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Wie könnte unser Leben in einer nahen Zukunft aussehen? In elf Kurzgeschichten beschreibt Jochen Jason Fretz unseren möglichen Alltag im Übermorgen mit einer Mischung aus düsterer Vorahnung und beißender Ironie. Die Menschheit lebt in einer dystopischen Gesellschaftsordnung. Die Themen unterscheiden sich nicht vom hier und heute, doch die Figuren befinden sich in einer permanenten Überwachung. Ob Flüchtlingskrise, Krieg, Altersvorsorge, Liebesleben oder Urlaubsreise: In den Geschichten von Fretz stolpern die Menschen wie eh und je über ihre eigenen Unzulänglichkeiten.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nasse Erde
Der Trick
Herr Heinrich
Für die Ewigkeit
Ferienspiele
Fallobst
Kaffeeklatsch
Tiere
Stunde Null
Der Wurm
Schlussverkauf
Für Bianca, Gina, Valerie und Angelina – In der Hoffnung, dass es ganz anders kommt.
Der blaue Planet präsentierte sich anmutig, still und erhaben. Aus der Umlaufbahn betrachtet, glänzte die Erde wie in guten, alten Zeiten. Kein gigantischer Wirbelsturm und kein undurchdringlicher Nebel aus Smog und grauem Dunst konnte dieses herrliche Schauspiel trüben.
Die alte Dame lächelte zufrieden. Sie raste weiter durch das Sonnensystem, ließ den Mond hinter sich und steuerte den Mars an. Das betörende Rot erinnerte an warme Sonnenuntergänge.
Zufrieden registrierte sie, dass sie auf ihrer Reise weder mit den Schandflecken des Raubbaus auf dem Mond konfrontiert wurde, noch sich die kalten Bauten der ersten Mars-Kolonie zeigten.
Die alte Dame steuerte entspannt die Ringe des Saturns an. Vergnüglich wich sie den Monden und Asteroiden aus, die immer wieder an ihr vorbeiflogen.
Ihr Blick richtete sich in das dunkle Nichts und fixierte Uranus, der in endlos weiter Ferne kühl schimmerte.
„Wollen Sie jetzt das Sonnensystem verlassen?“ fragte eine sanfte, weibliche Stimme. Die alte Dame überlegte kurz. Irgendein fremdartiger Geruch drang in ihre Nase. Seltsam und doch irgendwie bekannt, nur in der jetzigen Situation völlig deplatziert.
Es roch nach Gewächs und feuchter Erde.
„Wollen Sie jetzt das Sonnensystem verlassen?“
Die Dame runzelte die Stirn. Gerade als sie antworten wollte, ertönte eine andere weibliche Stimme:
„Früchtetee oder Saft?“
Na gut, das war es dann.
Seufzend zog die Dame ihre Lunetta von den Augen und blickte direkt in die stets freundlichen Augen von Schwester Rosa. Sie stand in der Mitte des Zimmers und hatte ein Tablett mit Getränken in der Hand. Auf das kleine Tischchen vor dem Fenster hatte sie anscheinend einen Strauß mit Blumen gestellt. Die Dame betätigte ihren Controller und das weiche Bett, in dem sie lag, richtete sich lautlos in die Sitzposition auf.
„Woher kommt das Gestrüpp?“
Sie blickte fragend auf das Fenster und musterte misstrauisch das wilde Gewächs. Ein Zettel mit Aufschrift hing an einem Zweig.
„Was steht da?“
Rosa setzte ihr strahlendes Lächeln auf.
„Für Charlotte. Ist hier abgegeben worden, der Sicherheitsdienst hat aber heute niemanden gesehen oder gar eingelassen.“
Sie kicherte. „Vielleicht ein mysteriöser Verehrer?“
„Blödsinn, Kindchen. In meinem Alter verehrt einen höchstens noch der gnädige Tod. Und überhaupt...klopfen Sie doch das nächste Mal an, wenn Sie ihren Rundgang machen. Ich war gerade dabei, dieses Sonnensystem zu verlassen.“
„Oh, das tut mir leid“, erwiderte Rosa. „Ich dachte, ich hätte geklopft. Wissen Sie, bei der ständigen Rundumbetreuung von 10 Klienten am Tag kommt man manchmal etwas durcheinander“, flötete sie. „Also, Früchtetee oder Saft?“
„Früchtetee“, antwortete Charlotte. „Aber kommen Sie mir nicht mit Ihren Ausreden. Sie sind noch sehr jung und andere Altenpflegerinnen würden sich darum reißen, in einem Haus der Kategorie A mit lächerlich wenigen Klienten arbeiten zu dürfen.“
Rosa goss eine Tasse des duftenden Tees ein und stellte ihn lächelnd an das Bett.
