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"Ich werde immer reisen und meine Schere mit mir." Mit seiner Schere im Gepäck macht sich der Barbier Miguel Gutierrez auf in die Welt, um seinen zwei Leidenschaften nachzugehen: der Haarpflege und dem Reisen. Sein Weg führte ihn durch 30 Länder rund um den Globus. Überall stellte er seinen Friseurstuhl auf, überall sprach er mit einheimischen Friseuren und erkundete die Bedeutung und Tradition seines Handwerks in aller Welt. Damit taucht er ein in die Lebenswelten der Bewohner verschiedenster Länder und kommt ihnen näher, als man das auf einer gewöhnlichen Reise je könnte. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an ein Handwerk und an die Menschen, die Miguel unterwegs trifft. Das Ritual des Frisierens und der Bartpflege erhält in diesem Buch eine eigene Faszination und erklärt ein wenig den enormen Trend, den die Barbershops auch Hierzulande erleben. Als Nomad Barber hat Miguel sie auf seinem Youtube-Kanal in einer Webserie dokumentiert und schnell eine große Fangemeinde gewonnen. Zahlreiche authentische Fotografien geben Einblick in diese Welt und wecken eigenes Fernweh.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2020
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© eBook: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020
© Printausgabe: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020
Alle Rechte vorbehalten. Weiterverbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, auch auszugsweise, sowie die Verbreitung durch Film und Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Zustimmung des Verlags.
Verlagsleitung Reise: Grit Müller
Verlagsredaktion: Silke Tauscher
Redaktion: Martin Waller, München
Bildredaktion: Silke Tauscher
Schlussredaktion: Ulla Thomsen
Covergestaltung: independent Medien-Design, Horst Moser (Art-Direktion)
eBook-Herstellung: Yuliia Antoniuk
ISBN 978-3-8464-0783-7
1. Auflage 2020
Bildnachweis
Coverabbildung: © IE Photography by Miguel Gutierrez and Contributing Photographer Michael Hannides
Illustrationen: Arndt Knieper
Fotos: IE Photography by Miguel Gutierrez and Contributing Photographer Michael Hannides, Kosmas Kokkaris, www.kosmaskokkarisphotography.com; Dennis Lo, www.dennislo.com; Jason Goh auf Pixabay; Shutterstock.com: abdsyafiq; Lawrence Smith; Shutterstock.com: Matt Boyle; Pixabay; Shutterstock.com: maoyunping, laif: Peter Bialobrzeski; Shutterstock.com: milosk50, seasons.agency: Jalag/Lukas Spörl
Syndication: www.seasons.agency
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»Am meisten fasziniert es mich, nicht nur ihre Geschäfte zu sehen, sondern wirklich etwas über die Menschen und ihr Leben zu erfahren. Und mitzubekommen, wie stark sich die Leben der Menschen in nur diesem einen Beruf je nach Land unterscheiden.«
»Während wir im Laden waren, rief ein Mann, der sich gerade für seine Hochzeit herrichten ließ, herüber: ›Für wen filmt ihr eigentlich?‹ Mike antwortete cool: ›Für die BBC.‹ Das stimmte nicht – ich hatte nur einmal mit jemandem gesprochen, der das Projekt einem BBC-Redakteur vorstellen wollte. Innerhalb von Minuten waren wir für den Abend zur Hochzeit von Christos eingeladen. So läuft das, ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens spielt sich im Barbershop ab! Diese Gelegenheit ließen wir uns natürlich nicht entgehen.
Griechische Hochzeiten sind spektakulär, und ich sage oft zum Spaß: Wenn ich einmal heirate, kann es nur eine Griechin sein – nur, damit ich das noch einmal erleben kann!«
Mit dem Entschluss zu dieser Reise wurde aus Miguel Gutierrez der »Nomad Barber«.
ICH BIN IN LIVERPOOL GEBOREN mit chilenischen Wurzeln väterlicherseits und jeder Menge weiterer Ethnien und Kulturen in der Linie meiner Vorfahren. So ist mir das Nomadentum zweifellos schon in die Wiege gelegt worden. Ich war immer neugierig auf das Leben und bin schon als Kind gern gereist, aber dass mich die Karriere, die ich dann tatsächlich einschlug, mehrmals rund um die Welt tragen würde, hätte ich mir nie träumen lassen.
