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John Bark gilt in seiner Branche als einer der Besten und Härtesten. Fast jeder Auftrag endet erfolgreich. Mit eiserner Disziplin und eigenen Regeln verdient er sich als Bodyguard sein Geld. Unbestechlich und zielorientiert löst er scheinbar jedes Problem und jede Aufgabe. Er taucht wie ein Tiger aus dem Nichts auf, versetzt die Menschen in helle Aufruhr und verschwindet anschließend ebenso spurlos, als hätte es ihn nie gegeben. Doch er ist ein Einzelgänger und hadert unbewusst mit seiner tragischen Geschichte. Selbstzweifel an seiner Existenz nehmen zu und die Schatten der Vergangenheit kehren wie ein nicht enden wollendes Martyrium, immer wieder zurück. Die unvorhergesehene Begegnung mit der zauberhaften Michelle und ihrem klugen wie auch weisen Vater erweist sich als ein erster Wendepunkt in seinem bisherigen Leben. Längst verloren geglaubte Gefühle keimen langsam wieder in ihm auf. Diese Begegnung bleibt jedoch nur von kurzer Dauer, denn ein neuer Auftrag führt ihn vorerst nach Rom. Einer Fügung gleich, erweckt eine junge Frau auf dem Forum Romanum auf sonderbarer Weise Johns Aufmerksamkeit. Noemi besitzt eine geheimnisvolle und mysteriöse Anziehungskraft, welcher er sich kaum entziehen kann. Sie bleibt ihm jedoch gegenüber verschlossen und so ahnt John nichts von Noemis dunklem Vorleben. Sie beginnen sich zu nähern und fast scheint es, als würden sie gemeinsam ihrem Schicksal eine Wende geben können. Als in Rom ein weiteres Ereignis eskaliert, muss Noemi wiederholt fliehen. Ibiza erscheint zunächst als idealer und sicherer Zufluchtsort. Aber im Hintergrund bahnt sich schon längst unaufhaltsam eine Tragödie an und das Leben von Noemi ist in Gefahr. John versucht sie mit allen Mitteln zu schützen, doch dann begeht Noemi einen fatalen Fehler.
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Seitenzahl: 949
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die längste Zeit meines Lebens habe ich gewartet, doch niemand ist gekommen.
Dann begab ich mich auf eine sehr, sehr lange Reise, aber ich habe nichts gefunden.
Und mir gefiel der Gedanke, dass alles, worauf ich gewartet und wonach ich gesucht habe, nur in mir selbst zu finden ist …
Es kommt nicht darauf an, wie oft du hinfällst, sondern wie oft du aufstehst …
DAS ENDE IN DER LAGERHALLE
AM FENSTER
DAS UNSICHTBARE HAUS
DIE QUELLE DER KRAFT
ABENDSTILLE
DIE EROBERUNG DES LEBENS
WIDERSTAND
DIE WENDE
VORBEREITUNGEN
ZEITREISE
BAND DER FREUNDSCHAFT
DIE LANGE NACHT DER PHILOSOPHEN
SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
DER MENTOR
DIE LETZTE WARNUNG
DIE SECHS SÄULEN DES ÜBERLEBENS
ABSCHIED
DER NAVIGATOR
ROM – STADT DER SEHNSUCHT
EINE NEUE HOFFNUNG
EIN FATALES EREIGNIS
DIE LETZTEN STUNDEN
SCHICKSALHAFTE BEGEGNUNGEN
DIE MISSION
TRUGBILDER
AUFBRUCH INS LICHT
BEGEGNUNG IN DER NEUEN WELT
SIEBEN LEBEN
DAS LETZTE TOR
ELYSIUM
Die letzten Sonnenstrahlen kämpften sich mühsam durch die verschmutzten Fenster. Die Luft hatte einen nicht definierbaren Duft. Es war ein Gemisch aus Metall, Schweiß, Feuchtigkeit und vielen anderen Gerüchen. John fasste sich mit der rechten Hand an die linke Schulter. Er wusste, dass er verletzt war, aber er hatte in den letzten Minuten keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern. Er blickte nach unten auf den schmutzigen Hallenboden. Vor seinen Füßen lag ein Mann auf dem Bauch, vier Polizisten waren gerade dabei, die Handgelenke des Mannes mit Handschellen zu versehen. Ein hörbares Klickgeräusch versicherte John, dass dieser Auftrag erledigt war. Erst jetzt glitten seine Augen langsam zu seiner linken Schulter. Es war eine Schnittwunde und sein schwarzes Sakko war sichtbar mit Blut verschmiert. John grinste verschmitzt und sagte leise zu sich selbst:
»Die nächste Trophäe.«
Als er sich gerade darüber Gedanken machen wollte, ob er auch diesmal die Schnittwunde mit Sekundenkleber schließen konnte, erhob sich auch der letzte Polizist vor Johns Augen von dem festgenommenen Mann.
»Sie sind verletzt. Gehen Sie doch bitte zu den Rettungssanitätern und lassen Sie sich behandeln!«
John grinste wieder leicht. Seine Augenlider schlossen sich hierbei immer zu einem Schlitz, so, als wäre er von der Sonne geblendet.
»Danke, ich mache das eventuell, nachdem ich mir die Verletzung selbst angesehen habe«, entgegnete er.
Die anderen Polizisten hatten den Angreifer bereits auf die Beine gestellt und hielten ihn fest – zwei Meter von John entfernt. Es war, als wollten sie John zeigen, dass sie die Lage im Griff hatten. John hatte bereits vermutet, dass der bullige Mann aus Osteuropa stammte. Sie standen sich nun für wenige Sekunden direkt gegenüber. John sah dem fast gleich großen Mann direkt in die Augen. Der Angreifer blickte zur Seite und als er einen nicht verständlichen Fluch in osteuropäischer Sprache herausbrüllte, führten die Polizisten ihn energisch in Richtung eines Streifenwagens ab.
Der Polizist, der John bereits angesprochen hatte, stand noch immer vor ihm. »Kann ich darauf vertrauen, dass Sie mit zu uns auf die Wache kommen? Laut Ausweis sind Sie John Bark und Ihr Beruf ist unverkennbar. Gratuliert man Ihnen, wenn Sie Erfolg hatten?« Und wieder lächelte John verschmitzt.
»Nein, man bezahlt mich dafür. Auch dann, wenn ich keinen Erfolg hatte. Aber wenn das häufiger geschehen würde, bekäme ich keine Aufträge mehr!«
Der Polizist dachte kurz nach und erwiderte: »Dann ist es ja fast wie bei uns. Nur ist der Unterschied, dass wir immer unser Geld bekommen, auch wenn wir oftmals keinen Erfolg haben.«
John nickte ihm zu und reichte dem erfahren aussehenden Polizisten die Hand. »Ich muss jetzt zu meiner Schutzperson und ich versichere Ihnen, dass ich auf Ihr Revier komme.«
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, ging John durch die große Halle. An einer Stelle standen drei weitere Streifenwagen und zwei Rettungswagen. Sein Klient wurde immer noch von Polizisten befragt. In einem der Rettungswagen lag der zweite Angreifer, der ärztlich versorgt und von vier Polizisten beobachtet wurde. John hatte dem Mann einen Arm gebrochen. Als John zu der größeren Personengruppe kam, wurde er von den meisten länger angesehen. John hatte nie eine Erklärung dafür gefunden, warum andere Menschen ihn oftmals anstarrten. Mittlerweile kam er mit dieser Tatsache gut zurande und ging direkt auf seinen Klienten zu.
»Oh, John, gut, dass Sie hinzukommen. Ich habe meine Aussage gemacht und gleich können wir fahren. Aber nein, Sie sind verletzt! John, das habe ich gar nicht gesehen, hat dieser Mistkerl Sie doch getroffen?«
John grinste. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich kümmere mich nachher darum, Herr Cremer. Ich kenne mich damit aus!«
Herr Cremer war ein Geschäftsmann erster Güte. Er war noch keine sechzig Jahre alt, mehr als gut situiert und stets freundlich zu allen Menschen. Er hatte John bereits zum dritten Mal beauftragt und so kannten sie sich ein wenig. Johns Auftraggeber hatte volles, grau meliertes Haar, trug stets gute Anzüge und sein schlanker Körperbau zeugte auch von ein wenig Eitelkeit. Seine Gesichtszüge wirkten etwas hager, aber seine Augen ließen menschliche Wärme und Lebensfreude vermuten. John arbeitete gerne für diesen intelligenten Mann, denn ihre Gespräche waren zwar immer recht kurz, aber stets für beide Seiten sehr bereichernd.
Der Inhalt der Aufträge war immer identisch. Er bestand darin, Herrn Cremer bei Werttransporten zu begleiten. Herr Cremer war im Aufsichtsrat eines großen Konzerns, gleichzeitig Geschäftsführer eines sehr erfolgreichen Logistikunternehmens und er hatte sich durch seinen Reichtum einen kleinen Traum erfüllt. Er hatte schon immer eine Affinität zu Schmuck und handelte nebenbei mit sehr wertvollen Stücken bei Auktionen. Er hielt es für sicherer, diese Wertstücke in drei Lagerhallen zu deponieren. In speziell hergestellten Safes und technisch abgesicherten Räumen lagerten diese Kostbarkeiten so lange, bis sie auf Auktionen angeboten und verkauft wurden.
