An der Spoar - Schicksalsjahre eines kleinen Moseldorfes - Peter Essner - E-Book

An der Spoar - Schicksalsjahre eines kleinen Moseldorfes E-Book

Peter Essner

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Beschreibung

Piesport in den Jahren 1506 bis 1508. Ein kleiner friedlicher Ort an der Mosel. Hauptort eines großen Landkapitels im damaligen Erzbistum Trier. Die Einwohner sind glücklich und zufrieden, gehen ihrer Arbeit in den Weinbergen, den Feldern und Gärten nach. Stöhnen manchmal unter der Abgabenlast an die Grundherren, ertragen aber in Geduld die Last des Alltags. Der Piesporter Wein, das Aushängeschild des Ortes, ist sehr begehrt, so dass viele Grundherren hier Besitz haben: Kurfürsten, Erzbischöfe, Grafen, Klöster und angesehene Bürger aus der nahen Stadt Trier. All haben ihre Vertreter als Meier und Hofleute im Ort Feste werden gefeiert, Märkte abgehalten, Kinder werden geboren und alte Leute sterben wie überall auf der Welt. Nichts deutet auf eine nahe Katastrophe hin, die sich langsam einschleicht und deren Tragweite und Folgen erst erkannt werden, als es bereits zu spät ist: auswärtige Zirkusleute schleppen die Pest ein! Keiner glaubt daran. Alle wähnen die Pest in Europa ausgerottet. Ein Wettlauf mit dem "Schwarzen Tod" beginnt, doch dieser kann nur verloren gehen. Ein kleiner Trost bleibt - die Hilfsbereitschaft. Und die Nächstenliebe. Hierüber berichtet dieser Roman.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2019

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An der Spoar

An der Spoar

An der Spoar

PETER ESSNER

-------------------------------------------------------

Schicksalsjahre eines kleinen Moseldorfes

Historischer Roman,

frei erzählt nach einer wahren Begebenheit.

Buch

Piesport in den Jahren 1506 bis 1508.

Ein kleiner friedlicher Ort an der Mosel. Hauptort eines großen Landkapitels im damaligen Erzbistum Trier. Die Einwohner sind glücklich und zufrieden, gehen ihrer Arbeit in den Weinbergen, den Feldern und Gärten nach. Stöhnen manchmal unter der Abgabenlast an die Grundherren, ertragen aber in Geduld die Last des Alltags.

Der Piesporter Wein, das Aushängeschild des Ortes, ist sehr begehrt, so dass viele Grundherren hier Besitz haben: Kurfürsten, Erzbischöfe, Grafen, Klöster und angesehene Bürger aus der nahen Stadt Trier. All haben ihre Vertreter als Meier und Hofleute im Ort

Feste werden gefeiert, Märkte abgehalten, Kinder werden geboren und alte Leute sterben wie überall auf der Welt. Nichts deutet auf eine nahe Katastrophe hin, die sich langsam einschleicht und deren Tragweite und Folgen erst erkannt werden, als es bereits zu spät ist: auswärtige Zirkusleute schleppen die Pest ein! Keiner glaubt daran. Alle wähnen die Pest in Europa ausgerottet. Ein Wettlauf mit dem „Schwarzen Tod“ beginnt, doch dieser kann nur verloren gehen.

Ein kleiner Trost bleibt - die Hilfsbereitschaft.

Und die Nächstenliebe.

Hierüber berichtet dieser Roman.

© Copyright 2018 by Peter Essner

GMG-Soft GbR (V.i.S.d.P)

Layout, Umschlaggestaltung, Bilder und Skizzen:

GMG-Soft Gbr, Unterer Wierth 22, 54498 Piesport

[email protected]

Karte auf Umschlag:

Ausschnitt aus: Carte des Territoires de

Nider-Emmel, Müster et Piesport, um 1770

Druck und Vertrieb:

epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Dieser Roman ist gewidmet allen,

die in dieser Geschichte ihr Leben verloren,

viel Leid erduldeten

und denen, die den Leidenden

Trost und Hilfe spendeten.

Weiterhin allen, die das Gedenken an diese

Ereignisse bis heute wach hielten und in alle

Zeiten wach halten werden.

Personenregister.

Die mit einem * versehenen Personen sind teils in dieser Zeit historisch belegt, teils Namen von Personen, die nachweislich in Piesport und Umgebung gelebt haben, wenn auch teils in einer anderen Zeit. Deren Namen sind aus noch in Archiven vorhandenen alten Einwohner- und Steuerlisten entnommen. Die ihnen zugeordneten Ämter sind, wenn nicht zeitlich belegt, frei zugeordnet.

