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Anders Müller ist Jungrentner und sucht einen neuen Lebensinhalt. Nachdem er sich seit Jahren von Beruf und seiner fürsorglichen Ehefrau fremdgesteuert gefühlt hat, muss es dieses Mal etwas "Eigenes" sein. Etwas, was nur ihn ganz allein fasziniert. Zufällig stolpert er über das Lachyoga und die Lachyogabewegung und besucht ein entsprechendes Seminar. Die Erfahrungen, die er hier macht, werfen sein bisher beschauliches Leben und seine Weltsicht völlig durcheinander, was auch seine Ehe vor Herausforderungen stellt. Vorhersehbar: Im weiteren Verlauf der Ereignisse trifft er auf eine attraktive Dame, die sein Herz sofort entflammt und ihm die Sinne vernebelt. Dabei handelt es sich um eine Managerin des großen örtlichen Finanzinstituts, die soeben von ihrem Liebhaber, dem Direktor eben jenes Instituts, zugunsten einer jüngeren Kollegin abserviert worden ist und nun auf Rache sinnt. Diese besteht darin, dass sie akribisch erhebliche Finanzmanipulationen ihres Ex-Geliebten dokumentiert hat, um so wenigstens in ihrer Position in der Bank überleben zu können. Die Daten hat sie auf einem USB-Stick gespeichert, der aber leider im Zuge des Flirts mit unserem Protagonisten verloren geht, diesem jedoch unverhofft vor die Füße fällt, nachdem seine neue Angebetete emotional überreizt fluchtartig das Lokal verlassen hat, in dem sie sich soeben kennengelernt haben. Dass die Daten brisant sind, erkennt Anders, als er zu Hause den USB-Stick ausliest. Er ist zunächst ratlos, was er mit dem vermeintlichen Liebespfand anfangen soll, während zur gleichen Zeit die von ihm Angebetete, von der er allerdings weder den vollständigen Namen noch deren Adresse besitzt, aufgrund des Verlusts in Panik gerät. Zur gleichen Zeit weilt übrigens Anders' Ehefrau Angelika in einem Wellnesshotel, um hier ihre Wirkung auf die Männerwelt zu erproben. Auch sie fragt sich, was das Leben für sie noch bereithält.
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2018
… es ist schon fast alles geschrieben worden … nur nicht von jedem.
(frei nach Karl Valentin)
für meine Freunde …
Anders Leben
ein Roman
© 2018 Rüdiger Steindl
Rüdiger Steindl
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
978-3-7469-4284-1 (Paperback)
978-3-7469-4483-8 (Hardcover)
978-3-7469-4484-5 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und Zugänglichmachung.
DAS LEBENDER JUNGRENTNER
Nein, er hätte da wirklich nicht hingehen müssen! Alles hätte so bleiben können wie es war. Ruhig, beschaulich. Überschaubar. Vor allen Dingen überschaubar. Angenehm und wohltemperiert. Vielleicht ein wenig, ja man könnte wohl sagen: langweilig. Langweilig - aber warum nicht? Was war daran schlimm?
Schließlich hatte auch er - Anders - nun schon seit einiger Zeit die Sechzig überschritten und übte sich im Rentnerdasein - Phase „Jungrentner“.
Eigentlich hatte er sich schnell an die neuen Verhältnisse im Ruhestand gewöhnt und der Ausdruck „Jungrentner“, mit welchem ihn die Kumpels tituliert hatten, die schon länger im Ruhestand weilten, hatte ihm gut gefallen. Denn: „Jungrentner“ - das klang noch so vorläufig, so dehn- und gestaltbar. Jedenfalls nach nichts, was nach Verfall, Siechtum oder gar Tod roch. Es klang nach etwas, das einem noch alle Möglichkeiten und Freiheiten bot und bei dem sich die stets lauernden körperlichen Einschränkungen noch nicht in den Vordergrund des Alltagsbewusstseins gedrängt hatten.
Aber dieser, sein ureigener Entschluss, an diesem Wochenendseminar der hiesigen Lachyoga-Gesellschaft mit dem eher einfach gestrickten und nicht sehr vielversprechenden Titel „Lachen kennt kein Alter!“ teilzunehmen, nein, der hätte wirklich nicht sein müssen.
Keiner hätte ihm das verübelt, wenn er da nicht hingegangen wäre. Schon gar nicht Angelika, seine Ehefrau.
Er hatte, als er ihr von der Ankündigung dieser Veranstaltung berichtete - sie war im wöchentlichen Anzeigenblatt inseriert worden - mehr so im Konjunktiv gesprochen:
Ob es ihm vielleicht denn wohl gut tun würde, wenn er an dieser Veranstaltung teilnähme?
Insgeheim hoffend, dass Angelika diesen Plan als unsinnig verwerfen würde. Ja, er war sich nicht sicher, ob diese Art der Veranstaltung - mehr noch dieses Thema „Lachyoga“ das Richtige für ihn sei. Eigentlich benötigte er Angelikas Rat, hoffte auf ihren aktiven Zuspruch. Wie immer, wenn es um die - bisher zugegebenermaßen seltenen - Entscheidungen von irgendwelchen Vorhaben ging, die ausschließlich ihn betrafen. Und die er womöglich allein meistern oder wenigstens durchstehen musste.
Und in diesem Falle galt ja sogar für ihn das gewichtige Motto: „Was Eigenes! Mein eigenes Lebensthema!“
In dem aber implizit bei Anders die Frage mitschwang: „Muss es denn wirklich sein? Muss ich wirklich für mich was tun???“
Doch Angelika hatte nur die Zeitung, die sie gerade las, kurz sinken lassen, die Nase gerümpft und hinter dem wieder aufgenommenen Lokalteil gemurmelt: „Na, wenn es dich glücklich macht …“
Und wahrscheinlich war es auch genau diese einfach so dahingesagte, jedoch tendenziell ein leichtes bis mittleres Missfallen ausdrückende Äußerung seiner Frau gewesen, die ihn auf einmal dazu trieb, in eine latente, aber erkennbar trotzige Opposition zu gehen und zu antworten:
„Na dann. Dann geh ich da mal hin. Also zu diesem Lachyoga.“
Bereits ahnend, dass dies möglicherweise eine irgendwie folgenreiche Entscheidung in seinem Leben werden sollte. Die aber in seinen Augen nicht ganz falsch sein konnte, da er sie diesmal immerhin ganz allein getroffen hatte.
Und wie war er eigentlich darauf gekommen, Lachyoga betreiben zu wollen, dieser Anders? Warum interessierte er sich so für dieses - eher abseitige - Thema?
Im Fernsehen hatte er unlängst einen Bericht dazu gesehen. Und dort wurde ausführlich geschildert, wie gesund das Lachen sei. Wie viele und welche Krankheiten sich allein durch das herzhafte Lachen positiv beeinflussen ließen. Sogar Krebs, hieß es. Einmal richtig Lachen war so gesund wie zehn Minuten Joggen! Das hatte unlängst sogar in der Tageszeitung gestanden!
Das waren gute Nachrichten für Anders, der nichts so sehr hasste wie das Joggen - gefolgt von Nordic Walking. Und man konnte es überall betreiben - das Lachen, also fast überall. Und wenn es so gut für die Gesundheit war …?
In Indien hatte das Lachyoga übrigens seinen Siegeszug begonnen.
Man hätte es sich denken können, dachte Anders, als er das las. Hier gehörte es - so wurde berichtet - sozusagen zur Gesundheitskultur dazu, so wie das Zähneputzen. Man traf sich am frühen Morgen im Park - das Gras war noch feucht vom Tau - , erzählte sich gegenseitig Witze und lachte sich scheckig.
Das wurde in dem Fernsehbericht auch gezeigt. Aber auch der Urheber dieser Angelegenheit wurde vorgestellt: Ein gewisser Mandan Kataria, ein Arzt, der in Mumbai gewirkt hatte.
Kaum zu glauben: Es gab sogar einen Welt-Lachtag! Immer am ersten Sonntag im Mai! Und zudem inzwischen über 6.000 Lachclubs über die ganze Welt verteilt, obwohl diese ominöse Technik erst in den Neunzigern erfunden worden war!
Das ist ja eine richtige Erfolgsstory! dachte Anders, der dabei allerdings sogleich auch an die Entwicklung seiner ehemaligen Firma denken musste, die schon seit Jahr und Tag finanztechnisch weil wachstumstechnisch auf dem Zahnfleisch daherkam. Vielleicht sollten die auch mal lachen! Dann würden die Zahlen auch wieder besser …
Bei Anders hatte sich sofort eine klammheimliche Faszination an diesem Thema eingestellt. Ehrlich gesagt auch ein gewisser Voyeurismus. Obwohl sich hier wildfremde, auch nicht immer nur schöne Menschen bis zur Entfesselung und Aufgabe jeglicher Contenance, ja bis hin zur Hysterie gegenseitig in einem Maße anwinselten, anlachten, anwieherten und angröhlten, dass es für ihn, den Außenstehenden, den Beobachter, eigentlich nur peinlich sein konnte, jenen bei diesem Treiben abseits jeder Ästhetik zuzusehen.
Nicht jedem dieser Adepten der Lachkultur stand ein weit aufgerissener Mund gut, nicht jeder hatte ein schönes Gebiss. Nein, ganz und gar nicht. Und bei nicht wenigen entwich bei diesem Lachgewitter auch ein unkontrollierter Speichelnebel, so wie Eruptionen aus einem Lachvulkan, die sich in den Raum ergossen.
Außerdem sah man zuckende Zäpfchen in aufgerissenen Mündern. Und sogar so manche Zahnruine. Die waren eigentlich in keinem Falle ästhetisch.
