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Wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt und die Tonspur des Lebens Änderungen anzeigt. Der Journalist Marten Johannson, im fünfundfünfzigsten Lebensjahr, bricht aus seiner gewohnten Existenz aus und wagt den gesellschaftlichen Ausstieg. Bislang hatte Marten sein durchaus geregeltes Leben ordentlich gemeistert, doch mit den Jahren spürt er zunehmend mehr, dass ihm die Ausdauer abhanden kommt und Kräfte schwinden. Er macht sich auf die Suche, um seinem Leben einen weiterführenden Sinn zu geben. Doch was hat das für Konsequenzen? Kann man so einfach ausbrechen? Das Abenteuer beginnt. Der Ausbruch aber wird zum viel sagenden, phantastischen Ernst. Ein Märchen für Erwachsene? ... Vielleicht.
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2015
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www.tredition.de
© 2015 Dr. Thorsten Lindemann
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Buchgestaltung: Dr. Thorsten Lindemann
Titel-Foto: Dr. Thorsten Lindemann – Darß, Ahrenshoop
ISBN –
Hardcover:
978-3-7323-2649-5
Paperback:
978-3-7323-2648-8
e-Book:
978-3-7323-2650-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
THORSTEN LINDEMANN
AndersWo als sonst
… wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt …
Lauri,
unserem letzten Vögelchen,das dem Nest entflog,
gewidmet.
THORSTEN LINDEMANN
AndersWo als sonst
… wenn die Zeit sich merkbar vom Fleck rührt …
… JENSEITS DER ZEITEN
SICH WEIT ÜBERSCHREITEN …
Vorwort
Die Geschichte Marten Johannsons ist nicht fern heutiger Tage.
Vielmehr ist sie sogar zeitnah eines jeden von uns, und es stünde jedem gut, diese mit Aufmerksamkeit sich eigen zu machen.
Um den zeitlichen Bezug deutlicher bilden zu können ist also zu vermerken, dass die zuvor angezeigten „heutigen Tage“ im Grunde der Zeit selbst entbehren da sich diese im wesentlichen doch eher zeitlos darstellen und frühere oder ebenso kommende Tage gleichermaßen, dessen kann man sicher sein, entsprechen.
Diese Geschichte erhob in uns das lebhafte und eifrige Wollen auf gewissenhafte, schriftliche Niederlegung, denn was wäre eine erstrangige Ordnung, die sich mit Oberflächlichkeit getränkt, abstoßend und unfruchtbar dem Lesenden zeigte.
Und dieses sei noch erwähnt: Niemand von uns hätte anfänglich dieser Niederlegung in Erwägung gezogen, dass diese Schrift aus bestimmten Anlässen heraus, anstelle des „Tragenden“ selbst, von uns würde eines Tages weitergeführt werden müssen. Es ergab sich so, wie man sich dem zweifelsohne fügt, wenn Unausweichliches sich einstellt, … und unter den klangvollen, kommenden Umständen ohnehin.
Aber vielleicht ist alles auch ganz anders gewesen, … so sicher kann man sich dessen letztendlich auch nicht sein.
Nun, … so wird es nicht an Schwierigkeiten fehlen dieses gewaltige Ansinnen niederzulegen, … und es muss sich seine Zeit nehmen.
So soll die Geschichte mit diesem Augenblick nun auch beginnen, und in der Hoffnung, dass es gelingen möge.
I
Ein Mann im sogenannten besten Lebensalter, um nicht zu sagen, im fünfundfünfzigsten, willentlich alleinstehend, Arbeitskollegen bezeichneten ihn häufig als „besonderes Exemplar“, ging in seiner Heimatstadt die menschenleere, schmale Straße entlang. Schon oft war er diese entlang geschlendert. Zu dieser nächtlichen Stunde, die Uhr wies weit nach Mitternacht, musste es sehr unwahrscheinlich sein, jemanden zu begegnen. So ging er diesen Weg, um auf etwas aufmerksam gemacht zu werden von dem er nur schemenhaft ahnte. Wie es ihm ins Bewusstsein dringen sollte war gleichermaßen unklar, aber dass es an Bedeutungskraft dann, so das Besondere geschah, nicht mangeln sollte, war ihm gefühlsbetont durch eine nächtliche Eingebung, Ungläubige mögen es einfach nur „Traum“ nennen, erkennbar geworden.
Schleierförmig legte sich der Nebel auf das Kopfsteinpflaster der Großstadt. Die Gebäude, im hanseatischen Jugendstil, wie in einer Geraden gezogen, … links-, so auch rechts, vierstöckig, wirkten im mageren Licht der vereinzelt stehenden Straßenlaternen bedrohlich. Nur am Ende der Straße war Betriebsamkeit zu vermuten, mochte dieser Eindruck auch ausschließlich an der auf- und abblinkenden Leuchtschrift eines dort auszumachenden Lokals liegen. Weiterführend dieser Lokalität selbst, konnte es sich nur verzetteln, so nichtssagend schien sich das darauffolgende mit der Schwärze der Nacht auszumalen.
Und so ging die besagte Person geradewegs, die Nachdenklichkeit war ihm förmlich anzusehen, auf diese Stätte zu.
Marten Johannson, so der Name, stand nun vor dem in Rede gestellten Gebäude, … einem Wirtshaus, und da das Äußere dieser Räumlichkeit wohl eher einer heruntergekommenen Kneipe aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entsprach, schwangen sich in ihm Zweifel auf, die sich, allem voran, eher an eine Umkehr deutlich machten.
An der Fassade des Hauses mangelte es nicht nur an einem frischen Anstrich, sondern ebenso an den notwendigsten Ausbesserungsarbeiten. Die Eingangstür, mit den zurückliegenden Jahrzehnten unweigerlich mitgealtert, machte beim Öffnen dermaßen ächzende Geräusche, dass dem nächtlichen Besucher instinktiv die zweite Hand zu Hilfe eilen musste, um gegebenenfalls den Einlass vor dem aus den Angeln geraten zu bewahren.
Über den frühen Abend hinweg hatte es sich mehr- und mehr abgekühlt, und nun war es Nacht geworden, … eine kühle Nacht.
So wollte es dem Pilger letztendlich passend sein. Er betrat den Gastraum der Schenke. Marten ging, so als wäre er hier schon des Öfteren gewesen, leichtfüßig in die hinterste, linke Ecke des Schankraumes, entledigte sich nicht seines durchnässten Crombie Coats, nahm auf einen ungepolsterten Stuhl Platz, atmete deutlich hörbar auf und würdigte dem Um-sich-herum keines erwähnenswerten Blickes. Wie eigentlich nicht anwesend, so wollte er sein, und gleichzeitig suchte er, dem Widerspruch entsprechend das, was sich merkwürdig angekündigt hatte.
Fast zwei Stunden Fußmarsch lagen hinter ihm. Es war zu erwarten gewesen, dass diese Tollheit ihn aus seiner Alltagswelt handfest herausreißen würde, allemal zu dieser fortgeschrittenen Stunde. Pflichten, die noch am späten Abend berufliches deutlich machten, drangen in den Hintergrund und wurden annähernd bedeutungslos. Die wässerigen Aussichten allerdings, die mit seiner gegenwärtigen Realität in die Zukunft wiesen, versprachen sich als halsstarrig und ausdauernd, und dennoch, … so, als wenn das bestimmende Gewicht eher dem Guten, dem Hoffnungsvollen, dem zu erwartenden Lichtblick zugewandt sei, übertraf die Zuversicht dieser Nacht den gebeugten Geist, … ja, selbst aus dem Federfuchser, dem Umstandskrämer, etwas wie einen Abenteurer machte.
Eigentlich hatte er nicht beabsichtigt die außergewöhnliche Mitteilung seines Traums, die ihm vorgestern den Schlaf geraubt hatte, ernst zu nehmen. Doch blieb etwas Gewichtiges zurück, das nicht einfach so beiseite gelegt werden konnte, … schließlich war selbst auferlegtes seine Leidenschaft schon immer gewesen.