Warum Herr Cremer diese Art der Aufbewahrung wählte, war John unbekannt, denn es gab sicherere Lösungen. John hinterfragte nicht. Schon von Anfang an hatte er sich vorgenommen, nie nach Gründen für Verhaltensweisen seiner Klienten zu forschen oder diese zu hinterfragen. Solange die Arbeit und die Sicherheit seiner Klienten im direkten Einzelauftrag nicht gefährdet waren, hielt er sich aus allem raus.
»John, ich bin fertig!«, rief Herr Cremer, der schon fast erleichtert wirkte. »Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber nun können wir endlich nach Hause fahren.« John nickte nur kurz. Er sah noch einmal zum Krankenwagen. Er konnte noch erkennen, dass der zweite Angreifer immer noch behandelt wurde. Ob auch dieser Mann aus Osteuropa kam, konnte er nur vermuten. Aber es war auch nicht wichtig, denn der Auftrag war nun erledigt.
John ging in der großen Lagerhalle zielstrebig zu einem großen, weißen Range Rover. Er fuhr mit diesem Auto direkt zu der Menschengruppe und stoppte. Er wollte gerade aussteigen, um Herrn Cremer die Tür zu öffnen. Doch dieser eilte bereits zum Fahrzeug und stieg zum ersten Mal allein durch die Beifahrertür ein. John war ein wenig irritiert, denn zuvor hatte Herr Cremer immer den rechten Hintersitz gewählt.
»Ich denke, wir sollten ohne Umschweife direkt nach Hause fahren«, rief Herr Cremer beinahe freudig, legte den Gurt an und sah zu John hinüber. »Ja, ich weiß, warum Sie sich nie anschnallen. Mittlerweile habe ich es verstanden. – Danke, John, ich denke, Sie haben heute mein Leben gerettet. Ich werde Ihnen einen Extrabonus zahlen!« John löste die Parkeinstellung und gab ein wenig Gas.
»Herr Cremer, das müssen Sie nicht, das alles gehört zu meinem Job, zu meinem Auftrag und zu unserem Vertrag.« Herr Cremer holte hörbar tief Luft.
»John«, sagte Herr Cremer sehr fest und bestimmend, »wir wissen beide so gut wie nichts voneinander, aber ich möchte Ihnen einmal etwas sagen. Ich weiß genau, was Sie heute getan haben. Sie sind verletzt und Ihr Anzug und Ihr Hemd sind hin. Ich weiß auch, dass im Vertrag steht, dass Sie bereit sind, Ihr Leben für das meine zu geben, wenn es die Situation erfordert. Nehmen Sie es an, ich wünsche es mir einfach!«
John schwieg. Das Fahrzeug verließ langsam den Ort des Geschehens. Mittlerweile waren auch die letzten Sonnenstrahlen verschwunden. Es dauerte einige Sekunden, bis der Rover aus der großen Halle hinausfuhr. John schaltete die Scheinwerfer ein, denn es war mittlerweile dunkel geworden. Der Herbst hatte sich schon länger angekündigt und nachts gab es bereits Bodenfrost.
Nach einem Moment fuhr Herr Cremer fort: »John, all das, was heute passiert ist, ist für mich eine ganz neue Erfahrung. Die beiden Kriminellen müssen gut informiert gewesen sein. Sie schienen den exakten Zeitpunkt gekannt zu haben, wann ich hierherkomme, um die Schmuckstücke zu holen. Ohne Sie, John, glaube ich, würde ich nicht mehr leben. Ich bin immer noch sprachlos darüber, wie Sie die Angreifer ausgeschaltet haben. Sie sind verletzt worden und stecken es weg, als sei all das nichts. Haben Sie denn nie Angst?« Diesmal holte John tief Luft.
»Herr Cremer, es gab einmal eine Zeit, wo ich wahnsinnige Angst hatte.« John steuerte das Fahrzeug auf die Hauptstraße und fuhr in Richtung der Autobahn.
»John, darf ich erfahren, ob das ein noch gefährlicherer Auftrag als der von heute war?« John grinste.
»Nein, das war kein Auftrag, sondern eine Frau!«, entgegnete er kurz.
»Verzeihen Sie mir, John, ich rede wie ein Wasserfall, aber ich bin immer noch sehr aufgeregt.« Und wieder grinste John.
»Das ist das Adrenalin!«
Das Fahrzeug befand sich nun auf der Autobahn. Sie brauchten in der Regel vierzig Minuten von der Halle bis zu Herrn Cremers Villa. Beide Männer schwiegen einige Minuten, bis Herr Cremer das begonnene Gespräch wieder aufnahm.
»Ich möchte nicht indiskret sein, aber mich interessiert das mit der Frau. Ist ihr etwas zugestoßen oder wurde sie krank? Und – Sie müssen natürlich nicht antworten.« Johns Augen senkten sich kurz.
»Sie war, so dachte ich, die Liebe meines Lebens«, sagte John. Seine Stimme klang für Herrn Cremer ungewohnt. Johns Stimme war normalerweise fest, deutlich und zeugte von Selbstsicherheit. Dieser Satz hörte sich nach Wehmut und Trauer an. Herr Cremer war ein wenig irritiert. Wie war das jetzt zu verstehen? Vorsichtig fragte er nach: »Ist ihr etwas geschehen, was Sie nicht verhindern konnten?«
John entgegnete etwas gefasster als vorher: »Sie ist einfach gegangen. Doch das ist schon viele Jahre her.« Und ohne dass John es eigentlich wollte, fügte er hinzu: »Sie ist bereits seit vielen Jahren verheiratet.«
Herr Cremer versuchte, sich einen Reim auf das Gehörte zu machen, aber er konnte Johns Ausführungen nicht ganz nachvollziehen.
»Erlauben Sie mir, nachzufragen, wie Sie das mit der Angst meinten?« Johns Nicken war kaum wahrnehmbar.
»Während der fast drei Jahre, in denen ich mit ihr zusammen war, hatte ich furchtbare Angst davor, dass ich sie eines Tages nicht mehr sehen würde. Deshalb nahm ich in dieser Zeit auch keine gefährlichen Aufträge an. Mir war klar, dass ich mit dieser Angst keinen Klienten hundertprozentig schützen konnte.« Herr Cremer war nachdenklich. Er spürte, dass er nicht das Recht hatte, noch tiefer nachzufragen, aber seine Neugier war größer.
»Eine letzte Frage, sofern Sie es gestatten, John. Warum ist diese Frau fortgegangen? Sie scheinen für mich ein außergewöhnlicher Mann und Mensch zu sein.« John grinste wieder.
»Das hörte ich schon öfter. Viele Menschen suchen das Außergewöhnliche und wenn sie es finden, macht es ihnen Angst und sie laufen weg. Diese Frau ist gegangen, weil sie etwas brauchte, was ich ihr nicht geben konnte.« Herr Cremer lächelte.
»Aber John, ich bitte Sie, was sollte es sein, was Sie einer Frau nicht geben können?«
Ohne zu zögern, erwiderte John: »Geld! Wissen Sie, Herr Cremer, es gibt Menschen, die finden in sich selbst kein Glück und brauchen Ersatz. Manche sagen Sicherheit! Ja, viele glauben tatsächlich, dass wenn sie sich alles leisten können, dass sie dann ein glückliches und sicheres Leben führen!« John konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. Dieser Satz provozierte eine ungewollte Stille. War es Absicht?
Herr Cremer hielt inne. Auch er war vermögend und wusste nur zu gut um die Anziehungskraft von Geld. Er sah zu John, ohne dass dieser es selbst bemerkte. Herr Cremer wusste nicht, ob John auch ihn damit meinte, um ihn vielleicht zum Nachdenken zu bewegen. Wieder sah er kurz zu John hinüber. Herr Cremer hatte ihn kurz gemustert. Er kannte John nur durch die Zusammenarbeit und einige Gespräche, aber er wusste nichts von seinem Privatleben. Schon beim ersten Treffen attestierte er John eine hohe Intelligenz und eine bemerkenswerte Eloquenz.
Der heutige Einsatz hatte Herrn Cremer auch Johns Leistungsfähigkeit demonstriert. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wozu John körperlich fähig war. Es waren jetzt ungefähr drei Stunden seit dem Überfall vergangen. Die Bilder des Geschehens kamen Herrn Cremer wieder ins Gedächtnis. Bis jetzt hatte er durch das Gespräch eine Ablenkung, doch nun spielte sich alles noch einmal wie ein Film vor seinen Augen ab.
Sie fuhren direkt in die Lagerhalle und es war noch sehr hell. Wie immer ging Herr Cremer allein in den gesicherten Raum, wo der große Spezialsafe stand. Er holte drei wertvolle Ketten aus dem Safe, während John wie immer hinter der Tür stand. Er wusste nicht, dass John immer darauf bedacht war, so unauffällig wie möglich, fast unsichtbar zu agieren. Er hatte es zwar bemerkt, aber nie nach den Gründen gefragt. Doch jetzt schien es ihm logisch. Genau dieses Vorgehen gehörte zum Auftrag und rettete ihm wohl das Leben. Er verschloss den Safe und wollte gerade mit der Kassette aus dem Raum gehen. Er konnte John aus der Entfernung nur schemenhaft erkennen, da die geöffnete Tür einen dunklen Schatten auf John warf. Es waren nur noch wenige Meter zu gehen und er griff beim Gehen mit einer Hand in eine seiner Hosentaschen. Dort wollte er gerade nach dem Türschlüssel greifen, als es geschah.
