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Eva Philips glaubt, sie wäre endlich am Wendepunkt ihrer Karriere und auch am Höhepunkt ihrer Beziehung angelangt. Doch dann verliert sie an einem Tag nicht nur ihren Job, sondern wird auch noch für einen anderen Mann sitzengelassen. Zu allem Übel steht ein wildfremder, nackter und überaus wütender Mann in ihrer Wohnung und behauptet Amor zu sein. Und Amor ist kein kleiner Liebesengel mit Pfeil und Bogen, sondern ein gut aussehender, arroganter Mann mit Grübchen, der droht erst wieder zu verschwinden, wenn Eva ihre große Liebe gefunden hat.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Amor(e) mit Hindernissen
Ein göttlicher Kurzroman
J. M. Summer
INHALT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Zweitausgabe Juli 2025
© 2025 J. M. Summer
Die Charakter, Handlung und Gegenstände dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Das Werk, einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Umschlaggestaltung
Jennifer Schattmaier, Schattmaier Design
https://www.schattmaier-design.com
ISBN: 9798666033937
„Glücklich allein ist die Seele, die liebt.“
(Johann Wolfgang von Goethe)
Eva Philips stöhnte. Heute war mit Abstand der schrecklichste Tag ihres Lebens. Wie das passieren konnte, war ihr immer noch ein Rätsel, denn immerhin sollte heute der Wendepunkt ihrer Karriere sein – und nach dem gestrigen Telefonat mit ihrem Freund – pardon, Ex-Freund – dachte sie, auch der Höhepunkt ihrer Beziehung.
Als sie sich heute früh den Kaffee über ihre neue weiße Bluse schüttete, hätte sie wissen müssen, was für ein Tag auf sie zukommen würde. Vielleicht aber war sie nur zu abgelenkt gewesen von der Tatsache, dass sie dachte, ihr Freund, mit dem sie vier Jahre lang in einer Beziehung gewesen war, würde ihr endlich einen Heiratsantrag machen. Was sollte sie denn auch sonst denken, als er ihr gestern Abend am Telefon verkündete, dass er in einem ihrer Lieblingsrestaurants ihre Zukunft besprechen wollte?
Da hatte sie noch nicht wissen können, dass diese Zukunft nicht sie beide betraf, sondern ihn und den neuen Mann an seiner Seite. Adam. Genau, Brian stand auf Adam, nicht auf Eva. War das zu fassen? Was für ein mieser Scherz.
Vier Jahre hatte sie ihm geschenkt, um dann für Adam sitzen gelassen zu werden. Adam, der beim heutigen Mittagessen dabei gewesen war und mit dem sie sich auch noch ausgesprochen gut unterhalten hatte. Adam, der Kinderarzt in einem der hiesigen Krankenhäuser war und leider – wie sie ungern zugab – ein ausgesprochen heißer Kinderarzt war.
Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich auf den Sessel fallen und starrte auf das Paket, das eigentlich in die Galerie geliefert hätte werden sollen. Der Inhalt war schuld daran, dass sie nach bereits sechs Monaten ihren Job verloren hatte. Einen Job, für den jeder, der wie sie Kunstgeschichte studiert hatte, töten würde.
Genervt ließ sie ihre neuen Pumps auf den Boden fallen und massierte sich die schmerzenden Füße. Wie um Himmels willen sollte sie dieses Paket, das zweifellos um die neunzig Pfund wog, morgen in die Galerie transportieren? Sie hatte kein Auto. Wofür auch? In New York brauchte man keines. Man stieg morgens in die Subway und fuhr zur Arbeit – so wie der Großteil der New Yorker Bevölkerung.
Die einzige Möglichkeit, die sie sah, war ein Taxi, aber sie konnte es nicht verantworten, mit einer über fünfhunderttausend Dollar teuren Skulptur von Amor durch New York zu fahren. Die Skulptur, die seit gestern in der Galerie hätte stehen müssen und der Mittelpunkt einer Ausstellung sein sollte, die sie seit Monaten plante. Wenig Schlaf und zwei Kilo mehr auf den Hüften nahm sie für diese Ausstellung in Kauf. Eine Ausstellung, zu der ihr Vorgesetzter – Phil Morris – nur mit einem ganzen Arsenal von gut platzierten Überredungskünsten zugestimmt hatte.