Zweifellos war Marten vor dieser entrückenden Botschaft noch in eingefahrenen Gewässern gerudert, doch seit der abwegigen und gleichzeitig, bemerkenswerten Eröffnung, lief ihm das Ruder zusehends mehr aus den Händen. Die zurückliegenden Jahre, … Jahrzehnte, … über drei Jahrzehnte, lasteten mit dieser lichtscheuen Bekanntgabe fühlbarer als je zuvor auf seinen Schultern. Die berufliche Leidenschaft als Journalist hatte ihn bereits vor Jahren verlassen. Korruption und so manche halb-kriminellen Machenschaften nahmen sich immer mehr Raum im Berufsalltag, und wer sich auf dieses anrüchige Bühnenstück nicht einließ, dem wurde es schwer gemacht. Nein, … ihn sollte dieses Diktat nicht beugen und so kämpfte er Tag für Tag gegen das an, was sich in ihm zunehmend aufbäumte. Doch steter Konflikt zehrt und macht mürbe, … so sehr, dass es auch für ihn kaum noch zu ertragen war.
Und so wurde es mit der Zeit dringlicher als befürchtet. Baldigst musste sich eine Umkehr abzeichnen.
Marten Johannson lenkte nun seine Aufmerksamkeit auf die ihm angezeigte Hoffnung, so abenteuerlich dieses auch angesichts des eigentlich Absonderlichen war.
Der Gastraum war merklich überheizt. Marten wunderte sich nicht sonderlich, dass zu dieser nächtlichen Stunde kein weiterer Gast anwesend war. Doch das selbst das Personal sich nicht zeigte, war ihm zwielichtig.
Deutlich hörte er Schritte. Manchmal meinte er, dass sich das Hörbare wieder von ihm entfernte oder gleich bleibend Distanz hielt, sich mitunter wie nicht da gewesen unhörbar machte. Irritiert schaute er um sich, wendete seinen Körper zurück und senkt den Blick auf die Tischoberfläche die vor ihm lag und allerlei Regelwidrigkeiten aufwies. So, … und nicht anders, übermalte er das zuvor aufgenommene mit Bedeutungslosigkeit.
»Nun geben sie schon her!«, sprach urplötzlich eine Stimme jäh in lautstark, tiefer Tonlage auf ihn ein, und der Angesprochene erschrak dabei dermaßen, dass er nicht nur unwillkürlich deutlich hörbar aufatmete, sondern ebenso spürte, wie sein Herz kurzfristig den Rhythmus verlor. »Nun machen sie schon!«. Marten sah auf und erblickte eine Person mit überschlägig halbweißer Schürze. Um den beleibten Bauch fand sie leidlich Halt.
Wie aus einem Traum erwacht, … säumig, begriff Marten, dass der Schankwirt vor ihm stand und um seinen durchnässten Mantel bat.
»Entschuldigung. Ich habe sie nicht kommen hören!«. Marten wandte sich noch umständlicher auf seinem Stuhl herum und reichte den durchnässten Mantel über den Tisch herüber. »Ich hätte gern einen heißen Grog.«. Der Wirt entgegnete nichts. Was für eine außergewöhnliche Tätowierung die Person auf seinem Unterarm doch trug. Marten meinte, einen ansehnlichen Baum mit weit ausladender Krone erkannt zu haben.
Mit schweren Schritten entfernte sich der Wirt. Das regennasse Bekleidungsstück über die Armbeuge gelegt hinterließ eine Spur Regentropfen auf dem Boden. Sodann verließ der Wirt den Raum und ging erneut bis fast ins Unhörbare. Eine so- oder so hohlklingende Stimme war mit Mühe zu erhaschen, eine weitere in tieferer Tonlage, mutmaßlich die des vorgenannten Wirts, entgegnete etwas, … das Gesagte blieb unverstanden.
Der Gastraum war gepflegt und mit dunklen Holztischen sowie Stühlen, die im Kolonialstil gehalten waren, möbliert. Der Raum selbst gab wohl nicht mehr Platz her als für drei- bis vier Stammtischgelage. Die Theke, … die Kommandobrücke, entsprach den üblichen, also praktischen Notwendigkeiten: Zwei Zapfhähne, ein Spülbecken mit Abtropffläche, zwei getrennt voneinander, metallisch matt glänzende Abstellplätze, zeigten sich dem Betrachter. Frontseitig dienten dunkle Sparrenhölzer als Verkleidung und gaben dieser Arbeitsstelle vom äußeren Eindruck her Abstand zum Bewirtungsraum. Bierglasbelegte Regale hielten sich, was an der mageren Bestückung liegen mochte, eher im Hintergrund. Und die Wände des Raumes ergraut, … wie fürchterlich, ließen ehemaligen, helleren Anstrich vermuten, gleich der Zimmerdecke, die zudem noch schmierig glänzte. Von den schweren, verfehlt dazugehörigen, rosafarbenen Gardinenvorhängen einmal abgesehen, präsentierte sich die Räumlichkeit letztendlich wie das Äußere des Gebäudes im Stil der fünfziger Jahre, … streng und gediegen, erdrückend dunkel. Es war nicht zu übersehen das der Dielenboden, und mit unsichtbarer Jahreszahl versehen, viel an vergangenem Geschehen trug. Die sprichwörtlich begangenen Jahrzehnte konnten durch abgetragene, hell geschlurrte Wegungen unschwer ausfindig gemacht werden und mehrere Ereignisse, die außerhalb des gewöhnlichen sich befanden, ließen sich überdies mit einer gewissen Art von Strenge anfügen, … provozierten förmlich zum Augen aufreißen.
Marten hatte nicht wirklich beabsichtigt diese Unternehmung sonderlich wichtig zu nehmen, doch gleichwohl war es ein Hoffnungsschimmer, der sich ihm schillernd vorstellte. Vielleicht wollte er sich auf dieses Vorhaben auch nur einlassen, um sich später nicht sagen zu müssen, dass er diese Möglichkeit der Umkehr ausgeschlagen hatte.
Was konnte der Suchende von der gegenwärtigen, nächtlichen, fast zeremoniellen Unternehmung erwarten? Das Mitgeteilte im Traum, das auf diese Nacht aufmerksam gemacht hatte, war zu seltsam, um es einfach von sich weisen zu können. ›Warte auf das, was sich bei dir einstellt!‹, so sprach es in ihm.
Immer noch wartete Marten auf den bestellten Grog. Ihm fröstelte. Dennoch bildeten sich allmählich Schweißperlen auf seiner Stirn. Hatte der Wirt überhaupt seinen Wunsch aufgenommen? Warum tat Marten sich als Gast dieses Hauses nicht danach um? Warum gab er sich mundstill? Lag ein nicht bestimmbarer Zauber auf ihm? Doch schob er seinen Stuhl nach kurzem Innehalten zurück und stand sogleich auf, ging zum nahegelegenen Fenster und schob den schweren Vorhang mit einem Ruck zur Seite. Er schaute in das Dunkel der vor ihm liegenden Straße. Es regnete immer noch Bindfäden. Das Kopfsteinpflaster der Fahrbahn, auch die schmalen Fußgängerstreifen, links- und rechts der Passage, welche sich nur durch das veränderte, um fünfundvierzig Grad gedrehte Verlegemuster der Steine anders kenntlich machten, glänzten speckig. … Und Marten glaubte seinen Augen nicht. Vorhin war ihm das Gebilde nicht aufgefallen. Das es so etwas überhaupt noch gab. Auf dem abseitigen Gehweg stand tatsächlich eine ebenfalls in die Jahre gekommene Litfaßsäule.
Wir, die Erzähler, mögen nicht beschwören, dass sich dieses Relikt auch heute noch dort befindet, so außergewöhnlich war auch die gewählte Stelle vor Ort anzusehen.