Wie aus dem Nichts standen zwei vermummte Gestalten vor der Tür. Beide waren schwarz gekleidet, trugen Sturmmasken und waren bewaffnet. Der eine mit Pistole und der andere mit einem Messer in der rechten Hand. Mit ausgestreckten Armen richteten sie ihre Waffen auf Herrn Cremer und gingen sehr schnell auf ihn zu. Kurz bevor sie an der Tür ankamen, brüllte einer von ihnen in gebrochenem Deutsch: »Los, mach, gib her!« Herr Cremer war wie gelähmt. Sein Atem stockte, seine Gliedmaßen zuckten. Er riss seine Augen weit auf und sah nach links zur Tür, wo John stand, und ließ die Kassette fallen. John tauchte genau in dem Moment auf, als der erste Angreifer hinter der Tür erschien. Und was jetzt passierte, konnte der nun völlig erstarrte Herr Cremer mit seinen Augen kaum wahrnehmen.
John sprang blitzschnell hervor. Seine rechte Hand griff nach dem Handgelenk des ersten Angreifers, in welcher sich das Messer befand. Johns linke Hand packte sein Ellbogengelenk. Mit einem ruckartigen Druck streckte er seinen linken Arm nach vorne und gleichzeitig riss er seinen rechten Arm zurück. Ein lautes Knackgeräusch klang durch den Raum. John hatte ihm mit enormer Gewalt den Arm gebrochen. Das Messer fiel, und John stieß den Mann, der zu fallen drohte, in Richtung des zweiten Angreifers, der nur einen Meter hinter seinem Kumpanen herlief. Durch diese schnelle Aktion konnte der bewaffnete Mann nicht mehr reagieren. Das Überraschungsmoment war perfekt. Durch das Gewicht des ersten Angreifers und auch aufgrund seines eigenen Gewichts fiel der zweite Angreifer sofort nach hinten gegen die Wand. John ließ nun den ersten Angreifer los, der vor Schmerzen zusammensackte, und griff im selben Moment nach der Hand des zweiten Angreifers, um auch diesen zu entwaffnen.
Als er die Waffe hatte, sprang er zurück, richtete die Pistole auf die beiden Männer und schrie: »Herr Cremer, holen Sie das Messer, das bei der Tür liegt!« Das Brüllen schien zu wirken, denn Herr Cremer folgte sofort Johns Anweisung. Er bückte sich, hob das Messer auf und blieb zunächst stehen. Dieser Mann hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehabt und wusste nicht, was er tun sollte. John begriff das sofort.
»Geben Sie mir das Ding und rufen Sie die Polizei!« Und wieder folgte Herr Cremer der neuen Anweisung.
John hatte jetzt die Situation im Griff. Er schob das Messer seitwärts hinter den Gürtel und richtete die Pistole auf die Angreifer, die zusammen vor der Wand lagen.
»Keiner rührt sich!«, sagte John sehr bestimmend und laut zu den auf dem Boden Liegenden. Alles ging in einem so atemberaubenden Tempo vor sich, dass weder die Angreifer noch Herr Cremer alles verstehen konnten. Erst jetzt bemerkte der erste Angreifer, dass sein rechter Unterarm herunterhing und seinem Willen nicht mehr gehorchte. Es schien, als würde dieser nur noch an der Haut hängen. Trotz der Sturmmaske konnte man eindeutig erkennen, wie ungläubig dieser auf seinen Arm starrte. Erst jetzt dämmerte es ihm, woher der Schmerz rührte, den er vor wenigen Sekunden das erste Mal gespürt hatte. Und jetzt, wo er sehen konnte und langsam begriff, was ihm widerfahren war, verstärkte sich das Schmerzgefühl. Übelkeit machte sich bei ihm breit und er begann zu wimmern.
Das Bild, das sich jetzt John und Herrn Cremer bot, war nicht nur jämmerlich, sondern auch komisch. Vermutlich hätten beide gelacht, wenn die Gefahr nicht so ernst gewesen wäre. Halb übereinander lagen die Gangster am Boden und wagten sich nicht zu rühren. Der eine murmelte unverständliche Silben, die jedoch sehr aggressiv klangen, und der andere bedauerte sich selbst. Auch wenn er versuchte, seinen Schmerz zu unterdrücken, so war unüberhörbar, dass er litt. »Die Polizei müsste gleich da sein, John«, sagte der noch leicht zitternde Herr Cremer. Seine Stimme war bereits ruhiger geworden, nur der Körper spielte noch nicht ganz mit. John nickte ihm als Bestätigung zu.
Die Polizei traf erstaunlich schnell am Einsatzort ein und so konnte John ihr die Verantwortung übergeben. Herr Cremer erholte sich nun schneller. Bereits nach wenigen Minuten begann er mit seiner Aussage.
»Oh, John, ich war wohl gerade einige Minuten in meine Gedanken versunken. Das war eben wirklich wie im Film, da ich nun langsam erst verstehe, was wirklich geschehen ist. Verrückt! Ich habe nicht einmal begriffen, was Sie genau gemacht haben und wie Ihre Wunde entstanden ist!« John musste laut lachen.
»Das weiß ich selber nicht. Vermutlich war ich bei der Messerentwaffnung zu forsch in meinem Tun. Ich habe bereits nachgesehen. Das ist kein großer Schnitt. Ich denke, ich muss es nicht einmal so behandeln, wie ich es sonst tue.« Herr Cremer zuckte ein wenig mit seinem Kopf zurück.
»Wie meinen Sie das?« John sagte kurz: »Mit Sekundenkleber oder auch mal mit der Nadel!«
Diesmal zuckte Herr Cremer noch stärker zusammen. »Ist das Ihr Ernst?« Wieder lachte John.
»Ja! Wissen Sie, Sekundenkleber löst sich nach kurzer Zeit im Körper von allein auf und nähen muss ich nur dann, wenn es notwendig und auch vertretbar ist!« Herr Cremer schüttelte ungläubig den Kopf.
»Klingt verrückt, ich könnte das nicht, aber ich bin mir sicher, dass Sie genau wissen, was Sie tun. Und nicht nur in dieser Hinsicht! John, wir sind gleich zu Hause. Eine Frage noch: Denken Sie, dass die beiden Verbrecher Profis waren?« John kniff die Augen zusammen.
»Ich denke, maximal semiprofessionelle Gauner. Und ich denke auch, dass die Polizei etwas mehr Licht ins Dunkle bringen wird. Die Verbrecher haben vieles falsch gemacht. Gewiss kannten sie Ihre Gewohnheiten und örtlichen Gegebenheiten, denn sonst wären sie weder ins Gebäude gekommen, noch hätten sie den Zeitpunkt gewusst. Demzufolge wurden Sie also beobachtet. In dem Fall hätten sie auch gewusst, dass Sie bei dem Transport auch nie allein sind. Dann kommt hinzu, dass nur eine Person eine Pistole hatte. Und dann gehen die noch in falscher Art und Weise vor. Statt eine Person vorzuschicken, um der anderen den Rücken zu decken, gingen sie zusammen. Das war mein Vorteil und deshalb konnte ich so reagieren. Sehen Sie, auch das ist ein Grund dafür, warum ich im Hintergrund blieb. Ich nenne es das Fort-Alamo-Prinzip! Hätten die uns beide gesehen, hätte ich eine veränderte Situation vorgefunden und hätte anders reagieren müssen. Ich gebe mir immer Mühe, sofern ich gesehen werde, potenziellen Angreifern nicht die Möglichkeit zu geben, mich sofort zu enttarnen. So bleibt zumindest die Chance auf ein kleines Überraschungsmoment. Sie werden das sicher verstehen. Man muss immer versuchen, einen Vorteil im Ärmel zu haben. Der heutige Vorteil war, dass ich nicht zu sehen war, obwohl die Typen doch hätten wissen müssen, dass irgendein zweiter Mann da sein muss. Sie sehen, das waren keine Profis!«
Die Autobahnfahrt verlief ruhig und sie hatten nur noch wenige Meter zum Anwesen vor sich. Herr Cremer lebte wie John außerhalb von Frankfurt, weitab von Trubel und Lärm. Das Anwesen lag oberhalb eines kleinen Tals, umgeben von Wald und Wiesen. Im Gegensatz zu den Aufbewahrungsorten seiner Schmuckstücke wurde das Gelände des Anwesens professionell abgesichert. John stoppte vor dem eisernen Tor. Zwei Kameras änderten ihre Position, um das Auto besser erfassen und identifizieren zu können. Die Tore öffneten sich und das Fahrzeug rollte langsam die lange Auffahrt zum Haupthaus hinan. Das Gebäude wurde von durch Bewegungsmelder ausgelöster Beleuchtung erhellt. John stoppte vor dem Haupteingang.
Gerade wollte John aus dem Fahrzeug springen, um Herrn Cremer die Tür zu öffnen, da tippte ihm dieser auf den Arm.
»Schon gut, das mache ich heute allein, John. Es war ein aufregender Tag und auch ein sehr langer!« John nickte und bestätigte mit leiser und bedächtiger Stimme: »Ja, ein sehr langer Tag!« Die beiden Männer stiegen aus und John erwartete den üblichen Abschied. Sie reichten sich die Hand und Herr Cremer sagte: »Für mich ist es ein außergewöhnlicher Tag und ich möchte Sie bitten, mir in mein Haus zu folgen. Ich würde es nicht nur schätzen, sondern ich halte es auch für angebracht!« John nickte nur kurz, so wie er es immer auf seine Weise tat, wenn er etwas für richtig hielt. Herr Cremer, der voranging, wurde bereits von seiner Haushälterin erwartet und freundlich begrüßt.
