An jenem Tag in Paris - Alex George - E-Book

An jenem Tag in Paris E-Book

Alex George

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Beschreibung

Ein Tag in der Stadt der Lichter. Eine Nacht auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Paris, 1927. Eine Stadt, die von berühmten Künstlern, Schriftstellern und Musikern wimmelt, ein wahrer Schmelztiegel des Genies. Inmitten dieser schillernden Stadt ringen vier ganz normale Menschen mit ihren Geheimnissen: die ehemalige Haushälterin von Marcel Proust, die heimlich eines seiner Tagebücher behalten hat und es jetzt verzweifelt sucht; ein Journalist, der nicht aufhören kann, in den Gesichtern der Pariser nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau zu halten; ein liebeskranker Künstler, dessen einzig geldbringendes Gemälde eigentlich unverkäuflich ist; und ein armenischer Flüchtling, der Tag für Tag ein ungewöhnliches Marionettentheater betreibt. Ihre Wege werden sich im Laufe eines einzigen Tages auf unvergessliche Weise kreuzen … Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an Paris, eine anspruchsvolle Erzählung auf höchstem Niveau und zugleich ein wunderschön betörendes und raffiniert geschriebenes Werk, in dem Gertrude Stein, Josephine Baker und Ernest Hemingway zur Abwechslung einmal die Nebenrollen spielen. Perfekt für die Leser von Christy Lefteri und Anthony Doerr!  »Faszinierend ... Indem er fiktive Charaktere und historische Figuren mit der gleichen Lebendigkeit heraufbeschwört und sich wiederholende Motive klug einsetzt, vereint George seine Erzählstränge in einer überraschenden und doch völlig überzeugenden Auflösung. Elegant und eindringlich, wird dieses Buch einen besonderen Reiz für Paris-Liebhaber und Fans von Paula McLains ›Madame Hemingway‹ haben.« Publishers Weekly »Was für ein Konzept! George springt gekonnt zwischen verschiedenen Plots hin und her und führt sie im Laufe des Abends immer näher zusammen. Der Zunder ist gelegt und das Feuer wird entfacht, während die Handlung im ausgelassenen Nachtleben von Montmartre gipfelt.« The New York Times »Ein aus dem Feuer gezogenes Notizbuch, ein vermisstes Kind, eine belastende Schuld, eine traumatische Erinnerung: Aus diesen Elementen entwirft Alex George meisterhaft eine Geschichte von verzweifelten, trauernden Menschen, die Trost, Erlösung und Antworten auf die Fragen suchen, die sie plagen. Wie Anthony Doerrs ›Alles Licht, das wir nicht sehen‹, zeichnet ›An jenem Tag in Paris‹ die Brutalität des Krieges und seine anhaltenden Nachwirkungen mit filmischer Intensität nach. Das Ende wird Sie sprachlos machen.« Christina Baker Kline, Autorin des Bestsellers »Der Zug der Waisen« »George schreibt ergreifend über menschliche Beziehungen, über verlorene und wiedergefundene. Seine lebendige Schilderung der Leben, die sich im Paris des frühen 20. Jahrhunderts kreuzen, wird Sie mit seiner Poesie begeistern und mit seiner Menschlichkeit berühren. Die Hauptfiguren sind so schön gezeichnet, dass sie Ihnen noch lange nach dem Ende der Geschichte im Gedächtnis bleiben werden.« Melanie Benjamin, Autorin von »Die Königin des Ritz« »Eine vollkommen fesselnde Geschichte! Alex George beschwört auf brillante Weise eine Zwischenkriegswelt voller unvergesslicher Figuren herauf. Ein Buch mit Paris als Herzstück, das ich gelesen habe ohne innezuhalten, weil ich unbedingt herausfinden wollte, ob diese wunderbaren Figuren dem Schmerz ihrer Vergangenheit würden entkommen können.« Will Schwalbe Der gebürtige Engländer Alex George studierte Rechtswissenschaften an der Universität Oxford. Als Jugendlicher ging er in den nördlichen Vororten von Paris zur Schule, später arbeitete er als Wirtschaftsanwalt in Paris und London. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Er ist Gründer und Leiter des »Unbound Book Festival« und Inhaber einer unabhängigen Buchhandlung in der Innenstadt von Columbia, Missouri.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Aus dem Englischen von Sabine Thiele

Die Zitate stammen aus:

Walt Whitman, Aus der endlos schaukelnden Wiege, in: Grasblätter, S. 313 ff. Deutsch von Jürgen Brôcan, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2009.

© Alex George 2020

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Paris Hours«, Flatiron Books, New York 2020

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2021

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: U1berlin/Patrizia Di Stefano nach einem Entwurf von Julianna Lee Design

Covermotiv: Michael Trevillion/Trevillion Images

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1

Stiche

Kapitel 2

Ein unangenehmes Erwachen

Kapitel 3

Rhapsodie

Kapitel 4

Ritual und Gedenken

Kapitel 5

Passacaille I

Kapitel 6

Ein Versprechen gebrochen, eins gehalten

Kapitel 7

Das Ritual

Kapitel 8

Eifersucht auf einen Toten

Kapitel 9

Ostanatolien 1916: Das Kleid einer Mutter

Kapitel 10

Der Handel

Kapitel 11

Eine Amerikanerin in Paris

Kapitel 12

Auxillac 1913: Ein Mädchen vom Land

Kapitel 13

Söhne und Brüder

Kapitel 14

Paris 1915: Der Cirque Medrano

Kapitel 15

Die Sprache der Blumen

Kapitel 16

Die Suche beginnt

Kapitel 17

Vaucluse 1917: Die Güte von Fremden

Kapitel 18

Thérèse

Kapitel 19

Paris 1918: Der Violinschlüssel

Kapitel 20

Paris 1913: Ein auf den Kopf gestelltes Leben

Kapitel 21

Vaucluse 1917: Der Koffer unter dem Bett

Kapitel 22

Rache ist süß

Kapitel 23

Die Buchhandlung

Kapitel 24

Paris 1915: Zuversicht

Kapitel 25

Belauschte Erinnerungen

Kapitel 26

Ein flüchtiges Bild

Kapitel 27

Der Jardin du Luxembourg

Kapitel 28

Paris 1919: Der erste Verrat

Kapitel 29

Aufführung

Kapitel 30

Zum Preis von sechshundert Francs

Kapitel 31

Verdun 1916: Passacaille II

Kapitel 32

Eine unerwartete Entwicklung

Kapitel 33

Ostanatolien 1915: Hector

Kapitel 34

Der Rat eines Priesters

Kapitel 35

Ein neu zusammengesetztes Herz

Kapitel 36

Paris 1922: Der zweite Verrat

Kapitel 37

Buße oder Gedenken

Kapitel 38

Arielle

Kapitel 39

Neue Hoffnung

Kapitel 40

Eine verschmähte Frau

Kapitel 41

Le Chat Blanc

Kapitel 42

Am Morgen

Danksagung

Anmerkung des Autors

Kapitel 1

Stiche

Der Armenier arbeitet im Licht einer einzelnen Kerze. Vor ihm auf dem Tisch liegen seine Werkzeuge: eine Spule mit Baumwollfaden, ein rechteckiges Stück Stoff, eine Schere, eine Nadel.

Die Flamme flackert, die Schatten wandern wie tanzende Geister über die Wände des winzigen Zimmers. Souren Balakian faltet den Stoff in der Mitte, überprüft, ob die Kanten sauber aufeinanderliegen, dann nimmt er die Schere. Er spürt den Widerstand unter den Fingern, als die Stahlklingen in das Material schneiden. Wie immer genießt er diesen kleinen Moment des Trotzes, bevor er leichten Druck ausübt und die Schere durch den doppelt gelegten Stoff gleitet. Er führt sie einen wohlbekannten Umriss entlang und vertraut dabei allein auf sein Augenmaß. Unzählige Male schon hat er diese Arbeit ausgeführt, in so vielen Nächten, dass er nichts mehr messen muss. Torso, Arme und der Halsausschnitt – ein weiter Bogen, um Platz für den übergroßen Kopf zu schaffen.

