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Dieter Frei ist ein Außenseiter und mit seinem Leben unzufrieden. Seine Ehe mit der sportlichen Ärztin Claudette steckt in einer schweren Krise. Beruflich befindet er sich auf dem Abstellgleis. Es fehlt ihm an Energie und Ehrgeiz seinem Leben eine Wende zu geben Nach einem Fahrradunfall hat er eine Vision. Er sieht sich auf einem elektrischen Fahrrad mit einem Campinganhänger. Sein Leben gerät endgültig aus dem Fugen, als er in eine selbstverschuldete berufliche Krise stürzt und seine Frau beim Ehebruch ertappt
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Uwe Hammer
Amsterdam
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Aufstehen
Die Tour beginnt
Der Unfall
Im Krankenhaus
Auf dem Weg zur Arbeit
Die Präsentation
Spaghetti Bolognese
Die Schrottkarre
Claudette
Matthias
Das Kennenlernen
Beim Bier
Der Traum
Die Flucht
Georg von Frundsberg
Der Plan
Ja, aber
Muhammet Yildirim
Das erste Date
Brotzeit
Bräustüberl
Die Unterlagen
Wieder im Krankenhaus
Dieter
PKK und RAF
750 Watt
Starnberg
Das große Meeting
Der Türke
Das Angebot
Die Übergabe
Zwei Gleichgesinnte
Amsterdam
Der Engel
Die Tour beginnt
Veronika und Stefan
Zwei Flaschen Bier
Der zweite Tag
OMA
Der Überfall
Weg von zu Hause
Die Kontrolle
Der viert Tag
Der Psychiater
Was geschah wirklich?
Max und Moritz
Der fünfte Tag
Das zweite Rendezvous
Der sechste Tag
Der siebte Tag
Wieder zu Hause
Der Brief
Fußball
Ruud
Ferrari SP 12 EC
Die Hochzeit
Amsterdam
Vater ist tot
Die Rückfahrt
Beerdigungsinstitut Pietät
Kopi Luwak
Er grinst
Der Kampf
Das Testament
Alles nur Geld
Die Beerdigung
Gindelalm
Impressum neobooks
Dieter Frei ist ein Außenseiter und mit seinem Leben unzufrieden. Seine Ehe mit der sportlichen Ärztin Claudette steckt in einer schweren Krise. Beruflich befindet er sich auf dem Abstellgleis. Es fehlt ihm an Energie und Ehrgeiz seinem Leben eine Wende zu geben Nach einem Fahrradunfall hat er eine Vision. Er sieht sich auf einem elektrischen Fahrrad mit einem Campinganhänger. Sein Leben gerät endgültig aus dem Fugen, als er in eine selbstverschuldete berufliche Krise stürzt und seine Frau beim Ehebruch ertappt
Unruhig wälzte sich Dieter in seinem Bett. Durch den nicht ganz geschlossenen Rollladen drang Sonnenlicht und tauchte das Schlafzimmer in ein fahles, ungleichmäßiges Licht, wie durch viele kleine Taschenlampen, die mit kleinen Lichtkegeln einzelne Flecken des Raumes beleuchten, und den restlichen Raum zu ignorieren scheinen. Noch schlief Dieter den Schlaf der Gerechten, oder vielleicht eher den Schlaf der Vergessenen, der Ahnungslosen, der Zurückgelassenen, der Illusionslosen, den Schlaf derer, die das Leben nicht mehr überraschen kann, vielleicht, weil es sie noch nie wirklich überrascht hat, weil es so verdammt berechenbar ist.
Selbst seine Träume sind langweilig, so langweilig, dass er sich nur ganz selten an sie erinnern kann. Kein Traum, von einem wilden Abenteuer mit einer rassigen Frau, die einzige Frau, die gelegentlich in einen seiner Träume vorkommt ist seine eigne, wie sie eine Peitsche schwingt, aber nicht etwa, in sexuell animierter Absicht, was ja immerhin so eine Art erotischen Abenteuer darstellen würde, wenn auch mit der eigenen Frau. Nein sie schwingt die Peitsche begleitet mit einem hämischen Lachen, wie man es eher aus schlechten Horrorfilmen kennt, um ihn zu mehr Geschwindigkeit anzuspornen. Aber egal wie sehr er sich beeilte, er konnte ihren Ansprüchen nie gerecht werden.
Obwohl es nur ein Traum, bei genauerer Betrachtung eigentlich ein Alptraum war, traf es die Realität doch recht gut. Immer war er zu langsam, egal was er tat, für seine Frau war es zu langsam, abgesehen von den seltenen Versuchen seine eheliche Pflicht zu erfüllen, da ging es ihr ausnahmsweise meist zu schnell. Ansonsten versuchte sie immer ihn zu mehr Tempo zu bewegen, und wenn sie es einmal nicht tat, spürte er, wie es in ihr brodelte, wie sie sich zusammenreißen musste, um ihn nicht zu mehr Tempo zu drängen. Er war sich nicht sicher, ob ihr ewiges Drängeln oder ihr nicht zu übersehende innere Angespanntheit, beim Versuche das Bedürfnis zu drängen zu unterdrücken belastender für ihn war. Doch dieser sich hin und wieder wiederholende Alptraum war nicht der Grund seine Unruhe, er hatte sich schon so an diesen Traum gewöhnt, dass er ihn nicht wirklich beunruhigte. Beunruhigend waren die vielen kleine Taschenlampen, die auf sein Schlafzimmer gerichtet waren.
Und eine dieser nervenden Taschenlampen, war genau auf seine Augen gerichtet. Obwohl er schlief, und seine Augen fest geschlossen waren, spürte er instinktiv, das helle Licht, an einem Morgen, insbesondere wenn es sich um einen Sonntagmorgen handeltet, in der Regel nichts Gutes für ihn bedeuten sollte. Unbemerkt von Dieter betrat dessen Frau Claudette Maria Karlmann Frei, von Dieter gerne scherzhaft Klosett genannt, der diese Bezeichnung wohl nur deshalb so liebt, weil Claudette sie so hasste, das Schlafzimmer, indem sie die Türklinke fast zärtlich, mit äußerster Vorsicht nach unten drückt, in der Absicht Dieter nicht in seinem verdienten Schlaf zu stören.
Jedenfalls noch nicht. Ihr Plan bestand vielmehr darin, Dieter durch ein ruckartiges Hochziehen des Rollladens, wobei sie sorgfältig drauf achten würde, kurz vor dem Erreichen des Endanschlages die maximale Geschwindigkeit zu erreichen, förmlich aus dem Schlaf zu torpedieren. Wenn dieser faule Sack glaubte, es könne sich wieder aus ihrer gemeinsam verabredeten Fahrradtour heraus mogeln, indem er ihr wieder einmal vorzumachen versuchte, er fühle sich nicht so recht, dann hat er sich aber gewaltig in den Finger geschnitten. Claudette verspürt bereits jetzt eine gehörige Portion Wut in sich aufbrodeln, obwohl ihr Mann noch friedlich vor sich hinschlummerte. Aber sie kannte ihn nur zu gut. Auch wenn sie gestern Abend wirklich erstaunt war, dass Dieter völlig unverhofft vorgeschlagen hat, am nächsten Morgen, vorausgesetzt des Wetter passt, mit ihr eine Tour auf die Gindelalm zu machte. Obwohl er diese Tour haste, weil der Weg einfach zu steil war für ihn, und weil er einfach zu faul war und weil er einfach zu fett war, wobei bei ihm beides eine perfekte Metamorphose einging.
Mit einem Gefühl der Vorfreude ergriff Claudette das Rollladenband, ging den Ablauf der geplanten Aktion nochmal vor ihrem geistigen Auge durch, konzentrierte sich völlig auf ihre innere Mitte, um alle in ihrem Körper vorhandenen Kräfte auf ihr Vorhaben zu fokussieren, atmete noch einmal tief ein, und riss ihren gut trainierten rechten Arm, dessen Hand den Rollladengurt genau dort wo er auf der Wand kommt fest umschließt, mit einen Ruck nach unten, sodass der Rollladen, mit einem jähen Aufschrei nach oben katapultiert wurde, um schließlich mit einem fast explosionsartigen Knall an seine Endanschlägen zu donnern, welche bei dieser Gelegenheit aus Ihren Verankerungen gerissen wurden, und daher nicht in der Lage waren, die Bewegung des Rollladens zu stoppen, wodurch dieser fast beleidigt, komplett in der Wand verschwand .Der durch diese Aktion erzeugte infernalische Lärm, entfaltete die von Claudette erhoffte Wirkung zu derer äußersten Befriedigung, dass der in ihr aufkommende Ärger über die Zerstörung der Rollladens bereits besänftigt wurde.
Dieter stand beinahe augenblicklich schnurgerade vor seinem Bett, und schaute seiner Frau mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen in das mit Schadenfreude erfüllte Gesicht. Es dauerte einige Sekunden, bis Dieter in Lage war auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen. Sein innerhalb von Bruchteilen von Sekunden von 60 auf 130 hochgeschossener Puls, war deutlich an seiner Halsschlagader abzulesen. Mit immer noch zittriger Stimme versuchte er seine Frau anzuschreien.
„Sag mal, bist Du noch ganz dicht, willst Du mich umbringe?“
Die noch in ihm schlummernde Müdigkeit gepaart mit dem fast lähmenden Schrecken ließ jedoch nur ein leises fast piepsiges Stimmchen zu. Claudette grinste noch immer über das ganze Gesicht.