»Guten Abend, Frau Darloff, ich habe heute einen wichtigen, geschätzten Gast mitgebracht. Zeigen Sie ihm bitte das Badezimmer im Erdgeschoss und geben Sie ihm alles, was er braucht! Und sehen Sie mal bei mir nach, ob Sie für Herrn Bark ein sauberes Hemd finden. Seines ist etwas verschmutzt!«
Die Frau sah John kurz an und sagte: »Guten Abend, Herr Bark, ich verstehe schon. Was benötigen Sie sonst noch alles?«
John antwortete: »Jod, Wattestäbchen, eine kleine Kompresse, Pflaster und ein fusselfreies Tuch.« Er ging in das Badezimmer, während Frau Darloff sich aufmachte, um die gewünschten Dinge zu holen.
Ohne dass John sich viel umgeschaut hätte, war ihm klar, dass hier im Haus wirklich alles wohldurchdacht war und jedes Einrichtungsdetail einen großen Wert darstellte.
Nachdem Frau Darloff ihm alle Utensilien in das Badezimmer gereicht hatte, machte sich John sofort daran, sich selbst zu verarzten. Mittlerweile hatte er viel Erfahrung damit und es dauerte nur wenige Sekunden. Der Schnitt an seiner Schulter war zumindest für ihn nicht sehr tragisch. Hemd und Sakko waren wirklich hinüber und er ließ sie einfach liegen. Frau Darloff hatte ihm ein Hemd und ein Poloshirt gebracht, aber beides war zu klein. Deshalb versuchte er, das Poloshirt anzuziehen, da dieser Stoff besser nachgab. Es war zwar sehr eng, doch nun hatte er endlich etwas Sauberes an und vor allem ohne Blutflecke. Jetzt war er gereinigt und medizinisch versorgt, und so verließ er zufrieden das Gäste Bad. Im großen Vorraum des Gebäudes wartete bereits Herr Cremer ein wenig ungeduldig auf ihn. »John, das ging ja schnell! Ich hoffe, dass Sie sich jetzt besser fühlen! Lassen Sie uns in mein Arbeitszimmer gehen, um alles Weitere zu regeln.« Er deutete mit einem Finger in Richtung einer Tür. Der Vorraum des Gebäudes, so konnte John jetzt feststellen, glich dem Foyer eines Hotels. Der Boden war vollständig mit glänzenden Marmorfliesen versehen. Große Teppiche verliehen dem kühl wirkenden Marmor Wärme und große Säulen umgaben den Raum. Antike Vitrinen und andere Möbel standen unaufdringlich an ausgesuchten Plätzen, um die Augen der Besucher nicht zu irritieren. Eine kleine Ledersitzgruppe zeugte von Wohnlichkeit und eine große Marmortreppe führte in das Obergeschoss. Ein durchgängiger Teppich lag mittig auf den Stufen und über allem thronte ein riesengroßer Kristallkronleuchter, der genau in der Mitte der Decke installiert war. John hatte in seinem Leben schon viel sehen dürfen, aber er musste zugeben, dass er noch nie zuvor eine solch harmonische Zusammenstellung gesehen hat. Es war wie ein perfektes Ensemble von Kostbarkeiten.
Im Arbeitszimmer angekommen ging Herr Cremer zu einer kleinen Bar und fragte John, ob dieser etwas trinken wolle. John verneinte und Herr Cremer sagte: »Immer im Dienst, John, aber vergessen Sie niemals, dass Sie auch ein Privatleben haben!« John schmunzelte. Herr Cremer schenkte sich einen Whiskey in sein Glas ein. Die Art und Weise, wie er das machte, zeugte von Gewandtheit und Stil. Da das Arbeitszimmer dem Eingangsbereich im Stil sehr ähnelte, fühlte sich John auch hier sehr wohl.
Herr Cremer stand direkt vor John und als er sein Glas kurz in die Höhe hob, sprach er: »Auf uns und auf einen glücklichen Abschluss!« John nickte kurz und Herr Cremer nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas. Herr Cremer sah John jetzt zum ersten Mal ohne Hemd, Krawatte und Sakko. Durch das enge Poloshirt konnte er nun auch zum ersten Mal Johns Oberkörper richtig wahrnehmen.
John war von stattlicher Natur. Er war einen Meter fünfundachtzig groß und seinen kraftvollen und durchtrainierten Körper konnte er unter seiner Kleidung nie ganz verbergen. Er hatte große, dunkle und wachsame Augen. Seinem Blick konnte niemand lange standhalten, wenn John ihn tief ansah.
Sein volles dunkles Haar war an den Seiten und am Hinterkopf kurz rasiert und umgab seinen wohlgeformten Kopf. Seine markanten Gesichtszüge, zusammen mit einem Dreitagebart, glichen denen eines antiken griechischen Athleten. Seine gepflegten Hände könnten auch einem Künstler gehören. Schlussendlich konnte jedes Detail an ihm eine gewisse Eitelkeit nicht verleugnen.
Herr Cremer war sehr beeindruckt und musste seinem Respekt mittlerweile Tribut zollen.
»Sie wundern sich bestimmt, warum ich Sie in mein Haus gebeten habe. Ich gebe zu, dass ich mir zumindest für einen Moment das Gefühl geben möchte, wir wären Freunde, John!«
Als John das Wort ›Freunde‹ hörte, schluckte er ein wenig. Freunde! John träumte oft davon, dieses Land für immer zu verlassen. Doch es blieb ein Traum, ebenso wie der Traum von ewiger Freundschaft. John hatte alle seine Freunde über die Jahre verloren. Es gab viele Gründe für diesen großen Verlust. Doch es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. Es hatte keine Priorität. Es hatte keine Bedeutung.
»Ich bin mir sicher, Herr Cremer, dass Sie genau wissen, dass es niemals eine Freundschaft zwischen Klient und Personenschützer geben darf. Es mag einige Berufskollegen geben, die diesen Spagat wagen, aber das würde zumindest gegen meine Regeln verstoßen.« Diesmal schmunzelte Herr Cremer.
»Ja, John, ich kenne Ihre Regeln und ich verstehe das mehr als gut. Lassen Sie uns Platz nehmen und erlauben Sie mir, zumindest für wenige Minuten, dieses Gefühl haben zu dürfen.« Dann setzte er sich und John tat es ihm gleich. Nun saßen sie sich gegenüber. Alle Sessel im Raum waren identisch. Es gab keinen Unterschied, was John an eine Tafelrunde oder an das Pantheon in Rom erinnerte. Die Tafelrunde verkörperte wie das Pantheon die Gleichheit bei Menschen und unter Göttern. John war davon überzeugt, so wie er Herrn Cremer kennenlernte, dass diese Assoziation bestimmt seine Absicht war.
Herr Cremer fuhr fort: »Ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, dass Sie ein bemerkenswerter Mensch sind. Ich denke, dass ich nicht nur einen Vorteil durch Ihre Arbeit haben könnte, sondern auch viel von Ihnen lernen könnte. Damit meine ich aber nicht Ihre körperlichen Fähigkeiten, sondern eher Ihre geistigen und emotionalen Fähigkeiten. Ich hoffe, dass ich offen zu Ihnen sprechen darf. Ist das für Sie in Ordnung, John?« Ein ihm bereits bekanntes Nicken von John ließ ihn fortfahren. »An Ihren Armen sehe ich einige Narben und mein Gefühl sagt mir, dass Sie hiervon noch viele weitere tragen. Und ich glaube, und bitte, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, es existieren wohl auch viele unsichtbare Narben!« Es trat ein Schweigen ein, dann wagte sich Herr Cremer noch ein wenig weiter vor.
»Mir ist heute bewusst geworden, welch unterschiedliche Leben wir beide führen, und ich will glauben, nein, ich weiß, dass Sie zu weit Höherem befähigt sind, John. Und genau das ist die Faszination, die Sie mir vermitteln. Ja, es weckt in ungeahnten Dimensionen meine Neugier für Sie!«
John holte tief Luft. Er sah Herrn Cremer fest und direkt in die Augen. Er wirkte wie ein hungriger Tiger und Herr Cremer bemerkte, dass er ungewollt einen Nerv bei John getroffen hatte. Er vertraute John, dennoch fühlte er sich jetzt sehr angespannt. Er konnte nicht ahnen, was ihm John entgegnen würde.
John begann in sehr ruhigem, bedächtigem Ton zu sprechen:
»Herr Cremer, ich kann mich nicht erinnern, dass in meinem ganzen Leben jemand hinter mein Geheimnis gekommen wäre, wenn es denn eines gäbe. Einige ganz wenige hatten Vermutungen, doch diese liefen ins Leere, vielleicht auch aus Angst, die Tiefe und Dunkelheit dieses Trugbildes erkennen zu müssen.
Ein Haus, welches kein festes Fundament besitzt, ist ständig der Gefahr ausgesetzt, Risse und Brüche zu erleiden. Es ist möglicherweise meiner Kraft zu verdanken, dass ich all diese Beschädigungen repariert habe. Der Glanz dieses Hauses hält bis heute an und ich konnte es bis heute mehr als nur schützen.« Wieder setzte Stille ein, doch diesmal war es anders. Unerwartet hatte die Konversation eine völlig andere Richtung genommen.
