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Als Tess den erfolgreichen Kinderherzchirurgen Greg kennenlernt, ist es bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Schon bald wird Tess schwanger, und ohne zu zögern folgt sie Greg von London in die USA, wo er einen wichtigen Posten annimmt. Doch für Tess fühlt sich ab dem ersten Moment alles falsch an: Der stille Vorort wirkt feindselig, das Haus viel zu groß, die Nachbarn abweisend - und Tess wird das Gefühl nicht los, dass jemand sie verfolgt.
Das Schlimmste ist jedoch, dass Greg sich völlig verändert und ihr plötzlich wie ein Fremder erscheint. Dann trifft der erste Drohbrief ein. Und Tess muss sich fragen, wer es auf sie abgesehen hat - und warum Greg von alldem nichts wissen will ...
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Danksagung
Lucy Atkins
AN JENEMDUNKLENTAG
Psychothriller
Aus dem Englischen übersetzt vonKatja Bendels
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Lucy AtkinsTitel der englischen Originalausgabe: »The Other Child«Originalverlag: Quercus Publishing Ltd., London
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Ulrike Strerath-BolzTitelillustration: © Arcangel/Dave WallUmschlaggestaltung: www.buerosued.de
eBook-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-2950-6
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für meinen Dad Peter
Sag die ganze Wahrheit, doch nichtgradheraus
Emily Dickinson
Greg hat sie vor den heißen Sommern in Boston gewarnt, aber dass sie so schwül und drückend sein würden wie in Bangkok … Man hat förmlich das Gefühl, zu ersticken. Joe wird in seinem eigenen Saft kochen, wenn er noch lange im Wagen sitzt, selbst wenn sie die Türen offen lässt. Ein silberner Spuckefaden läuft an seinem Mundwinkel herunter, was seinem Gesicht etwas Babyhaftes gibt. Tess widersteht dem Impuls, die Spucke wegzuwischen. Sie muss sich das Haus ansehen, bevor er aufwacht, sich ansehen, was sie hinter der überraschend hässlichen Fassade des Tudor-Hauses erwartet, damit sie Zuversicht und Optimismus ausstrahlen kann. Schließlich muss sie ihrem neunjährigen Sohn zeigen, dass dieser Umzug ein großes Abenteuer ist und nicht etwa ein Fehler.
Das Haus steht auf einem Eckgrundstück in einer breiten, menschenleeren Straße. Der Vorgarten zieht sich um das Gebäude herum. Hier gibt es ein hölzernes Schaukelgestell und eine Einfahrt zur Garage, die sich unter dem rückwärtigen Teil des Hauses befindet. Greg hat die Straße als »fast schon eine Sackgasse« beschrieben, aber es ist eher eine kurvenreiche Wohnstraße. Greg hat ihr all das in einer unscharfen Skype-Tour gezeigt, aber in der Realität wirkt alles breiter, größer, klobiger.
Tess hatte sich vorgestellt, in ein malerisches New-England-Haus zu ziehen: weiß, mit einer Holzveranda – vielleicht sogar mit Hollywoodschaukel –, einem Apfelbaum und einem typisch amerikanischen Briefkasten samt rotem Fähnchen. Dieses Haus hier hat mit ihrer Vorstellung nichts gemein. Es gibt eine Veranda, aber die ist aus roten Backsteinen gemauert und hat ein spitzes Dach, das die gesamte Front überschattet. Der obere Teil des Hauses besteht aus Fachwerk. Dichte, hohe, kratzig aussehende Bäume, vermutlich Zypressen, schirmen es zum Nachbarhaus hin ab. Greg hat ihr erklärt, dieses Haus sei ein »Glückstreffer«. Ein Einfamilienhaus zur Miete sei eine Rarität. Hier kaufen die Leute normalerweise ihre Häuser und bleiben dort wohnen, sagt er.
Tess berührt ihren leicht gewölbten Bauch, legt die Hände darauf. Das hier wird das erste Zuhause ihres Babys sein, und wenn sie alt sind, werden sie sich die Fotos anschauen, auf denen sie alle auf dieser Veranda stehen. Für immer erstarrt vor diesen roten Backsteinen.
»Es ist perfekt«, hatte er gesagt, als er aus Boston anrief, um ihr zu erzählen, dass er den Makler schon bezahlt habe. Ohne vorher mit ihr darüber zu sprechen, ohne ihr wenigstens ein Foto zu mailen. Sein Gesicht schwankte auf dem Bildschirm ihres Handys zwischen scharf und verschwommen. Er war wohl in der Kinderklinik, vermutlich in der Cafeteria. Tess konnte Leute mit Tabletts oder Kaffeebechern im Hintergrund sehen, viele von ihnen in der typischen Kleidung von Krankenhausangestellten.
»Es wird dir gefallen, Tess, glaub mir. In dem Viertel gibt es eine erstklassige Grundschule, einen großen Park, eine hübsche kleine Einkaufsstraße mit ein paar Cafés, einer Bar, einem echten Bäcker, einem Lebensmittelgeschäft und einem Yogastudio. Alles sehr grün und nett, keine Kriminalität, und über den Freeway sind es nur zwanzig Minuten bis nach Boston. Es ist die perfekte kleine Stadt.«
»Ich dachte, es ist ein Vorort?«
»Wir nennen einen Vorort Stadt.«
Wir. Greg hatte fünfzehn Jahre in London gelebt und nie wie ein Amerikaner gewirkt. Die letzten amerikanischen Überreste waren sein Akzent, seine Rechtschreibung und seine chronische Verzweiflung, wenn es um die britische Service-Mentalität ging. Und jetzt hieß es plötzlich wir.
»Du bist nicht ans Handy gegangen. Ich musste einfach zuschlagen.« Ein Baby schrie irgendwo in seiner Nähe, ein unnatürlicher, klagender Laut, verstörend kraftlos und unmelodisch. »Der Makler hatte an dem Morgen noch drei andere Familien, die sich das Haus ansehen wollten. Ich musste mich sofort entscheiden. Aber es wird dir gefallen, Schatz, ich verspreche es dir. Es ist nicht weit zum Krankenhaus – fünfzehn, maximal zwanzig Minuten. Und es hat drei Schlafzimmer, drei Badezimmer und einen riesigen Garten für Joe. Viel mehr Platz, als wir jetzt haben …«
»Drei Badezimmer?«
Er verzog das Gesicht, die Augen halb geschlossen, und es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, dass die Verbindung abgebrochen und sein Gesicht zu einer finsteren, pixeligen Grimasse erstarrt war, auf halbem Weg zu einem Lächeln.
Tess hatte immer geglaubt, dass Greg ihr Haus am Stadtrand von London mochte, mit dem Maisfeld dahinter und dem Blick auf die Downs mit ihren unglaublichen Grüntönen im Frühling, dem leuchtenden Keksgelb im Sommer, den zunehmend dunkleren Brauntönen, wenn der Herbst in den Winter überging. Als er bei ihr einzog, war er von den schiefen Böden und dem alten Holzofen begeistert gewesen, ihren Fotos an den Wänden neben den Gemälden ihres Vaters, den Regalen voller Bücher, den alten Polaroids, die hinter Bechern und Vasen klemmten, Joes Bildern, die sich mit eingerollten Ecken vom Kühlschrank lösten, den tausend Dingen, die auf anderen Dingen förmlich zu balancieren schienen. Und dem Licht, das von draußen hereinfiel. Damals hatte er erklärt, er wollte nicht ein einziges Detail ändern.
Ihre Brust zog sich zusammen bei dem Gedanken an das, was sie zurücklassen würde.
»Greg? Bist du noch dran? Greg?« Aber er antwortete nicht. FaceTime hatte sich tatsächlich aufgehängt.
Ihr bricht schon der Schweiß aus, während sie nur den Weg zur Haustür hinaufgeht. Schon das Atmen überfordert sie. Es ist, als würde sich eine heiße Hand über Mund und Nase legen. Aus der Nähe wirken die Außenmauern des Hauses mit ihren verschieden großen Backsteinen, von denen manche in unterschiedlichen Winkeln hervorstehen, seltsam unregelmäßig. Sie erinnert sich, dass Greg, nachdem er das Haus eigenmächtig gemietet hatte, während seiner Skype-Tour ebendiese Charakteristik heranzoomte und ihr erklärte, das sei damals in den 1920ern, als das Haus gebaut wurde, modern gewesen. Auf sie wirkt es eher wie ein Baufehler, aber er wird während seines Medizinstudiums hier etwas über die typische Architektur in Massachusetts gelesen haben. Und dann hat er dieses Wissen irgendwo auf seiner gigantischen mentalen Festplatte gespeichert.
Sie muss wohl seinem Urteil vertrauen, dass dieses Haus ein Glückstreffer ist. Vielleicht ist er in der Lage, kulturelle Nuancen wahrzunehmen, die ihr entgehen. Die Haustür sieht aus wie aus einem Märchen: überdimensioniert und mit Messingbeschlägen auf dem dunklen Holz. Sie kramt in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln. Irgendwo hinter ihr ruft ein Vogel sein eintöniges ha-ha … ha-ha … Ein Rasenmäher brummt. Sie fühlt sich, als würde sie schweben und sich selbst von oben betrachten. Als wüsste sie nicht mehr, wie sie hierhergekommen ist, an die Schwelle zu einem neuen Leben.
