Amt für Treue - Marc Du Maurier - E-Book

Amt für Treue E-Book

Marc Du Maurier

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Beschreibung

Paul Jenny ist als PR-Berater gescheitert. Da lässt er sich auf ein gefährliches Experiment ein.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Not far from now.

Für

SF, JF, MB, PJ und AJ

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Fohrbach

Seefeld

Bethlehem

Seefeld

Bethlehem

Seefeld

Riesbach

Bundesplatz

Bundesplatz

Seefeld

Fohrbach

Seefeld

Bethlehem

Schauplatzgasse

Fohrbach

Seefeld

Seefeld

Fohrbach

Bethlehem

Forch

Seefeld

Forch

Forchdenkmal

Seefeld

Bethlehem

Fohrbach

Seestrasse

Bethlehem

Hornbach

Fohrbach

Forch

Weihergasse

Forch

Bethlehem

Fohrbach

Hornbach

Fohrbach

Weihergasse

Höhe

Allmend

Höhe

Fohrbach

Allmend

Weihergasse

Fohrbach

Bethlehem

Fohrbach

Weihergasse

Fohrbach

Bürgenstock

Zürichsee

Hammetschwand

Fohrbach

Seefeld

Bethlehem

Seefeld

Weihergasse

Seefeld

Insel

Seefeld

Zürichsee

Hornbach

Hammetschwand

Bethlehem

Seefeld

Epilog

Prolog

Die Bundesrätin lächelte. Sie war zufrieden mit dem Tag. An der Sitzung des Bundesrates hatte sie sich durchgesetzt. Das neue Bundesamt würde in ihrem Departement angesiedelt werden.

Es war bereits spät am Abend, und sie sass alleine in ihrem Büro im Bundeshaus Ost. Sie hatte das Licht ausgeschaltet, der Raum lag im Halbschatten. Nur die Strassenbeleuchtung spendete spärliches Licht.

Sie genoss es, das Erlebte nach dem Trubel des Tages noch einmal alleine und in Ruhe Revue passieren zu lassen. Es war ein harter Kampf gewesen. Sie und ihre Amtskollegin hatten sich nichts geschenkt. Jede hatte das neue Bundesamt in ihrem Departement haben wollen. Den Ausschlag hatte schliesslich ihr Bundesratskollege aus dem gleichen Kanton gegeben, der ihr noch einen Gefallen schuldig gewesen war. Es war immer gut, wenn man von jemandem noch etwas zugut hatte. Selbstverständlich hatte sie ihn vor der Sitzung über einen ihrer persönlichen Mitarbeiter daran erinnert.

Das neue Bundesamt war in jeder Beziehung ein Novum. Erstmals würde die Regierung die Moral ihrer Bürger unmittelbar kontrollieren können. Die neuen Technologien machten es möglich.

Für sie als Politikerin bot das neue Projekt grossartige Möglichkeiten zur Profilierung. Und ihre Partei, die sich seit Jahren im Krebsgang befand, sah neue Möglichkeiten, sich wieder als Vorreiterin in ethischen Fragen in Szene zu setzen. Das alles bedeutete Fernsehauftritte, Presseinterviews, Vorträge und vieles mehr. Die Wahlen waren nicht mehr weit, und sie war überzeugt, dass auch die Parteibasis an der Delegiertenversammlung diesen Kurs mittragen würde. Ein Appell an die Moral und die Grundwerte der Gesellschaft kamen bei ihr immer gut an. Und er machte sich auch gegen aussen gut.

Sie musste wieder unwillkürlich lächeln. Die Gestaltung des Landes war und blieb das Schönste für eine Politikerin.

Jetzt ging es nur noch darum, die Pilotphase des Projekts zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Und genug Freiwillige zu finden, die sich dafür zur Verfügung stellten.

Der Projektleiter war ein in diesen Dingen erfahrener Parteikollege, der seit langem für sie arbeitete. Er war in verschiedenen Bundesämtern für sie tätig gewesen und hatte sie bisher noch nie enttäuscht.

Die Strasse vor dem Bundeshaus lag still da. Sie dachte an das, was kommen würde, und die Triumphe, die sie feiern würde.