Als er fertig ist, liegen zwei identische Stoffstücke auf dem Tisch vor ihm. Er wischt die Reste auf den Boden und greift zu Nadel und Faden. Auf die Trennung folgt die Wiedervereinigung. Er hält die zwei Stoffstücke exakt übereinander und schiebt die Nadel durch beide Schichten. Dann zieht er den Faden fest. Als würde er sein Leben wieder zusammensetzen, so wild entschlossen arbeitet er. Er kneift die Augen zusammen und achtet auf eine gleichmäßige Länge der Stiche. Als er fertig ist, reißt er den Faden mit einer scharfen Drehung seiner Finger ab und hält das Kleidungsstück mit einem zufriedenen Laut ins Halbdunkel.

Nacht für Nacht sitzt Souren an seiner Werkbank und näht ein neues Gewand. Am nächsten Abend wird es verschwunden sein, eine Wolke aus grauer Asche im Wind, und dann wird er sich hinsetzen und wieder eines nähen.

Er legt das fertige Kleidungsstück auf den Tisch, steht auf und mustert die Reihen blickloser Augen, die in den Raum starren. Handpuppen mit hölzernen Köpfen hängen nebeneinander an der Wand. Beleibte Könige und wunderschöne Prinzessinnen. Tapfere Männer mit gefährlichen Augen, eine hagere Hexe mit Warzen am hässlichen Kinn. Pausbäckige Kinder mit Augen, die zu groß und zu unschuldig für diese kunterbunte Truppe sind. Ein Wolf.

Sie alle sind jetzt Sourens Familie.

Er nimmt einen Jungen namens Hector vom Haken und trägt ihn zum Tisch, wo er ihm die soeben genähte Tunika über den Kopf zieht. Er dreht die Puppe zu sich und begutachtet sein Werk. Hector ist ein hübscher Bursche mit einer Knopfnase und rosigen Wangen. Das Gewand passt ihm gut. Die Puppe verbeugt sich ein wenig und winkt ihm zu.

»Ah, Hector«, flüstert Souren traurig. »Du freust dich immer so, mich zu sehen, auch wenn du weißt, was dir bevorsteht.« Er sieht auf die Uhr an der Wand. Mitternacht ist schon lange vorbei. Der neue Tag hat bereits begonnen.

Jeden Abend kämpft Souren so lange wie möglich gegen den Schlaf an. Er arbeitet bis spät in die Nacht, verpasst den Puppen einen neuen Anstrich und näht ihnen im Kerzenlicht neue Kleider. Bis ihm die Augen zufallen, bleibt er an seiner Werkbank. Das Unausweichliche kann er nicht ewig von sich fernhalten. Seine geliebten Puppen können ihn nicht vor den Dämonen beschützen, die ihn durch die dunkelsten Tiefen der Nacht verfolgen.

Am Ende holen ihn seine Träume immer ein.

Kapitel 2

Ein unangenehmes Erwachen

Tock-tock-tock.

Guillaume Blanc setzt sich abrupt im Bett auf. Sein Herz hämmert gegen die Rippen, sein Atem geht hektisch und stoßweise. Er sieht zur Tür und wartet auf die nächste Attacke.

Die geflüsterten Worte, die er durch die Tür gehört hat, dröhnen jetzt laut in seinen Ohren: drei Tage.

Tock-tock-tock.

Er lässt die Schultern sinken. Niemand klopft, nicht heute. Das Geräusch kommt aus der Nähe. Guillaume dreht sich um und späht durch das Fenster über dem Bett. Das erste Morgenlicht überzieht den Himmel. Von hier oben im sechsten Stock erstrecken sich die Dächer der Stadt unter ihm, ein glitzerndes Füllhorn aus Schiefer und Glas, ein Teppich aus Kuppeln und Türmen. Da ist der Übeltäter: ein Specht mit üppig schwarz-weiß-rotem Gefieder. Er kauert auf halber Höhe am Fensterrahmen, starrt mit schwarz glänzenden Augen auf das Holz, als überlege er, was er als Nächstes tun soll.

Tock-tock-tock.

Es ist früh, viel zu früh, als dass an diesem Morgen etwas Gutes passieren könnte.

Das Adrenalin ebbt ab, und Guillaume spürt seine pochenden Schläfen. Er rollt sich herum, entdeckt ein Glas mit milchigem Wasser auf dem Boden neben dem Bett und trinkt es durstig aus. Mit seiner schmutzigen Handfläche reibt er sich über die Stirn. Ein Ozean aus Schmerz, genug, um darin zu ertrinken. Eine leere Weinflasche liegt in der Mitte des kleinen Zimmers. Er hat sie aus der hintersten Reihe in Madame Cuillasses Küchenschrank genommen, als er am Abend zuvor ins Haus gestolpert war. Sie war mit Staub überzogen und in Vergessenheit geraten, nicht einmal gut genug für ihr Coq au Vin. Doch Guillaume war schon zu betrunken, um sich noch darum zu scheren.

Tock-tock-tock.

Der Specht scheint auf Guillaumes Nasenspitze zu sitzen und ihm den scharfen kleinen Schnabel genau zwischen die Augen zu rammen. Wie bezeichnend für sein Glück, denkt er. So ein Vogel hat in den schmutzigen, engen Straßen von Montmartre nichts zu suchen. Er sollte frei mit seinen Brüdern und Schwestern im Bois de Boulogne herumfliegen, fröhlich auf Baumstämme einhämmern und nicht den Fensterrahmen von Guillaumes Atelier malträtieren. Und trotzdem ist er hier.

Tock-tock-tock.

Der Kopf des Spechts verschwimmt beim erneuten, rasend schnellen Angriff auf den Fensterrahmen, dann wieder verharrt er bewegungslos. Was geht ihm in solchen Momenten nachdenklicher Stille durch den Kopf?, wundert sich Guillaume. Fragt sich der Specht: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht auf Holz einhacke? Bin ich dann – Gott bewahre – nur ein Vogel?

Drei Tage.

Guillaume stöhnt leise. Blitze explodieren hinter seinen Augen. Seine Gedanken wandern zurück zur vergangenen Nacht. Er marschierte durch Montmartre und versuchte verzweifelt, seinen Problemen zu entfliehen, als er Emile Brataille allein in der Bar am Ende der Straße sitzen sah. Brataille ist ein Kunsthändler, der einen Großteil seiner Zeit am Tresen des Cafés Closerie des Lilas verbringt, den Sammlern und Künstlern Honig ums Maul schmiert, Geschäfte macht und bei jedem verkauften Gemälde eine fette Provision einstreicht. In Montmartre gibt es für ihn nichts mehr zu tun: Die Maler, deren Werke an den Wänden seiner prunkvollen Galerie am Boulevard Raspail hängen, haben Guillaumes quartier gegen die belaubten Boulevards von Montparnasse eingetauscht, wo der Wein besser ist, die Austern fetter, die Frauen schöner. Guillaume schob die Tür auf und setzte sich auf den Stuhl neben Brataille.

Der Alkohol schwappt noch immer träge durch seine Adern. Wie viel haben sie in dieser Nacht eigentlich getrunken?

Nachdem sie drei oder vier Karaffen geleert hatten, machte Emile Brataille sein trauriges Geständnis: Er war nach Montmartre gekommen, um Thérèse seine Liebe zu gestehen, doch sie wollte nichts von ihm wissen. Und jetzt saß er hier und ertränkte seine Trauer.