Die Geschwindigkeit ist schwindelerregend. Raus aus der Sicherheit, mit der sie Joe zur Schule fuhr, zu seinen Verabredungen und Fußballspielen an den Samstagnachmittagen, der Routine ihrer eigenen Aufträge und Projekte als Fotografin. Rein in eine Welt der Maklertermine und Umzugsunternehmen, Flugbuchungen, Schulen, Visaformulare, Kinderärzte, Gynäkologen, Krankenversicherungen, der amerikanischen Bankkonten und Mietverträge. Nur ein paar Monate. Und jetzt sind sie hier.
Ein Kind aus Somerset hat Joes Platz an der Schule bekommen; eine niederländische Familie wird heute in ihr Haus einziehen; in Tess’ Studio in der Künstlergemeinschaft sitzt ab sofort eine feministische Konzeptkünstlerin, die Handtaschen mit Schweineschmalz füllt. Ihr alter Ford gehört jetzt einem Mathelehrer. So muss es sein, wenn du stirbst – dein Platz in der Welt wird einfach von jemand anderem gefüllt, wie bei einer Schüssel voll Wasser, wenn du deine Hand herausziehst. Eine Welle der Übelkeit steigt in ihr auf – die typischen Schwangerschaftsbeschwerden, Hitze, Jetlag, vielleicht die Mischung von alldem.
Sie kann die Schlüssel nicht finden. Als sie sich aufrichtet, wird ihr ein wenig schwindelig. Sie blickt zurück zu dem Mietwagen, der wie ein silbernes Insekt mit ausgebreiteten Flügeln auf der anderen Straßenseite hockt, als wollte er jeden Augenblick anfangen zu surren und zu summen und dann mitsamt Joe davonfliegen. Hinter dem Wagen erhebt sich ein klobiges rotes Backsteinhaus auf einem Hanggrundstück. Eine Treppe windet sich im Zickzack einen steilen Felsengarten hinauf zur Tür. Tess stellt sich vor, wie das Haus knarrt, sich ein wenig hebt und von seinem Fundament hinabrutscht, um das Auto, den Zaun, das Tudor-Haus zu zerquetschen, bevor es unaufhaltsam weiter den Hügel hinabgleitet.
Sie beugt sich wieder über ihre Handtasche und gräbt tiefer. Das T-Shirt klebt ihr mittlerweile zwischen den Schulterblättern, ihre Jeans hat sich wie Frischhaltefolie um ihre Oberschenkel gewickelt, und der Bund drückt ihr, obwohl sie ihn bereits nach unten geschoben hat, in den Bauch. Sie ist erst in der achtzehnten Woche und ist jetzt schon viel dicker als damals mit Joe. Sie hätte sich für die Reise luftiger anziehen sollen, doch als sie England verließen, regnete es. Einer dieser Augusttage, an denen die Briten davon träumen, auszuwandern.
Nell war da, um sie am Taxi zu verabschieden – sie wussten beide, dass ein Abschied am Flughafen schrecklich gewesen wäre. »Pass auf dich auf.« Nells Stimme zitterte. »Und auf Joe – und auf das Baby. Kaum zu glauben, dass ich nicht da sein werde, wenn es kommt.«
»Du musst uns bald besuchen, okay?«
»Versprochen.« Nell trat zurück und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Und wenn es da drüben nicht funktioniert, warum auch immer, dann vergiss nicht, dass du jederzeit wieder nach Hause kommen kannst. Es gibt nichts, was sich nicht wieder rückgängig machen ließe.« Sie hielt inne und versuchte zu lächeln. Als sie ihre dunklen Locken zurückschob, vertieften sich die beiden Grübchen auf ihren Wangen. »Aber natürlich wird alles funktionieren. Es wird sicher großartig.«
Es war das erste Mal, dass Nell irgendwelche Zweifel äußerte. In den letzten Monaten hatte sie sich größte Mühe gegeben, ihre Freundin zu unterstützen. Doch von außen betrachtet musste das ganze Unternehmen unbesonnen erscheinen.
Als Tess Gregs Heiratsantrag annahm, kannten sie beide sich kaum ein Jahr.
Für einen kurzen Moment gähnt diese winzige Tatsache sie an und offenbart den Irrsinn, hier zu stehen, allein und ohne Schlüssel, tausende Meilen von zu Hause, während er auf einer Konferenz in San Diego ist.
Seit Tagen wacht sie viel zu früh auf, voller Zweifel, ob es richtig ist, Joe nach Boston zu bringen, all ihre beruflichen Kontakte zurückzulassen, ihr Baby in einem fremden Gesundheitssystem zur Welt zu bringen, in einem Land, in dem neunzig Prozent der Einwohner eine Waffe besitzen. Und während Greg neben ihr schläft, versucht sie sich zu beruhigen und sich an die Gründe zu erinnern, wieso sie sich entschieden hat, diesen Schritt zu gehen – abgesehen von ihrer Liebe zu Greg.
David ist mittlerweile in New York, und so wird Joe im selben Land leben wie sein Dad. Und es kann einem Kind nicht schaden, einmal eine andere Kultur kennenzulernen. Tess selbst wird sich in den USA neue berufliche Kontakte aufbauen, das Krankenhaus hat eine erstklassige Geburtsklinik, und Greg hat recht – ihre neue Wohngegend gehört zu den sichersten Orten des Landes. Und dennoch, in den frühen Morgenstunden hat sie immer das Gefühl, dass es so viele mögliche Bruchstellen gibt, so viele Dinge, die schiefgehen können.
Tess gräbt weiter in ihrer Handtasche. Als sie am Morgen den letzten Gang durchs Haus machte, lag der Umschlag mit den Schlüsseln auf dem Küchentresen. Sie kann ihn vor sich sehen. Greg wird erst morgen wieder in Boston sein. Sie richtet sich auf und strafft die Schultern. Wenn sie die Schlüssel zu Hause hat liegen lassen, dann ist es eben so. Sie besitzt eine Kreditkarte, und sie hat ja nicht die Zivilisation verlassen. Tess stellt sich vor, wie sie wieder in den Mietwagen steigt, Joe auf der Suche nach einem Hotel, Motel oder Bed&Breakfast durch die Gegend fährt und dabei so tut, als wäre das alles ein großer Spaß.
Sie schaut auf die Uhr. Es ist Nachmittag in Kalifornien. Greg sitzt vermutlich in einem Raum voller Herzchirurgen und hört sein Telefon nicht. Sie schüttet ihre Tasche aus. Taschentücher und Müsliriegel verteilen sich auf der Fußmatte. Ein Simpson-Comic, ihr Portemonnaie, ihr Schal, Kassenzettel, Lippenstift, Bürste, Haargummis, Handcreme. Und da ist er, der Umschlag mit den Schlüsseln. Er muss flach auf dem Boden der Tasche gelegen haben.
SCHLÜSSEL. Gregs resolute Großbuchstaben wirken beinahe anklagend. Reiß. Dich. Zusammen. Tess.
Sie schaufelt alles zurück in ihre Tasche und steckt den größten Schlüssel ins Schloss. Er hakt, sie muss ein wenig hin und her rütteln.
Als sie die Haustür aufdrückt, überfällt sie der scharfe Geruch von Reinigungsmitteln. Der Geruch ihrer Kindheit, der Kliniken, der Therapieeinrichtungen. Sie kann die warme Hand ihres Vaters spüren, kann ihre Schuhe quietschen hören, während sie durch stille Gänge laufen. Eine Sekunde lang steht sie reglos da und wartet darauf, dass diese Gefühle wieder abebben. Es ist lange her. Sie schließt die Augen.
Und öffnet sie wieder. Die Diele ist kühl und dämmrig, mit weißen Fliesen, weißen Wänden, einer steilen Holztreppe, einem riesigen Raum mit Parkettboden und ausladendem Kamin zu ihrer Rechten, einem weiteren Raum – dem Esszimmer – zu ihrer Linken und einem gefliesten Korridor, der an der Treppe vorbei in den hinteren Teil des Hauses führt, vermutlich in die Küche. Hinter ihr strömt heiße Luft herein. Joe wird im Wagen förmlich kochen. Sie muss ihn rausholen.
Tess dreht sich um, tritt wieder hinaus in die Hitze und eilt dann, blinzelnd im grellen Sonnenlicht, den Weg hinunter und fort von diesem stillen, wartenden Haus mit all seinen leeren, desinfizierten Zimmern.
Greg ruft aus San Diego an, als Tess sich gerade im grau-rosa Badezimmer die Zähne putzt. Seine Stimme ist vollgepumpt mit Konferenz-Adrenalin, ein schnelles Staccato: »Hey! Schatz! Du bist angekommen. Hast du das Haus gut gefunden? War die Wegbeschreibung okay? Was denkst du?«
»Es ist … Ich weiß nicht, im Moment fühlt sich alles noch sehr seltsam an … So leer, es hallt richtig. Es ist so groß – es ist riesig, Greg.« Sie betrachtet sich selbst im Badezimmerspiegel: geisterhaft, mit dunklen Ringen unter den Augen, die Lippen weiß von der Zahnpasta, die Haare nach hinten gebunden, das Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt.