Wieder stöhnte sie laut und rieb sich die Stelle zwischen den Augen.
Wie konnte denn der Tag nur so schieflaufen? Mit der Trennung war sie dermaßen überfordert, dass sie unkonzentriert einen Fehler nach dem anderen bei der Arbeit begangen hatte.
Als ob Phil sie nicht bereits für die größte Versagerin auf Erden hielt, nachdem die Amor-Skulptur immer noch nicht am vorgesehenen Platz in der Galerie stand.
Erst war die Skulptur nicht angekommen und unauffindbar, und dann hatte sie einen Termin mit einem potenziellen Käufer für ein Gemälde verpatzt. Er hatte angenommen, ihre Rückseite gehöre ebenso zur Ausstellung und stünde nach genauerer Prüfung zum Verkauf – bis sie ihm einen ihrer Absätze in seine Kehrseite gesch... Pardon ..., bis sie ihm eine Lektion erteilt hatte. Was natürlich bei Phil überhaupt nicht gut angekommen war. Als Phil ihr daraufhin die Verantwortung für die Ausstellung nehmen wollte, hatte sie ihn einen unterbelichteten Stümper genannt, was zur endgültigen Kündigung führte.
Sie sah selber ein, dass die Beleidigung vielleicht etwas zu viel des Guten war. Aber sie hatte hart für diese Ausstellung gearbeitet, nur um dann die Verantwortung wieder abgeben zu müssen, weil einer dieser reichen Schnösel seine Hände nicht bei sich behalten konnte.
Doch ehrlich gesagt war „unterbelichteter Stümper“ noch zu nett gewesen. Einfältiger Dummschwätzer, taugenichtiges Spatzenhirn, schleimiger Stinkstiefel, trotteliger Einfaltspinsel ... na gut, das war nicht viel besser. Zugegeben, was Beschimpfungen betraf, war sie keine Leuchte. Aber in ihrem Job war sie gut, und sie hatte mehr Ahnung und Wissen als diese Pappnase, die einen Monet nicht erkennen könnte, wenn er das Bild um den Hals tragen würde.
Die Ausstellung sollte ihr erster Schritt nach oben werden.
Seit Jahren träumte sie von ihrer eigenen kleinen Galerie, die exquisite und auch antike Ausstellungsstücke zum Verkauf anbieten sollte. Doch die einzige Möglichkeit, sich einen solchen Traum in New York ohne Geld zu erfüllen, war, sich einen Namen zu machen und dann auf großzügige Sponsoren zu hoffen.
Nach dem heutigen Tag allerdings stand sie nicht nur wieder am Anfang, sondern hatte sich auch noch mit Phil Morris zerstritten.
Immer noch starrte sie auf das Paket auf ihrem Fußboden.
Sie hatte es bereits geöffnet und den Inhalt bestaunt. Der Künstler, den sie bisher noch nicht persönlich kennenlernen durfte, übertraf sich bei dieser Arbeit selbst. Es war eine wunderschöne und absolut detailgetreue Skulptur des kleinen Liebesengels Amor, der in steingemeißelten Stoffgewändern gehüllt mit Pfeil und Bogen davonzufliegen schien.
Als Eva ihn das erste Mal auf Bildern sah, war es um sie geschehen. Der kleine Engel hatte sie verzaubert, und sie wollte ihn als Herzstück der Ausstellung unbedingt dabeihaben. Der Künstler sagte ihr sofort zu, und ihr Glück hatte sie damals nicht fassen können. Auch jetzt war er immer noch bezaubernd – aber schuld daran, dass sie keinen Job mehr besaß und dass sie seit heute Mittag Single war, konnte nur bedeuten, dass Amor zusätzlich zu ihrem Job auch noch ihr Liebesleben verpfuscht hatte.
„Ich weiß ja nicht, ob du deine Arbeit nur grottenschlecht machst oder ob deine nutzlosen Pfeile ihre Wirkung verloren haben, aber vielen Dank für nichts. Das nächste Mal, solltest du mich mit einem verfolgen wollen, dann steck ich ihn dir dorthin, wo die Sonne niemals scheint. Ich verzichte auf deine Hilfe, du erbärmlicher Liebestöter“, murmelte sie wütend und blickte in das kindliche, aber wunderschöne Gesicht des Engels.
