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Amos das Piratenschaf gelangt mit den lieben Piraten auf ihrem Dreieinhalbmaster, der Cara Mia, nach Ostfriesland und erlebt dort Merk- und Denkwürdiges. Die mehr oder weniger kurzen Geschichten werden durch den kauzigen Charakter des ehemaligen Bergmannes der längst geschlossenen Zeche Prosper II in Bottrop verstärkt. Opa Hermann ist der Ziehvater des zuweilen belämmerten Piratenschafes, das dennoch viele Fragen an ihn stellt, die uns aufhorchen lassen. Ob das Ganze zum Totlachen oder zum Weinen ist, müssen die Leser selbst herausfinden. Jedenfalls handelt es sich um Glossen, Satiren und/oder Gute-Nacht-Geschichten für junge Erwachsene und große Kinder, die bereits den "Durchblick" haben.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Was man über Amos, das Piratenschaf, wissen muss
Wie alles begann
Amos kehrt zurück
Die Cara Mia in Leer
Die Schiffsbesichtigung
Piraten in Leer
Die Piraten sind los
Käpten Hornblewer und die Kochsendung
Landgang für die Mannschaft
Balgerei auf der Cara Mia
Der Pirat Onnen und der „geile Heinz“
Opa Hermann und die Prophezeiung
Der Wollene Erich
Beim Wollenen Erich
Amos und die wilde Fahrt
Amos und der Rasenmäher-Mann
Quälende Erinnerung
Begegnung mit Linda
Der große Knall
Der große Tag
Die Cara Mia auf Kaperfahrt
Opa Herrmann und die Maulwurfshügel
Amos und die Titanic
Die lakonische Sprache
Opa Hermann und die Erfindungen
Amos und die tote Amsel
Mummenschanz in Plümelsdörp
Rentnertreffen
Die Kids und ihre „Schmattfonns“
Neues aus dem Schrebergarten
Amos und die rote Kiste
Opa Hermann und der "homo sapiens"
Opa Hermann, Amos und die drei Streifen
Amos und das Manager-Training
Opa Hermann "geht in medias res"
Ich Mercedes – du Opfer
Amos und das falsche Vorbild
Amos und die Parteigründung
Amos und die Wahlplakate
Innovativer Dativ oder "jedem sein(en) Fortschritt"
Skatbrüder im Mediterran
Das Fahrradparadies
Opa Hermann erklärt Amos das Pokemon
Das Interview
Opa Hermann und die Gesetzgebung
Der Wahlkampf
Möwenkacke vor dem Einkaufszentrum?
Schnäppchenjäger
Amos und die Allgemeinbildung
Deutschland schlägt zurück
Unzufrieden und aufgeregt
Besserwisser
Ausklang
Erfinder des gefährlichen (zuweilen belämmerten) Piratenschafes ist Rainer Dietrich aus Ganderkesee. Er war schon mehrere Male mit seiner Idee in den Medien u. a. den Printmedien. Irgendwann machte der gebürtige Rheinländer mich zum Miterfinder. Nun ja, Geschichten müssen halt erfunden werden. Vielleicht ist der Begriff des „Findens“ treffender gewählt – obschon: lange suchen müssen Autoren nicht, wenn sie sich mit Begebenheiten ihres näheren und weiteren Umfeldes auseinandersetzen.
Amos ist also von Piraten am Ostufer der Leda (Ostfriesland) aufgefunden worden. Sie griffen das Lämmchen mit in der Absicht auf, es als lebende Verpflegung mit an Bord der „Cara Mia“ zu nehmen, die im Leeraner Hafen geankert hatte, um Tee zu verkaufen, ein Viermaster, dem der Besanmast abgefault war und der nun als 3/4 Vollschiff die Weltmeere bereist. Als sich aber herausstellte, dass Amos die Piratensprache erlernte und als er größer wurde einen Volljob im Mastkorb des Großmastes (das ist der zweite von rechts!) ausfüllte, wurde er von der Speisekarte gestrichen und direkt dem Käpten Hornblewer (nicht mit „o“ – aus datenschutzrechtlichen Gründen) unterstellt. Er wurde mit einer schwarzen Augenklappe versehen, damit er gefährlicher aussah. Alle Piraten tragen schwarze Augenklappen. Wir lernen daraus, dass sich niemand im Auge reiben soll, wenn er anstelle einer Hand einen Haken für die täglichen Verrichtungen bemüht. Übrigens befindet sich Amos ununterbrochen auf der Suche nach seiner Schafsdame „Linda“, die er bei einem späteren Landgang (die Ostfriesen wollen andauernd Tee kaufen!) auf einem Deich der Leda kennengelernt hatte. Amos war lange Zeit beim Patentamt angemeldet und als Markenname und Stofftier geschützt. Wie es nun mal bei Krämerseelen so üblich ist: eine Verlängerung des Markenschutzes wird von Mal zu Mal teurer.
