anderswo, daheim - Leila Aboulela - E-Book

anderswo, daheim E-Book

Leila Aboulela

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Beschreibung

Nadia merkt in den Ferien in Kairo, wie fremd ihr die Heimat ihrer Mutter geworden ist. Ein zum Islam konvertierter Schotte fliegt nach Khartum, um seine Braut zu heiraten. Als ihr Vater plötzlich stirbt, wird er mit den fremden Riten konfrontiert, die ihm mehr zu schaffen machen, als er geglaubt hatte. Farida muss sich gegen ihren strengen Vater durchsetzen, um in der Schule eine Brille tragen zu dürfen. Schadia, eine Studentin aus einer wohlhabenden sudanesischen Familie, freundet sich in Großbritannien gegen alle Hindernisse mit einem schottischen Kommilitonen aus einer Arbeiterfamilie an. Leila Aboulela verschränkt geschickt die Lebenswirklichkeiten in Ägypten, im Sudan und in Großbritannien miteinander. Ihre Figuren können im "Anderswo" nicht wirklich zu Hause sein, aber die "Heimat" ihres Herkunftslandes erscheint ihnen aufgrund ihrer Migrationserfahrungen ebenso fremd. Aboulela erzählt ohne Pathos, dafür mit feinem Wortwitz und einem genauen Blick für die Sehnsüchte der Aus- und Eingewanderten.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Leila Aboulela

anderswo, daheim

Erzählungen

Aus dem Englischenvon Irma Wehrli

Lenos Verlag

Die Autorin

Leila Aboulela, geboren 1964 in Kairo, wuchs als Tochter einer ägyptischen Mutter und eines sudanesischen Vaters in Khartum, Sudan, auf. Sie studierte Ökonomie und Statistik an der dortigen Universität sowie Ökonomie und Politikwissenschaft in London. Ab 1990 Dozentin und wissenschaftliche Assistentin in Aberdeen, Schottland. Nach Jahren in Jakarta, Dubai, Abu Dhabi und Doha lebt sie seit 2012 wieder in Aberdeen. Aboulela veröffentlichte fünf Romane, zwei Erzählungsbände und Hörspiele. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in rund fünfzehn Sprachen übersetzt. leila-aboulela.com

Die Übersetzerin

Irma Wehrli, geboren 1954 in Liestal. Studium der Anglistik, Germanistik und Romanistik. Schwerpunkt ihrer Übersetzungstätigkeit sind englische und amerikanische Autoren des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne (Hardy, Wilde, Kipling, Mansfield, Hawthorne, Whitman, Cather, Wolfe u. a.). Für ihre Übertragung des Romans Of Time and the River von Thomas Wolfe wurde ihr 2011 das Zuger Übersetzer-Stipendium zugesprochen, 2017 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Basel für ihr Gesamtwerk als Kulturvermittlerin verliehen. Für den Lenos Verlag übersetzte sie When the Emperor Was Divine von Julie Otsuka und Minaret von Leila Aboulela.

Titel der englischen Originalausgabe:

Elsewhere, Home

Copyright © 2018 by Leila Aboulela

First published in the UK by Saqi Books, 2018

E-Book-Ausgabe 2022

Copyright © der deutschen Übersetzung

2022 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung: Lenos Verlag, Basel

Coverbild: vectortwins/Shutterstock

eISBN 978 3 03925 701 0

www.lenos.ch

Inhalt

Altes und Neues

Das Museum

Andenken

Sommerlabyrinth

Der Strauss

Faridas Augen

Madsched

Der Junge aus dem Kebabshop

In Erwartung

Der Mann der Aromatherapeutin

Von Früchten

Bunte Lichter

Die Circle Line

Dank

Anmerkungen der Übersetzerin

Altes und Neues

Ihr Land verstörte ihn. Es erinnerte ihn an das erste Mal, als er einen menschlichen Knochen angefasst hatte, diese ergreifende Einfachheit, diese Stärke. So war die Gegend von Khartum; ein beinfarbener Himmel, eine Klarheit in der Wüstenluft, Kargheit. Eher streng und somit statisch. Er hingegen wurde von Gefühlen getrieben, darum war er hier, darum hatte er Grenzen und Meere überquert und ging nun durch einen Schwall heisser Luft von der Gangway zum Terminal. Sie wartete auf ihn vor dem Eingang zum Flughafen im landesüblichen Gewand, einem blassorangefarbenen Tob, der sie noch schlanker machte, als sie schon war. Ich darf dich nicht küssen. Nein, lachte sie, das darfst du nicht. Er hatte vergessen, wie quicklebendig sie war und wie glücklich sie ihn machte. Sie redete und fragte ihn aus: Bist du gut gereist, bist du hungrig, ist dein ganzes Gepäck angekommen, waren sie am Zoll nett zu dir, ja, ich habe dich auch vermisst. Ihre Stimme stockte, als sie das sagte, denn trotz ihres Zutrauens war sie scheu. Komm, jetzt gehen wir meinen Bruder begrüssen. Sie betraten einen chaotischen, staubigen Parkplatz, wo die Sonne auf den Autos glitzerte.