Ich begann meine Barbier-Ausbildung mit 16. Ich war froh, die Schule hinter mir zu haben (was sich leider auch in meinen Abschlussnoten niedergeschlagen hatte), und wollte etwas machen, was für mich erreichbar war, aber auch meinen Neigungen entsprach – und nicht zuletzt die Perspektive bot, mich eines Tages selbstständig zu machen. Während der ersten Jahre meiner Karriere war ich relativ viel unterwegs, setzte dann aber ein paar Jahre damit aus.
Woher dieses diffuse Unbehagen kam, das ich irgendwann immer stärker spürte, verstand ich erst nach einiger Zeit: Das Reisen fehlte mir. Das war im Grunde genommen die Geburtsstunde des »Nomad Barber«.
Ich war in Liverpool, zu Besuch bei meiner Familie, und unterhielt mich mit einem Freund über alles Mögliche – Reisen, Pläne, das Leben im Allgemeinen. Mit 21 hatte ich schon einmal verschiedene Reisen um die Welt geplant. Dazu war es nie gekommen, aber die Frage »was wäre, wenn« hatte mich nie losgelassen. Jetzt ging es wieder darum, wie es wäre, reisen zu können. Komischerweise hatte ich so ein Gefühl, dass es für mich mit 26 vielleicht schon zu spät wäre. Wir redeten und redeten, und irgendwann sagte ich – im Spaß: »Es wäre doch lustig, wenn wir um die Welt reisen könnten, und ich würde an den extremsten Orten Haare schneiden?« Im selben Moment, in dem die Worte heraus waren, ging das Kopfkino los. Ich fuhr nach Hause und begann zu recherchieren, an welchen schönen Orten ich Haare schneiden könnte und was für Barbershops es bei einer Weltreise überhaupt zu besuchen gäbe.
Ich hätte nicht gedacht, dass im Internet nur sehr wenige Informationen über die globale Community der Barbiere zu finden war, aber genau das brachte mich gleichzeitig einen entscheidenden Schritt weiter. Was, wenn ich auf einer Weltreise die Barbierläden dokumentieren würde? War das möglich? Würden die Leute so etwas wissen wollen?
Es war etwa zur gleichen Zeit des aufkommenden Instagram-Booms, insbesondere in unserer Barber-Community. Barbiere begannen, sich weltweit mit anderen Barbieren zu verbinden, etwas, was es bis dahin noch nie gegeben hatte. Das stärkte mein Vertrauen in meine Idee. Ich war tatsächlich so überzeugt davon, dass ich meinem Boss ankündigte, im nächsten Jahr wegzugehen.
Ich fing an, die Kosten einer Reise zu kalkulieren, und je mehr ich einrechnete, umso mehr nahm meine Idee Gestalt an: Ich wollte diese Reise und die einzelnen Stationen aufnehmen und auf einem eigenen YouTube-Kanal als Video-Blog dokumentieren. Die Webserie »The Nomad Barber« war geboren. An jedem Ort wollte ich auch einen »Scenic Haircut« machen, also mich filmen lassen, wie ich vor einer beeindruckenden Kulisse jemandem die Haare schnitt. Recht schnell war das Ganze ein ehrgeiziges Projekt geworden, das einen Kameramann, 21 Länder und jede Menge Reisen beinhaltete.
Der erste Teil zur Umsetzung meines Plans bestand in einer Crowdfunding-Kampagne, die das Projekt bekannt machen und ein paar Tausend Pfund einbringen sollte. Und obwohl sie sehr erfolgreich war, fehlte immer noch ziemlich viel Geld. Ich hatte mehrere Firmen angeschrieben, die mit Haarpflege zu tun haben, aber nur von Marc eine Antwort bekommen. Er arbeitete bei einem der weltweit führenden Hersteller von Haarschneidemaschinen, und nach mehreren Treffen und Telefongesprächen entschied sich die Firma mitzumachen. Für sie sollte die Reise eine Art ethnografische Recherche zum Gebrauch ihrer Haarschneidemaschinen werden. Das brachte übrigens ein erstaunliches Ergebnis: Ihre Produkte waren tatsächlich überall in Gebrauch, von den teuersten Salons bis hinunter zu den ärmlichsten Läden.
Bis heute war diese Reise die anstrengendste und gleichzeitig beeindruckendste Erfahrung meines Lebens.