Jedenfalls durchschnitt dieses zylinderartige Gebilde den Gehsteig fast gänzlich in seiner vollen Breite, was ohne Zweifel als unmöglich zu bewerten galt, … doch war es so. Auf der Mantelfläche der Litfaßsäule befanden sich eine Vielzahl mitteilender Texte und Darstellungen. Apotheken empfahlen rezeptfreie Produkte, ein Schuster warb um seine Künste und Reiseunternehmen priesen Tagestouren an. Marten stach aber ein schlichter Bogen Papier, der durch seine Einfachheit sich hervortat, ins Auge, und obwohl nur ein Wort, fürwahr mit außerordentlich schön geschwungener Handschrift, auf diesem geschrieben stand, meinte er etwas magisches aufnehmen zu können: „Skipper“, … einfach nur „Skipper“, stand auf diesem Papier zu lesen. Und plötzlich, und auf eine nicht ausreichend und wirklich genug greifbar gewissen Weise, fühlte sich Marten beobachtet. Auch konnte es Einbildung sein, aber wer wollte dafür die Hand ins Feuer legen. Etwas zu überschwänglich zog er den zur Seite geschobenen Vorhang zurück.
Und genau in diesem Moment, just wie aus heiterem Himmel heraus, wurde ihm brennender als zuvor deutlich, dass er sich voll- und ganz auf das einlassen musste, was sich ihm in der besagten Nacht mitgeteilt hatte. Ihm, … Marten Johannsen, wurde klar, dass sich der Wandel, der den Ausstieg aus seinem bisherigen Leben bedeuten konnte, nur mit dem Einlassen auf das zu erwartende Phänomen entwickeln konnte. ›Warte auf das, was sich bei dir einstellt!‹, wachträumte es ihm nochmals vor. Und schwebend zwischen dem Jetzt- und dem Hier und dem Unbekannten, dem Hintersichlassen, fragte er sich, wie es ihm ergehen würde, wenn er alle Türen hinter sich zuschlagen tät. Vielleicht war es unklug dieses zu wagen, vielleicht war es aber auch ausschließlich dieser Weg der begangen werden musste, um aus der unbefriedigenden und belastenden Tretmühle heraustreten zu können.
Von der Straße her drang jetzt eine unangenehme Machart metallischen Schleifens zu ihm vor. Es folgte darauf in Achtung gebietender Weise, ein schlagartig, dumpfes Poltern. Stille. … Ein Motor heulte gequält auf. Eine Wagentür wurde geöffnet, schlug donnernd zu, kränkelndes Getrieberasseln. Marten rekelte sich nicht vom Tisch auf, blieb aufmerksam doch gelassen auf seinem Platz sitzen, … was sollte schon passiert sein.
Er wünschte sich am Ziel und nicht nur im täglichen Klimmen daran erinnert zu werden.
»Es ist so sonderbar!«, murmelte er leise vor sich hin. In ihm stieg eine unangenehme, gleichwohl aufsteigende Übelkeit in den Leib. Und plötzlich, und mit einem einzigen Ruck, drückte er sich beidhändig vom Tisch hoch und versetzte dem Stuhl mit seinen Kniekehlen einen Stoß, sodass dieser hinter ihm polternd zu Boden ging. Schweigend verließ er die Schenke. Seinen Mantel vermisste er nicht. Und es regnete Bindfäden.
Von hier- bis dorthin ist kein Katzensprung und so schon gar nicht, … doch war es ihm recht so.
Obwohl Marten nur wenige Stunden Schlaf hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich erholt genug, um mit dem anliegenden Tag einen Wendepunkt setzen zu können. Kein Mensch musste wirklich informiert werden. Alles konnte einfach so geschehen, gleich einer geradlinigen, naturgemäßen Einfachheit. Die Redaktion lief auch ohne ihn, und kein Sterblicher sollte behaupten, dass er nicht ersetzbar wäre. Seine Wohnung, und alles was sein Dasein ausmachte, konnte für geraume Zeit sich selbst überlassen bleiben, nichts musste letztendlich darauf vorbereitet werden. Seine dann körperlose Existenz an diesem Ort, die hernach, … zumindest übergänglich, und folglich nur auf Formalität sich gründen sollte, stand dem Vorhaben nicht hinderlich entgegen, und das Ersparte auf der Bank würde für die zunächst angedachte Zeit ausreichend sein. Marten fing an zu packen.
Es war spät als er sich in den Sessel fallen ließ und auf seine Reisetaschen blickte, die bepackt vor ihm standen. Draußen hatte der Regen noch nicht aufgehört sich zu ergießen, und obwohl er sich seiner Sache immer sicherer geworden war, stieg ein Zipfel Wehmut in ihm auf. Er putzte seine Brille übertrieben gründlich. Bargeld hatte er vorerst genug bei sich. Er verließ seine Wohnung, schloss die Tür hinter sich zu, vergewisserte sich dessen dreimalig, wunderte sich nicht über die Wiederholungstat, und nahm den Fahrstuhl, den er bislang immer mit Erfolg umgangen hatte.
Der Aussteiger verließ das Gebäude. Das Taxi wartete schon geraume Zeit vor dem Hauseingang. Als der Fahrer ihn taschenbepackt sah stieg er aus seinem Fahrzeug und öffnete zügig den Kofferraum, … wortlos, und nachdem Marten das Gepäck ihm übergeben hatte, hielt der Aussteiger, … der Überläufer, sich mit den Augen ein letztes Mal am Wohngebäude fest.
Doch wiewohl auch ein Brocken Melancholie sich eingeschlichen hatte, … genau das war es, auf das er sich einlassen musste.
Während der Fahrt zum Bahnhof, gingen ihm pfeilschnell all die Gedanken durch den Kopf, die sich über die Zeit hinweg angesammelt hatten, bis hin schließlich zur nächtlichen Weisung.
Er fuhr keiner ungewissen Zukunft entgegen, sondern eher der Zuversicht.
Das Wagnis begann.
Und stillschweigend schaute er auf seine Hände, an denen sich erste Altersflecke zeigten.
II
Manchmal ist es so, als rutschte man wie vom Winde getrieben vom Wege ab, um sich dann zu verlieren!
Marten saß auf einer Parkbank direkt vor dem um neunzehnhundert erbauten Backsteingebäude und streckte seine Beine in die Länge. Die Arme hingen ihm wie mit Ballast beschwert herunter, … die Hände klammerten sich an der vordersten Sprosse der Sitzfläche fest. Eigentlich saß er halb kursiv abfallend zum Weg, der sich auf dem Areal schmalspurig entlang schlängelte. Marten genoss die abendliche Herbstluft. Kühl machte sie sich, und es war zu vermuten, dass mit zunehmender Stunde diese sich noch mehr zurücknehmen wollte.
August der Zweite, auch AdZ genannt, … es gab noch einen Ersten, zog wieder seine allabendliche Schnellgehrunde in eine für ihn angemessene Distanz zum Zuschauer, … schließlich mochte AdZ keine Menschen. Seinen Betreuer allerdings, der wie angewurzelt, und an einer strategisch wichtigen Position Posten bezogen hatte, verehrte er leidenschaftlich. Bei dem Schneckentempo, das AdZ heute an den Tag legte, würde die sportliche Einlage wohl mehr als dreißig Minuten andauern.
Für diese Art der Einrichtung gab es nach Martens Vorstellung viele Namen. Pflegeheim war wohl die harmlosere Bezeichnung. Marten stellte für sich persönlich die Bezeichnung „Sanatorium“ in den Vordergrund. Irrenanstalt, Klapse, selbst Nervenklinik, … all das klang ihm zu anrüchig.
Zwischen den schnell dahinziehenden Wolkenfetzen gesellten sich zu dieser Abendstunde hin- und wieder bescheiden funkelnde Sterne, und der Mond trat gelegentlich und taktvoll diesem Himmelsschauspiel bei. Das Nachtgestirn Luna gab einen zumeist Silber schimmernden, blassen Glanz von sich.