In der Gegenwart:

                  Der Wanderclub „Feste Schuhe“

                                            Klaus, Werner, Günther, Hans, Herbert, Hubert

                  Der Erzähler: Karl, ein älterer Herr aus Piesport

In der Zeit des Romans:

                          Gotthard, Graf von Esch*, +1465

                          Godefried, Burgvogt des Grafen von Esch

                          Jörg und Martin, Wachsoldaten an der Spoar

                          Jakob II. von Baden*, Kurfürst von Trier, 1503 bis 1511

                          Sebastian vom Rhein, Generalvikar des Erzbischofs

                          Adriano Compati, Leibarzt des Kurfürsten

                          Gerhard von der Lippe*, Prior der Augustiner,um 1483 bis 1527

                          Johann von Piesport*, Bürgermeister in Trier,1495 bis 1563

                          Salentin von Isenburg-Grenzau und Elisabeth*,(1476 bis 1536), Grafen von Hunolstein

                          Adam II*., Vogt von Hunolstein (1480 bis 1520)

Personen in Piesport mit offiziellen Funktionen (Offiziale)

                          Johan von Siegen*, Pfarrer in Piesport. um 1483 urkundlich erwähnt

                          Peter Hart*, der Meier der kurfürstlichen Güter

                          Wintrichs Theis*, der Vertreter von Himmerod

                          Velten Hans*, der Meier von Ouren

                          Wilbert Jakob*, der Zender der Zivilgemeinde

                          Bast Leyendecker*, der Hofmeister der Grafen von Esch

                          Tintrich Endres*, Meier des Abteilich TholeyerFünftels

Bürger von Piesport:

                           Lena, die Frau des Zenders, Cecilia, ihre Tochter

                           Familie Schoupf, Peter und Luise

                                                     Kinder: Pit, Michel, Klara, Barbara

                           Familie Schoupf, Walter und Agnes

                                                     Kinder: Hinz, Fritz, Helena, Mechthilt, Irmel

                          Frauen aus dem Oberdorf:

                                                     Eva, Otilia, Irmel, Dorothea, Waltrudis,Adelheid

                          Frauen aus dem Unterdorf:

                                                     Barbara, Margret, Katharina, Elisabeth,Walburga

                          Feiten Theiß, Mann von Margret

                          Nikolaus Geisen, Mann von Barbara

                          Martha, Schwester von Agnes

                          Ella, Witwe von Thönigens Wilhelm, die Kräuterfrau

Sebastiansbruderschaft:

                          Bechers Hans: Bruderschaftsmeister

Sonstige Offiziale:

                          Albrecht Lorenz, Zender von Krames

                          Michel Arenz, Zender von Müstert

--- Die Spoar ---

Hallo Wanderer,

erreichst Du diesen Ort,

halt inne hier,

denn geheiligt ist dieser Boden

auf dem Du stehst.

Geheiligt und geweiht ist er

durch die Gaben,

die er gesehen;

geheiligt und gesegnet ist er

durch die Tränen,

die ihn benetzten.

Hallo Wanderer,

im Gedächtnis sollst Du bewahren

diesen Ort für alle Zeiten,

dass nicht vergessen wird,

was hier einst geschehen;

dass nicht vergessen wird,

dass großes Leid und Wohltat

hier zueinander fanden.

Hallo Wanderer,

sieh hinab ins Tal,

wo dieses Leid die Menschen traf;

wo der „Schwarze Tot“ wütete,

nur wenige ihm entrannen.

Sieh hinauf über die Höhe,

von der die Wohltäter kamen,

hierher die Gaben zu bringen,

zu lindern das Leid da unten.

Hallo Wanderer,

halt inne hier,

in der Ruhe der Kapelle

gedenke mit einem Gebet

der Toten da unten.

Gedenke auch der anderen,

die von der Höhe nach hier kamen,

die Toten zu beweinen,

den Lebenden Hilfe und Trost zu bringen.

Hallo Wanderer,

verweile hier in der Stille,

nimm auf in Deine Seele

das Gedenken an diesen Ort,

verkünde allen, was hier geschehen,

und trage es als ewiges Vermächtnis

der Nächstenliebe in alle Welt.

Das „Spoarbildchen“

mit der Inschrift:

ANNO 1506 BIS 1508 BLIEBE

DAHIE ZU P. VON 98 BUE

UIBRICH 16. STARBEN

MIT DEM L. P. KRANCK

- 1 -

Bei dem allmonatlichen Treff der Wanderfreunde „Feste Schuhe“ sollte das Wanderprogramm für die nächsten Wochen besprochen werden. Dieses Mal trafen sie sich turnusgemäß bei dem Clubkameraden Klaus.

„Hallo Klaus“, begrüßte ihn der erste Ankömmling, Werner. „Hast du auch genug Bier für heute Abend kalt gestellt? Ich hab heute mächtig Durst.“

„Selbstverständlich!“, antwortete ihm Klaus. „Aber lass den anderen auch noch etwas übrig. Was war denn heute los, dass Du als erstes nur an Bier denkst?“

„Heute? Meine Frau hat mir keine Ruhe gelassen, endlich einmal das Unkraut im Garten zu beseitigen. Außerdem musste auch noch der Rasen gemäht werden. Du weist ja selbst, was das für eine Arbeit bei uns ist“, antwortete ihm Werner.