»Mir fehlen die Worte, John, und ich bin froh, dass ich sitze«, sagte Herr Cremer und lehnte sich ein wenig zurück. »Wäre ich jünger, hätte ich vielleicht ›Wow‹ gesagt. Ja, aber genau das ist es, was ich vermutet habe. Ihre Ausführung ist genau das, was Sie als Mensch sind! Ungewöhnlich und absolut facettenreich! Sie haben den Begriff Tiefe verwendet und allzu viele Menschen verwenden dieses Wort für ganz andere Dinge oder verstehen den Sinn nicht einmal, wenn es mit dem menschlichen Sein in Verbindung gebracht wird.
Schon jetzt danke ich Ihnen für Ihre Offenheit und ja, solche Gespräche fehlen mir. Gespräche auf hohem Niveau und Gespräche mit Geist, Tiefe und Weitsicht, ganz besonders Gespräche über Philosophie, genau wie bei Ihnen, richtig?« John nickte. »Auch ich bin oft allein, John. Zumindest mit meinen Gedanken. Und Sie und ich wissen genau, wovon ich jetzt gerade spreche. Erzählen Sie mir bitte ein wenig mehr von Ihrem Fundament; es interessiert mich sehr.«
»Gern, Herr Cremer. Nun, ich frage mich schon länger, woraus mein Fundament besteht. Ich erwähnte soeben, dass es sich wahrscheinlich nur auf meine Kraft begründet. Doch wenn sich das Fundament eines Menschen nur auf seine Kraft begründet, ist er unweigerlich zwei Gefahren ausgesetzt. Einerseits kann die Kraft eines Tages versiegen und damit das Fundament zerstört werden. Andererseits könnte die Kraft vielleicht die Fähigkeit verringern, eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufbauen und über eine längere Zeit führen zu können. Ich hoffe, Sie verstehen das. Ich bin dankbar dafür, zumindest erkannt zu haben, was mich umgibt und worauf ich mich vielleicht selbst begründe, doch wo wird es einen Menschen hinführen? Gibt es eine Lösung, eine existierende Kraft umlenken zu können?
Ich weiß, dass es das Fundament ist, welches verändert werden muss. Doch besitzt ein Mensch die Möglichkeit, ein neues, zweites Fundament zu bauen, oder wird ihm diese Chance nur ein einziges Mal bei der Geburt und in seiner anfänglichen Entwicklung gewährt? Sofern es möglich wäre, einen neuen Untergrund zu bauen, was würde mit dem bereits existierenden Fundament geschehen? Würde es sich zu einem Mahnmal des falschen entwickeln?« John holte kurz Luft und fügte hinzu: »Ich denke, diesmal muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, denn soweit wollte ich unser Gespräch gar nicht kommen lassen.«
Herr Cremer beruhigte John. »Ganz und gar nicht, John, ich selbst habe es ja provoziert und ich genieße es gerade, einem mindestens ebenbürtigen Mann gegenüberzusitzen. Es ist großartig, dass Sie sich selbst reflektieren und auch hinterfragen. Nur das führt einen Menschen zum Guten oder zumindest zum Besseren. Außerdem mag ich Ihre Formulierungskunst. Man weiß nie genau, ob Sie sich selbst meinen oder andere. Ich bezeichne das als Gabe! Es ist wirklich bedauerlich, dass wir uns nicht privat kennengelernt haben, um solche Gespräche öfter führen zu können. Und allzu gern würde ich mit Ihnen über das Fundament weiter philosophieren.
Aber Sie möchten sicherlich gleich nach Hause und das kann ich gut nachvollziehen. Aber wissen Sie, was ich großartig finde? Vor wenigen Stunden haben wir ein Abenteuer erlebt und jetzt sprechen wir über weit bedeutungsvollere Dinge. Und unsere Konversation hat auch eine wichtige Frage beantwortet, die ich vorhin hatte.« Johns Augen öffneten sich ein wenig, als wenn er dadurch noch aufnahmefähiger sein könnte. »Ich fragte mich, wie Sie Ihre Verletzungen einfach so wegstecken können, als wären diese nichts. Ja, John, Sie haben Recht, ohne dass Sie es aussprechen müssen. Es gibt wichtigeres, so habe ich das jetzt verstanden!« John grinste.
»Ja, in der Tat, so sehe ich das. Sie dürfen auch wissen, warum ich vorhin nicht beim Sanitäter war. Zum einen kann ich heute Verletzungen besser beurteilen und mir oftmals selbst helfen. Ein sehr guter Bekannter von mir ist Chirurg und korrigiert manchmal privat meine Nähversuche. Zum anderen umgehe ich damit mögliche Missverständnisse beziehungsweise falsche Interpretationen der ärztlichen Meldepflicht. Und so verhält es sich auch in der Zusammenarbeit mit der Polizei. Ich kenne mich rechtlich recht gut aus und so melde ich Dinge nur dann, wenn es rechtlich erforderlich ist.« Herr Cremer stutzte:
»Interessant, ich versuche mir gerade ein Beispiel vorzustellen.
Können Sie mir helfen?«
»Ja, natürlich, vor einigen Wochen wurde meine Schutzperson abends auf der Straße angegriffen. Ich habe den Angreifer niedergerungen und er wurde bewusstlos. Ich habe den Mann dann in die stabile Seitenlage gebracht und zur Sicherheit den Notruf des Rettungsdienstes angerufen. Natürlich erfolgen solche Anrufe nur mit nicht registrierten Prepaidkarten. In meinem Beruf kann ich mit einem Klienten nicht lange auf Rettungskräfte oder Ähnliches warten oder gar zeitraubende Aussagen machen. Wenn ich einen klar definierten Auftrag habe, dann habe ich mich auch an Zeitpläne zu halten.«
»Ich verstehe, aber ich muss fast lachen, da ich mir das gerade mit der stabilen Seitenlage vorstelle. Nun, ich denke, rechtlich ist es unbedenklich. John! Sie erstaunen mich immer mehr. Wenn ich nun alles Gehörte und das Gesehene zusammenfasse, fürchte ich, dass nur die wenigsten Menschen jemals verstehen können, welch einzigartiger Mensch Sie sind!«
»Einzigartig, Herr Cremer?«, unterbrach ihn John abrupt und entgegnete in einem sehr ruhigen Ton: »Noch ist es nicht bewiesen und sofern Ihre Behauptung stimmt, so weiß ich nicht, ob es verdientermaßen ist!«
»Beeindruckend, immer wieder beeindruckend, John, Sie haben die Fähigkeit, mit einem einzigen Satz meine Gedanken für Stunden zu beschäftigen. Oh, wie ich unser Gespräch vermissen werde. Sie geben meiner Fantasie so viel Anregung! Ich danke Ihnen dafür.« Und er setzte nach einigen Sekunden hinzu:
»Ich glaube, Ihre ehemalige Freundin hat keine Vorstellung davon gehabt, was Sie darstellen und sind. Das tut mir sehr leid, denn ich glaube, dass Sie diese Frau sehr geliebt haben.«
John atmete hörbar tief ein und Herr Cremer verbot sich, selbst in dieser Angelegenheit weiterzusprechen. »Welche Pläne haben Sie derzeit, John?«
»Oh, ich fliege in den nächsten Tag nach Rom. Dort bin ich mit einem neuen Klienten verabredet. Ich werde dann privat noch einige Tage bleiben. Ich liebe diese Stadt und war bereits mehrfach dort!
»Das hört sich gut an und ich bin mir sicher, dass Sie auch geschichtlich interessiert sind. Vermute ich richtig?«
John lachte laut auf. »Ja, ich denke sogar, dass ich mir über all die Jahre hinweg sehr viel Wissen angeeignet habe!«
»Mein Respekt, John. Vielleicht werden Sie mir später einmal berichten. Ich denke, wir beide sind müde und sollten nach diesem langen Tag ein Ende finden, auch wenn ich betonen muss, dass ich mich heute ungern trenne. Es ist schon sehr lange her, dass ich solch anregendes Gespräch geführt habe.«
»Ich stimme Ihnen zu, mir geht es ebenso, aber ich muss den Rover noch abgeben und dann habe ich noch den Weg nach Hause vor mir.«
»Eines noch, John« und Herr Cremer schob einen Briefumschlag, der bereits auf dem Schreibtisch lag, zu John. »Diesmal möchte ich keine Rechnung und Sie können nachzählen.«
»Bei Ihnen brauche ich das nicht, aber ich hoffe, keinen Bonus vorzufinden, weil ich …« Herr Cremer unterbrach ihn:
»Nehmen Sie es, gönnen Sie mir bitte diese Freude!«
John zögerte einen Moment und nickte dann. Während er aufstand, nahm er ruhig den Umschlag. »Ich begleite Sie noch zur Tür«, und beide Männer gingen schweigend zur großen Eingangstür. Sie gaben sich noch einmal die Hand und Herr Cremer sagte ruhig: »Welch ungewöhnlichen Tag wir hatten. Es ist alles getan und alles gesagt. John, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen eine gute Reise und ich hoffe auf ein Wiedersehen!«
Ohne zu ahnen, dass er Herrn Cremer nicht mehr wiedersehen würde, antwortete John: »Mein Dank gebührt Ihnen und ja, bis zum nächsten Mal.« Er drehte sich um und ging zum Auto. Beide hoben fast gleichzeitig die Hand, um ihren Abschied abzuschließen. Nach wenigen Sekunden verschwand der Rover in der Nacht.