Marten kam aus seinem Wachtraum heraus und blickte sich um. Keine weitere Menschenseele konnte er entdecken. Nur die besagten zwei Gestalten setzten sich ihm unwillkürlich ins Bild, wobei die Pflegekraft, … Marten wusste nicht wie, sich dermaßen leiblich betont an einen Baum anlehnte, dass sich ihm zwangsläufig der Eindruck einer lasterhaften Nebenrolle vermittelte. Alzheimer, der sich in der Regel zu dieser abklingenden Tageszeit zu Marten gesellte, hatte sich noch nicht eingefunden. Sprach das wieder einmal dafür, dass er in seinem vergitterten Bettlager kaltgestellt war? Gestern noch schipperten sie abermals in Alzheimers Kindheitstrauma „Eisenbahnfahrt“ herum, … zu jener Zeit war er gerade acht Jahre alt. Als Marten auch diesmal glaubte, das Thema beiseitelegen zu können, fragte Alzheimer erneut nach dem Bahnschaffner, der wohl auch bald kommen müsste, um nach dem Fahrschein zu fragen, den er, … Alzheimer, in seinen Hosentaschen auch heute nicht finden konnte. Selbst acht Jahrzehnte danach rührte sich noch die Angst in ihm vor der uniformierten Amtsperson im Abteil.
Selbstverständlich hatte auch Marten seine inneren, bleibenden Aufzeichnungen. … Er veranschlagte die vergangene Zeit für sich mit einem Jahr. Damals bot sich ihm folgendes Schauspiel: Ein halbstarker Fahrgast der regionalen Verkehrsbetriebe saß im Abteil mit mitleiderzeugendem Gesichtsausdruck. Als der Schaffner nach dem Bahnticket fragte, musste dem Jüngling urplötzlich aufgegangen sein, dass er der deutschen Sprache nicht mehr mächtig sein durfte, und so war es leidig anzuschauen wie, … und mit welcher Mühe, sich der Leidgeplagte nunmehr auftun musste, um nicht auffindbares deutlich genug dem Bahnbediensteten gegenüber zu vermitteln. Es war beeindruckend, … umsomehr, da noch wenige Minuten zuvor die besagte Person durchaus in der Lage gewesen war sich hiersprachig, … zwar gebrochen aber immerhin, gut mit einem gleichaltrigen Landsmann zu unterhalten.
›Nicht immer muss man der rechten Szene angehörig sein, wenn man darüber spricht.‹, dachte sich Marten kurzfristig aus diesem Rückblick heraus. Doch musste man heutzutage aufgrund diverser, gesellschaftlicher Verklemmungen, … zumindest was das anging, achtsam sein.
Irgendwann, Marten war sich sicher, sollte auch in diesem,
… zugegeben, eher kleinlichen Punkt, die Kneifzange angesetzt werden.
Zum Schluss kapitulierte der Bahnbedienstete, oder wenn man so will, die redlich sich verhaltende Gesellschaft, … demgemäß, weil es tolerant zugehen muss.
Marten fragte sich aufs Neue, was „Normalität“ heutzutage wirklich verkörpert. Oder konnte es tatsächlich der gelegentlichen Einbildung zusprechend sein, dass es das sittliche Gute und Ehrliche auf diesem Planeten kaum noch gab, … vielleicht sogar niemals gegeben hatte? ›Möglicherweise haben die da draußen, in der vorgeblichen Normalwelt, eher eine Klatsche.‹, sagte sich der Denker inwendig, nachdem sein geistiges Abdriften ein vorläufiges Ende gefunden hatte.
Damals, … jetzt sogar Jahrzehnte zurückgedacht, war Marten eher zurückhaltend als zugänglich. Auch als wissbegierigen jungen Menschen konnte man ihn nicht unbedingt bezeichnen. Mochte es an der noch murmelnden Restpubertät gelegen haben? Auch seine Schulzeit war also nicht unbedingt das, was ihn später ausmachen sollte. Doch konnte er gleichwohl mit seinem Schulabschluss etwas anfangen. Er wollte also schon, und wenn man wollte, ging es auch im Regelfall, … damals. ›Heute nicht mehr?‹. Die Antwort blieb er sich schuldig. Der junge Marten Johannson forderte sich also auf, mit einer Ausbildungsstelle zuverlässiges Territorium zu betreten und huschte als sicherer Kandidat der Regelgesellschaft hinzu. Auch durfte er mit dem Eintritt in die Lehre zum Drucker noch das letzte Kapitel der Lohntüten miterleben. Doch war er sich in seinem geistigen Ausflug nicht mehr so sicher wie viel DM sich in jenen Tagen für ihn darin befanden. Nach der Ausbildung, die er mit durchschnittlich „gut“ abgelegt hatte, wollte dieser Beruf ihn allerdings nur noch wenige Monate begeistern. Kurzum, … ihm flog einiges, dass wohl von Bedeutung gewesen sein musste, dermaßen übermäßig zu, dass er das kürzlich erreichte beiseitelegte. So beschloss er, ein weiteres Berufsbild für sich als funkelnd hervorzuheben. Und mit dieser Erkenntnis kam Marten zum Arbeitsmaterial „Mensch“. Er versuchte sich mit der Ausbildung zum Heilpädagogen, die in einer Behinderteneinrichtung über die Bühne gehen sollte. »Fang an vernünftig zu werden.«, sprach eindringlich der Ausbildungsleiter am ersten Tag zu ihm. »Wenn du noch nie einem Tier etwas zuleide getan hast, … dann bist du hier genau richtig.«. Manchmal keuchte Marten, oft verlor er jegliche Zuversicht, gelegentlich war seine Stimme schwach; … wie bodenlos verloren das Wesen Mensch doch sein konnte, … und doch so stark. Nach verkürzter Lehre, seine Erstausbildung kam ihm zu Hilfe, legte er sich so richtig ins Zeug und fand seine Fans unter den körperlich- und geistig behinderten Menschen. … Sollte es jemanden wundern? Um es kurz zu machen, schließlich beendete er auch diese Tätigkeit nach zwei weiteren Jahren des Vergehens mit der Begründung, dass er es für angebrachter hielt, sich der „normaleren Welt“ zuzuwenden.
Ihm träumte fortan gelegentlich von mühsam angesparten Notgroschen die nicht in Hausschlachtungen angelegt werden konnten.
Annähernd übergangslos hinterließ Marten nun seine Arbeitskraft beim journalistischen Gewerbe, was einst noch ohne künstlich geschwollenen Hochschulabschluss möglich war. Seine Eltern verstanden ihn schon lange nicht mehr. Nur gut, dass er vier Jahre zuvor sich flügge gemacht hatte und als Untermieter bei einer alten Dame in Sicherheit sich wiegen konnte. Doch hätte er damals nur die Hände davon gelassen. Die Umtriebe in dieser Branche forderte ihn über alle Maßen. Zwar blieb Marten auch mit dieser neuen Tätigkeit grundsätzlich dem Gebilde „Mensch“ treu, aber was er zuvor nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass er in dieser beruflichen Sparte es mit den unterschiedlichsten Talenten aufnehmen musste.
Ungesäumt soll es nun zur Kabinettabtrift kommen, so meinen wir Erzähler.
Jahre später, um also von den Wirren des beruflichen abzukommen, inspirierte ihn der Gedanke, bereits vorzeiten eine ansprechende Friedhofsstelle zu erwerben. Genau genommen sah er sich immer schon in einem stattlichen Mausoleum in Frieden ruhen. Den klassischen Totenacker empfand er als Bedrohung. ›Wieso sollte man nicht verfrüht genug über den Tellerrand hinausschauen dürfen?‹, sagte er sich inwendig.
Schließlich erfüllte er sich vor weniger als zwei Jahren seinen Wunsch. Zwar mussten mit dem Erwerb des Friedhofhäuschens allerlei Renovierungsarbeiten bedacht werden aber das war zu diesem Zeitpunkt für ihn nicht von Bedeutung.
Was war schon Zeit wenn sie einem als nebensächlich noch erschien.