Sie lächelte erneut. Das Leben konnte so schön sein.

1

Fohrbach

Jenny erwachte kurz vor acht Uhr. Es war bereits hell draussen, und die Sonne schien ins Schlafzimmer. Vor einiger Zeit hatte er aufgehört, einen Wecker zu stellen, und begonnen, es seiner inneren Uhr zu überlassen, ihn zu wecken. Ein guter Freund hatte ihm erzählt, dass dies funktionieren würde. Zuerst hatte er nur ungläubig zugehört und sich überhaupt nicht vorstellen können, dass das tatsächlich klappen würde. Aber nach und nach hatte er festgestellt, dass er wirklich auf einen Wecker verzichten konnte. Inzwischen ging es sogar so weit, dass er sich am Abend vor dem Einschlafen sagen konnte, er möchte um fünf Uhr aufwachen, und dass das dann auch wirklich eintrat. Überhaupt wunderte er sich manchmal, wie mühelos sich manche Dinge im Leben einstellten und wie andere wiederum einfach nicht passieren wollten.

Er drehte sich auf den Rücken und streckte sich. Er hatte viel geträumt, konnte sich aber an nichts wirklich erinnern. Es blieb ein Gefühl des Unwohlseins. Das Kopfkissen war warm und feucht. Er hatte viel geschwitzt. Auch das T-Shirt, das er zum Schlafen trug, war um den Hals herum feucht. Er seufzte, stand auf, ging ins Bad, rasierte sich und nahm eine Dusche. Er zog frische Kleider an und machte sich ein kleines Frühstück. Die Kaffeemaschine machte wie immer einen unglaublichen Lärm beim Mahlen und Aufbrühen. Aber dafür schmeckte der Latte Macchiato gut. Zum Essen gab es ein Müesli aus Haferflocken, Himbeeren und Milch. Er setzte sich an den kleinen runden Esstisch in der Nische neben der Küche und genoss sein Frühstück.

Die Wohnung in einer Agglomerationsgemeinde von Zürich hatte er vor drei Jahren bezogen. Aus dem einstigen Fischer- und Weinbauerndorf war mehr oder weniger eine Schlafgemeinde geworden. Auch wenn ein paar Unentwegte und Alteingesessene den Traum vom aktiven Dorfleben nicht ohne einen gewissen Erfolg weiter pflegten. Es änderte nichts daran, dass die meisten Einwohner vor allem die tiefen Steuern und die Nähe zur grössten Schweizer Stadt schätzten. Ihm selber ging es auch so. Die Wohnung war ruhig und am Ende einer Sackgasse gelegen. Der Block stammte aus den 60er-Jahren und war für damalige Verhältnisse relativ luxuriös konzipiert. Die Einheit umfasste lediglich vier Wohnungen. Jede hatte vier Zimmer, einen grossen Balkon, der zwar ein Schlauch war, ein Gäste-WC und ein Cheminée. Alles in allem etwa hundert Quadratmeter. Für eine Kleinfamilie bestehend aus Eltern und zwei Kindern damals ein schönes Zuhause. Heute wohnte er alleine darin, und manchmal hatte er das Gefühl, dass der Platz gerade so ausreiche. An kalten Wintertagen schätzte er das offene Feuer im Cheminée. Von den anderen Mietern hatte er gehört, dass sie dieses selten benutzten und sich am Geruch störten. Ihm selber machte das nichts aus. Er genoss das Züngeln der Flammen, die Wärme und die Atmosphäre, die das Feuer verströmte.

Während des Frühstücks las er den Brief nochmals durch, der geöffnet auf dem Tisch lag. Nachdem er ihn im Briefkasten entdeckt hatte, hatte er ihn zuerst gar nicht aufgemacht. Aufgrund des aufgedruckten Absenders hatte er aber gewusst, dass es die Antwort auf seine Bewerbung war. Es war ein merkwürdiges, wenn auch hochoffizielles Inserat gewesen, auf das er sich gemeldet hatte. Für ein Pilotprojekt des Bundes wurden Freiwillige gesucht. Genaue Einzelheiten hatten gefehlt. Aber es hatte geheissen, es gehe um ein wichtiges Projekt im Interesse des Landes.