Ihr Bruder lehnte an einem klapprigen Toyota. Er war schlaksig und hatte einen gekränkten Blick. Er wirkte irritiert. Vielleicht weil er seine Schwester einerseits loswerden wollte und er andererseits Bedenken hatte, dass sie einen Fremden heiraten wollte. Wie nahm er ihn denn jetzt wahr, durch diese schmalen Augen, wie beurteilte er ihn? Da kam ein Europäer ihm die Hand schütteln und salamu alaikum murmeln, und natürlich trug er Jeans und ein weisses Hemd, aber für einen Ausländer war er eher zurückhaltend.

Sie sass vorn neben ihrem Bruder. Er sass hinten mit seinem Rucksack, der nicht in den Kofferraum passte. Die Autositze waren schäbig, eine dünne Staubschicht lag über allem. An den Staub werde ich mich gewöhnen, sagte er sich, aber nicht an die Hitze. Er könnte ein frisches Lüftchen vertragen und den gewohnten Geruch nach Regen. Und wenn er sie doch nur neben sich hätte. Es irritierte ihn plötzlich, und er fand es unfair, dass man sie auf diese Weise trennte. Sie drehte den Kopf nach ihm und lächelte, als ob sie Bescheid wüsste. Du ahnst ja gar nicht, wie sehr ich nach dir verlange, lag es ihm auf der Zunge, du hast keine Ahnung. Aber das konnte er nicht sagen, vor allem auch darum nicht, weil der Bruder Englisch verstand.

Es war wie eine Fahrt auf dem Rummelplatz. Die Fenster heruntergelassen; da waren Stimmen, ein Lärm und ein Hupen, Menschen liefen einfach über die Strasse, verharrten in der Mitte und berührten die Autos mit den Fingern, als ob diese gutmütige Kühe wären. Jeder dieser Passanten konnte ihn mühelos durchs Fenster schlagen, ihm Uhr und Sonnenbrille entreissen und nach der Brieftasche im Hemd schnappen. Er wollte das Fenster hochkurbeln, aber es ging nicht. Sie drehte sich um und sagte: Es klemmt, tut mir leid. Ihre Ruhe bedeutete ihm, nicht so nervös zu sein. Ein Trupp Schuljungen lief auf dem Gehsteig, einer starrte ihn grinsend an und winkte. Es fiel ihm auf, dass alle aussahen wie sie und die gleiche Hautfarbe hatten; die Frauen waren gekleidet wie sie und bewegten sich mit der gleichen Langsamkeit, die ihm so exotisch vorgekommen war, als er sie in Edinburgh spazieren gehen sah.

Alles ist neu für dich; sie drehte sich um und blickte ihn freundlich an. Der Bruder sagte etwas auf Arabisch.

Das Auto entfernte sich vom belebten Markt zu einer breiten, schattigen Allee. Schau, sagte sie, nimm deine Brille ab und guck. Dort ist der Nil.

Ja, da war der Nil, von einem Blau, das er noch nie gesehen hatte, ein Kinderblau, ein Traumblau. Gefällt er dir?, fragte sie. Sie war stolz auf ihren Nil.

Ja, er ist wunderschön, antwortete er. Doch kaum hatte er es gesagt, bemerkte er die starke Strömung; der Fluss war nicht unschuldig und harmlos. Bestimmt lauerten Krokodile unter der Oberfläche, hungrige, grausame Tiere. Er konnte sich einen Unfall ausmalen; Blut, Tod und Gebeine.

Und da ist dein Hotel, sagte sie. Ich habe im Hilton für dich gebucht.

Sie war stolz, dass es in ihrem Land ein Hilton gab.

Der Wagen rollte die Zufahrt hinauf. Ein Gepäckträger in grellgrüner Uniform und steifem Turban öffnete den Schlag, bevor er es selbst tun konnte. (Zudem war der Wagen in einen Unfall verwickelt gewesen, und die eingebeulte Tür liess sich nur von aussen öffnen.) Der Gepäckträger nahm seinen Rucksack, und mit dem Bruder gab es ein kleines Hin und Her darum, wer den Kofferraum öffnen und den Koffer herausnehmen durfte. Sein Gepäck bestand hauptsächlich aus Geschenken für ihre Familie. Sie hatte ihm am Telefon erklärt, was und wie viel er besorgen solle. Es würde sie kränken, hatte sie erklärt, wenn du mit leeren Händen kommst; sie würden denken, dir liegt zu wenig an mir.

Die Hotellobby mit dem prickelnd kühlen Blasen der Klimaanlage, der Live-Musik und ihrer weiten Marmorfläche war eindrucksvoll. Er fühlte sich irgendwie besänftigt und selbstsicherer nach der holprigen Fahrt. Als der Bruder weg war, um das Auto zu parken, und eine Schlange vor dem Empfang entstand, hatten sie plötzlich Zeit zum Reden.

Ich brauche ein Ausreisevisum, erklärte sie, um das Land verlassen und mit dir zurückkehren zu können. Um das Ausreisevisum zu bekommen, muss ich einen Grund angeben, warum ich das Land verlasse.

