einem stumpfen Zwang zu entkommen trachten. Nur hier und dort ein Grünzeugladen in frohen Farben. Mit vollen Armkörben standen Mägde davor und lachten, aber auch ihr Abschied war hastig, und die letzten Worte riefen sie einander, im Gehen schon, nach. Andre Läden duckten sich unfreundlich unter den Mietskolossen, die über den Schaufenstern lasteten; nichts Organisches verband sie mit dem Haus, irgendein Zufall hatte die Kaufleute veranlaßt, hier ein Glück zu versuchen. Nur die kleinen Gastwirtschaften mit ihren Tischen und Stühlen und den grünen Gitterschirmen ließen einige Behäbigkeit vermuten.
Mürrische, wegsatte Lastfuhren; schwere Hengste mit plumpen, hängenden Schädeln. Dem dösenden Fuhrknecht schien nichts gleichgültiger als sein Weg. Gott weiß, wie die Fuhre das Ziel fand – und doch lagen alle Zeichen der Unrast auf diesem widerwilligen Trott. Die andern Wagen klepperten um die Schwerfuhren vorwärts; wenn sie die Straße kreuzen mußten, riß das Tramwaygleis eine Weile ihre Räder an sich, die Insassen wurden hin- und hergeworfen, sie saßen vorgebeugt, ihre Gedanken liefen voraus.
Über dem Einerlei der Farbe und Bewegung lag der gleichförmig wirre Lärm, der im Ohr bald stumpf wird, aber das Herz beunruhigt, als müsse es verdeckten Zielen folgen. Alles hastete, lief, trottete über die glattgepanzerte Erde weiter – nur weiter. Nichts lud zum Verweilen. Jedes Hindernis, das den Fuß zu hemmen drohte, schlug in Schreien, Fluchen, Knallen, Signalläuten um, als müsse der gestaute Drang in stärkere Laute umgesetzt werden, daß er keinen Augenblick der Entspannung verlöre. – Ein undurchdringliches Leben, doch voller Zeichen und Winke, ein Leben, das nicht mit den wägenden Mitteln des Bewußtseins zu fassen ist, das zu Instinkt und Ahnung spricht und mit Beklommenheit, Vorsicht, Spannung beantwortet wird.
Da schlüpfte der Wagen aus dem Häuserdämmern in den Sonnenschein einer herrschenden Straße. Die Fahrbahn war doppelt von Ahornpromenaden begleitet. Die Gebäude drückten und bedrängten nicht mehr, ihre hohen Stockwerke waren von Künstlerhand gegliedert und beruhigt, sie säumten unaufdringlich den Lebensstrom. Aus ihrer schlichten Zeile hob sich zuweilen ein öffentlicher Prunkbau, er zog den Blick an wie die Edelsteinrosette eines Stirnbandes.
Reichtum, gebundene Macht. Die staubbedeckte, lohnhungrige Mühsal war zum unscheinbaren Hintergrund herabgedrückt. Unter den Ahornalleen gingen wohlgekleidete Herrn, gemessen, als seien alle Ziele spielend zu gewinnen. Grußbereitschaft lag in ihren Blicken und auf ihren Lippen formte sich die Liebenswürdigkeit, die sie dem nächsten Bekannten während eines flüchtigen Händedruckes zu sagen wünschten. Die Frauen und Mädchen trugen noch helle Kleider; sie hatten frische Wangen und heitere Anmut aus den sommerkühlen Bergen zurückgebracht, sie genossen die langentbehrte Weltstadt neu; die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen verriet das Wohlgefühl, alle Wünsche und Launen geborgen zu wissen.
Während der Wagen hielt, wies der Führer auf ein mächtiges Dach mit Kuppeln und einem figurenreichen Giebel.
»Dort is, bei da nächsten Haltstell steigen S’ aus.«
Ulrich sah nur mehr seine Universität.
Ihr Portikus streckte ihm die Rampe entgegen wie ein schöngebreitetes Armpaar. Langsam ging er hinauf. Längs der Rampe standen Studenten und führten lachende Gespräche. Aus den hohen Gittertoren scholl ihm die Aula entgegen. Zögernd trat er ein.