Thérèse ist eine Prostituierte, die an der Ecke Rue des Abbesses und Rue Ravignan arbeitet, neben dem Le Chat Blanc. Guillaume kennt sie, wenn auch nicht durch ihren Beruf: Er hat sie schon oft gemalt. Befeuert vom Wein schmückte er diese Bekanntschaft zu einer ergebenen Freundschaft aus und bot Brataille an, er könne vielleicht ein gutes Wort für ihn einlegen. Da weinte der Kunsthändler betrunkene Tränen der Dankbarkeit. Wie kann ich mich dafür je erkenntlich zeigen?, fragte er. Guillaume kratzte sich am Kinn. Du kennst nicht zufällig ein paar reiche, Kunst liebende Amerikaner, oder?

Brataille begann zu lachen.

Und so waren sie im Geschäft. Guillaume würde mit Thérèse reden, und im Gegenzug würde Brataille ein paar reiche Ausländer zu ihm schicken. Und wer wusste schon, was sich daraus ergab? Wunder geschahen: Der versoffene Bock Soutine hatte einen amerikanischen Arzt überzeugt, jedes verdammte Gemälde zu kaufen, das er je produziert hatte. Guillaume prostete dem Kunsthändler zu, den er nicht besonders mochte, und mit jedem Schluck Wein wurde der Weg zum Erfolg immer deutlicher. Seine betrunkene Fantasie jagte geradewegs auf eine Zukunft voller Ruhm und unermesslicher Reichtümer zu.

An den Heimweg kann er sich nicht erinnern.

Die Euphorie hat die Nacht nicht überlebt.

Die flüsternde Stimme vor der Tür. Drei Tage.

Heute ist der dritte Tag.

Kapitel 3

Rhapsodie

Jean-Paul Maillard schließt die Augen und träumt von Amerika.

Mit einem hauchfeinen statischen Seufzen setzt die Nadel auf der rotierenden Schallplatte auf.

Verzaubert lauscht er der Musik.

Diese Klarinette! Der erste leise Triller voller Verheißung – dann das Solo, das sich in den Himmel hinaufschraubt und geschmeidig durch die Register schwebt. Als diese ekstatische hohe Note, die so klar und wunderschön ist, seine Ohren erreicht, ist Jean-Paul bereits weit weg.

Er fliegt durch das offene Fenster auf die Rue Barbette und über die Kopfsteinpflasterstraßen des Marais, immer weiter nach Westen. Im nächsten Moment ist er über den dunklen Weiten des Atlantiks.

Die Musik lockt ihn, nimmt ihn mit sich.

Er schwebt hoch über der Stadt mit ihren Wolkenkratzern, die von ihm erobert werden will. Im vorwärtstreibenden Zusammenspiel des Orchesters hört er das tiefe, einschmeichelnde Rattern eines Zugs der Linie A nach Harlem. In den glühenden Arpeggio-Attacken des Klaviers ahnt er neue Welten. Bilder streichen an ihm vorbei wie der Verkehr, der die pfeilgeraden Straßen entlangströmt. Perfekte Reihen von hüft- und beinschwingenden Revuetänzerinnen, deren kirschrote Lippen im Scheinwerferlicht glänzen. Ein livrierter Türsteher eilt auf die belebte Straße und hält ein Taxi an. Elegante Damen treten durch die Türen des Kaufhauses Bergdorf Goodman. Nach der neuesten Mode gekleidete Männer mit Two-Tone-Schuhen, die Hüte tief ins Gesicht gezogen, stecken an einer Straßenecke die Köpfe zusammen.

Wenn Jean-Paul Maillard von Amerika träumt, dann von New York City.

Doch die überwältigenden Synkopen enden irgendwann. Die Musik verstummt, der Zauber ist gebrochen. Zögernd öffnet Jean-Paul die Augen. Amerika hat sich wieder aus seiner schäbigen französischen Wohnung zurückgezogen. Er sieht sich um. Früher einmal war es hier so hell und ordentlich, so sauber. Jetzt ist jede Oberfläche mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Tapete schält sich langsam von den Wänden. Ein dunkelbrauner Fleck hat eine Ecke der Zimmerdecke erobert. Die Schallplatte dreht sich immer noch auf dem Grammophon. Die Stille wird sanft von dem weichen, rhythmischen Sprung der Nadel auf dem Vinyl unterbrochen, so regelmäßig wie ein Herzschlag. Jean-Paul steht nicht auf, um das Grammophon auszuschalten. Ihm gefällt das Geräusch.

Das dämmrige Morgenlicht fällt durch das Fenster. Es ist Jahre her, dass Jean-Paul eine Nacht durchgeschlafen hat. Jeden Tag reißt ihn sein kaputtes Bein in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf. Dann sitzt er in seinem Lehnsessel, hört George Gershwin und denkt an die Lichter von Manhattan.

Soldaten waren die ersten Amerikaner, denen er begegnete. Seine Aufgabe war es, über ausländische Truppen zu berichten, die in Frankreich kämpfen sollten. Dafür besuchte er ein Militärkrankenhaus, in dem sich Soldaten von ihren Kriegsverletzungen erholten. Trotz ihrer schwerbeschädigten Körper waren sie überraschend fröhlich. Diese jungen Männer kamen aus Gegenden, von denen Jean-Paul noch nie gehört hatte – Maine, Missouri, Montana –, und befanden sich auf dem ersten großen Abenteuer ihres Lebens. Auf fremdem Boden für den Frieden zu kämpfen – was konnte aufregender sein? Sie waren so groß, so gut aussehend, so völlig frei von Zweifeln. Nicht einmal die Verletzungen konnten dem Glauben dieser Männer an ihr großartiges persönliches Schicksal etwas anhaben. Jean-Paul war gefangen in seinen Erinnerungen an das Gemetzel auf den Schlachtfeldern im Norden des Landes, doch die Amerikaner ließen das alles mühelos hinter sich, abgelenkt von den Verheißungen der Zukunft.

Amerika: Das war für Jean-Paul ein Synonym der Hoffnung.

Diese jungen Soldaten erschufen ganze Welten in ihren Köpfen, während sie sich in ihren Krankenhausbetten erholten. Sie träumten von Geld, Autos und Liebe – aber vor allem von Geld. Le rêve américain – der amerikanische Traum beherrschte ihre fieberhaften Fantasien. Sie malten sich ihre Zukunft in den prächtigsten Farben aus, stärkten ihre aufwendigen Traumgebilde mit der Kraft ihres jungen Willens gegen die unnachgiebige Realität. Es kümmerte sie nicht, wie unwahrscheinlich das alles war. Optimismus in diesem geradezu überirdischen Ausmaß war eine Kunst, und die verwundeten Kadetten bildeten keine Ausnahme. Das ganze Land scheint ein verblüffendes, ein geradezu überwältigendes Talent dafür zu haben. Nichts von dem Zynismus, vom Überdruss an der Welt ist da zu spüren, der den Einwohnern des müden, alten Frankreichs die Kraft raubt; Amerika ist zu unerfahren, um es besser zu wissen. Natürlich muss Jean-Paul dieses Land lieben. Seit dem Ostersonntag 1918 weiß er nur zu gut, was es heißt, eigentlich keine Chance zu haben.

Mit einer Grimasse hievt er sich auf die Füße. Sein Knie knackt in grellem Schmerz. Mittlerweile hätte er in der brutalen Vertrautheit der Qualen eine Art morbiden Trost finden müssen, doch immer noch stöhnt er jeden Morgen in frischem Entsetzen. Er hinkt zum Badezimmer.

Zeit, sich einem neuen Tag zu stellen.

Kapitel 4

Ritual und Gedenken

Die Frau und ihre Tochter verlassen die Metro-Station und bleiben einen Moment am Kopf der Treppe stehen. Die Frau blickt in den wolkenlosen blauen Himmel. Als sie von ihrem Hotel aufgebrochen sind, hat das erste Licht des Tages die Straßen von Saint-Germain noch kaum erhellt. Jetzt scheint die Sonne. Es wird ein warmer Tag.