Es gibt bereits mehrere Piratengeschichten von Amos und seinen lieben, leider etwas schussligen Piratenfreunden, von Ibrahim, dem Kanonier der Cara Mia (er trägt als Zeichen seiner Würde ein Glasauge) oder dem Smutje Ten Brat, der nicht kochen kann. Der Käpten ist übrigens publicity-geil. Das gehört heutzutage zum guten Ton. Wer am wenigsten auf die Beine stellt, der hat gute Chancen auf die Titelseite zu kommen. Na, bei welchem Presseprodukt wohl? Richtig!
Dass hier die eine oder andere Episode aus dem Fließtext auf verschiedenen Foren veröffentlicht wurde, ist längst kein Geheimnis mehr. Es sind ja mehr oder weniger Märchen für jung gebliebene Erwachsene und große Kinder, die den „Durchblick bereits erworben haben.
Wir wünschen diesen Zeilen eine freundliche Aufnahme!
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Sie warf irisierende Lichtflecke auf die Wasseroberfläche der Ems, die im Dollart in die Nordsee mündet. Ein wunderschönes Schauspiel bot sich den Reisenden auf der Fahrt mit dem Katamaran nach Helgo-land. Noch war die offene Nordsee nicht erreicht, deshalb war die Wasseroberfläche auch nur leicht gewellt und wechselte in rascher Folge die Farben, so dass ein menschliches Auge sich schwer tat, die Farben von Wellenspitzen und -tälern so zuzuordnen, dass man das malen könnte. Es wird gesagt, dass sich im Wasser die Farben der Umgebung widerspiegeln, wobei auch die Farbe des Himmels eine Rolle spielt. Bei der Ems gesellt sich noch eine weitere Farbe hinzu: sie rührt vom Schlick her, welchen der Gezeitenlauf in Richtung Binnenland herein spült. Mit einiger Verspätung erreicht die Flut unter anderem das riesige Emssperrwerk und darüber hinaus auch die Leda, welche bei Leer in die Ems mündet.
Der Katamaran war ein geschlossenes Fahrgastschiff mit gewaltiger Motorenstärke. Sobald das Schiff das Binnengewässer verlassen hatte, nahm es Fahrt auf und hob sich zum Teil aus dem Wasser, berührte es nur noch mit den Gleitkufen am Rumpf des Bootes und dem Antrieb am Heck. Die Fahrgäste hatten sich bereitwillig auf dieses Abenteuer eingelassen. Nur wenigen war bekannt, dass bei hohem Seegang das Reisen mit dem Katamaran alles andere als erholsam war. Dann kam es vor, dass das Boot Bocksprünge vollzog, so dass es einigen Reisenden auch schon mal hundeübel wurde.
Dies war an jenem schönen Vormittag aber nicht der Fall. Das Meer zeigte sich von seiner schönsten Seite. Der Wind wehte aus West-Südwest und Seevögel unternahmen in Landnähe Gruppenausflüge in der Hoffnung, Abfälle von einem Fischkutter zu ergattern. Es sind Möwen, die sich in Scharen um Fischkutter versammeln, auch dann, wenn Hochseeangler einen Kutter gechartert haben und auf Makrelenfang zu „gehen“. Diese intelligenten Vögel beobachten aus der Luft, wo sich gerade ein Makrelenschwarm aufhält und kreisen an der Stelle. Sie zeigen dem Bootsführer an, wohin er sein Schiff steuern muss, so dass die Anglercrew an dieser Stelle ihre Fächerangeln auswerfen kann. So ein Makrelenfächer besteht aus einer Kurzrute mit etwa sechs scharfen Haken an "Federködern". Wenn das Boot die Fahrt gestoppt hat, schaukelt es leicht bis heftig auf den Wellen. An der Steuerbord- und Backbordseite werden die "Angelschnüre mit den Fächern" ins Wasser gelassen. Makrelen sind Raubfische, die sich in den nackten Haken verbeißen und sich bereits nach wenigen Augenblicken gleich haufenweise aus dem Meer ziehen lassen.