Dennoch war dieses wilde, archaische, völlig ungehemmte - übrigens auch völlig anlasslose - Lachen für Anders unerklärlich faszinierend und ähnlich ansteckend wie jener Spot im Internet bei „YouTube“ mit dem zunächst einmal unverfänglichen Titel „Bündnerfleisch“, in dem der damalige Schweizerische Bundestagspräsident im Parlament zu den schweizerischen Zollkontrollnummern eben jenes Produktes referierte und im Folgendem in einer nicht mehr zu beherrschenden Lachsalve, der sich auch die Parlamentskollegen nicht entziehen konnten, diesem wichtigen Thema den entsprechenden Ernst und Respekt zollte.
Anders war auf dieses Filmchen hier mehr zufällig gestoßen.
Und auch er - Anders - konnte sich der absurden Komik nicht entziehen und fand sich infolgedessen beim fortgesetzten Anschauen von einem wiehernden, kreischenden Lachen geschüttelt in Embryohaltung mit knallrotem Kopf und heraustretenden Schläfenadern röchelnd, gleichsam erstickend auf dem heimischen Teppichboden wieder. Schon bald bekam er kaum noch Luft. Angelika hatte ihn beruhigen müssen, indem sie ihn von hinten bei den Schultern gepackt, ihr Knie in seinen Rücken gepresste und ihn so langsam aufrichtet hatte, damit er wieder zu Atem kam.
Sie war einigermaßen erschrocken, denn in dieser Verfassung hatte sie Anders noch nicht erlebt. Und sie wollte ihn auch nie mehr in einer solchen Verfassung sehen! Schon aus ästhetischen Gründen nicht, aber auch weil Angelika jeglichen persönlichen Tumult verabscheute, wie sie sagte. Und dieser hatte sich dort auf dem Teppich soeben über alle für sie hinnehmbare Maßen abgespielt!
Ein Mann, der auf dem Teppich liegend nach Luft ringt, nachdem er einen zweifelhaften Internet-Spot konsumiert hatte … völlig stillos, völlig indiskutabel!
Für Anders hingegen war es - abgesehen von der prekären körperliche Lage, in der er sich kurzzeitig befunden hatte - so, als wenn sich eine Tür geöffnet hätte, die er seit vielen, vielen Jahrzehnten gewissenhaft verschlossen gehalten hatte. Was sich dahinter verbarg, das wollte er vordergründig eigentlich nicht so genau wissen, denn er befürchtete, dass sein über Jahrzehnte gefestigtes Weltbild ins Wackeln geraten und damit auch sein bisheriges, wohl bekanntes, in vorhersehbaren Bahnen verlaufendes Leben aus den Fugen geraten könnte. Möglicherweise bestand seine Sorge sogar wohl zu Recht.
Aber spannend war es schon …
Er spürte den Kitzel des Neuen, des Unbekannten. Und den Reiz des Unkalkulierbaren. Das hatte er schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt!
So hatte dieses Erlebnis ganz im krassen Gegensatz zu seinem üblichen Rentnerdasein gestanden, bei welcher die gelegentlich aufkommende Langweile schon ein gesundes Korrektiv für den bei ihm und seiner Angelika potentiell ständig vorhandenen Aktivitätsdrang darstellte. Denn dieser innere Zwang, etwas Sinnvolles tun zu müssen, konnte manchmal so lästig wie tröpfelnder Harndrang werden und auch wie jener einen chronischen Zug annehmen.
Diese stete und so ermüdende innere Aufforderung, den Tag zu gestalten, ihm einen Sinn geben zu müssen! Nichts schien für viele Zeitgenossen, zu denen sowohl er als auch seine Frau Angelika tendenziell zählten, schlimmer zu sein, als die Leere eines verbummelten Tages. Weniges war schrecklicher als der „Horror vacui“, der einen so schnell ereilen konnte, wenn der feste äußere Rahmen, das Korsett eines fremdbestimmten Arbeitstages fehlte.
Erschwerend kam bei der Tagesgestaltung hinzu: Rentner zu sein, das lernte man ja eigentlich nirgends. Nicht in der Schule, nicht auf der Universität oder im Berufsleben. Auch Anders hatte sich kaum vorher mit dieser neuen Existenzform beschäftigt.
Ein Rentner, das war früher für ihn jemand gewesen, der aus dem geheiligten Wertschöpfungsprozess, dem Berufsleben exkommuniziert worden war. Was manchmal leider - wie er inzwischen selbst erlebt hatte - auch einer gewissen gesellschaftlichen Ächtung gleich kommen konnte.
Rentner, das waren Leute, bei denen man in den Firmen in der Regel froh war, dass man sie los war. Und dies meistens zu günstigen Konditionen für das Unternehmen. Keine Streitereien, keine Abfindungen, die ausgehandelt werden mussten! Diese Leute wurden einfach nur alt und gingen dann in den Ruhestand. Und freuten sich auch meistens darüber. In der Regel ging es dann mit einer kleinen Feierlichkeit ab, bei der die gebundene Arbeitszeit der Kolleginnen und Kollegen der größte Kostenfaktor war. So wie bei ihm auch.
Aber auch als Rentner lebte man, wenn man sich es nur immer wieder bewusst machte. Und das sah Anders als seine größte Chance. Einfach leben! Wenn man wollte: In den Tag hinein leben.
Auch das Glück, dass er jeden Morgen aufs Neue die Wahl hatte: Aufstehen oder liegen bleiben. Oder erst später aufstehen. Niemanden kratzte das. Außer vielleicht seine Angelika, wenn die für den Tag anderes geplant hatte.
Und da war er in guter Gesellschaft. Nicht nur ihm ging es so. Nein, auch seine Bekannten und Freunde - sie alle priesen sie die neue Freiheit, nicht mehr beruflich eingespannt zu sein, kaum noch Verpflichtungen zu haben, auch wenn immer wieder augenzwinkernd betont wurde, man käme ja inzwischen zu rein gar nichts mehr …
Aber alle stürzten sich gleichzeitig in Reisen, Gartenarbeit, ausgefallene, teils teure Hobbys wie Motorradfahren, Golfen, Segeln, Gleitschirmfliegen.
Letzteres erfreute vielleicht die Rentenversicherung - die Krankenversicherung eher weniger.
Oder sie kurvten mit einem Wohnmobil durch die Gegend beziehungsweise durch ganz Europa und trieben dabei die anderen- natürlich jüngeren - Verkehrsteilnehmer mit ihrem entschleunigten Weltbild und der entsprechenden Fahrweise in den Wahnsinn - oder zu gewagten, gefährlichen Überholmanövern.
Klar, schließlich mussten Anders und Angelika ihre verbliebene Restlaufzeit, nein Lebenszeit sinnvoll nutzen und dabei noch möglichst viel sehen und erleben. Außerdem: Man musste ja beim Autofahren auch nicht ständig in den Rückspiegel blicken … oder? Das kam ohnehin immer mehr aus der Mode, das machten inzwischen nur noch Fahranfänger …
Auch Anders beobachtete inzwischen immer deutlicher an sich, dass er es gemütlicher anging, das Leben. Wesentlich gemütlicher. Das begann schon mit dem Aufstehen und der Tagesplanung, die keineswegs mehr als zwei außengesteuerte Pflichten oder Termine enthalten durfte. Sonst stellte sich ein unmittelbarer Groll ein. Mindestens mittelschwer.
Übrigens auch bei seiner Angelika, da waren sie sich glücklicherweise einig. Und klaglos akzeptierten sie auch, dass die Dinge fast alle länger dauerten, bis sie dann fertiggestellt waren - seien es Gartenarbeiten, Reparaturen im Haushalt und Ähnliches.
Bei denen Anders sich ohnehin immer die Frage stellte: Musste es denn wirklich nun heute sei? Oder überhaupt? Würden er oder sie sich denn besser fühlen, wenn er oder sie die selbst gestellte Aufgabe erfüllt hätten? Oder war es eigentlich nur eine fixe Idee?
Aber nicht immer war es ratsam, diese Frage laut zu äußern … eine Erfahrung, die Anders schnell machte und diese Frage dann nur noch sich selbst stellte.
Unvorstellbar war es den beiden jedenfalls inzwischen, wie es ihnen gelungen war, all die Jahre einer geregelten Berufstätigkeit beziehungsweise dem fordernden, aufopferungsvollen Job der Hausfrau nachgegangen zu sein und zudem auch noch ein Familienleben und dieses oder jenes Hobby gepflegt zu haben.
Kinder hatten sie übrigens keine. Hatte sich irgendwie nicht ergeben. Und darüber so richtig traurig war auch keiner von ihnen beiden gewesen. Kinder gab es im Bekannten- und Freundeskreis genug mit den entsprechenden Beispielen der Überforderung und seelischen Zerrüttung der Eltern, wenn es mit dem Nachwuchs oder der Partnerschaft nicht so lief.
Aber jetzt - im fortgeschrittenen Alter - lernten sie gemeinsam eine neue Sprache, so wie viele andere Rentner, die sich mit Finnisch, Koreanisch oder Neugriechisch plagten - ganz freiwillig. Um die grauen Gehirnzellen auf Trab zu halten. Und auch er, Anders, auch er musste ran. Schon seit zwei Jahren und das eigentlich eher auf Geheiß seiner Angelika, damit er nicht völlig … Angelika senkte dabei die Stimme …
Wodurch Anders auf- und ihr dazwischen fuhr: „Ja, ich weiß schon: verblöde - ist das Wort!“
Das war dann auch sein vorschnell gegebenes Einverständnis zum Start eines nicht enden wollenden Sprachkurs-Marathons des Neugriechischen. Einer Sprache, die wirklich überaus dazu geeignet war, die grauen Zellen im Oberstübchen auf Trab zu halten.
Und es ging immer weiter - mit diesen Volkshochschulkursen. Denn, so das Resümee zu Ende eines jeden Trimesters, es wäre doch schade, jetzt aufzuhören, nicht wahr? Wo wir doch nun schon so weit gekommen sind … Und die Lehrerin sei doch so überaus nett und gäbe sich doch schrecklich viel Mühe! Was zweifellos stimmte.