„Ja, ich weiß, aber sei unbesorgt, ich habe genug da, dass auch für die anderen vier noch was übrig bleibt. Aber wo stecken die. Wir wollten doch heute ausnahmsweise mal pünktlich sein, weil wir ja zuerst noch die Bilder und den kleinen Handyfilm von Deiner Panne bei der letzten Wanderung anschauen wollten.“

„Hör’ auf! Ihr wollt euch doch nur wieder auf meine Kosten amüsieren und über mein Missgeschick lachen.“

„Aber Werner! Es war auch zu komisch, wie Du in der Gegend rumgeschaut hast, dabei die einzige Pfütze weit und breit übersehen und dann eine volle Bauchlandung darin hingelegt hast. Einfach drollig sah es aus, wie Du dich aufgerappelt hast – voll Matsch von oben bis unten. Dein Gesicht hättest Du sehen sollen – einfach umwerfend. Der Film ist super, hab schon daran gedacht, ihn bei YouTube einzustellen.“

„Ja“, antwortete er. „So was kann auch nur dir passieren, meinte meine Frau, als ich ihr davon erzählt habe. Von dem Gelächter meiner Kinder ganz zu schweigen. Das mit YouTube lass aber sein.“

„Ist gut, mit YouTube war auch nur ein Scherz; - kannst es nachher ja selbst - Moment - es hat geklingelt, das müssen die anderen sein.“

Klaus ging nun zur Tür und ließ seine weiteren Freunde ins Haus. Mit einem Hallo begrüßten sie ihn und den bereits anwesenden Werner.

Nachdem dann alle zur Einstimmung die erste Runde auf den glücklichen Ausgang von Werners’ Missgeschick getrunken, die Bilder und das kleine Handyvideo angesehen hatten und auch Werner darüber lachen konnte, war Klaus an der Reihe. Wie üblich sollte immer der Clubkamerad die nächste Wanderung vorbereiten, bei dem das Treffen war.

Klaus breitete nun eine Wanderkarte aus und begann seinen Vorschlag zu erläutern.

„Ich denke, unsere nächste Tour sollte mal wieder nach Piesport gehen. Dort waren wir schon ewig lange nicht mehr. Schaut her!“ Klaus drehte die Karte um damit alle seinen Ausführungen folgen konnten. „Von der Autobahnabfahrt Salmtal fahren wir zuerst nach Klausen. Können dort einen Abstecher in die Wallfahrtskirche machen und kurz beten, dass wir wieder alle gesund heimkommen. Dann fahren wir auf die Höhe zum Piesporter Heiligenhäuschen. Dort ist ein Parkplatz, wo wir unsere Autos abstellen können und dann zu Fuß runter ins Tal gehen.“

„Doch wohl nicht über die Serpentinenstrecke!“ warf Günther ein. „Da ist zu viel Verkehr, besonders an den Wochenenden wimmelt es auf dieser Straße von Motorrädern, die dort ihre Fahrkünste ausprobieren wollen, die Strecke mit einer Helmkamera filmen und dann ins Internet stellen. Habt ihr davon noch nichts gehört? Vor einiger Zeit war davon sogar ein Artikel in der Zeitung, in dem sich Anwohner von der anderen Moselseite über die Lärmbelästigung beschwert haben.“

„Ja, den habe ich gelesen“, entgegnete ihm Klaus. „Deshalb habe ich auch einen anderen Weg ins Tal gewählt. Seht her! Von dem Wanderparkplatz auf der Piesporter Höhe zweigt parallel zu der Straße ein unbefestigter Waldweg ab - gut zu gehen und ohne jeden Verkehr und schattig. Unterwegs gibt es an einer Kapelle einen schönen Aussichtspunkt, von dem man über die ganze Moselschleife von Neumagen aus über die Emmeler Flur bis nach Minheim sehen kann. Dann befindet sich auf halber Höhe ein Ausflugslokal, wo wir uns für den weiteren Abstieg stärken können. Denn dieser geht, ihr wollt ja Verkehrsstraßen vermeiden, über einen langen Stufenweg durch die Weinberge nach unten. Von den Piesportern wird er auch der ‚Tausend-Stufen-Weg’ genannt. Es sind zwar nicht ganz so viele, ist aber trotzdem sehr reizvoll, da man dann immer das ganze Tal im Blick hat.“

„Da hast Du dir aber mal was besonderes ausgesucht“, meinte Herbert. „Und wie geht es dann weiter? Denn wenn wir unten sind, haben wir bestimmt auch Hunger und Durst.“

„Auch das habe ich geregelt. Wir gehen weiter an der Mosel entlang, überqueren diese dann bei Müstert über die Brücke. Und in Müstert kenne ich ein Lokal, das genau am Weg liegt. Dort kann man gut und preiswert essen, dazu einen edlen Tropfen aus eigener Produktion kosten und von der Terrasse die Aussicht auf den Fluss genießen. Hier auf der Karte habe ich den Weg eingetragen.“

„Moment mal!“ warf Hans ein. „Was für eine alte Karte hast du denn da. Soweit ich weiß, ist diese Brücke doch nach dem Zusammenstoß mit einem Schiff zum Leidwesen vieler Piesporter Bürger und Touristen vor ein paar Jahren abgerissen worden.“

„Du hast Recht. Daran habe ich nicht mehr gedacht. Ist aber kein Problem. Dann gehen wir eben über die Piesporter Brücke, dann am Moselufer den Radweg entlang und kommen an der gleichen Stelle wieder raus, wo das Restaurant steht.“

„Wie ist es dann mit dem Rückweg?“ fragte Hubert.