„Da haben Sie natürlich Recht, Charlotte. Aber Sie sind auch ein Glückspilz, das wissen Sie doch? Ich meine, die Kategorie A ist doch heutzutage ein Leben wie im Palast: Menschliche Pfleger, Einzelzimmer, private Lunetta mit Zugang zum Netz, täglicher Gartenbesuch für 2 Stunden.“
„Junge Dame, das hilft Ihnen später auch nicht weiter, wenn Sie alt und hilflos sind. Es ist trotzdem ein grausames, unaufhaltsames Dahinvegetieren, ein gnadenloses Verwelken und Vergehen. Apropos verwelken: Wenn Sie ihren Rundgang fortsetzen, nehmen Sie dieses stinkende Büschel von verfaultem Gras wieder mit und entsorgen Sie es.“
Sie hielt kurz inne.
„Oder besser noch: Stellen Sie es bei Johanna ins Zimmer, die war früher Staatsanwältin und kennt sich mit unangenehmen Gerüchen aus.“
Mit ihrer knöcherigen, faltigen Hand fingerte Charlotte umständlich nach der Lunetta. Sie sehnte sich nach etwas Abwechslung in der virtuellen Welt.
„Aber natürlich“, lächelte die Altenpflegerin. „Ich nehme den Strauß wieder mit. Waren Sie heute schon im Live Stream? Der Großkanzler spricht gerade.“
Charlotte kam in Fahrt.
„Der Großkanzler ist ein dümmlicher Schwätzer und kann mich mal kreuzweise. Da bevorzuge ich jede noch so dämliche Simulation!“
Rosa erschrak.
„Sie sollten das nicht sagen, Charlotte. Sie wissen, so etwas kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Sie kennen doch den Volksmund: Der Name weich, das Herz so hart.“
„Die Todesstrafe für Verrat“, ergänzte die alte Dame den Reim. „Kindchen, denken Sie, dass mich in meinem Alter und Zustand noch irgendetwas schocken kann? Wendelin Weichler ist ein gefährlicher Idiot. Weichler! Heuchler! Klingt doch passend. Leider haben auch Leute wie ich ihm den politischen Weg zur Macht geebnet. Das ist nun die gerechte Strafe: Ich muss den Monologen dieses Kretins pausenlos zuhören.“
„Ja, aber er hat doch Ruhe und Stabilität in das ganze Chaos gebracht“, stammelte Rosa verlegen. Sie konnte Charlotte schwer einschätzen. Diese uralte, gebrechliche Frau schien einen unbändigen Willen zu besitzen. Sie hatte von allem eine Ahnung und nahm kein Blatt vor den Mund. Sie wirkte absolut souverän. Manchmal dachte Rosa, dass Charlotte irgendein wichtiges Geheimnis hütete. Auf alle Fälle musste sie in früheren Jahren eine bedeutende Stellung innegehabt haben. Wer sonst konnte sich schon die Kategorie A leisten?
Charlotte schnaufte:
„Stabilität ins Chaos? Kindchen, Sie müssen im Leben noch viel lernen. Man stiftet selbst das Chaos, um danach seine Pläne verwirklichen zu können. Das war schon immer so. Hat nach Wilhelm dem Ersten bestens funktioniert, hat nach Hindenburg funktioniert, hat nach Merkel funktioniert. Ich komme aus der deutschen Politik, ich kenne mich strategisch aus, glauben Sie mir.“
Rosa räusperte sich unsicher.
„Ich…ich muss jetzt weiter, Charlotte. Die anderen Klienten warten. Ich sehe später nach dem Abendessen noch einmal nach Ihnen, ja?“
Die alte Dame nahm einen Schluck Tee. Dann betätigte sie den Controller und ließ ihr Bett wieder in eine waagerechte Position bringen.