John stand lange Zeit am Fenster. Seine Augen durchleuchteten wie ein Scanner den kleinen Ausblick auf die freie Natur. In unkoordinierter Weise arbeiteten seine Gedanken und Gefühle. Er wollte gleichzeitig das Gesehene verstehen und fühlen und im selben Maß auch sein Herz und seine Seele. Ihm widerstrebte es, seit er denken konnte, wenn er für sich selbst keine Reihenfolge fand, um solche Eindrücke logisch und konsequent abzuarbeiten. Es ist zu viel auf einmal, sagte er zu sich selbst. Und es war auch nicht der richtige Augenblick, um das alles aufzuarbeiten. So drehte er sich um, verließ seinen Fensterplatz und setzte sich wieder auf seinen Stuhl, der ihm seit Jahren sehr vertraut war. Dieser Stuhl hatte in den letzten Jahren viele Räume und Wohnungen gesehen, aber nicht so viele, wie John bereits vor ihm gesehen hatte. Sicherlich war da der Altersunterschied. Der Stuhl war erst acht Jahre alt und John Mitte vierzig. Und trotzdem war John sich sicher, dass sie beide einiges gemeinsam erlebt hatten. Sie hatten viel gesehen und so manchen Sturm überlebt. Doch nach einigen Minuten des Sinnens bemerkte John die Skurrilität seiner Gedanken und verwarf diese schnell.
Es war ein langer Tag gewesen und schon jetzt vermisste er das Gespräch mit Herrn Cremer. Er liebte lange und vor allem inhaltsreich Gespräche. Doch am liebsten philosophierte er mit anderen Menschen.
Der Auftrag war zufriedenstellend erledigt, er hatte sein Geld erhalten und so konnte er sich auf die geplante Reise nach Rom konzentrieren. Das Ticket hatte ihm sein potenzieller Klient bereits zugeschickt und alles war nun organisiert.
Noch einmal widmete er Herrn Cremer seine Gedanken. Er war in Johns Augen ein sehr angenehmer Zeitgenosse und bekundete John gegenüber auch ein persönliches Interesse. John war darüber nicht überrascht. Es war in den letzten Jahren schon zur Regel geworden, dass Menschen, die John begegneten, seine Freundschaft oder zumindest seine Nähe suchten. Und allesamt überhäuften ihn anfangs förmlich mit schönen Worten. Die Menschen attestierten ihm Attribute von Einzigartigkeit, Ungewöhnlichkeit oder auch profaneren Synonymen. Man bezeichnete ihn als unglaublich, intelligent oder gar anziehend und sexy. Doch wo waren all die Menschen geblieben, die ihn offenbar für so wichtig betrachteten?
Und noch etwas war ihm signifikant aufgefallen! Ohne Ausnahme wurde er von jedem gefragt, warum er keine Frau an seiner Seite hätte oder warum sich die Frauen von ihm abgewandt hätten. Immer und immer wieder derselbe Ablauf und dieselben Fragen. Und egal, was er auch tat oder sagte, nichts veränderte sich und er blieb allein. So musste es Bill Murray als Phil Connors im Film »Und ewig grüßt das Murmeltier« ergangen sein. Nichts wollte sich ändern!
John machte es schon seit vielen Jahren müde, fast immer gleiche Fragen gestellt zu bekommen und fast gleiche Gespräche führen zu müssen. Er beschied sich selbst keinerlei Arroganz, aber wenn die anderen Menschen recht hatten, warum blieb nie jemand bei ihm? Und von all diesen vielen Menschen wusste niemand, weder wann er Geburtstag hat, noch was er an Feiertagen machte oder auch in der Weihnachtszeit.
Er blickte bereits seit vielen Minuten auf den Computerbildschirm, der vor ihm auf der Arbeitsfläche seines Schreibtisches thronte wie ein König. Er hat Macht, sagte sich John. Der komische Kasten mit den bunten Pixeln darin hatte Macht über ihn selbst und mit Sicherheit auch über viele andere Leidensgenossen. Dieser neue Gedanke machte ihm Angst. War er kurz davor, verrückt zu werden, oder gar in eine Abhängigkeit von Drähten, Chips und Transistoren zu geraten? Lauthals brüllte er: »Nein, ich werde heute keine Mails mehr abrufen oder sonst was!« Er erhob sich verärgert von seinem Stuhl und vergaß dabei nicht, zumindest den Bildschirm auszuschalten. Das wäre ja noch schöner, wenn ich selbst zu einem Spielball der Erfinder der menschlichen Armseligkeit degenerieren würde. Niemand außer mir selbst darf Macht über mich ergreifen.
John spürte, dass er wieder einmal Selbstgespräche führte. In den letzten Jahren war diese Gewohnheit zur Marotte geworden. Seine feuchten Hände legten Zeugnis von seiner inneren Angst ab. Bin ich auf dem Weg nach unten oder befinde ich mich bereits am Abgrund? Er suchte nach einer Antwort und entschied letztendlich, wie so oft in letzter Zeit, sich diese wichtige Frage zu einem späteren Zeitraum zu beantworten.
Sein Spiel zur Zerstreuung seiner selbst nahm in gewohnter Bahn seinen Lauf. Er steckte sich eine Zigarette an und ging zu seiner überdimensionierten Musikanlage. Der Sender war fest einprogrammiert und so musste er nur noch die Powertaste drücken. Wie auf Befehl beschallten große Boxen den kalten Raum seines Wohnzimmers und Chillmusik durchdrang jeden einzelnen Winkel des kühl gestalteten Zimmers. Doch auch die Musik konnte dem trist wirkenden Raum keine Wärme verleihen. John war sich darüber bewusst, dass jeder den Wert des Mobiliars einschätzen konnte. Doch im selben Maß konnte auch jeder die Kälte spüren, die von diesen Dingen ausging. War er selbst kalt oder musste man erst kalt werden, um sich zwischen diesen Möbelstücken ohne erkennbaren Schaden bewegen zu können? Ohne dass er es wollte, begannen wieder viele Fragen auf ihn einzustürmen. Schon lange waren Fragen ein elementarer Bestandteil seines Seins geworden. Es gab kaum noch Menschen, Ereignisse und sogar Gefühle, die er einfach annehmen konnte, ohne dabei viele neue Fragen in seiner Seele aufzuwerfen. Den Begriff Schicksal gab es nicht für ihn. Es existierten nur Zufälle oder Fakten.
Sofern es tatsächlich ein Schicksal gäbe, so sagte er sich, musste es ihn hart bestraft haben, indem es ihn dazu verdammte, sich selbst ständig infrage zu stellen oder andere Dinge zu sezieren. Eine gesunde Oberflächlichkeit war seiner Erkenntnis nach das Privileg von normalen Menschen. Da er sich selbst für etwas ungewöhnlich hielt, musste dieser Umstand der permanenten Hinterfragung eine logische Konsequenz der Andersartigkeit sein. Er zündete sich erneut eine Zigarette an, in der Hoffnung, dass ihn deren Genuss von seinen Gedanken ablenken könnte. Er rauchte seiner Einschätzung nach viel. Er tat es als eine vertretbare Schwäche ab, denn zu seiner Entlastung bzw. Rechtfertigung konnte er zumindest behaupten, dass ihm Alkohol nichts anhaben konnte, denn er lebte in fast völliger Abstinenz. Trotzdem gestand er sich ein, dass er sich des Öfteren schon gewünscht hatte, sich mit irgendetwas seinen Kopf freizumachen. Doch zu diesen Dingen zählten weder Alkohol noch Drogen oder Tabletten. Für ihn wäre deren Konsum ein Zeichen der Schwäche und der Ergebenheit. Und keines dieser Attribute sollte ihn belasten oder etwa angreifbar machen können.
Er hatte lernen müssen, dass man in der Gesellschaft zwar Schwächen kannte und öffentlich zuließ, jedoch sah die Wirklichkeit anders aus. Die Menschen um ihn herum waren immer froh, wenn sie bei John Schwächen fanden. Dann konnte man ihn kritisieren, bloßstellen, anfeinden oder gar versuchen, ihn niederzumachen. Die ersten Jahre konnte John nicht nachvollziehen, was die Menschen dazu bewog, nach seinen Schwächen zu suchen, um diese früher oder später gegen ihn zu verwenden. Er verstand erst viel später, dass die Ursache mit ihm selbst sehr eng verbunden war. In der Öffentlichkeit kannte man ihn als rhetorischen Meister ohne Ecken und Kanten, der rigoros seinen Zielen nachging. Viele hielten ihn für unantastbar, für manche als arrogant, andere bezeichneten ihn als berechnend und andere gar als egoistisch.