Später, wenn auf der Rückfahrt die geangelten Fische ausgenommen werden, erhalten die Möwen ihren Anteil. Eine ausgewachsene Möwe kann im Flug eine Makrele von etwa 25 Zentimetern an einem Stück verschlingen, wenn sie ihr mit dem Kopf voran aus der Hand angeboten wird.
Solche und ähnliche Gespräche wurden an jenem Tag zwischen einzelnen Fahrgästen des Katamarans diskutiert. Befindet sich das Boot erst einmal auf der offenen See, also hinter der Inselkette Borkum, Juist, Norderney, ist außer Meer und Himmel nicht mehr viel zu beobachten, so dass Themen gerne von erfahrenen Küstenbewohnern dargeboten und vor allem von Touristen aufgegriffen werden, die von weit aus dem Binnenland angereist sind, um an der ostfriesischen Küste ihren Urlaub zu verbringen.
In einer der vorderen Reihen saß ein untersetzter Mann mit einer Sonnenbrille, die er bis auf die Haare hochgeschoben hatte und unterhielt die Fahrgäste links und rechts mit erlebten und erfundenen Anekdötchen. Dabei ließ er seine lebhaft funkelnden Augen unstet umherwandern, als wolle er nichts, aber auch nicht das kleinste Detail seiner Umgebung verpassen. Offensichtlich fühlte sich dieser gedrungene Endfünfziger als Mittelpunkt des Geschehens. Plötzlich rief er erregt: „Schaut mal da vorne!“ Seine ausgestreckte Hand wies in Richtung des Buges. Er hatte es so laut gerufen, dass jetzt auch der Kapitän aufmerksam wurde und über die Lautsprecheranlage die Information an die Fahrgäste lieferte: „Kaperschiff backbord voraus!“ Alles schaute in die angegebene Richtung. Das geschieht, in dem man dahin guckt, wo alle hingucken! Wer von den "Landratten" weiß denn schon, dass steuerbord in Fahrtrichtung rechts und backbord eben links liegt? Und „stürbord" besitzt ein "ü" und hat dem zu-folge eine grüne Positionsbeleuchtung, und auf der anderen Seite ist rot.
Es wird berichtet, dass der Kapitän eines Frachtschiffes über eine geheime Kassette verfügte, an die er keinen heran ließ, nicht einmal seinen ersten Offizier. Bei der Mannschaft hatte sich diese Tatsache längst herum gesprochen. Eines Tages, es war ein trauriger, wurde der Kapitän sehr krank und verstarb bald darauf. Kurz nach der Bestattung liefen die Offiziere in die Kapitänskajüte, um nach dem Kästchen zu forschen. Sie wollten das Geheimnis endlich lüften und öffneten es heimlich. In der Kassette lag ein Zettel, auf dem mit zittriger Handschrift geschrieben stand: "steuerbord ist rechts, backbord ist links".
Jedenfalls kam ihnen ein großer Dreimaster entgegen, der auf dem Großmast die Flagge der Seeräuber gehisst hatte: der Totenschädel über gekreuztem Knochenbein! Der Kapitän setzte ein akustisches Signal ab: einen durchdringenden, langgezogenen Bass - Ton. Dagegen mutet eine normale Autohupe wie das Zirpen einer Grille! Als die beiden Schiffe sich "auf gleicher Höhe" befanden, rief der besagte Herr mit der Sonnenbrille im Haar: „Da, schaut mal auf den Mastkorb! Mich laust der Affe! Da sitzt ein Schaf im Ausguck!“
„Wer diskutiert weiß nicht was er will“
Das Piratenschaf hatte es sich im Mastkorb der „Cara Mia“ bequem gemacht und spähte das Meer nach Schiffen ab. Es hatte seine schwarze Augenklappe etwas hochgeschoben, weil sie die freie Sicht doch etwas behinderte. Hornblewer, der Piratenkapitän mit dem Schleppsäbel am breiten Gurt, hatte einen neuen Kurs ausgegeben. Demnach sollte zunächst Emden angelaufen werden. Später sollte der Segler bei auflaufender Flut die Ems stromaufwärts bis nach Leer entweder per Windkraft oder Treidelschlepp gelangen und im Leeraner Hafenbecken festmachen. Leer, so wusste man auf dem Piratenschiff, ist eine Teestadt. Die „Cara Mia“ hatte 14 Kisten Darjeeling-Tee geladen, die man mit erheblichem Gewinn verkaufen wollte. In der letzten Mannschaftssitzung vor einigen Tagen hatte ein Neuanstrich des Schiffes auf der Tagesordnung gestanden. Der langsam abblätternde schwarze Anstrich war nicht mehr zeitgemäß, und es waren tolle Vorschläge aus den Reihen der Piraten gekommen.