Einmal wöchentlich fand der Kurs statt, nur in den Schulferien nicht. Mit Hausaufgaben und Vokabellernen. Wie früher in der Schule und auf diesen kleinen unbequemen Stühlen, bei denen man sich immer fragte, wie halten das die Kinder nur den ganzen Tag aus?
Auch beliebt als Zeitvertrieb für den geistig beweglichen Rentner: Literatur, Literatur! Eben für den intellektuell ambitionierten Best-Ager. An jeder Ecke, zu jeder Uhrzeit - jedenfalls hier in dieser Stadt - fanden sie statt: die Lesungen, Rezitationen und Buchvorstellungen. Manchmal mit musikalischer Begleitung.
Ein Meer von weißhaarigen, grau melierten oder kahlen Häuptern wogte vor dem Rednerpult und gab sich ein Stelldichein. Immer wieder aufs Neue. Nun ja - manchmal war es nun nicht gerade ein wogendes Meer von Häuptern, sondern eher ein Meer, in dem gerade Ebbe herrschte - mit vielleicht noch ein wenig Wasser in den Prielen. Aber immer war es überwiegend alt - das Publikum.
Und meistens bestand es aus Frauen, die da mit gefalteten Händen und mit einem bewegten, andächtigen Gesichtsausdruck saßen. Und manchmal beifällig lächelten, so als wenn sie sagen wollten: Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können!
Aber auch einige Männer waren da, die wohl irgendwie zu diesen Frauen dazugehörten. Männer, die einfach mal mitgekommen waren. Allein war es ja zu Hause eben auch eher blöd. Und hier gab es in der Regel auch etwas zu Trinken. Also etwas Alkoholisches. Manchmal sogar eine Kleinigkeit zu essen.
Und dass es sich um ein überwiegend älteres Publikum handelte, das stellte sich spätestens dann heraus, wenn mal hier, mal dort so ein Smartphone zirpte, schepperte oder röhrte und sich dabei Klingeltöne in ungeahnter Lautstärke Bahn brachen, die mit Sicherheit die lieben Enkel auf dem Smartphone eingerichtet hatten. Beliebt war hier insbesondere: „Highway to Hell“ wahrscheinlich mit entsprechenden Hintergedanken der mit dem Erbe Bedachten …
Wobei dann unmittelbar nach dem Aufflammen dieses Furors eine Diskussion zwischen den Ehepaaren, manchmal auch zwischen den Umsitzenden, entbrannte, warum in drei Teufelsnamen gerade hier und jetzt der Flugmodus bei diesem Gerät zu aktivieren sei, wenn man doch hier in einem geschlossenen Raum saß, der nun gewiss nicht fliegen könne. Mal abgesehen von der Frage, wie denn das zu bewerkstelligen sei. Hier halfen dann regelmäßig die Nachbarn, wobei es schon mal zu Kolloquien kam, die gehörig Zeit beanspruchten, bis es zu einer praktikablen Lösung des Problems kam.
Anders hatte sich schon lange die Frage gestellt, warum die Alten, also die wirklich Alten, so aufwändige Geräte mit sich herumschleppten. Selten wurden sie angerufen oder telefonierten selbst damit. Nein, sicher war es deswegen - so mutmaßte Anders, um sie orten zu können, wenn sie mal verloren gehen sollten.
So war es bei diesen Lesungen fast immer und für Anders stellte sich darauf die Frage, wozu man Literatur denn nun wirklich brauche … und ob überhaupt.
Denn eigentlich war doch alles bereits mehrfach gesagt und geschrieben worden. Ohne dass es die Menschheit - jedenfalls die aktuelle Ausgabe - wesentlich in Sachen zivilisiertem Zusammenleben und geistig-moralischer Entwicklung in den letzten Jahrzehnten irgendwie vorangebracht hatte.
Er hatte in Sachen „Literaturlesungen“ allerdings schon früh die Reißleine gezogen. Nein, Lesungen waren seine Sache nicht. Und nach dem zweiten von Angelika verordneten Besuch einer solchen Veranstaltung im örtlichen Buch-Café, in dem es wie in der Cafeteria eines Altenheims roch, einen starken Widerwillen gegen alle Arten von Literaturdarbietungen artikuliert. Und welcher sich bei Anders - so hatte er herausgefunden - leider in krampfartigen Hustenanfällen Bahn brach.
„Und das helfe ja nun auch keinem - nicht wahr?“ raunte Anders seiner Frau zu, als sie sich an einem frühen, dazu noch nasskalten Mittwochabend zu einer Lesung eben in jenem Buch-Café eingefunden hatten.
Um das zu belegen, hustete er mehrfach heftig, verdrehte dabei die Augen, schnäuzte sich dann umständlich und löste hiermit ein heftiges Getuschel und Gezische des Publikums aus.
Vielleicht hatte der aufkeimende Widerstand von Anders gegen die öffentlich dargestellte Welt der Literatur auch daran gelegen, dass in der letzten Veranstaltung, die sie noch gemeinsam besucht hatten, ein Werk eines Literaten vorgestellt worden war, das an Düsternis - so der weißhaarige Rezensent - nicht mehr zu überbieten sei. Schon allein die Dichte von Düsternis gebiete es - so seine mit Nachdruck gegebene Empfehlung, dieses Werk zu lesen - möglichst mehrfach, um all die unterschiedlichen Facetten der Abgründe der menschlichen Existenz zu würdigen - und anschließend diese Werk dann sorgsam in seinem Bücherschrank zu verwahren. Bei dieser Ankündigung ging ein Raunen durch das Publikum, das damit seine Befriedigung über die in Aussicht gestellten Auszüge des vorgestellten Grauens kundtat.
Und auch die übrigen auf dem Podium versammelten Literaturkritiker nickten beflissen und verwiesen auf ebenfalls düstere Romanerzeugnisse, die sie selbst gelesen hatten und welche allerdings jenem, soeben vorgestellten, wie sie übereinstimmend ausführten, nicht im Mindesten das Wasser reichen konnten.
Ein wohliger Schauer der Zuhörer und Zuhörerinnen - hauptsächlich waren es wieder einmal Zuhörerinnen - schien dabei durch den Saal zu wehen.
Die anschließende Leseprobe bestätigte das vorher Ausgeführte und Anders stellte sich die Frage, welchen Erkenntnisgewinn konnte denn einem derartigen Werk entspringen, der in Sachen Depression über den täglichen Konsum der Nachrichten im Fernsehen und von SPIEGEL ONLINE noch hinausführen konnte.
Ganz abgesehen von der Frage, ob es denn nicht wesentlich sinnvoller und schöner wäre, Erkenntnisgewinn mit lustvollen Erfahrungen zu kombinieren … oder gar durch diese zu erlangen! Jedenfalls in der letzten Lebenszeit, die noch bliebe … Dazu jedenfalls neigte Anders ganz entschieden. Ganz besonders, nachdem er sich die letzten Jahrzehnte, was die „Lust“ in ihren verschiedenste Spielarten betraf, sehr unterversorgt gesehen hatte.
Und hier in diesem Ambiente fühlte er sich plötzlich von den zur Schau gestellten Attitüden eines saturierten Bildungsbürgertums nur noch irritiert, wenn nicht sogar ein wenig abgestoßen und verließ anschließend wortlos den Ort der literarischen Offenbarung, wenngleich auch Angelika in ihn drang und wissen wollte, wie es ihm denn gefallen hätte und ob er nicht auch den scharfsinnigen Herr Soundso bewundere, der diesen fulminanten Düsternis-Almanach - wie sie sagte - vorgestellt hatte.
Nein, jenen bewundere er nun ganz und gar nicht und dieser ganze Kulturzirkus könne ihm ab sofort ganz gepflegt gestohlen bleiben! Das war Anders’ Kommentar zu diesem Abend und hinterließ bei seiner Frau das Gefühl, dass der Wunsch nach einem gemeinsamen Streben und Erleben nicht immer in Erfüllung ging. Was auch unsagbar schade war ….
Seitdem war Geli - also Angelika - auf den weiten Auen der Literaturlesungen allein unterwegs, nicht ohne jedes Mal spitz über die Schulter zu rufen, er werde ja schon sehen, was er davon habe, wenn er nicht mitkäme. Es wäre doch so schön und übrigens auch aus ehehygienischen Gründen wünschenswert, wenn sie gemeinsame Themen kultivieren würden! Oder etwa nicht? Sie verstehe einfach nicht, wie er sich da verschließen könne!
Dann klappte die Tür und seine Angetraute kam bei diesen Gelegenheiten oft erst sehr spät abends wieder heim. Manchmal war es auch gar erst am frühen Morgen gewesen. Anders wollte hier nichts Genaueres wissen und enthielt sich geflissentlich der Frage, wie es denn gewesen sei.
Anders gewann gerade bei diesen Gelegenheiten immer stärker das Gefühl, dass das Leben mit zunehmender Geschwindigkeit an ihm vorbeizog und er sich unbedingt um ein neues, für ihn faszinierendes Lebensthema kümmern müsse. Und das sehr dringend, denn schließlich: Wer wusste denn schon, wie viel Zeit einem noch bliebe - ihm noch bliebe? Also auf zum Lachyoga! Oder vielleicht doch nicht?
Die nächsten Tage verbrachte Anders in einem leicht nervösen Zustand, den er mit Gartenarbeit zu besänftigen suchte. Allerdings war das Wetter schlecht - weiterhin unangenehm nasskalt - und es blieb ihm nur, Blätter im Garten zu rechen, die allerdings in noch größeren Mengen, als er beiseite schaffen konnte, von den Bäumen regneten.
Seine emsigen Bemühungen, wenigstens einen seiner alten Kumpels, die er allerdings in den letzten Jahren stark vernachlässigt hatte, als moralische Verstärkung und zur eigenen Stabilisierung zu einer Teilnahme bei diesem Lachseminar zu bewegen, schlugen fehl.