Das dreifache, säulengetragene Gewölbe brach den Schall von hundert und hundert jungen Stimmen, einte die widersprechendsten Überzeugungen und Meinungen, verwob und milderte die wildesten Absichten und kühnsten Pläne, verschlang spöttische Rufe und schallende Heiterkeit, band spitzfindige Kritik an das Murmeln gutmütiger, frühreifer Überlegenheit, Leichtsinnsgelächter an übersäuerte Trockenheit – was aus den jungheißen Herzen über die Lippen flog, kurz und gut, nicht weit geholt, nicht lang bedacht, aber voll Trotz, Glauben und Zuversicht, klirrend in allen Panzern unbeugsamer Strenge und voll Treue und Wahrheit des göttlichen Augenblicks – das nahm die Wölbung der Aula und warfs rauschend zurück.
Ulrich mußte Schritt für Schritt gewinnen, sein Herz schlug, seine Wangen glühten. Er konnte nicht das Einzelne fassen, aber das Ganze umdrängte ihn wie ein Frühlingsorkan, dessen Übermaß an jubelnder Gewalt den Atem preßt und doch die Brust mit hellem Entzüchen füllt.
Er blieb auf den breiten Stufen stehen, die zu einem Seitenflügel führten, und lehnte an dem hohen Bogen, dessen Pfeiler Ehrenschilder trugen. Unter ihm wob die Aula. Er wurde seiner Erregung kaum Herr. Seine Universität, hochberühmt und hochgelobt, seine freie, deutsche Universität! Er fühlte es, es war wie Schwingenwehen über ihm.
Auf der Ehrentafel stand Grillparzers Name. Der verlautete tragische Liebessymbole. Das Rauschen der Aula klang gleich der Meeresbrandung Heros und Sapphos.
Der Entrückte fragte sich: Warum singen die Dichter stets erneut von Liebe? Wozu Gestaltung, unzählig wie Sterne, und nirgends die letzte, erlösende Form! Wenn Liebesträume und Liebesklagen zusammenflössen, wie Nebelperlen der Wolken zu Regengüssen, es müßte ein Chaos sein wie dieses Brausen der Aula … dieses Wirrsal von stammelnden Gebeten … Gottesdienst müßte es sein vor dem Leben, das hinter den Formen liegt, das keine Kunst spiegeln kann, das eigengewaltig und unbezwinglich bewegt und treibt. Auch Dichter vermögen Besseres nicht als stets erneutes Opfer an Stimmen und Lauten, gleich diesem Opfer, das von der Wölbung der Aula hallt: Hoffen, Ringen, Träumen, Wähnen und Drängen nach dem erlösenden Laut, nach offenbarer Gestalt, nach geklärterem Menschentum und bemächtigter Weltherrlichkeit … Menschheitsdämmerung, Phönixbrand, Vorfrühlingssturm einer künftigen Welt …
Es hielt ihn umfangen, erschütterte ihn, er war trunken und kämpfte mit den Tränen.
Da hörte er eine Stimme dicht beim Ohr:
»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Kollege?«
Er fuhr auf, starrte in zwei wasserblaue Augen, die von den Linsen eines Goldkneifers vergrößert wurden.
»Nein …«
»Entschuldigen Sie, ich dachte …«
Er war kleiner als Ulrich, er mochte etliche Jahre älter sein, über seine Wange lief eine glatte Narbe in den kurzgestutzten, blonden Schnurrbart. Er langte an seinen Hutrand.
»Nein, mir ist wohl, Herr … Herr Kollege – ich bin nur sehr glücklich.«
Der andere errötete, um seine Lippen huschte eine unausgesprochene Bewegung, Spott oder Freude. Ulrich erschrak ein wenig.
»Ich dachte, eine Kongestion, verzeihen Sie.«
»Bitte, bitte …«
Sie grüßten, der Blonde tauchte in das Gedränge, etliche bunte Mützen lüfteten sich vor ihm, er blieb stehen, tauschte kurze Handdrücke – wohl auch einige Redensarten. Ulrich merkte die kümmerliche Herzlichkeit. Dann verschwand der Mann durch das hohe Tor.
Sonst leuchteten wenig Farben aus der dunklen Menge. Auch die Couleurstudenten, mit denen der Blonde gesprochen hatte, durchquerten die Aula. Sie zogen paarweise an Ulrich vorbei und beachteten ihn nicht. Sie gingen hochgereckt, steif, als hätten sie Kothurne unter den Füßen. Ihre Stirnen waren würdevoll gefurcht, über ihren Nasenrücken lag ein leises Rümpfen, sie mochten verdammt zartfühlend sein.
Ulrichs Begeisterung faltete die Flügel, als müsse sie ihn wärmen. Es ging nicht mehr so hoch her in ihm, aber ausgelöscht war sein Glücksgefühl darum doch nicht, nur geborgener.