„Schwarz macht den Leuten Angst“, hatte der Segelmacher Louis in die hitzige Debatte eingebracht. Der krummbeinige Pirat mit der flammend roten Narbe über seinem linken Jochbein galt in der Mannschaft als besonders fortschrittlich – fast progressiv. Wenn er ein Segel flickte, so gerieten die Flicken immer zu mehr oder weniger großen Herzen. So bestand das Großsegel am Vorschotmast eigentlich nur noch aus lauter weißen Herzen, die sich vor dem ockerfarbenen Segeltuch deutlich abhoben. In jedes Herz stickte Lois seine Initialen ein: L.B. Das stand für Louis Belsace. Der gelernte Segelmacher hatte einst an einem Patchwork-Kurs in Frankreich teilgenommen, einer besonderen Form der Flickenschneiderei, bevor er sich für die Piratenlaufbahn entschieden hatte. Ibrahim, der immer finster dreinblickende 1. Kanonier des Schiffes, hatte seinen schwarzen Wuschelkopf geschüttelt und sich dagegen ausgesprochen: „Da halte ich nicht viel von“, hatte er gemault, „wir verlieren an Ansehen und Gefährlichkeit. Ich bin weiterhin für schwarz!“ Er kam sich ohnehin ziemlich überflüssig vor, denn er konnte sich nicht daran erinnern, dass auch nur eine seiner ständig blank geputzten Kanonenkugeln gegen ein anderes Schiff zum Einsatz gekommen wäre. Wenn geschossen wurde, dann nur Salut, weil das 3/4 Vollschiff über kein Nebelhorn verfügte, mittels dessen man vorbeifahrenden Schiffen einen tüchtigen Schrecken einjagen konnte. Der Proviantmeister und Schiffskoch, Ten Brat, hatte sich für rote, gelbe und blaue Punkte auf weißem Grund entschieden. Er sah während der Überfahrten das Schiff ohnehin nur von innen, musste ständig mit Töpfen und Pfannen hantieren und hatte schon mehrmals darüber geklagt, dass ihm niemand beim Kartoffelschälen helfen wollte. Kartoffelschälen ist für einen Piraten undenkbar! Der Käpten musste sich jedes Mal etwas ausdenken, um zwei, drei Leute abzustellen, die dem Koch bei Verrichtungen in der Kombüse behilflich waren. Zum Beispiel ließ er die Mannschaft antreten und führte eine „Kleiderinspektion“ durch. Wem ein, zwei oder drei Knöpfe an Jacke, Hemd oder Hose fehlten, hatte sich für mehrere Tage für den Küchendienst qualifiziert, entsprechend der fehlenden Knöpfe. Ein anderes Mal hatte er gesagt: „Mal herhören, wer als erster „hier“ schreit, der….“ Weiter kam er nicht. Drei der Piraten hatten sofort „hier“ gebrüllt in der Erwartung, es gäbe eine Sonderration Rum. Doch der raffinierte Käpten beendete seinen angefangenen Satz mit: „Der hilft dem Koch beim Kartoffel-schälen“. Schon hatte er drei Rufer beim Wickel.
„Der Käpten ist ganz schön ausgebufft“, gab sich einer der „Freiwilligen“ geschlagen“. Die beiden anderen stimmten ihm zu: „Dem kommen wir nicht bei, deshalb ist er ja auch unser Boss!“ Rückblende
Der Versammlungsleiter - es handelte sich selbstverständlich um Käpten Hornblewer - klingelte mit einem Glöckchen. „Ruhe im Kabarett!“ rief er laut. Er meinte natürlich „Kabinett“, aber das fiel gar nicht weiter auf. Das Stimmengewirr verebbte: „Wer ist noch für rote, gelbe und blaue Punkte auf weißem Grund?“ Mit diesen Worten hob er selbst schon einmal die rechte Hand und blickte in die Runde. Der Segelmacher hob ebenfalls die rechte Hand und der Proviantmeister natürlich, kam doch der Vorschlag von ihm. „Na, was ist?“, rief Hornblewer, „oder muss ich Euch das erst noch einmal erklären?“ Nun wollte keiner der Anwesenden zugeben, dass man ihm einen feststehenden Sachverhalt erst noch erklären muss, und so hoben die restlichen Stimmberechtigten zögerlich nach und nach die Hände zur Zustimmung. „Einstimmig angenommen“, säuselte Hornblewer milde, „ich wusste doch, dass ich es hier mit intelligenten Köpfen zu tun habe“, lobte er seine Mannschaft. Und somit war es beschlossen.