Der Termin wurde festgelegt – und zehn Jahre, nachdem ich zu meiner Lebensreise als Barbier aufgebrochen war, reiste ich um die Welt, um die ganze Breite des Barbierwesens zu dokumentieren.
Unbedarft, aber voller Tatendrang sitze ich hier vor der unglaublich beeindruckenden Akropolis. Fast wie ein ganz normaler Tourist.
WOHIN ZUERST? Diese Frage erwies sich bei der Planung dieser verrückten Reise als gar nicht so einfach. Ich wusste aber, dass griechische Barbiere einen großen Anteil daran hatten, die Tradition des Barbierens ins moderne Europa zu bringen. Griechenland grenzt an die Türkei, das Tor zum Nahen Osten – durch diesen Filter war das Barbierhandwerk einst gegangen, und ich war sehr neugierig, wie sich die Kultur heute darstellte.
Außerdem war mein Kameramann Mike ein halber Grieche, und seine Tante lebte in Athen, also: auf nach Griechenland! Es war der perfekte Ort für den Anfang. Meinen Kameramann Mike hatte ich übrigens über eine Anzeige auf einer Website für Film-Freiberufler gefunden. Zum Vorstellungsgespräch hatten wir uns um 10 Uhr morgens in einem Café verabredet. Als er auftauchte, hatte er die Nacht durchgemacht und überhaupt noch nicht geschlafen. Aber er war gut drauf; wir fingen gleich an, über Kameras und Filme, die wir beide toll fanden, zu fachsimpeln. Offenbar hatte Mike kein Problem mit Arbeit am frühen Morgen und funktionierte auch bei Schlafmangel: Er war engagiert! Unser Tagesbudget für dieses Reisejahr sollte 20 Pfund pro Person betragen – einschließlich Reisekosten, Essen und Unterkunft! Da war es ideal, dass wir zu Beginn bei Mikes Tante unterkommen konnten.
Panagiotis, stolzer Grieche und Besitzer des »1900«. In seinem Laden fing alles an.
Vor der Abreise hatte ich nur mit einem Barbierladen in Athen Kontakt aufgenommen. Ein Herr Panagiotis vom Barbershop »1900« hatte uns eingeladen, die erste Episode bei ihm zu drehen. Die Adresse lautete Ipsilantou 35 im Viertel Kolonaki.
Auf dem Weg zu seinem Laden war ich mit den Nerven völlig runter. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Ich hatte noch nie zuvor eine Dokumentation gemacht! Am Hauseingang kamen wir uns vor wie vor einer Privatwohnung – wir mussten erst durch eine Sicherheitstür und dann an der Ladentür klingeln. Panagiotis selbst öffnete. Er trug einen schicken cremefarbenen Anzug und hatte das Haar zu einem Männerdutt hochgebunden. Sein langer, präzise gestutzter Bart sah aus wie von einem der Schauspieler im Film »300«. Er begrüßte uns sehr freundlich und bat uns, es uns gemütlich zu machen. Ganz unverkennbar war er auf seine Manieren nicht weniger stolz als auf sein Aussehen. »Whisky anyone?« Es war noch Vormittag, aber wir nahmen beide das Angebot an. Wäre ja sonst unhöflich gewesen, oder?
Der Laden war eine Pracht, eine Schatzkammer voller Erinnerungsstücke und Antiquitäten längst vergangener Zeiten. Offensichtlich wollte er eine Atmosphäre wie in einem Herrenclub schaffen. Jedes Detail war von ausgesuchter Schönheit.
Panagiotis war Grieche, wurde aber in Ägypten geboren, wohin seine Familie im 19. Jahrhundert ausgewandert war. Schon als Kind war er dort gern zum Friseur gegangen, und diese Kultur, verbunden mit seinem persönlichen Stil, wollte er ins Heimatland seiner Familie mitbringen, als er dorthin zurückkehrte.
Das Interview fing kurios an: Wir fragten Panagiotis, warum er einen Barbierladen aufgemacht hatte, und im Gegenzug fragte er uns, welches Format unsere Videos hätten. Das wussten wir allerdings nicht so genau. Alles bei uns war improvisiert; im Vergleich zu einer professionellen Ausrüstung war unsere Kamera ja eher ein billiges Modell. »Keine Ahnung!«, antworteten wir also.