Er selbst beschied sich keine dieser Eigenschaften. Er hatte eine harte Vergangenheit und intuitiv baute er sich über die Jahre erfolgreiche Abwehrmaßnahmen auf, um den Hyänen der Gesellschaft zu trotzen. Er gab zu, dass er völlig anders war als viele Mitmenschen. Er war nicht besonders stolz oder froh über diese Feststellung. Nein, es machte ihn einsam. Viele, insbesondere Frauen, hielten ihn für interessant. Er bildete sich jedoch darauf nichts ein. Im Gegenteil, er wusste zu genau, dass es niemand lange bei ihm aushielt. Er war den meisten nach kurzer Zeit zu anstrengend und zu abstrakt. Viel zu viele nicht zueinanderpassende Facetten erschwerten den Umgang mit ihm als Mensch. Seine damalige Ehefrau Corinna schien es jedoch zu können, obwohl sie nicht immer gut zu ihm war. Doch nach der Scheidung erfuhr er den Grund für ihre scheinbar ungewöhnliche Fähigkeit. In einem Gespräch teilte sie ihm mit, dass sie ihn während der Ehe öfter betrogen hatte. Er konnte sich noch gut an das Gespräch erinnern. Emotionslos nahm er die Nachricht damals auf. Der Grund seiner Regungslosigkeit lag nicht nur darin begründet, dass er es bereits seit vielen Jahren wusste. Er hatte es damals fühlen können, ohne jemals sichtbare Beweise vorliegen zu haben. Ebenso wusste er auch schon seit langer Zeit, dass ihn Corinna nur als begehrenswertes Objekt betrachtete und nicht als einen Menschen, für den ein Zuhause mit Gefühlen, Ehrlichkeit und Loyalität zum lebenswichtigen Elixier gehörte. Es war seine untrügliche Intuition, die ihn sein Leben lang begleitet hatte, Dinge fühlen und ahnen zu können. Er bedauerte es manchmal zutiefst, dass ihn diese Ahnungen nie enttäuscht hatten. Zu seinem eigenen Leidwesen behielt er immer Recht, wenn ihn eine Ahnung oder eine Vorahnung, gute, aber auch viele böse Überraschungen immer wieder einholten. Letzteres wurde von einer Dominanz beherrscht, die in ihm manchmal die Frage aufwerfen ließ, ob er wirklich noch fähig war, in der Normalität bestehen zu können.
Harte Selbstkritik war er gewohnt. Es gehörte nicht zu seinen Eigenschaften, immer andere als Schuldige zu sehen. Nein, er war davon überzeugt, dass nur er allein für alles die Verantwortung trug, selbst dann, wenn er wusste, dass es nicht so war. Ohne dass er es selbst bemerkte, hatte er sich zwischendurch bereits eine neue Zigarette angezündet und der Aschenbecher lief Gefahr, die weiße Fahne zu hissen, so voll war er bereits. John bemerkte es erst, als die Asche auf den Tisch fiel. So blieb ihm nicht erspart, den Aschenbecher zu leeren.
John war ein sehr sauberer und manchmal auch penibler Hausherr. Dass er Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte, war eine seiner vielen, oft auch nervenden Eigenheiten, die er förmlich zelebrierte. Dennoch konnte man ihm einräumen, dass diese kleinen »Ticks« über die Jahre langsam nachgelassen hatten, sodass sein derzeitiges Verhalten auf ein humanes Niveau der Erträglichkeit zusammenschmolz.
Als er den Aschenbecher geleert hatte, wandte er sich wieder dem Fenster zu. Bereits in seiner Kindheit hatte er jede Möglichkeit genutzt, die ihm die Natur anbot, um in ihrer Gegenwart über sich und sein Leben nachzudenken. Das Fenster, an dem er stand, konnte ihm nur einen unbefriedigenden Eindruck zur Verbundenheit mit der Natur bieten. Er starrte auf die kristallisch weiße Fläche des ersten Frostes. Es war bereits kurz vor zwei Uhr. Einige Bäume, die vor kurzem gepflanzt wurden, versuchten, der Kälte zu trotzen.
Sie nahmen ihren Kampf gegen die ungewollte Verpflanzung tapfer auf. John wusste, dass es Bäume schwer hatten, mit Wurzeln ihrer gewohnten Umgebung entrissen zu werden, um dann ihr Glück in einer unbekannten Erde in einer kalten Jahreszeit zu finden. John bemerkte nicht einmal, wie viel Aufmerksamkeit er diesen Bäumen entgegenbrachte. Vielleicht empfand er sich selbst in diesem Moment, als wäre er einer der Ihrigen. John hatte zeit seines Lebens viele Unterkünfte, Wohnungen und Häuser bewohnt, ohne sich jedoch in einem einzigen geborgen gefühlt zu haben. Ein Zuhause bestand für ihn nicht aus einem Dach, Fenstern und einer Heizung. Es müsste viel mehr sein. Doch ein echtes Zuhause hatte er bis jetzt nicht kennengelernt oder möglicherweise nicht erkannt, in einem Moment, als er es vielleicht sogar schon einmal hatte.
Der Wunsch nach einem Zuhause war in den letzten Jahren für ihn zu einer Sucht geworden. Seine innere Unruhe, seine stetige Unrast verrieten es zumindest. Überall suchte er danach und kam sich dabei manchmal vor wie die Goldsucher vom Klondike, die einst Jack London in seinem Roman beschrieb. John war in der Tat, zum Leidwesen seiner Mitmenschen, ständig in Bewegung. Obwohl er auf andere eine unsichtbare Ruhe ausstrahlte, war sein Verhalten indes völlig konträr. Hörte er ein Wort, das er nicht kannte, sprang er auf, zog ein Buch aus dem Regal, um nach diesem Wort zu forschen. Entdeckte er einen Fehler, eine Unstimmigkeit, holte er Werkzeug, um diese an der Decke, an der Wand oder auf dem Boden zu beseitigen. Die Uhrzeit spielte hierbei für ihn nie eine Rolle. Es kam nicht selten vor, dass er morgens um drei Uhr einen Pinsel holte und die Farbe an der Decke nachbesserte.
Es gab viele, die behaupteten, dass er Eigenschaften eines Politikers, eines Schriftstellers, eines Philosophen, ja sogar die eines Propheten hätte. Ja, zum Teil gab er denen Recht. Er hatte viele von diesen ihm attestierten Attributen und doch empfand er sich selbst als noch nichts Ganzes. Die vielen Facetten machten ihn für andere interessant. Für ihn persönlich bedeutete es gleichsam Einsamkeit.
Er war sich auch darüber bewusst, dass er rhetorische Fähigkeiten besaß. Er konnte mit wenigen Worten oder einem einzigen Satz andere sprachlos machen, kränken, sogar zerstören. Doch er trug tief im Herzen den Eid eines Samurais. Er benutze diese Fähigkeit nur zur Abwehr und niemals zum Angriff. Er setzte andere sogar vorher darüber in Kenntnis, bevor er dieses Werkzeug benutzte. Für ihn war es wirklich nur ein Werkzeug. Handwerker hatten auch Werkzeuge, Reiche hatten Geld und Soldaten hatten Waffen. Warum sollte er also nicht diese Fähigkeit als Werkzeug, als Kaufmittel oder sogar als Waffe benutzen?
Gedankenverloren bemerkte er nicht einmal, dass seine Zigarette, die er nach dem Anzünden gleich abgelegt hatte, im Aschenbecher längst ihr Leben ausgehaucht hatte. Der Zufall wollte es, dass die Zigarette nicht auf den Fußboden und nicht auf das Fensterbrett fiel, sondern in der vorgesehenen Aussparung eingeklemmt blieb. Es war der unangenehme Geruch, der von einem angesengten Zigarettenfilter ausging, der John signalisierte, dass es Zeit war, eine neue anzustecken. Ohne auch nur hinzuschauen, griff John zielsicher wie ein Uhrwerk nach der Packung, zog eine Lucky heraus und griff mit der freien Hand und derselben Präzision zum Feuerzeug. Mit eingespieltem Automatismus zündete er das Feuerzeug zeitgleich in dem Moment an, als die Zigarette zwischen seinen vollen Lippen den dafür vorgesehen Platz einnahm. Männer schoben sich in der Regel die Zigarette mehr seitwärts zwischen die Lippen, im Gegensatz zu Frauen, die es eher bevorzugten, die Zigarette in der Mitte ihrer Lippen zu platzieren. John war ein Mann, zumindest äußerlich, und so machte er es, wie alle Männer es taten. Ein wenig lässig sah es immer aus und doch verriet der Zug an der Zigarette bei ihm, wie bei jedem Menschen, ein wenig von seinen Charaktereigenschaften.
Seine Eitelkeit verbot es ihm, mit sich selbst und seiner Umgebung nachlässig zu werden. In fast jeder Lebenslage trug er stets ein gepflegtes Outfit. Seine Haare waren kurz geschnitten und das verlieh ihm im Bekanntenkreis den Spitznamen »Marine«. Früher hatte er sich manchmal für seine Freunde als amerikanischer Marine ausgegeben, um die Bewunderung der Frauen zu wecken, sei es für sich selbst oder einfach nur, damit seine Freunde interessanter erschienen, weil sie einen amerikanischen Freund hatten. John konnte sehr gut Englisch sprechen und es fiel ihm leicht, den typischen amerikanischen Slang zu imitieren. Sie hatten damals viel Spaß und John stand oft im Mittelpunkt. Ob in Diskotheken oder in Bars, die Nummer mit dem amerikanischen Marine klappte immer, und so manche Frau hatte ihr Herz verloren, wenn er wieder nach Hause musste.
John spürte, dass er zum ersten Mal nach langer Zeit über sich selbst nachdachte, sich mit sich selbst beschäftigte, ja, er stellte sich tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben in den Vordergrund. Nicht, weil er sich selbst für wichtig hielt, nein, weil es Zeit war, einen weiteren Neubeginn zu wagen. Er hatte Kraft, den Mut und auch den unzerstörbaren Willen, wieder einmal weit über seine Fähigkeiten und Möglichkeiten emporzusteigen. Er fühlte sich selbst manchmal wie ein Ballon, der sich nichts anderes erträumte, als zur Sonne aufzusteigen, hin zum Licht, hin zum Sein. Doch der schwere Ballast seiner Vergangenheit, der Gefangene seiner selbst, hielt ihn ständig zurück. Ihm war bewusst, dass er etwas ändern musste, doch war ihm auch absolut klar, dass er Rückschläge erwarten musste, die ihn wieder zurückwerfen würden.