Natürlich bekam sie keine Antwort. Was hatte sie denn auch erwartet? Eine Entschuldigung?
Da sie jetzt auch noch anfing, kleine Engelsskulpturen zu beschimpfen, war es höchste Zeit für eine heiße Dusche, eine Packung Eis und ein Glas Rotwein – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
o0o
Die Dusche wirkte wahre Wunder – oder war es vielleicht doch das bis zum Rand volle Glas Wein, das sie vorher hatte? Egal, was es war – ihr ging es bereits besser.
Die Skulptur von Amor lag zwar immer noch in ihrer Wohnung auf dem Fußboden, und den Job hatte sie auch nicht wieder, aber als sie unter der Dusche Zeit hatte, über die Situation nachzudenken, war sie ganz glücklich darüber, wie es gekommen war.
Klar, sie hatte die Ausstellung herbeigesehnt, aber wenn sie daran dachte, weiterhin für diesen Dummschwätzer zu arbeiten, lief es ihr kalt den Rücken hinunter.
Was Brian anging, war sie überrascht, wie leicht sie die Trennung trotz allem hinnahm. Der Schock, dass sie für einen anderen Mann verlassen worden war, saß tief. Aber keineswegs war sie traurig darüber, dass die Beziehung vorbei war. Das Zusammensein mit Brian hätte man als unkompliziert und bequem beschreiben können. Wenn er ihr einen Ring an den Finger hätte stecken wollen, dann war sie sich sicher, dass sie ohne Zweifel „Ja“ gesagt hätte.
Als sie sich kennenlernten, verstanden sie sich bereits auf Anhieb, lachten über dieselben Witze und bekamen beide nie genug von Süßem – aber das war es gewesen. Streit gab es keinen, und die Leidenschaft zu Disney-Filmen – ja, auch Erwachsene liebten diese Filme – war die einzige Leidenschaft, die es in ihrer Beziehung gab.
Der Sex war ... na ja, er hatte sich angestrengt, das musste sie ihm lassen, aber prickelnd war er für beide nicht gewesen.
Das hätte ihr bereits zu denken geben müssen. Vielleicht war es auch ihre Schuld, dass sie nicht gesehen hatte, dass sie feststeckte und Brian nur weiter ihr Bedürfnis nach Sicherheit stillte. Er war ein guter Freund und guter Zuhörer, aber für mehr reichte es eben nicht. Daran konnte man nichts ändern.
Sie sah sich um und bemerkte, dass sie ihre frische Unterwäsche im Schlafzimmer liegen gelassen hatte. Mit einem letzten Blick ins Badezimmer, um sich zu vergewissern, dass es sauber war, öffnete sie die Tür und ging hinaus – nur um gegen einen harten, muskulösen Körper zu laufen.
Die Wucht, mit der sie dagegenlief, hätte sie beinahe zurückbefördert, aber muskulöse Arme hielten sie davon ab. Ein Schrei entwich ihr, als sie panisch mit den Händen in der Luft fuchtelte.
„Himmel, Frau, beruhig dich ...“, knurrte eine tiefe Stimme. Hände hielten sie an den Schultern fest, als sie entsetzt aufblickte.
Sie war in den Körper eines nackten Mannes gelaufen, der irritiert auf sie hinabsah. Himmelblaue Augen studierten sie, während das markante Kiefer so fest zusammengepresst war, dass sie dachte, es mahlen zu hören.
Der Mann mit den kurzen blonden Haaren sah nicht nur irritiert aus, sondern regelrecht wütend.
In ihrer Wohnung stand ein nackter, wütender und fremder Mann, der seine Arme um ihren ebenso nackten Körper geschlungen hatte. Oh. Mein. Gott.
„Was, was ...“, stotterte sie hilflos.
„Ich bin also erbärmlich? Ein Liebestöter?“, unterbrach er sie und hob fragend und sichtlich verärgert die Augenbrauen.
„Wie bitte? Was?“ Wovon sprach er?
„Waren das nicht die Worte, die du mir vorhin an den Kopf geworfen hast? Ein erbärmlicher Liebestöter, und wie war das? Ich soll mir meine Pfeile sonst wo hinstecken?“, fragte er aufbrausend.