„Auch das ist kein Problem. Wenn wir uns gegen Abend zu müde fühlen, den Aufstieg über den ‚Tausend-Stufen-Weg’ zu machen, können wir uns mit einem Planwagen wenigstens bis zu dem Ausflugslokal auf halber Höhe fahren lassen und legen den Rest der Strecke zu Fuß durch den Waldweg zurück. Auch das kann ich noch kurzfristig vor Ort regeln. OK!“

„Wunderbar!“ stimmten alle dem Vorschlag von Klaus zu. „Fehlt nur noch das passende Wetter.“

„Hab ich schon auf der entsprechenden Webseite nachgesehen: Ideales Wanderwetter ist angesagt.“

„Dann kann uns ja nichts passieren“, war das Fazit von Werner, und alle stimmten ihm zu.

Nachdem nun alles geregelt war, stärkten sie sich noch mit einem kühlen Blonden für den Heimweg und bekräftigten den Plan dann mit der Parole des Wanderclubs:

„Fester Schuh - fester Tritt - und Marsch!“.

„Dann bis Samstag gegen Neun wie immer auf dem Parkplatz am Ortsausgang!“ rief Klaus den Scheidenden noch nach. „Aber bitte pünktlich sein. Es wird ein langer und schöner Tag werden.“

- 2 -

Der Samstag kam, und alle waren pünktlich zur Stelle. Da Klaus einen kleinen Bus besaß, einigten sie sich, bei ihm einzusteigen. Die Fahrzeuge der anderen Clubmitglieder konnten daher auf dem Parkplatz verbleiben.

In Klausen angekommen, ein kurzer Stopp zum Besuch der Wallfahrtskirche. In der angenehmen Kühle des Gotteshauses bereiteten sie sich auf den Tag vor, und zündeten vor dem Gnadenbild der „Schmerzhaften Mutter Gottes“ eine Kerze für den guten Abschluss der Wanderung an.

„Dieser Besuch hat uns die richtige Einstimmung für den Besuch in Piesport gegeben“, meinte Günther. „In irgendeinem Zusammenhang steht doch diese Wallfahrtskirche mit unserem heutigen Ziel. Irgendwo habe ich mal was darüber gelesen oder gehört. Genaues weis ich nicht mehr. Aber unten im Ort können wir uns darüber erkundigen.“

„Gute Idee“ meinte Hans. „Dann können wir unsere Wanderung auch noch mit einem kleinen Geschichtsunterricht verbinden. Für so was bin ich immer aufgeschlossen.“

Also machten sich die Sechs wieder auf den Weg, bestiegen das Fahrzeug und fuhren los bis zur Höhe beim Piesporter Heiligenhäuschen. Dort stellten sie ihr Fahrzeug auf dem Wanderparkplatz ab. Anhand der hier angebrachten Schautafel und der Wegweiser wurde der schattige Waldweg ins Tal schnell gefunden.

Sie tauchten nun ein in das kühle Dämmerlicht der Bäume und ließen die Stille des Waldes auf sich einwirken, genossen das Zwitschern der Vögel, das feine Summen von Insekten, füllten ihre Lungen mit der angenehmen frischen sauerstoffreichen Luft, und hingen ihren Gedanken nach.

„Wisst Ihr, dass wir uns hier auf einer geschichtlichen Strecke bewegen?“, fragte Günther plötzlich in diese Ruhe reinplatzend die anderen.

„Ja“, antworte Hans. „Auf diesem Weg soll die alte Römerstraße als Verbindung von der Eifel über die Mosel zum Hunsrück verlaufen sein.“

„Woher weißt Du das denn. Als Geschichtsexperten habe ich gerade Dich bisher nicht eingeschätzt“, wunderte sich Herbert.

„Für wie dumm hältst Du mich, Herbert. Etwas aus der Schule ist bei mir noch hängen geblieben“, wehrte er sich.

„Ist schon gut, so habe ich es auch nicht gemeint.“

Während sie sich dann weiter über dieses angeschnittene Thema unterhielten, und was sie weiterhin an diesem Tag erwartete, hatten sie bald das erste Ziel erreicht - den Aussichtspunkt an der Spoarkapelle.