Man bedeutete ihm unisono, lieber in Ruhe eine Flasche Wein zu trinken - oder auch zwei, anstatt sich so einer zweifelhaften Veranstaltung auszusetzen.
Lachyoga … nur sehr merkwürdige Charaktere würden sich auf so etwas einlassen, das war der allgemeine Tenor.
Doch Anders konnte nicht anders: Es kribbelte ihm die ganze Zeit in den Fingern und er griff am Tage des Anmeldeschlusses zum Telefon und buchte einen Platz in diesem Lachyoga-Seminar.
Der Termin sollte am zweiten Advent sein und das Seminar würde sicher stattfinden. Das Interesse sei groß, wurde ihm mitgeteilt. Mehr noch: Er könne sich glücklich schätzen, hiermit einen Platz erhalten zu haben. Die wenig sympathische Stimme am anderen Ende der Leitung - sie erinnerte Anders an das Geräusch, wie es entsteht, wenn man mit einer Stahlbürste Rost von einem Eisenträger entfernt - sprach dabei mit einem Impetus, einem Sendungsbewusstsein für jene beworbene Lachkultur, welcher Anders eigentlich abschreckte. Dennoch beschloss er, diesen Impuls zu ignorieren. Vielleicht ein Fehler?
Beim Abendessen - heute saßen sie dazu in der Küche - erzählte er Angelika davon, dass er sich nun doch zu dem Wochenendseminar angemeldet habe. Also zu dem Lachyoga, sie wisse schon … worüber er neulich schon mit ihr gesprochen habe.
Und fügte an: „Du erinnerst dich doch?“
Was insofern sehr ungeschickt war, da diese Formulierung ja implizit die Möglichkeit des Vergessens enthielt, welches Angelika für sich immer schon als das große, weit offen stehende Scheunentor zur Debilität und Demenz angesehen hatte.
Sie zog missgelaunt die Stirn in Falten:
„Ich weiß, das Lachyoga. Dein neues Steckenpferd, nicht war? Bei dem du so gern mal die Kontrolle verlierst und dich auf dem Teppichboden wälzt. Richtig?“
Sie fand immer den einen wunden Punkt, den sie einem dann genüsslich unter die Nase rieb, dachte Anders und sackte leicht in sich zusammen. Und bevor ihm eine angemessene Replik einfiel, da fuhr sie schon fort:
„Du weißt schon, dass wir an diesem Wochenende bei Chris und Barbara eingeladen sind?“
Anders zuckte innerlich zusammen, gleichzeitig jedoch regte sich bei ihm Widerstand.
„Dann kann ich eben nicht! Ich kann doch auch mal was vorhaben! Zu Chris und Barbara können wir immer gehen, die haben selten was vor. Hast du jedenfalls früher bei ähnlichen Gelegenheiten gesagt.“
Das sprudelte nur so aus ihm heraus, so wie ein mittlerer Wasserrohrbruch. Und zudem hatte er das sehr spontan erwidert, fast schon geschrien, sodass er sich in Folge erst einmal kräftig an seinem Bissen Käsebrot verschluckte. Ein entsprechender Hustenanfall war die Folge. Und es dauerte eine Weile, bis er - mehr röchelnd und mit rotem Kopf - weiter sprechen konnte:
„Also kann man den Termin auch verschieben. Machst du doch sonst auch gern mal.“
Anders wähnte sich aus dem Schneider und legte nach:
„Oder du gehst allein, geht doch auch …“
„Und was soll ich denen erzählen, warum du nicht mitkommst? Soll ich sagen: Mein Mann ist jetzt auf dem Selbstfindungstrip und übt Lachen??? Oder wie?“
Angelikas Stimme wurde schrill.
„Wie stehe ich dann da? Sollen alle denken, du hättest das nötig, das mit deiner Selbstfindung? Deine Ehe mit mir, die reicht dir nicht mehr oder was?“
Aha, das war es also, dachte sich Anders.
„Wie stehe ich da?“ Die alles bestimmende Frage der letzten Jahrzehnte - ja, eigentlich seitdem er Geli kannte. Die Außenwirkung bei Freunden, Eltern und Kollegen, die so oft bestimmt hatte, wohin sie in Urlaub fuhren, wo sie Tanzkurse belegt hatten, und so weiter, und so weiter. Und nicht zuletzt: Warum er auch Karriere gemacht hatte. Also wenn man denn von einer solchen sprechen konnte.
Immerhin: Zum Abteilungsleiter, zum Manager „Firmenkommunikation“ hatte es bei Anders gereicht, wobei allerdings Protektion im Freundeskreis - und natürlich waren es Freunde von Angelika gewesen - eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Und nicht zuletzt half ihm auch seine erfreuliche optische Erscheinung, sein zudem einnehmendes Wesen, sodass man ihn - Anders - immer wieder gern mit mehr repräsentativen Aufgaben im Konzern betraute und sich dabei sicher sein konnte, dass er nicht nur die richtigen Worte, sondern auch die richtigen Lokale für die Kunden finden würde, in denen dann die eigentlichen Deals oder sonstige schwierige Verhandlungen in angenehmer Atmosphäre durch seine Chefs abgewickelt werden konnten. So hatte man schon manche Kuh vom Eis holen können …
Die Rolle eines Frühstücksdirektors schien ihm auf den Leib geschnitten zu sein! Anders hätte zwar seine Aufgabe nicht gern so bezeichnet, war aber eigentlich sehr mit ihr einverstanden. Er erging sich nicht nur klaglos in ihr, sondern füllte sie begeistert - dabei in erster Linie von sich begeistert - aus.
Sein Standing, sein Auftreten war dabei allerdings größtenteils Angelikas Werk, die fast jeden Morgen als moderne Kammerzofe gewirkt und peinlich darauf geachtet hatte, dass Anders in Optik und Ausstrahlung als der Prototyp des alerten Businessman schlechthin das Haus verließ, so in seinem Büro auftrat und genauso nach getaner Arbeit wieder zurückkehrte. Schließlich war ja auch immer mit den Blicken der Nachbarn zu rechnen. Was hätte die zu einem - womöglich noch in einem zerknitterten Anzug - daher schlurfenden Manager gesagt?!
Und darauf war sie sehr stolz gewesen!
Dass ihr Anders damit solch großartigen Erfolg hatte, dass sein Outfit und sein smartes Erscheinungsbild immer über jede Kritik erhaben waren. Es passte immer alles zusammen: Die Gürtelfarbe folgte den Schuhen! Oder umgekehrt. Die Krawatte dann jeweils entsprechend des Anlasses und nie übertrieben sowie Hemden - meist im klassischen Schnitt - nur mit Manschettenknöpfen. Hemden ohne Manschettenknöpfe? Das war schlechterdings unmöglich!
Auf ihren Geschmack war Verlass und ein nicht unbeträchtlicher Teil des Einkommens wurde so in Garderobe investiert - natürlich auch in die ihre. Denn schließlich hatte auch sie gelegentliche Repräsentationsaufgaben. Und nach ihrem Geschmack hätten es auch gern mehr sein können. Auch jetzt noch, da die Berufstätigkeit Geschichte war, hätte ihr etwas Repräsentation schon gefallen.
Auch jetzt noch stand sie morgens in höchster Konzentration vor Anders’ Kleiderschrank, um den Anforderungen des Tages die entsprechende, angemessene Garderobe bereit zu legen. Und selbstverständlich fanden sich in dieser weder ausgeleierte Unterwäsche, Hemden mit fragwürdigen, durchgewetzten Krägen oder gar ausgebeulte Oberbekleidung.
Und mit Gelis' Wäscheritual war auch immer schon festgelegt, ob es heute in den Garten, in die Stadt oder zum Wandern gehen würde. Denn der Wochenplan war ebenfalls ihr Werk, das hatte sich bewährt im Laufe der Jahrzehnte. Warum sollte man das dann ändern?
Doch anders als sonst hatte ihr Gatte heute seinen Dickkopf. Nein, heute war er keineswegs zur Unterordnung geneigt. Statt dessen rauschte ein Adrenalinsturzbach durch seine Adern. Für Anders ein ungewohntes Gefühl. Er räusperte sich umständlich, um auch noch die letzten Brotkrümel aus den hintersten Winkeln seiner Kehle zu locken und erwiderte:
„Sag, ich habe ein Handballturnier. Bei den Alten Herren, also den ganz Alten.“
Dazu grinste er überlegen.
Anstehende Handballturniere waren schon seit jeher ein Synonym bei ihnen dafür gewesen, schlicht keine Lust zu haben, privaten Einladungen oder sonstigen Verpflichtungen zu folgen. Und diese Vorliebe war bei den beiden eine Zeitlang recht ausgeprägt gewesen.
Eigentlich am ausgeprägtesten bei ihm - Anders. Angelika wäre da schon hingegangen und hätte sich wahrscheinlich sogar recht gut unterhalten. Sie konnte das: Auch aus den lästigen Pflichten einen persönlichen Gewinn ziehen.
Im Kreise der Verwandten galt Anders demzufolge eine Zeit lang als regelrechte Sportskanone, als jemand, der es im Handball noch weit bringen würde. Allerdings ließ sich die Handballstory dann doch nicht auf Dauer aufrecht erhalten und es gab als Ergebnis dessen innerhalb der Verwandtschaft schnell aufgebrachtes Blut. Die beiden wurden eine Zeitlang geschnitten und überhaupt nicht mehr zu Familientreffen eingeladen. Was sie dann doch ein wenig traf.
Aber heute: Anders hatte einfach keine Lust mehr, diese Diskussion fortzuführen. Ihn selbst wunderte es, mit welcher Wucht sich plötzlich der Widerwille gegen irgendwelche Kompromisse und implizite Konventionen Bahn brach. Er würde an dem Seminar teilnehmen! Basta! Das war ihm jetzt wichtig. Ganz unglaublich wichtig!