„Wäre eine Überlegung wert, aber dann würde ich mir eine leisere Methode aussuchen, muss ja nicht die ganze Nachbarschaft mitbekommen. “
Mit etwas ernsterem Gesicht wechselt sie das Thema.
„Du weißt schon, was wir gestern vereinbart haben?“
Dieter setzt einen bewusst verdutzten Gesichtsausdruck auf und versucht seiner Stimme einen fast hilflosen, unwissenden Unterton mit leichtem Hang zum naiven zu verleihen
„Ausgemacht? Da musst Du mithelfen“
Sofort spürte Claudette wie Wut in ihr hochzusteigen begann, genähert von vielen Jahren Erfahrung die sie unfreiwillig in all den Jahren ihrer Ehe mit Dieter gesammelt hatte. Sie wusste genau, was jetzt kommen würde, wusste, dass Dieter erst den unwissenden, überraschten spiele wird, um anschließend mit irgendeiner Ausrede zu kommen, um ihr weis zu machen, dass er heute einfach nicht in der Lage sei, die vereinbarte Radtour zu machen. Sicherlich, seine Ausreden waren durchaus abwechslungsreich, zeigen Fantasie, die Dieter ansonsten nur recht selten an den Tag legte, dennoch waren ihr diese Versuche sich herauszuwinden ein Gräuel.
Ohne wirklich verhindern zu können, dass in ihrer Stimme eine gewisse Aggression unüberhörbar war, antwortete Claudette.
„Tu nicht so als wüsstest Du nicht um was es geht, du weißt genau, dass Du mir versprochen hast, mit mir auf die Gindelalm zu fahren“
„Jetzt wo du es sagst, fällt es mir wieder ein“, gab Dieter eher kleinlaut zurück.
Er kannte seine Frau nur zu gut, um nicht zu wissen, dass er aus dieser Nummer nicht rauskam, ohne einen riesigen Streit zu riskieren. Er könnte sich ohrfeigen für seine Dummheit, aber noch mehr könnte er den Idioten vom Wetterbericht in den Arsch treten. Deren äußerst negative Wettervorhersage hat ihn doch dazu verleitet, seiner Frau vorzumachen, er würde sich auf dieses verhasste Fahrrad setzen um mit ihr diesen noch viel mehr verhassten Berg hochzuradeln. War da nicht die Rede davon, dass über Nacht Regenwolken aufziehen, und es den ganzen Sonntag regnen würde.
Dieter liebte verregnete Sonntage, an denen er faul auf der Couch herumlungern konnte, ohne dass seine Frau auf die Idee kam irgendwelche völlig sinnlosen sportlichen Aktionen im Freien zu veranstalten. Er wollte mal wieder besonders schlau sein, guten Willen zeigen, und jetzt hängt er hilflos wie ein halbes Schwein im Kühlhaus in seiner ach so genialen Idee. Dieser verdammte Himmel war strahlend blau, und nicht die Spur einer rettenden Wolke war zu erkennen. Schon im umdrehen sagt Claudette mit einer triumphierenden Stimme:
„Dann ist ja gut, am besten Du machst Dich gleich geh bereit.“
Bei dem Gedanken, sich auf diesem Fahrrad diesen Berg hochzuquälen, wurde es Dieter regelrecht übel, und das nicht zu Uunrecht. Bei seinem letzten Versuch musste er sich dermaßen verausgaben, dass er mitten auf den Weg gekotzt hat, selbstverständlich unter Beobachtung von allerlei durchaus sportbegeisterten Passanten, die wie seine Frau zu den wahnsinnigen zählen, die diesen Berg öfters und im Gegensatz zu ihm durchaus freiwillig hoch radelten, und natürlich seiner Frau größtenteils bekannt waren. Man kennt sich eben in diesen Kreisen. Fast als hätte sie seine Gedanken verfolgt rief seine Frau mit einem leicht gehässigen Unterton aus dem Schlafzimmer.
„Und vergiss die Kotzbeutel nicht.“
Dieter ersparte es sich, auf diese Bemerkung zu reagieren. Sport, aus Dieters Sicht eine Erfindung, deren einziger Sinn darin lag ihn zu Quälen. Wie sehr beneidete er seine Eltern in der guten alten Zeit, wo der normale gutbürgerliche Mensch niemals auf die Idee gekommen wäre, nur so aus Spaß sich in absolut lächerlicher Bekleidung auf eine Fahrrad zu setzen um einen Berg damit hochzuradeln, dessen Daseinsberechtigung einzig und allein darin bestand ruhig in der Gegend herum zu stehen und schön auszusehen. Er wurde mit Sicherheit nicht als Folterinstrument geschaffen. Schon als Kind, war Sport etwas, was er hasste.
Der Sportunterricht an sich war schon eine Qual, und nicht selten Anlass für seine Mitschüler sich über ihn lustig zu machen. Aber am meisten hasste er Fußball, und vor allem, den unglücklichen Umstand, dass vor dem Spiel immer zwei seiner Klassenkameraden die Spieler der einzelnen Mannschaften wählen durften. Selbstverständlich wies der Sportlehrer Herr Humboldt, (Dieter wunderte sich, dass er sich ausgerechnet an dessen Name noch erinnern konnte) dieses Privileg immer den Schülern zu, deren sportliche Leistungen seiner Vorstellung entsprachen. Dieter zählte nun ganz gewiss nicht zu dieser Spezies.
Traditionell lief eine solche Wahl, welche nach Dieters Auffassung gegen die im Grundgesetz verankerte Unantastbarkeit der menschlichen Würde verstieß, in der Form ab, dass die beiden Wahlberechtigten nacheinander einzelne Spieler auswählten, wobei selbstverständlich die Spieler welche das Fußballspiel am besten beherrschen als erstes gewählt wurden. In der Regel standen zu Schluss nur noch zwei Schüler zur Auswahl, er und Jochen, Pest oder Cholera.
Zu Beginn wurde Dieter immer vor Jochen gewählt, was ihm zumindest ein wenig des Gefühl gab, kein völliger Versager zu sein. Doch eines Tages bemerkten seine Klassenkameraden, dass Jochen allein aufgrund seiner Körperfülle um nicht zu sagen seiner Fettleibigkeit, gar keinen schon schlechten Torwart abgab, was allein der Tatsache geschuldet war, dass sein Körper einen Großteil des Tores abdeckte. Dieter konnte sich nicht erinnern, von Jochen jemals eine Bewegung gesehen zu haben, die die Absicht erkennen ließ, einen aufs Tor zufliegenden Ball abzuwehren. Nichts desto trotz galt Jochen plötzlich als akzeptabler Torwart, und wurde von diesem Zeitpunkt immer vor ihm gewählt. Dieter war endgültig am untersten Ende der Nahrungskette angekommen.
Ein wie so oft mit einem genervten Ton unterlegter Ruf seiner Frau riss Dieter aus seinen eher unangenehmen Erinnerungen.
„Wo bleibst Du denn, wir wollen los? „
Wobei sich das wie in diesem Fall ausschließlich auf ihre Person bezog.
„Ich wollte nur noch etwas frühstücken“ gab Dieter eher kleinlaut zu Antwort.
„Ach was, das kotzt du eh nur wieder raus“, gab seine Frau sichtlich amüsiert zur Antwort.
„Essen kannst Du bei Georg, wenn wir angekommen sind“.
Ohne Widerworte zu geben begab sich Dieter ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Claudette stand bereits fertig bekleidet in Flur. Sie hatte tatsächlich wieder diese abgrundtief hässlichen Fahrradklamotten an. Ausgerechnet seine Frau, die immer peinlich genau darauf achtet, adrett angezogen zu sein, die selbst zum Mülleimer raus bringen niemals ungeschminkt gehen würde, zieht ganz selbstverständlich zum Fahrradfahren diese Klamotten an. In denen sie aussah wie ein Clown in Unterwäsche. Man konnte ja über Claudette sagen was man wollte, aber sie war eine gutaussehende Frau, mit einer sportliche Figur und vor aller einem sehr wohlgeformten Hintern.
Diese Radlerhosen jedoch verliehen ihrem Hintern die Form einer überdimensionalen Birne, und zu allem Überfluss steckte sie ihr knallgelbes Trikot auch noch in die Hose, um diesen Anblick noch zu untermauern. Dieter nahm eine seiner kurzen Hosen und ein T-Shirt aus dem Schrank, und zog seine inzwischen wahrscheinlich schon 5 Jahre alten Sportschuhe an, was seine Frau zum erstaunten Ausruf
„Willst Du etwa so Fahrradfahren? “ verleitete.
„Zu Thema Outfit solltest Du besser nichts sagen“ gab Dieter mit einem aggressiven Unterton zur Antwort.
Zehn Minuten später saßen beide auf dem Fahrrad und radelten von Miesbach aus Richtung Hausham. In einem Anflug von Sportlerwahn hatte sich Dieter vor knapp einem Jahr eines dieser sündhaft teuren Superräder geleistet. Eigentlich wollte er ja ein E-Bike kaufen, aber Claudette war strikt dagegen, sie hielt es für peinlich und seinem Alten nicht angemessen, wobei sie zugab, dass wenn man seine sportliche Fitness und seine von Freude am Essen geprägte Figur als Maßstab heranzog, der Kauf eventuell doch in Betracht gezogen werden könnte.
Also kaufte er ein Hightech Carbonrad, mit allem was gut und teuer ist, und gewann im Fahrradhändler einen neuen Freund. Seltsamerweise, wird ein solches Fahrrad umso teurer je wenig dran ist. Das neue Fahrrad war um fast 5kg leichter als sein altes, und der Fahrradhändler versuchte ihm weiszumachen, dass er nun erheblich leichter der Berg hochkommen würde.