Was mochte das sein? Er hatte sich keinen Reim darauf machen können. Aber es wurde eine lukrative Entschädigung für die Teilnahme am Pilotprojekt in Aussicht gestellt. Und die konnte er gut brauchen. Von Haus aus ohne Vermögen hatte er sich selber durchs Leben gebracht. Vor über zehn Jahren hatte er sich selbständig gemacht und eine kleine PR-Agentur gegründet. Sie war spezialisiert auf Jubiläen und Firmengeschichten. Er hatte im Laufe der Zeit unterschiedliche Phasen durchgemacht. Nach einer schwierigen Anfangsperiode war es einige Jahre sehr gut gelaufen. Er hatte mehrere Mitarbeiter beschäftigt und den Umsatz in den siebenstelligen Bereich hochgetrieben. Dafür war sein ganzer Einsatz nötig gewesen. Für ein Privatleben war keine Zeit mehr übriggeblieben. Schliesslich hatte er gefunden, ein grosser Firmengewinn und ein hohes Einkommen seien steuerlich nicht besonders interessant. Zudem hatte die Wirtschaftskrise zum Verlust wichtiger Mandate geführt und so das Ihre zur Neuorientierung beigetragen. Nun standen nicht mehr Quantität und Wachstum im Vordergrund, sondern Qualität und Nachhaltigkeit. Inzwischen dümpelte die Agentur vor sich hin, und es war offen, wie es weitergehen würde.

Als er den Brief dann schliesslich geöffnet hatte, war er wirklich nervös gewesen. Wie würde die Antwort lauten? Würden sie ihn nehmen? Mit Ablehnung und Zurückweisung hatte er sein Leben lang schlecht umgehen können. Und was würde er sonst machen?

Das Schreiben war unterzeichnet vom Projektleiter. Sie hätten sich über seine Bewerbung sehr gefreut. Es seien mehrere hundert qualitativ hochwertige Kandidaturen eingegangen. Die Entscheidung sei nicht einfach gewesen. Sie hätten sich aber aus verschiedenen Gründen entschieden, ihn zu einer ersten Anhörung einzuladen.

Jenny war auch nach der x-ten Lektüre des Briefes erfreut und erleichtert zugleich. Er fühlte, dass sie ihn nehmen würden und dieses Projekt neuen Schwung in sein Leben bringen würde. Und gleichzeitig spürte er, dass dieses Projekt sein Leben für immer verändern würde.

Er ass sein Müesli mit den letzten Himbeeren aus Spanien, die wässrig und ohne viel Geschmack waren, trank seinen Kaffee aus und begann, sein Assessment und seine Reise nach Bern zu planen.

2

Seefeld

Die Besprechung fand an der Dunantstrasse statt. Das Sitzungszimmer im obersten Stock des Bürogebäudes aus den Siebzigerjahren war eigentlich viel zu gross für den Teilnehmerkreis. Lediglich zwei Personen nahmen am Meeting teil.

Die beiden Männer schwiegen. Der eine war gross, hager und hatte dünnes Haar. Er trug einen Anzug ohne Krawatte. Der andere war nicht weniger drahtig und für einen Journalisten überraschend gut gekleidet. Er trug eine Brille und spielte nervös mit einem Kugelschreiber.