Dieses erste Interview war ein Totalschaden. Ich hatte keinerlei Erfahrung damit, Leute zu interviewen, und unterbrach ihn dauernd, während er noch redete – beim Schnitt der reine Horror. Und als wäre das nicht schon genug, sahen wir, als alles fertig war, dass unser Audiorekorder »Error« anzeigte. Er hatte das gesamte Interview nicht aufgenommen. Das war mega-peinlich, wir mussten Panagiotis bitten, zum Filmen später noch einmal wiederkommen zu dürfen. Wir kreuzten dann am Nachmittag erneut auf, und inzwischen hatte er legerere Kleidung angezogen. Deshalb ist er der Einzige in der ganzen Serie, von dem es kein gefilmtes Interview gibt. Immerhin, diese Lektion hatten wir gelernt!
Dann fragte Panagiotis uns, wo wir sonst noch filmen wollten, und wieder konnten wir ihm keine richtige Antwort geben. Er war dann so nett, uns ein paar Tipps für Barbershops in der Stadt zu geben, die sich von seinem unterschieden. Was gut passte, denn ich wollte Kontraste zeigen, und nach seinem Gentlemen’s Club im Vintage Style konnten wir nun etwas anderes filmen.
Beim Barbier sind Politik und Nachrichten Tagesgespräch.
Das »1900« war eine reine Pracht. Man fühlte sich wie in einem Herrenclub längst vergangener Zeiten.
Das Don Barber & Groom (Amerikis 23) von Ioannis ähnelte mehr einer Grooming Lounge mit allen möglichen Dienstleistungen im Schönheitssektor, einschließlich Waxing und Maniküre. Zum ersten Mal gingen wir einfach so und ohne Vorbereitung in einen Shop und mussten erklären, was wir machten, warum wir es machten und was das Ganze eigentlich sollte – wie verwirrt die Leute jedes Mal aussahen, wenn wir sie damit überfielen, finde ich immer noch ziemlich lustig.
Ioannis ließ sich auf uns ein. Sein Salon war so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir am Tag zuvor gesehen hatten. Ioannis war Eigentümer, Geschäftsführer und Barbier in einer Person – selbstbewusst, aber vor der Kamera etwas nervös. Das kam nicht selten vor und passierte auch mir selbst immer wieder. Doch das Interview lief gut und brachte uns ein paar schöne Einblicke in seinen USP: Haarschnitt, Bartpflege und Wellness speziell für Männer, und alles aus einer Hand.
Beim Hochzeitstanz auf dieser unglaublichen griechischen Hochzeit unseres neuen Freundes Christos waren wir voll dabei.
Während wir im Laden waren, rief ein Mann, der sich gerade für seine Hochzeit herrichten ließ, herüber: »Für wen filmt ihr eigentlich?« Mike antwortete cool: »Für die BBC.« Das stimmte nicht – ich hatte nur einmal mit jemandem gesprochen, der das Projekt einem BBC-Redakteur vorstellen wollte. Innerhalb von Minuten waren wir für den Abend zur Hochzeit von Christos eingeladen. So läuft das, ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens spielt sich im Barbershop ab!
Diese Gelegenheit ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Wir wurden wie Könige behandelt und schlossen ein paar neue Freundschaften. Die Trauung fand in einer Kirche etwas oberhalb statt, von der aus man einen fantastischen Blick über Athen hatte. Dann ging es zur Feier in ein großes Landhaus mit Pools und einem Wahnsinnsgarten. Ein professionelles Filmteam drehte, Livebands spielten, wir bekamen das so ziemlich beste Essen, das uns auf der ganzen Reise untergekommen ist. Bis zum frühen Morgen hatten wir dann auch einiges intus. Eigentlich Verschwendung, uns ganz am Anfang der Reise gleich so zu verwöhnen … Griechische Hochzeiten sind spektakulär, und ich sage oft zum Spaß: Wenn ich einmal heirate, kann es nur eine Griechin sein – nur, damit ich das noch einmal erleben kann!