»Ich weiß. Endlich Platz!«
»Es fühlt sich einfach merkwürdig an, ohne dich hier zu sein.«
»Natürlich tut es das. Du fehlst mir so sehr, Tess. Ich sollte bei euch sein – die erste Nacht, ohne Möbel, ohne mich. Es gefällt mir gar nicht, dass du mit Joe ganz allein in dem leeren Haus bist. Ich wünschte wirklich, ihr hättet euch ein Hotelzimmer genommen.«
»Ich weiß. Jetzt bereue ich auch fast schon, dass ich es nicht getan habe; du hattest recht. Und, wie ist die American Heart Association?«
»Gut – anstrengend. Verdammt, entschuldige, jemand …«
Sie hört eine Frauenstimme, kann jedoch nichts verstehen. »Greg?«
Seine Stimme ist gedämpft. Tess sieht ihn vor sich, wie er in der Lobby des Konferenzzentrums steht, groß und gut aussehend in seinem dunklen Anzug, neben Yucca-Palmen oder einem kleinen Marmorbrunnen. Dann ist er wieder da. »Entschuldige. Ich muss auflegen. Hier ist jemand, mit dem ich unbedingt sprechen muss … Ich liebe dich, okay? Ich liebe dich so sehr – morgen in aller Frühe bin ich zurück. Schlaf gut. Bis morgen. Pass auf dich auf.«
»Warte. Ich hab vergessen, wann dein Flug …«
Aber er ist schon weg.
In der oberen Etage gibt es nirgendwo Rollos oder Gardinen, und obwohl Tess weiß, dass niemand sie sehen kann, als sie das Licht ausschaltet und auf die Luftmatratze klettert, fühlt sie sich seltsam exponiert.
Die Hitze legt sich um ihren Körper wie ein warmes, feuchtes Tuch. Aus den Bäumen draußen dringt das schnelle Ticken der Zikaden. Wie der Aufziehmechanismus eines Spielzeugautos – Tess hätte nicht gedacht, dass es in den Vororten Zikaden gibt. Irgendwo in der Ferne hört sie ein gequältes Jaulen. Schatten dringen aus den Ecken des Zimmers, quellen aus dem Einbauschrank und dem Badezimmer.
Irgendetwas raschelt unter dem Fenster, in den Bäumen und Sträuchern an der Grenze zum Nachbargarten. Es klingt nach etwas Großem. Tess setzt sich auf der Matratze auf. Das Rascheln verstummt, das Singen der Zikaden setzt wieder ein.
Es ist ein komisches Gefühl, dass Joe auf der anderen Seite des Korridors in seinem eigenen Zimmer liegt, aber er bestand darauf – ein neues Zeichen von Selbstständigkeit, das Tess in einer solch fremden Situation nicht erwartet hatte. Vielleicht distanziert er sich instinktiv von ihr, um Platz für das Baby zu machen? Doch sie ist noch nicht bereit dafür. Er ist erst neun, er ist noch immer ihr Kleiner.
Greg und sie haben den großen Ultraschall nach den ersten drei Monaten abgewartet, bevor sie es Joe erzählten, und er reagierte nachdenklich, beinahe besorgt, als hätten sie ihm gesagt, dass ein entfernter Verwandter von nun an bei ihnen wohnen würde.
»Ist es ein Junge?«, fragte er, ohne von seinen Legosteinen aufzublicken.
»Das wissen wir noch nicht, Liebling.«
»Wann wird es geboren?« Er drückte einen Stein zurück in seinen Lego-Krankenwagen.
»Mitte Januar, nach Weihnachten, wenn wir in Amerika sind.«
»Müssen wir uns mein neues Zimmer teilen?«
»Nein, Kumpel«, sagte Greg. »Du wirst ein Zimmer ganz für dich allein haben, viel größer als dein Zimmer hier.«
»Aber wo schläft dann das Baby?«
»Nun, am Anfang wird es bei Greg und mir schlafen.« Tess strich ihm das Haar aus der Stirn. »Wie du damals, als du klein warst. Und später dann in seiner eigenen Wiege in seinem eigenen Zimmer, direkt neben deinem.«
Seitdem hatte er nicht wieder über das Baby reden wollen. Jedes Mal, wenn sie es erwähnte, gab er sich höflich, aber desinteressiert und wechselte das Thema. Manchmal fragt sie sich, ob er wohl spürt, wie Greg über die Sache denkt, ob sie sich vielleicht tief in ihrem männlichen Unterbewusstsein gegen den Neuankömmling verbündet haben.
Als Tess Greg eröffnete, dass sie schwanger war, hatte er sich gerade hinuntergebeugt, um eine Socke anzuziehen, und es war, als hätte jemand die »Pause«-Taste gedrückt. Sie sah, wie die glatten Muskelstränge auf seinem Rücken zitterten, als er den Fuß absetzte und sich umdrehte, um sie anzusehen. Sein dunkles Haar, noch nass vom Duschen, war nach hinten gekämmt und gab seinem Gesicht eine fast bedrohliche Ernsthaftigkeit.
Sie hielt den Teststreifen hoch.
»Herrgott, wie ist das möglich?«, fragte er. »Du nimmst doch die Pille.«
»Du bist der Arzt. Sag du es mir.« Tess versuchte zu lachen, aber es gelang ihr nicht wirklich. Mit seinem Schock hatte sie gerechnet, nicht aber damit, dass er ihr Vorwürfe machen würde. Plötzlich fühlte sie sich, als stünde sie über einem dunklen Abgrund und wüsste, sie würde fallen – aber nicht, wie tief der Fall sein würde.
Greg ließ sich schwer neben ihr aufs Bett sinken und starrte vor sich hin. »Wow«, sagte er mit flacher, fremd klingender Stimme. »Tess. Ich meine … verdammt.«
»Ich hab das nicht geplant«, sagte sie. »Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.«
Dann nahm er ihre Hand, als wäre ihm plötzlich bewusst geworden, wie unfair er sich ihr gegenüber verhielt. »Gott, nein … ich weiß. Ich weiß, aber … Himmel, Tess. Was willst du jetzt machen?«
Sie zog ihre Hand weg. »Was meinst du damit, was will ich jetzt machen?«
»Naja, es ist noch früh, richtig? Es gibt Möglichkeiten.«
»Sprichst du etwa von einer Abtreibung?«
»Ein Schwangerschaftsabbruch ist nur eine von vielen Möglichkeiten.«
Sie spürte, wie die Wut in ihr hochstieg, und stand auf. In ihrem Schlafanzug stand sie vor ihm und starrte auf ihn hinunter. »Wie kann das nur dein erster Gedanke sein?«
»Aber wir waren uns doch einig«, sagte er. »Wir wollten kein weiteres Kind bekommen.«
»Ich habe das hier nicht geplant, Greg!«
»Nein, ich weiß.«
»Dann …«
Plötzlich sah er auf die Uhr. »Verdammt. Tess – wenn ich jetzt nicht gehe, verpasse ich den Zug.« Er stand auf, sah sie an und streckte die Hand aus. Es war nicht seine Schuld. Sie hatte einen schlechten Moment gewählt, um es ihm zu sagen. Fünfzig Meilen entfernt, in London, warteten kranke Kinder auf ihn. Er durfte den Zug in die Stadt nicht verpassen.
Eilig zog er sich das Hemd über. »Hör zu – lass uns später darüber reden. Ich liebe dich. Es tut mir leid … Ich bin einfach ein bisschen überrumpelt, das ist alles. Dir muss es doch genauso gehen … Das ist nicht … Wir haben nicht … Hör zu, ich ruf dich an, wenn ich fertig bin, okay? Ich liebe dich.« Er beugte sich zu ihr herunter, gab ihr einen Kuss auf den Mund und sah ihr für einen Moment in die Augen, bevor er sich wieder zurückzog. Seine Finger arbeiteten sich rasch die Knopfleiste seines Hemds hinunter. »Uns wird etwas einfallen«, sagte er, fast wie zu sich selbst. »Wir reden heute Abend.«
Doch als er an dem Abend nach Hause kam, hatte man ihn auf diesen Job in Boston angesprochen, und er war euphorisch, schwebte förmlich auf Wolke sieben. Es war eine Ehre, eine unglaubliche Chance. Er hatte nie vorgehabt, in die USA zurückzugehen, aber das Children’s Hospital in Boston hatte eine der besten kinderkardiologischen Einrichtungen der Welt. Und eine Dozentenstelle an der Harvard Medical School – er wäre verrückt, nicht wenigstens hinzufliegen und sich mit den Leuten zu unterhalten.
Und jetzt, nur drei Monate später, ist die Sache entschieden. Sie sind hier. Aber die Existenz dieses Babys ist noch immer seltsam prekär. Sie und Greg können irgendwie nicht über ihre Gefühle sprechen. Stattdessen reden sie über die praktischen Aspekte: die Organisation der Schwangerschaftsfürsorge, die Ärztin, die Tess während der Geburt zur Seite stehen soll und die Greg noch aus dem Studium kennt, die Betreuung nach der Geburt, die Termine für die Vorsorgeuntersuchungen und Ultraschalle, ihr körperliches Befinden. Über das Baby, ihr gemeinsames Kind, das in kaum fünf Monaten zur Welt kommen und ihr Leben völlig verändern wird, reden sie nie.