„Da steht ein Fahrzeug, hier ist anscheinend jemand“, stutzte Klaus als er aufblickte. „Vielleicht jemand aus dem Ort, der uns diesen seltsamen Begriff ‚Spoar‘ erklären kann. Auf meiner Karte ist diese Stelle so eingetragen und die Kapelle als ‚Spoarkapelle‘. Ein Fremder ist es jedenfalls nicht, das zeigt schon das Nummernschild des Fahrzeugs.“

„Kommt lasst uns nur die Kapelle ansehen und dann weitergehen. Vielleicht stören wir nur“, meinte etwas ängstlich Hans.

„Kommt überhaupt nicht in Frage“, setzte Klaus hinzu. „Jetzt sind wir schon bis hier hingekommen und nun gehen wir erst mal in die Kapelle und dann nach vorn zu dem Aussichtspunkt. Dort steht bestimmt eine Bank, auf der wir uns ein paar Minuten ausruhen und dann weiter gehen können. Der Fahrer des Fahrzeugs wird uns schon nicht böse sein, dass wir ihn stören – wenn überhaupt jemand da ist. Es ist vielleicht nur eine andere Wandergruppe, die ihr Fahrzeug hier abgestellt hat. Und wenn einer aus Piesport hier ist, umso besser. Vielleicht weiß der etwas über die Bedeutung dieses Orts und den seltsamen Namen und kann uns davon erzählen.“

„Ich bin dabei!“, sagte Günther. „Dümmer werden wir davon nicht“, stimmten die anderen nun zu.

Nachdem sich die sechs Wanderer die Kapelle von innen angesehen hatten, gingen sie um diese herum nach vorne zu dem Aussichtspunkt. Ein traumhafter Ausblick bot sich ihnen von hier, und sie konnten sich lange nicht von dem Anblick losreißen.

„Ein schönes Fleckchen Erde ist das hier. Nicht wahr?“ sprach sie dann auf einmal der einsame Besucher, ein älterer Herr, von hinten an.

Nachdem sie sich zu ihm umgedreht hatten, fuhr er fort: „Ich bin sehr oft hier oben, besonders seitdem meine Frau gestorben ist, und suche Trost in der Kapelle. Ihr habt wohl schon die vielen Votivtäfelchen darin gesehen. Nach meinem Tod lasse ich auch eine anbringen. Den Platz dafür habe ich mir schon ausgesucht. Schaue dann hinunter auf mein Heimatdorf. Meine Sorgen werden dann viel kleiner, wenn ich die Weite der Landschaft auf mich einwirken lasse und sehe, wie klein alles von hier oben aussieht. Dann fahre ich wieder beruhigt und zufrieden ins Tal zurück in mein Haus.“

„Sie sind aus Piesport?“, fragte ihn Klaus.

„Ja“, antwortete er. „Ich lebe seit meiner Geburt dort. Auch bin ich froh, wenn ich hier oben anderen Menschen begegne und mich mit ihnen unterhalten kann. - Eurem Schuhwerk nach zu urteilen, seid Ihr Wanderer und wollt auch nach unten in den Ort.“

„Ist richtig. Wir haben unser Fahrzeug oben auf der Höhe auf dem Parkplatz stehen, sind den Waldweg herunter gekommen, wollten hier kurz rasten und dann die vielen Stufen durch die Weinberge nach unten gehen.“

„Über den ‚Tausend-Stufen-Weg’?

„Ja“

„Da habt Ihr Euch aber einen sehr anspruchsvollen Weg ausgesucht.“

„Das stimmt. Uns als geübte Wanderer dürfte das jedoch nichts ausmachen. Außerdem werden wir dabei auch mit der Aussicht auf diese wunderschöne Landschaft belohnt.“

„Dieser Ort hier oben“, griff Günther nun in das Gespräch zwischen Klaus und dem älteren Herrn ein. „Diese Kapelle, der Name ‚Spoar‘ und der Bildstock gegenüber in dem Felsen, haben diese eine besondere Bedeutung? Und was hat es mit der rätselhaften Inschrift auf dem Bildstock auf sich?“

„Ja“, sagte der ältere Herr „Dies ist eine sehr lange Geschichte, eigentlich zwei Ereignisse, die sich vor vielen, vielen Jahren hier in der Gegend abspielten. Der erste Teil dieser Geschichte - ein sehr trauriger - ereignete sich unten im Ort. Der zweite Teil klingt tröstlich und steht in Verbindung mit einem anderen kleinen Dorf hinter dem Berg, wo Ihr Euer Auto stehen habt. Hier an dieser Stelle verbinden sich diese beiden Teile. Deshalb ist dies hier auch ein heiliger Ort, ein Ort der Ruhe und Besinnung. Ich hoffe, Ihr versteht nun, weshalb ich so gerne hier verweile.“

„Können Sie uns diese Geschichten nicht erzählen?“ hakte Günther, nun neugierig geworden, nach.

„Gerne, wenn Ihr Zeit habt und dadurch Euer Wanderplan nicht durcheinander gerät.“

„Keineswegs“, meldete sich nun auch Werner zu Wort. „Sie haben uns alle sehr neugierig gemacht. Für diese Geschichte nehmen wir uns die Zeit. Sie scheint doch sehr spannend zu sein. Was meint ihr dazu?“ fragte er nun in die Runde seiner Wanderkameraden.