Weil du meine Frau bist, sagte er, und sie lächelten über das Wort.

Meine Frau sein wirst. Inschallah, so Gott will.

Inschallah.

Genau, sagte sie, wir werden nicht heiraten und einfach weggehen können. Wir werden ein paar Tage warten müssen, bis die Papiere bereit sind. Und die britische Botschaft … das ist eine Geschichte für sich.

Ich verstehe nicht, was das Problem ist, sagte er.

Oh, seufzte sie, die Leute heiraten, und dann reisen sie ab in die Flitterwochen. Aber wir können das nicht tun, wir müssen hier rumhängen und zwischen dem In nenministerium, dem Passamt und der britischen Botschaft hin- und herrennen.

Ich verstehe, sagte er, ich verstehe. Brauche ich auch ein Ausreisevisum?

Nein, du bist Gast hier, du kannst gehen, wann du willst. Aber ich brauche ein Visum, ich brauche einen Grund zum Weggehen.

Okay.

Sie sahen einander an, und dann sagte er: Ich glaube nicht, dass dein Bruder mich mag.

Ach nein, er will sicher nicht unfreundlich sein … wart’s nur ab.

Zum ersten Mal war er ihr im sudanesischen Restaurant bei der neuen Moschee von Edinburgh begegnet. Sein alter Chemielehrer hatte ihn nach dem Freitagsgebet dorthin mitgenommen. Als sie die Speisekarte brachte, empfahl sie ihnen die Erdnusssuppe, eine Spezialität des Hauses, aber sein Lehrer wollte den Hummussalat, und er bestellte lieber die Linsensuppe, weil er die kannte. Er war von Natur aus vorsichtig und wollte zwar Neues, wurde aber von einem unbestimmten Misstrauen zurückgehalten. Es reichte vorerst, dass er das Nile Café betreten hatte, er mochte sich nicht auch noch mit seltsamen Geschmäckern herumschlagen.

Er nahm ihre Schritte wahr, als sie aus der Küche die Treppe heraufkam. Sie trug eine Hose und ein braunes Kopftuch, das im Nacken verknotet war. Sie hatte sehr dunkle, mandelförmige Augen. Nach diesem Tag ging er regelmässig allein ins Nile Café. Es lag günstig, nahe beim Zoologischen Institut, wo er als Labortechniker arbeitete. Er fragte sich, ob er nach Chemikalien roch, als sie sich vorbeugte und den Couscous vor ihn auf den Tisch stellte.

Sie kamen ins Gespräch, weil im Restaurant nicht viele Gäste waren und sie Zeit hatte. Das Lokal war neu, und es hatte sich noch nicht herumgesprochen, dass es gut war.

Inzwischen haben wir ein paar Leute von der Moschee, erzählte sie ihm. Vor allem der Freitag ist ein guter Tag.

Ja, es war auch Freitag, als ich zum ersten Mal herkam und dir begegnete. Sie lächelte freundlich.

Er erzählte ihr, dass er früher nicht einmal gewusst hatte, dass das grosse Gebäude neben dem Restaurant eine Moschee war. Es gab keinen Hinweis darauf. Ich dachte, es sei eine Kirche, sagte er, und sie lachte und lachte. Er gab ihr ein Extratrinkgeld an jenem Tag; es kam nicht oft vor, dass man über seine Witze lachte.

Wäre sein alter Chemielehrer nicht gewesen, wäre er nie zur Moschee gegangen. An einer Bushaltestelle ein Gesicht, das er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ein Gesicht, das mit einem guten Gefühl verbunden war, mit einer Zeit der Ermutigung. Die Oberschule, die Leichtigkeit, mit der er Laborberichte verfasst hatte. Sie erkannten einander auf Anhieb. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie jetzt? Sie waren mein bester Schüler.

An der Haupt- und an der Oberschule war er Klassenbester gewesen, ein kluges Köpfchen. Er trat zu den Standardprüfungen in den drei Naturwissenschaften an und bekam dreimal die Bestnote, und dasselbe geschah, als er die höheren Prüfungen ablegte. Es gebe überhaupt keinen Grund, weshalb er das Medizinstudium nicht mit links schaffen sollte, sagten seine Lehrer. Aber dann kam er bis ins dritte Studienjahr und fiel durch, fiel nochmals durch und war draussen. Er wurde psychologisch betreut, und seine Eltern ermutigten ihn, aber niemand verstand wirklich je, was da schiefgelaufen war. Er war ebenso verstört über sein Versagen wie alle anderen. Sein Elan war auf einmal verschwunden, wie amputiert. Wozu das alles, was soll’s?, fragte er sich. Er stellte sich die Tabufragen. Und tatsächlich – und das war das Schlimmste daran – waren es diese Fragen, die alle Dämme brechen liessen.

Rapple dich wieder auf, sagte man zu ihm. Und er rappelte sich schliesslich tatsächlich auf, und eine Freundin half ihm dabei, aber sie fand dann Arbeit in London und entglitt ihm. Er war dem Medizinstudium einfach nicht gewachsen. Es ist eine Schande, fand man allgemein. Die Leute hatten Mitleid, aber gleichzeitig verpassten sie ihm ein Etikett und steckten ihn in eine Schublade: Er war ein Studienabbrecher, ein Versager.