Chris und Barbara, ihr gemeinsamer Samstagabend waren ihm nun gerade mal wurscht. So einfach!
Sonst war er ja auch immer konziliant, wenn es um Angelikas Themen ging. Machte eigentlich immer und überall gut gelaunt mit. Also bis auf die Literaturveranstaltungen. Bei denen nicht mehr. Aber im Allgemeinen hielt er sich für äußerst kompromissbereit. War es nicht die ganzen letzten Jahrzehnte so gewesen?
Anders erhob sich vom Küchentisch, setzte sein Fernsehgesicht „Ich will jetzt nicht gestört werden!“ auf, wechselte ins Wohnzimmer und schaltete das Gerät ein. Ein klares Zeichen, dass die Diskussion beendet war. Jedenfalls für ihn.
Geli hingegen ließ ihn deutlich spüren, dass sie das ganz anders sah. Sie klapperte treppauf und treppab, schlug mit den Türen, ließ sich dort oben im Badezimmer im ersten Stock ein Bad ein, stellte dazu laute Musik an, sang falsch aber intensiv dazu und veranstaltete im ganzen Haus ein lebhaftes Hin und Her, sodass für Anders an einen entspannten Fernsehabend nicht zu denken war.
Er wusste: Die nächsten Tage und Wochen würden schwierig werden …
Das Wochenendseminar lag nun in Sichtweite und bedrohlich - wenn auch unausgesprochenermaßen - über dem Familienfrieden, als Geli ihrem Anders beim Frühstück am Montag nach dem ersten Advent und somit vier Tage vor dem Wochenendseminar eröffnete, dass sich für sie am kommenden Wochenende - und damit dem des Lachyoga-Seminars - eine einmalige Occasion für sie aufgetan habe! Die Occasion - sie benutzte diesen Ausdruck zweimal hintereinander - mit einer Freundin - die er übrigens bestimmt nicht kennen würde, nein ganz gewiss nicht - und damit zog sie dramatisch ihre Augenbrauen in die Höhe - in ein Wellness-Hotel im Salzburger Land zu fahren!
Die letzten Wochen hätten ihr nervlich unsäglich zugesetzt! Das müsse er doch verstehen und das sähe er doch hoffentlich selbst, wie ausgelaugt sie sei. Oder etwa nicht?
Und vor allen Dingen: Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sei es dort doch so unglaublich entspannend und zudem noch preiswert …
Und sie müsse einfach unbedingt Kraft tanken für die nächsten Wochen! Ganz klar, sie fühle sich mehr als erschöpft! Einfach nur grässlich!
Er habe doch nichts dagegen, dass sie schon zugesagt hätte? Schließlich sei er doch auch verplant, nicht wahr?
Anders verstand zuerst nicht, worum es da gehen sollte. Und dass seine Geli erschöpft sei? Das war ihm nun wirklich nicht aufgefallen. Hm … wovon denn eigentlich?
Dann stieß ihm unangenehm auf, dass Angelika das Wort „Occasion“ so näselnd aussprach. „Occasion, Occasion“ …
Den Rest der Nachricht, nein, die eigentliche Information, dass seine Frau einmal wieder eigene Wege beschreiten wollte, um ihm eins auszuwischen, die hatte er gar nicht richtig erfasst.
Aber immerhin hatte er das Kauen seines Honigbrötchens eingestellt.
Geli lächelte - vielleicht ein wenig herablassend, weil ihr Anders jetzt nur dümmlich schaute, anstatt - wie sie befürchtet hatte, - zu insistieren, wer denn diese Dame, die so plötzlich aufgetauchte Freundin, sei. Denn schließlich hatte er doch eigentlich bisher einen recht guten Überblick darüber gehabt, was die Sozialkontakte seiner Frau anging.
Aber von ihrem Mann kam weiter nichts …
Das veranlasste sie, gleich noch nachzusetzen:
„Und bitte sage doch bei Chris und Barbara gleich heute noch ab! Nicht, dass das schief geht und sie mit uns rechnen.“
Nun drückte ihr Lächeln auch noch etwas Triumphierendes aus. Ehe Anders reagieren konnte, stand sie vom Frühstückstisch auf und rauschte aus dem Zimmer.
„Schatz - ich muss! Bis heute Abend!“
Das war mehr über die Schulter gesprochen. Sie winkte kurz mit einem abgewinkelten Arm. So, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. Die Haustür klappte.
„Was muss sie? Und das den ganzen Tag?“ das fragte sich Anders, als er den Tisch abräumte. In seine stille Frage schlich sich eine leichte Sorge ein.
TO LAUGH OR NOT TO LAUGH
Wenn man Anders gefragt hätte: „Wie war es denn nun, dein Wochenende bei den Lachyogis?“ - er hätte keine sinnvolle Antwort geben können.
Aber es fragte später auch niemand. Angelika nicht, nachdem sie mit verhangenen Augen und nicht in bester Laune von ihrem Wellnesswochenende mit dieser unbekannten Freundin zurückgekehrt war. Und seine Kumpels, die er inzwischen ja nur noch selten sah und sprach, die fragten auch nicht. Und von sich aus erzählte er nichts. Schon aus Prinzip nicht! Das wäre ja noch schöner, wenn sich offensichtlich niemand für ihn interessierte …
Aber Anders hatte sich irgendwie verändert, die Lacherfahrungen - jedenfalls die misslungenen Bemühungen und was weiter daraus folgte, hatten ihn verändert, auch wenn er das nicht wahr haben wollte.
Am Samstagmorgen um zehn Uhr hatte der ganze Spuk begonnen. Anders hatte zunächst gar nicht aufstehen wollen und sich bereits am Abend vorher eine Menge Begründungen ausgedacht, warum das alles - also das mit dem Seminar - ein ausgemachter Unfug war. Und dass das gar nichts - aber auch gar nichts! - bringen würde! Das lag ja auf der Hand!
Aber hatte er das nicht eigentlich schon bei der Anmeldung gewusst? Es war doch so gewesen! Oder? Eigentlich hatte er sich doch nur aus dem Impuls der Opposition gegen seine Angelika angemeldet. Es ihr mal zeigen wollen, dass auch er einen eigenen Wille hätte, der zu respektieren sei!
Aber irgendwie hatte er sich dann doch in diesem miefigen, dunklen Seminarraum der Stadtmission eingefunden. Um fünf vor zehn am Samstagvormittag vor dem zweiten Advent. Und sogar gefrühstückt hatte er bereits.
Ja, das mit dem Lachyoga, das musste nun durchgezogen werden. Ganz klar. Sonst bliebe ja ständig das Gefühl, etwas verpasst zu haben, gekniffen zu haben.
Und hinterher würde er dann ja sehen … Er war mit sich soweit ganz zufrieden. Jedenfalls auf dem Hinweg.
Allerdings hatte sich seine Stimmung merklich eingetrübt, als er die anderen Adepten des Lachyogas in Augenschein nahm. Zum Teil waren wunderliche Gestalten darunter, anders waren manche der Teilnehmer um ihn herum wirklich nicht zu bezeichnen. Ausgemergelte Rohköstler - wie er vermutete - und verdruckste Endvierziger, denen gemeinsam war, dass sie jeglichem Augenkontakt und auch sonstigem Kontakt auswichen. Die es aber in ihrem Leben bestimmt noch mal richtig wissen, noch mal durchstarten wollten.
Und es gab zwei offensichtlich nach dem Lebenssinn suchende Studentinnen. Jene, die ständig miteinander tuschelten, dabei verhalten gestikulierten und sich ununterbrochen gegenseitig zu bestätigen schienen. Die Begriffe „Hesse“ und „Reformbewegung“ waren leise zu vernehmen gewesen. Und „volle Lebensenergie“. Aber sie sahen leider nicht besonders gut aus, wie Anders fand. Sonst wäre er sicher irgendwie mit ihnen in Kontakt getreten …
Und schließlich - das war für Anders hier und heute der absolute GAU - saß da seine ehemalige Mitarbeiterin, seine persönliche Sekretärin Frau Hedwig Mergenthaler! Eben jene Dame, mit der er von Anfang an ihrer früheren beruflichen Zwangsgemeinschaft nicht gekonnt hatte, wie man so sagte. Auch später nicht - und sicher auch in Zukunft nie können würde. Mit der er ständig über Kreuz gelegen und die er auch während der letzten zehn Jahre seines beruflichen Wirkens nicht aus seiner Abteilung los geworden war, sie nicht hatte hinauskomplimentieren können. An die Buchhaltung - Abteilung Kreditoren - beispielsweise. Da hätte sie bestens hingepasst.
Er vermutete, das Geli dahinter gesteckt hatte. Nach dem Motto: Führet den Herrn Müller - also ihren Mann - nicht in Versuchung! Denn Beispielsweise mit einer jungen, gut aussehenden, stets beflissenen Teamassistentin. Geli hatte immer nur still vor sich hin gelächelt, wenn Anders ihr von den unmöglichen, völlig unprofessionellen Auftritten seiner Sekretärin, eben jener Frau Hedwig Mergenthaler und dem ihm daraus entstandenen Ärger berichtet hatte. Den selbstverständlich er dann hatte ausbaden müssen! Jedes Mal!
Und jene Frau Mergenthaler, die saß jetzt hier im Seminarraum - mit ihrem runden Gesicht, den roten Apfelbäckchen, ihren Hasenzähnen und mit einem verblichenen, ehemals rosafarbigen Jogginganzug bekleidet, der ihr mindestens eine Nummer zu klein war. Dufttechnisch hatte sie sich mit einem in der Fernsehwerbung angesagten Weichspüler umgeben, was ihr ein Odeur von jugendlicher Frische geben sollte.