In seiner Selbstkritik tauchten unwillkürlich immer wieder die Bilder aus dem Film mit Bill Murray auf. Er musste sich eingestehen, dass auch sein Leben im Prinzip aus Wiederholungen bestand. Er erfüllte Aufgaben oder Missionen und wurde von vielen Menschen gefeiert. Man überhäufte ihn mit Ehrungen und viel Lob, aber letztendlich fristete er ein einsames Leben.
Er musste es schaffen, aus dieser Mühle herauszukommen und endlich am richtigen Leben teilhaben zu können. Er wollte einfach leben und mit Menschen zusammen sein, die ihn nicht nur bewunderten, sondern die ihn wirklich wollten. Er war bereit, den Kampf aufzunehmen und es sollte der Kampf seines Lebens werden. Die Sterne standen diesmal gut und es war die Zeit gekommen, alles zu ändern.
Unnachgiebig brummte der Wecker und zwei kleine, zierliche Finger tasteten in Richtung der Geräuschquelle. Der Wecker drehte mittlerweile die vierte Runde und lief Gefahr, vom Nachttisch zu fallen, denn die kleinen Finger vermochten es nicht, die richtige Taste zu finden, um durch einen Druck das nervende Geräusch zu beenden. Nach dem fünften Versuch fiel der Wecker auf den weichen Teppichboden, ohne dass der Brummton gebändigt war. »Oh Mann«, hallte es energisch, doch mit lieblicher Stimme durch das Schlafzimmer. Trotz der tiefen Dunkelheit gelang es den beiden Fingern schließlich, sowohl den Wecker als auch die richtige Taste zu finden, um dem Brummton endlich den Garaus zu machen. Ein hoher Seufzer und das wohlige Geräusch eines in die Bettkissen fallenden zierlichen Körpers ließen ein anmutiges Wesen erahnen.
Ein Klicken brachte eine bewegliche Wand zur unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung. Die große Jalousie glitt langsam nach oben und bei jeder Bewegung fluteten mehr Lichtstrahlen das große Schlafzimmer. Wie ein Morgennebel durchströmten sie den großen Raum und erhellten den Teppichboden. Nach und nach gewannen auch die anderen schönen Möbelstücke ihre erkennbaren Konturen zurück.
Noemi liebte es, von der Sonne geweckt zu werden. Sie lag in einem großen weißen Bett, das von einem vergoldeten, barockartigen Rückteil eingefasst war. Sie lag wie auf einem Altar, umgeben von vielen Kissen, halbwegs unter der Decke. Ein langes, schönes Bein lag frei, sodass auch ein Teil ihres Pos und ihres Rückens zu sehen war. Ein Blick auf ihren wunderschönen Körper konnte nur noch von ihrem krausen schwarzen Haar abgelenkt werden. Kleine, hübsche, zierliche Füße schauten unter der Bettdecke hervor, suchten aber sofort den Schutz der warmen Decke, als ein wenig frische Luft durch das gekippte Fenster strömte.
Schöne schlanke Hände zogen die Decke ein wenig höher, um auch den Rücken vor der kühlen Luft zu schützen. Der Raum, in dem dieses wunderschöne Geschöpf lag, war eine Oase, die man mit normalen Worten nicht hätte beschreiben können. Dieses Zimmer, nein, dieser Ort war wie eine Engelsburg. Von der Decke und von den leicht gelblich bemalten Wänden hingen weiße seidene, durchsichtige Gardinen wie ein Baldachin. Ein großer Stuck an der Decke wurde durch ein sonderbares Licht erhellt. Teure, moderne wie auch antik wirkende Möbelstücke standen wohl angeordnet auf einem marmorn gefliesten Fußboden. Die Gardinen bewegten sich leicht durch die Zugluft. Es sah aus wie ein Elfentanz. Selbst ein Mark Anton hätte bei diesem Anblick Kleopatra vermutet, wenn nicht von außen Motorengeräusche eingedrungen wären, welche diese einzigartige Oase in ihrer eigenen Ruhe gestört hätten.
Ein leises Rascheln der Bettdecke war der Vorbote des inneren Kampfes, der ausgefochten werden musste, um Klarheit darüber zu erhalten, ob sie nun aufstehen oder noch ein wenig liegen bleiben sollte. Doch nach wenigen Minuten verlor der Feind mit dem Namen Müdigkeit die Schlacht. Der Sieger hieß Tatendrang und die große Bettdecke wuchs zu einer imposanten Erhöhung an. Darunter befand sich Noemi und als ein Teil der Decke sanft hinunterglitt, offenbarte sie ihr Gesicht.
Viele ihrer Haare standen zu Berge und ein großer Schmollmund des Trotzes zeugte von ihrer Jugend. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass Noemi noch ein Kind war. Doch in dem Moment, als sie die Augen öffnete und leicht blinzelnd nach Orientierung suchte, wurde die Frau sichtbar. Ihr Antlitz erhellte den Raum, sodass man Gefahr lief, sie mit einer Göttin vergleichen zu wollen. In der Tat, die Natur hatte sie reichlich beschenkt. Ihr makelloser Körper war der Inbegriff der Schönheit. Was andere Frauen sich mühsam erarbeiten oder korrigieren lassen mussten, stand ihr in einer Fülle zur Verfügung, die jeden Fotografen oder Poeten in den Bann gezogen und für immer gefangen gehalten hätte.
Noemi drehte ihren Körper leicht zur Seite und hob ihre Beine. Ihre kleinen Füße berührten die Fliesen, die durch die Fußbodenheizung angenehm warm waren. Dann richtete sie sich auf und ging vor Müdigkeit noch leicht schwankend in Richtung Badezimmer. Wie auf Samtpfötchen bewegten sich die Füße noch ein wenig unsicher, aber graziös über die Marmorfliesen und die kleinen braunen Füße wirkten durch die dezent lackierten Nägel etwas größer.
In der Nähe des Badezimmers schnipste Noemi mit den Fingern. Durch das Geräusch erhellte sich nicht nur der Raum automatisch, sondern auch ein installiertes Radio fing sofort an zu spielen. Noemis Schlafzimmer hatte eine Größe von etwa dreißig Quadratmetern, doch das Badezimmer musste noch ein wenig größer sein. Mitten im Raum war eine riesige runde Badewanne im Fußboden eingelassen. Um sie herum standen drei voluminöse Palmen, die von unten mit leicht grünem Licht angestrahlt wurden. An der Seite befand sich über die volle Breite des Raumes ein Milchglasfenster, durch das gefiltertes Tageslicht eindringen konnte. Am auffälligsten waren jedoch vier Marmorsäulen, die die Decke zu tragen schienen. In exakt gleichem Abstand umgaben diese den runden Pool. Die anderen drei Seiten des Raumes wurden durch orientalische Ornamentfliesen zum Leben erweckt. Dieser fantastische Raum glich einer Halle oder einem antiken Badehaus, doch die warme Harmonie aller Details, die liebevoll in Szene gesetzt wurden, hätten jeden Besucher zum langen Aufenthalt animiert.
Noemi hatte sich bereits seit langer Zeit an diesen Anblick gewöhnt, sodass sie ihr Hauptinteresse der morgendlichen Toilette widmete. Nach wenigen Minuten war sie fertig und verließ das Badezimmer. Als sie im kleinen Flur stand, hörte sie ein Piepsen. Es war die Kaffeemaschine, die auf sieben Uhr eingestellt war. So wusste Noemi immer, dass sie noch Zeit hatte, aus ihrem Schlafzimmer die passenden Sachen zu holen. Gezielt entnahm sie ihrem begehbaren Schlafzimmerschrank, der durch eine Glastür erreichbar war, ihre Garderobe. Sie bestand, wie meistens, wenn sie ins Geschäft fuhr, aus dunkelblauer, schwarzer oder dunkelgrauer Kleidung. Eigentlich mochte sie keine Stoffhosen, doch heute entschied sie sich für eine dunkelgraue Kombination. Im Nu hatte sie ihre Unterwäsche angezogen und auch die Kombination. Am Schluss holte sie zielsicher aus einem anderen Teil des Schrankes schwarze, halbhohe Pumps. Sie wusste, dass die Höhe der Absätze bei ihrer Kundschaft von großer Wichtigkeit war. Zu niedrig bedeutete bei ihrer jüngeren Kundschaft, dass sie privat eventuell ein Hausmütterchen war und zu hohe Absätze bedeuteten bei ihrer älteren Kundschaft, dass sie vielleicht zu jung oder sogar unseriös war. So hatte sich Noemi ein beträchtliches Arsenal von Schuhen gekauft, so wie es auch andere Frauen besaßen, nur mit dem Unterschied, dass Noemi über hundertfünfzig Paar besaß, allein für ihr Geschäft eine Auswahl von fünfzig. Die meisten besaßen eine Absatzhöhe von sechs Zentimetern, was gesellschaftlich geduldet und akzeptiert wurde.
Sie verließ ihr Schlafzimmer und durchschritt den langen Korridor in Richtung Büro. Das Büro war zweckmäßig ausgestattet. Außer einem großen Glastisch, worauf sich ein Computer und ein Drucker befanden, waren nur noch ein Bürostuhl und metallene Regale zu erkennen, die in großer Anzahl an der Wand standen. Der Raum strahlte keine sonderliche Wärme aus. Alles war akkurat aufgeräumt und zeugte davon, dass dieser Raum nur pragmatischen Dingen diente.