Eines Tages, als sie ihm seinen Mittagsteller mit Aubergine und Hackfleisch servierte, fragte er sie, ob sie mit ihm auf Arthur’s Seat1 gehen wolle. Sie war noch nie dort oben gewesen. Es war windig, ein Sommerwind, der die Hüte der Touristen forttrug und ihre Haare zauste. Doch weil ihr Haar bedeckt war, wirkte sie proper und wie leicht entrückt von allen anderen. Das machte den Ausflug weniger unbeschwert, als er es sich vorgestellt hatte. Sie erzählte ihm, sie sei frisch geschieden, nach sechsmonatiger Ehe. Sie lachte, als sie von sechs Monaten und nicht sechs Jahren sprach, aber er wusste, dass es sie schmerzte – man sah es ihren Augen an. Du hast wunderschöne Augen, sagte er.

Das sagt jeder, erwiderte sie. Er wurde rot und wandte den Blick zum Grüngrau der Häuser ab, das Edinburgh ausmachte. Sie hatte über ihre Scheidung sprechen wollen und war nicht auf Komplimente aus gewesen.

Sie unterhielten sich ein wenig über die Burg. Dann erzählte er ihr von seiner Freundin, nicht von der netten, die in den Süden gezogen war, sondern von der davor, die ihm den Laufpass gegeben hatte. Er konnte jetzt darüber lachen.

Sie sagte, ihr Mann habe sie gegen seinen Willen geheiratet. Nicht gegen ihren Willen, betonte sie, sondern gegen seinen Willen. Er war in eine Engländerin verliebt, aber seine Familie war dagegen gewesen und schickte ihm das Geld nicht mehr, das er brauchte, um sein Studium in Edinburgh fortzusetzen. Sie dachten, ein sudanesisches Mädchen wie sie würde ihn seine Freundin vergessen lassen, mit der er zusammengelebt hatte. Sie irrten sich. Alles ging vom ersten Tag an schief. Es ist eine dumme Geschichte, sagte sie mit den Händen in den Taschen.

Hast du ihn geliebt?, fragte er. Ja, das hatte sie, sie hatte ihn lieben wollen. Von seiner englischen Freundin hatte sie nicht gewusst. Nach den Flitterwochen, als er sie nach Edinburgh gebracht hatte und sich auf einmal so seltsam benahm, hatte sie ihn zur Rede gestellt, und er hatte ihr alles gestanden.

Stell dir vor, sagte sie, seine Familie gibt mir jetzt die Schuld an der Scheidung. Sie sagen, ich war nicht schlau genug und hätte mich nicht ausreichend bemüht. In ganz Khartum bringen sie mich ins Gerede. Darum will ich auch nicht zurück. Aber ich werde es letztlich müssen, wenn mein Visum abläuft.

Ich bin froh, dass ich nicht schwanger bin, fuhr sie fort. Jeden Tag danke ich Allah dafür, dass ich nicht schwanger wurde.

Danach sprachen sie über den Glauben. Er erzählte ihr, wie er Muslim geworden war. Er sprach von seinem ehemaligen Chemielehrer – wie sie nach ihrem Treffen wieder in ihre alte Lehrer-Schüler-Beziehung zurückgefallen waren. Sie hörte fasziniert zu und fragte ihn aus. Welcher Religion er denn davor angehört habe. Er sei Katholik gewesen. Ob er immer an Gott geglaubt habe. Ja. Warum um alles in der Welt er denn konvertiert habe.

Sie schien fast überrascht zu sein von seinen Antworten. Sie verband den Islam mit ihrer dunklen Haut, ihrem afrikanischen Blut, ihrer persönlichen Schwachheit. Es leuchtete ihr nicht wirklich ein, warum einer wie er sich den Elenden dieser Welt anschliessen wollte. Aber er sprach voller Ergriffenheit. Es brachte sie dazu, ihn richtig anzuschauen, wie zum ersten Mal. Deinen Eltern wird das wohl nicht gefallen, sagte sie, und deinen Freunden? Sie werden es nicht schätzen, dass du dich verändert hast. Das sage sie ganz ehrlich.

Und sie hatte recht. Einen Freund hatte er nach einer schmerzlichen, unnötigen Auseinandersetzung verloren, ein anderer zog sich zurück. Seine Eltern konnten nur mit Mühe ihr Entsetzen verbergen. Sie hatten sich seit seinem Studienabbruch um ihn Sorgen gemacht und befürchtet, dass er in Arbeitslosigkeit, Drogen und Depression abgleiten könnte, jene Unterwelt, die neben ihrem tätigen Mittelstandsleben brodelnd dahintrieb. Erst vor einer Woche hatte der Nachbarssohn sich erhängt (wegen Drogen natürlich, und tagelang hatte er nicht geduscht). Es gab da eine verborgene Seuche, die es auf junge Männer abgesehen hatte.