Wieder dieses seltsame Rascheln unter dem Fenster. Tess erstarrt. Die Attentäter des Boston Marathons wurden nur ein paar Meilen von hier niedergeschossen. Einen fand man blutend in einem Boot, das nur fünfzehn Minuten von diesem Haus hier entfernt in einem Garten abgestellt war. Wie Greg wohl reagieren würde, wenn sie ihm gesteht, dass sie Angst hatte, ein Verbrecher könnte sich in den Büschen verstecken? Wenn man seinen Tag damit verbringt, schwerkranke Kinder zu behandeln, müssen einem solche Sorgen sinnlos selbstbezogen erscheinen. Wieder dieses seltsame Jaulen – ein Hund oder ein Kojote? – und dahinter das ferne Brummen des Verkehrs und das weiße Rauschen des städtischen Lebens.
»Fick dich!«
Sie zuckt erschrocken zusammen.
»Nein, ich meine es genau so: Fick dich!« Es ist eine Männerstimme. Ganz in der Nähe. Er spuckt jedes Wort einzeln aus. Tess setzt sich auf, die Matratze schaukelt unter ihr.
»Ich werde diesen manipulativen Scheiß von dir nicht länger mitmachen. Nicht noch einmal.«
Es klingt, als stünde er unter ihrem Fenster, aber es muss aus dem Nachbarhaus kommen.
»Warte – lachst du jetzt über mich? Du lachst? Ist das dein Ernst? Ich weiß, was du vorhast, aber ich mache das nicht noch einmal mit. Ich meine es ernst: nicht noch einmal.«
Dann hört sie die Stimme einer Frau. Sie kann die Worte nicht verstehen, nur ihren leisen, eindringlichen, monotonen Tonfall. Eine Tür knallt ins Schloss, sie hört Schritte auf dem Weg, eine Wagentür, einen startenden Motor, Reifen auf dem Asphalt vor ihrem Haus. Dann wird es leiser.
Wenn Greg jetzt neben ihr läge, würden sie sich wahrscheinlich an den Händen fassen und kichern. Tess kniet sich hin und linst über das Fensterbrett. Das Nachbarhaus wird durch die Bäume verdeckt, doch durch das Netz der Zweige kann sie in die Küche sehen. Kupfertöpfe und Holzschränke hängen dort, grüne Mosaikfliesen, Regale mit Kochbüchern, ein Edelstahl-Mixer, Bilder an der Kühlschranktür – es gibt Kinder im Haus. Sie hofft, dass die Kinder schlafen.
Und dann tritt jemand ans Küchenfenster. Tess sieht das Gesicht einer Frau – rund und blass, von oben beleuchtet, die Gesichtszüge verschwommen, Augen wie Kohlen, Haar, das in dichten Wellen auf die Schultern fällt. Die Frau starrt hinaus, als suchte sie nach etwas oder jemandem in den Bäumen – oder vielleicht im Erdgeschoss des Tudor-Hauses.
Tess legt sich wieder zurück auf ihr provisorisches Bett und zieht die Decke hoch, auch wenn ihr viel zu heiß ist. Greg hatte recht: Es war keine gute Idee, die erste Nacht allein hier zu verbringen. Es war ihr einfach überflüssig erschienen, für ein Hotel zu zahlen, während dieses riesige teure Haus leer stehen würde. Aber jetzt erkennt sie, dass es kein guter Anfang ist. Als der Termin für die Konferenz verschoben wurde, hätte sie einfach ein Hotelzimmer reservieren sollen. Sie hätten ihr neues Leben gemeinsam beginnen sollen.
Eine Welle der Sehnsucht erfasst sie. Sie will Gregs Arme um sich spüren, merken, wie sein Körper die Matratze neben ihr nach unten drückt. Sie ist es gewohnt, dass er nicht zu Hause ist. Und sie ist es gewohnt, mit Joe allein zu sein, schließlich hat sie Greg erst vor Kurzem kennengelernt. Wenn Greg nicht da ist, vermisst sie seine Gesellschaft, ihre Gespräche, sein Lachen, seine Berührungen; doch wenn er weg ist, dehnt sich ein Teil von ihr zufrieden in den Raum, den er zurückgelassen hat. Heute Nacht ist es anders. Sie fühlt sich unbehaglich und ruhelos, ein metallischer Geschmack in ihrem Mund, ein Schmerz hinter dem Brustbein. Sie kennt dieses Gefühl aus ferner Vergangenheit – wie ein zerknitterter Brief aus der Kindheit, der durch den Türschlitz geschoben wird.
Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass sie jetzt seit fast vierundzwanzig Stunden wach ist. Kein Wunder, dass es ihr nicht gut geht. Der Mann im Nachbarhaus klang, als hätte er die Kontrolle verloren. Ihr fällt auf, dass sie und Greg sich noch nie so heftig gestritten haben. Greg bewahrt sich seine Leidenschaft für Sex auf, und Tess hat keinerlei Hang zur Hysterie. Nell und Ken, die seit achtzehn Jahren verheiratet sind, schreien sich manchmal offen und hemmungslos an, auch wenn Tess dabei ist, aber sie vergessen es auch schnell wieder. Und selbst wenn in ihren Stimmen Wut und Frustration mitschwingen, hat sie noch nie Drohungen oder Hass darin vernommen.
Sie hört das metallische Geräusch eines Fensters, das geschlossen wird. Alle Paare streiten sich; Streit ist ganz normal. Auch sie und Greg werden sich irgendwann streiten, und seine Wut wird imposant sein, wenn er ihr freien Lauf lässt, da ist sie sicher.
Sie kennt Gregs dunklere Seite. Der Schaden, den er als Teenager genommen hat, zeigt sich manchmal in verschlossenem Schweigen, manchmal in einer Art Kontrollzwang. Doch genau das fasziniert sie an ihm. Bereits bei ihrer ersten Begegnung spürte sie die Verletzlichkeit in ihm, als sie durch die Linse ihrer Kamera blickte und in den attraktiven Zügen seines Gesichts etwas Gequältes, Unterdrücktes wahrnahm. Deshalb verliebte sie sich in ihn. Vielleicht hat der verletzliche Teil in ihr die Seelenverwandtschaft erkannt. Sie hatte das Gefühl, seine Geheimnisse zu kennen.
Die Matratze wogt auf und ab, als sie sich auf die Seite dreht. Sie schließt die Augen und spürt wieder die Übelkeit – Reiseübelkeit, morgendliche Übelkeit, abendliche Übelkeit, Heimweh. Sie kann nichts tun als schlafen, aber der Schlaf will nicht kommen, selbst wenn es in England schon wieder hell wird. Sie dreht sich auf die andere Seite und spürt das Baby wie eine Motte flattern, tief unten in der samtigen Dunkelheit ihres Bauchs.
Als sie aufwacht, hört sie wieder den Vogelruf vom Abend, einen kratzenden, rhythmischen Gesang wie höhnisches Gelächter. Das Sonnenlicht, ein wenig verzerrt durch das Laub der Bäume und Sträucher vor dem Fenster, wirft wässrige Formen auf den Holzboden. Tess starrt auf den Deckenventilator, der ihrer Aufmerksamkeit am Vorabend aus irgendwelchen Gründen entgangen ist. Ihre Laken sind zerwühlt und klamm. Sie hat Durst, ihr ist übel, und ihr Kopf schmerzt. Mit großen Schlucken leert sie das Glas mit lauwarmem Wasser, das neben ihrem Bett steht. Sie muss dringend zur Toilette.
»Joey?« Ihre Stimme hallt von der Decke zurück, als sie aufsteht. Sie zieht eine weite Leinenhose aus dem Koffer, irgendwelche Unterwäsche und eins der teuren T-Shirts, die Greg ihr vor dem Flug noch gekauft hat. Er hatte sie aus Boston mitgebracht, in einer Nordstrom-Tüte, vier Stück in unterschiedlichen Farben, so dünn wie Seidenpapier.
»Du wirst dünne, luftige Kleidung brauchen«, sagte er und schien die Tatsache, dass ihr Körper sich in den folgenden Monaten massiv verändern würde, vergessen zu haben. Die T-Shirts sitzen bereits jetzt fast unanständig eng über ihren Brüsten, und in wenigen Wochen werden sie über ihren Bauch nach oben rutschen, und sie wird sie nicht länger tragen können. Doch jetzt zieht sie das weiße Shirt über den Kopf und ist froh, dass es so leicht auf ihrer Haut liegt.
»Joey? Wo bist du?«
»Hier!« Seine Stimme klingt hell und hallend aus der Küche.
Das Bad neben ihrem Schlafzimmer ist so eng, dass man von der Toilette aus beinahe das Waschbecken berühren kann. Während sie dort sitzt, fällt ihr ein dunkler Riss in der Keramik auf. Sie sieht genauer hin. Es ist kein Riss, sondern ein einzelnes Haar, sehr lang – nicht wie ihre eigenen feinen, welligen, schulterlangen blonden Haare. Sie nimmt es zwischen Zeigefinger und Daumen und hält es hoch, dann lässt sie es ins Waschbecken fallen und dreht den Wasserhahn auf. Doch es klebt an der glänzenden Oberfläche. Sie steht vom Klo auf und spült es weg, sodass es im Ausguss verschwindet.
Ihre Flip-Flops hallen auf den Treppenstufen. Tess beschließt, die Böden heute noch einmal zu wischen, um den Geruch des Reinigungsmittels zu vertreiben, bevor der LKW mit dem Container kommt.