Und eben jene Frau Mergenthaler lächelte ihn nun an und klopfte auf den leeren Stuhl neben sich, der nach ihrer Meinung förmlich danach winselte, dass Anders dort Platz nahm.
Der jedoch beschloss, heute unhöflich zu sein und setzte sich ihr gegenüber. Dort gab es ebenfalls noch freie Stühle.
Dummerweise - aber das erkannte Anders zu spät - waren es drei nebeneinanderliegende freie Plätze, was eine Frau Mergenthaler augenblicklich dazu bewog, auf ihn zuzuwieseln und sich triumphierend lächelnd neben ihn zu setzen. Sie war schon immer ziemlich distanzlos gewesen. Eines ihrer Markenzeichen.
„Was für ein Überraschung! Sie hier, Herr Müller! Nein, ich glaub das ja nicht!! Wie geht es Ihnen denn so als Rentner?“
Nachdem das Auditorium bisher nur still - teilweise mit sorgenvoller Miene - vor sich hingeblickt oder bestenfalls - wie jene jungen Damen - getuschelt hatte, war der Auftritt von Frau Mergenthaler natürlich eine Sensation für alle anderen Teilnehmer. Eine willkommener Anlass für die meisten, sich von den eigenen Befürchtungen, was diese Veranstaltung anlangte, abzulenken.
Sie reckten die Hälse und betrachteten neugierig dieses zumindest optisch ungleiche Paar: Hier Anders - leger aber teuer gekleidet und dort daneben diese eigenartige Frau, die diesen charmanten Mann, der wie ein Fremdkörper aus der versammelten Gruppe herausstieß, so gut zu kennen schien.
Für Anders hingegen war die Anrede der Frau Mergenthaler eine Breitseite, ein direkter Angriff auf seine Person, ein für ihn lange nicht mehr aufgetretener Affront. Er war zunächst einmal sprachlos, was früher selten der Fall gewesen war. Aber er war ja auch ein wenig aus der Übung nach den beiden Jahren Ruhestand.
Er, der Herr Müller - Abteilungsleiter eines internationalen Unternehmens (wenn auch jetzt im Ruhestand) und der Vorgesetzte einer Frau Mergenthaler, Sekretärin. So waren die Verhältnisse gewesen! Und jetzt - hier? Was hatte die Mergenthalerin da zum Besten gegeben? „Sie als Rentner - auch hier?“ So, so. Und „Wie ginge es ihm denn so - als RENTNER?“ Machte man das inzwischen so? Stellte man einem Vorgesetzten solche, jegliche Autorität untergrabende Fragen?
Hinzu kam - aber hatte sich Anders einfach noch nie eingestehen wollen: Sein Nachname „Müller“, der war ihm in seinem profanen Wesen, in seiner weitläufigen Unbestimmtheit immer schon als der größte Schwachoder Angriffspunkt seiner Existenz erschienen.
„Müller“- bestenfalls ein Sammelbegriff. Keineswegs aber ein angemessener Name für einen so gewichtigen, bedeutenden Mitarbeiter eines namhaften Konzerns.
Allerdings - das war auch wahr: Zu einem „Doktor“, der die Trivialität seines Nachnamens deutlich gemildert hätte, hatte es leider auch nie gereicht. Sich diesen unübersichtlichen Mühen einer Doktoranwartschaft zu unterziehen, das hatte Anders nie gereizt. Das war ihm viel zu anstrengend gewesen.
Anders sah nun das Feixen in der Mehrheit der Gesichter hier im Raum und konnte sich lebhaft vorstellen, was da gerade hinter den dunklen Stirnfassaden an Dialogen tobte …
Er fühlte das dringende Bedürfnis, sich sofort aus diesem Seminarraum zu entfernen und nie, nie mehr hierher zurückzukommen. Und vor allen Dingen niemals mehr dieser Frau Mergenthaler zu begegnen, mit ihr einen Raum zu teilen, die gleiche Luft atmen zu müssen. Zehn Jahre der Zwangsgemeinschaft mit Frau Mergenthaler im Büro waren genug!
Diese Emotionen führten in seinem Hirn fröhliche Urstände auf, als sich die Tür öffnete und die Leiterin dieser unübersichtlichen Veranstaltung, Frau Selig, eintrat.
Jene schien ihren Namen zu Recht zu tragen. Sie strahlte eine gewisse, aber auch irgendwie merkwürdige Entrücktheit aus, die sofort Anders aus dem Fokus des Auditoriums nahm, nachdem sie eine eigentümliche Atmosphäre in den Raum getragen hatte: Eine Mischung aus Freude aufs Christkind und Vergabe der Versetzungszeugnisse.
Anders meinte, ein olfaktorisches Gemenge aus Rosmarin, Weihrauch und der Rauch von Mentholzigaretten würde den Raum durchwehen.
Frau Selig setzte sich mit einem leisen Ächzen auf einen noch freien Stuhl, der dies ebenfalls mit einem Ächzen kommentierte, und schaute hinter einem sie umgebenden Vorhang, einem überdimensionalen Kopftuch, das große Teile ihres Gesichts verbarg, in die Runde. Das Getuschel der Teilnehmer verstummte augenblicklich und auch Frau Mergenthaler gab glücklicherweise nun den hartnäckigen wie unseligen Versuch auf, Anders weiter in ein Gespräch zu verwickeln. Aber sie konnte sich nicht eines verschwörerischen Blickes auf Anders enthalten und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.
Darauf hatte sie wohl Jahre gewartet: Dem ehemaligen Chef mal so kräftig in die Rippen zu boxen, dachte der erbost.
„Ich sehe bekannte Gesichter“ versuchte die Kursleiterin zu flöten, was bei ihr als offenkundige Raucherin - ein rasselndes Räuspern leitete jeden neuen Satz ein - eine kaum zu bewältigende Herausforderung war. Es war übrigens die Stimme, die ihm - Anders - am Telefon beschieden hatte, er könne sich glücklich schätzen, an dieser Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Diese Stimme entwand sich aus einem breiten Mund in einem Gesicht, das im Wesentlichen unter dem weiten zeltartigen Vorhang verborgen war, ähnlich jenem der muslimischen Frauen, die Anders seit einiger Zeit vermehrt in den Straßen der Stadt wahrnahm.
Allerdings war dieser Umhang nicht schwarz oder dunkel gehalten, sondern grell bunt und erinnerte damit weitläufig an ein Klatschmohnfeld in der Toskana.
Aber - war das nun beabsichtigt oder nicht - damit reduzierte sich Frau Selig jedenfalls für Anders nur noch auf ihren breiten Mund, der hinter dem Vorhang hervorlugte, die heisere Stimme und den eigenartigen Geruch, den sie mit in den Raum gebracht hatte.
Und deren Gesamtkomposition von Sinneseindrücken Anders spontan zu der Frage brachte: „Was zum Teufel tue ich hier?“
Doch der bunte Umhang redete weiter und forderte nun weiter seine Aufmerksamkeit. Leider, wie Anders jetzt feststellen musste.
„Nun ich habe hier die Anmeldeliste - und da steht ein Herr Müller drauf.“
Frau Selig schnaubte, sodass sich der Vorhang leicht in den Raum wölbte und musterte die männlichen Anwesenden, von denen es insgesamt ohnehin nur fünf gab. Die Damen waren in einer massiven Überzahl.
„Sind Sie da, Herr Müller?“
Es war eigentlich vorhersehbar, dass Frau Mergenthaler nun aufgellte:
„Ja, hier sitzt er! Hier neben mir! Das ist Herr Müller!“
Und sie zeigte stolz auf ihn, als ob er ein seltenes Tier sei, das sie soeben entdeckt hätte und sogleich der Weltpresse präsentieren würde.
„Ach ja, der Herr Müller.“ Der Umhang räusperte sich wieder. „Die Kursgebühr wäre noch offen. Ob Sie so freundlich wären, diese in der nächsten Pause zu begleichen?“ raunte Frau Selig.
Frau Mergenthaler sah Anders von der Seite kurz etwas pikiert an, hob dann aber ihre Stimme. Anders war erstaunt, über welch kräftiges Volumen Frau Mergenthaler plötzlich verfügte. Dann sie rief mit diesem ihrem durchdringenden Organ - und dies im Bewusstsein als seine stets aufopferungsbereite Ex-Sekretärin:
„Das muss ein Irrtum sein! Herr Müller ist immer sehr korrekt gewesen - übrigens in allen seinen Angelegenheiten. Wir klären das! Kein Problem!“ Damit schob sie ihre Unterlippe vor, warf ihren Kopf leicht in den Nacken, tätschelte Anders den Unterarm und bekräftigte leise, mit einem warmherzigen Ton in der Stimme und nur zu ihm gesprochen, obwohl die andern Teilnehmer gierig an ihren Lippen hingen:
„Wir regeln das - keine Sorge! So wie früher - nicht wahr? Da haben wir doch auch immer alles gemeinsam geregelt!“
Und sie zwinkerte ihm schelmisch zu.
Anders beschloss augenblicklich, seine neue Exit-Strategie zu wählen. Die darin bestand, so zu tun, als wenn er gar nicht da wäre. Als wenn es ihn gar nicht gäbe.
Darin hatte er inzwischen einige Übung, nachdem ihm für sein ultimatives künstliches Gebiss kürzlich alle noch vorhandenen Zähne extrahiert worden waren. Extrahiert? Welch grandioser Euphemismus! Er konnte sich keinen beschönigenderen Begriff vorstellen. Ausgegraben waren sie ihm worden, seine Zähne! Von einem schmächtigen Kieferchirurgen, dem der Schweiß auf der Stirn stand und der sich bei jedem Versuch, einen Zahn mit der Zange zu ziehen, aus seinen Gesundheitssandalen gehoben hatte. Fast hatte er in der Luft gezappelt. Wie an einem Reck. Nur dass es sich nicht um eine Reckstange gehandelt hatte, sondern um Anders Zähne, an den er seine Klimmzüge machte. Schließlich mussten die Molaren schlussendlich in mühseliger Kleinarbeit im Kiefer zerteilt werden und konnten dann nur in kleinen Bröckchen geborgen werden.