Auf der anderen Seite des Boulevard de Ménilmontant befindet sich ein Café, das zu dieser Stunde bis auf ein, zwei Frühaufsteher leer ist, die sich über dampfende Tassen mit Kaffee beugen, und einen Kellner, der hinter dem Tresen Gläser poliert. Die Morgenbrise weht den buttrigen Geruch nach frisch gebackenen Croissants herüber. Das Mädchen umklammert einen kleinen Kamelienstrauß. Im Gegensatz zur Schönheit des Morgens ist sein Gesicht eine einzige Gewitterwolke. Die Frau blickt auf ihre wütende Tochter hinunter und bedauert – nicht zum ersten Mal –, darauf bestanden zu haben, dass sie sie heute begleitet. Kurz überlegt sie, ihren Plan aufzugeben, sie kann später immer noch allein wiederkommen.

Das Mädchen deutet über die Straße. »Kann ich ein Croissant haben?«, fragt es.

Es ist unglaublich, denkt die Frau, wie Kinder so viel übellaunige Ablehnung in fünf einfache Wörter legen können. Frische Entschlossenheit lässt sie den Rücken straffen. »Nein, Marie«, antwortet sie scharf. »Kein Croissant. Komm weiter.«

Das darauffolgende Seufzen drückt zu gleichen Teilen Wut und triumphale Bestätigung aus. Natürlich bekommt sie kein Croissant.

Zu dieser Uhrzeit ist die Avenue Gambetta verlassen, bis auf einen Taubenschwarm, der müßig auf dem Gehsteig herumpickt. Schweigend gehen die beiden die Anhöhe hinauf. Die hohen Mauern des Friedhofs werfen Schatten auf die Straße. Er wird erst in ein paar Stunden geöffnet, doch in der nordwestlichen Ecke befindet sich, halb verborgen hinter einer bröckelnden Mauer, ein kleines Tor, das unbewacht und unverschlossen ist.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum du Blumen auf das Grab legen willst«, sagt das Mädchen, bestimmt zum zehnten Mal heute Morgen.

»Weil wir, ma chérie, so die Toten ehren.«

»Aber er weiß doch gar nicht, dass die Blumen da liegen.«

»Vielleicht nicht. Aber alle anderen, die sein Grab besuchen, werden sie sehen.«

Noch ein ungläubiges Seufzen. »Wer besucht denn das Grab außer dir?«

»Ich glaube, du wärst überrascht.«

Marie schweigt. Sie ist nie überrascht. Sie ist zehn Jahre alt. Sie weiß alles.

Endlich, das Tor. Die Frau sieht sich um, ob man sie beobachtet, und scheucht erst ihre Tochter hindurch, dann folgt sie selbst.

Um diese Uhrzeit ist der Friedhof der friedlichste Ort von Paris. Keine Trauernden wandern mit gebeugtem Rücken zwischen den Grabsteinen umher. Nirgends sind Gärtner bei der Arbeit zu sehen. Die Vögel schweigen, sie haben ihr Tagwerk noch nicht begonnen. Selbst die Blätter hängen reglos an den Bäumen.

Ein Meer aus Krypten und Mausoleen erstreckt sich auf der Anhöhe vor ihnen. Die Frau betrachtet den polierten Marmor, der in der Morgensonne glänzt. Der Friedhof ist eine eigene Stadt, mit Vierteln und Straßen, dauerhaften Bewohnern und Besuchern. Sie geht einen Schotterweg entlang, Marie hinter ihr her, ihre Seufzer ein leises Crescendo der Empörung.

Nur ein Mal, denkt die Frau traurig. Nur ein Mal sollte sie mitkommen, damit sie es versteht.

Sie hält nicht inne, um die Grabsprüche von Fremden zu lesen oder die imposanten Familiengrabstätten der Pariser Aristokratie zu bewundern. Sie geht an den Reihen weinender Steinengel vorbei, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Maman!«, keucht Marie und eilt ihr außer Atem hinterher. »Warte auf mich!«

Doch sie wartet nicht.

Endlich erreicht sie ihr Ziel, einen eleganten, liegenden Block aus schwarzem Marmor mit einfacher Goldinschrift:

MARCEL PROUST

1871–1922

Das ist alles. Inmitten all diesen kunstvollen Flehens um Unsterblichkeit ziert den Stein nicht einmal ein bescheidenes »écrivain« – »Schriftsteller«.

Neunzehnhundertzweiundzwanzig. Seit fünf Jahren kommt sie schon her.

Atemlos holt ihre Tochter sie ein. Sie ist gerannt, will nicht allein auf dem Friedhof sein.

»Schau, Marie, es war noch jemand hier. Siehst du?« Eine Handvoll Iris liegt auf dem Grab verstreut, doch die Blumen sind verwelkt und tot, die Blütenblätter ein trauriges Mosaik aus verblichenem Lavendelblau. Die Frau wischt sie beiseite, nimmt ihrer Tochter den Strauß aus der Hand und arrangiert die Kamelien auf dem Marmor.

Dann kniet sich Camille Clermont vor den Grabstein ihres toten Arbeitgebers und beginnt zu weinen. Sie versucht, die Tränen vor ihrer Tochter zu verbergen, doch sie ist zu langsam.

»Maman«, flüstert Marie. »Was ist los?« Beim Anblick der weinenden Mutter vergisst das Kind seine Feindseligkeit. Jetzt ist das Mädchen besorgt und bekümmert, voller Angst, was Camille nur noch stärker weinen lässt.

»Ich vermisse ihn, Marie«, sagt sie und erhebt sich. »Ich vermisse ihn jeden Tag.«

»War er ein netter Mann?«

»O ja. Er war sehr nett. Sehr freundlich. Ich wünschte, du hättest ihn besser kennengelernt.« Sie lächelt ihrer Tochter zu. »Aber er fand, an Kindern sollte man sich am besten aus der Entfernung erfreuen.«

»Hatte er denn keine?«

»Lieber Himmel, nein.« Camille lacht und schüttelt den Kopf. »Er hatte die Figuren in seinen Büchern. Das waren seine Kinder, vermute ich.«

»Hast du ihn geliebt?«, flüstert Marie.

»Sehr.«

»Mehr als papa?«

»O nein. Auf keinen Fall mehr als papa. Und auf ganz andere Weise.«

»Wie anders?«

»Eher so, wie du und Irène einander mögt.«

Maries Augen werden groß. »War er dein bester Freund?«

»In gewisser Weise. Wir haben uns Geheimnisse anvertraut, so wie du und Irène. Wir haben einander Dinge erzählt, die niemand sonst wusste.« Sie verstummt. »Deshalb komme ich her und lege Blumen auf sein Grab. Ich sage Hallo und dass ich ihn vermisse, und ich danke ihm für seine Freundschaft.«

Und, denkt sie, spricht es aber nicht laut aus, ich sage ihm, dass mir mein Verrat leidtut. Und ich vergebe ihm den seinen.

Marie nickt. »Ich würde auf Irènes Grab auch Blumen legen.«

Camille nimmt die Hand ihrer Tochter. »Na komm«, sagt sie. »Zeit für ein Croissant.«

Kapitel 5

Passacaille I

Jeden Morgen rettet das Klavier Souren Balakian aus seinen Träumen.

Die immer gleichen leisen Töne holen ihn langsam weg von all dem, was er hinter sich gelassen hat. Die Geister, die seinen Schlaf heimsuchen, werden von der Musik vertrieben, die durch den Boden aus der Wohnung unter ihm aufsteigt. Er öffnet die Augen.

Die Werkbank auf der anderen Seite des Raums. Die leeren Blicke der Puppen an der Wand. Erleichtert schnappt er nach Luft.

Sein Kopf fällt zurück auf das Kissen, während die Musik über ihn hinwegstreicht.

Die erste Melodie erhebt sich aus den Tiefen des Klaviers, kaum mehr als ein Flüstern. In der würdevollen Prozession einzelner zarter Noten schwingt schwere Melancholie mit. Jeden Morgen fragt sich Souren, was der Komponist wohl durchlebt hat, um solche Traurigkeit aus sich herauszuholen.