Trotz ihrer Bedenken wegen seines Übertritts zum Islam mussten seine Eltern schliesslich zugeben, dass er gut aussah; er hatte ein wenig zugenommen und eine Gehaltserhöhung bekommen. Wenn er nur aufhören würde, über Religion zu reden. Diese spekulative, unfassbare, der spirituellen Welt zugehörige Seite seines Wesens verstanden sie nicht. Wenn er bloss die Religion nicht erwähnen würde, fiele es ihnen leichter, sich vorzumachen, dass sich nichts geändert habe. Er war gefestigt genug, um ihnen den Gefallen zu tun. Und beglückt, dass die Fragen, die er einmal gestellt hatte – wozu das alles, was hat das alles für einen Sinn und warum weitermachen? –, jene Fragen, die die Wände um ihn hatten einstürzen lassen und ihn beinahe unter sich begruben, zu ihrem Recht kamen. Es waren Fragen, auf die es Antworten gab, Antworten, die zu neuen Fragen führten, neue Türen öffneten und ihn drängten, die Dinge anders zu betrachten; als hielte man einen Würfel in der Hand und drehe ihn immerzu oder als ginge man um eine hohe Säule herum und betrachte sie von der gegenüberliegenden Seite. Wie anders sie dann war und doch auch gleich.

Als er sie seinen Eltern vorstellte, war der Nachmittag ein voller Erfolg. Wir wollen heiraten, sagte er und las die Erleichterung in den Augen seiner Mutter. Es fiel seinen Eltern leichter, zu akzeptieren, dass er eine Muslima liebte, als dass er den Islam liebte.

Vom Balkon seines Hotelzimmers blickte er hinaus auf den Nil. Sonnenschein so hell, dass er schimmernde Lichtfäden sah. Palmen, Boote, der tiefblaue Fluss. Ob sein Wasser wohl kühl war oder lau, fragte er sich. Er war schläfrig. Das Telefon klingelte, und er ging wieder hinein und schob die getönte Glastür hinter sich zu.

Ihre glückliche Stimme wieder. Was hast du gemacht, warum schläfst du nicht, alle schlafen um diese Zeit am Nachmittag, es ist Siestazeit, du musst doch erschöpft sein. Hast du daran gedacht, Dollarscheine mitzubringen – keine Pfund und auch keine Reiseschecks? Du darfst nicht im Hotel essen, das wird schrecklich teuer, du sollst nur hier bei uns zu Hause essen. Ja, wir werden dich dann abholen. Du kommst zum Abendessen und wirst meine Eltern kennenlernen. Vergiss die Geschenke nicht. Wirst du von mir träumen?

Er träumte, er sei noch im Flugzeug. Eine Stunde später wachte er durstig auf, blickte nach oben und sah einen kleinen Pfeil, den man an die Zimmerdecke gekritzelt hatte. Wozu war der Pfeil da? Draussen auf dem Balkon verblüffte ihn der Kontrast. Der Sonnenuntergang hatte den Himmel weich gezeichnet, rosa und zartorangefarbene Ränder in den Westen gemalt. Der Nil war freundlich, am Himmel zeigten sich schon ein paar Sterne, die Luft war frischer. Vögel stiessen herab und schossen kreuz und quer durch das weite Rund.

Er hörte den Adhan2; zum ersten Mal im Leben hörte er ihn im Freien. Er war nicht so grossartig, wie er gedacht hatte, oder so plötzlich. Er schien mit dem Vogelgezwitscher und dem verblassenden Himmel zu verschmelzen. Mit der untergehenden Sonne als Kompass begann er zu bestimmen, wo Mekka war. Genau östlich oder sogar etwas nordöstlich wäre es jetzt und nicht im Südosten wie von Schottland aus. Er stellte fest, wo Osten war, und als er ins Zimmer zurückkehrte, verstand er den Zweck des an die Decke gemalten Pfeils. Er sollte den Hotelgästen die Richtung nach Mekka weisen. Nach dem Gebet ging er nach unten und suchte den Swimmingpool. Das Wasser, in dem er schwamm, war warm und roch nach Chlor. Die Dämmerung dauerte nicht lange. Im Handumdrehen war der Himmel tiefpurpurrot geworden, mit gleissenden Sternchen. Zum ersten Mal war er unter einem Nachthimmel geschwommen.

Ihr Haus war grösser, als er erwartet hatte, und schäbiger. Es war voller Menschen – sie hatte fünf Geschwister, mehrere Neffen und Nichten, einen Onkel, der aussah wie Morgan Freeman, nur älter und kleiner, und eine Tante, die auf einem Seilbett in der Ecke schlief. Der Fernseher plärrte. Ihre Mutter lächelte und bot ihm Süssigkeiten an. Ihr Vater unterhielt sich mit ihm in stockendem, gebrochenem Englisch. Alle starrten ihn neugierig und erfreut an. Nur der Bruder wirkte gelangweilt, er lag ausgestreckt auf einem weiteren Seilbett und stierte an die Decke.

So, jetzt hast du meine Familie gesehen, sagte sie und zählte die Namen ihrer Schwestern, Nichten und Neffen auf. Die Namen schwammen in seinem Kopf. Er lächelte und lächelte, bis seine Gesichtsmuskeln sich verkrampften.