Die Couleurstudenten zogen durch eine Glastür, Ulrich folgte ihnen und kam in den Arkadenhof, dessen drei Wandelhallen ein Gartenbecken umschlossen. Rasen und Strauchwerk standen im schweren Dunkelgrün des Herbstes, auf den Ahornblättern züngelten schon gelbe Flammen. Inmitten des Gartens erhob sich aus weißem Stein der edle Körper einer Kastalia.
Auch die Säulenhallen waren überfüllt, und alles trug Farben. Man bewegte sich langsam, paarweise, in kurzen, elliptischen Runden. Jede Couleur hatte ihren Platz. Die Stimme der Aula scholl Stoß auf Stoß durch die pendelnden Flügel der Glastüren, sie überschlug das Schrittschlurfen und das gedämpfte Murmeln.
Ulrich begriff die getragene Feierlichkeit nicht. Wohl lags darüber blank und drohend wie Wehr und Stolz der Alma Mater: Hütet euch, Feinde, unsre Ehre ist die Freiheit der Universität. Hütet euch: daß unsre Farben nicht blutrot werden! – Und doch war Ulrich von dem kühlen Ernst befremdet.
War Alma Mater nicht herrlich wie die Sonne am Mittag, die kein Blick entweiht? Wars nicht Zweifel, wenn man zu schützen wagte? War Wissenschaft nicht unverletzlich wie die Natur?
In den Wänden der Arkaden hingen Reliefbildnisse eingelassen, unter ihnen standen Büsten und Hermen. Gelehrtenköpfe, deren Ausdruck Stein und Erz belebte, und andere, die nur bürokratische Glätte zeigten. Auf Arbeit und Verdienst wiesen einige Worte und Jahreszahlen. Die meisten Namen waren Ulrich fremd. Er bangte vor der Fülle dessen, was er zu schauen strebte.
Und es beschlichen ihn leise züngelnde Zweifel: spärlich standen Bilder und Hermen früherer Jahrhunderte und die letzten Jahrzehnte prangten zahlreich in allen Fakultäten. War das Verdienst so gewaltig gestiegen oder waren Marmor und Erz gemeiner geworden? War diese Zeit so überfüllt von Gedankenfürsten oder war sie so flüchtig geworden, daß jedes fügsam eingeordnete Verdienst verewigt werden mußte, daß etliche tiefere Züge in all die Oberflächlichkeit eingepreßt würden? Ein Hohlkopf, der vor der Photographenlinse seine Haut in bedeutsame Falten legt. Die Häufigkeit der Bildnisse und Namen tilgte das Vorbildliche.
Es bedrückte Ulrich, er wollte die Arkaden verlassen. Ein Student trat auf ihn zu, zog die Mütze und hielt sie wie eine Scheibe vor dem Magen.
»Heil, Bihander, Servus! Wie gehts?«
Ulrich reichte dem Gymnasialkollegen zögernd die Hand.
»Bist schon lang da?«
»Nein, gerad vom Bahnhof.«
»Also du bleibst bei uns.«
Ulrich nickte.
»Na, das ist schön. Hast du schon eine Bude?«
»Nein, ich muß mich erst umsehen.«
»Da geh nur zum Portier, der weiß … Oder willst du nicht mit uns? Komm, ich stell dich meiner Couleur vor.«
»Ich dank dir, Pöllner, ich will mir die Universität ansehen.«
»Also schau nur, geh in die Bibliothek, dort die Stiegen hinauf. Übrigens, da hast meine Karte.« Er griff gewandt in seine Brust und schlug eine Brieftasche auseinander, das Leder klatschte. »Da ist meine Adreß drauf … wart, ich will dir noch unsere Bude, unsere Couleurbude, draufschreiben.« Er zog einen Stift, der an einer sehr langen Silberkette hing. »Strachgasse 8 und dann unser Cafe … So, bitte, im Cafe sind wir alle Tage nach dem Essen.«
»Danke, Pöllner.«
»Also man sieht dich, was? Am zwanzigsten ist Eröffnungskneipe, hörst, am zwanzigsten … nicht vergessen. Freut mich wirklich, daß du zu uns gekommen bist. – Ich muß zur Couleur zurück, ich bin nämlich Fuchsmajor und hab Pflichten … schau, dort die zwei werden einspringen. Prachtkerln, was? Also komm am zwanzigsten! Schau dirs an! Servus! Heil!«
Unwillkürlich hatte auch Ulrich die Brieftasche gezogen und wollte gerade die Visitenkarte versorgen, er hatte alle Hände voll, konnte kaum die Rechte freikriegen. Er mußte seinen Hut unter den Arm nehmen, und da der Hut eine steife Halbkugel war, so machte ers wie beim Militär, wo zuweilen Säbel, Meldeblock und Helm in eine Hand genommen werden muß. Er stand auch gleich stramm, klappte die Absätze zusammen und verbeugte sich mit einem Ruck.