„Woher wissen Sie ... Wie kann das ...“ Immer noch sprachlos starrte sie auf seine Brust. Eine wirklich tolle Brust. Muskulös, braun, durchtrainiert – doch das durfte sie jetzt auf keinen Fall ablenken.
Hier stand ein fremder Mann, der genau die Worte wiederholte, die sie vorher der Skulptur von Amor an den Kopf geworfen hatte. Aber sie war doch vollkommen allein gewesen, oder? Das hatte sie zumindest angenommen. Woher also konnte er das wissen?
Ihre Augen wanderten nach unten und ... Himmel, er hatte nichts an.
Gar nichts.
Nervös riss sie die Augen wieder nach oben, wo sie das verschmitzte Lächeln des Blondschopfs sah.
„Etwas gesehen, das dir gefällt?“, schnurrte er, und sie merkte, wie ihre Wangen heiß wurden.
„Ich, ich ...“, stammelte sie und atmete tief ein. „Wie kommen Sie in meine Wohnung?“ Endlich funktionierte ihr Sprachzentrum wieder.
Der Blick, den er ihr zuwarf – als hätte sie einen an der Klatsche – brachte sie beinahe zum Lachen.
„Du hast mich doch herbestellt. Ist bei dir ’ne Schraube locker oder so? Wie kann man das vergessen?“
Seine Beleidigung ließ ihren Mund auf den Boden klappen. Außerdem war die Vertrautheit, die er ihr entgegenbrachte, ihr etwas unangenehm. Keineswegs konnte sie einem fremden, nicht eingeladenen Mann diese Nähe erlauben – und wenn sie ihn dafür siezen musste.
„Ich hab Sie ganz sicher nicht in meine Wohnung bestellt. Ich würde mich ja wohl erinnern, wenn ich so einen, so einen ...“
„Heißen Mann? Sexy Körper?“, unterbrach er ihr Stottern mit einem wissenden Grinsen.
Mit verengten Augen sah sie zu ihm hoch. „Was wollen Sie von mir? Wenn Sie Geld brauchen, dann sind Sie bei mir an der falschen Stelle. Ich hab seit heute nicht mal mehr einen Job, also ...“ Inständig hoffte sie, dass das alles nur ein Missverständnis war, über das sie in ein paar Tagen lachen konnte.
„Ich brauche dein Geld nicht, mach dir darüber keine Sorgen“, antwortete er und fügte schnell hinzu, als er ihren panisch werdenden Blick erkannte: „Ich will auch sonst nichts von dir, beruhig dich. Aber wenn man mich zum Gespött meiner Familie macht, dann will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Zum Gespött seiner Familie? Was sollte das heißen?
„Ich hab wirklich keine Ahnung, wovon Sie überhaupt sprechen. Langsam glaube ich, Sie haben einen an der Waffel.“
Meine Frustration entlockte ihm nur ein Augenrollen.
„Ich bin Amor.“ Fragend sah sie ihn an.
„Na gut, und ich bin Aphrodite.“ Sie schnaubte.
„Dann wäre ich Eros, nicht Amor.“ War er jetzt wahrhaftig genervt?
„Wie bitte?“
„Der Sohn der griechischen Göttin Aphrodite ist Eros. Ich aber bin Amor – das heißt, du wärst dann die römische Göttin Venus. Müsstest du das nicht wissen? Ich dachte, du hast Geschichte studiert?“
Wieder klappte ihr der Mund auf. Dieser besserwisserische Wicht ...
Ja, den Unterschied hätte sie wissen müssen, aber jetzt war doch nicht Zeit für eine Geschichtsstunde.
„Okay“, sagte sie langsam und merkte, wie ihre Kopfschmerzen zurückkamen.
Die beruhigende Wirkung der Dusche und des Rotweins ließ wieder nach.
„Wenn wir das jetzt geklärt haben, dann würde ich Sie bitten, dass Sie meine Wohnung wieder verlassen.“
Es war, wie sie dachte, eine freundliche und überaus höfliche Bitte. Aber anstatt zu nicken, sich zu entschuldigen und aus der Wohnung zu verschwinden, hatte er den Nerv, laut loszulachen.