Joe sitzt mit dem iPad am Küchentresen. Greg muss das WLAN bei einem seiner letzten Besuche bereits eingerichtet haben. Ihr Sohn wirkt real und greifbar, und bei seinem Anblick löst sich der Druck in ihrer Brust ein wenig. Sie küsst ihn auf den Scheitel, doch er blickt nicht einmal auf. Zu Hause hätte es sie gestört, ihn so in ein Computerspiel vertieft zu sehen, während draußen die Sonne scheint, doch heute ist ihr alles Vorhersehbare willkommen. Er könnte auf dem Dach des Empire State Buildings stehen oder von den Niagarafällen baumeln und würde trotzdem dieses Gerät aus der Tasche ziehen.
»Wann bist du aufgestanden, Liebling?«
»Ich hab keine Uhr.« Sein hellbraunes Haar steht kreuz und quer von seinem Kopf ab, sein T-Shirt ist auf links, seine haselnussbraunen Augen blicken groß und anklagend. »Du hast meinen Wecker nicht eingepackt.«
»Doch, habe ich – er ist in deiner Tasche …« Es ist sinnlos, mit einem entwurzelten, unter Jetlag leidenden Neunjährigen zu diskutieren. »Du weißt, dass unsere ganzen Sachen heute Nachmittag ankommen, nicht wahr?«
Sie muss noch durch die Zimmer gehen und entscheiden, was wohin soll. Es ist offensichtlich, dass ihre Möbel nicht einmal die Hälfte des Hauses füllen werden. »Sie sind in einem riesigen Container, all unsere Möbel und deine Kleider und Spielsachen und all deine Bücher – alles, was wir vor sechs Wochen in England eingepackt haben, ist jetzt über den Atlantik gereist, um hierherzukommen.«
Joe blickt noch immer nicht von seinem Bildschirm auf. Er ist eine kleine, niedliche Version von David, und wenn er sich wie jetzt konzentriert, sieht er mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen und dem kräftigen Körperbau nicht nur aus wie sein Vater, er fühlt sich auch so an: selbstbestimmt und reserviert und in etwas vertieft, wozu Tess keinen Zutritt hat.
»Was hältst du davon, wenn wir deinen Vater anrufen und ihm erzählen, dass du hier bist?«
»Kommt Dad her?« Joe sieht auf. »Heute?«
»Nein, Schatz, nicht heute, nein. Er ist im Ausland, erinnerst du dich? Er hat es dir erzählt. Aber er kommt, sobald er wieder in New York ist – in etwa drei Wochen, denkt er. Er kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Er wünschte, er könnte früher kommen.«
Das Leuchten in Joes Augen erlischt. Sie hätte nichts sagen sollen. Nur weil David jetzt in New York stationiert ist, heißt das nicht, dass er tatsächlich dort lebt. Er ist die meiste Zeit unterwegs. Sie kann sich nicht mal mehr erinnern, wo er im Moment ist. Was hatte er gesagt? Kigali? Mogadischu? Bagdad?
»Aber Greg wird gleich landen«, sagt sie. Doch Joe ist schon wieder auf sein Spiel konzentriert.
Greg hat beschlossen, Joe Zeit zu lassen, doch manchmal fragt Tess sich, ob er mit ihm überhaupt anders umgeht als mit seinen Patienten. Er ist freundlich, liebenswürdig und zugänglich, aber immer ein wenig distanziert. Vielleicht ist das nicht fair – Greg war in letzter Zeit so wenig zu Hause, ist zwischen London und Boston hin- und hergeflogen, um hier alles vorzubereiten und dort, auf der Great Ormond Street, alles abzuschließen. Es wäre zu viel verlangt, von ihm zu erwarten, dabei noch sein Verhältnis zu Joe zu vertiefen. Aber dieses Baby wird das ändern. Dieses Baby wird sie alle enger zusammenbringen.
Ein grelles Trillern erfüllt die Küche und lässt sie beide zusammenzucken. Tess entdeckt ein schnurloses Telefon neben dem Kühlschrank. Greg hatte ihr gar nicht gesagt, dass es angeschlossen ist; sie kennt nicht einmal ihre Nummer hier.
»Hallo?«
Ein hohles Surren.
»Hallo?« Sie wartet. »Hallo?« Ihr Nacken beginnt zu kribbeln. Sie kann spüren, dass hinter dem Rauschen jemand ist, lauscht, aber nichts sagt.
»Greg?«, fragt sie. »Greg? Bist du das?«
Es klickt, und die Leitung ist tot. Tess stellt das Telefon wieder in die Ladestation.
»Wer war das?«, fragt Joe.
»Oh, nichts. Niemand.« Sie bemüht sich, locker zu klingen. »Falsch verbunden.«
»Kann ich was zu essen haben? Ich hab Hunger.«
»Ich auch. Also los, Frühstück!«
Sie öffnet den Schrank über der glänzenden Gaggia-Espressomaschine, an der noch die Etiketten hängen. Im Schrank sind zwei Teller, zwei Becher, zwei Gläser, ein Beutel mit Plastikbesteck und ein neues, gezacktes Küchenmesser. Ein Post-it fällt von der Tür herunter.
Bagels, Butter, Milch und Marmelade im Kühlschrank
Gregs Handschrift entspricht nicht dem typischen Ärztegekrakel; er schreibt deutlich und sauber und setzt jede Linie, jeden Winkel, jeden Bogen wohlüberlegt. Keine Küsse oder Ich-liebe-dichs, aber das macht nichts. Er hat an alles gedacht, was sie an ihrem ersten Morgen hier brauchen würden, bis ihre Sachen ankommen. Tess weiß, dass sie ihn auch wegen dieses klaren Pragmatismus liebt. Vielleicht ist sie auch einfach nur dankbar, dass er nicht so ist wie David.
David ist völlig nutzlos, wenn es um praktische Dinge geht, dafür anfällig für große, romantische Gesten. Einmal, als Joe acht Monate alt war, tauchte er nach sechs Wochen im Sudan mit Karten für die Oper in Verona auf. Sie konnten sich die Flüge dorthin nicht leisten. Vor Joes Geburt war Tess mit solchen Dingen entspannt umgegangen, aber jetzt saß sie mit einem Baby zu Hause, und die finanziellen und praktischen Notwendigkeiten erstickten die Romantik. Davids ständige Abwesenheit erschien ihr zunehmend unverantwortlich. Nell zieht sie damit auf, dass sie sich nun wieder einen Mann gesucht hat, der beruflich viel unterwegs ist, und vielleicht ist da tatsächlich etwas dran – unbewusst. Doch Gregs Art, sie zu lieben – freigiebig, absolut organisiert, beschützend –, erscheint ihr niemals sorglos. Und er ist ja meistens nur kurz weg.
Sonnenlicht flutet durch die Terrassentüren und lässt die Edelstahlgeräte in der Küche glänzen. Sie öffnet ein paar Schränke. Natürlich gibt es noch keine Kräuter und Gewürze, kein Mehl, Backpulver, Salz oder Pfeffer. Keine Frischhaltefolie, Küchenrolle oder Spülschwämme. Ohne diese häuslichen Dinge verströmt die Küche etwas Vorläufiges, Provisorisches, wie eine Filmkulisse, die jeden Moment wieder abgebaut werden kann.
Das Umzugsunternehmen ruft an, sobald absehbar ist, wann der Container kommt. Das Haus wird sich besser anfühlen, wenn ihre Sachen hier sind. Am Ende sind fast die gesamte Organisation des Umzugs und das Packen an Tess hängen geblieben, weil Greg zwischen London und Boston hin- und herpendelte und versuchte, hier alles zu organisieren. Abgesehen vom Papierkram – der nicht unerheblich war – bestand sein Beitrag darin, seine vier verschlossenen Kartons vom Dachboden zu holen und in der Diele zu stapeln.
Die Kartons waren nicht markiert, doch Tess erkannte sie wieder von dem Tag, als er bei ihr eingezogen war. In ihnen lagerten seine alten Sachen aus dem Studium, ein paar Visumsunterlagen und wichtige Dokumente wie seine Geburtsurkunde. Die Kartons waren mit Klebeband verschlossen, und es war offensichtlich, dass er nicht wollte, dass sie geöffnet würden. Also hat Tess die Umzugshelfer angewiesen, sie in eine der Kisten für den Keller zu packen. Wenn Greg vier verschlossene Kartons von einem Ort zum anderen schleppen will, dann ist das seine Angelegenheit.
Sie schneidet die Bagels auf und schiebt sie in den Toaster. Dann textet sie Nell:
Angekommen! Alles sehr seltsam. Riesiges leeres Haus. ZIKADEN. Wilde Füchse/Kojoten/Hunde. Kühlschrank so groß wie ein Haus. Nachts streitende Nachbarn. Was hab ich nur getan? Xx
Die Terrasse vor der Küche wird von den hohen Zypressen überschattet. An einigen Stellen blättert die weiße Farbe vom Holz ab. Tess hantiert mit dem Schloss und zieht erst die Terrassentüren, dann das Fliegengitter auf. Die Fliegentür wackelt in den Scharnieren. Draußen riecht es nach frisch geschnittenem Gras und Sommerferien. Es ist warm und stickig, obwohl es noch früh am Tag ist. Sie späht durch die Zweige in den Nachbargarten. Er wirkt bescheiden für so ein riesiges Haus und ist zum großen Teil gepflastert. Der Rest besteht aus Sträuchern und Rindenmulch. Keine Blumenbeete.