Bereits bei der ersten noch äußerst optimistisch begonnenen Tour musste Dieter jedoch feststellen, dass die Gewichtsreduzierung von 5kg im Bezug auf die Gesamtmasse, welche sich nun mal aus der Masse des Fahrrades und seiner eigenen, in diesem System maßgebenden Masse ergab, eher marginal war, und somit das Berg auffahren nicht wirklich erleichtert wurde. Subjektiv betrachtet waren Dieter und sein neues Rad kein wirklich harmonisches Gespann, sie passten von ihrem Wesen her einfach nicht zusammen. Und so fühlte sich Dieter auf seinem Rad auch eher wie ein Fremdkörper.
Zu Beginn war die Fahrt noch recht angenehm, da der Weg recht flach verlief und daher selbst für Dieter leicht zu bewältigen war. Aber Dieter wusste aus bitterer Erfahrung, dass das Grauen nicht mehr lange auf sich warten ließ. Bereits kurz nachdem sie auf die Fahrräder gestiegen waren, bemerkte Dieter, das Aufkommen einer leichten Bewölkung, wagte es aber nicht Claudette einen Abbruch der gerade begonnen Radtour vorzuschlagen. Jetzt wo sie in Hausham angekommen waren, war die Bewölkung bereits deutlich dichter.
Claudette betrachtet den Himmel, sah aber keinen Grund irgendetwas diesbezüglich zu erwähnen, so dass Dieter die kurzfristig aufkeimende Hoffnung, Claudette könnte von selbst auf die Idee kommen, die Tour vor Erreichen der ersten Steigung abzubrechen, unverzüglich zu Grabe tragen musste. Jetzt geht es also los, dachte Dieter, als sich die erste Steigung fast schon provokativ vor ihm auftat. Nur nicht zu schnell fahren immer langsam und gleichmäßig treten, versuchte Dieter sich selbst Mut zu zusprechen.
Bereits nach wenigen Minuten begannen seine Oberschenkel zu brennen als wären sie mit lauter kleinen spitzen Nadeln gespickte, die sich bei jeder Bewegung in seinen Muskel bohrten. Sein Puls hatte die magische Grenze von 190 bereits erreicht und Dieter wusste, dass er diesen Bereich in der nächsten Stunde höchstwahrscheinlich nicht wieder verlassen würde, würde der Tod nicht Erbarmen mit ihm haben. Dieters Blick galt nur noch dem Weg direkt vor ihm. Er hatte es sich abgewöhnt, die Straße weiter nach vorne zu schauen, da ihm der Anblick der nicht enden wollenden Steigung die letzte Kraft zu nehmen schien.
Als noch schlimmer empfand er es, wenn die Straße einen Bogen machte, da dann in ihm die Hoffnung keimte, dass die Steigung nach dem Bogen endlich vorbei sein könnte. Umso größer war der Frust, wenn er um die Biegung herumgefahren war und dann feststellte, dass diese verdammte Steigung mit Nichten zu Ende war und es wahrscheinlich niemals sein würde. Dieter war dermaßen darauf konzentriert alle sich irgendwo in seinem Körper versteckten Kraftreserven aufzuspüren, dass er nicht bemerkte, dass sich gefährlich dunkle Wolken über ihm zusammengerafft hatten. Erst als der Wind, welcher ihm natürlich genau entgegen blies, und somit den Anstieg um noch ein paar Prozent steiler werden ließ, kräftig auffrischte, hob Dieter etwas den Kopf, und realisierte, dass sich über ihm ein kräftiges Unwetter zusammenbraute.
Claudette hatte sich wie gewöhnlich von ihm abgesetzt, und war so weit vorausgefahren, dass Dieter sie längst aus dem Blick verloren hatte. Instinktiv, versuchte Dieter sein Tempo zu erhöhen, musste jedoch bereits nach kurzer Zeit feststellen, dass seine körperliche Verfassung eine Tempoerhöhung einfach nicht zu lies. Noch während Dieter sich die Hoffnung einzureden versuchte, dass er die Gindelalm eventuell noch vor Einsetzen des Regens erreichen könnte, wurde er bereits von den ersten dicken Regentropfen getroffen. Innerhalb weniger Sekunden begann es der Art zu regnen, dass Dieter kaum 10 Meter weit sehen konnte, bereits eine Minute später war Dieter nass bis auf die Haut.
Mehr noch als über den Regen an sich, ärgerte Dieter sich über dessen verspätetes Einsetzen, hätte es nur eine Stunde früher angefangen zu regnen, säße Dieter jetzt gemütlich auf seinem Faulenzersofa, das aufgrund der reichlichen Gebrauchs schon deutliche Abnutzungsspuren aufwies, und könnte sich den Regen gemütlich von seinem warmen Wohnzimmer ansehen. Diese Vollpfosten vom Wetterbericht lagen nicht prinzipiell daneben, ihrer Vorhersage traf leider nur etwas zu spät ein, ein Sachverhalt der Dieters Laune nicht wirklich besserte. Plötzlich fühlte sich Dieter unermesslich einsam, nur er, der Regen und diese verdammte nicht enden wollende Steigung. Dieter spürte seine Beine nicht mehr, eigentlich spürte er überhaupt nichts mehr.
Er befand sich in einer Art Trancezustand, während der Regen ihn zu verschlingen schien, so dass er nichts um sich herum wahrnahm, falls es da überhaupt etwas wahrzunehmen gab. Immer tiefer senkte er seinen Kopf, die real existierende Welt schien 2 Meter vor seinem Vorderrad zu enden. Leider tat ihm die Welt nicht den Gefallen, wirklich nur in einem Radius von 2 Metern um ihn herum zu existieren, ganz im Gegenteil, außerhalb dieses Radius schmiedet die Realität einen üblen Komplott gegen ihn, der sich in Form einer leichten, kaum wahrnehmbaren Rechtskurve manifestierte. Da Dieter diese leichte, heimtückische Rechtskurve nicht bemerkte, leitet er auch keine Maßnahmen ein, die es seinem Fahrrad ermöglicht hätten dem Verlauf des Weges weiter zu folgen. Wie es im bergischen Regionen durchaus häufiger vorkam, fiel der Hang, abseits des Weges steil ab.
Aus heiterem Himmel spürte Dieter plötzlich wie sein Fahrrad starken Erschütterungen ausgesetzt wurde. Gleichzeitig spürte er eine plötzlich auftretende Beschleunigung, die ihm unter anderen Umständen wahrscheinlich durchaus gelegen gekommen wäre. Es benötigte einige Zehntelsekunden, bis Dieter bemerkte, dass er wohl von der Straße abgekommen war, und im Begriff ist, mühsam zuvor erarbeitete Höhenmeter wieder einzubüßen, indem er eine steile Böschung hinunterfuhr. Wieder einige Zehntelsekunden später leitet Dieter die Notbremsung ein. Der Fahrradhändler von welchem er sein sündhaft teures Fahrrad gekauft hatte, hatte ihm die Vorzüge dieser Carbonfaserbremsscheiben mit einer Begeisterung nahegelegt, dass Dieter es nicht übers Herz brachte, diese nicht zu kaufen. In diesem Augenblick spüre Dieter was der Fahrradhändler mit „Die bremsen, dass es dich vom Sattel fegt“ meint. In dem Moment, als Dieter die Vorderradbremse mit aller in seiner Hand noch befindlichen Kraft betätigte, fegte es ihn tatsächlich aus dem Sattel, da das Vorderrad sofort blockierten, und das gesamte Fahrrad einschließlich ihm selbst sofort mit einer Drehbewegung um die Achse des Vorderrades reagierte, wodurch Dieter im hohen Bogen über seinen Lenker katapultiert wurde.
Die unumgängliche harte Landung auf dem Boden wurde dadurch verzögert, dass Dieter mit dem Gesicht gegen eine Baum prallte, um anschließend mit dem Gesicht an eben diesem Baum entlang zu schlittern. Was dazu führte, dass er sicher etwas sanfter auf dem Boden landete als dies ohne den vorherigen Kontakt mit dem Waldbewohner der Fall gewesen wäre. Gleich nachdem Dieter auf dem Boden gelandet war, schlug sein Fahrrad von hinten gegen seinen Kopf, und er drückte sein Gesicht noch tiefer als dies ohnehin schon der Fall gewesen war in den durch den Regen glücklicherweise aufgeweichten Boden.
Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit und nur auf den ausdrücklichen Wunsche, oder eher der ausdrücklichen Anordnung seiner Frau war sein Kopf mit einem Fahrradhelm versehen, was ihn wohl vor noch schwereren Verletzungen bewahrt hatte. Dieter war seiner Frau ausnahmsweise einmal dankbar, dass sie sich grundsätzlich in Dinge einmischte, die sie eigentlich nichts angingen. Und er dankte dem Fahrradhändler, der ihm dieses sündhaft teure Fahrrad aufgeschwatzt hatte, dass immerhin mit 5 kg weniger auf hin drauf gedonnert war, als es sein altes Fahrrad getan hätte.
Regungslos lag Dieter im Dreck, noch immer hatte sich die Schockstarre nicht gelöst. Es spürte überhaupt nichts, er spürte noch nicht einmal den weiterhin unaufhörlich auf ihn einprasselnden Regen. Doch plötzlich schien der Regen aufzuhören, und Dieter fuhr im strahlenden Sonnenschein mit einem Fahrrad, fröhlich vor sich hin pfeifend eine wunderschöne Allee entlang, die dem Lauf eines friedlich dahinfließenden Flusses folgte. Aber es handelte sich nicht um ein gewöhnliches Fahrrad, es hatte auf der Hinterachse zwei Räder, war mit einem Aufbau versehen der einem Kofferraum glich, und fuhr ohne, dass er sich anstrengen musst, ohne dass ihm die Oberschenkel brannten.