Die Zahlen sprachen eine deutliche Sprache. Die Zahl der Abonnenten war im vergangenen Jahr erneut um fünf Prozent zurückgegangen. Aber was noch mehr wehtat, war der massive Einbruch bei den Werbeeinnahmen. Seit dem enormen Wachstum des Internets und der elektronischen Medien im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren immer grössere Werbebudgets von den traditionellen Zeitungen zu den neuen Medien geflossen. Diese Entwicklung hatte die gedruckte Presse massiv unter Druck gesetzt. Um Kosten zu reduzieren, wurden die Redaktionen ausgedünnt und mit jüngeren und günstigeren Journalisten besetzt. Print- und Online-Redaktionen wurden in Newsrooms zusammengelegt, um Synergien zu nutzen. Alles Schritte, die auch vor den sogenannten Qualitätsmedien nicht Halt gemacht hatten. Und als die Tablet Computer auf den Markt kamen, beeilten sich die Verlage, auch hier die Entwicklung nicht zu verpassen und ihre digitalen Angebote zu verbessern. In einem ersten Schritt wurden gewaltige Summen in die Herstellung digitaler Ausgaben investiert, die vorerst mit nur geringen Erträgen honoriert wurden. Denn wer sich informieren wollte, konnte das gratis im Internet tun. Ein Hauptproblem aber war, dass die Digitalisierung vorerst darin bestand, einfach die Printausgabe eins zu eins aufs Tablet zu bringen, statt die Zeitung mit den Möglichkeiten der neuartigen Hardware durch einen kühnen Wurf neu zu erfinden. Und die Journalisten, die in gesellschaftlichen Fragen zwar häufig progressiv eingestellt waren, hatten selber vielfach Mühe, sich der neuen Situation anzupassen.

Ganz besonders hart hatte es die Boulevard-Medien getroffen. Der Mix aus Sex, Sport und Skandalen, der in den 60er- und 70er-Jahren eine ganze Nation beglückt und dafür gesorgt hatte, dass das Blatt zur Cash Cow des Verlages geworden war, hatte im Internet und im Privatfernsehen grosse Konkurrenz gefunden. Die Auflage der Zeitung war seit Jahren im Sinkflug begriffen. Ein Wechsel des Formates und der Chefredaktoren hatten daran ebenso wenig ändern können wie aus Deutschland importierte hart gesottene Boulevard-Profis.

Und nun waren auch die neuesten Zahlen wieder verheerend.

„Was machen wir nun?“, fragte der Hagere.

„Wir werden das gründlich analysieren und…“, antwortete der Brillenträger.

„Analysen, Analysen!“ unterbrach der Hagere, sichtlich verärgert.

„Wir hatten schon genug Unternehmensberater im Haus! Wir brauchen jetzt Erfolge.“

Der Medienkonzern war trotz seiner Grösse und seiner zunehmend internationalen Ausrichtung immer noch in Familienbesitz. Der Hagere, der seit langem beim Konzern war und seit kurzem als Verlagsleiter tätig war, verstand sich bestens mit dem Mehrheitseigner, spielte regelmässig mit ihm Tennis, und konnte es sich erlauben, sich so aufzuführen.

Der bebrillte Chefredaktor ging in Deckung.

Die beiden kannten sich schon lange. Beide waren zusammen im gleichen Jahrgang auf die gleiche Journalistenschule gegangen, die auch zum Konzern gehörte. Ihre Karrieren waren etwa gleich steil verlaufen, aber es gab dem Hageren eine gewisse Befriedigung, dass er es etwas weiter gebracht und nun seinem Kollegen den Tarif durchgeben konnte.

„Die Geschichten im Blatt müssen viel emotionaler werden“, forderte der Hagere, nun wieder ruhig geworden. „Zurückhaltung ist absolut fehl am Platz. Schüttelt die Witwen richtig durch! Und mach das auch der Redaktion klar.“

Der Bebrillte sagte nichts. Er war eigentlich ein feiner Mann. Intelligent, gefühlvoll und stilsicher. Wie er beim Boulevard- Journalismus gelandet war, konnte er sich manchmal selber nicht erklären.

„Die politische Korrektheit hat auch beim Presserat um sich gegriffen“, wagte er, zu entgegnen. „Der neue Code of Conduct und die neuen Richtlinien sollen Privatpersonen besser vor medialen Angriffen schützen“, ergänzte er.

Der Hagere schwieg eine Weile.

„Der Presserat ist ein Papiertiger“, sagte er. „Das weisst Du genau so gut wie ich. Und er kommt immer zu spät. Nämlich dann, wenn eine Geschichte längst durch und wieder vergessen ist.“

Es kratzte ihn im Hals, und er packte ein Hustentäfeli aus. Während er das Papier entrollte, sagte er: „Du kannst so weit gehen, wie Du musst, um Erfolg zu haben.“

Der Eukalyptus tat ihm wohl. Genussvoll bewegte er das Täfeli im Mund hin und her.

„Habe ich Deine Rückendeckung?“, fragte der Chefredaktor.