Und dann dringt ein leuchtender Sonnenstrahl durch die dunklen Wolken. Eine neue Melodie setzt ein, hoch und klar und herzzerreißend. Auf sie wartet Souren. Sie durchbricht die dichter werdenden Schatten und hüllt sein Herz in Helligkeit.

Die grüblerischen Töne vom Anfang ziehen sich in den Hintergrund zurück. Die Musik besteht aus zwei ineinander verwobenen Melodielinien, die eine tief, die andere hoch, die eine traurig, die andere voller Hoffnung. Sie treffen aufeinander und trennen sich, Gegensätze aus Dunkelheit und Licht. Mal kommen sie in süßer Einigkeit zusammen, dann wieder nicht.

Schließlich kehrt die Musik zu ihren Ursprüngen zurück, diesem einfachen, verzweifelten Klagelied. Die linke Hand des Klavierspielers streckt sich zu den immer tieferen Tasten, bis er keine mehr anschlagen, keine Noten mehr spielen kann.

Stille breitet sich aus.

Souren liegt da und blickt zur Zimmerdecke. Das Scharren des Klavierschemels ertönt unter ihm. Einen Moment später dringen dieselben leisen Töne wieder durch den Boden. Er lauscht ein zweites und dann ein drittes Mal.

Der unsichtbare Pianist spielt nur dieses Stück. Keine Tonleitern, keine anspruchsvollen Etüden. Jeden Morgen kommt er in die Wohnung und spielt immer dasselbe.

Wenn Souren den Nachbarn von unten im Flur trifft, tauschen die beiden Männer ein höfliches Nicken aus, doch sie haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Der Musiker ist ein kleiner Mann mittleren Alters, immer tadellos gekleidet. Von seinem akkurat gekämmten Haar bis zu den Spitzen seiner polierten Schuhe strahlt er unerschütterliche Eleganz aus, doch Souren weiß es besser. Sein überschaubares Repertoire verrät den inneren Vulkan.

Souren kennt die Sicherheit vertrauter Abläufe nur zu gut: Wie der Pianist absolviert er einen identischen Auftritt nach dem anderen. Tag für Tag erzählt er dieselben Geschichten. So überlebt er. Deshalb wird er später seine Puppen einpacken und die Stadt durchqueren bis zu seinem üblichen Platz im Jardin du Luxembourg unter den Kastanienbäumen. Dann wird er auf die Kinder warten.

Die Klaviertöne schweben weiter zu ihm empor. Die Melodie überwindet seine Mauern und nistet sich tief in ihm ein. Er fühlt den kummervollen Puls der leisen Noten tief in seinen Knochen. Die Musik belebt sein Blut, und er denkt an Thérèse – ihr weicher Körper unter seinem, ihr roter Mund auf seinen Lippen. Seit Monaten hat er sie nicht gesehen. Wenn das Publikum sich als großzügig erweist, wird er ihr heute Abend vielleicht einen Besuch abstatten.

Ein leises Geräusch, als der Pianist den Klavierdeckel schließt.

Souren geht zum Fenster und sieht hinunter auf die Straße. Vor dem Haus steht ein kleiner Brunnen. Das Wasser plätschert ungleichmäßig aus der Spitze der Steinsäule in der Mitte. Der Boden ist mit Münzen bedeckt, die abergläubische Passanten hineingeworfen haben. Von Sourens Fenster aus spiegelt sich in ihnen die Morgensonne, und sie schicken zwinkernd das Licht zu ihm nach oben.

Kurz darauf tritt der Pianist aus dem Haus, geht an dem Brunnen vorbei und über die Straße auf den gegenüberliegenden Gehsteig. Er trägt einen perfekt geschnittenen grauen Mantel und einen eleganten Hut. An seinem Hals blitzt etwas Dunkles auf, ein Seidenschal. Er geht gebeugt, als müsse er sich gegen starken Wind stemmen.

Die Musik dieses Mannes ist zu einem Teil von Sourens Morgen geworden, so essenziell wie die Sonne, die sich über die Dächer der Stadt erhebt. Die vertraute Melodie schenkt ihm einen Moment ruhiger Gnade, der ihm die Kraft für den vor ihm liegenden Tag gibt. Der Pianist weiß davon natürlich nichts. Er spielt nur für sich selbst. Souren fragt sich, wie sich die Erschaffung solcher Schönheit jeden Morgen auf den Tag des Mannes auswirkt. Der Pianist geht einsam die Straße entlang. Er wirkt müde, besiegt. Er spielt nicht aus Freude, denkt Souren, sondern um zu überleben.

Die darauffolgende Stille ist fast so süß wie die Musik. Noch ganz im Bann der verzaubernden Melodie setzt Souren sich an den Tisch.

Dann ertönt ein reizendes Echo: die tiefe, volltönende Stimme einer Frau, gefolgt von einer zweiten, die höher und lieblicher ist. Die Sängerinnen meistern die Klaviertonfolgen in perfektem Einklang. Ein Lied ohne Worte. Verschwunden ist die Melancholie. Jetzt ist die Musik wiedergeboren, voller Leben und berstend vor Hoffnung.

Souren räumt ein Ende des Tisches frei und deckt zwei Teller auf. Er wickelt dickes Wachspapier von einem Stück blassem Käse mit staubig grauer Rinde, beugt sich darüber und schnuppert. Ich habe einen neuen für dich gefunden, hat Augustin gestern Abend gesagt, als er in der fromagerie in der Rue des Martyrs vorbeigeschaut hatte. Einen Saint-Nectaire, aus der Auvergne. Ich denke, der wird dir schmecken. Souren legt den Saint-Nectaire zwischen die zwei Teller und wartet.

Ein paar Minuten später klopft es an der Tür.

Ein junges Mädchen steht im Flur. Sie trägt einen blauen Kittel und hat langes, dunkles Haar. Aus großen grauen Augen sieht sie zu ihm auf.

»Das errätst du nie!«, sagt sie aufgeregt.

»Bonjour, Arielle. Was?« Nach all den Jahren ist Sourens Französisch immer noch unbeholfen und vorsichtig. Diese Sprache ist voller grammatikalischer und redensartlicher Besonderheiten, selbst der einfachste Satz hält Fallen für die Unachtsamen bereit. Zumindest weiß er, dass seine junge Besucherin ihm seine Fehler nicht vorhalten wird.

»Maman hat zugestimmt, mich heute in den Jardin du Luxembourg mitzunehmen. Enfin!«

Souren lächelt. »Das sind sehr schöne Neuigkeiten.«

»Ich werde endlich dein Puppentheater sehen!«

»Ich mag unsere kleinen Vorführungen hier«, sagt Souren. »Sie erinnern mich an ein Mädchen, das ich früher mal kannte. Sie hieß Amandine.«

»Das ist aber nicht dasselbe«, erwidert Arielle. »Ich kann dich sehen. Und so soll das nicht sein.«

Souren neigt den Kopf und denkt darüber nach: Ihn zu sehen ist nicht richtig. Er bedeutet ihr, einzutreten. »Heute probieren wir etwas Neues.«

Arielle setzt sich an den Tisch und mustert den Käse. »Qu’est-ce que c’est?«

»Er heißt Saint-Nectaire«, sagt Souren, schneidet zwei Stücke ab und legt sie auf die Teller. »Sag mir, wie du ihn findest.«

Schweigend essen sie den Käse.

»Er riecht nicht so stark wie die anderen«, verkündet Arielle. »Kann ich noch ein Stück haben?«

Souren schneidet ihnen noch zwei Scheiben ab und wendet sich dann zu seiner Puppenwand. »Alors, wer darf es heute sein?«

Arielle überlegt einen Moment. »Die beiden.« Sie deutet auf einen Jungen und einen stattlichen Ritter. Souren nimmt die Puppen von ihren Haken und setzt sich wieder hin. Arielle isst ihren Käse und wartet.