Ein E-Bike dachte Dieter, es muss ein E-Bike sein. An einer besonders schönen Stelle, direkt unter einer großen Linde hielt er an. Im Hintergrund begann die Sonne langsam unterzugehen und verlieh den Himmel einen wunderschönen orangeroten Farbanstrich. Er stieg ab, ging um das Fahrrad herum und klappte einen Teil des hinteren Aufbaus um 180 Grad um, lies zwei Stützen herab, und stellte den umgeklappten Teil auf dem Boden ab, so dass dieser mit dem feststehenden Teil das Aufbaus in einer Linie stand. Dann entnahm er einige Kisten, und stellte diese unter den aufgeklappten Teil des Aufbaus. Aus einer der Kisten entnahm er eine Art Zelt, und baute dieses so auf, dass sein Fahrrad davon umschlossen war. Anschließend blies er eine Luftmatratze auf und legte diese auf die sich aus dem feststehenden und den klappbaren Teil des Aufbaus ergebende Liegefläche, packte einen Schlafsack aus und legte sich auf das gemütlich wirkende Bett. Genau in diesem Augenblick kam Dieter wieder zu sich.
Er wusste nicht ob er nur ein paar Sekunden zwischen den Bäumen im Dreck lag, oder ein paar Stunden. Langsam, aber unwiderstehlich kamen die Schmerzen und er spürte, dass er stark aus der Nase blutet. Sein Fahrrad lag immer noch halb auf ihm. Mit langsamen Bewegungen aus Angst er könne sich etwas gebrochen haben, packte er das Fahrrad und wuchtet es auf die Seite. Mühsam begab er sich zuerst auf die Knie, um sich dann ganz vorsichtig ganz aufzurichten, wobei er den Baum gegen den er geprallt war zur Hilfe nahm indem er sich an diesem hochzog. Zu seiner Erleichterung wurde der gesamte Bewegungsablauf nicht durch plötzlich auftretende Schmerzen begleitet, so dass er schloss sich zumindest an Armen und Beinen nicht ernsthaft verletzt zu haben.
Allerdings spürte er an seinem gesamten Körper ein Brennen. Als er sich genau betrachtet sah er, dass er unzählige mit Schlamm und kleinen Schottersteinen verzierte Schürfwunden aufwies. Wenigstens gebrochen scheint nichts zu sein, stellte er einigermaßen beruhigt fest. Seiner Nase entwich weiterhin eine nicht unerhebliche Menge Blut, überhaupt brannte sein Gesicht wie Feuer. Er war froh, dass er keinen Spiegel zur Hand hatte, und so wenigstens vom Anblick seines sicherlich schwer in Mitleidenschaft gezogenen Gesichtes verschont wurde. Er kramte in seinen Taschen nach einem Taschentuch, obwohl er wusste, dass er nie ein Taschentuch einstecken hatte. Normalerweise fragte der Claudette, wenn er ein Taschentuch benötigte, die hatte immer Taschentücher in ihrer Handtasche, die sie immer bei sich trug, außer beim Radfahren, da hatte sie selbstverständlich ein kleines Erste-Hilfe-Pack bei sich. Dieter hasste diese Besserwisserei. Aus Ermangelung eines Taschentuches oder gar Erste-Hilfe-Packs entschloss Dieter sich, seinen Schuh auszuziehen, um an seinen ohnehin völlig durchnässten Socken zu kommen, welchen er sich zur Eindämmung des Blutflusses vor die Nase hielt. Dieser etwas ungewöhnliche Lösungsansatz erfüllt ihn mit Stolz, zeigte er doch, dass auch er sich durchaus zu helfen weiß und nicht auf Claudettes Handtasche oder noch schlimmer auf ihr Erste-Hilfe-Set angewiesen war.
Allerdings erwies es sich als ratsam, den Socken nicht gegen die Nase zu drücken, da eine direkte Berührung einen nicht unerheblichen Schmerz hervorbrachte. Dieter lehnte sich an den Baum an, mit dem er bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, und überlegte, was er nun machen sollte. Noch immer regnete es, aber wenigstens hatte der Regen soweit nachgelassen, dass er keine Luftbläschen in den Wasserpfützen mehr bildete. Dennoch konnte Dieter nicht damit rechnen, dass in absehbarer Zeit Passanten den Weg entlangkamen, die er um Hilfe bitten konnte. Sein Handy hatte er natürlich nicht mitgenommen. Warum denn auch, wenn bitte sollte er an einem Sonntagmorgen anrufen, und angerufen wurde er sowie so gut wie nie.
Bisher war er immer stolz, dass er nicht so von diesem elektronischen Zeug abhängig war, dass er recht gut ohne diese Bürde der modernen Menschheit zurechtkam. Es versetze ihn regelrecht in Angst und Schrecken, wenn er beobachtet, dass vor allem junge Menschen kaum eine Sekunde ohne ihr Handy auskamen. Er fragte sich immer was es denn bitteschön ständig an diesem Ding herumzudrücken oder hineinzuglotzen gab. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis die Menschen überhaupt kein direktes Wort mehr miteinander sprachen, sondern nur noch E-Mails oder SMS oder sonst irgendein Zeug schrieben. In diesem Moment musste er allerdings zugeben, dass es durchaus hilfreich wäre ein Handy bei sich zu haben. Er tröstete sich damit, dass er bei seinem Glück ohnehin kein Netz gehabt hätte.
Mühsam krabbelte er auf allen Vieren die Böschung hoch, die er noch vor wenigen Minuten hilflos auf seinem sauteuren Fahrrad sitzend hinunter gedonnert war, vergaß allerdings, den Socken aus der Hand zu nehmen, wodurch dieser erheblich mit Schlamm beschmutzt wurde. Oben angekommen überlegte er sich kurz ob er den Socken wechseln sollte, entschied sich aber dagegen, da ihm dies zu mühsam erschien. Er richtet sich so gerade auf wie es ihm im Augenblick möglich war. Er überlegte kurz (er zählte noch nie zu der Sorte Mensch, die sich mit langen Überlegungen aufhielt) ob er lieber aufwärts oder abwärts gehen sollte, und entschloss sich, nach oben zu gehen, da dies der kürzere Weg sein musste.
Es tat ihm im Herzen weh, sein sauteures Fahrrad zurückzulassen, aber es war ihm klar, dass er es unmöglich schaffen konnte das Ding den Berg hoch zu zerren. Kürzer erwies sich jedoch recht schnell als relativ. Es kostet Dieter alle Kraft, dem immer noch recht steilen Weg Richtung Gindelalm zu folgen, und er fragte sich erneut, warum Menschen ihren Gastronomiebetrieb unbedingt auf einen Berg setzen mussten. Wahrscheinlich, weil die Menschen, wenn sie oben angekommen waren völlig ausgehungert und vor allem ausgetrocknet waren, und dadurch der Umsatz pro Gast stieg. Allerdings war die Anzahl der Gäste geringer, da es vielen Menschen sicherlich vermieden eine solche Strapaze auf sich zu nehmen. Dieter riss sich von seiner wirtschaftlichen Überlegungen los, da er einsah, dass das nicht bringen konnte, und konzentrierte sich wieder auf die Bewältigung des Aufstiegs, wobei er entschied ganz bestimmt nichts in diesem Etablissement zu bestellen sollte er jemals ankommen.
Er war inzwischen so erschöpft, dass er noch nicht einmal bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte. Schritt für Schritt quälte er sich den Berg hoch. Sein Socken war inzwischen völlig durchgeblutet, sodass das Blut vermischte mit dem ebenfalls am Socken hafteten Schlamm bereits heraustropfte und auf seinem T- Shirt landete welches ohnehin schon völlig verdreckt war. Blut und Schlamm bildete auf seinem T- Shirt ein obskures Muster, dass man mit etwas gutem Willen als moderne Kunst betrachten konnte, dass, wäre es von einem berühmten Künstler kreiert worden, sicherlich bei irgendeiner Auktion viel Geld eingebracht hätte. Überhaupt gab er eine äußerst klägliche Figur ab, über und über mich Schlamm und Blut verschmiert, übersät mit kleineren und größeren Schürfwunden, welche in seinem Gesicht den Höhepunkt erreichten, eine Nase aus der das Blut wie aus einem Wasserfall sprudelte, und deren Ausrichtung in Bezug auf den Rest seines Gesichtes sich deutlich geändert hatte. Man konnte auch ohne genau hinzusehen eine deutliche Tendenz nach rechts erkennen. Endlich erreichte Dieter den Linksknick des Weges den er tatsächlich mochte, und den er sich im Laufe der Zeit eingeprägt hatte und von dem er wusste, dass es der letzte war, bevor diese verdammte Gindelalm endlich auftauchte. Aufgrund des schlechten Wetters saß kein Gast auf der Terrasse und Dieter konnte unbemerkt den Eingang erreichen.