„Was ist daran komisch?“
„Wie ich dir soeben gesagt habe: Du hast mich zum Gespött gemacht, und so lange das nicht geklärt ist, werde ich nicht verschwinden.“
„Ach ja, stimmt“, sagte sie gespielt nachdenklich, „ich habe Sie einen erbärmlichen Liebestöter genannt, aber, wenn ich mich erinnere, habe ich das nicht zu Ihnen gesagt, sondern zu dieser Skulptur in dem Paket dort auf meinem Boden.“
Sie zeigte in die Richtung des Engels.
War der denn bescheuert?
„Ja, das ist doch genau das, wovon ich soeben gesprochen habe. Verstehst du überhaupt, was ich sage?“ Er klang genauso frustriert, wie sie sich fühlte.
Was zum ...? War das wirklich sein Ernst?
„Na gut, ich spiele mit. Sie wollen mir also sagen, dass Sie Amor heißen und auch derselbe Amor sind, der in diesem Paket gekommen ist?“
„Na, du verstehst mich ja doch. Ich dachte bereits, bei dir sitzt’s nicht richtig.“
Abgesehen von seiner fehlenden Bekleidung, die sie geflissentlich ignorierte, klang er doch wirklich erleichtert, bevor er fortfuhr:
„Wenn es jetzt also nicht zu viele Umstände macht, hätte ich gerne etwas zu essen, und zu einem Glas Wein würde ich auch nicht Nein sagen – außer ...“ Mit einem Funkeln in den Augen sah er an ihr hinab.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie immer noch nackt vor ihm stand. Mit einem weiteren Schrei kreuzte sie ihre Arme über der Brust, rannte um ihn herum und schlug die Zimmertür hinter sich zu.
Alles, was sie noch hören konnte, war sein tiefes Lachen.
o0o
Der nackte Amor saß an ihrem Küchentisch mit einem Glas Wein und aß genüsslich ein Sandwich.
Sie hatte gedacht, dass er sie alleine lassen würde, wenn er endlich erkannte, dass es in dieser Wohnung nichts zu holen gab.
Beim Anziehen hatte sie sich extra lange Zeit gelassen, doch wie es schien, hatte er nicht vor, so schnell zu gehen.
„Da bist du ja endlich“, sagte er, als er sie eintreten sah. „Ich dachte, du kommst gar nicht mehr. Wie lange kann man denn beim Anziehen brauchen?“
„Da können Sie ja wohl nicht mitreden, oder?“
Er sah an sich hinunter und zuckte mit den Achseln. „Ich hab nichts zum Anziehen. Ich war bereits länger nicht mehr unter den Menschen, da passiert so was schon mal.“
Er biss von seinem Sandwich ab. Er war also länger nicht mehr unter den Menschen und spielte immer noch Liebesengel?
„Was soll das heißen? Wo ist denn Ihre Kleidung?“
„Ich bin so angekommen, aber das weißt du ja. Du bist aus dem Badezimmer spaziert, da war ich noch keine zwei Sekunden in deiner Wohnung. Ach, und ich hab dir ein Sandwich gemacht. Mehr war nicht im Kühlschrank.“
Er zeigte auf die Küchentheke, auf der tatsächlich ein Teller mit einem Sandwich und ein Glas Wein wartete. Ihr Magen rumorte bei dem Anblick. Überrascht sah sie ihn an.
„Danke“, antwortete sie leise, holte den Teller und das Glas Wein und setzte sich zu ihm.
„Kein Thema.“
Schweigend saßen sie am Tisch und aßen. Die Situation war grotesk, aber überraschenderweise war die Stimmung entspannt, und auch die Stille recht angenehm.
Ihr Blick wanderte immer wieder von ihrem Sandwich zu seinen breiten Schultern, der muskulösen Brust und zu seinen Grübchen, die sich bildeten, wenn er sie beim Starren erwischte.
„Ich weiß, ich bin ein Prachtexemplar von einem Mann“, sagte er nach einer ganzen Weile. „Doch wenn das heute noch jugendfrei bleiben soll, dann brauche ich etwas zum Anziehen. Hast du etwas, das ich mir borgen könnte?“
Sie wusste nicht, ob sie wegen seiner Arroganz die Augen rollen, wegen der Situation lachen oder sich in Grund und Boden schämen sollte, weil sie nichts Besseres zu tun hatte, als einen wildfremden Mann in ihrer Wohnung wie eine Verhungernde anzustarren.