Am nächsten Tag gingen wir hinüber zu Athens Barber’s Shop (Filolaou 84–86, Pagrati), wo uns Vasilios begrüßte, ein sehr selbstbewusster, stolzer Mann mit langem Pferdeschwanz in einem schicken weißen Hemd. Sein Friseurladen war mehr von der klassischen Sorte, und er war vor allem stolz auf seine Rasiertechniken sowie darauf, dass er Barbiere ausbildete und bei Friseurwettbewerben mitmachte. Bei ihm fanden wir Schaukästen voller Barbier-Memorabilia, alte Friseursessel und Geschichten über Geschichten. Barbierläden waren, seinen Worten zufolge, früher wie winzige Parlamente, in denen der Barbier die Debatten leitete. Und auch heute noch findet man überall auf der Welt solche Läden, in denen Politik und Nachrichten Tagesgespräch sind. Das kann je nach Kultur oder Land ganz unterschiedlich ablaufen und hängt auch davon ab, was für eine Atmosphäre der Barbier selbst in seinem Laden schafft. Immer aber geht es sehr familiär zu.
Abhängen im Barbershop. Die meisten, die wir ohne Vorankündigung besuchten, waren erst überrascht, empfingen uns aber überaus freundlich.
Nach Athen besuchten wir Thessaloniki, hatten aber Probleme, dort Barbierläden zu finden – und als wir einen aufgetan hatten, wurden wir unglaublich unfreundlich behandelt. Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir kamen rein und versuchten etwas unbeholfen, uns vorzustellen, aber der Barbier schaute uns nur verächtlich an und deutete zur Tür. Wir dachten, er hätte uns nur nicht richtig verstanden, und starteten einen neuen Anlauf, aber er blieb abweisend. Das war unsere erste Niederlage bei unserer Dokumentationsserie.
Dass in Athen – und in Griechenland überhaupt – nicht mehr Barbershops zu finden waren, hat mich ziemlich überrascht. Anscheinend wollten zwischenzeitlich kaum noch Leute diesen Beruf ergreifen. Das bedeutete, dass es – infolge des »Barber-Booms« 2012/2013 – entweder vor allem ziemlich neue Geschäfte gab oder die Barbiere schon alt und teilweise im Ruhestand waren. Dieses Thema begegnete mir auf meinen Reisen immer wieder.
Ein Haarschnitt bei Sonnenuntergang auf dem »Sunrise Point« in Göreme, im wunderschönen Kappadokien.
Blick von einem Schiff auf die Bosporusbrücke. Sie verbindet den europäischen mit dem asiatischen Teil Istanbuls.
BEI MEINER RECHERCHE VOR DER REISE war die Türkei eines der wenigen Länder, aus denen ich auf YouTube etwas über die Barbierszene gepostet gefunden hatte. Zu sehen, dass dort so viel mehr Wert auf Service gelegt wurde als anderswo, war ein richtiges Aha-Erlebnis für mich. Mit dem zunehmenden Einfluss türkischer Barbiere in Großbritannien hatte ich selbst erleben können, wie wichtig Barbierläden für die türkische Gesellschaft waren. Schon allein deshalb MUSSTE ich auf meiner Reise hin! Ich kannte das Land noch nicht, aber schon bei meiner Recherche merkte ich, dass dort nicht nur die Barbierkultur quer durchs ganze Land außerordentlich lebendig war – die türkische Kultur insgesamt fand ich zutiefst beeindruckend.
Wir kamen mit dem Bus in Istanbul an. Die Geräusche und Gerüche dort versetzten mich in eine Erregung, die ich lange nicht mehr gespürt hatte. Unbekannte Orte habe ich auf Reisen schon immer aufregend gefunden, Orte, an denen man das Unerwartete zu erwarten hat und die einen aus der eigenen Komfortzone schubsen.
Wir mieteten uns in der Nähe des Taksim-Platzes ein, lustigerweise in einem von Griechen geführten Hostel. Als wir bei der Ankunft erzählten, dass wir zum ersten Mal in Istanbul seien, sagte der Mann an der Rezeption streng: »Das ist Konstantinopel!« Er war ein Nachfahre der alten Griechen, von denen diese Stadt einst bevölkert war und die heute Istanbul heißt. Er spielte griechische Musik, servierte griechisches Frühstück und traf sich jeden Abend mit seinen griechischen Freunden zum Essen auf der Terrasse. Ich muss gestehen, dass ich von der wechselvollen Geschichte dieser uralten Stadt bis dahin kaum etwas gewusst hatte.