Mit letzter Kraft stieg er die wenigen Stufen hoch und drückte die Türklinke nach unten. Mit einem leichten Quietschen öffnete die Tür. Der Gastraum sah aus, wie der Gastraum einer Bergalm aussehen muss. Klobige mit einer undefinierbaren Patina überzogene Tische und Stühle bildeten die Grundausstattung. An den Wänden standen Sitzbänke gleicher Machart und die Decke zierten aus Hirsch- oder Rehgeweihen hergestellte Lampen, die eine gewisse Geschmacklosigkeit nicht verbergen konnten. Durch die kleinen Fenster wurde der Raum kaum erhellt und Georg der Wirt fand es wohl nicht für nötig, für die paar Gäste extra das Licht einzuschalten, sodass der Raum von einem fahlen Licht nur notdürftig erhellt wurde. Als Dieter in der Tür stand kam ihm das Bild aus alten Western in den Kopf, indem ein von Indianern verfolgter Cowboy mit letzter Kraft einen Saloon betrat, plötzlich jeder Lärm versiegte und alle auf ihn blickten. Genau in dem Augenblick fällt er nach vorne um, und man sieht, dass sein Rücken mit mindesten einem Dutzend Pfeilen verziert war, was zur Folge hatte, dass alle aufsprangen, die Männer ihre Waffen zogen und grimmige Kampfbereitschaft demonstrierten. Dieters Eintreten hatte nicht ganz den Effekt, was vermutlich im nicht Vorhandensein der Pfeile in seinem Rücke seine Ursache hatte.
Keiner der aufgrund des schlechten Wetters wenigen Gäste nahm Notiz von seinem Eintreten. Claudette saß unbeschwert bei einigen ihrer Sportkameraden, die ebenfalls, natürlich mit albernen Radklamotten ausstaffiert, den Weg nach oben gefunden hatten. Georg stand etwas gelangweilt an seinem Ausschank und hoffte wohl auf besseres Wetter. Dieter betrat den Gastraum und hinterließ eine Spur aus Schlamm und einzelnen Bluttropfen auf dem Boden. Ein kurzer spitzer Schrei brachte die fröhliche Unterhaltung der Sportkameraden, die sich sicherlich um irgendeine Tour auf irgendeiner gottverdammten Berg gedreht hatte, jäh zum Erliegen. Ausgestoßen wurde dieser von Maria Huber, eine Freundin wie Claudette sie wohl bezeichnen würde, wobei Dieter den Ausdruck Nervensäge wohl eher verwenden würde.
Diese hatte nichts ahnend und ohne ersichtlichen Grund ihren Kopf gedreht und war plötzlich mit dem schockierenden Anblick von Dieters erbärmlichem Erscheinungsbild konfrontiert. Maria wurde von der Urangst gepackt, Dieter könne nach vorne umkippen, um die Blick auf mindestens ein Dutzend in seinem Rücken steckenden Pfeile freizugeben, was für eine Horde mordlüsterner Indianer das Signal zum Stürmen des friedlich daliegenden Gastraumes darstellte. Zu ihrer Erleichterung kippte er nicht um, sondern bewegte sich leicht taumelnd auf die Gäste zu, die ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrten und für einen Moment regungslos verharrten. Claudette fand als routinierte Oberärztin im Krankenhaus Agatharied als Erste die Fassung und begrüßte ihn mit den Worten.
„Um Gottes willen, wie siehst Du denn aus?“
Dieter war sich nicht sicher ob es sich bei seinem Zustand tatsächlich um Gottes Willen handelte, aber wenn er sich an seine Zeit als Ministrant zurückerinnerte, so behaupten die Christen, dass nichts geschah ohne das Gott es wollte, oder es zumindest zuließ. Somit war sein Zustand wohl auch Gottes Wille, oder wurde von ihm wenigstens geduldet. Dieter hatte keine Zeit sich darüber zu ärgern oder sich gar zu fragen warum Gott es zuließ, dass er so zugerichtet wurde, da er sich eine passenden Antwort auf die Fragen seiner Frau überlegen musste.
„Wieso stimmt was nicht mit mir?“ gab er schnippisch zu Antwort.
Claudette überhörte den zynischen Unterton und begab sich stattdessen lieber zu ihrem Fahrrad und das Erste-Hilfe-Pack zu holen. Dieter konnte es nicht verhindern, dass er ihr beim Rausgehen auf den durch die Radlerhose in die Form einer Birne deformierten Hintern starrte. Lange Zeit war er der Meinung, dass es um eine Ehe nicht so schlecht stehen kann, wenn man seiner Frau noch auf den Hintern starrt, inzwischen war er sich da aber nicht mehr ganz so sicher. Irgendwie muss es da noch mehr geben, drängte es ihm unweigerlich immer öfter in den Kopf.
Die Anderen Gäste, die Dieter allesamt bekannt waren, und die er wie eigentlich alle Freunde oder Bekanntschaften seiner Frau allesamt nicht leiden konnte, glotzen Dieter noch immer ungläubig an. Es dauerte einige Sekunden, bis einer der Gäste sich aufraffte seiner Neugier nachzugeben und Dieter fragte, was passiert war. Dieter war zu müde und hatte ehrlich gesagt keine Lust das was er gerade erlebt hatte ausgerechnet diesem in Radler Klamotten gepressten Lackaffen zu erzählen und flüchtet sich daher in eine Lüge.
„Ich kann mich an nichts mehr erinnern“ gab er fast etwas zu theatralisch zur Antwort “ In meinen Erinnerungen klafft eine Lücke, ich weiß nur noch, wie ich die Tür öffnete und hier hereinkam.“
Die Anwesenden sahen in mit einem mitleidigem Blick an, so als müssten sie ihm ganz schonend mitteilen, dass er unheilbar an Krebs litt und nur noch wenige Tage zu Leben hatte. Claudette betrat den Gastraum und begann routinierte mit der Untersuchung ihres Patienten, der zufällig auch ihr Mann war, was sie bei ihrer Arbeite aber nicht nennenswert beeinflusste. Aufgrund der immer noch starken Blutung entschloss sie sich, mit der Untersuchung der Nase zu beginnen.
„Nimm doch mal das Ding da weg“ fuhr sie Dieter etwas genervt an, und meinte damit den Socken, den Dieter inzwischen eher unbewusst immer noch vor seine Nase hielt.
„Was ist das überhaupt?“ vervollständigte sie ihren Satz, nachdem sie Dieter der Socken aus der Hand gerissen hatte und ihn angeekelte zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand haltend einer genaueren Untersuchung unterzog.
„Das ist meine rechte Socken“ erwiderte Dieter nicht ganz ohne Stolz über seinen aus seiner Sicht genialen Lösungsansatz.
Claudette rümpfte nur abfällig die Nase und unterstütze ihre eher ablehnende Haltung bezüglich der Verwendung eines bereits getragenen Socken zur Versorgung eine stark blutenden Verletzung durch das zusammenkneifen ihrer Augen, vermeidet es aber in Gegenwart ihrer Freunde sich diesbezüglich näher zu äußern. Typisch Claudette dachte Dieter, nie ist sie mit irgendetwas zufrieden was er macht. Claudette betrachtet die in ihrer Form deutlich veränderte Nase von Dieter, nahm sie vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinder der rechten Hand, wobei sie sich zuvor des Socken entledigt hatte, und begann vorsichtig diese nach rechts und links biegen.
Dieter reagierte darauf mit einem schmerzbedingten Aufschrei, was Claudette nicht darin hindert, die Nase nochmal nach rechts zu bewegen, um ihrer Diagnose die letzte Sicherheit zu geben.
„Ich befürchte die ist gebrochen“ teilte sie anschließend eher unbeteiligt mit.
Dieter der froh war, dass das Rumgebiegen an seiner Nase endlich zum Abschluss gekommen war, nahm diese Nachricht eher gelassen entgegen, was soll`s dachte er irgendwie begleiten mich gebrochen Nasen bereits mein ganzes Leben, nun hat es eben mal mich erwischt.
„Er leidet auch unter einer lokalen Amnesie, kann sich an den Unfall nicht mehr erinnern“ petze Joseph aus dem Hintergrund raus.
Dieter konnte ihn noch nie leiden. Er war, wenn er nicht gerade Radlerhosen trug Rechtsanwalt und einer von Claudettes Sportfreunden. Dieter hatte ihn schon lange in Verdacht, scharf auf Claudette zu sein, machte sich aber keine Sorgen diesbezüglich, da Joseph ganz bestimmt nicht Claudettes Typ war, viel zu alt und viel zu verklemmt. da half es auch nicht, dass er mehrmals wöchentlich Sport trieb, was Claudette normalerweise durchaus beeindrucken würde, aber als alleiniger Pluspunkt doch etwas zu dünn war. Claudette sah Dieter eindringlich an
„Stimmt das?“ fragte sie wobei ihre Stimme in einen Ton verfiel, der eigentlich darauf schließen lässt, dass sie sich mit einem Kind unterhält.
Wäre er nur etwas mutiger gewesen, hätte Dieter ihr gestanden, dass er nur keine Lust hatte diesen schadenfreudigen Obersportlern den Unfallhergang zu schildern. Leider fehlte ihm der Mut, vielleicht war es ihm einfach nur egal, jedenfalls bestätigte er Claudette, dass er sich an den Unfallhergang überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Fast hatte er das Gefühl in Claudettes Gesichts so etwas wie Sorgenfalten zu erkennen, was so überhaupt nicht Claudettes Art war. Auch in diesem Fall waren es nicht Sorgen, die Claudette zu diesem Gesichtsausdruck verleitete, sondern vielmehr Ärger darüber, dass Dieter sie nicht präzise mit Informationen versorgte die es ihr ermöglichten eine exakte Diagnose zu stellen. Stattdessen musste sich Jochen in den Vordergrund drängeln, und sie mit seinem vorlauten Mundwerk wie eine Idiotin dastehen lassen.