Das schien dem Pöllner sehr zu gefallen. Er wurde gleichsam vertraulich und schüttelte Ulrichs Hand.
»Also es freut mich wirklich.«
Damit schob er in kurzem Bogen die Mütze auf den Kopf und trat in seine Reihe.
Langsam setzte Ulrich seinen Hut auf, verwahrte bedächtig die Adressen und steckte die Brieftasche sorgfältig ein, er sammelte sich an diesen Handgriffen. Dann ging er der Bibliothek zu.
Die lebhafte Begrüßung ließ ihn seine alte Gymnasiastenplumpheit fühlen. Die war ihm oft für Hochmut ausgelegt und krumm genommen worden. War er je einmal den Freuden seiner Kameraden nachgezogen, so war ihm wie einem Überläufer bange geworden. Hatte er dann etliche im Bierdorf draußen gefunden, so war die Heiterkeit erloschen. Sie kamen immer auf andere Dinge zu reden, und bald fielen ungemütliche Bemerkungen. Der Pöllner verachtete ihn damals unausgesetzt und gründlich.
In seinen Muskeln lag noch ein unbehaglicher Rest der militärischen Steifheit, die dem Fuchsmajor offenbar gefallen hatte. Er nahm langsam Stufe auf Stufe, wollte sich völlig wiedergewinnen. Sein Sonntag lag auf diesen Stunden, das wußte er. Seinen Sonntag sollte nicht der leiseste Schatten trüben. Nie war er empfindlicher gewesen.
Der Lesesaal wurde von seiner weitgespannten Milchglasdecke erhellt. An den Wänden standen in mehreren Stockwerken Bücherreihen, und von Griffhöhe zu Griffhöhe liefen schmale Balkone aus eisernen Rosten rings um den Saal. Die dunkelroten Lederrücken und der Schimmer von Goldbuchstaben gaben dem hohen Raum ihren warmen, beruhigenden Ton. Trotzdem nur wenig Leser an den Eichentischen saßen, empfand Ulrich keine Leere. Die Stille wurde zuweilen durch klappernde Schritte unterbrochen, wenn jemand über die Balkone ging. Es lag etwas Scheues in den Mienen der Besucher. Hie und da eilten Beamte an Ulrich vorbei, Bücher unterm Arm, aus denen Zettel bleckten. Ein wenig hochmütig und verklärt sahen die Beamten drein, trotz ihrer geschäftigen Eile. Als sei aus dem grenzenlosen Schaffensdrang, dessen Niederschlag sie hüteten, etwas von priesterlicher Weihe über sie ergangen.
Und vor Urich lag der köstliche Schatz, eingesargt in viel hundert Bände, tot und doch nicht tot, in starrem, märchenhaftem Schlaf. Es braucht nur der Prinz mit dem unersättlichen Herzen zu kommen. Da springen die Sargdeckel, und die Gedanken erstehen aus den toten Zeichen, dreimal lebendig. Und das dürstende Herz sendet seine Jubelflammen zu Kopf. Stirne und Wangen brennen.
Ein Diener trug in seinen gestreckten Armen Bücher, die ihm bis ans Kinn reichten, er rief Ulrich um Platz an. Vor Ulrich lümmelten andere Diener an den Holzschranken der Leseplätze. Einer ordnete Zettel, Ulrich fragte ihn, ob noch mehr Bücher zu sehen seien. Der Diener verzog den Mund.
»Dös glaub i.«
Ob man erfahren könne, wo.
»Dort hinter Ihna is ’s Katalogzimmer, da dürfen S’ aber net nei. Dann da klane Lesesaal, da dürfen S’ a net nei. Und am Boden und im Keller …« der Diener sah nicht auf, sondern ordnete ununterbrochen weiter ». . da dürfen S’ a net hin. Überhaupt die meisten, die stengan im Turm … i glaubs, daß ma no a paar Büchln mehr ha’m als dahür.«
Er raffte das Blattbündel zusammen und klopfte es glatt. Ulrich griff in die Westentasche. Sofort blinzelte der Diener auf.