Da wir im Vorfeld mit keinem Barbier Kontakt aufgenommen hatten, versuchten wir auf gut Glück, in einem Laden ein Interview anzufragen, scheiterten aber an der Kommunikation – eines der Hauptprobleme, das uns auf der Reise immer wieder zu schaffen machte. Ohne Hilfe bei der Übersetzung waren wir aufgeschmissen. Der junge Mann, von dem ich mich schließlich rasieren und mir die Haare schneiden ließ, gab mir sehr nett zu verstehen, dass er nicht interviewt werden wollte (wobei ich ziemlich sicher bin, dass er nicht verstand, worauf wir hinauswollten).
Recep und ich in seinem Laden. Einer der freundlichsten und warmherzigsten Barbiere, die ich kennengelernt habe.
Am nächsten Tag durchstreiften wir die Straßen in der Nähe des Großen Basars und schauten, ob uns irgendwo ein Barbierladen besonders auffiel. Schließlich landeten wir in einer kleinen Seitenstraße, wo an einem Haus groß KUAFÖR geschrieben stand. Ein Mann saß davor, und als wir näherkamen, begrüßte er uns freundlich. Er sagte »Hello« und ich »Merhaba«. Ich versuchte ihm mitzuteilen, dass ich selbst ein Barbier sei, und er machte »ohhhh« und klatschte wie zum Beifall in die Hände. Das fand ich recht seltsam, aber nachdem einer seiner Freunde uns mit Google Translate ausgeholfen hatte, stellte sich heraus, dass er mein englisches »barber« für »baba« (Vater) gehalten hatte.
Wir wurden in den kleinen, bescheidenen Laden eingeladen und von einem Mann begrüßt, den ich heute als Recep kenne. Er war einer der freundlichsten und warmherzigsten Barbiere, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin. Er interessierte sich nicht nur für seinen Job, seinen Laden und seine Leute, sondern für Menschen insgesamt. Wir tranken fast schweigend Unmengen von türkischem Tee, der gefühlt alle fünf Minuten von einem Teenager in den Laden gebracht wurde. Wir versuchten ihm klarzumachen, dass wir in seinem Laden filmen wollten. Schließlich schafften wir es irgendwie zu vereinbaren, dass wir am nächsten Tag wiederkommen und ein Interview mit ihm aufnehmen würden, nachdem wir ihm ein paar Beispiele aus unserer griechischen Episode gezeigt hatten.
Wir kannten ein Mädchen, das in Istanbul studierte und ein bisschen Türkisch sprach. Sara war wirklich sehr nett, und wir konnten sie überreden, am Tag darauf mitzukommen und uns auszuhelfen. Trotzdem war es nicht immer einfach, uns verständlich zu machen. Wir konnten nur hoffen, dass seine Antworten auch zu unseren Fragen passten.
Recep erzählte uns, wie die Massage und das Abflammen der Ohrhaare eine Besonderheit von Istanbul seien und dass man in der Türkei Rasuren bekommt, die man in Europa normalerweise nicht findet. Er meinte, dass türkische Barbiere das Rasieren und Massieren quasi mit der Muttermilch aufsaugen und sie deshalb geschickter sind als die Barbiere aller anderen Länder Europas. Keinen Zweifel ließ er daran, dass für einen türkischen Barbier der Kunde und dessen Wohlbefinden immer an allererster Stelle zu stehen hat.
Ein Barbierlehrling beginnt, laut seinen Worten, etwa im Alter von zwölf Jahren, schon nach dem Ende der Grundschule. Er kommt in den Laden, macht sauber, schaut zu und lernt dabei, wie der Laden funktioniert. Heute, sagte Recep, können Barbiere in Schulen ausgebildet werden, aber früher ging es nur, indem man dem Meister zusah und es ihm nachmachte.
Ich glaube, dass das auch heute noch die beste Art ist, um das Handwerk zu lernen. Man muss genau hinschauen und sich auf die Kunden einstellen. Dass schon Kinder mit zwölf sich für diesen Berufsweg entscheiden, finde ich fantastisch. Wahrscheinlich ist auch deshalb die türkische Barbierkultur so stark.
»Manchmal sind wir Barbiere die Einzigen, von denen sich diese Menschen berühren lassen.«
Die berühmte Blaue Moschee in Istanbul. Natürlich ließen wir uns eine Besichtigung nicht entgehen.
Von Istanbul aus brachte uns ein Nachtbus in die Küstenstadt Antalya, wo wir sehen wollten, ob es Unterschiede gab. In jeder großen Straße waren Schilder mit der Aufschrift »Berber Salonu« (Barbiersalon) zu sehen. Wir entschieden uns für zwei Läden, welche wir uns ansehen wollten: »Kuaför Sedat« und »Kuaför Sevket«. Sie waren nur ein paar Schritte voneinander entfernt.