„Kann sein, dass Du eine Gehirnerschütterung hast, damit ist nicht zu spaßen, besser wir rufen den Krankenwagen.“
Dieser Vorschlag entsprach nicht gerade Dieters Vorstellungen. Auf der anderen Seite war ihm durchaus bewusst, dass seine Nase einer gründlichen Untersuchung bedarf. So gesehen war der Krankenwagen die bequemste Art und Weise, von diesem Berg herunter zu kommen. Genau betrachtet fehlte es ohnehin an brauchbaren Alternativen, er konnte ja wohl kaum auf dem Gepäckträger von Claudettes Fahrrad mitfahren. Schon deshalb, weil so ein durchaus praktischer Nutzgegenstand an einem Supersportbike wie es Claudette ihr eigen nannte gar nicht vorhanden war.
Dieter entschied sich daher auf einen Protest zu verzichten, obwohl er eigentlich in Protestlaune war. Zumal er wusste, dass sich Claudette ohnehin nicht umstimmen lassen würde, und er zum Schluss wie ein pubertierender Querkopf dastehen würde. Claudette rief mit ihrem Handy, welches sie im Gegensatz zu Dieter immer mit sich trug, den Krankenwagen, nicht ohne zu betonen, dass es sich nicht um einen Notfall bei dem es um Leben und Tod ging, handelte. Während sie auf den Krankenwagen warteten, saß Claudette bei Dieter und versorgte seine zahlreichen Schürfwunden, während sich die Sportgemeinschaft bereits wieder über ihre letzten großen Sportaktivitäten austauschte.
Es freute Dieter, dass sich seine Frau mit ihm abgab, und nicht wie gewöhnlich Teil der Sportgemeinschaft war, und ihn links liegen ließ. Dieter hatte es sich abgewöhnt an den Gesprächen der Sportgemeinschaft teilzunehmen, da es ihn furchtbar langweilte und er ohnehin keinen Beitrag zu den üblichen Gesprächen leisten konnte. Er erinnert sich noch sehr gut, was das letzte Mal passierte als er sich an einem Gespräch dieser illustren Runde beteiligte. An diesem Tag war zum ersten Mal ein Mann anwesend, welcher der irrigen Meinung, dass Dieter Teil der Sportgemeinschaft wäre, nur weil der dabeisaß. Wahrscheinlich hatte er Mitleid und wollte Dieter mit ins Gespräch einbinden, dass sich wie fast immer darum drehte wer am Wochenende welche Höchstleistung vollbracht hatte, und fragte Dieter was er denn so am Wochenenden gerne mache. Dieter antwortet nur kurz.“ Beine hoch, Glotze an jede Menge Bier, und Chips.“ Man konnte nun nicht gerade behaupten, dass der als Scherz gemeinte Ausspruch (der genau genommen einen ernsten Hintergrund hat) eine großer Lacherfolg gewesen wäre.
Vielmehr strafte ihn die Sportgemeinschaft die restliche Zeit des Zusammenseins mit Nichtbeachtung und auch das Jungmitglied vermied von nun an jegliche Konversation mit Dieter. Claudette war wie so oft peinlich berührt und schämte sich für ihren Mann, der dem hingegen das ganze recht locker sah und fast ein wenig stolz war, auf das was er von sich gegeben hatte. Während er in Erinnerungen schwelgte und hierbei fast seine schmerzende Nase vergaß, öffnete sich die Tür und zwei Sanitäter betraten die Bildfläche.
Es bot sich den Gästen ein durchaus komisch anmutender Anblick, da die beiden Sanitäter in ihrer Statur nicht unterschiedlicher sein konnten. Der Vordere war groß und schlank, um nicht zu sagen lang und dürr. Der nach ihm Eintretende war klein und kräftig, um nicht zu sagen winzig und fett. Dass beide die gleiche Berufsbekleidung trugen, deren Konfektionsgröße sich wohl an den jeweiligen Enden des Beschaffbaren befand, machte den Anblick noch grotesker.
„Nah wo ist denn unser Patient“ rief der Kleine hinter dem Großen vor, welche Dieter bereits erblickt hatte, und ohne Worte auf ihn zusteuerte.
Der Lange musterte Dieter kurz und öffnete dann seinen mitgebrachten Koffer.
„Na da waren wir wohl etwas unvorsichtig“ redet der Dicke mit einem breiten Grinsen auf Dieter ein.
Dieter überlegte kurz was er dummes antworten sollte, verkniff sich aber aus Rücksicht auf seine Frau jeglichen Kommentar.
„Hallo Frau Karlmann Frei, was machen Sie denn hier, wohl Erste Hilfe geleistet, immer im Dienst was“ sage der Winzling als er Claudette erblickte, die er offensichtlich aus dem Krankenhaus kannte und hielt ihr freudig die Hand entgegen.
Claudette drückte ihm eher unwillig die Hand.
„Nein leider nicht, der Verletzt ist mein Mann“
„Das tut mir leid, aber ich sage immer Augen auf bei der Partnerwahl“, antwortet der Fette mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Nichts für ungut, ein kleinen Scherz, zur Aufheiterung unseres Patienten, sie wissen ja, Lachen ist die beste Medizin“
„Wir wäre es, wenn sie ihrem Kollegen unterstützen würden, und ihre Medizin im Schrank lassen? die hat nämlich erhebliche Nebenwirkungen und ich fürchte, ich habe sogar eine Allergie dagegen“, konnte Dieter nicht mehr an sich halten.
Beleidigt trollte der Kleine zu seinem Kollegen, der endlich mit dem Gewühl in seinem Koffer fertig war, und mit einem dicken Verband auf Dieter zukam. Diesen wickelte er ihm um seinen Kopf, um den Blutfluss aus seiner Nase einzudämmen.
„So das reicht erst mal“ gab der Lange von sich“
„Kommen Sie bitte mit zum Krankenwagen, Sie können doch selbst gehen oder? „warf der Dicke sichtlich um Sachlichkeit bemüht ein.
„Ja Ja kein Problem“ antwortete Dieter während er sich erhob und Richtung Krankenwagen ging.
„Ich komme später vorbei und schau nach Dir, ich muss aber erst noch duschen, kann also etwas dauern. Aber Du hast ja heute eh nichts mehr vor“ rief ihm Claudette nach.
Plötzlich fiel es Dieter ein, dass sein sauteures Fahrrad immer noch irgendwo in der Böschung lag. Daher blieb er kurz in der Tür stehen um Claudette zu bitten es zu bergen.
“Wo liegt es denn genau“, wollte Claudette wissen.
Dieter überlegte kurz, aber es war ihm schnell klar, dass er nicht wusste wo genau er mit seinem Fahrrad den regulären Weg verlassen hatte.
„Keine Ahnung“ gab er kurz zurück.
Claudette sah ihn ungläubig an.
„Und wie soll ich es dann finden?“
Dieter hatte bereits die Tür hinter sich zu geschlagen so dass er Claudettes Frage nicht mehr hörte.
„Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, wo ich das Fahrrad zurückgelassen habe“, ging es Dieter im Kopf herum, habe ich etwa doch eine lokale Amnesie?“ fragte sich Dieter.
Im Krankenwagen ging es Glücklicherweise recht ruhig zu. Der Lange schien eh nie zu reden, und der Breite war wohl immer noch beleidigt, weil Dieter in dessen Witzen beim besten Willen keine Veranlassung zum Lachen fand. Dieter war recht froh über die ihn umgebende Stille, konnte er sich doch in Ruhe Sorgen machen, ob er nicht vielleicht doch eine Gehirnerschütterung hatte.
Im Krankenhaus angekommen wurde Dieter gebeten doch erst mal kurz im Wartezimmer Platz zunehmen, weil er den Fehler begangen hatte, auf eigenen Füßen in die Notaufnahme einzutreten, was die diensthabende Krankenschwester zu der Beurteilung verleitete, dass die Not wohl doch nicht so groß sein kann, und die Aufnahme daher zeitlich etwas flexibler gestaltet werden konnte. Dieter wollte nicht wehleidig erscheinen, und nahm daher ohne Widerspruch Platz. Nach einiger Zeit des Wartens und des vor sich hin bluten, wobei die Blutung inzwischen deutlich geringer war als zuvor, was Dieter nicht mit letzter Sicherheit auf den Behandlungserfolg der beiden Sanitäter zurückschließen konnte, da aus seiner Sicht ebenfalls die Möglichkeit bestand, dass er einfach nicht mehr genug Blut hatte um eine entsprechend stärkere Blutung zu generieren.
Jedenfalls wurde ihm die zeitliche Gestaltung seiner Aufnahme langsam zu flexibel und er überlegte bereits, ob er sich bei der diensthabenden Krankenschwester, die eher vom Typ resolutes Mannweib zu sein schien, in Erinnerung rufen sollte, als das Telefon klingelte. Die Resolute riss ohne wirklich Mitleid mit dem bedauernswerten Telefonhörer zu haben Selbigen mit einer ihr durchaus zuzutrauenden Gewalt von der Gabel obwohl wie alle Telefone heutzutage so auch das hier in Verwendung Befindliche nicht wirklich über eine Gabel verfügte, und brüllte in einer Stimmlage welche durchaus ihrer Körperfülle entsprach „ Notaufnahme Agatharied „ ihn den Hörer. Anschließend trat eine kurze Pause ein, die ihre Ursache entweder darin fand, dass ihr gegenüber Aufgrund der enormen Lautstärke einen kurzzeitigen Hörsturz erlitten hatte, oder die Resolute hörte tatsächlich zu, was ihr gegenüber zu berichten hat.