„Ende der Sitzung nach 10 Glasen“, notierte er als Schriftführer in sein Sitzungsprotokoll. Zehn Glasen? Damit war wohl weniger die Uhrzeit gemeint als die Menge an Rum, die während der Sitzung durch die Kehlen der lieben Piraten geflossen war. Für den Ort des Geschehens fügte er hinzu: “Cara-Mia, 54 Grad 7 Minuten Nord, 28 Grad 22 Minuten West.“ Oder so! Jedenfalls war es spät geworden. Oder haben die Minuten hinter den Grad-zahlen eine andere Bedeutung?
„Schiff Steuerbord voraus“, rief Amos, das Piratenschaf, vom Mastkorb hinunter und blökte einige Male aufgeregt: „Ein rotes Teufelsding hüpft da auf uns zu!“ Hornblewer spähte durch sein messingfarbenes Fernrohr. „Verflixt und zugenäht“, rief er und zog sein Teleskop noch dichter an die Nase, „das sind ja zwei Schiffe in einem und ohne Segel!“ Gegen den Wind war dumpfes Grollen zu vernehmen, das mehr und mehr anschwoll! „Da hol mir doch einer die Großmutter aus dem Sack!“
Nun konnte es auch der Rudergänger mit bloßem Auge erkennen. „Alle Mann unter Deck!“, befahl der Piratenkapitän seiner Mannschaft! „Ich übernehme die Verhandlungen!“ Was er nicht wusste: das rote hüpfende Ding war ein Katamaran, der Fahrgäste zur Insel Helgoland und abends wieder in den Heimathafen brachte. Das Schiff schaffte mit seinen hunderten von Pferde-stärken locker 35 Knoten, selbst bei Wellengang und starkem Wind. Für den Piraten allerdings war es der Teufel höchst persönlich.
Der Rudergänger wollte sich auch verdrücken. „Du bleibst natürlich!“ befahl Hornblewer, „wer steuert sonst das Schiff, kapiert?“ Aber das rote Unding, welches direkt auf die „Cara Mia“ zuzurasen schien, machte gar keine Anstalten beizudrehen. Auf dem Oberdeck des Seglers öffnete sich eine Luke und das finstere Gesicht des 1. Kanoniers erschien in der Öffnung: „Eine Breitseite?“, rief er hoffnungsvoll zu seinem Kapitän herüber. „Alle Mann unter Deck!“ brüllte Hornblewer zum zweiten Male, „das gilt auch für Dich! Das Ding reitet der Teufel persönlich!“ Bevor er einen weiteren Fluch ausstoßen konnte, stob das rote Schiff mit den zwei Rümpfen auch schon in einer riesigen Gischtwolke unter infernalem Getöse backbords vorbei. Noch in der Vorbeifahrt ließ das „Teufelsding“ ein drohendes Tuten erschallen, so dass es den alten kampferprobten Piratenkapitän in den Pluderhosen schlottern ließ. Aus dem Mastkorb ertönte ein kräftiges Bööööh und noch eins. Wenig später verschwand das rote Schiff achteraus, eine mächtige Heckspur aus verquirltem Wasser hinter sich her ziehend. Es sah aus, als wenn die See kochte. Der Lärm schwoll langsam ab. Hornblewer atmete hörbar aus. „Na also“, dachte er, „der Teufel kann uns gar nichts!“ Sofort hatte sein Gemütszustand „Oberwasser“. „Alle Mann an Deck“, schrie er, „hopp, hopp, hopp, ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf! Wo kein Eis liegt darf gerannt werden!“ Als sich die Mannschaft auf dem Vordeck versammelt hatte, setzte Hornblewer zu einer seiner triumphschwangeren Reden an: „Seht ihr, Männer“, begann er in weltmännischer Selbstüberschätzung, „außer mir ist Amos, unser geliebtes Piratenschaf (Hornblewers Kuscheltierchen), so ziemlich das einzige Lebewesen an Bord, das die Situation richtig eingeschätzt hat“, und an den Kanonier gewandt mahnte er: „du kannst den Teufel nicht erschießen, auch nicht mit einer Breitseite! Bevor du auch nur eine einzige Kugel aus dem Rohr hast, ist er dir aufs Kajütendach gesprungen und saust mit Dir in den Höllenschlund. Aber wenn du ihm die Stirn bietest und keine Furcht zeigst, dann wendet er sich ab. Ihr habt das alle gehört!“