„Auf alle Fälle!“, war die einstimmige Antwort.

„Gut“, antwortete ihnen der ältere Herr. „Aber warum weiter so förmlich, nennt mich einfach Karl.“

„Einverstanden“, antwortete Klaus.

Nachdem sich nun alle mit ihren Vornamen bekannt gemacht hatten und zur Besiegelung die Hände schüttelten, setzten sie sich auf die Bank hinter der Kapelle und warteten auf die Erzählung von Karl.

„Bevor ich beginne, lasst uns noch eine kleine Stärkung zu uns nehmen. In meinem Auto habe ich noch ein paar Flaschen Wein, ein Piesporter Goldtröpfchen aus meinen Weinbergen und auch Gläser liegen. Gehst du mir diese mal holen, Klaus, der Kofferraum ist auf. Einen Korkzieher habe ich bei mir in der Tasche.“

Nachdem nun Klaus die Weinflaschen herbeigebracht hatte, diese entkorkt waren, jedem ein Glas eingeschenkt war, stießen sie alle an und besiegelten damit die neue Freundschaft.

- 3 -

Karl begann nun mit der Erzählung.

„Für diese Geschichte müssen wir über 500 Jahre zurückgehen, in das Jahr 1506. Piesport war damals ein bedeutender Ort mit fast 500 Einwohnern, sogar Hauptsitz eines Landdekans, also der Mittelpunkt eines großen Verwaltungsbezirks im alten Erzbistum Trier.

Die Pfarrkirche unten im Dorf gab es damals noch nicht, diese stand auf halber Höhe in den Wingerten – dort wo jetzt mitten in einem Weinberg eine Kapelle steht – seht Ihr? Auch der Friedhof befand sich dort.

Weiterhin war Piesport auch damals schon wegen seines Weines bekannt und begehrt, sodass viele auswärtige Herren, nicht nur der Kurfürst und Erzbischof von Trier, auch viele Klöster und reiche Bürger hier Besitzungen hatten. Ihr werdet es erkennen, wenn ihr euch die Häuser unten anschaut – die stattlichsten und größten waren die Verwaltungsgebäude der auswärtigen Herren und auch einiger einheimischer begüterter Winzer. Es bestanden dadurch weitreichende Beziehungen zu vielen Fürsten und Grafen des damaligen ‚Heiligen Römischen Reiches’ bis hinauf über den Kurfürsten bis zum Kaiser.“

Karl erzählte und erzählte, vergaß dabei die Zeit, und sein inneres Auge tauchte ein in den Ort um das Jahr 1506 -----

----- Es war Neujahrstag 1506, ein nasskalter Wintertag. Pfarrer Johan von Siegen beendete soeben den Festgottesdienst in der Michelskirche oben in den Weinbergen, ging in die Sakristei, legte die Messgewänder ab und nahm die Klingelbeutel in Empfang. Neugierig schaute er hinein und freute sich über die große Anzahl der Münzen: sehr viele Kleinmünzen, auch eine Menge Florin sah er und sogar einige Goldgulden waren darunter. Er wartete noch auf die drei Offizialen vom Pfarrvorstand, um die Summe der heutigen Kollekte festzustellen. Da kamen sie auch schon: Peter Hart, der Meier der erzbischöflichen Güter, Wintrichs Theis, der Vertreter von Himmerod und Wilbert Jakob, der aktuelle Zender der Zivilgemeinde. Pfarrer Johan von Siegen schüttete die beiden Klingelbeutel auf dem Tisch der Sakristei aus. Dann begannen sie die Münzen nach ihrem Wert zu sortieren und zu zählen: 160 Albi, 50 Florin und 5 Goldgulden waren es.

„Eine stolze Summe ist das“, freute sich der Pfarrer. „Damit können wir schon einen Teil der notwendigen Reparaturarbeiten an der Pfarrkirche in Angriff nehmen. Die ist bitter notwendig, überall regnet es herein und kalt und zugig ist es dazu obendrein noch, seitdem der letzte Schneesturm die Kirchentür beschädigt hat.“

„Sie haben Recht, Hochwürdiger Herr“, antwortete ihm der bischöfliche Meier Peter Hart. „Eure Predigt war auch eindringlich genug. Wie Ihr den Regen und die Kälte beschrieben habt, fange ich jetzt noch an, mit den Zähnen zu klappern, obwohl ich meinen dicksten Wollmantel angezogen habe.“

„Es war auch ein guter und reichlicher Herbst im letzten Jahr; einige Winzer konnten auch schon unfertigen Wein zu einem guten Preis verkaufen“, stellte der Vertreter Himmerods fest. „Daher wohl auch die großzügige Kollekte.“

„Hoffentlich verlangen Seine Exzellenz, unser Landesherr, der Kurfürst und Erzbischof, nicht zu viel davon. Der will doch von allem seinen Anteil, um die zerrüttenden Finanzen des Erzbistums in Ordnung zu bringen, die ihm sein Vorgänger Johann II – Gott sei ihm gnädig - hinterlassen hat. Außerdem liegt ihm auch noch der Aufbau der jungen Universität am Herzen, die ebenfalls viel Geld verschlingt“, meinte der Vertreter des Erzbischofs. „Ich kenne meinen Herrn in dieser Richtung.“

„Wir müssen ihm doch nicht alles bis auf den letzten Albus genau angeben. Wenn wir vier zusammenhalten, kommt das auch nicht heraus“, warf Wintrichs Theis, der Vertreter Himmerods, ein.