„Ja, klar, ich müsste etwas von Brian im Schrank haben.“
Eilig sprang sie auf, sodass ihr Stuhl mit einem lauten Knall nach hinten krachte.
Peinlich berührt mied sie seinen Blick, spürte ihn aber auf sich. Sie hob den Stuhl auf und lief rasch aus der Küche.
„Wer ist Brian?“, hörte sie seine Stimme hinter sich fragen, während sie im Schrank nach einer passenden Hose für den angeblichen Gott fischte. Sie wehrte sich gegen den Drang, sich umzudrehen.
„Müssten Sie das nicht wissen? Ich dachte, Sie sind Amor.“
Sie holte die einzige Hose hervor, die dem vermeintlichen Gott passen könnte.
„Hmm.“
„Brian war bis heute Mittag mein Freund. Wir waren vier Jahre zusammen.“
Wieso erzählte sie ihm das?
„Was ist passiert?“
„Na ja, Brian steht auf Adam, nicht auf Eva. Das ist passiert.“
Endlich fand sie ein passendes Oberteil.
„Hier. Die Hose könnte vielleicht an manchen Stellen zu eng sein. Brian ist nicht so ...“
Sie stockte. Oh Himmel, hatte sie jetzt wirklich da unten hingesehen? Sein Grinsen verriet ihr, dass er es mitbekommen hatte.
„Brian ist dünner“, murmelte sie schnell den Satz zu Ende und sah zu Boden.
„Ich lass Sie kurz alleine, dann können Sie ... na ja, was auch immer.“
Mit glühenden Wangen rannte sie bereits zum zweiten Mal verlegen aus einem ihrer Zimmer.
Himmelherrgott, sie war erwachsen. Was war bloß los mit ihr?
Er war nicht der erste nackte Mann, den sie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatte, auch wenn er ein sehr schönes Exemplar war.
Sie musste sich zusammenreißen.
Während sie die Küche vom Geschirr befreite, nahm sie sich vor, mit ihm Klartext zu sprechen, sobald er angezogen aus ihrem Zimmer kam.
Zwar fühlte sie sich in keiner Weise ängstlich oder eingeschüchtert in seiner Gegenwart, aber sie konnte ihm doch nicht erlauben, zu bleiben.
Er war immer noch ein fremder Mann, der nackt in ihre Wohnung gekommen war und behauptete, Amor zu sein. Irgendetwas stimmte doch nicht mit ihm.
Als sie aus der Küche trat und nicht recht wusste, was sie mit sich anfangen sollte, sprang ihr das Schloss der Haustüre ins Auge. Das Schloss, in dem ihr Schlüssel steckte, den sie vorsorglich immer stecken ließ.
Sie kontrollierte die Tür. Sie war verschlossen. Das konnte nur bedeuten: Amor war nicht nach ihr in ihre Wohnung eingebrochen, er hatte bereits gewartet, als sie nach Hause gekommen war.
Unmöglich.
Ihre Wohnung hatte New Yorker Verhältnisse. Sie war winzig.
Der Berg eines Mannes hätte sich auf keinen Fall verstecken können, ohne dass sie es mitbekommen hätte.
Der Tag war aufwühlend gewesen, aber war sie wirklich dermaßen aufgelöst, dass ihr ein nackter Mann in ihrer eigenen Wohnung nicht aufgefallen war?
Verwirrt ließ sie sich auf ihr Sofa nieder und dachte nach.
Was sollte sie tun, wenn sie ihn nicht mehr aus ihrer Wohnung bekäme?
Oder wenn er doch an mehr interessiert war als nur an einem Sandwich?
Sollte sie die Polizei anrufen?
Wieso bin ich nicht früher auf die Idee gekommen?
Im Gegensatz zu ihr war der Mann ein Berg. Mit ihr hätte er ein leichtes Spiel. Er könnte sonst was vorhaben.
Sie schüttelte den Kopf. Nein, daran wollte sie nicht denken.
Die Möglichkeit, ihr etwas anzutun, hatte er bereits mehrere Male gehabt, aber er hatte sie nicht angerührt – ausgenommen zu dem Zeitpunkt, als sie in ihn gerannt war.
Was also wollte er wirklich?