„Hallo Frau Dr. Karlmann Frei“ hauchte die Resolute plötzlich deutlich leiser in den Hörer.
„Ihr Mann?“ gab die inzwischen weniger Resolute fast schon kleinlaut von sich und blickte fragend in die meist desillusionierten Gesichter der Patienten, deren gesundheitlicher Zustand nicht als lebensbedrohlich eingestuft wurde, und die daher Stunden damit verbrachten darauf zu warten, endlich aufgerufen zu werden.
Vermutlich lag der langen Wartezeit die Hoffnung zu Grunde, dass einige Verletzungen von allein heilen könnten, beziehungsweise, dass der Patient inzwischen versterben könnte und sich so eine Behandlung ohnehin erübrigt hatte. Als ihr Blick auf Dieter fiel, hob er den rechten Arm und zeigte schon fast provokativ mit dem Daumen in Richtung seines Körpers. Die ehemals Resolute riss erschrocken und zugleich fragend die Augen auf, was Dieter zu einem leichten Kopfnicken veranlasste.
Diese kaum wahrnehmbare Bewegung lieb bei der inzwischen eher Kleinlauten als Resoluten jeglichen Zweifel versiegen und stattdessen Angstschweiß auf deren Stirn auftauchen. Dieter bekam fast Mitleid mit der Kleinlauten, da er wusste, wie unangenehm seine Frau werden konnte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging und die Kleinlaute inzwischen fast schon Ängstliche scheint dies auch zu wissen.
„Ist der potentielle Nasenbruch ihr Mann Frau Dr. Karlmann Frei?“ gab die Ängstliche mit nicht zu übersehender Panik in den Augen von sich.
Einige Sekunden war von der Ängstlichen nichts mehr zu hören. Wenn man genau hinhörte, konnte man Claudettes Stimme hören, und Dieter wusste, dass diese sehr laut schreien konnte. Was das Schreien angeht, war Claudette wie ein in Zorn geratenes Baby, trotz ihrer eher zierlichen Statur war sie in der Lage eine Lautstärke zu produzieren, die man nicht für möglich halten würde, würde sie einem nicht gerade fast das Trommelfell in Stücke reißen. „Natürlich Frau Dr. Karlmann Frei“; wir kümmern uns sofort, wenn ich gewusst hätte.
Die arme Ängstliche konnte immer nur mit halben Sätzen antworten bevor sie von Claudette erneut niedergeschrien wurde. Es rührte Dieter fast ein wenig, dass sich Claudette seinetwegen so ins Zeug legt. Aber wahrscheinlich ging es nicht um Ihn, sondern um ihren Ehemann, und der war zumindest aus Claudettes Sicht einfach auch der Tatsache heraus, dass er ihr Ehemann war, bevorzugt zu behandeln. Endlich hatte Claudette mit der inzwischen völlig Eingeschüchterten erbarmen und gab ihr die Möglichkeit aufzulegen. Schon während des Aufstehens und des sich auf ihn Zubewegens konnte Dieter die Rückverwandlung der gerade eben erlebten Metamorphose von der Resoluten zur Ängstlichen erleben, wobei sie die Resolute zu überspringen schien, um sich sofort in die Zornige zu verwandeln.
„Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt“ herrschte sie Dieter an.
„Ich wusste nicht, dass das von Belang ist“, gab Dieter kleinlaut zurück.
Um die angespannte Situation etwas aufzulockern, schob er noch die als humoristisch geplante Einlage
„Unsere Kanzlerin sagt doch immer es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland“.
Die Zornige sah ihn noch zorniger an, als dies zuvor der Fall gewesen war, und antwortete ihm wieder in dem ihr eigenen Tonfall
„Sie glauben wohl auch dass die Renten sicher sind“
Dieter war erstaunt, dass die Resolute wohl über so etwas wie Humor verfügte, und konnte ein Grinsen nicht verhindern, was auch die Resolute dazu veranlasste ein kaum wahrnehmbares Lächeln über ihr Gesicht huschen zu lassen bevor sie Dieter mit einem kurzen
„Mitkommen“, aufforderte ihr zu folgen.
Von den Anwesenden traute sich keiner zu erwähnen, dass er bereits deutlich länger die angenehme Atmosphäre des Wartezimmers als der soeben Aufgerufene genießen durfte, was bei der augenblicklichen Laune der Resoluten wohl eine sofortige Herabstufung der Dringlichkeit und damit eine automatische Aufenthaltsverlängerung in besagtem Wartezimmers zu Folge gehabt hätte. Die Resolute führte Dieter in ein Behandlungszimmer, wies ihn an Platz zu nehmen und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Dieter blickte sich um, konnte aber nichts entdecken, dass es verdient hätte näher untersucht zu werden, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. Es dauerte noch etwas fünf Minuten, bis ein forscher junger Arzt den Raum betrat und ihm seine Hand entgegenstreckte.
„Sie sind der Mann von Frau Dr. Karlmann Frei“ gab der Arzt im gleichen Augenblick von sich und Dieter bildet sich ein, so etwas wie Mitleid im Blick des jungen Arztes zu erkennen.
„In erster Linie bin ich Dieter Frei, und erst in zweiter Linie der Ehemann von Frau Dr. Karlmann Frei“ gab Dieter etwas zu genervt zu Antwort.
Der junge Arzt der es vermied seinen Namen zu nennen, wahrscheinlich, dass es später erschwert wurde ihn aufgrund eines Behandlungsfehlers zur Rechenschaft zu ziehen, wie Dieter vermutet, ignorierte Dieters Aussage völlig.
„Ein ganz hervorragende Kollegin, wenn ich das einmal erwähnen darf“
Dieters Blutdruck begann merklich zu steigen, was einen erhöhten Blutfluss aus seiner Nase zur Folge hatte, wodurch der junge Arzt darauf aufmerksam wurde, dass Dieters Erscheinen im Krankenhaus seine Ursache nicht darin hatte ein Gespräch über seine Frau zu führen.
„Wie ich sehe haben sie sich an der Nase verletzt“, meldete sich der junge Arzt offensichtlich sachkundig zu Wort.
„Am besten wir machen eine Röntgenaufnahme, um zu sehen, ob die Nase gebrochen ist“.
Dieter wusste auch ohne Röntgenaufnahme, dass dies der Fall war, vermied es aber den jungen Arzt zu verunsichern.
„Schwester Sylvia wird sie zum Röntgen bringen“.
Der junge Arzt nahm das Telefon, um Schwester Sylvia über ihren neuen Auftrag zu informieren. Dieters Hoffnung auf eine junge, hübsche, mit einem etwas zu engen Oberteil bekleideten Krankenschwester wurde jäh zu Nichte gemacht, als die Resolute die Tür aufriss und diese dabei fast aus den Angeln gerissen hätte.
„Sind sie etwa Schwester Sylvia“ gab Dieter idiotischer Weise von sich, und konnte den enttäuschten Unterton nicht unterdrücken.
„Nein, ich bin der Engel der sie ins Paradies führen soll“ gab Schwester Sylvia zu Antwort.
„Humor hat sie“, dachte Dieter und vielleicht werden sie ja sogar noch Freunde, jetzt wo sie schon fast per Du waren, er und Sylvia. Auf die bereits bekannte prägnant formulierte Aufforderung
„Mitkommen“, lief Dieter ihr wie ein Ehemann seiner Frau auf Shoppingtour unbeteiligt, aber ängstliche hinterher.
Die Röntgenuntersuchung brachte das zu Tage was ohnehin Allen bekannt war. Die Nase war gebrochen und zwar zwei Mal. Dieter musste eine unangenehme und zeitweise durchaus schmerzhafte Behandlung über sich ergehen lassen, bei welcher seine Nase mehrfach ausgerichtet wurde, um schließlich mit einer Art Schiene fixiert zu werden, welche ihrerseits mit Hilfe eines überdimensionalen Pflasters mit seinem völlig verunstalteten Gesicht eine wahrscheinlich unlösbare Verbindung einging.
Das dieses hierbei über diverse höllische brennende Schürfwunden geklebt werden musste schien Schwester Sylvia nicht näher zu beeindrucken. Dieter traute sich nicht, in den Spiegel zu schauen, um wenigstens die Illusion aufrecht zu halten, dass er vielleicht doch nicht ganz so bescheuert aussah wie er sich fühlte. Allerdings wurde diese Illusion durch den Gesichtsausdruck all deren Menschen welchen er auf seinem Weg ins Wartezimmer begegnete stark erschüttert, um durch das hämische Grinsen von Claudette, die inzwischen angekommen war und im Wartezimmer auf ihn wartet, endgültig zerstört zu werden.
„Du siehst richtig scheiße aus“ schleuderte Sie ihm die ganze Wahrheit unbarmherzig ins Gesicht
„Hoffentlich wächst die Nase wieder einigermaßen gerade zusammen, so ein Nasenbeinbruch kann eine ziemlich entstellende Sache werden“ ergänzte sie ihre Ermutigung.
„Danke, mir geht es gut“ antwortete Dieter, ohne auf das Gesagte einzugehen.