Im hinteren Teil des Gartens steht ein flacher Holzbau mit bodentiefen Fenstern. Tess lehnt sich gerade über das Geländer, um besser sehen zu können, als sie eine Bewegung in der Nähe des Hauses bemerkt. Es dauert einen Augenblick, bis sie versteht, was sie da sieht.
Die Frau steht in Trägershirt und Yogahose im Schatten gegen die Hauswand gelehnt. Ihr langes Haar ist offen, sie hat die Arme vor der Brust verschränkt. In einer Hand hält sie einen Becher. Sie starrt herüber, ohne ein Lächeln auf ihrem runden Gesicht.
Tess spürt einen leisen Schauer über ihre Haut streichen und wendet sich ab. Sie geht ans andere Ende der Terrasse, legt die Hände aufs Geländer und blickt hinunter auf die Einfahrt zum hinteren Teil des Hauses. Dort hängt ein Basketballkorb.
Vielleicht hätte sie winken sollen oder Hallo rufen, doch die Frau hat beinahe etwas Feindseliges. Tess erinnert sich an ihr Gesicht im Küchenfenster, unnatürlich still, als suchte sie nach einer Bewegung in den unteren Zimmern des Nachbarhauses. Aber was gehen Tess die Eheprobleme ihrer Nachbarn an?
Sie blickt in die Zweige der Bäume. Mit dem Geruch nach frisch gemähtem Gras, dem Vogelgezwitscher und dem Rauschen der Blätter wirkt diese Gegend nicht wie der Vorort einer Großstadt. Sie versucht sich vorzustellen, wie Joe in dieser Einfahrt mit neuen Freunden Basketball spielt. Und dann, zaghaft, stellt sie sich vor, wie sie hier sitzt, auf dieser Terrasse, mit ihrem neuen Baby im Arm. Sie kann das Gewicht des kleinen Körpers spüren, die winzigen Finger, die sich um ihre krümmen, das Haar ganz weich, und sie kann den Babyduft nach frischem Grün und süßem Teig wahrnehmen. Natürlich wird sie, wenn das Baby da ist, nicht hier draußen sitzen, denn es kommt im Januar, im tiefsten Winter. Greg hat sie schon vorgewarnt: Die Winter in Boston sind brutal.
Sie spürt ein leises Flattern und legt beide Hände auf ihren Bauch. Mittlerweile kann sie das Baby spüren, auch wenn sie erst in der achtzehnten Woche ist. Vielleicht ist es unfair, von Greg zu erwarten, dass er eine Verbindung spürt. Er hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er nicht vorhabe, Vater zu werden, hat es sogar ausdrücklich gesagt, als er ihr zum ersten Mal seine Liebe gestand. Als wären diese beiden Aussagen untrennbar miteinander verbunden.
Damals saßen sie im Spätzug aus London, vielleicht einen Monat nachdem sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Der Wagen war leer, und Greg hatte ihr Kinn in seine Hand genommen und ihr in die Augen gesehen. »Ich habe mich komplett in dich verliebt«, sagte er. Und es klang kein bisschen lächerlich, denn sie empfand genauso. Tief drinnen passten sie beide perfekt zusammen, und zu diesem Zeitpunkt wusste Tess bereits, dass sie zu ihm gehörte, zu niemandem sonst. Dann sagte er sanft, aber bestimmt: »Ich finde es großartig, Joe in meinem Leben zu haben, aber ich möchte keine weiteren Kinder. Ist das ein Problem für dich?«
Sie küsste ihn und versicherte, auch sie wäre damit zufrieden, nur Joe zu haben. Als Joe jünger gewesen war, hätte sie gern noch ein Kind bekommen – sie fühlte sich schuldig, weil er keine Geschwister hatte, wollte nicht, dass er dasselbe Gefühl der Einsamkeit oder Verantwortung für seine Mutter verspürte wie sie als Kind. Doch dann verließ David sie, und mit der Zeit versiegte diese Sehnsucht. Sie und Joe waren zufrieden damit, zu zweit zu sein. Inzwischen fragt sie sich manchmal, was wohl geschehen wäre, wenn sie, statt Greg zu küssen, erklärt hätte, dass sie sehr wohl noch ein Kind wolle, sich förmlich danach sehne – dass sie ein Kind von ihm wolle. Hätte er sich zurückgezogen? Seine Meinung geändert? Aufgehört, sie zu lieben?
Tess muss an die Ultraschalluntersuchung in der dreizehnten Woche denken. Greg und sie hielten sich an den Händen, während die Ärztin ihnen eine Hand mit winzigen Fingern zeigte, das straffe Geflecht einer Wirbelsäule, einen Kieferknochen, den pumpenden Knoten eines Herzens. Während Tess zusah, wie die Landkarte ihres Kindes auf dem Bildschirm Formen annahm, verschwanden all ihre Zweifel, und sie spürte, wie tiefe Liebe und pure Freude sie durchfluteten. Doch Greg schwieg. Sie wollte glauben, dass auch er überwältigt war, das Gleiche fühlte wie sie, doch sie war sich nicht sicher. Als die Ärztin noch einmal das Herz heranzoomte, klickte, Standbilder machte, um Maße zu nehmen, trat er näher und untersuchte die Bilder auf Auffälligkeiten.
Er wird es spüren, wenn er sein Kind zum ersten Mal in den Armen hält. Er hat Tausende von Kindern im Arm gehalten, aber nie sein eigenes – er hat keine Ahnung, wie überwältigend es ist, seinem Kind zum ersten Mal ins Gesicht zu sehen. Tess hört ihr Telefon in der Küche piepen. Eine Nachricht, wahrscheinlich von Nell. Und Joe wartet auf seinen Bagel. Mit starr nach vorn gerichtetem Blick geht sie über die Terrasse zurück zum Haus. Ihr Nacken kribbelt, als sie in die Küche tritt. Sie weiß, dass sie beobachtet wird.
Nach dem Frühstück geht sie auf die vordere Veranda. Greg hat gesagt, in der Straße wohnten ein paar Familien, aber es sind noch Sommerferien, und außerdem ist es acht Uhr morgens. Die Gärten sind leer und still, abgesehen vom Schwirren und Zischen der Sprenger. Nirgendwo gibt es Blumenbeete, nur Sträucher und Steingärten und frisch gemähte Rasenflächen. Ihr Grundstück ist das einzige mit einem Zaun.
In der Nähe brummt ein Rasenmäher, und die Fenster der Häuser reflektieren das Sonnenlicht. Tess hebt eine Hand an die Augen, um besser sehen zu können. Vielleicht schauen die Nachbarn gerade in diesem Moment zu ihr herüber. Sie geht zum Zaun und blickt noch einmal zum Nachbarhaus. Es ist ein wahres Vorzeigeexemplar der Arts-and-Crafts-Architektur, mit einer Holzverkleidung in dezentem Grün, einer Veranda, die sich über die gesamte Breite des Hauses zieht, und, ja, einer Hollywoodschaukel. Genau die Art von Haus, die Tess sich vorgestellt hatte. Alle Rollos sind heruntergelassen.
Da wird die Haustür aufgerissen. Tess weicht zurück, bis sie beinahe in einem hohen Strauch steht. Sie biegt die Zweige ein wenig auseinander und späht hinüber. Ein Mann mit kurzem braunen Haar steht auf der Veranda, eine lederne Büchertasche in der Hand, wie Lehrer sie häufig haben. »Kinder!«, ruft er über die Schulter. »Jetzt!« Seine Stimme ist unverkennbar, aber heute klingt sie eher ungeduldig als wütend. Tess beobachtet, wie er die Stufen hinunterspringt, ein Handy aus der Tasche zieht und durch seine Nachrichten scrollt, während er per Fernbedienung die Türen eines Wagens entriegelt, den sie nicht sehen kann. Er trägt ein frisch gebügeltes blaues Hemd und Chinos. Keine Krawatte. Er ist mittelgroß, attraktiv, gepflegt. Sie fragt sich, wann er wohl in der Nacht zurückgekommen ist und wohin er gefahren ist, nachdem er seine Frau angeschrien hatte.
Als hätte er ihre Anwesenheit gespürt, blickt er auf, und Tess zieht sich noch ein Stück tiefer zwischen die Zweige zurück. Die Blätter sind stachlig, ein Ast bohrt sich zwischen ihre Rippen, Staub bedeckt ihre Augen und Lippen. Sie bewegt ein Bein. Ein kleiner Zweig hält ihren Knöchel fest. Plötzlich läuft ihr etwas übers Gesicht. Sie hebt die Hand und zieht etwas Klebriges von ihrer Wange – eine braune Spinne fällt ihr aufs T-Shirt. Sie zuckt zurück, zerrt sich von dem Zweig los und hört, wie der Stoff reißt. Als sie ihr T-Shirt ausschüttelt, fallen kleine Blatt- und Aststückchen heraus. Ein silberner Minivan fährt jetzt rückwärts aus der Einfahrt des Nachbarhauses, sodass sie plötzlich neben dem offenen Beifahrerfenster steht.