Eva sah zu ihrem Schlafzimmer und dann auf ihre Uhr. Amor war immer noch nicht zurück.
Was machte er da drin?
Sie stand auf und wollte nach ihm sehen, doch dann erstarrte sie.
Ihr Blick fiel auf das Paket vor ihr auf dem Boden. Das Paket, in dem die Skulptur von Amor geliefert worden war – und das Paket, das jetzt geöffnet und leer vor ihr lag.
Sie hatte es sorgfältig verschlossen, bevor sie in die Dusche gesprungen war, und nie wäre sie auch nur auf die Idee gekommen, die Skulptur anzufassen, geschweige denn sie aus dem Paket zu holen.
Also wo war sie?
Besorgt suchte sie die Wohnung ab, aber der Liebesengel war nicht zu finden.
Er konnte nur noch im Schlafzimmer sein, in dem sich Amor seit einer halben Stunde aufhielt.
Sie klopfte.
„Amor, alles in Ordnung?“
Doch er antwortete nicht, und so versuchte sie es weiter:
„Sie haben nicht zufällig die Skulptur aus dem Paket genommen, oder? Es ist so, ich kann es mir nicht leisten, sie zu verlieren. Sie ist eine halbe Million Dollar wert. Dafür müsste ich eine Niere verkaufen, und das würde ich wirklich gerne vermeiden. Ich hänge an meinen Organen, wissen Sie.“
Wahrscheinlich war es eine sehr schlechte Idee, ihm zu erzählen, wie viel der kleine Engel wert war. Die Panik aber, die sie ergriff, ließ sie nicht klar denken. Die Worte zurücknehmen konnte sie allerdings auch nicht mehr.
Dass er ihr immer noch nicht antwortete, machte sie stutzig.
Vorsichtig öffnete sie die Tür, lugte in das dunkle Zimmer, und was sie sah, ließ sie laut aufstöhnen.
Amor lag angezogen auf ihrem Bett und schlief.
Eine Hand hatte er zwischen seinen Knien, die andere lag unter seinem Kopf, und das Gesicht war zu ihr gedreht.
Sie betrachtete ihn. Der Mund war leicht geöffnet, und sie hörte seine leisen und tiefen Atemzüge. Sein entspannter Ausdruck verlieh ihm trotz seiner markanten Wangenknochen ein jugendliches Aussehen.
Die blonden Haare, die oben etwas länger geschnitten waren, fielen ihm locker ins Gesicht, und Brians Klamotten, die ihm eindeutig zu eng waren, zeigten, wie durchtrainiert er war.
Das Shirt spannte sich über seinen Oberkörper und zeichnete seine definierten Brustmuskeln ab.
Bei der Hose allerdings musste sie sich ein Lachen verkneifen, denn sie hatte recht behalten: Sie passte nicht.
Es sah lächerlich aus, aber ihr schoss die Röte ins Gesicht, als sie daran dachte, wo genau sie spannte.
Ein Bild, wie er nackt vor ihr stand, blitzte vor ihrem inneren Auge auf.
Sie hatte bereits gesehen, was er unter diesen engen Klamotten verbarg.
Mit glühenden Wangen und einem ratlosen Seufzer verließ sie das Zimmer.
Stöhnend rieb sie sich ihren schmerzenden Nacken und streckte die steifen Glieder in die Länge.
Der Duft von frischem Kaffee und gebratenen Eiern hatte sie geweckt.
Die Nacht war alles andere als angenehm gewesen, nachdem sie sich entschlossen hatte, auf ihrer kleinen Couch zu übernachten, um den Mann in ihrem Bett doch nicht zu wecken.
Sie hatte es einfach nicht über das Herz gebracht, ihn aufzuscheuchen.
Gähnend richtete sie sich auf. Die Entscheidung, ob sie erst ins Badezimmer laufen oder nachsehen sollte, was ihr unfreiwilliger Gast in der Küche trieb, nahm ihr Amor ab, indem er seinen Kopf durch die Küchentür steckte und ihr mit einem strahlenden Lächeln entgegenblickte.
Seine Haare waren feucht, und der Duft von ihrem Duschgel füllte den Raum.
Er hatte ihre Dusche benutzt, und sie war von dem gestrigen Tag so erschöpft gewesen, dass sie nichts davon mitbekommen hatte.