„Da bin ich mir nicht so sicher, unser Erzbischof hat seine Spione überall, besonders, wenn es um Geld geht. Denkt nur an die fünf Goldgulden. Das kommt mir ungewöhnlich vor. Vielleicht will er uns damit prüfen“, war der Einwand des Pfarrers. „Ich glaube, ich habe einen mir bekannten hohen Herrn aus Trier gesehen, der sich etwas verdächtig verhalten hat.“

„Nachher sind auch die beiden Festgottesdienste für unsere Pfarrgenossen aus Müstert und Krames. Wenn diese auch so großzügig für die notwendigen Reparaturarbeiten an der Pfarrkirche spenden, bleibt uns trotzdem noch einiges übrig“, meinte der Zender. „Wenn Sie, Hochwürdiger Herr Pfarrer, nochmals wie eben eine so eindringliche Predigt halten, sehe ich der Sache positiv entgegen.“

„Gut, dann wollen wir ehrlich sein“, bemerkte daraufhin Pfarrer Johan von Siegen. „Der letzte Visitationsbericht hat auch festgestellt, dass hier einiges an und in der Pfarrkirche im Argen liegt. Wenn wir ehrlich sind, wird uns unser Erzbischof und Landesherr hoffentlich nicht enttäuschen, zumal er und unsere anderen Lehnsherren wegen der guten Weinernte einen ansehnlichen Zehnten erwarten können.“

Also taten die vier Herren wie besprochen und trugen den Kollekteneingang sorgfältig in das Kassenbuch der Kirchenfabrik ein.

„Wollen wir vier uns morgen nach der Frühmesse mal kurz treffen“, fragte der Zender, ehe sie auseinander gingen. „Es sind mir in den letzten Tagen einige Klagen zugetragen worden, dass mehrere Wege in den Weinbergen in einem schlechten Zustand sind, insbesondere der Bergweg auf die Höhe und noch einige andere. Unsere Krameser Pfarrschäfchen haben sich ebenfalls beklagt, dass der Weg für ihre Ochsenkarren schlecht befahrbar sei. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass es Probleme geben könnte, zum nächsten Markttag ihre Waren hierher zu bringen. Wir sind darauf angewiesen, weil wir selbst keine großen Ackerflächen haben, um uns selbst zu versorgen. Ihr habt heute Morgen wohl selbst gesehen, dass auch der Weg vom Ort bis hierauf zur Kirche ebenfalls beim letzten Unwetter gelitten hat. Und auch einer der Bildstöcke des Kreuzwegs auf die Höhe ist beschädigt und müsste geflickt werden.“

„Gut“, sagte der Pfarrer, „dann am nächsten Montag um 9 Uhr bei mir im Pfarrhaus. Ich habe noch einen Krug von dem Messwein, den mir der Graf von Esch vor einigen Tagen gegeben hat. Er war mir noch einen Gefallen schuldig, als ich ihm bei der Ausstattung der Wallfahrtskirche ‚Eberhartsklausen’ eine Hilfe vom Kloster Himmerod vermittelt habe. Er ist zwar schon einige Jahre alt, lag aber immer schön kühl im Burgkeller in Esch und zu schade, wenn er verdirbt. Dann können wir alles in Ruhe besprechen.“

„Bitte nicht zu früh“, hielt ihm Wilbert Jakob entgegen. „Ich will versuchen, auch den Zender aus Crames, den Albrecht Lorenz, hinzuzuziehen. Ich hoffe, ihn heute Nachmittag nach der Festmesse für unsere Müsterter und Crameser Pfarreiangehörigen bei guter Laune anzutreffen. Die Crameser könnten uns dann im oberen Teil auf der Höhe aushelfen. Denen ist doch auch daran gelegen, über einen guten Weg mit ihren Karren Waren nach unten zu bringen. Von deren Seite kamen, wie ihr bereits wisst, auch schon etliche Klagen. Vor zehn Uhr kann er bei dieser Witterung nicht hier sein.“

„Das habe ich im Moment nicht bedacht. Dann also um zehn Uhr im Pfarrhaus.“

„Einverstanden“, antworteten ihm daraufhin die drei Offizialen und gingen den Michelsweg hinunter in das Dorf zu ihren Familien in Erwartung des Festessens zum Neujahrstag.