Jetzt hast du gesehen, wo ich aufgewachsen bin, sagte sie, als hätten sie damit eine Hürde genommen. Ihm wurde zum ersten Mal bewusst, was sie nie gehabt hatte: einen eigenen Schreibtisch, ein eigenes Zimmer, einen Schrank, einen Frisiertisch, eine Tasse, eine Packung Kekse nur für sich. Sie hatte immer als Teil einer Gruppe, als Teil ihrer Familie gelebt. Wie fühlte sich das an? Er wusste es nicht. Er kannte sie nicht gut genug. Er hatte ihr Haar noch nicht gesehen, er wusste noch nicht, wie sie aussah, wenn sie weinte und wenn sie am Morgen erwachte.

Nachdem sie fertiggegessen hatten, ergriff sie das Wort: Mein Onkel kennt ein englisches Lied. Sie lachte erneut und setzte sich auf die Sofalehne. Er will es dir vorsingen.

Morgan Freemans Doppelgänger richtete sich in seinem Sessel auf und sang: »Cricket, lovely cricket, at Lord’s where I saw it. Cricket, lovely cricket, at Lord’s where I saw it.«3

Alle lachten. Nach seinem Vortrag war der Onkel ausser Atem.

Sie unternahmen Ausflüge, die sie organisierte. Sie machten eine Bootsfahrt, ein Picknick im Wald und besuchten den Kamelmarkt. Auf jedem dieser Ausflüge waren ihr Bruder, ihre Schwestern, die Nichten und Neffen und ihre Freundinnen dabei. Nie waren sie allein. Ihm fiel Michael aus Der Pate ein, der mit seiner Verlobten auf die Hügel Italiens stieg, begleitet von bewaffneten Leibwächtern und ihren zahlreichen Verwandten, und dazu der unvergessliche Soundtrack. So ähnlich war es, nur ohne die Pistolen. Und statt der sanften Hügel war da flaches Buschland, die Ausläufer einer Wüste.

Er beobachtete sie: wie sie einen Neffen im Arm trug, wie sie lächelte, wie sie eine Grapefruit schälte und ihm ein Stück davon anbot, wie sie mit ihren Freundinnen kicherte. Er machte unzählige Fotos. Sie gab ihm seltsame Früchte zu essen. Eine hiess dum4 und war braun, so gross wie eine Orange und fast so hart wie Stein, mit holzigem Geschmack und faserigem Fleisch. Man nagte nur an der äusseren Schicht und kaute sie, das meiste daran war der Kern. Eine andere Frucht hiess gunguleiz5, war sauer und scharf, weisse, kalkige Stücke, an denen man lutschte, die schwarzen Kerne spuckte man aus. Trinktamarinde, kerkadah, turmus, kebkebeh, nabaq6. Erdnusssalat, gefüllte Auberginen, moulah, kisra, waikah, muluchija7. Speisen, die er schon im Nile Café gegessen hatte, und andere, die neu waren.

Unermüdlich sagte sie zu ihm: Hier, probier das mal, es schmeckt gut, versuch’s.

Können wir nicht mal allein sein, nur mal eine Weile?

Meine Familie ist sehr streng, vor allem weil ich geschieden bin, sie sind sehr streng, sagte sie, aber ihre Augen lächelten.

Lass dir doch was einfallen.

Nächste Woche nach der Hochzeit wirst du mich jeden Tag sehen und bald genug von mir haben.

Du weisst, dass ich nie genug von dir haben werde.

Woher soll ich das wissen?

Sie konnte stundenlang flirten, wenn sich eine Gelegenheit bot. Aber jetzt gab es keine, weil es unklar war, ob ihr Onkel mit geschlossenen Augen und nickendem Kopf in seinem Sessel döste oder die Ohren spitzte.

Mitten am Vormittag in der Gumhurijastrasse, nachdem sie Ebenholz für seine Eltern gekauft hatten, spürte er ein Zerren an seiner Schulter, drehte sich um und sah, dass sein Rucksack aufgeschlitzt war und sein Pass fehlte. Und auch seine Kamera. Er fing an zu schreien. Beruhige dich, sagte sie, aber er konnte sich nicht beruhigen. Es war nicht bloss Ärger – auch wenn davon genug da war –, sondern der Ausbruch schwelender Ängste, ein wahr gewordener Albtraum. Ihr Bruder hatte das Auto auf einem Schattenfleck in einer Nebenstrasse geparkt. Sie standen jetzt davor, ihr Bruder war angespannter denn je, sie niedergeschlagen, und er umklammerte seinen geplünderten Rucksack. Er trat gegen den Autoreifen und wünschte dies und das zum Teufel. Wütend war er und darauf aus, Ort und Zeit und Missetat zu verfluchen. Die ganze Strasse stand still und sah dem Fremden beim Ausrasten zu, als beobachteten sie eine Szene aus einem amerikanischen Film. Ein Auto fuhr vorbei, und der Fahrer reckte den Hals, um besser zu sehen, und lachte. Bitte, sagte sie, lass das, das ist mir peinlich. Er hörte sie nicht. Ihre Stimme kam nicht gegen das Zornesrauschen in seinen Ohren an.