„Der Tee ist gut, ich danke Ihnen.“
Sie zog die Lunetta wieder auf und hörte noch das Klicken der Tür. Rosa war gegangen. Einen kurzen Augenblick dachte Charlotte darüber nach, eine neue Simulation zu starten. Einen Tiefseetrip durch den Marianengraben hatte Sie erst gestern erlebt. Sie entschied sich um, blinzelte dreimal fest mit den Augen und landete sofort im Livestream. Natürlich lief zuerst einmal Werbung, was sonst. Werbung für Aktien zur Altersvorsorge, dem einzigen Weg eventuell eine Rente zu erhalten. Rüstungsgüter, Rohstoffe, Robotik, Pornoindustrie. Alle Bereiche glänzten mit hochmodernen Clips und warben um Investition. Charlotte bekam ein mieses Gefühl. Schließlich war Sie vor knapp 40 Jahren eine Miterfinderin dieses Systems. Dass dieser Weg nur für eine kleine Minderheit funktioniert, war eigentlich klar gewesen, aber die Partei hatte so entschieden.
Es gab keine Alternative.
Dann erschien die blasse, eierköpfige Visage von Wendelin Weichler. 'Unser Großkanzler spricht', stand in goldenen Lettern auf dem Screen.
„Meine verehrten Mitbürger“, erklang die säuselnde, schleimige Stimme des Widerlings. „Heute, am 11.10.2081, ist der letzte Eisbär auf der Welt im Zoo von Berlin gestorben.“
Weichler machte ein mühsam betroffenes Gesicht und sah aus wie eine eingetrocknete Zitrone. Charlotte riss sich die Lunetta vom Gesicht. Es war einfach nicht zu ertragen. Dieses belanglose Blabla angesichts von Unterdrückung und Trostlosigkeit in diesem Land. Aber der Eisbär...der letzte Eisbär! Ja, das war das Topthema für die hirnlose Masse im Live Stream. Charlotte rieb sich müde die Augen. „Das Kapitel Eisbär hat sich eh erledigt“, murmelte sie bitter vor sich hin.
„Wer braucht noch Eisbären seitdem der Nordpol fast vollständig flüssig ist? Wer braucht noch überhaupt irgendetwas Sinnvolles? Niemand hört mehr richtig zu. Niemand ist bereit, etwas zu ändern, Verantwortung zu übernehmen, Widerstand zu leisten.“
Vor zehn Jahren hatte sie einmal versucht, dem System zu trotzen. Es war alles vergeblich. Charlotte schloss die Augen und ließ ihre Sinne in die graue Vergangenheit schweifen.
Ja, vor zehn Jahren.
Der Wald.
Die Kälte.
Der Regen.
Die nassen Blätter. Diese nasse, schwere Erde. Es war ihr, als könne sie es wieder riechen, diesen fauligen Geruch von Laub und Feuchtigkeit.
Das kalte modrige Laub.
Dieser schier endlose Wald... eines der letzten, großen Waldgebiete im nördlichen Hessen.
Wie lange war es jetzt her, seit sie aus Frankfurt aufgebrochen waren? Es kam ihnen vor, als wären es Wochen, aber es waren nur sieben Tage. Die Knie schmerzten. Verfluchte Arthrose.
„Du musst aufstehen, Frieda. Du holst dir den Tod, wenn du hier noch weiter auf dem Boden sitzt.“
Frieda sah ihre Zwillingsschwester an. Charlotte stand über ihr und hielt ihr die Hände hin. Mühsam fasste sie Ihren Arm und zog sich daran in die Höhe.
„Ich…ich kann nicht mehr weiter, Charlotte. Ich schaffe es nicht. Mir tut alles weh und ich bin steif gefroren.“ Charlotte sog die kühle Luft ein. Jetzt fing es auch noch an zu regnen.
„Komm jetzt.“
Sie zog Frieda unter eine große Eiche. Die olivgrünen Parka Jacken der beiden Schwestern boten zwar Schutz vor der Kälte, aber wenn sie erst einmal nass waren, dauerte es Tage, sie wieder zu trocknen.
„Wir warten hier ab, bis es aufhört zu regnen. Der Baum bietet uns genug Schutz. Hier bleiben wir. Und wir warten auf Finn. Wo steckt der alte Sack eigentlich? Er ist schon seit Stunden unterwegs.“
Frieda zog sich die Mütze über ihr graues Haar.