Anders hatte gefühlte Wochen im Behandlungsstuhl des von seinem Zahnarzt empfohlenen Kieferchirurgen verbracht und dabei im Laufe der vielen schrecklichen Behandlungen, begleitet mit Eimern von Schmerzmitteln, die ihm in seinen geschundenen Kiefer gepumpt worden waren, gelernt, seine Seele - oder was immer es war - auf Wanderschaft zu schicken, um nicht bei dieser Tortur anwesend zu sein und dadurch Schaden zu nehmen.
Diese Technik, sich geistig völlig aus dem eigenen Körper zu absentieren, die kam ihm nun hier und heute zugute. Jedenfalls wie er meinte. Und so blickte Anders jetzt unbestimmt ins Weite, ignorierte nach Kräften den vor sich hin raunenden bunten Umhang und auch Frau Mergenthaler, die heute wie aus dem Nichts erschienen war und offensichtlich Gefallen daran fand, endlich wieder einmal ihren Ex-Chef managen zu können, der dies in ihren Augen wohl auch dringend nötig zu haben schien.
Allerdings wurde ihm das erst später klar: Diese, seine Exit-Strategie verhinderte, dass er die für ihn wahrscheinlich einzig richtige Entscheidung treffen konnte, sofort diesen Raum auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Und so saß er da auf seinem Stuhl, mit dem Blick eines verstörten Kaninchens, dem Schicksal, dem raunenden Umhang und Frau Mergenthaler ausgeliefert, und wartete geduldig ab, was da kommen würde.
Bei der ersten Ankündigung des raunenden Vorhangs, nun solle man sich für den weiteren Verlauf der Seminars zu zweit zusammentun, durchfuhr es Anders mit einer Idee, wie er die Mergenthalerin abschütteln könne. Denn mit ihr sozusagen Tête-a-Tête die folgenden Übungen zu durchleben, erschien ihm schlicht unvorstellbar. Und so war er wie rasend aus dem Kursraum in Richtung der Toiletten gestürzt, um dort einige Zeit zu verharren. Solange, bis er meinte, die Paare hätten sich nun gefunden. Und er wusste dabei eines ganz sicher: Eine Frau Mergenthaler wollte unbedingt einen männlichen Partner. Aber der musste nicht zwangsläufig Anders Müller heißen, nein nicht unbedingt. Wer wusste schon, was sie sich davon versprach?
Dass seine Rechnung aufgegangen war, das sah er gleich, als er in den Raum zurückkehrte. Frau Mergenthaler hatte sich mit einem anderen Mann getröstet, indem sie sich sofort auf ihn gestürzt hatte, als sie merkte, dass Anders ihr entglitt.
Anders wollte die Gelegenheit nutzen, möglichst viel Raum zwischen Frau Mergenthaler und sich für den weiteren Verlauf der Veranstaltung zu bringen. Und das möglichst dauerhaft. Er zögerte beim Eintreten an der Tür und schaute sich um. Und so trafen sich seine Blicke mit denen einer Dame mittleren Alters, die ihm bisher noch gar nicht aufgefallen war und welche mit großen Augen, einer kleinen, zögernden aber einladenden Geste ihres rechten Armes und einem feinen Lächeln bedeutete, dass sie noch eines Partners bedürfe. Denn schließlich waren ja Partnerübungen anberaumt worden.
Anders durchquerte den Raum, in dem die Luft inzwischen zum Schneiden war und ließ sich in unmittelbarer Nähe jener Dame auf einer grünen Gymnastikmatte nieder, die dort im entrollten Zustand völlig enthemmt ihre Weichmacher ausdünstete.
Und so geriet Anders an Leonie Gänsmeyer als neue Partnerin. Jene hatte eine rätselhaft ätherische Ausstrahlung, daher war sie ihm wahrscheinlich zunächst nicht unter den Teilnehmerinnen aufgefallen. Mit ihren feinen Lachfalten, ihren großen blauen Augen sah sie für Anders überdies ganz apart aus.
Allerdings war auch sie nicht mehr so ganz jung und gemahnte in ihrer Ausstrahlung an eine spät erblühte Frühjahrsblume kurz vor den ersten herbstlichen Nachtfrösten. Und wie Frau Mergenthaler duftete sie nach Weichspüler, was bei Anders nicht unbedingt Beifall hervorrief, erinnerte es ihn doch an die ermüdenden, unendlichen Runden der Nordic-Walking-Gruppe, an denen er unlängst auf Geheiß seines Internisten hatte teilnehmen müssen.
Jene Frau Gänsmeyer, die sich zunächst mit einem schüchternen Lächeln als eine solche bei ihm vorgestellt hatte, wollte von Anders unbedingt „Leonie“ genannt werden, was für ihn bei einer späteren nachträglichen Reflexion zwangsläufig ebenfalls auf eine gewisse Distanzlosigkeit á la Mergenthaler hindeutete.
Allerdings hatte Anders auch seinerseits zu der anfänglichen Zutraulichkeit beigetragen, nachdem er seine neue Partnerin gleich zu Anfang ihres Zusammentreffens mit „Meine liebe Leonie“ angesprochen hatte. Was in deren Augen sofort ein beredtes Glimmen entfachte, welches Anders allerdings bereits zur Genüge kannte. Und welches ihm Angst machte. Denn diese Leonie Gänsmeyer war auf der Jagd - ganz eindeutig.
So versagte Anders ihr schnell und folgerichtig die vertrauliche Anrede für jedes weitere fortschreitende Stadium ihrer Zusammenarbeit - oder was immer das hier werden würde.
Aber immer noch freundlich lächelnd sprach er sie während ihrer folgenden, nur kurzen gemeinsamen Zeit - wie sich wenig später herausstellen sollte - ausschließlich als „Frau Gänsmeyer“ oder „Meine liebe Frau Gänsmeyer“ an.
Die saß wenig später ihm unmittelbar gegenüber, wie alle andern Paare auch, denn das war die auf Geheiß der Kursleiterin Selig verordnete Position für die folgenden Lachexerzitien. Welche Anders inzwischen eine große Pein bereitete, nachdem er seine Yogalaufbahn bereits vor einigen Jahren beendet hatte.
Doch Leonie schien der Schneidersitz keinerlei Probleme zu bereiten und sie strahlte Anders unentwegt an, als der zu einer einigermaßen angenehmen Sitzposition zu gelangen versuchte. Fesch sah sie in ihrem offensichtlich neuen Joggingsuit aus, das musste Anders zugestehen.
Aber leider währte der erfreuliche Anblick nicht lange, denn sie hatte nun - im fortgeschrittenen Stadium der ersten eigentlichen Lachübung - jegliche Contenance verloren, verzerrte ihr Gesicht auf das Schaurigste und bemühte sich mit aller Kraft um die Erzeugung der sogenannten Lachwelle, von welcher der Selig-Vorhang so eindrücklich als das Ziel der heutigen und auch sonst jeglicher Lachbemühungen verkündet hatte. Anders blickte in ihren weit aufgerissenen Mund, die geweiteten Nüstern und die aufgerissenen Augen seines Gegenübers. Leonie Gänsmeyer gab inzwischen laute, schrille, dabei aber unartikulierte Lachsalven von sich, welche allesamt sehr unecht klangen und die Anders durch ihre Künstlichkeit davon abhielten, in diesen gemeinschaftlichen Wahnsinn des Lachyogas mit einzutauchen.
Zuvor hatte es eine Reihe ermüdender und peinlicher körperlicher Übungen sowie Atemübungen gegeben, die für eine allgemeine Lockerheit in der Gruppe sorgen sollten, allerdings bei Anders das Gegenteil bewirkten. Er fühlte sich gestresst und weit weg von jedweder Fröhlichkeit und Energetisierung, so wie es versprochen worden war.
Und nun eben die Lachübungen, die sie zu zweit zu absolvieren hatten. Frau Gänsmeyer und Anders, zu denen es aufgrund ihres Wesens sicher besser gepasst hätte, gemeinsam in einem gepflegten Café eine Tasse Tee zu nehmen, als sich diesen nervenzerrüttenden Exerzitien zu unterziehen.
Überhaupt herrschte um sie herum ein großes Getöse: Anders hörte durchdringendes Prusten, das Keckern eines Eichelhähers, ohrenbetäubendes Wiehern und katatonisches Gemecker, das an eine Ziegenherde kurz vor dem Melken erinnerte. Und irgendjemand schien auch laut zu schluchzen. Aber es war Lachen. Oder sollte ein solches sein.
Das Schluchzen war übrigens das Gelächter der Frau Mergenthaler, die sich am anderen Ende des Raumes in katatonischen Zuckungen wand.
Dazwischen dröhnte die Stimme der Selig: Ja, die Lachwelle sei es, die ein lange anhaltendes Wohlbefinden und optimale, vollkommene Gesundheit bewirke! Die überdies natürlich auch Stress abbaue! Nicht zu knapp übrigens - das sowieso. Und davon hätte doch jeder mehr als genug - ja, nicht wahr?
Es folgte ein katatonisches Räuspern, das einem Angst und Bange werden ließ.
Und jetzt, so fuhr Mamsell Selig - so nannte Anders diese Person im Geiste inzwischen - fort: Also jetzt solle jeder den anderen dabei unterstützen, dieses Lacherlebnis zu haben, indem er ebenfalls auf Teufel komm raus lache! Lachen! Lachen! Einfach so, ohne Anlass! Es sei so einfach! Und jeder könne Gutes tun! Einfach durch sein Lachen!