Plötzlich kommen die Puppen unter der Tischplatte hervor und erwachen zum Leben. Der Ritter ist edel und gefasst, der Junge dagegen springt am Tischrand hin und her. Er möchte der Knappe des Ritters werden. Er bittet, er fleht. Arielle sieht hingerissen zu. Wenn du mein Page sein möchtest, sagt der Ritter, musst du deine Loyalität und deine Tapferkeit beweisen. Natürlich, natürlich, stimmt der Junge sofort zu. Und wie mache ich das?

Da klopft es an der Tür. Souren atmet erleichtert aus. Manchmal weiß er schon, wie eine Geschichte enden wird, und manchmal nicht.

»Herein!«, ruft er.

Die Tür wird geöffnet, und eine Frau tritt ein. Sie lächelt den beiden zu. »Wie ist der Käse heute?«, fragt sie.

»Maman, du unterbrichst schon wieder die Geschichte«, beschwert sich Arielle.

Ihre Mutter wirkt ungerührt. »Oh, Saint-Nectaire! Wie köstlich!« Sie steckt sich einen Käsekrümel vom Teller ihrer Tochter in den Mund. »Wir müssen heute sowieso Lebensmittel holen, Arielle. Vielleicht kaufen wir auch welchen für uns.«

»Ich habe euch beide heute Morgen singen gehört«, sagt Souren.

»Oh, ich hoffe, wir haben dich nicht gestört!«

»Überhaupt nicht. Ich höre euch sehr gern singen.«

Die Frau lächelt. »Eine wunderschöne Melodie, n’est-ce pas?«

»Ich hoffe, er wird sie für immer spielen«, stimmt Souren zu.

»Das wird er sicher, bis er etwas Neues schreibt.«

Souren runzelt die Stirn, unsicher, ob er sie richtig verstanden hat. »Bis er schreibt …?«

»Wusstest du das nicht? Er ist eigentlich kein Pianist. Er wäre der Erste, der das von sich weist. Er sagt, seine Hände sind zu klein.«

Souren denkt an den elegant gekleideten Mann und seine manikürten Finger. »Für mich klingt er wie ein Pianist.«

Sie schüttelt den Kopf. »Er ist Komponist. Sein Name ist Maurice Ravel.«

Souren hat noch nie von ihm gehört.

»En tout cas, man sagt, dass er seit Monaten keine einzige Note geschrieben hat. Stattdessen kommt er hier in seine Wohnung und spielt jeden Tag dasselbe Stück.« Die Frau verstummt. »Kannst du dir vorstellen, wie man sich fühlen muss, wenn man zu etwas bestimmt ist, und dann bringt man es nicht fertig?«

Souren denkt an die gebeugten Schultern des Mannes, als er die Straße entlangging, weg von seinem Klavier. »Vielleicht ist die Musik deshalb so traurig.«

Die Frau küsst ihre Tochter auf den Kopf. »Hat Arielle dir erzählt, dass wir am Nachmittag in den Jardin du Luxembourg kommen?«

»Sie könnte es erwähnt haben«, meint Souren grinsend. Am Tischrand verbeugt sich der Ritter tief. »Arielle kennt die Puppen so gut, aber heute Nachmittag wird sie etwas völlig anderes sehen.« Er nickt in Richtung des Ritters und des Jungen, die beide aufmerksam seinen Worten zu lauschen scheinen. »Niemand sonst hat die Geschichten gehört, die ich dir hier erzähle«, sagt er zu Arielle. »Sie sind nur für dich.«

»Was für Geschichten erzählst du dann im Park?«, fragt das Mädchen.

Er zuckt mit den Schultern. »Manche wirst du kennen, andere nicht.«

»Geschichten aus deiner Heimat?«, vermutet ihre Mutter.

Souren denkt an das neue Gewand für Hectors Puppe, das er heute in den frühen Morgenstunden genäht hat, und nickt.

»Nun, wir können es kaum erwarten!« Sie lächelt. »Und wenn das nicht schon genug Aufregung für heute wäre, werde ich am Abend einen der größten Jazzmusiker der Welt spielen hören.« Souren verzieht das Gesicht. »Magst du keinen Jazz?« Sie lacht.

»Spielen da die Musiker nicht einfach die Noten, die ihnen gerade einfallen?«

»Nun, sie improvisieren, ja, deshalb klingt es jedes Mal anders. Aber das macht es gerade so spannend.«

Souren deutet auf den Boden, zu dem unsichtbaren Klavier unter ihm. »Ich mag es, wenn es immer gleich klingt.«

»Ach, Souren, wo ist denn dein Sinn für Abenteuer?«

Er antwortet nicht. Seinen Sinn für Abenteuer hat er an einem weit entfernten Ort zurückgelassen.

Kapitel 6

Ein Versprechen gebrochen, eins gehalten

Man wird Ihnen sagen, dass Alphonse Lecroq der bestaussehendste Mann von Paris ist. In der Stadt erzählt man sich Geschichten von seiner außergewöhnlichen Schönheit. Jede Frau, der er begegnet, verliebt sich in ihn; auch viele Männer, zumindest erzählt man sich das. Flüsternd spricht man von seinem Gesicht, als wäre es ein Kunstwerk, überwältigender als La Joconde – und so, wie das Gemälde unter seinem Spitznamen Mona Lisa bekannt ist, kennt man ihn nur als Le Miroir, weil er den Gerüchten nach an keiner spiegelnden Oberfläche vorbeigehen kann, ohne sich darin zu bewundern.

Guillaume Blanc steht in der Rue Nicolet und beobachtet die Eingangstür des Wohnhauses auf der anderen Straßenseite. Ein kleiner Brunnen befindet sich auf dem Gehsteig. In einem dünnen Rinnsal plätschert das Wasser in die flache Steinschale. Trotz der Wärme der frühen Morgensonne erschaudert Guillaume. Seit drei Tagen denkt er an Alphonse Lecroq. Niemals will er das Gesicht des Mannes sehen, egal, wie hübsch es auch sein mag.

Le Miroir betreibt ein Verbrechernetzwerk, das sich über die gesamte Hauptstadt erstreckt, von den rattenverseuchten Behausungen in Belleville bis zur verschwenderischen Opulenz der Stadthäuser im achten Arrondissement. Hauptsächlich handelt er mit Huren, Pistolen und schmutzigem Heroin, doch er ist auch Erpressung und Wucher bei den Wohlhabenden und Einflussreichen nicht abgeneigt, sollte sich die Gelegenheit ergeben. Eine Armee gefährlicher Schläger und Ganoven erledigt die Dreckarbeit für ihn.

Wie so oft in Paris haftet der Schönheit ihr eigener widerwärtiger Gestank an.

Guillaume wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte, als er, nachdem er ein paar Erkundungen eingeholt hatte, in einem Café saß und ein Mann mit einem schmalen, rattenhaften Gesicht ihm über den Tisch einen schmierigen Umschlag mit Geld zuschob. Ein kleines Darlehen, nur ein paar Hundert Francs, genug für die Zeit, bis sein Glück sich wandte. Sobald er das Geld in Händen hielt, hörte er kaum noch auf die Bedingungen, die der Mann stellte. Seit Tagen hatte er nichts mehr gegessen, und er konnte nur an das Cassoulet denken, das er bald in seinem Lieblingsrestaurant bestellen würde, und dazu eine halbe Flasche irgendeines frischen, kalten Getränks. Die absurd hohen Zinsen, die jeden Tag anfielen, interessierten ihn nicht. Er machte sich keine Gedanken über die drohende Strafe, sollte er das Geld nicht fristgerecht zurückzahlen. So weit würde es nicht kommen, nicht für ihn. Bald schon würde er weitere Gemälde verkaufen.