„Ich weiß nicht, ob wir ihm wirklich trauen können. Bist du dir bei ihm sicher? Er behauptet, schon einmal da gewesen zu sein.“
Charlotte zuckte mit den Achseln.
„Wer weiß das schon? Aber was bleibt uns anderes übrig? Seit wir gestern im Wald auf ihn getroffen sind, hat sich an unserer Situation nichts verändert, weder zum Guten noch zum Schlechten.“ Sie packte einen Schokoriegel aus und reichte ihn ihrer Schwester.
„Wie soll ich den kauen, mit meinen Zähnen?“, raunzte Frieda.
„Du sollst ihn auch nicht kauen. Du kannst ihn lutschen. Dauert länger und gibt mehr Kraft“, behauptete Charlotte.
„Er hat gesagt, er käme von einer Dying Farm. Er sagte, ihm wäre die Flucht geglückt. Glaubst du das, Charlotte?“
Charlotte lachte höhnisch:
„Ein Ausbruchskönig mit 80 Jahren. Der kann uns vieles erzählen, dieser Irre. Solange er uns aber wirklich zu einem der Camps führt, soll es mir egal sein. Ich habe jedoch noch nie gehört, dass es irgendjemandem gelungen ist, aus einem dieser Schlachthäuser zu entkommen. Aber wer weiß? Diesem Nerd wäre alles zuzutrauen.“
Frieda schien das nicht zu beruhigen.
„Ich bin mir nicht so sicher. Sie werden uns finden, bestimmt suchen sie uns schon. Sie werden uns wieder einsperren. Ich habe Angst.“
„Kann denen doch egal sein, wo wir sind und ob wir im Wald verrecken oder nicht. Für die sind wir doch eh nur das alte Gammelfleisch zum Durchfüttern“, antwortete Charlotte. Sie machte eine abfällige Handbewegung, dann formte sie eine Faust.
„Wir sind zwar alt, aber auch stark. Wir sind noch aus der Generation wo man sich nicht nur auf künstliche Intelligenz verlassen hat. Diese Regierung duldet keine Verletzung der Ordnung. Und deshalb sind sie hinter uns her. Aber seit wir unsere Bio- Implantate aus dem Unterarm entfernt haben, dürfte eine Peilung schwierig sein. Und dennoch...“
Charlotte überlegte kurz.
„Wenn sich unsere Flucht herumspricht, ist das natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die bereit sind, sich zu wehren. Und um jede Opposition im Keim zu ersticken, können sie nicht tolerieren, dass ein paar durchgeknallte Alte aus dem Sterbeheim fliehen.“ Frieda liefen ein paar Tränen die kalten Wangen herunter.
„Sie hassen uns“, schluchzte sie.
„Die ganzen jungen Leute hassen uns so sehr.“
Charlotte grunzte ärgerlich und holte sich ebenfalls einen Schokoriegel aus ihrem Rucksack. Langsam ließ der Regen nach.
„Wundert dich das? Schau an, was für eine Welt wir ihnen überlassen haben: Zerstört, geplündert, aus den Fugen geraten. Da ist es wahrlich nicht verwunderlich, dass sie uns zum Verrecken in die Sterbeheime stecken: Automatisierte Zwangsfütterung durch Roboter, gnadenlos günstig und gerecht!
Wäre unser Aktienpakt nicht geplatzt, säßen wir jetzt gemütlich in Kategorie A und bekämen den Hintern abgewischt. Aber wie du siehst, Schwesterherz: Das Leben ist nicht immer fair.“
„Nicht immer fair?“, heulte Frieda jetzt laut auf. „Was erzählst du da? Wir haben doch dieses grausame System abgesegnet, damals in der Partei!“
Es knackte im Wald. Laut und deutlich.
„Still, sei still!“, zischte Charlotte. „Du bringst uns in Teufels Küche.“
Aber es war zu spät.
„Das habe ich gehört“, sagte Finn. „Und ich erwarte eine Erklärung. Oder ich gehe keinen Schritt weiter mit euch beiden!“
Finn stand direkt hinter ihnen, ein Riese von fast zwei Metern. Er hielt einen langen Wanderstock in der Hand. Er war eine seltsame Erscheinung:
Sein immer noch volles, graues Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein spitzes Gesicht war hinter einer runden, stets beschlagenen und zu großen Nickelbrille versteckt. Lasern der Augen schien es bei ihm nie ein Thema gewesen zu sein. Seine Zähne waren teilweise ausgefallen und der Rest blitzte spitz durch einen eisgrauen Bart.