Die Piraten begannen zu klatschen und ließen ihren Anführer hochleben: „Ein dreifach Hoch auf unseren Käpten!“, rief einer von ihnen. Hornblewer fühlte sich geschmeichelt: „Eine Sonderration Rum für alle“, rief er seinem Proviantmeister und Koch zu. Amos fragte aus seinem Mastkorb hinunter: „Für mich Kakao?“
Als Hornblewer zum Mast hochschaute, zwinkerte ihm Amos ein Auge zu. Hornblewer schmunzelte: “Für dich wie immer Kakao!“ „Kurs Emden“, befahl er seinem Rudergänger und verschwand in seiner Kapitänskajüte, um auf der entsprechenden Seekarte „ein Besteck“ zu nehmen. „Aye, aye, Sir“, rief der Rudergänger, „Kurs Emden liegt an, sobald ich Gabel und Löffel kriege!“
Der Bootsmann sah mit Besorgnis, dass die Ems schmaler wurde, nachdem sie Emden passiert hatten. Er teilte dies seinem Kapitän mit, der sich mit einer Buddel Rum in seiner Kajüte verbarrikadiert hatte. „Was gibt’s, Boot?“, fragte Hornblewer, der sich gestört fühlte. „Der Fluss wird schmaler und schmaler, ich rate zum Treideln“, antwortete dieser schnell. „Nu mach Dir mal nichts ins Beinkleid! Und treideln (ein Schiff vom Ufer aus mit Tauen ziehen) geht doch hier gar nicht. Siehst Du denn das Schilf nicht am Ufer?“ Der Bootsmann lief im Gesicht rot an: „Ich dachte nur…“ Hornblewer hieb einen Schwinger durch die Luft. Der Gescholtene konnte sich gerade noch darunter wegducken. „Mach zwei Rettungsboote klar, Dummdödel“, brüllte der Piratenkapitän. Wo hast Du Dein Patent gemacht, auf einer Delphinschule?“ „Aye aye, Sir“, beeilte sich „Boot“ dem Befehl nachzukommen. Er drehte sich um und rannte aufs Oberdeck. „Alle mal herhören“, brüllte er, „ zwei Beiboote klarmachen. Vorher holt ihr die Segel ein. Jetzt wird die Cara Mia gezogen wie ein Walfänger bei Flaute!“ Je sechs Männer aus der Mannschaft besetzten ein Beiboot und begannen zu pullen, nachdem sie die Bark ins Schlepp genommen hatten. Zu allem Überfluss ordnete „Boot“ auch noch Gesang an. Der geschätzte Leser kennt das Matrosenlied bestimmt, denn es wurde auf jedem Segler gesungen, der sich auf Kaperfahrt befand: „Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, johoho – und ne Buddel voll Rum“. Dann kam die zweite Strophe: „Vierzehn Mann auf …..“. So ging das weiter, bis nur noch einer übrig blieb. Zum Schluss blieb nur noch der Sarg übrig und eine leere Schnapsflasche, die über das Deck kollerte.
Man kam nur langsam von der Stelle. Den ganzen Tag lang wurde gerudert und gepullt, dann wieder gepullt und gerudert, was ziemlich auf dasselbe hinausläuft, denn da gibt es keinen Unterschied, nur eben seemännisch, schließlich befand man sich nicht auf dem „Ratzeburger Achter“ mit Steuermann. Das ging so drei Tage. Nur nachts wurde geankert und nicht dort, wo ankern verboten ist.