An dem instand zu setzenden Gebäude sollten nächsthin die notwendigsten Maßnahmen erfolgen. Eine kleine Einweihungsfeier wünschte Marten sich schon wenn die Arbeiten als abgeschlossen galten, … so außergewöhnlich sich das auch anhörte. Vielleicht mochten einige seiner Heiminsassen daran teilnehmen, … Freigang bekämen allerdings nur wenige. ›Auch sind noch zwei Liegeplätze in der stillen Unterkunft zu vergeben.‹, dachte er sich insgeheim, aber das ließe sich auch noch später regeln. Irgendeinem beliebigen Publikum wollte er sich allerdings auch nicht öffnen, … wo käme er denn da hin.
Marten wurde es allmählich zu kalt auf der Parkbank. AdZ hatte seine Schnellgehrunde beendet und machte sich scheinbar auf den Rückweg, der allerdings unter dem Strich in das Verwaltungsgebäude der Anstalt hineinführte. Doch hatte er eigentlich dort nichts verloren. Sein Betreuer war weit- und breit nicht mehr zu sehen. Sicherlich stand er bereits mit anderen Bediensteten des Hauses beim Kellereingang an der Stirnseite des Gebäudes, um seine gewohntermaßen, zwei Zigarillos auf Lunge fix inhalieren zu können. Was sollte AdZ also aufhalten? Und so betrat er das Gebäude ohne viel Federlesens. Marten bekam später mit, dass mehrere Bedienstete sich kurz darauf aufgemacht hatten um AdZ auf die Spur zu kommen.
Eine Nullachtfünfzehn-Anstalt war dieses Stätte nicht. Der Speisesaal bot sich dem Betrachter großräumig in der Fläche und hochgebaut an. Die gewaltige Fensterfront versprach ein beeindruckendes Panoramabild, das in die rückseitige, weitläufige Gartenanlage des Areals hineinführte. Die Räumlichkeit selbst provozierte regelrecht zum Ausrichten größerer Festlichkeiten. Und so fanden alljährlich die hausinternen Budenzaubereien statt, … Musikabende, künstlerisch- wertvolle Hanswurstereien oder, … dass stand selbstverständlich außer Frage, Weihnachts- und Silvestergeselligkeiten. Der aussagekräftige Dielenboden sprach für sich und ließ einiges an Spekulationsgebilden aufkommen. Kreisrunde Holztische trugen zum angenehmen Ambiente bei und vermittelten zudem in gewisser Weise eine besondere Art der Intimität vor Ort. Die scheinbar unüberlegt dahingestellten Kübelpflanzen, es waren wohl Stechpalmen, und mit Unmengen Düngemittel gedopt, sprossen annähernd bis zur hohen Zimmerdecke himmelwärts. So zeigten sie sich, zumindest was das anging, in ausgewogener Eintracht mit den an der Zahl fünf an der Decke befestigten, weitarmigen Kronleuchtern. Obwohl die Heimleitung schon seit Jahren die Raumnutzung, auch extern der eigenen Reihen, vorantreiben wollte, schien es ihr nicht so recht gelingen zu wollen. Woran mochte dieser missliche Umstand liegen? Mit extra schweren Äxten hieb man darauf ein, doch die hängenden Schauergeschichten bekam man nicht aus dem lehmigen Boden. Dabei lag auch dieses Dilemma deutlich genug auf der Hand, … sosehr, dass man durchaus in der Lage sein konnte dieses zu erkennen. Doch zeitgeistgemäße Vorstellungen oder selbstbetrügerische Blindheit, die indes als durchaus üblich und weit verbreitet anzutreffen war, machte vieles anders. Auch wer keine Fantasie besaß, hätte sich also unter normalen Umständen vorstellen können, dass gewisse Abneigungen außerhalb des Hauses vorherrschten. Schließlich, … wer wollte schon mit Menschen, die im Heim lebten, … mit solchen auch noch, zu tun haben? Und dennoch hätte die Erkenntnis, was das anbetraf, nichts geändert; … doch meinte man weiterhin, selbst in diesem Punkt, auf den entsprechenden, schnöden Zunder angewiesen zu sein. Unter den Bediensteten der Anstalt sprach man anfangs nur gelegentlich darüber. Gleichgültig wann hörte man ein dicker werdendes Gemunkel. Man musste abwarten. So trieb der Marketingirrsinn so manchen um, … und das Betriebsklima litt. Selbstverständlich waren auch die einquartierten Dauergäste dieser Einrichtung nicht unbedingt begierig darauf Fremdlinge aufzunehmen, und selbst mit den gelegentlichen Besuchen anstaltsfremder Mittagsgäste machte man sich schwer. … Zu den Mahlzeiten erklang ein lang anhaltender, dunkeltönender Gong, der sich melodiös dazu mehrfach wiederholte und über eine erst kürzlich teuer installierte elektronisch-gesteuerte Apparatur in alle Räume geschickt werden konnte, … selbst die Toiletten waren davon nicht ausgenommen.
Marten hatte gerade seine Strickjacke am Garderobenständer vor dem Speisesaal aufgehängt, als sich in ihm zum wiederholten Male ein eigenwilliges, heimisches Gefühl auftat. ›Es ist herrlich unter Gleichgesinnten zu sein!‹, schoss es ihm durch den Kopf. An den Bekleidungsstücken gleicher Fasson, … uniformähnlich, konnte er sich geistig festhalten. So versetzte diese Feststellung ihn immer wieder in Verzückung, stellte er doch damit auch fest, dass er, Marten Johannson, hier an diesem Orte Mitglied einer besonderen Crew war.
Das Pflegepersonal rückte jetzt mit den bedenklicheren Fällen an, … der Einzug der Geschlagenen, und so war der Speisesaal mit dem Quietschen gummirollenbestückter Rollatoren und Rollstühle erfüllt. Etwas hinkende und heftig humpelnde, wenig kopfwackelnde und gewaltig kopfschüttelnde, wie auch im Gesichtszug gleichgültig ausschauende Bewohner des Hauses bereicherten den Saal.
„Scheißer“, im achtundsiebzigsten Lebensjahr und immer noch mit einem prächtigen Haarwuchs beglückt, zurückhaltend und stets lächelnd, nahm mit seiner präparierten Windel neben Marten Platz. Wie immer tastete er, … einmal hoch und einmal runter, den Rücken seines Tischnachbarn, und beidseitig der Wirbelsäule, fürsorglich ab. Wie er lauthals am Tisch schon oft publiziert hatte, um defekte Stellen, die aufgrund mangelndem Stoffwechsels als schlecht versorgt galten, bei seinem Tischfreund ausfindig zu machen. Man sprach davon, dass der hiesige Physiotherapeut diese Gewebestörungen bei Scheißer schon vor Jahren diagnostiziert hatte.
»Eigentlich sollten Windeln für unsereins heutzutage nicht mehr von sich hören lassen! Scheiße, was für eine Scheiße. Alles Arschkram!«. Dann donnerten beide Hände des Ankömmlings zu Fäusten geballt auf den Tisch hernieder; … Scheißers ritueller Abschluss zur Begrüßung. Man munkelte, dass Scheißer früher professioneller Ringkämpfer gewesen sein soll. Dass er sich nun heimlich täglich mehrere Lagen Backpapier heckwärts in die Hose einlegte, also an die Windel, … auch Pens genannt, sozusagen zwischen Inkontinenzartikel und Hose, wusste offiziell keiner, und das Geheimnis sollte ihm gegönnt bleiben. Gelegentlich flüsterte man hinter vorgehaltener Hand davon, dass der Einlagennachschub für Scheißer aus der Anstaltsküche kam, und so wunderte sich das Küchenpersonal schon seit geraumer Zeit nicht mehr, dass in gewissen Intervallen, Backpapier als Mangelware anzusehen war. Die undichte Stelle zu suchen war müßig. So ging man vonseiten des ermittelnden Küchenpersonals die Angelegenheit gemächlich an, gab doch dieser Sachverhalt auch etwas individuelles und belustigendes letztendlich her.