„Grüß Gott, Albrecht, Frohes Neujahr“, begrüßte Wilbert Jakob seinen Amtkollegen aus Crames nach der Festmesse am Nachmittag. „Wie steht`s, wie geht`s? Komm, wir gehen noch erst einen trinken, ehe du wieder den langen Weg nach Crames zurückgehst. Dafür benötigst du bestimmt eine kleine Stärkung.“

„Ich kann mich nicht beklagen. Nur bei diesem Mistwetter plagt mich mein Rheuma. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Eine kleine Stärkung und Aufwärmung könnte ich vertragen.“

„Prima!“

„Aber Wilbert, wenn du mich schon so freundlich begrüßt und mir einen ausgeben willst, hast du bestimmt etwas auf dem Herzen.“

„Das stimmt. Doch stärke dich zuerst und wärme dich auf. Und bei einem Glas Wein kann man viel besser denken und reden.“

„Ja gut, komm, gehen wir.“

So landeten die beiden in der Wohnstube von Wilbert. Seine Frau hatte den Raum schon vorsorglich gut geheizt und Albrecht streckte seine Glieder wohlig in der Wärme vor dem Ofen aus.

„Das tut gut“, sagte er. „Bei diesem Sauwetter draußen und in der zugigen Kirche kann man sich ja alles holen. Ein guter Trester wäre jetzt genau das Richtige.“

„Den sollst du bekommen, wenn es sein muss, auch noch zwei – auf einem Bein steht sich nicht gut. - Lena, bring mir bitte den zweiten Krug von rechts auf dem Brett, der ist schon fünf Jahre alt und besonders gut, dabei zwei Schnapsgläser und dann einen Krug von dem 99er, der ist gerade gut für den heutigen Anlass. Er stand immer fest verschlossen im Keller und hat die richtige Temperatur.“

„Was hast du mit mir vor? Willst du mich betrunken machen oder nur meine Laune heben? Ich habe doch längst gemerkt, dass du etwas vorhast.“

„Trink zuerst, dann sehen wir weiter. Prost Albrecht!“

„Prost Wilbert!“

„Nun schieß los. Was hast du vor?“

„Nichts Besonderes, Albrecht. Du hast ja schon auf dem Weg von Crames hierher gesehen, wie schlecht der Weg über die Höhe nach hier unten ist. Von dem Michelsweg seit dem letzten Unwetter ganz zu schweigen. Daher haben wir beschlossen, diese Wege im Rahmen der Fron bei passender Witterung bis zum Frühjahr auszubessern. Dabei dachten wir, dass ihr von Crames im oberen Teil helfen könntet. Denke, dass das auch in eurem Sinn ist, dann kommt ihr besser mit euren Wagen hierher zu den Markttagen. Wir wollen uns kommenden Montag um zehn Uhr beim Pfarrer treffen und alles besprechen. Es wäre gut, wenn du auch dabei sein könntest. Kannst dich ja schon oben umhören, was deine Gemeindemitglieder davon halten.“

„Ich will sehen, was ich tun kann. Das wird ja nicht die Welt sein. Jedenfalls versuche ich, bei der Besprechung dabei zu sein.“

Albrecht war froh, dass es nicht schon wieder um die Abgaben ging oder um Klagen seitens des Erzbischofs bzw. des Grafen Gotthard von Esch, die immer etwas auszusetzen hatten.

Dann prosteten sie sich mit dem zweiten Trester zu, froh wieder einig zu sein, und tranken den Krug Wein aus. Anschließend machte sich Albrecht zurück auf den Weg nach Crames.

----- Karl erwachte kurz aus der Trance, in die er sich hineingeredet hatte, wischte sich die Augen und schaute kurz in die Runde der gespannt lauschenden Gruppe der Wanderer. Nach einem Glas Wein gingen Karls Gedanken wieder 500 Jahre zurück, und er erzählte weiter -----

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Der erste Markttag in diesem Jahr, es war ein herrliches Maiwetter an diesem Mittwoch. Es war der 8. Mai im Jahre 1506. Die Wege waren inzwischen in gemeinsamer Arbeit von Piesportern und Cramesern wieder ausgebessert. Auch der bei dem letzten Winterhochwasser beschädigte Fährkopf war instand gesetzt, mit tatkräftiger Unterstützung auch der Müsterter Pfarrangehörenden. Ebenso konnten die Instandsetzungsarbeiten an der Michelskirche begonnen werden, dank der Großzügigkeit des Erzbischofs. Denn wegen der Ehrlichkeit der Pfarroffizialen verlangte er nur die zwei Golddukaten zurück, die er von einem Vertrauensmann in den Klingelbeutel legen ließ, um seine Schäfchen zu testen. So waren alle bei bester Laune.

Schon früh kamen die Marktleute aus der ganzen Umgebung mit ihren Karren voller Waren aus der Eifel, dem Hunsrück und benachbarten Moseldörfern. Einige waren schon am Vortag angereist, hoffend, sich dadurch die besten Plätze zu sichern.