»Hey.« Der Mann lehnt sich grinsend über den Beifahrersitz. »Alles okay?«
»Ich hab … Ich hab nur …« Sie klopft sich den Schmutz von den Klamotten, unfähig, sich eine vernünftige Erklärung einfallen zu lassen, warum sie da in den Büschen steht. »Wir sind gerade erst eingezogen.«
»Oh, Sie sind die Engländerin! Ich glaube, ich habe Ihren Mann ein paarmal hier gesehen – ich gehe einfach mal davon aus, dass es Ihr Mann war? Groß, dunkle Haare?«
»Ja, das war Greg. Er war ein paarmal hier, um alles vorzubereiten.«
Sein Lächeln wird steif. »Meine Frau hat ihn getroffen.«
Greg hat ihr berichtet, wie er den Mietvertrag unterschrieben und die Schlüssel besorgt hat, wie er mit dem Makler durchs Haus gegangen ist und wie er die Luftmatratzen aufgeblasen hat, aber er hat kein Wort von den neuen Nachbarn gesagt.
»Also, ich bin Josh.«
»Tess.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Tess. Willkommen in der Nachbarschaft. Und jetzt muss ich meine Mädels ins Musik-Camp bringen.«
Sie tritt zurück, und er setzt den Wagen auf die Straße, während er durch das offene Fenster nach seinen Töchtern ruft.
Tess geht hinüber zur Schaukel und hockt sich darauf. Der teure Stoff ihres T-Shirts hat ein dreieckiges Loch und ist voller Schmutz. Sie schaukelt ein wenig hin und her, ohne die Füße vom Boden zu nehmen, und blickt in den Himmel. Ihr Knöchel brennt, wo der Zweig sie gekratzt hat. Kein guter Start. Eine Wolke zieht vor die Sonne, und ein paar kleine dunkle Vögelchen flattern hin und her, als hätten sie sich verirrt.
»Hallo, meine Schöne!«
Sie öffnet die Augen. Greg kommt mit langen Schritten über den Rasen, sein Hemd ein großes weißes Segel vor dem Meer aus Gras. Sie springt von der Schaukel, und er lässt seine Tasche fallen, fängt sie in seinen Armen auf und zieht sie fest an sich. Sie riecht den schalen Geruch von Flughäfen an ihm, spürt die Wärme seiner Brust unter der gestärkten Baumwolle und drückt ihre Nase in seine Halsbeuge, wo er nur nach sich selbst riecht. Er tritt einen Schritt zurück, und sie sehen sich an, mit ausgestreckten Armen, händchenhaltend im Sonnenlicht. Und plötzlich spürt sie, wie neue Energie sie durchflutet, voll und rund. Sie ist wieder dort, wo sie hingehört.
Sie sind erst seit vier Wochen hier, und schon ist dies der Moment, den sie täglich am meisten fürchtet. Die Frauen stehen in kleinen Grüppchen zusammen, in Sporthose und Nikes oder Chinos und Slippern, Thermobecher in der Hand. Sie umarmen sich, unterhalten sich quer über den Schulhof, treffen Verabredungen, teilen Frust, Informationen und Geschichten, während ihre Blicke einfach über Tess hinweggleiten.
Sie hat diese Situation am Schultor noch nie gemocht, auch zu Hause nicht. Nell, die Mitglied im Elternverein ist, hat immer wieder versucht, sie zu überreden, bei Kuchenverkäufen, Quizabenden und Fundraising-Aktionen mitzumachen, doch selbst sie gab es irgendwann auf. »Du bist einfach kein Rudeltier, was?«, sagte sie. »Du bist ein einsamer Wolf.«
Doch diese Unbehaglichkeit hier auf dem Schulhof hat eine andere Dimension. Tess fühlt sich wie ein ungebetener Gast auf einer Party, zu der sie nie hatte gehen wollen. Die einzige andere Mutter, die allein steht, ist eine Frau in einem eisblauen Kleid am Rande des Schulhofs. Tess blinzelt durch das grelle Sonnenlicht. Es ist ihre Nachbarin, Helena.
Sie hat sich umgezogen und zurechtgemacht, seit sie heute Morgen um halb sechs vor dem Haus stand und sich mit Greg unterhielt.
Tess war früher als sonst aufgewacht, mit einem knurrenden Magen und keiner Spur von Schwangerschaftsübelkeit. Sie stand auf und zog die Rollos im Schlafzimmer hoch. Die Straße unter ihr war in rosiges Dämmerlicht getaucht – und da stand Greg, im Joggingdress, mit dieser Frau. Ihr dickes Haar war zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, ihr Körper kurvig, aber sportlich, und während die beiden miteinander sprachen, hob sie das Kinn und strich sich mit beiden Händen die Haare zurück, was ihre Brüste in dem Lycra-Top hervortreten ließ. Gregs Blick wanderte kurz zu ihrem Dekolleté und glitt dann wieder weg.
Als Tess hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, ging sie nach unten.
»Hey, wieso bist du schon auf?«, fragte Greg. »Es ist nicht mal sechs.«
»Ich weiß nicht. Ich hatte Hunger. War das unsere Nachbarin?«
»Da draußen? Ja.«
»Wart ihr zusammen laufen?«
»Was? Nein.« Er trat sich die Schuhe von den Füßen.
»Ist sie nett?«
»Hast du sie noch gar nicht getroffen?«
»Ich habe sie ein paarmal gesehen, aber wir haben nicht miteinander gesprochen.«
Er wandte sich ab, um seine Laufschuhe in den Dielenschrank zu stellen. »Du solltest mal rübergehen und ihr Hallo sagen. Sie ist wirklich nett. Sie heißt Helena und ist Ärztin. Ihre Kinder gehen auf Joes Schule.« Er gab ihr einen schnellen Kuss und schob sich an ihr vorbei die Treppe hinauf, um zu duschen.
Jetzt versucht Tess Blickkontakt aufzunehmen, aber Helena ist mit ihrem Handy beschäftigt, während sie mit der Ferse auf den Boden tippt und sich mit der Schulter gegen das Knie des finster dreinblickenden Humpty-Dumpty-Reliefs an der Mauer des Schulgebäudes lehnt. Eine riesige Steinfigur von der Art, die Erstklässlern Albträume bescheren muss. Seine grauen Augen verfolgen Tess, als sie über den Schulhof auf Helena zugeht.
Sie ist fast da, als ein pummeliges Mädchen, etwa sieben Jahre alt, an ihr vorbeirennt – Helenas jüngste Tochter. Helena blickt auf, sagt in scharfem Ton etwas zu ihrer Tochter, verstaut ihr Handy und geht mit großen Schritten zu ihrem Toyota Prius. Das kleine Mädchen folgt ihr langsam, ihren Hello-Kitty-Rucksack hinter sich herschleifend. Am Auto angekommen, dreht Helena sich noch einmal um. Ihre Blicke treffen sich. Tess hebt eine Hand, doch Helena lässt mit keinem Zeichen erkennen, ob sie sie gesehen hat. Sie steigt ins Auto und knallt die Tür zu.
Tess dreht sich wieder zum Schuleingang und spürt, wie ihr Gesicht glüht. Helena hat sie so offen brüskiert, dass die anderen Mütter sie jetzt unverhohlen anstarren. Immer mehr Kinder strömen jetzt durch die Doppeltüren. Sie versucht, sich wieder zu sammeln, denn jeden Augenblick wird Joe herauskommen, blass und mit leerem Blick. In letzter Zeit hat er seinen Rucksack ein paarmal einfach neben ihr fallen lassen und ist durch den Park nach Hause gelaufen.
Und da kommt er, mit einem Gesicht so weiß wie die Wolke über dem roten Backsteingebäude. Sie hebt eine Hand, und obwohl er sie eindeutig gesehen hat, winkt er nicht zurück, sondern läuft einfach an ihr vorbei, mit verschlossenem Gesicht und steifem Nacken. Sie folgt ihm über die Straße und in den Park. Andere Kinder hüpfen und rennen im Sonnenschein, rufen, werfen Bälle, aber Joe marschiert einfach davon. Seine Arme sind steif, der Rucksack schlägt ihm gegen die Wirbelsäule; er sieht furchtbar klein aus. Tess möchte ihm nachlaufen, ihn in die Arme schließen und ganz fest halten, ihn vor Trauer und Stress beschützen, aber sie weiß, dass er nur noch schneller laufen wird, wenn sie versucht, ihn einzuholen. Zwei Frauen sehen zu ihr, lächeln mit leerem Blick und murmeln irgendetwas, als sie an ihnen vorbeigeht.
Als sie zu Hause ankommt, ist dort keine Spur von Joe, aber eine Frau mit wasserstoffblondem Pferdeschwanz steht auf der Veranda, eine riesige Platte mit Keksen in der Hand. Ihre athletischen Beine in der abgeschnittenen Hose sind sonnengebräunt; Venen ranken sich über die Unterschenkel.
»Hey! Ich bin Sandra Schechter, ich wohne gegenüber.« Sie zeigt ihre großen, geraden Zähne und nickt zu dem Haus auf der anderen Straßenseite hinüber. »Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht schon früher gekommen bin – ich war beruflich unterwegs, Sie wissen ja, wie das ist –, aber ich habe Ihnen ein kleines, verspätetes Willkommensgeschenk gebracht.«
»Oh, vielen Dank, das ist aber nett.« Tess nimmt den Teller mit amerikanischen Fähnchen und genug Keksen für mindestens vierzig Leute entgegen.