Wir müssen zur britischen Botschaft gehen und ihm einen neuen Pass besorgen, sagte sie zu ihrem Bruder.

Nein, zuerst müssen wir auf den Polizeiposten und Anzeige erstatten. Ihr Bruder stieg ins Auto und wischte sich den Schweiss auf seiner Stirn mit den Ärmeln ab.

Steig ein, sagte sie zu ihm. Wir müssen zum Polizeiposten fahren und melden, dass man dir den Pass gestohlen hat.

Er stieg wutschnaubend ins Auto.

Der Polizeiposten war ein überraschend freundlicher Ort. Es war schattig und kühl. Ein Bungalow und diverse Nebengebäude. Sie wurden gut behandelt und bekamen Wasser und Tee. Er lehnte den Tee ab und sass schmollend da. Weisst du, wie viel diese Kamera gekostet hat?, zischte er. Und sie ist nicht mal versichert.

Sie zuckte die Achseln und war weniger schockiert über den Vorfall als er. Vom Tee besänftigt, begann sie ihn zu necken. Sie werden dem Dieb, der deine Kamera gestohlen hat, die Hand abhacken. Bestimmt, das werden sie tun. Ihr Bruder lachte mit ihr.

Ich weiss wirklich nicht, was daran so komisch sein soll.

Verstehst du keinen Spass?, sagte sie, und ihre Stimme klang spitz. Dann fuhren sie schweigend zur britischen Botschaft und mussten sich dort in eine lange Schlange einreihen.

Das Botschaftspersonal druckste herum. Es hörte ungern von gestohlenen Pässen. Und als eine Frage zur anderen führte, waren sie auch nicht erbaut, von einer Hochzeit in einigen Tagen zu hören. Sie fragten sie und ihren Bruder darüber aus: allgemeine, banale Fragen, aber sie fühlte sich befleckt und kleingemacht davon.

Als sie wieder vor die Botschaft traten, war sie alles andere als ruhig. Was haben die sich denn dabei gedacht, was wollten die mir unterstellen – dass ich deinen Pass gestohlen hätte, als würde ich darauf brennen, dorthin zurückzukehren?

Was soll das denn heissen?

Es soll das heissen, was es heisst. Du denkst wohl, du tust mir einen grossen Gefallen, wenn du mich heiratest?

Nein, das denke ich nicht, ganz bestimmt nicht …

Die aber schon. Die schon, so wie sie geredet haben. Haben mich angegrinst, und du hast es nicht einmal bemerkt!

Okay, okay, beruhige dich.

Ein kleiner Junge berührte seinen Arm, er bettelte. Schwielige Faust, schwarze Haut, die wegen Unterernährung gräulich wirkte, ein Auge von dickem Schleim überzogen. Er zuckte vor der unangenehmen Berührung zurück, kramte in seinen Taschen und zupfte einen Zweihundertdinarschein hervor.

Bist du verrückt, sagte sie, ihm so viel zu geben? Dafür wird er noch ausgeraubt. Sie öffnete ihre Tasche und gab dem Jungen stattdessen ein paar Münzen und eine Orange.

Als sie ins Auto stieg, erzählte sie ihrem Bruder von dem Bettler, und beide lachten spöttisch. Ihn auf Arabisch auslachen – das war der Gipfel der Frechheit.

Vielleicht kannst du dann zum Benzin etwas beitragen, sagte der Bruder schleppend, wenn du noch so viel Geld übrig hast. Ich habe nämlich viel Sprit verbrannt dafür, dass ich dich und deine Verlobte herumkutschiere.

Gut, wenn das alles ist! Er zückte die Noten aus seiner Brieftasche und knallte sie neben die Handbremse.

Danke, sagte ihr Bruder, doch als er das Notenbündel an sich nahm, starrte er darauf, als wäre es nicht viel und als hätte er eindeutig mehr erwartet.

Sie seufzte und blickte aus dem Fenster. Es war, als hätte der Diebstahl alle Bosheit in ihnen ans Licht gebracht.

Er war versucht zu sagen: Lasst mich beim Hotel raus. Er war versucht, aufzugeben und anderntags nach Schottland abzureisen. Das würde sie dafür bestrafen, ihn auszulachen, das würde ihr weh tun. Aber er bat nicht darum, abgesetzt zu werden. Er gab nicht auf. Natürlich, er hatte keinen Pass und könnte nicht reisen, aber etwas anderes hielt ihn hier.

Als sie zurückkehrten, befand sich das Haus in Aufruhr. Es war kaum wiederzuerkennen der vielen Leute wegen, die ganz verzweifelt waren und schockiert. Eine Frau schob die Möbelstücke beiseite, eine zweite warf eine Matratze auf den Boden; überall war ein einziges Schluchzen und Heulen, und ein paar heisere Stimmen bellten Befehle. Ihr Onkel, Morgan Freeman, war gestorben, in seinem Sessel entschlafen.