Das war vor zwei Monaten gewesen. Guillaume hatte nichts verkauft, und jetzt war das Geld aufgebraucht. Der Zahltag, den der Mann mit dem Rattengesicht festgelegt hat, war gekommen und verstrichen. Schon bald darauf wurden ihm wütende Nachrichten unter der Tür durchgeschoben, in denen auf Rückzahlung der stetig anwachsenden Summe bestanden wurde – seine ursprünglichen Schulden waren mittlerweile nur noch ein Bruchteil der exorbitanten Zinsen. Nach einer Weile verbrannte er die Briefe im Kamin, ohne sie zu öffnen. Dann begann das Hämmern an seiner Tür, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Guillaume lag im Bett und wagte vor Angst nicht, sich zu bewegen oder ein Geräusch von sich zu geben. Im Stockdunklen lauschte er auf die bedrohlichen Stiefelschritte auf der Treppe.

Vor drei Nächten, nach dem üblichen Hämmern an die Tür, hatte er eine krächzende Männerstimme gehört.

»Ich weiß, dass du da drin bist, mon gars.« Guillaume schoss die Panik eisig durch die Adern. »Aber du kannst nicht für immer davonlaufen. Das weißt du doch, nicht wahr? Le Miroir duldet es nicht, wenn man ihn zum Narren hält.«

Erst da erkannte Guillaume, in was für einem Schlamassel er steckte.

»Mit Zinsen, Strafzahlungen und Säumnisgebühren bist du zwölfhundert Francs schuldig«, flüsterte die Stimme. »Du hast drei Tage Zeit. Bis dahin lassen wir dich in Ruhe. Aber hab das Geld bereit, wenn wir kommen. Bis zum letzten Centime. Au sérieux.« Eine Pause. »Drei Tage.«

Kurz darauf entfernten sich die Schritte. Die Stimme hatte nicht gesagt, was passieren würde, sollte er das Geld nicht haben. Das war auch nicht nötig gewesen.

Heute ist seine Zeit abgelaufen, und er hat noch sechs Francs in der Tasche. Genug für eine Henkersmahlzeit, denkt Guillaume niedergeschlagen.

Sein Kater hat sich verschlimmert, Gift pulsiert in seinen Adern. Er behält die Tür auf der anderen Straßenseite im Blick. Wenn das heute tatsächlich sein letzter Tag sein sollte, wird er einen stummen Abschiedsgruß sprechen.

Guillaume kennt alle Bewohner des Gebäudes. Das ältere Ehepaar, das mühsam und steif einen Fuß vor den anderen setzt. Die hübsche Frau, die jeden Tag zur selben Zeit zur Arbeit geht und deren Absätze auf dem Asphalt klappern, wenn sie zur Metro eilt. Der junge Mann mit dem schwarzen Bart, der jeden Morgen mit einem großen Koffer in jeder Hand und entschlossenem Blick auftaucht. Der kleine, tadellos gekleidete Mann, der regelmäßig kommt und geht und niemals lange bleibt. Guillaume sieht sie alle, doch er wartet auf jemand anderen.

Als sich die Tür das nächste Mal öffnet, erscheint eine Frau mit langem kupferrotem Haar, die mit einem Mädchen an der Seite ins Freie tritt. Guillaume atmet scharf ein. Die Frau trägt einen Weidenkorb in der Armbeuge: Sie sind auf dem Weg zum Markt. Das Mädchen spricht aufgeregt auf seine Mutter ein. Es trägt einen neuen Mantel, den Guillaume noch nicht kennt. Sie biegen in die Rue Nicolet ein. Wie gern wäre Guillaume ihnen nachgelaufen, doch er sieht ihnen nur nach, wie immer, und sein Herz tanzt den vertrauten Tango aus Sehnsucht und Bedauern.

Fünf Minuten später geht Guillaume zurück zu seinem Atelier. Er lässt den Blick über sein vertrautes Viertel schweifen und fragt sich, ob er es vielleicht nie wiedersehen wird. Wie er diese Gegend liebt! Er späht durch die Schaufenster seiner Lieblingsläden und bewundert zum letzten Mal die ausgestellten Waren.

Guillaume Blanc ist kein Dummkopf. Er weiß, wenn er in Paris bleibt, werden Le Miroirs Schläger ihn finden und umbringen. Weshalb er an diesem Morgen zum Gare Montparnasse gehen und sein letztes Geld für ein Zugticket zurück in Heimat ausgeben wird. La Rochelle ist eine alte Hafenstadt am Atlantik. Seine Eltern, denkt er bitter, werden nicht überrascht sein, ihn zu sehen. Seit dem Tag, an dem er sie verlassen hat, rechneten sie mit seiner Rückkehr. Sein Vater ging in seiner bürgerlichen Juristenkarriere auf und entwarf Testamente für die alternde Bevölkerung der Stadt, die Ambitionen seiner Mutter waren nie über ein ordentlich geführtes Zuhause und ein gut gewürztes Pot-au-feu hinausgegangen. Als Guillaume verkündete, er wolle Maler werden, hatten sie ihr einziges Kind angesehen, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. Solche bohemehaften Zukunftsvorstellungen waren ein persönlicher Affront gegen ihr eigenes starres Provinzleben, und sie gaben sich keine Mühe, ihre Gefühle vor ihm zu verbergen. Guillaume seufzt bei der Vorstellung, wie sie angesichts seiner Rückkehr, verarmt und ohne Perspektiven, ihre säuerliche Befriedigung zeigen würden. Kurz überlegt er, stattdessen einen Zug nach Nizza zu nehmen. Das Wetter dort wäre auf jeden Fall sehr viel angenehmer – doch dann denkt er an die sechs Francs in seiner Tasche. Ja, er würde ihr triumphierendes »Wir haben es dir ja gesagt« ertragen müssen, aber dafür bekam er etwas zu essen und sein altes Bett. Er hat keine Wahl, diesen Preis muss er zahlen.

Langsam geht er durch die Straßen, will nicht zu schnell in sein Zimmer zurückkehren. Als er die Haustür aufschiebt, steht Madame Cuillasse im Flur, die Holzfällerarme vor der Brust verschränkt.

»Da sind Sie ja«, verkündet die Concierge scharf. »Ich habe nach Ihnen gesucht.«

Sind Le Miroirs Männer schon hier? »Worum geht es denn?«, fragt Guillaume. »Was ist los?«

»Nichts ist los, abgesehen von der Tatsache, dass ich gerade sechs Stockwerke nach oben gegangen bin, um Ihnen das zu geben, und Sie nicht da waren.« Sie wedelt mit einem Briefumschlag. »Offenbar ist es etwas Dringendes.«

Guillaume blickt auf das Kuvert in ihrer Hand. Das Papier ist schwer, teuer und elfenbeinfarben. Sein Name ist mit violetter Tinte geschrieben. Er erkennt die Handschrift nicht, schließt aber aus der Farbe, dass es keine weitere Zahlungsaufforderung sein dürfte.

»Danke«, sagt er und schiebt das Kuvert in die Tasche.

Madame Cuillasse starrt ihn aus kleinen, misstrauischen Augen an. Sie rümpft die Nase, als sie den Alkohol riecht, den er ausdünstet. »Sie wissen nicht zufällig etwas über eine Flasche Wein, die letzte Nacht aus meiner Küche verschwunden ist?«

»Ich? Nein, wieso?« Guillaume gibt sich schockiert. Die Concierge mustert ihn noch einen Moment, dann dreht sie sich um und stapft mit einem betont lauten Schnauben zurück in ihre Nische. Guillaume geht die Stufen hinauf bis unters Dach. Er schließt die Tür seines Zimmers hinter sich und öffnet den Brief.

Blanc, du Hund!

Lieber Gott, ich fühle mich heute Morgen wie ein dampfender Haufen Pferdemist. Wenn es Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dann ist dein Kater mindestens so schlimm wie meiner.