Unter seinem Parka kam ein rot- schwarz kariertes Polohemd zum Vorschein, seine Beine steckten in kurzen, bayrischen Lederhosen. Finn trug immer kurze Hosen, von Anfang März bis Ende Oktober. Auch wenn der Herbst so kalt war wie heute: Er blieb stets seinen Prinzipien treu.
Dazu gehörte auch, dass er Quartalstrinker war. Das hatte er gestern den beiden Schwestern so erzählt. Ein halbes Jahr Saufen bis ins Koma, dann wieder ein halbes Jahr Pause.
Zurzeit war Finn auf dem Trockendock.
Seine stabilen Wanderschuhe waren matschig, er schien eine Weile lang durch das Unterholz marschiert zu sein.
Charlotte fand ihre Stimme wieder.
„Finn, wir dachten du wärst abgehauen.“
„Ich habe es gefunden“, sagte er.
„Ich habe es euch gesagt: Ich war schon einmal da und ich habe es gefunden. Wir dürfen kommen. Aber ich nehme euch nur mit, wenn ihr mir sagt, wer ihr beide wirklich seid. Ich habe genug von eurer Unterhaltung mitbekommen und ich brauche Klarheit. Sonst rennen wir im Camp allesamt ins offene Messer. Leute aus der Partei sind da nicht gerade willkommen. Also...“
Finn sah die beiden Schwestern auffordernd an. Seine Hände umklammerten den Holzstab etwas fester. Charlotte blickte zu ihrer Zwillingsschwester und nickte.
„Na gut“, begann sie zögerlich.
„Es ist jetzt sowieso egal. Willst du, Frieda?“
Zum ersten Mal zögerte die stets so entschlossene Charlotte, als ob ihr etwas peinlich wäre.
„Es ist so“, begann Frieda.
„Wir waren von Anfang an mit dabei. Charlotte kam aus der AFD und ich war in der CDU. Bei der Vereinigung 2040 waren wir Gründungsmitglieder der CADU, unserer Christlich-Alternativen-Deutschen Union. Aber leider lief es mit Jahren nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten.“
Frieda machte eine Pause und sah zu ihrer Schwester. Charlotte übernahm jetzt doch das Wort:
„Das Aktien – System, Zwei-Klassen Betreuung, Automatisierung der Pflegeheime, die Umwandlung der Altersheime in Sterbeheime, die Einführung der Dying Farms mit der sofortigen Beseitigung von Ungehorsamen...das alles ist mit auf unserem Mist gewachsen. Aber irgendwann widersetzten wir uns, vor allem gegen den Massenmord am Fließband. Wir waren der Meinung, dass es absolut unmenschlich ist. Man hat nur ein Leben und wir haben ein Recht darauf, es würdevoll zu beenden. Doch diese Einstellung hat uns in der Partei das Genick gebrochen.“
„Wie?“, wollte Finn wissen. Er hörte aufmerksam zu.
„Wir wurden kaltgestellt“, sprach Frieda weiter.
„Unser Aktienpaket löste sich über Nacht in Luft auf. Wir wurden Opfer eines Systems, dass wir selbst mitgestaltet hatten. Und wir landeten schließlich im Sterbeheim. Als wir die grausame Zwangsfütterung nicht mehr aushielten, sind wir geflohen. Wir waren zu dritt, aber Fatima wurde kurz nach Frankfurt von einer der Drohnen erschossen. Da hatten wir die Peilsender noch im Arm.“ Frieda blickte traurig auf ihre noch nicht verheilte Wunde am Unterarm.
„Wir wollten auf keinen Fall in einer Dying Farm landen.“
Finn sah die beiden Schwestern an. Dann putze er die beschlagenen Brillengläser wieder klar.
„Mann, oh Mann. Erzählt diese Story bloß niemandem im Camp. Die bringen euch glatt um, versteht ihr?“
Die Schwestern nickten.
„Und du?“, fragte Charlotte misstrauisch.
„Wirst du uns verraten?“
Finn winkte mit dem Stock.