»Nicht der Rede wert.« Sandras Augen sind freundlich. »Es tut mir einfach leid, dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich rüberkomme, um Hallo zu sagen. Haben Sie sich schon ein wenig eingelebt?«
Im Haus klingelt das Telefon, wie jeden Tag um diese Zeit. Greg, Nell und Tess’ Ärztin sind die Einzigen, die ihre neue Festnetznummer kennen, doch jedes Mal, wenn Tess abnimmt, ist da nur Rauschen.
»Sie sind aus England, richtig? Du meine Güte, wir lieben England! Wir waren letztes Jahr in London, zur Hochzeit meiner Nichte …«
Plötzlich erinnert Tess sich, dass gestern am späten Abend, als sie schon beinahe eingeschlafen war, ebenfalls das Telefon klingelte. Sie hörte Greg unten in der Küche abnehmen und mit leiser Stimme etwas sagen, bevor er wieder auflegte. Als er nach oben kam, war sie aus ihrem Halbschlaf aufgetaucht, um ihn zu fragen, wer angerufen hatte.
»Niemand. Falsch verbunden.« Er zog sich das T-Shirt über den Kopf und verdeckte so sein Gesicht. »Schlaf weiter.«
Jetzt schaltet sich der Anrufbeantworter an, und Tess hört das ferne Geräusch ihrer eigenen Stimme, die den Anrufer bittet, eine Nachricht zu hinterlassen.
»Ich muss los, Kevin von der Nachmittagsbetreuung abholen«, sagt Sandra, »und ihn zu seinem Therapeuten fahren, aber ich wollte einfach kurz, Sie wissen schon, vorbeikommen, mich vorstellen und Ihnen sagen, dass ich freitags in der Regel zu Hause bin, falls Sie etwas brauchen. Es muss ein wenig einsam sein, als Hausfrau und Mutter an einem fremden Ort. Oder arbeiten Sie?«
»Ja, sozusagen. Ich bin Fotografin. Ich bin gerade dabei, ein Buch fertigzustellen.«
»Oh, wow! Ein Buch? Worum geht es?«
»Es ist für eine Wohltätigkeitsorganisation in England. Teil einer Kampagne zur Förderung der Organspende.«
»Transplantationen?« Sandras Lächeln erstirbt. »Sie fotografieren Transplantationen?«
»Nein, nein, nicht die Operationen selbst. Ich mache Fotos von Händen – den Händen all derer, die damit befasst sind: Ärzte, Krankenschwestern, die Familien der Spender, die Empfänger. Der Titel des Buches lautet: Hand in Hand. Es soll das Bewusstsein der Leute wecken und sie dazu bringen, sich als Spender registrieren zu lassen.«
Sandra nickt, aber sie sieht aus, als wäre ihr ein wenig übel.
»Ich muss es abschließen, bevor das Baby kommt.«
»Oh!« Das Lächeln ist zurück. »Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie vielleicht … Aber Sie wissen ja, wie das ist, ich wollte nicht nachfragen. Man kann ja nie wissen, nicht wahr? Wann kommt es denn?«
»Mitte Januar.« Tess hört Joes Rucksack am Mauerwerk entlangstreifen, irgendwo hinter den Sträuchern.
»Spielen Sie Tennis, Tess?«
»Tennis? Tut mir leid, nein.«
»Schade. Sie hätten mitkommen können. Ich und ein paar andere Mütter spielen jeden Freitagmorgen. Ich habe während meiner Schwangerschaften immer gespielt, sogar mit den Zwillingen.« Sandra blickt sich im Vorgarten um. »Ist Ihr Sohn auch in der Nachmittagsbetreuung?«
»Nein, Joe müsste hier irgendwo sein. Er … er läuft bloß gerne schon vor.«
»Wirklich? In welcher Klasse ist er?«
»In der vierten.«
»Oh, das ist ja großartig. Kevin ist in der dritten, und unsere Zwillinge, Parker und Dane, sind in der Middle School. Sie sind vierzehn. Sie haben sie sicher schon hier rumlaufen sehen.«
»Ich weiß nicht. Ich habe Ihren Mann ein oder zwei Mal im Auto gesehen und eine junge Frau, die Kevin zur Schule bringt.«
»Oh ja, das ist Delia, unsere Nanny. Mike wäre selbst gekommen, um Hallo zu sagen, aber Sie wissen ja, wie das ist. Er ist Banker – er kommt oft erst spät nach Hause.«
»Machen Sie sich keine Gedanken. Greg ist genauso.«
»Oh ja, Ihr Mann. Ich habe ihn ein paarmal mit Helena laufen sehen. Er ist immer extrem früh unterwegs, oder?«
Plötzlich scheint die Septembersonne Tess die Kopfhaut zu versengen. Ihr Mund ist staubtrocken, ihre Armbeugen fühlen sich glitschig an, ihr Haaransatz ist feucht.
»Was genau ist eigentlich Gregs Spezialgebiet?«
»Er ist Chirurg in der Kinderkardiologie.«
»Ein Kinderherzchirurg? Du meine Güte! Wow. Das ist ja unglaublich!« Sandra tritt einen Schritt näher. »Hören Sie, Sie müssen unbedingt mal bei uns vorbeikommen, damit ich Sie den Nachbarn vorstellen kann – okay?«
»Sehr gern.«
»Also, abgemacht.« Sandra tritt einen Schritt zurück, als wäre es das tatsächlich. »Okay, ich muss los, sonst komme ich zu spät. War nett, mit Ihnen zu plaudern, Tess.«
Sobald Sandra fort ist, kommt Joe aus dem Gebüsch – eine kleine wilde Kreatur mit Blättern in den Haaren.
»Sieh mal!« Tess senkt den Teller in ihrer Hand. »Kekse!«
Er nimmt sich einen, kommt aber nicht mit ihr zur Haustür. Sie muss sich zusammenreißen, um nicht zu versuchen, ihn in die Arme zu schließen und sein sommersprossiges Gesicht zu küssen. Das würde er noch nicht zulassen. Sie darf ihn nicht hetzen oder drängen. Nach der Schule braucht er immer Zeit, um ein wenig Druck abzulassen.
»Wie wäre es mit einem Glas Milch dazu?« Sie geht hinein und lässt die Tür hinter sich offen, damit er ihr folgen kann, wenn er mag.
Im Esszimmer stellt sie ihre Tasche auf den Tisch und schiebt einen Stapel von Gregs Unterlagen zur Seite, um den Teller mit den Keksen abstellen zu können. Doch der Stapel kippt um, und die Blätter verteilen sich über den Parkettboden und lassen einen kleinen Papierkorb umkippen.
Sie kniet sich hin und kriecht halb unter den Tisch, um die Unterlagen und den Inhalt des Papierkorbs wieder aufzusammeln. Normalerweise erledigt Greg seinen Papierkram mit akribischer Sorgfalt, aber in letzter Zeit hat er rund um die Uhr gearbeitet – kein Wunder, dass dabei einiges liegen geblieben ist. Sie greift nach einem Blatt Papier und streicht es glatt, weil sie nicht sicher ist, ob es für den Müll gedacht war oder nicht.
Auf dem Blatt stehen nur drei kurze Sätze in einer engen, schnörkeligen Schrift. Ohne Unterschrift.
Ich habe dein Bild gesehen.
Es ist viel Zeit vergangen, aber ich würde dein Gesicht überall erkennen.
ICH SEHE DICH NOCH IMMER IN MEINEN ALBTRÄUMEN.
Als Tess am nächsten Morgen nach unten kommt, steht Greg in der Küche und spült eine Schüssel. Er hört sie und dreht sich um – er wirkt müde, aber wachsam, als habe er auf sie gewartet. Durch das Fenster hinter ihm sieht sie, wie eine Windbö kleine orangefarbene Blätter in den marmorierten Himmel wirbelt.
Sie geht zu ihm und gibt ihm einen Kuss. »Wann bist du gestern Abend nach Hause gekommen? Ich habe auf dich gewartet, aber ich muss irgendwann eingeschlafen sein. Ich hab dich nicht mal reinkommen gehört.« Sie reibt sich die Augen und wirft einen Blick auf die Küchenuhr. »Halb acht. Wieso bist du noch hier?«
Normalerweise ist er um diese Zeit seine gewohnte Runde gelaufen, hat geduscht und ist seit einer Stunde im Krankenhaus, bereitet sich auf die wöchentliche Konferenz vor, geht die Operationen durch, die er für diesen Tag geplant hat, erledigt Papierkram. Doch heute trägt er noch seine Pyjamahose und ein graues T-Shirt.
»Ich fahre heute erst später in die Klinik.« Seine Augen liegen tief in den Höhlen, sein Gesicht wirkt zerknittert, seine olivfarbene Haut ungewohnt blass. Sie fragt sich, ob er überhaupt geschlafen hat.
»Alles in Ordnung?«, fragt sie.
»Was?« Er stellt die Schüssel vorsichtig auf das Abtropfbrett. »Ja, ja, alles okay.«
Dann erinnert sie sich an den Brief und steht auf, um ihn aus dem Drahtkorb neben dem Toaster zu holen. Sie faltet ihn auf und schiebt ihn über den Tresen zu ihm hinüber. »Deswegen habe ich gestern Abend auf dich gewartet – hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich habe das hier gefunden. Was um Himmels willen ist das?«
Er trocknet sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab und blickt auf den Brief.