„Hast du dem behandelten Arzt gesagt, dass du unter lokaler Amnesie leidest?“
„Nein habe ich vergessen.“
„Vergessen? das ist wichtig, mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen“
Ohne ein weiteres Wort sprang sie auf, und ging zu Schwester Sylvia, die sie wohl in der Erwartung weiterer tadelnder Wort ängstlich ansah. Das Claudette nur wissen wollte wer der behandelte Arzt sei, hatte eine überaus beruhigende Wirkung auf Schwester Sylvia. Man konnte die sich in Schwester Sylvia ausbreitende Erleichterung fast greifen, welche fast freudig bereitwillig Auskunft gab. Claudette verließ nach einem kurzen Gespräch Schwester Sylvia und betrat ohne anzuklopfen eines der Behandlungszimmer in welchem sich der junge Arzt befand, dessen Namen Dieter immer noch nicht wusste, denn er aber unbedingt noch in Erfahrung bringen wollte, falls seine Nase tatsächlich nicht mehr ihre ursprüngliche Schönheit erlangen sollte. Nach kurzer Zeit kam Claudette wieder aus dem Behandlungszimmer, den jungen Arzt ohne Name im Schlepptau.
Dieser wirkte etwas aufgelöst und steuerte nervös auf Dieter zu.
„Herr Frei, Frau Dr. Karlmann Frei hat mich soeben informiert, dass sie unter einer lokalen Amnesie leiden“ wobei er ihn fast schon vorwurfsvoll ansah.
Dieter konnte sich nicht erinnern, den Begriff lokale Amnesie wobei es sich genau genommen um zwei Begriffe handelt, so oft in einem so kurzen Zeitraum gehört zu haben.
„Leiden kann man das eigentlich nicht nennen“ versuchte Dieter den jungen Arzt ohne Name zu beruhigen.
„Rede keinen Blödsinn“ ,blökte Claudette die sich direkt hinter dem jungen Arzt ohne Namen verschanzte, der wie Dieter soeben entdeckte doch einen Name hatte, welcher auf dem am Kragen seines weisen Kittels befestigten Namensschild zu lesen war und Müller lautete.
Dr. Müller fuhr erschreckt herum und starrt Claudette ungläubig ob deren durchaus vulgären Ausdrucksweise an. Es dauerte nur knapp eine Sekunde bis Dr. Müller realisierte, dass Claudette dieser entgeisterte Blick nun so überhaupt nicht behagen wollte, was Dr. Müller dazu veranlasste, jenen entgeisterten Blick wieder auf Dieter richtet
„Unter diesen Umständen sehe ich es als angemessen an, wenn wir sie zur Beobachtung ein oder zwei Tage hierbehalten.“
„Sehe ich genauso“, stimmte ihm Claudette zu, wodurch Dieters Schicksal endgültig besiegelt war.
Kurze Zeit später fand sich Dieter im Bett eines schlicht eingerichteten Krankenzimmers wieder. Natürlich ein Einzelzimmer wofür sicherlich Claudette gesorgt hat, dachte Dieter. Aber eigentlich war er ihr dankbar dafür, so hatte er jetzt wenigstens seine Ruhe. Schon nach kurzer Zeit schlief er ein, die Geschehnisse des Tages hatten ihn offensichtlich sehr mitgenommen. Während er schlief hatte er plötzlich wieder die gleiche Vision die er kurz nach seinem Unfall hatte.
Wieder schien die Sonne strahlenden hell und Dieter fuhr mit einem seltsam anmutenden Fahrrad fröhlich vor sich hin pfeifend eine wunderschöne Allee entlang, die dem Lauf eines friedlich dahinfließenden Flusses folgte. Dieses Fahrrad war wirklich seltsam dachte Dieter im Traum, falls man im Traum überhaupt denken kann. Es hatte auf der Hinterachse zwei Räder und war hinten mit einem Aufbau versehen der einem Kofferraum glich. Aber das Schönste war, dass es fast von allein fuhr. Wieder hielt er an einer besonders schönen Stelle an, und wieder unter einem großen Baum, eine Eiche oder war es doch eine Buche. Dieter kannte sich nicht besonders gut mit Bäumen aus. Ist doch wirklich absolut egal ärgert sich Dieter, dass er sich sogar im Traum mit solchen Belanglosigkeiten aufhielt. Und wieder klappte er den hinteren Aufbau auf, wodurch dieser zu einer Liegefläche wurde, baute das in Aufbau neben allen möglichen Utensilien verstaute Zelt auf, und legt sich Schlafen. Genau als er in seiner Vision oder war es nur ein Traum einschlief, wachte er in seinem realen Leben auf. Orientierungslos schaute er sich um.
Nein er lag nicht in einem Zelt unter einer Eiche oder Buche oder was auch immer für einen verdammten Baum, nein er lag in diesem schmucklosen Krankenzimmer und betrachtet das Kreuz, das direkt gegenüber seinem Bett an der Wand befestigt war. Lange starrte er vor sich hin und versuchte seine Gedanken zu sortieren. Erst jetzt erinnerte es sich daran, dass er genau diese Vision, allerdings lag er in dieser unter einer Linde, da war er sich ziemlich sicher, direkt nach seinen Fahrradunfall schon einmal hatte. Dieter war sichtlich verwirrt, er konnte das Erlebte nicht einordnen, versuchte dem Ganzen einen Sinn zuzuordnen, was ihm aber nicht gelang. Also beschloss er, dass es einfach nur Unsinn war, ein Traum und sonst nichts. Ein Seltsamer zwar, aber eben doch nur ein Traum. Dennoch spürte er, dass ihn dieser Traum mit einer nie gekannten Zufriedenheit, ja fast könnte er von einem Glücksgefühl sprechen, erfüllte. Immer noch starrte Dieter unbewusst das Kreuz an der Wand gegenüber an, ohne es wirklich wahrzunehmen.
„Jesus ist für Dich am Kreuz gestorben, aber er ist auch für Dich auferstanden“, riss ihn eine freundlich klingende Stimme aus seinen Gedanken.
Dieter zuckte etwas zusammen als er völlig unerwartet eine Stimme hörte.
„Oh entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken, mir ist nur aufgefallen, dass Sie das Kreuz so intensiv ansehen. Ich bin Schwester Margot und wollte nur kurz nach ihnen sehen“, erklang erneut die freundliche Stimme.
Als Dieter sein Gesichtsfeld nach dem Ausgangspunkt des soeben Gehörten ausrichtet, blickt er unversehens in das freundliche Gesicht einer jungen Frau. Sie war nicht wirklich eine Schönheit und wird sicher niemals auf dem Titelblatt einer Zeitschrift zu sehen sein, die sowieso niemand liest. Dennoch verschlug ihm ihr Anblick kurzfristig die Sprache. Es war eine besondere Art von Lebensfreude eine tiefe Zufriedenheit mit sich und der Welt, die von ihr ausging, die ihm aus ihren Augen entgegen strahlte, die ihn in ihren Bann zog, und die sie auf ihre Art doch zu einer Schönheit machte.
Eine Schönheit die eine Kamera nicht einzufangen vermochte, die nur in der Realität existierte, die man nur erkannte, wenn man in ihrer Nähe war und die sie wie eine Aura umgab. Wenn er an Engel glauben würde, dann wäre er wohl heute Einem begegnet. Dieter musst sich zwingen sie nicht anzustarren, er versuchte zwanghaft irgendetwas zu sagen, aber es fiel ihm nichts ein, dass es wert gewesen wäre einem Engel mitzuteilen. Und so kam es eher trotzig aus ihm heraus: „Ich habe nicht auf das Kreuz gestarrt. Es ist mir gar nicht aufgefallen, dass hier überhaupt eins hängt“. Gab es in einem jetzt fast verlegenen Ton von sich. Der eigentlich nicht existierende Engel sah ihn nur mit einem Lächeln welches die Freundlichkeit der ganzen Welt in sich zu vereinigen schien an. „Versuchen sie noch ein wenig zu Schlafen ich schaue später nochmal nach ihnen“ Dann verließ er das Zimmer. Dieter hatte das Gefühl, dass er etwas von seiner Aura zurückgelassen hatte, etwas dass ihn in eine innerer Unruhe versetze, dass ihn unweigerlich dazu zwang seine eigenes Leben reflektieren zu müssen. Lebensfreude war etwas das Dieter nicht kannte.
Klar gab es Augenblick in denen es sich wohlfühlte, die er als schön empfand, die er manchmal sogar genießen konnte Aber eine wirkliche Freude zu empfinden einfach nur weil man lebte, eine Freude auf den nächsten Tag, obwohl das nur ein ganz gewöhnlicher Tag sein wird, war Dieter fremd. Nicht dass er unglücklich wäre. Nein das konnte man nun auch nicht sagen. Wenn er so recht überlegte, hatte er eigentlich überhaupt keine Gefühle bezüglich seiner Lebenssituation, die er im Stande gewesen wäre einzuordnen. Er lebte einfach so vor sich hin. Sein Leben hatte weder Höhepunkte noch Tiefpunkte. Es war weder heiß noch kalt, es war einfach lauwarm und hatte allenfalls kältere oder wärmer Strömungen, wie man sie vom Baden in einem See kannte. Sein Leben war eben sein Leben basta.
Vor einiger Zeit hatte ihn Matthias einmal gefragt, was ihn an seinem Leben eigentlich gefiel und Dieter musste erschreckt feststellen, dass ihm nichts einfiel, nichts dass er aufführen konnte, weder spontan noch nach reiflicher Überlegung. Ausgerechnet Matthias stellte so bescheuerte Fragen dachte Dieter bei sich, der den ganzen Tag in seiner Werkstatt hängt und an irgendwelchen alten Autos herumbastelt, der nicht einmal verheiratet war, der so weit Dieter wusste auch niemals eine Beziehung zu einer Frau hatte, was wusste der schon vom Leben, ein Eremit, gefangen in einer Werkstatt umgeben von alten vor sich hin rostenden Autos.