„Was hätte ich davon? Also los, wir müssen jetzt abrücken. Ich möchte gerne noch vor Einbruch der Nacht im Camp sein. Auf geht’s!“
Die beiden Schwestern sahen sich wieder an. Charlotte nickte. Mühsam setzte sich die Fluchtgemeinschaft in Bewegung. Es ging tatsächlich direkt ins Unterholz. Frieda ächzte bei jedem Schritt.
„Habe ich euch schon erzählt…“, begann Finn, während er mit seinem Stock den Weg frei schlug.
„Mein Vater war Anfang 2018 Schlagzeuger in einer Punkrock Band …vielleicht kennt jemand von Euch seine Truppe noch? Sie hieß 'Bück dich und die Gichtkröten'?“
Charlotte stöhnte: „Nein, kennen wir nicht. Aber wenn man dich so ansieht, macht dieser Name durchaus Sinn.“
Abends erreichten sie endlich das Camp.
Die beiden Zwillingsschwestern waren überrascht. Auf den ersten Blick wirkte die Szene so, als ob sich nur ein paar Gestalten um ein Lagerfeuer drängten. Am Ende der kleinen Lichtung mitten im Wald gab es nur eine kleine, unscheinbare Hütte. Frieda wollte gerade fragen, wo die Leute untergebracht waren, als sie die Baumhütten sah. Es mussten so an die 20 Bauten in mittlerer Höhe sein. Sie schauderte. Wie zum Henker sollten ihre alten Knochen da hinaufkommen?
„Wir haben mehrere Leitern und Flaschenzüge“, grinste der Mann. Er hielt ihr die Hand zur Begrüßung entgegen. Frieda hatte seit langem keinen so vitalen Greis gesehen. Er musste über 80 Jahre sein, wirkte drahtig und trainiert und sah sie aus dunklen Augen an, die wie schwarze Perlen unter sehr dichten, buschigen, grauen Augenbrauen hervorstachen.
„Ich bin Yassir“, sagte er. „Das hier ist Lea. Wir leiten hier das Camp.“
Lea wirkte wesentlich missmutiger. Man spürte, dass ihr das Leben oft und übel mitgespielt hatte und sie ihren Glauben an das Gute im Menschen verloren hatte. Auch sie machte einen vitalen, gesunden Eindruck.
Mürrisch blickte sie die drei Neuankömmlinge an und nahm besonders Charlotte ins Visier. Sie schien ihr nicht zu trauen.
„Und du verbürgst dich für die beiden Schnepfen, ja?“
Sie sah zu Finn und kratzte sich an der Nase. Finn nahm die angeschlagene Brille von der Nase und putzte sie mit einer notorischen Gewohnheit. Er rollte mit seinen Augen.
„Habt ihr jemals Grund gehabt, mir nicht zu trauen?“, fragte er.
„Das mit dem Vertrauen ist hier so eine Sache“, sagte Yassir. Er schien sich zu erinnern.
„Du warst letztes Jahr mit einem Versorgungstrupp unterwegs, Finn. Die Anderen sagten, du wärst spurlos verschwunden. Jetzt erzählst du uns, du wärst aus dem Schlachthaus geflohen. Ich finde, das klingt sehr abenteuerlich und da ist es doch natürlich, dass man mal nachfragt, oder?“
Finn setzte die Brille wieder auf und lachte. „Immer noch der alte Yassir, was?“ Lea giftete ihn böse an: „Ihr könnt auch wieder gehen, wenn dir an Erklärungen nichts liegt.“
Charlotte hasste diese Person von Anfang an.
Sie sah bildlich vor sich, wie Lea in jungen Jahren bei der Antifa oder einer der anderen linken Chaostruppen ihre vorlaute Klappe aufgerissen hatte. Umso mehr war es im Moment geschickter, still zu halten.
„Nun gut“, fuhr Finn fort, „dann haben die Anderen dir auch sicher erzählt, dass wir an einem Lebensmitteldepot nahe Alsfeld containern waren. Wir hatten uns getrennt, Louis und die andere Frau...ach, ich habe den Namen vergessen.“
„Shirin“, ergänzte Lea.
„Genau. Die Beiden versuchten es am Osttor und Hassan und ich am Zaun.“
Finn überlegte eine Weile, als ob er sich die Bilder mühsam ins Gedächtnis zurückrufen wollte.
„Und dann? Was ist dann passiert?“, fragte Yassir.
Finn stocherte mit dem Daumen in den Zähnen herum.