„Das brauchst Du mich doch nicht zu fragen“, antwortete der Hagere.

„Also habe ich sie?“, insistierte der Bebrillte.

„Mach Dir nicht so viele Sorgen, Leo“, meinte der Hagere. „Überleg Dir lieber, wie Du Deine Redaktion in Schwung bringst und wie Du an packende Geschichten mit geilen Fotostrecken herankommst.“ Der Eukalyptus tat so gut. „Und damit Du siehst, dass ich es gut mit Dir meine, ein Tipp von mir: In Bern soll gerüchteweise eine noch geheime Sache am Dampfen sein. Eine grosse Kiste, eine noch nie dagewesen Sache. Häng Dich da rein. Falls das stimmt, was ich gehört habe, müssen wir die Geschichte unbedingt als erste im Blatt haben.“

„Worum geht es?“

„Ich weiss es nicht. Ein Pilotprojekt. Geheim halt. Mehr weiss ich auch nicht.“

Der Hagere blickte auf die Uhr und stand auf. Der Bebrillte tat es ihm gleich.

Sie gingen zur Tür, die der Hagere einen Spalt breit öffnete und dann wieder schloss.

„Ach, noch was. Der Alte hat keine Lust, noch viele weitere ausgebrannte Chefredaktoren mit Spezialprojekten durchzufüttern.“

Nun öffnete er die Türe ganz.

„Bitte nach Dir.“

3

Bethlehem

Der Stadtteil war genau der richtige Ort, um die Zentrale für das geplante Projekt einzurichten. Unauffällig, unscheinbar und ohne jede Spur von Prominenz. Müller kannte die Gegend von einer früheren Freundin, die an der Burgunderstrasse gewohnt hatte. Schon damals war ihm die städtische Agglomeration aufgefallen, und ihre Gesichtslosigkeit hatte ihn bedrückt.

Die damalige Freundin war eine „Rösselerin“ gewesen, und in ihrer Wohnung hatte es immer ein wenig nach Pferd gerochen. Die Beziehung hatte nur kurze Zeit gedauert, da sie auf eine feste Beziehung aus gewesen war, er aber weniger im Sinn gehabt hatte. Seine Karriere war ihm wichtiger gewesen. Er hatte politische Ambitionen gehabt, hatte ein politisches Amt angestrebt, war auf dem Sprung ins eidgenössische Parlament gewesen, war aber in der parteiinternen Ausmarchung zweimal unterlegen. Nun war er zu alt für die eidgenössische Politik, wie er selber fand, was aber Parteifreunde im Gespräch immer in Abrede stellten.

„Nein, Heinz, Du bist nicht zu alt. Tritt doch noch mal an. Das nächste Mal wirst Du bestimmt gewählt.“ Er war gegenüber Schalmeienklängen nicht unempfänglich, aber er wusste inzwischen, dass Parteifreunde längst nicht wirkliche Freunde waren. So war er denn dem Ruf der Bundesrätin gefolgt, die aus dem gleichen Kanton stammte wie er und die er seit Jahren aus der Partei kannte. Zwar nur wenig älter als sie, hatte er sich immer ein wenig als ihr Ziehvater gefühlt, und als sie dann nach einer kurzen und brillanten Karriere als Nationalrätin in den Bundesrat gewählt worden war, rechnete er diesen Erfolg auch ein wenig sich selber an. Und als sie begann, die Spitzenpositionen der ihr unterstehenden Bundesämter mit ihren Vertrauensleuten zu besetzen, trat ein, was er nicht zu hoffen gewagt hatte. Sie berief ihn als stellvertretenden Amtschef ins Bundesamt für Gesundheit mit der Aussicht, später einmal Direktor zu werden, wenn der amtierende Chef in Pension gehen würde. Er verfügte über keinen spezifischen gesundheitspolitischen Hintergrund. Er war immer nur ein Manager und Organisator gewesen, der in der Privatwirtschaft in unterschiedlichen Positionen tätig gewesen war. Aber er hatte dort seine Tüchtigkeit bewiesen und hatte nicht wenige Erfolge vorzuweisen. Aber nachdem ihm klar geworden war, dass für ihn dort die Luft je höher je dünner werden würde, war er sehr froh gewesen, als das Angebot der Bundesrätin gekommen war. Und nach kurzer Bedenkfrist hatte er zugesagt. (Eine sofortige Zusage hätte sich nicht geschickt.)