Ungeduldig drängte sich Parkinson, er war an die sechzig, woraus er in gewissen, regelmäßigen Abständen eine Denksportaufgabe machte, durch die hereinflutenden Massen und brüllte gellend „Tatüü-Tataa“. Dem konnte man Nachfühlen, da man wusste, dass er noch vor wenigen Jahren beim Bundeskriminalamt seinen Job als Pförtner außerordentlich pflichtgemäß getan hatte.
Alzheimers Platz musste wohl auch am heutigen Tage unbesetzt bleiben da er aus seiner Bude nicht herauskam.
Jetzt war man am Tisch 17 schon fast vollständig, … nur „die Madam“ fehlte noch, das Flaggschiff.
Die nicht akuten Fälle hatten den Vorteil des freien Zugangs zu diesem „Café de Etablissement“. Diejenigen, auf die dieses Prädikat nicht zutraf, durften nur in Begleitung des Pflegepersonals einschneien. … Jetzt also kam sie! Die, die wie aus einer anderen Welt stammende, diejenige, die ihr Fundus jeden Tag im Saal, … am Tisch, glorifizierend von sich gab.
Sie betrat also den Saal. Sie soll, … so sagte man gelegentlich, aus einem verarmten Adelsgeschlecht, das in Tschechien verwurzelt war, stammen. Das Klacken der Schuhabsätze auf dem hölzernen Bodenbelag sprach vieldeutige Bände und man musste noch nicht einmal aufschauen, um zu wissen, wer jetzt Einzug hielt. »Monsieur Jannssonnn, meine Herren, … was für ein herrliches „Cafe de Etablissement“, finden sie nicht auch.«. Marten ergriff wie immer nach dem Aufblasen von Madam seine Verteidigungsstrategie, und im Wissen, dass sie nichts wirklich übel nehmen konnte oder dieses als irgendwie anregend verbuchte, gleich einer wohltuend injizierten Substanz, entgegnete er noch vor dem sonst einsetzenden, hemmungslosen Schwatzen, denn nur einmal ging man in diese Falle: »Johannson, meine Liebe, einfach nur Johannson! Und alles in Butter mit dem nicht anwesenden, untreuen Herrn Gemahl?«. Aus einem verschwommenen Grund heraus verfiel sie dann immer, und unmittelbar nachdem ihr Gegenüber seine kleinkalibrige Munition verschossen hatte, in ein leises, zweimaliges Schluchzen, … „eins, zwei“, selten ging es auch bis „drei“, was darauf dann abschwenkte in ein kurzzeitiges und lang gezogenes, lebendiges Heulen, um folgend dem Vorangegangenen, also hernach, in ein beharrliches Schweigen überzuwechseln. Dieses Schweigen wurde sodann nur durch die zähneschrotenden Mahlgeräusche der hier Anwesenden gestört, was schlussendlich in das Abläuten der Mahlzeit durch das Anschlagen einer überdimensional großen Klangschale mündete und dieser Virtuosität ein jähes Ende bereitete. »Au revoir!«, platschte darauf stets aus ihr heraus, und sie schritt mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen von dannen; … Klack, Klack, Klack.
Mit seinen fünfundfünfzig Lebensjahren sprengte Marten das Durchschnittsalter der „Hauskinder“, so die inoffizielle Bezeichnung der hier Einquartierten, deutlich. Die Betitelung „Hauskinder“ gefiel ihm ganz- und gar nicht. Doch fühlte er sich an diesem Ort gut aufgehoben. Durch sein zuvorkommendes und vielmals hilfsbereites Auftreten hatte sich Marten ohne größere Schwierigkeiten gut integrieren können. Das Heimpersonal hielt ihn allerdings in den ersten Wochen für einen Spinner und tat den Hinzukömmling als Haustrottel ab. Wenn schon nicht mit attestierter Verrücktheit belegt, dann eben ein Extremdepp, so hieß es.
Mittlerweile konnte Marten sich schon an die sechs Monate zum Haus hinzugezählt betrachten.
Vor seiner Aufnahme in diese privat geführte Anstalt musste er den Anstaltsleiter allerdings von seinem doch eher außergewöhnlichen Wunsch, … also, der eigenen Klausur oder Abnabelung gegenüber der sogenannten Normalwelt hin, nicht nur überzeugen, sondern sich obendrein noch zu einem nicht unerheblich, finanziellen Beitrag bekennen. Immerhin konnte Marten sich alsdann für zunächst fünf Jahre in Sicherheit wiegen, danach stände, bei sozusagen „guter Führung“, der unbefristeten Verlängerung nichts mehr im Wege.
Marten, … und das tat er auch gelegentlich kund wenn man ihn danach fragte, gestand ohne Scham, dass man zunächst seinen unversehrten Geisteszustand doch arg in Zweifel zog, … oder, zumindest diesen in eine besondere Nische schob, was aber letztendlich ihm auch recht gewesen wäre, denn täte es seinerzeit dabei geblieben sein, … also, hätte sich eine Bestätigung gefunden, erblickte er ja gerade dann hier den ansprechendsten Ort für sich, also quasi fachlich attestiert. Aber die vorschnell getroffene Hypothese einiger bestätigte sich auch mit den üppigsten Untersuchungen nicht und so nahm der imaginäre Patient das Ganze gelassen hin und ließ sich nicht von seinem gesetzten Vorhaben abbringen. Nachdem also die Untersuchungen Abhandlung gefunden hatten, trug man ihm zunächst eine dreimonatige Probezeit an. Und schneller als gedacht verlief sich diese in der Zeit, … und es wollte ihm unerklärlich bleiben, wie zügig sich Stunde und Tag zum Verschwinden bringen konnte.
So war Marten also mit diesem Fluchtort zufrieden und lebte unbeschwert in den Tag hinein. Auch erwies er sich als mustergültiges Mitglied dieser geschlossenen Gesellschaft. Grundsätzlich und mühelos unauffällig, passte er sich dem Anstaltsbetrieb an und dank seiner robusten Gesundheit kam er selbst noch nicht einmal in die missliche Lage ärztlichen Rat einholen zu müssen.
Jede zweite Woche standen Kohlrollladen mit Rotkraut auf dem Speiseplan. Scheißer setzte sich wie gewohnt neben Marten und handelte notorisch seine rituelle Begrüßungsformel an ihm ab. Parkinson und die Madam kamen unmittelbar darauf, und diesmal mit eingehakten Armen, zu Tisch. Marten wunderte sich über diese Demonstration und hegte Hoffnung. »Monsieur Jannssonnn, mein Herr, was für ein herrliches „Café de Etablissement“, finden sie nicht auch!?«.
Sein Zimmer, mit Dusche ausgestattet, war im Vergleich zu den anderen Wohnstätten halbwegs beachtlich und bot einen angenehmen Blick in die Parkanlage des Anwesens hinein. Ein angemessener Teil seines eigenen Mobiliars war erst vor Kurzem eingetroffen und so gut es ging im Raum positioniert worden, … Bett, drei Stühle, Sessel, Schreibtisch. Seine Eigentumswohnung, weniger als zwanzig Kilometer von diesem Ort entfernt, wollte er noch nicht aufgeben. Nicht restlos waren ihm die Tücher trockengelegt.
Das Sanatorium für leicht, geistig und körperlich behinderte Menschen, in dem Marten sein Zelt aufgeschlagen hatte, war einer psychiatrischen Klinik, die sich benachbart und ebenso auf dem Areal befand, angegliedert. Im Gebäude also, in dem er sich aufhielt, waren die harmloseren Fälle untergebracht, was allerdings nicht gänzlich ausschloss, dass die härtere Klasse von nebenan auch ab- und an hier aufmarschierte. In dubiosen Intervallen drang dann die kunterbunt aussehend, fahrige Delegation zur Mittagszeit in den Speisesaal ein, um die Hauptmahlzeit hier, … manchmal sollte sich das also so ergeben, zu sich nehmen zu können. Schon Stunden vorher setzte allem Anschein nach dieser Besuch das hiesige Pflegepersonal in Aufruhr.