„Der verdammte Sprengstoff. Dieser verfluchte Plastiksprengstoff ging zu früh hoch. Ich hatte ihn an dem seitlichen Tor angebracht. Dann weiß ich nichts mehr. Die Greifer haben mich zum Verhör geschleppt. Sie behaupteten, die Anderen wären tot. Mich wollten sie nach dem Verhör erschlagen, weil ich die Koordinaten vom Camp nicht preisgeben wollte.“ Lea schaute ihn an und verzog die Lippe. Anscheinend glaubte sie ihm kein Wort.
„Wieso haben die dich nicht gefoltert?“
„Ich habe keine Ahnung. Der Obergreifer war so ein Pedant aus Alsfeld. Er meinte, sein dämlicher Bruder wäre der Leiter einer Dying Farm und der hätte bis zur Jahresfrist eine Quote zu erfüllen. Also haben sie mich dort hin gekarrt.“
Charlotte musterte ungläubig den alten Schrat. Auch sie fand diese Geschichte reichlich merkwürdig. Es fing wieder an zu regnen und wurde langsam ungemütlich. Das bemerkte auch Yassir, der nun das Gespräch rasch beenden wollte.
„Und wie du da wieder rausgekommen bist, erzählst du uns dann morgen früh, wenn wir alle trocken sind.“
„Nein“, rief Lea, „das will ich heute noch erfahren! Die Sache stinkt doch zum Himmel!“
Finn grinste: „Hier stinkt gar nichts, außer unseren Klamotten. Ich erzähle es euch morgen, versprochen. Schließlich bin ich der weltberühmte Ausbrecherkönig, das schlaue Chamäleon. Nicht vergessen.“
Lea schnaufte böse.
„Lass es gut sein, Lea. Er wird es uns morgen erzählen“, sagte Yassir. „Ich bin mir sicher, es ist wie immer eine höchst unterhaltsame Geschichte. Ihr alle könnt heute Nacht erst mal hier drüben im Gemeinschaftshaus schlafen.“ Er deutete auf die kleine Hütte am Ende der Lichtung.
„Morgen weisen wir euch dann in die Camp Regeln ein und ihr könnt euch für eine Arbeitsgruppe einteilen lassen.“
„Was denn für eine Arbeitsgruppe?“, fragte Frieda. Lea legte die Hand auf ihre Schulter.
„Schätzchen, die Freiheit ist nicht umsonst. Wir sind an die 30 Leute. Jeder macht hier irgendetwas. Wachdienst, Versorgungstruppe oder Instandhaltung.“
„Wachdienst?“, fragte Charlotte. Jetzt erst bemerkte sie einige Menschen mit Gewehren hinter dem Lagerfeuer.
„Ja, auch wir haben Waffen, einschließlich Störsender gegen die Peilung“, antwortete Yassir. „Es gibt sogar einige von uns, die noch bei der alten Bundeswehr gedient haben.“ Charlotte konnte sich nicht zurückhalten:
„Na, da bin ich aber wirklich sehr beruhigt“, kicherte sie vorlaut. „Hoffentlich funktionieren die Gewehre.“
Lea spuckte vor ihr auf den Boden.
„Wir beide werden uns noch gut kennen lernen, das sehe ich schon“, maulte sie grantig.
„Jetzt schwingt eure faltigen Ärsche in die Hütte, bevor ich es mir anders überlege!“
Der Regen fiel jetzt in Strömen. Die Truppe setzte sich in Bewegung.
Es war lange her, dass Frieda in einem richtigen Bett geschlafen hatte. Es war zwar nur eine alte Matratze auf dem Boden, aber es kam ihr vor wie ein Himmelbett. Zuerst war sie in einen tiefen Schlaf gefallen. Dann träumte sie. Sie lief durch ein Gewitter, ohne Schuhe. Sie rannte wie ein junges Mädchen, nichts konnte ihr irgendetwas anhaben. Auf einer Anhöhe oder einem Berg stand Charlotte.
Sie winkte ihr zu und lächelte. Dann krachte es sehr laut.
Blitze zuckten, irgendetwas rüttelte sie.
„Steh auf!!! Wir müssen sofort hier weg...weg!!“
Es war Finn. Er schüttelte sie wie ein Wahnsinniger und in seinem Gesicht stand das pure Entsetzen.