Es war dann allerdings nicht ganz so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Er hatte die Trägheit des Beamtenapparates und die Resistenz gegen Neuerungen und Änderungen in eingespielten Abläufen und Prozessen unterschätzt. Die Mitarbeiter und Kollegen beklagten sich über die Unruhe, die er in den Betrieb brachte. Schliesslich blieb der Bundesrätin nichts anderes übrig, als ihm eine goldene Brücke zu bauen und ihn mit Spezialprojekten zu betrauen. So konnte er das Gesicht wahren, und sie hatte wieder Ruhe in einem ihrer Schlüsseldepartemente.

So vergingen einige Jahre, bis eines Tages ein Vertreter einer amerikanischen Unternehmensberatung an die Tür klopfte und um einen Termin bat, um die neuesten Möglichkeiten des Technologieeinsatzes an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer zu präsentieren. Er war immer sehr zurückhaltend gewesen gegenüber solchen «kalten» Anrufen. Insbesondere die aggressive Akquisitionsstrategie von Unternehmen mit amerikanischer Unternehmenskultur hatte ihn auf einer persönlichen Ebene schon immer irritiert. Dieser Anrufer hingegen sprach ihn in breitestem Berndeutsch und der ihm seit langem bekannten Langsamkeit an. Das gefiel ihm. Er fühlte sich gleich richtig zu Hause.

Das erste Meeting war kurz und unverbindlich gewesen. Ein Warm up eben. Die zweite Runde wurde etwas konkreter, brachte aber nicht viel Neues. Dass man WCs mit Sensoren ausstatten konnte, die jeden Morgen den Urin analysierten und ein Gesundheitsbild ergaben, war nichts wirklich Weltbewegendes. Auch dass diese Werte direkt an die staatliche Krankenkasse übermittelt werden konnten mit einer unmittelbaren Auswirkung auf die Krankenkassenprämie des Betroffenen, wusste er bereits. Diese Pläne hatte der Bund schon lange geprüft und für gut befunden. Sie waren bisher lediglich an der Frage gescheitert, wer die Kosten für die Installation, den Betrieb und den Unterhalt des Systems tragen sollte.

Wirklich interessant war es geworden, als Leutwyler von einem Prototypen berichtete, der zeitgleich in den Entwicklungslabors des Unternehmens in den USA getestet würde. Dabei handelte es sich um einen Chip in der Grösse eines Stecknadelkopfes, der in den menschlichen Schädel eingesetzt werden könne. Dieser sei in der Lage, Gehirnströmungen- und -aktivitäten zu messen und zu übermitteln. Dieses System würde derzeit bei verschiedenen Menschenaffen getestet, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis diese Technologie ausgereift und einsatzbereit wäre. Wie früher beim Internet und bei der mobilen Kommunikation stelle sich nur noch die Frage des Contents, der Inhalte. Neue Technologien müssten eben mit Inhalten gefüllt werden, damit sie genutzt werden könnten. Und wie beim Internet die Frage des Inhalts mit Spielen, Pornographie und Wissensvermittlung im weitesten Sinn gelöst worden sei, so müssten auch für dieses System nur noch die richtigen und zweckmässigsten Inhalte gefunden werden.

Es liess sich im Nachhinein nicht mehr genau sagen, wann und wie die Idee entstanden war. Fest stand nur, dass der neueste Jahresbericht des BfS mit der aktuellen Scheidungsstatistik eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Nachdem sich die Scheidungsrate im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bei etwa 50 Prozent eingependelt hatte (Schweizer höher, Ausländer niedriger), stieg sie im zweiten Jahrzehnt auf 55 Prozent an. Sie verlief danach einige Jahre stabil, um dann erneut anzusteigen. Und gemäss den neuesten Zahlen bewegte sie sich nun auf 60 Prozent zu. Der Druck auf die Politik, endlich einzugreifen und wieder für stabile gesellschaftliche Verhältnisse zu sorgen, nahm schlagartig zu. Auch Müllers Partei, die zwar längst völlig säkularisiert war, aber noch immer das C in ihrem Namen trug und sich als einzige noch für moralische Werte stark machte, war gefordert. Ganz zu schweigen von den gewaltigen Gesundheitskosten, die durch die hohe Scheidungsrate verursacht wurden.