»Wollen Sie mir vielleicht zeigen, wo der Turm ist?«
»Alsdann kommen S’ mir halt nach«, flüsterte der Diener vertraulich.
Er öffnete eine Tür, ging voran und hielt die Hand mit den Blättern gehöhlt vor der Brust.
»Das ist der Bücherturm, Herr. Aber nix anrührn! Wenn jemand fragen sollte, so sagen S’ nur, Sie warten auf mi und i bin erscht was fragen gangen.«
Ulrich schob das Geldstück unter die Zettel.
Er glaubte aus der Stille den Widerhall seines Herzschlags zu vernehmen. Man konnte tief in den Turm sehen, da die Stockwerke nur durch Rostböden getrennt waren. Er stieg eine Eisentreppe hinauf. Der matte Geruch nach staubigem Papier und Leder trocknete die Luft. Und weit hinab, wo die Eisenstäbe in eine düstere Masse verschwammen: wartende Stille, die nicht leben und nicht sterben kann, nach einem Atemzug, nach einem erlösenden Seufzer ringt.
Niemals noch hatte Ulrich die Ungeduld der Bücher empfunden. Wie eine Maske ängstigten ihn die endlosen Reihen. Hinter der Maske lags und lauerte. Ein Wille dicht gedrängt beim andern, in zahllose Zeichen gepreßt Satz an Satz, Gedanke bei Gedanken. Jedes Buch war ein schlummernder Organismus, wie ein Samenkorn, das nach Jahren, die zwischen Leben und Sterben hangen, in die feuchte Erde versenkt, seine Ahnenreihe fortsetzt. Ein geisterhaftes Sein.
Da begriff Ulrich den Wahnsinn des Bibliophilen, der Buch auf Buch häuft, ohne imstande zu sein, auch nur eines zu lesen. Er ist Fanatiker und Knecht einer mystischen Macht, die hinter den schwarzen Zeichen lauert. Er muß sich mit dem Buchtitel zufrieden geben, denn die genutzte Macht ist des Geheimnisses entkleidet, sie hat ihre Spannkraft ausgegeben. Ein gelesenes Buch ist ein zertrümmerter Talisman. Wie der Geizhals in der Münze alle Lust und Sättigung der Welt anbetet und jedes Geldstück hundertmal in Orgien der Phantasie verschwendet, so mehrt der Sammler mit jedem Buch den eingebildeten Reichtum, je älter das Buch ist und je seltener, desto gewaltiger und vermögender ist er geworden.
Doch wo entweiht und gesündigt werden konnte, da mußte auch das Heiligtum liegen.
Vor Ulrichs Augen wuchs die Tausendfältigkeit der Bücher in ein ungeheures Organ zusammen. Die Arbeit eines einzigen Lebens wurde zur unscheinbaren Zelle, zur Nervenfibrille. Und das Organ suchte die Schleier der Erkenntnis zu durchdringen.
Hier konnte der Ringende Trost finden, dessen Kraft vor Verlangen erstickt, dessen Hände sich verzweiflungsvoll der Wucht des Geschauten entgegenbreiten. Unzählig sind die Blätter des Erkenntnisbaumes. Ein jedes hat am göttlichen Lichte teil, ein jedes trägt der Blüte und reifenden Frucht die Nahrung zu. Ein Buch muß ins andere überlauten, jedes Wurzel und Träger werden. – Alles wies ins Grenzenlose, Ungemessene, Überindividuelle.
So wurde Ulrich des unheimlichen Bannes ledig.
Im Lesesaal verlangte er irgendein Buch, nur um eine Zeit ruhen zu können. Glück und Verzagtheit rangen in ihm.
Als er dann ging, sah er, daß alle Stühle leer standen. Andre Diener hatten die früheren abgelöst.
Die Arkaden waren verlassen. Inmitten des Gartenbeckens glühte der sonnengrelle Alabasterleib der Kastalia. Zu den Füßen ihres Thrones schlang eine Erzschlange den Ewigkeitsring. Die Nymphe des hellenischen Weisheitsquelles hatte ihre Anmut und Grazie gelassen. Aus dem Leib und dem Gesicht der Göttin sprach Nornenernst und Nornengeheimnis. Die Quellschale war leer.
Ulrich ging schneller. Auch die Aula war verlassen. Ulrich hörte seine Schritte, er bemühte sich, behutsamer aufzutreten. Durch eine hohe Glastür leuchtete die Kastalia in die Aula. Ulrich blieb stehen. Das Marmorbild sah drohend aus – kalt, flammend wie ein höhnischer Fluch.