Am dritten Tag passierten sie die große Brücke, die über die Ems führte. Eingeweihte wissen natürlich, dass es sich um die Jan Berghaus-Brücke handelt, die ständig in Reparatur ist. Die Piraten staunten nicht schlecht, als sich selbige wie von Geisterhand nach oben öffnete. Fluchend zerrten zwölf Mann an den Riemen. Endlich hatten sie die Durchfahrt passiert, da gab es schon wieder ein Problem. Keiner von ihnen hatte je eine Schleuse gesehen. So zogen sie die Cara Mia in den Schleusenbereich. Da kam schon ein Hafenmeister angerannt und wollte wissen, ob ein Spielfilm hier gedreht würde. Man habe ihn nicht in Kenntnis gesetzt. Wie sich herausstellte, handelte es sich jedoch um den Schleusenwärter, der wissen wollte, wer die Angelegenheit finanziell regeln wolle. Als Hornblewer mit seinem Dreispitz und dem Schleppsäbel angetrudelt kam und eine Meldung verlangte, brach der Schleusenangestellte in schallendes Gelächter aus. „Das klären Sie bitte mit der Hafenverwaltung, Euer Merkwürden, wenn es beliebt.“ Hornblewer lächelte mild. „Das verrechnen wir mit den 14 Kisten Darjeeling Tee, die ich mitgebracht habe. Den zweiten Ärger gab es, als Hornblewer die Cara Mia längsseits am rechten Hafenbecken anlegen und vertäuen ließ.
„Nee nee, nee, so geit dat nich“, zeterte der Hafenmeister los! „Wat wull jou,?“ Irgendwie war die Sensation perfekt. Es konnte nicht lange dauern, bis die Presse davon erfuhr. Es war ja auch möglich, dass dieses Ereignis eine Showeinlage des örtlichen Heimatvereins war. Vorsicht war geboten. Niemand wollte sich blamieren. Und genau das kam dem Piratenkapitän und seiner Mannschaft zugute.
Landratten an Bord
Die Formalitäten waren schnell erledigt. Der Käpten musste in der Hafenmeisterei ein paar Formulare ausfüllen. Die Totenkopfflagge sollte er vom Mast nehmen lassen und am Heck die deutsche Flagge zeigen. Schließlich war man in einem deutschen Hafen. Am Großmast ließ er den Union Jack hissen, die englische Nationalflagge. Nun wollte man auch wissen, wer der Reeder sei, dem das Schiff gehört. Hornblewer konterte sofort mit dem Satz: „Mein Schiff hat keine Räder!“ Nun gut, Missverständnisse sind dazu da, dass sie geklärt werden. Als Heimathafen gab Hornblewer die Galapagos-Inseln an, weil er dort die Vogelkacke (Salpeter) für sein Schießpulver kratzen ließ. Der Sachbearbeiter schaute in seinem dicken Buch nach: „Da gibt es gar keinen Hafen“, sagte er achselzuckend! Das war wohl Ihr Seeräuberversteck im Pazifik?“ „Dann möge er Bristol als Heimathafen eintragen!“ Für Hornblewer war der Fall erledigt. Dann nannte ihm der Angestellte die Liegegebühr, die im Voraus zu entrichten sei. Der Piratenkapitän knurrte etwas in seinen Bart, was sich anhörte wie „wir haben alle Währungen an Bord und 14 Kisten Tee. Die will ich hier in Leer verkaufen.“ Dass der Tee zweihundert Jahre alt war, wusste Hornblewer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er musste sich über die Kleidung der Leute allerdings sehr wundern.