Aber auch in den eigenen Reihen befanden sich heikle Figuren, die mit ihren nicht unerheblichen Handicaps zu kämpfen hatten. Doch Gejammer über das persönliche Schicksal war aus diesen Kreisen Marten nur selten zu Ohren gekommen. ›Letztendlich geht es uns hier doch gut.‹, sprach er sich innerlich zu. Zumindest kam ihm das aus seinem limitierten Blickwinkel so vor. Schließlich konnte ein jeder sich hier buchstäblich in den Tag hineinfallen lassen. Warum also sollte man sich nach da draußen sehnen und den Verpflichtungen sowie deren Anomalien nachheulen. Warum Beruf, Familie, sozialer Status und die Beklopptheiten so mancher Mitbürger sich aufhalsen. Auch war ihm der immer wieder erfahrbare Else Stratmann Verschnitt zuwider. Zu oft streckte diese Gattung Mensch den Kopf aus dem Fenster und machte auf schlau, obwohl Dummheit schreien müsste.
Gegen Abend eines beliebigen Tages war eine Einführungsveranstaltung zum „Gedächtnis- & Spieletraining“ angesagt, und Marten meinte schon vor Tagen, dass er sich dieser Truppe anschließen müsste. Die Gebäudeuhr des gegenüberliegenden Bahnhofs zeigte gerade erst auf dreizehn Uhr und auf den Fluren der Anstalt kehrte vorsichtig die Mittagsruhe ein. Marten schwang sich übermütig auf sein Bett und starrte die weißgekalkte Zimmerdecke an. Was sollte ihn davon abhalten.
Das „letzte Zehntel“, was ein jeder in sich trägt und nur für einen selbst bestimmt ist, verheimlicht sich oft genug wie in einer Schmuckschatulle liegend, … stillschweigend.
Schließlich, so sagte es ihm im Halbschlaf, denn er hatte einiges von der gelegentlichen Denkweise der neu hinzugekommenen Mitstreiter begriffen, konnte man mit der Kuscheleingliederungsmethode nicht viel ausrichten. Der vorgestellte Mann vor ihm, im älteren Semester, und im kunterbunten Schlabberlook gekleidet, davon konnte dieser wohl nicht ablassen, … oder hegte er noch Hoffnung, schien seine Meinung im Laufe der vergangenen Jahrzehnte teilweise geändert zu haben und stimmte dem Träumenden, … Marten meinte ein Bejahen aufnehmen zu können, mit auffallendem Gebaren zu. Wild fuchtelte die geträumte Person mit den Armen, um das nicht Hörbare, schließlich ließ sich kein Tönchen vernehmen, verständlich zu machen. So sehr dieser Jemand sich auch bemühte, ihm kam kein Brocken über die Lippen. Der Träumer begriff. Jetzt erst sah Marten, dass diese Dramenfigur ein Pappschild um den Hals trug. Auf diesem stand in makelloser Schreibschrift niedergelegt, … „Totgemacht!“. Auch bin ich für die Wiedereinführung der Todesstrafe, denn selbst einhundertfünfzig Peitschenhiebe nützen da wenig, dachte es Marten hinzu im Traum auf irgendeine wundersamen Weise. Dem ziemlich einseitig abgehangenen Dialog trat nun auch noch ein im Nadelstreifenanzug gekleideter, junger und smart aussehender Grandseigneur hinzu, … die Haare mit Gel gesättigt, fast imprägniert. Jegliche Verbindung zwischen dem kunterbunten Jemand und der Traumfigur Marten wischte dieses Illusionsgeschöpf nun lässig zur Seite und tat seine Meinung lauthals kund. Eine Komparsenrolle kam für ihn wohl nicht in Frage. Immer wieder bohrte diese Kreatur im besagten, abstrakten Thema herum, … bis dieses, schon nach weniger als eine gedachte Minute, zerstochen daniederlag, … die eigentlich gesetzte Angelegenheit in dermaßen kleine Einzelstücke zerlegt, nutzlos geworden war, sodass die Masse nur bedeutungslos, … einleuchtend bedeutungslos, sich geben konnte. Und selbst bei größter Bemühung der bodenständigen Initiatoren es umzukehren, … wiederherzustellen, war es nicht möglich das Feingehäckselte, dass Zunichtegemachte zu kitten. Es musste ins Unmögliche führen. So blieb es, … kurz- und gut, nur ein Versuch der zum Debakel führen musste. Die plötzlich dazu und wie aus dem Nichts aufgetauchte und unter sozialpädagogischer Leitung geführte Selbstfindungsgruppe benachteiligter Jugendlicher mit dem Kastennamen „Die Gescheiterten“ schlugen nunmehr auch noch ungehalten auf Bongotrommeln ihren zwei- bis nochmehrdeutigen Takt. Der Verdruss benachbarter Anwohner, wenn es diese denn im Traume überhaupt gab, musste einschneidend sein. Marten wusste in seinem Luftschloss schon längst nicht mehr welche Person in diesem Possenstück eigentlich er selbst darstellte, was sicherlich auch daran lag, dass er als Träumer sich selbst nicht stofflich entdecken konnte. Zwar bemühte er sich, aber so sehr er sich auch beim Herunterschauen an seinem Geistkörper danach umtat, … nichts zeigte sich. Jetzt glaubte Marten, dass er beim kurzweiligen Zurseiteschauen, … eher aus einem Reflex heraus, … einen, er wusste nicht wie, bekannten Menschen ermitteln zu können. Diese neu hinzugekommene Person meinte nach kurzem Innehalten sich rundweg dazu durchringen zu müssen, sich an allen Beteiligten dicht vorbeizudrängeln. Und just, und im ungeheuerlichen Übermaße, war dieser dann auch noch unvorhergesehen vollbepackt. Beeindruckend zog der Akteur an einem fingerdicken Seil einen außergewöhnlich mächtigen Fernseher bodenschleifend hinter sich her. Zudem banden sich ein PC, ein Monitor sowie ein Drucker aus dem mehrere Blatt Papier schräg heraushingen, wohl aus einem Fehldruck resultierend, … Papierstau aufgrund lausigen Einziehens, an. Widersinnigerweise schwebte über dem Ganzen, … höchstwahrscheinlich durch eine wundersam- technische Installation bewirkt, ein hochgestelltes, blinkendes Schild mit dem Text: „Facebook, Twitter & RTL II“. ›Eine Provokation!‹, dachte die Traumfigur Marten auf eine spezielle Machart. Doch schnell verlor der Illusionist das Gespann aus den Augen. Dicht bei, und wie auf Windesflügeln, ergab sich nun dann auch der Abspann in Form einer besonderen Art von surrealer Atemnot, welche der ganzen Angelegenheit den selbstherrlichen Kehraus bereitete.
Hinüber retten konnte Marten noch, dass sich alle unter dem Strich über irgendetwas einig wurden. Genaueres konnte der Träumer allerdings auch nicht festhalten. »Lochen, Abheften, … Trugbilder nur!«, rief Marten aus sich heraus, als er annähernd fehlerfrei zu sich gekommen war. Schweißgebadet lag er im Bett. Er ächzte, rang immer noch nach Luft und strich sich übers Haar.
Der Himmel war an irgendeinem spätherbstlichen Nachmittagstag bewölkt und die Luft lag drückendschwül und zugleich gelegentlich kühl danieder. April brachte sich in den zurückliegenden Jahren immer mehr in seine elf Monatsverwandten ein und vermengte sich mit diesen zu einer bisweilen unscharfen Masse.
Alzheimer spazierte vorsorglich mit einer Winterjacke bewaffnet, die er über den Unterarm gelegt hatte, im Park herum. Hölzern setzte er einen Schritt vor den anderen und mit jedem vordrängenden Hergang, den er nach vorn oder auch manchmal kombiniert mit einer etwas abwegigen, zur Seite ausufernden, pendelnden Bewegung hin tat, schlenkerte das Bekleidungsstück ein wenig vom Körper weg.