Es übermannte ihn, er raffte sich mühsam auf und eilte fort.
Unter dem Portikus schlug ihm der Lärm der Straße entgegen. Ihm war, als seien die Tore der Alma Mater donnernd ins Schloß gefallen und er werde des Heiligtums niemals mächtig werden.
Es war weit über Mittag, er hatte den Schritt der Stunden überhört.
Da Parzival ging in die Gralsburg ein,
War sein Herz vor Sehnsucht weit,
Und glühend wie von Cyperwein
Gab seine Jugend ihm Geleit.
Da Parzival nieder vom Gralsberg kam,
War er furcht- und staunensmatt.
Aus zitternden Händen der Sehnsucht nahm
Das wunde Herz er, nimmersatt.
Wer mit einem Zug
Alle Sättigung will,
Der findet die heilige Quelle leer.
Wer mit einem Flug Alle Höhen will,
Hinkt hinter Lahmen und Blinden her.
Jung-Parzival, im Narrenkleid
Mußt du es fürder wagen.
Auf Montsalvasch führt nah und weit
Der Weg durch Staunen und Fragen.
Mit anderen Worten, Ulrich hatte Hunger. Seit seiner Abreise, da ihn Mutter Bihander mit Beefsteak, Salat, Kompott und Kuchen noch einmal vollgestopft hatte, war kein Bissen hinter seine Zähne gekommen. Unweit der Universität winkte ein Restaurant, das den Namen eines berühmten Bieres trug.
Während er mit jedem Bissen an Kraft und Nüchternheit gewann, fiel ihm die Wohnungsfrage ein. Es ist erheblich, wie schlicht der innerste Mensch arbeitet: Stoff eingewandt, Stoff umgewandelt und Leben in allen Gliedern. Das Hirn wird leicht und froh; alle Probleme sitzen unterm Zwerchfell und werden dort unbedenklich gelöst. Weh, wenn der Magen bedachtsam wird und seine Fragen über einer breiten Lage von Fußnoten und Zitaten erörtert, wenn er das angeborene Ingenium durch einen Apparat von kritischer Lese ersetzen will! – Ulrich hieb tüchtig ein. Mutter Bihander hätte ihre Freude gehabt, denn nichts konnte sie froher stimmen, als ein kräftig eingestandener Sättigungstrieb. Tat Ulrich an ihrem Tisch das Seine, war sie fast wunschlos. Sie hatte den Sohn reichlich mit Geld versehen, aber an den Monatswechsel die Bedingung geknüpft, daß um eine gute Kost Sorge getragen werde. Leugne einer, daß Mutter Bihander des Wesens Kern getroffen hat, leugne einer, sofern er in seinem Kämmerlein, jenseits aller evolutionistischer Verantwortlichkeit, allein und hinter Schloß und Riegel sitzt und also Mut zur Wahrheit haben darf. Was sonst noch zu einem Menschen gehört, der sein Dasein nicht zur Versicherungspolice macht, sondern an und für sich ins lebendige Geschehen einordnet – davon hatte Ulrich ohnehin genug. Und nach Kaffee und Zigarre begannen auch die oberen Akkorde seiner Seelenharfe wieder zu zittern.
So fragte er den Universitätsportier bei jeder Wohnung, ob freie Luft, weite Aussicht, Garten, ruhige Umgebung zu finden wären.
»Ja, in der Näh da …?«
Ulrich meinte, daß es ihm auf eine Fahrt von zwanzig Minuten nicht ankäme.
»Jessas, so weit draußen!«
Der Portier zuckte die Achseln; da ließ sich ein Fräulein vernehmen, das Briefe in einen großen Schalter einordnete: sie habe eine Tante, die Tante habe eine weitschichtige Verwandtschaft und die wäre draußen in Döbling bedienstet, in der Schloßzeilen auf Nummer neunzehn. Ein großer Garten wäre dort beim Haus und in dem Garten ein gemauertes Salettl. Und das Salettl werde schon lang an Zimmerherrn vermietet. Der letzte habe sich mit dem Hausherrn zerstritten. Der Hausherr müßte was Besonders sein, und wegen der Besonderheit von dem Hausherrn käms darauf an, was der Herr studiere. Ein Studierter müßts sein, aber einen Juristen oder Mediziner nähme der Hausherr nicht mehr ins Salettl … Sie sprach sehr langsam und schob einen Brief nach dem andern in sein Fach.
Der Portier beschrieb einen Zettel.