Warum sollte es nicht möglich sein, das Verhalten der Menschen staatlich zu überwachen und wenn möglich zu steuern? Gerade wenn es um moralische Werte ging, standen die Gesellschaft und ihr Vollstrecker, der Staat, doch gewissermassen in der Pflicht. Und wenn ein gesellschaftspolitischer Konsens darüber bestand, was gut und was böse sei, waren Politik und Behörden hinreichend legitimiert, um die Menschen draussen im Lande von der schiefen Bahn abzuhalten. Im Grunde genommen ging es eigentlich nur um eine auf den neuestenn technologischen Möglichkeiten basierende Weiterentwicklung des Strafrechts. Gewissermassen um eine neue, zivilisatorisch höhere, Stufe der Prävention.

Diese Gedanken waren Müller damals innert kürzester Zeit durch den Kopf gegangen. Er hatte sich ein paar Notizen gemacht, hatte darüber gebrütet und sich schliesslich entschieden, die Bundesrätin um eine Audienz zu bitten und mit seinen Ideen zu konfrontieren. Sie hatte ihm lange zugehört und schliesslich nach kurzem Zögern gesagt: „Gute Idee. Mach ein Projekt daraus. Dann schauen wir weiter.“

Und er hatte ein Projekt daraus gemacht mit Zielsetzungen, Massnahmen, Zeitplänen, Kosten und offenen Fragen. Sie hatten sich wieder getroffen, an diesem und jenem gefeilt, und schliesslich eine fertige Lösung erarbeitet. Dann war der verwaltungsinterne Abstimmungsprozess gefolgt, angefangen mit den betroffenen Bundesämtern im Departement der Bundesrätin, und schliesslich mit den zuständigen Bundesämtern in den anderen Departementen. Es hatte da und dort Retuschen und Ergänzungen gegeben. Insbesondere das Bundesamt für Justiz hatte auf die Probleme im Umgang mit dem Vollzug und weiteren Strafbestimmungen aufmerksam gemacht. Aber diese hatten sich alle lösen lassen. Schlussendlich hatten ein fertiger Bericht und ein Antrag an den Gesamtbundesrat vorgelegen, der ohne längere Diskussion verabschiedet worden war. Schliesslich ging es nur um ein Pilotprojekt. Und erst wenn dieses erfolgreich abgeschlossen sein würde, käme der ganz grosse Schritt zum neuen Bundesamt – dem er als Direktor vorstehen würde.

Soweit war es aber noch nicht. Zuerst galt es, die Pilotphase zu überstehen und diesen Projektteil erfolgreich zu Ende zu führen. Dafür standen die bescheidenen Räumlichkeiten in Bern Bethlehem zur Verfügung und dafür mussten sie reichen. Vorerst wenigstens.

4

Seefeld

In der Redaktion herrschte um diese Zeit ein emsiges Treiben. Das lag daran, dass nun auch die Kolleginnen und Kollegen der Print-abteilung ihre Beiträge abschliessen mussten. Seit alle Redaktionsmitglieder im sogenannten Newsroom zusammengelegt worden waren, gab es eigentlich nie mehr eine ruhige Minute in der Redaktion. Von morgen früh an wurden News gefiltert, ausgewählt und für die verschiedenen Informationskanäle aufbereitet. Nicht alle mochten diese Entwicklung. Nicht nur die älteren Kolleginnen und Kollegen, die das Zeitungsmachen noch aus der vordigitalen Ära kannten, auch jüngere taten sich zum Teil schwer. Viele Journalisten waren eher introvertierte Persönlichkeiten, die es schätzten, in Ruhe über eine Sache nachzudenken, sich ihre Meinung zu bilden und diese anschliessend zu Papier zu bringen. Wobei Papier schon lange aus den Redaktionen verschwunden war.