Das Erscheinen des großen Segelschiffes hatte sich wie ein Lauffeuer in Leer herumgesprochen. „Eine Piratenmannschaft sei gelandet“, wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Wahrscheinlich Statisten für den neuesten Ostfriesen-Krimi! Jedenfalls hatte Hornblewer die Order ausgegeben, dass man Landratten das Schiff zeigen wolle und sich die Mannschaft entsprechend kleiden und benehmen solle. Es war klar, dass man sich einen entsprechenden Gewinn davon versprach. Er ließ ausgerechnet Amos den Text formulieren: „Schiffsbesichtigung 5 Taler, Kinder die Hälfte! Der Zimmermann hatte das Schild zu liefern, der
Segelmacher musste schreiben. Sie hatten das Schild gerade am Steg angebracht, da stürmten auch schon Presseleute herbei: „Leeraner Tageblatt“, „Pantinen-Rundschau“, „Ostfriesenzeitung“ sowie diverse Werbeblättchen: Alle wollte ihre Story haben, jeder Reporter wollte der erste sein. Hornblewer stellte sich in Positur, neben ihm das Wollknäuel, Amos. „Ich stelle Euch hier Amos vor, unser Piratenschaf“. Amos hatte eine Augenklappe am Kopf und blinzelte darunter listig hervor. „Wir haben Amos als einziges sprechendes Schaf der Welt in unserer Mannschaft. „Ha ha“, lachten die Journalisten! „Da soll es doch mal guten Tag sagen!“ „Böööh“, machte Amos, „wenn es mehr nicht ist!“ „Ha ha ha,“ lachte ein Reporter, „der Kapitän kann bauchreden!“ „Waaas“, schrie Amos, „wer redet denn für dich?“ Allmählich wurde den Journalisten klar, dass hier offensichtlich nicht getrickst wurde. Nun wurden den Gästen alle Räume des Schiffes gezeigt. Zwei Piraten mit Krummsäbeln im Gürtel bewachten zwei große Kisten, deren Deckel geöffnet waren: „Gold- und Silbermünzen aus aller Herren Länder“, prahlte der Kapitän, der sich mit Schaftstiefeln, einer roten Bauchbinde und einem Dreispitz den Zuschauern präsentierte. Ein Schleppsäbel am Gurt vervollständigte seine Kleidung.
Wie viele Sprachen er beherrsche, wurde er gefragt. Hornblewer überlegte kurz und zählte an seinen Fingern: „So acht oder neun“, maulte er, „mit Latein natürlich!“ So ein Angeber! Das war sehr peinlich. Er setzte noch einen drauf: „Ich habe natürlich das große Latrinum!“ Die Zeitungsleute drehten sich zur Seite und verbargen ihre Lachanfälle hinter angewinkelten Armen, die sie vor das Gesicht hielten. Nicht auszudenken, wenn der Piratenkapitän mit dem Säbel auf sie losging.
Die Mannschaft schlief in Hängematten, nur der Kapitän hatte ein richtiges Bett. Stolz präsentierte er die Kapitänskajüte mit dem Kapitänsstuhl und dem Schreibtisch.
Ibrahim, der Kanonier, zeigte die Geschütze, dunkle Rohre auf Lafetten. „Das sind englische Achtpfünder“, verkündete er jedem, der es wissen wollte. „In die Pulverkammer darf ich niemanden lassen“, gab er kleinlaut zu, „damit das Schiff nicht in die Luft fliegt, wenn einer von euch raucht! Das Pulver wird zwar in Fässern gelagert, aber sicher ist sicher!“.
Unter Deck musste man den Kopf einziehen. Die Menschen heutzutage sind größer als vor zweihundert Jahren. Nun wollten die Besucher wissen, wann die Mannschaft das letzte Schiff gekapert und dessen Ladung an sich gebracht hatte? „Das ist natürlich ein Betriebsgeheimnis“, redete sich Hornblewer heraus. Dabei wusste er genau, dass sie niemals einen Schuss abgegeben hatten, außer zum Salut. Wenn sich ein Schiff dabei ergeben hatte und ihm das Schiff überlassen wurde, ja dafür könne er doch nun wirklich nichts! Aha! Es kam für den Piratenkapitän ziemlich übel, als unbequeme Fragen in Person eines Handelsschiff – Kapitäns an ihn gerichtet wurden. Der wollte nämlich wissen, weshalb an der Stelle des vierten Mastes ein Stumpf aus dem Oberdeck ragte? „Der ist abgefault“, äußerte Hornblewer, „wir mussten ihn kappen.“
„Ist das Schiff nun eine Bark oder ein Vollschiff?“ „Es war eine Bark, denn der letzte Mast trug ein Schratsegel, wie es an Besanmasten verwendet wird. Da der letzte Mast jetzt fehlt, führen wir es als ein Dreiundeinhalb-Vollschiff. Immerhin machen wir vor dem Wind 15 Knoten!“
Der Kapitänskollege erwiderte nur: „Ogottogottogott:“ Das erinnerte ihn an den Bahnsteig neuneinhalb in einem Harry - Potter- Film, oder war es zehneinhalb? Achteinhalb?
Irgendwann am späten Nachmittag verließen die letzten Besucher den Piratensegler. Es war Teetied, höchste Zeit nach Hause zu eilen und den Treckpott (Teekessel) anzuheizen.
Vogelkacke im Schießpulver