Sevket und ich in seinem Laden in Antalya. Ein selbstbewusster, glücklicher Barbier, stets mit einem Lächeln unterm Schnurrbart.
Sedat war ein junger Mann, der schon mit dem Gedanken spielte, den Beruf zu wechseln. Vielen Barbieren geht es so, dass die Liebe zum Beruf mal zu- und mal abnimmt. Ich kann mich an viele Wochen erinnern, in denen ich mit meinem Job unzufrieden war – aber dann gab es wieder einen Sahnetag, und ich war frisch verliebt in meinen Beruf. In der Barbierszene herrscht eine große Fluktuation, die Leute kommen und gehen, und deshalb war es für mich interessant, jemanden kennenzulernen, der über kurz oder lang aufhören wollte.
Sein Problem war der finanzielle Aspekt, er hatte das Gefühl, nicht richtig über die Runden zu kommen. Mit Menschen zu arbeiten und viele verschiedene Leute um sich zu haben, das mochte er dagegen immer noch sehr. Scherzhaft schlug ich ihm vor, sein Partner zu werden und gemeinsam eine Bank auszurauben. Er lachte und war sofort einverstanden. Von all den Leuten, die ich im Verlauf meiner Serie noch treffen sollte, war er tatsächlich der Einzige, der die Branche verlassen wollte. Ich fand das sehr schade, zumal er es nur aus finanziellen Gründen in Erwägung zog. Aber klar, von Idealismus allein wird man nicht satt.
Für den Rest des Tages hatten wir einen Guide, Baran. Wir hatten ihn beim Couchsurfing kennengelernt, auch wenn wir am Ende gar nicht bei ihm übernachteten. Ihm gefiel der Gedanke, als Gegenleistung für seine Dolmetscherdienste die Haare geschnitten zu bekommen, was ich am Pier von Antalya dann auch tat. Er war ein Glücksgriff für uns, denn es war das erste Mal, dass jemand für uns übersetzte, der beide Sprachen perfekt beherrschte und wir wirklich genau wussten, was die Barbiere auf unsere Fragen antworteten.
Baran führte uns hinüber zu Sevket, einem stets lächelnden Mann mit Schurrbart und einer leichten Vokuhila-Frisur in seinem sich lichtenden Haar. Er war das genaue Gegenteil von Sedat. Er war stolz auf seinen Beruf und meinte, er kenne seine Kunden in- und auswendig – besser sogar als deren Frauen. Als Barbier könne er sogar die »Unberührbaren« berühren – Parlamentsabgeordnete zum Beispiel oder andere wichtige Leute, die an sich tabu sind. »Manchmal sind wir die Einzigen, von denen sich diese Menschen berühren lassen.«
An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Als er so alt war wie der Lehrling in seinem Geschäft, also etwa zwölf, habe er innerhalb von zwei Wochen gelernt zu rasieren, und nach sechs Monaten konnte er selbstständig Haare schneiden und rasieren. Er sagt, ein Barbier muss intelligent sein: »Barbers are really smart people«, diesen Satz sollte ich auf jeden Fall niederschreiben. Er würde diesen Job wahrscheinlich bis zu seinem Lebensende machen, so glücklich war er damit, sich diesem alten Handwerk verschrieben zu haben (Sinan, 35/1 Gerçek Apt 27, Arık Cd., Muratpaşa/Antalya).
Blick über das Tal aus Tuffsteinfelsen nahe Göreme Die Heißluftballons hier aufsteigen zu sehen war absolut beeindruckend.
Weiter ging es, wieder mit dem Nachtbus, nach Göreme in Kappadokien. Ich wusste bereits, dass ich einen Haarschnitt vor dem Hintergrund der Felsentäler mit aufsteigenden Heißluftballons machen wollte. Und tatsächlich, das wurde eines der ikonischsten Bilder bis heute.
Wir übernachteten in einem netten Hostel, und dort gab man uns Tipps für die besten Aussichtspunkte der Gegend. Besonders der »Sunrise Point«, den man durch einen kurzen Aufstieg von der Ortsmitte aus erreicht, faszinierte uns – und da filmten wir auch den Scenic Haircut.