„Wach auf, Frieda! Sie kommen!“
Frieda war schlagartig wach. Die Nacht war taghell geworden, Geräusche von Helikoptern und das Summen von Drohnen lagen in der Luft. Durch den dunklen Wald hallten Stimmen und Kommandos.
„Was? Wie?“, stotterte sie.
„Das Mobile Einsatzkommando, sie haben uns gefunden!“, schrie Finn. „Wir müssen fliehen!“
Frieda sah sich hilflos um.
„Nein, nein. Wo ist Charlotte? Wo ist meine Schwester?“ Finn zerrte sie an der Hand nach draußen in die hell erleuchtete Nacht. Draußen war Krieg: Gewehrschüsse, das Zischen der Laser, Fangnetze fielen vom Himmel.
„Sie ist tot! Erschossen, drüben an den Baumhäusern!“ Frieda blieb stehen. Ungläubig blickte sie auf Finn.
„Sie ist tot, wie die Meisten von uns. Komm jetzt!“, brüllte er gegen den Lärm an.
„Treibt das faulige Gammelfleisch zusammen!“, dröhnte die Stimme des Einsatzleiters über das Camp. Überall lagen blutende Menschen, tot oder wimmernd verletzt.
Ein Schuss.
Frieda stand wie versteinert da. Finn ließ ihre Hand los. Er hielt sich erstaunt den Kopf.
Seine Brille war zerbrochen.
Rot färbte sich sein grauer Bart.
Dann fiel er.
Frieda öffnete den Mund um zu schreien, aber es kam kein Laut. Eine Drohne schwebte direkt vor ihr und nahm sie ins Visier. Frieda schloss die Augen.
„Halt, die hier nicht!“, brüllte jemand.
„Schafft sie ans Feuer zu den Anderen!“
Frieda wurde gepackt. Sie hatte keine Kraft sich zu wehren und ließ alles mit sich geschehen. Sie setzten sie in die Mitte von einer Gruppe Gefangener.
„Also“, begann der Einsatzleiter.
Sein jugendliches Gesicht grinste hämisch unter der schwarzen Mütze hervor.
„Wer ist hier der Leiter von eurem Drecksloch?“
Yassir erhob seinen Blick. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt.
„Das bin ich, junger Mann.“
Diese Information schien zu genügen. Der Soldat schoss ihm direkt in den Kopf. Lea schrie wie am Spieß.
Sie hörte nicht auf.
„Schweine!!!!“
„Halt die Schnauze, alte Hexe. Ich knall dich ab!“
Der Uniformierte richtete seine Waffe auf sie.
„Einen Augenblick, Leutnant!“
Ein anderer Mann schob sich zum Lagerfeuer. Er war älter, sein fülliger Körper steckte in einem schweren Ledermantel. Der Einsatzleiter blickte ihn an. Offensichtlich hatte dieser Mann mehr zu sagen als er.
„Gibt es hier eine Frau Becker?“, fragte der Dicke.
Frieda blickte ihn ungläubig an.
„Wie bitte?“
„Frau Becker, sind Sie Frau Becker?“
Frieda schluckte: „Ja, ich bin Frau Becker...aber was...?“
„Die hier nicht!“, befahl der Ledermantel. „Das ist die Informantin.“
Lea brüllte und wollte sich trotz der Fesseln auf Frieda werfen.
„Du elende Sau!“ Der Leutnant erschoss Lea ebenfalls aus nächster Nähe.
Frieda stöhnte. „Ich verstehe das nicht.“
Der Dicke sah sie belustigt an. „Mein Auftrag ist es, die Informantin Charlotte Becker lebendig nach Frankfurt zu bringen.“
Frieda hörte, wie ihr Blut im Körper rauschte. Dann wurde sie ohnmächtig.
„Na, die Oma hat sich die Kategorie A wahrlich verdient“, lachte der Leutnant.
Die alte Dame war wieder eingeschlafen.
Nur ihr leises Schnarchen erfüllte das Zimmer mit einem monotonen Rhythmus.
Wer braucht die virtuelle Welt, wenn man träumen kann?
Die alte Dame flog rasend durch die Lüfte.
Sie ließ die Vergangenheit weit hinter sich.
Sie war frei wie ein Vogel und flog über endlose, grüne Waldgebiete. Der Wald...das Laub...das kalte Laub...die nasse Erde. Wieder dieser Geruch und Geschmack von widerlicher, nasser Erde?