Aber hör mal, ich habe Neuigkeiten. Ich habe deine wohlhabenden, Kunst liebenden Amerikaner gefunden, ganz wie du es dir gewünscht hast. Sie ist ein seltsamer Vogel, hält sich für einen Connaisseur. An den Wänden ihrer Wohnung in der Rue de Fleurus hängen ein paar richtig hübsche Sachen. Ein paar Matisses, ein paar Cézannes. Sie heißt Gertrude Stein, vielleicht hast du schon von ihr gehört. Ich habe sie gestern Abend angerufen, als ich wieder zu Hause war, und ihr von dir erzählt. Sie wird dich heute Morgen aufsuchen, etwa um zehn Uhr. Zeig ihr deine besten Arbeiten und drück die Daumen.

Ich habe mein Versprechen erfüllt, alter Junge. Du musst mir nicht danken – sorg nur dafür, dass du deinen Teil unseres Abkommens mit der reizenden Thérèse erfüllst.

E. B.

Guillaume liest den Brief zweimal und blinzelt verwundert. Im nüchternen Licht des Morgens hatte er angenommen, dass Emile Brataille ihre Vereinbarung von letzter Nacht vergessen hatte, doch der Kunsthändler hat sein Versprechen gehalten.

Er liest den Brief ein drittes Mal, Freude und Unglauben wachsen mit jedem Wort. Gertrude Stein! Man erzählt sich, sie besäße einen unstillbaren Appetit auf neue Kunst und auch die Mittel, diese Leidenschaft zu finanzieren. Guillaumes Herz beginnt wieder zu rasen. Die Euphorie der Nacht kehrt nicht zurück, doch vorsichtige Hoffnung flackert in ihm auf. Plötzlich sieht er einen möglichen Ausweg aus seiner misslichen Lage. Guillaume schmiedet Pläne für diese reiche, gutgläubige Amerikanerin: Er wird sie bezirzen, verzücken und dann um jeden Franc erleichtern. Um die Mittagszeit wird er genug Geld haben, um seine Schulden zu bezahlen, und sogar noch mehr. Die Aussicht auf eine erniedrigende Rückkehr nach La Rochelle verblasst.

Vielleicht kann er weiterhin die Frau und ihre Tochter beobachten, wie sie die Straße entlanggehen.

Guillaume schließt die Augen und stellt sich vor, wie Gertrude Stein einen Cézanne von der Wand nimmt, um Platz für eines seiner Gemälde zu schaffen. Ihre Gäste werden danach fragen. Sie wird es ihnen hinter vorgehaltener Hand verraten, wird ihnen das Versprechen abnehmen, niemandem von diesem großartigen Künstler zu erzählen, den sie entdeckt hat.

Doch ein Genie lässt sich nicht verstecken. Bald wird die Welt vor seiner Tür stehen.

Dann denkt er: heute Morgen!

Er sieht sich um. Das Zimmer ist ein einziges Chaos. Er durchwühlt seine Sachen und flucht, als er keine Nägel findet. Er wird die Leinwände gegen die Wand lehnen und das Beste hoffen müssen. Vielleicht hat seine Armut eine verzaubernde Wirkung auf die Amerikanerin, und sie bewundert, wie er kämpft, um seine Kunst in die Welt zu bringen. Kein exotischer Firlefanz wie bei diesen faulen Tunichtguten in Montparnasse! Er zieht seine Leinwände in die Mitte des Raums und arrangiert sie erst auf die eine, dann die andere Weise. Manche auf dem Bett, andere auf dem Boden. Die besten stellt er in die Nähe des Fensters, ins Morgenlicht.

Es klopft an der Tür.

Tock-tock-tock.

Guillaume sieht auf die Uhr. Es ist zehn.

Kapitel 7

Das Ritual

Jean-Paul Maillard hinkt durch das Tor des kleinen Stadtparks und ist dabei so unsichtbar wie die Luft um ihn herum.

Zwei alte Männer sitzen auf einer Bank, ein Schachbrett zwischen ihnen. Sie beugen sich über die Figuren, zwei kleine Rodins, jeder mit einer Zigarette im Mundwinkel. Beim Geräusch von Jean-Pauls unregelmäßigen Schritten auf dem Schotter sehen sie nicht auf. Ein Taubenschwarm trippelt hoffnungsvoll pickend vor ihm über den Weg, die Köpfe der Vögel ein auf und ab wippendes Meer. Sie ignorieren ihn, er will ihre hektische Futtersuche nicht stören und geht um sie herum. Mütter stehen am Rand der gepflegten Wiese Wache und sind zu beschäftigt, ihre spielenden Kinder im Auge zu behalten, um Jean-Pauls schwerfälliges Vorankommen entlang der blühenden Bougainvilleas zu bemerken.

So mag er sein Leben: Er sieht lieber, als dass er gesehen wird.

In der Mitte des Parks steht ein Musikpavillon, auch wenn Jean-Paul dort nie jemanden spielen hört. Das ist sein Lieblingsplatz. Er sucht sich einen der leeren Metallstühle und rückt ihn zurecht. Dann zündet er sich eine Zigarette an und zieht den Rauch dankbar in die Lungen. Von seinem erhöhten Sitzplatz aus kann er fast alles sehen, was er sehen möchte – die Bänke, den Rasen und den Zierteich dahinter, dessen Oberfläche wie ein dunkler Spiegel wirkt.

Es ist früh. Er schmeckt immer noch den Kaffee, den er an der Bar des kleinen Cafés in der Rue de Bretagne hinuntergekippt hat. Dort geht er schon so lange hin, dass er nicht einmal mehr bestellen muss; sein Espresso kocht schon, wenn er sich an die Theke setzt. Er ist stark und bitter auf der Zunge.

Jean-Paul kennt sein quartier gut. Das Militärsanatorium liegt zwei Straßen entfernt. Vor dem Krieg war es eine Grundschule. Sechs Tage lang hatte er dasselbe Stück Wand angestarrt und war den Kugeln und Granaten ausgewichen, die in seinem Kopf immer noch explodierten. Eiserne Betten waren dicht nebeneinander aufgereiht, wo früher die Pulte der Kinder gestanden hatten. Die Luft war erfüllt von den Schreien der Verwundeten. Mit Kreide hatte ein Lehrer die Worte »TROISCHEVRES« in die linke obere Ecke der Tafel geschrieben, das Vermächtnis einer letzten, längst vergangenen Unterrichtsstunde. Diese drei Ziegen retteten Jean-Paul während der Genesung das Leben. Jeden Tag stellte er sich stundenlang vor, wie sie friedlich auf einer grünen Anhöhe herumsprangen, irgendwo weit weg von den blutgetränkten Feldern von Verdun.

Heute sind überall Kinder, die sich an diesem neuen Sommermorgen erfreuen. Jean-Paul lehnt sich zurück und betrachtet das Geschehen vor sich. Nach Elodies Geburt kamen er und Anaïs jeden Sonntag her. Er saß gern auf den Holzbänken und sah die Welt an sich vorüberziehen, geblendet von dem schlafenden Baby in seinen Armen. Jetzt zuckt sein Blick über die Wege, beobachtend, suchend, voller Hoffnung.

Da drüben spielen ein paar junge Mädchen Seilspringen. Sie lachen und singen und klatschen in die Hände, während sie abwechselnd in das rotierende Seil hinein- und wieder herausspringen. Ihr Spiel wird schneller, lauter, fröhlicher. Er raucht seine Zigarette zu Ende und zündet sich eine neue an.

Nach einer Weile löst er den Blick von den Kindern und greift in seine Manteltasche. Er zieht ein schwarzes Notizbuch heraus, öffnet es auf einer beliebigen Seite und beginnt zu lesen. Er kennt jedes Wort auswendig. Das Buch erzählt die Geschichte eines ungelebten Lebens, auferstanden aus der Asche der Verzweiflung. Das Schreiben war ein Akt der Liebe, der Hoffnungslosigkeit und des Überlebens.

Jean-Pauls eigene Erinnerungen hatten nicht ausgereicht, weshalb er neue erschaffen musste.

Ende der Leseprobe