Wie dumm konnte man denn sein, tief und fest neben einem fremden Mann zu schlafen, der in ihre Wohnung eingebrochen war? Es hätte sonst was passieren können. Innerlich ohrfeigte sie sich für ihre Naivität.
„Schön, du bist wach. Ich hab uns Frühstück gemacht“, sagte er nur und verschwand wieder.
Überrascht schüttelte sie den Kopf. Sie wurde nicht schlau aus dem Kerl.
„Komm schon, ich verhungere.“ Er winkte sie an den Tisch.
Das Bild, das sich ihr gab, als sie eintrat, ließ sie schmunzeln. Amor war bewaffnet mit einer großen Pfanne voll Eier in der einen Hand, einem Spatel in der anderen, und dazu trug er ihre Glücksschwein-Schürze, die ihm nur knapp bis zur Hüfte reichte und viel zu klein für ihn war.
„Ich hoffe, du magst Rühreier?“ Er schöpfte ihr eine Portion auf den Teller, die eine Großfamilie satt bekommen hätte.
„Ja, vielen Dank.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und war überrascht, dass er genauso schmeckte, wie sie ihn mochte.
„So“, begann sie gedehnt, als er endlich am Tisch gegenüber von ihr Platz nahm, „Sie sind also immer noch da.“
Er ignorierte sie und fing an zu essen. Zerknirscht atmete sie aus.
„Wann, wenn ich fragen darf, haben Sie vor, meine Wohnung wieder zu verlassen?“
„Kommt darauf an.“ Seelenruhig nahm er einen großen Bissen von seinem Rührei.
„Und worauf, bitteschön?“
„Bis ich bewiesen habe, dass ich sehr wohl Ahnung von meiner Arbeit habe.“
„Ach so, ja, Ihre Arbeit als Liebesengel.“ Augenrollend nahm sie einen Bissen von dem Rührei, welches köstlich schmeckte.
„Liebesgott“, korrigierte er.
„Tut mir leid, aber natürlich, Sie müssen Ihrer Arbeit als Liebesgott nachkommen.“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unüberhörbar.
„Du glaubst mir immer noch nicht, was?“
Seine Aufmerksamkeit war nun ganz auf sie gerichtet, während er die Kaffeetasse in die Hand nahm und sich zurück in den Stuhl sinken ließ.
„Wie kommen Sie denn darauf? Aber natürlich glaube ich, dass Sie ein Liebesgott sind, der in einem Paket geliefert wurde. So was passiert mir ständig. Erst letzten Monat hatte ich ein Geschäftsessen mit Apollo, der mich auf dem Rücken von Pegasus zum Restaurant flog. Also wie Sie sehen, ist das alles ganz normal für mich.“
Jetzt war er an der Reihe mit dem Augenrollen.
„Dass ausgerechnet du den Unterschied zwischen griechischer und römischer Mythologie nicht zu kennen scheinst, ist verstörend. Trotzdem werde ich so tun, als wüsste ich nichts davon, und ignoriere dein schockierendes Halbwissen. Allerdings bin ich mir sicher, dass dir bereits aufgefallen sein wird, dass die Skulptur in deinem Paket verschwunden ist, hab ich recht?“ Er grinste und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
Sie beobachtete, wie seine Lippen die Tasse berührten, und verengte die Augen.
Dieser, dieser ... Sie knurrte frustriert. Sein Grinsen wurde noch etwas breiter.
„Ja, das ist mir aufgefallen, Sie haben recht, aber Sie könnten die Skulptur genauso gestohlen und versteckt haben. Da Sie gestern in meinem Bett eingeschlafen sind, hatte ich noch keine Zeit, in meinem Zimmer danach zu suchen.“ Während sie sprach, sah sie ihm stur in die Augen. Skeptisch hob er die Augenbraue.
„Sieh nach, wenn du dich dann besser fühlst. Allerdings kann ich dir die Arbeit auch gleich abnehmen, denn ich versichere dir: Du wirst in deinem Zimmer keine Skulptur finden, denn im Moment sitze ich gerade vor dir an diesem Tisch und versuche dich davon zu überzeugen, dass ich Amor bin.“
„Na gut, okay, dann beantworten Sie mir folgende Fragen: Wieso sind Sie dann nicht einfach bei mir aufgetaucht?