Der Umhang zitterte vor Erregung und setzte seinen Ausführungen fort. Man stelle sich einmal vor: Ein G7-Gipfel …, wie er neulich erst stattgefunden hätte, und es würde dort anstatt nur gestritten einfach auch mal gelacht werden! Am besten regelmäßig nach jeder Verhandlungseinheit. Und vor jeder Beschlussfassung noch einmal!
Oder besser noch beim G-20 Gipfel! Merkel, Trump und Putin, vielleicht auch Erdogan! Wenn die - anstatt sauertöpfisch in die Kameras zu schauen - gemeinsam lachen würden! Wie unsagbar positiv würde sich das auf die Weltpolitik auswirken! Nicht auszumalen wäre das! Auch die ganzen Chaoten-Szene aus der Sternschanze da in Hamburg, der ganze Schwarze Block - also wenn die zum Lachyoga kommen würde. Na? Da würde keiner mehr von denen mit Steinen werfen und Autos anzünden! Und die Polizisten würden mit ihren Wasserwerfern in die Lüneburger Heide fahren und dort die Kartoffelfelder wässern anstatt Demonstranten aufs Korn zu nehmen. Ganz sicher! Keine Frage!
Also lachen, lachen, lachen! Und nicht aufgeben!
Der Umhang gab sich weiter stark euphorisch, soweit hustend und räuspernd möglich war.
Und dann ging es wieder los mit dem kollektiven Gewieher! Bei Anders hingegen stellte sich zunehmend ein Gefühl der Ratlosigkeit ein, je länger dieses Tohuwabohu um ihn herum andauerte und in seiner Lautstärke auch immer weiter zunahm.
Das bei ihm ständig im Hintergrund lauernde Gefühl, hier deplatziert zu sein, entwickelte sich nun in ihm zu einem kristallklaren Wissen. Völlig deplatziert! Selten hatte er ein derartig klares Gefühl zu etwas gehabt. Und niemals würde sich ihm die Lachwelle offenbaren, um die es hier gehen sollte. Seine persönliche Lachwelle? Albern!
Aber auch ein wenig tragisch …
Und dabei hatte er sich das Ganze doch so schön vorgestellt! Hemmungslos ablachen, das hätte er tun wollen, bis er völlig aus dem Häuschen war! Lachen, bis die Wände wackeln würden und der Arzt käme.
Aber - das war jetzt die traurige Wahrheit - es ging nichts bei ihm in dieser Richtung. Mehr aus Höflichkeit seiner Partnerin gegenüber hatte er ein paar trockene, eher krächzende Laute von sich gegeben, die auch nur mit einigem guten Willen als ein verkniffenes Lachen in der Nähe eines abklingenden Keuchhustens hätten durchgehen können. Aber Anders war klar, das Ganze hier war witzlos - jedenfalls für ihn und das im wahrsten Sinne des Wortes!
Wie unter Zwang erhob er sich, als sich Leonie Gänsmeyer auf die rechte Seite fallen ließ, um vielleicht dann doch noch auf diese Weise dem universalen Ziel, der Lachwelle - ihrer persönlichen Lachwelle - näher zu kommen.
Anders überkam plötzlich eine Welle der Scham, sich in einer derartigen, von jedweder Ästhetik befreiten Situation zu befinden. Und womöglich durch seine zweifelhaften Lachversuche, die auch bei ihm ein zwar saniertes aber eben nicht besonders hübsches, bereits leicht gelbliches Gebiss und eine wahrscheinlich belegte Zunge offenbarte, beizutragen.
Er erhob sich von der Gymnastikunterlage, verneigte sich förmlich vor Frau Gänsmeyer, so als wenn er sie zum Tanz auffordern wolle, packte schnell seine wenigen Utensilien zusammen und verließ zügig den Raum - dabei hoch erhobenen Hauptes starr zur Türe blickend. Um auch nicht mehr hierher zurückzukehren. Das letzte, was er wahrnahm, als er sich dann beim Verlassen des Raumes doch noch einmal kurz umdrehte, war der fragende Blick seiner Partnerin, die abrupt ihre Lachversuche eingestellt hatte und deren Gesichtszüge und der Blick, mit dem sie Anders bedachte, erzählten, dass sie verstanden hatte.
Dass wieder einmal einer ihrer Träume geplatzt war. Dass sie wieder einmal ihres Traummannes verlustig gegangen war.
AUFATMENUND EINKEHR
Nachdem Anders den Entschluss gefasst hatte, dass dieses Lachyoga nun nichts, rein gar nichts mit ihm zu tun hätte und nie mit ihm zu tun haben würde, da ging es ihm besser. Auch wenn dabei ein leises Bedauern mitschwang, dass es nun nichts geworden war mit den neuen Horizonten, einem neuen, einem ganz persönlichen Wagnis in seinem Leben. Denn damit hatte er ja dieses Seminar verbunden.
Rätselhafterweise schob sich noch immer wieder dieser unsägliche Spot „Bündnerfleisch“ aus dem „YouTube“-Kanal in sein Bewusstsein, der ihn atemlos und krampfend in die Knie gezwungen und ihm dennoch den Anklang eines Gefühls von unendlicher Energie, die ihm zur Verfügung stünde, beschert hatte.
Wenn er nur gewollt … und wenn er nur gewusst hätte, was damit anzufangen wäre. Und genau da lag wohl der Hase im Pfeffer begraben, wie er sich eingestehen musste.
Was würde er denn wohl mit soviel Lebensenergie anstellen? Und vor allem: Was würde seine Angelika dazu sagen? Die es ja nun bekanntermaßen übersichtlich liebte im Leben. Jedenfalls hatte sie ihm das über die Jahre und Jahrzehnte ihres Zusammenlebens hin so vermittelt.
Wobei ihm nun neuerdings Zweifel kamen. Große Zweifel, nachdem seine Frau in den letzten Wochen und Monaten inzwischen ein für ihn deutlich erkennbares Eigenleben führte. Eines, bei dem es keinen Anders zu geben schien. Und in dem er wahrscheinlich - jedenfalls mutmaßte er das - störte.
Und so schlenderte er nun durch die samstägliche Stadt, die sich kühl aber vorweihnachtlich präsentierte und gerade von Touristengruppen und den mehr oder weniger geliebten Nachbarn der näheren und weiteren Umgebung zum Weihnachtsshopping und Glühweinschlürfen auf dem Christkindlesmarkt geentert wurde.
Anders fand sich, nachdem er einige Zeit unbestimmt durch die Straßen geschlendert und ihm dabei kalt geworden war, im Café „Blattgoldrauschen“ wieder, welches auf seiner persönlichen Caféhaus-Hitliste recht weit oben stand.
Es nagte immer noch in ihm: Dieses Gefühl, mal wieder etwas verpasst zu haben. Nicht im richtigen Moment zugepackt zu haben!
Das hatte er in letzter Zeit öfter. Und das Gefühl fürchtete er. Ob es mit dem Alter zusammenhing, dieser schrägen Ebene, die man Lebenszeit nannte? Die vielleicht wenige Zeit, die noch ihm blieb?
Anders wählte einen Platz am Tisch vor dem großen Fenster zur Straße und hatte damit auch den Eingang des Cafés im Blick. Er brauchte jetzt den Überblick.
Mal klein anfangen. Caféhaus, das genügte erst einmal. Im Moment war noch nicht viel los, die Tische um ihn herum waren nicht besetzt, nur einige Kaffee trinkende Zeitungsleser bevölkerten den hinteren Teil des Raums, denn sie wußten ganz im Gegensatz zu Anders: Hier war es am wärmsten.
Die Bedienung, ein junges Mädchen Anfang 20 - eine Studentin, wie Anders mutmaßte - lehnte am Tresen, beschäftigte sich im Augenblick intensiv mit ihrem Smartphone und ignorierte dabei ihre Umgebung - vornehmlich also die Gäste - nach Kräften.
Dieses Verhalten würde signifikante Abzüge bei der Bemessung der Höhe des Trinkgeldes geben, ja zwangsläufig geben müssen, dachte Anders und begann sich zu ärgern. Schließlich saß er nun schon mindestens fünf Minuten an seinem Tisch und fror leicht vor sich hin, ohne dass diese junge Dame auch nur vom ihm Notiz genommen hätte.
Auch so ein Altersphänomen, das wurde ihm bewusst … Je älter, desto unsichtbarer wurde man für die jüngeren Generationen.
Ein unangenehmes Gefühl im Nacken beschlich ihn: War es nun soweit? Gehörte er nun auch dazu? Zur Herde der transparenten Alten? Zu denen, die nur noch in den Nachrichten bei der Verkündung von Rentenerhöhungen, der Aufdeckung von Pflegenotständen oder Zusatzbeiträgen zur Krankenversicherung in ihren beigen Windjacken mit Multifunktionstaschen auf Bänken im Park oder in einer Fußgängerzone gezeigt werden? Zu denen wollte er ja nun partout nicht gehören!
Aber wenn er nun doch dazu gehören würde - unfreiwillig, sozusagen im Rentnerstatus unter Protest - … würde da vielleicht ein Stock mit einem Silberknauf etwas ändern? Den besagten Unterschied machen? Oder ein unkonventionelles Outfit, so paradiesvogelmäßig? In langer Kutte und einem ausgefallenen Hut oder einer Kappe? Womöglich selbst gehäkelt oder gestrickt? Boshi-mäßig? oder vielleicht als Wiedergänger eines verblichenen Modezars - mit großer Sonnenbrille und dem grauen Haarschwanz - oder einer Pop-Ikone? So wie Udo Lindenblatt vielleicht?
Anders fröstelte stärker, denn da, wo er saß, da zog es und das große Glasfenster strahlte zudem eine unangenehme Kälte aus. Und keine weiteren Gäste waren in der Nähe, um mit ihrer Körpertemperatur dagegen anzuheizen. Zehn Gäste: Die wären schon mal ein Anfang gewesen, das wäre an Wärme soviel gewesen, wie ein kleiner Heizlüfter zustande brachte.