Der Rest seiner Großfamilie hier im Heim wagte sich kaum an die Luft und blieb in alten Gewohnheiten oder Notwendigkeiten stecken. Gelegentlich schaute man das Frühstücksfernsehen, flanierte wie irr auf den Fluren, saß apathisch irgendwo herum oder war je nach Kondition mit Medikamenten stillgelegt.
Marten hatte es mal wieder auf die Parkbank vor dem Gebäude verschlagen. Dick, und bis zum Hals in eine Wolldecke eingepackt, zog er an seiner nicht gestopften Meerschaumpfeife, … ein Kaltraucher. Manchmal geriet der Pseudokiffer in das Gehabe, heftig, … drei- viermal kurz hintereinander, an seinem Kolben ziehen zu müssen, … so, als wenn etwas in ihm dazu aufrief, vielleicht doch noch nicht entdecktes ausfindig zu machen. Marten erschrak. Zwei Pfleger stürzten aus dem Haus und hetzten wie aufgescheucht durch den Park. »Haste „die Madam“ gesehen?«, fragte Wolfgang im Vorbeilaufen, ein schmächtig aussehender Praktikant, der seine letzte Woche hier vor sich hatte. Die Neckbezeichnung „die Madam“, hatte sich also auch schon unter den Bediensteten des Hauses herumgesprochen. Es war zu vermuten, dass sie sich mal wieder in der Innerstadt herumtrieb, um Schaufensterflächen in Augenschein nehmen zu können. Der Ausflug dürfte auch diesmal nicht lange währen.
Gemächlich, und mit beiden Händen in den Hosentaschen, kam nun auch noch der Hausgeistliche heranstolziert. Wie ein nasser Sack, so niederwerfend, platzierte er sich neben Marten. »Na Marten.«, sagte der Hinzugekommene. »Na Pasta.«, erwiderte der Angesprochene.«. Auch diesmal, … wie so oft, schmunzelte der Seelenhirte in sich hinein und neutralisierte das betont Verfälschte zeremoniell mit der Formel, »Gott vergibt, Django nie!«. Um dem Ganzen die Spitze zu verleihen hielt er seinen gespannten Fingerrevolver an Martens Stirn und zog kaltblütig ab, … »Peng!«, stieß es aus seinem Munde hervor. Der fiktiv Erschossene hielt die Augen fest geschlossen, … so, als wenn er ein noch säumiges Geschoss erwartete, … den zweiten Genuss sich ersehnte, einen Querschläger vielleicht. Pasta musste den Kinofilm aus dem Jahre 1967 mit dem Titel „Zwei vom Affen gebissen“ gesehen haben, … wie passend hier an diesem Orte. »Nicht sehr warm heute!«, trällert Pasta dem Erschossenen mit etwas schnatternden Lippen ins kalt gerötete Ohr, und ein wenig in höher gelegener Tonlage. Den Fingerrevolver hatte er zwischenzeitlich wieder in seiner Hosentasche vergraben. Jetzt stieß er sich aus der Sitzposition heftig heraus, … und die Parkbank knirschte verdächtig im Gebälk. Er schüttelte seinen Körper kurz und ungebärdig. So machte Pasta sich zum Abmarsch bereit. Marten schlug die Augenlider hoch. Vier- vielleicht fünf Schritte später hörte der Getötete noch wie Pasta sagte, … wohl eher zu sich als zu anderen, »Vielleicht is „die Madam“ verreckt ums Eck.«. Immer noch mit beiden Händen in den Hosentaschen verschwand der Geistliche darauf im Verwaltungsgebäude. Verspätet nickte Marten ihm zustimmend zu. ›Er wird doch wohl langsam und brockenweise mitbekommen, dass ich nicht sehr gesprächig bin?‹.
Wenig später machte sich die Gaultiertruppe zum Ausritt bereit. Jeweils fünf Bedienstete des Hauses waren zu festgelegten Intervallen im Rahmen der Supervision dazu eingeplant. Der Ausritt sollte in die Feldmark gehen. Eine dreiviertel Stunde je Gruppe und einmal im Monat, so hieß es im Haus, sollte das wohl möglich sein. Heute war Premiere.
Erst kürzlich hatte das Kuratorium diese Art der geistigen Erneuerung für seine Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter, … kurz - „MuM“ genannt, genehmigt. Auf vier Monate zunächst begrenzt, so stieß doch diese Maßnahme auf Gefallen beim Personal. Was nach Ablauf der Frist geschehen sollte lag halbwegs im Unbestimmten. Bereits angekündigt war auch die nachzuziehende Reflexion der Kampagne, mit der die Sinnhaftigkeit dieses Mittels zum Zweck in Bezug zum finanziellen Aufwand durch ein noch zu bildendes Team abgeklopft werden sollte. Wohl wieder eine „Lochen & Abheften“ – Aktion, dachten sich langjährige Betriebszugehörige, die offenbar Erfahrungen aus den vergangenen, modern gewordenen Jahren damit verknüpften. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, dass in der hierauf Bezug nehmenden Sitzung, … an jenem Tag also, an dem dieser Tagesordnungspunkt auf dem Tisch lag, der Vertreter der Kirchen im Kuratorium gut vernehmbar einen tiefen, missbilligenden Seufzer von sich gab. Behändig musste er, »Entschuldigung, aber …!«, auf die angeblich trübe Finanzlage aufmerksam machen und tat zudem deutlich, dass selbst er sich als doch leitender Kirchenmann im Kirchenkreisamt, kaum noch das Mineralwasser und Butterbrot leisten könne. Daraufhin soll sich das Gesicht der Vorsitzenden bitterernst verfärbt haben, was dann auch dazu führte, dass sie sich dazu ermuntert fühlte konkret nachzufragen, ob denn tatsächlich diese Grundnahrungsmittel, … sozusagen dienstlich, auf der Dienststelle, … sprich, in der Verwaltung, und wohlbemerkt, … dienstlich, vonseiten der Kirche, den Mitarbeiterinnen- und Mitarbeitern zur freien Verfügung gestellt würden. Und wie stände es überhaupt in diesem Zusammenhang, … darauf sollte an dieser Stelle ein Augenmerk geworfen werden, mit seinen, »Jawolllll, …«, das „h“ unterschlug die Vorsitzende und das „l“ soll sie dabei gewichtig gerollt haben, besonderen Vorräten an Schampus, Rachenputzern und, wenn man so wollte, diversen anderen Genussmitteln, wie Tabakwaren, die er hin- und wieder an seine Günstlinge verschenkte. »Davon spricht man, mein lieber Herr. Davon weiß man.«, setzte sie noch schnippisch nach. Auch Herrn Schlosser, von Beruf aus treffender Weise Bauschlosser und seines Zeichens hier in dieser Runde, nicht stimmberechtigter Beisitzer, entging diese von kirchlicher Seite aus klassenspalterische Beschneidung des Mitarbeiterwohls nicht. Innerlich würgte er den Verwaltungspfaffen mit bloßen Händen und bis aufs Blut kommend schon des Öfteren, und wenn nicht seine Sprachhemmung ihn so zusetzen würde, hätte er dem alten Sack schon längst die Leviten gelesen. Doch so begnügte sich der gedanklich Tatkräftige, … immerhin, auch diesmal mit dem eigenen, beträchtlich einsetzenden Rotwerden, … was er, sollte dieser ihm zugehörige Jammer abermals und hinterhältig erneut auf den Nebentisch gelegt werden, … und immer wieder, dann besiegelnd auf sein feinadriges Kapillarsystem zurückführen wollte. So lag es in dieser Beziehung durchaus im voraussehbar Möglichen, dass Schlosser sich traute, … irgendwann, und zumindest dann auf dieser Ebene. Nun allerdings musste diese Angelegenheit von Herrn Schlossers Seite aus wohl- oder übel stillschweigend, doch optisch sichtbar mit der Gesichtsverfärbung und durch sein beipflichtendes Kopfnicken in Richtung der Vorsitzenden getan sein.