Einen Moment lang blieben die drei in der Mitte des Zimmers stehen, starr vor Ungläubigkeit. Der Bruder begann mit lauter Stimme Fragen zu stellen.

Das wär’s, zischte sie, mit der Hochzeit ist es jetzt aus, doch nicht mitten in dieser Trauerzeit, nie, niemals. Und sie brach in Tränen aus.

Bevor er reagieren konnte, nahm ihn ihr Bruder beiseite und sagte, das Haus sei nun den Frauen vorbehalten, wir müssen nach draussen gehen. Komm schon.

Der Garten war zu dieser Tageszeit die Hölle, die Sonne versengte das Gras und wurde von den Betonplatten der Garage reflektiert. Wie kostbar Schatten in diesem Erdteil doch war, wie rasch man einen Streit beiseiteschieben konnte, wie rasch man die Toten zu Grabe trug. Wo war er denn nun, der Onkel, der Cricket, lovely cricket gesungen hatte? Wohl irgendwo drinnen, wo er mit Seife gewaschen, parfümiert und dann in Weiss gehüllt wurde; so also kam das Ende, ohne Vorboten. Er war nahe daran, ohnmächtig zu werden in dieser Sonne, ohne Pass, ohne sie, ohne die Versicherung, dass aus ihrer Hochzeit noch etwas werden würde. Es konnte einfach nicht wahr sein. Aber es war so, Minute um Minute verstrich, und er stand noch immer im Garten. Wo war ihr Bruder jetzt, der eben noch jede seiner Bewegungen überwacht hatte, während sie ihn mit Aufmerksamkeit, Ratschlägen und Plänen eindeckte? Jetzt war sie da drin, versunken in Trauerriten, von denen er keine Ahnung hatte. Gut, er könnte immer noch gehen, sich unbemerkt verdrücken. Er würde zur Hauptstrasse laufen und ein Taxi anhalten – etwas, was er noch nie getan hatte, weil sie und ihr Bruder ihn Tag für Tag mitgenommen und am Hotel abgesetzt hatten. Tod, der Vernichter der Freuden.

Der Leichnam wurde weggebracht. Da lag er in weissen Tüchern, und sein Gesicht schlafend, tief schlafend, wiederzusehen war ein Schock. Die geschwungenen Nasenflügel und Lippen, der schöne Kontrast des weissen Haars auf der dunklen Haut. Er fand sich mit ihrem Bruder im Auto wieder, wo er den inzwischen gewohnten Platz im Fond einnahm; zwei Männer pferchten sich neben ihn, ein älterer Mann sass vorn. Die kurze Fahrt zur Moschee, die Reihen der Männer. Er hatte das besondere Gebet für die Toten schon einmal in Edinburgh gesprochen – für ein totgeborenes Baby. Man kniete nicht dazu, es war kurz und kühl. Hier war es auch rau, die Ventilatorflügel wirbelten von der Decke, und es roch nach Schweiss und Eile.

Sie fuhren aus der Stadt zum Friedhof hinaus. Er fragte sich nicht mehr, warum er sie begleitete, es schien ihm das Richtige zu sein. Im Auto entstand eine neue Ungezwungenheit zwischen ihnen, eine Art Bindung, weil sie zusammen gebetet hatten. Sie begannen von der Todesbekanntmachung zu sprechen, die nach den Nachrichten im Radio gesendet würde, und von den Nachrufen in der Zeitung am folgenden Tag. Er hörte halb auf das Arabisch, das er nicht verstand, und halb auf die Zusammenfassung auf Englisch, die jemand improvisierte, sobald ihnen seine Anwesenheit einfiel.

Ein sandiger Wind wehte durch diese ebenerdige Heimstatt, ein Daheim ohne Wände und Türen. Unser Familienfriedhof, sagte ihr Bruder unvermittelt zu ihm. Wenn er sie heiratete und nach Edinburgh mitnahm, würde man trotzdem von ihm erwarten, dass er sie hierherbrächte, wenn sie – Gott bewahre! – sterben sollte? Ach, warum hatte er so klägliche Gedanken? Schliesslich wurde ein Loch ausgehoben in der Erde, man hätte meinen können, ihnen gefiele das Wühlen im Dreck, so inbrünstig schaufelten sie. Er wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiss von der Stirn – allmählich verhielt er sich ja wie sie, denn wann hätte er sich je in Edinburgh das Gesicht mit den Hemdsärmeln getrocknet? Er lechzte nach einem Glas kaltem Wasser, aber jetzt senkten sie den Onkel ins Grab. Sie legten ihn in eine Nische und betteten ihn so, dass die Erde nicht auf ihn fiele, wenn sie das Grab zudeckten.

Drei Tage lang sass er dann im Zelt, das im Garten für die Männer aufgeschlagen worden war. Es stellte sich eine Art Normalität ein: Trauergäste kamen in Scharen, die Frauen gingen ins Haus und die Männer ins Zelt. Ständig wurde Wasser, Kaffee, Tee gereicht, und die Fliegen summten. Die Metallstühle standen nicht mehr in Reih und Glied, sondern locker im Kreis oder dicht beieinander, wenn alte Freunde sich wiedergefunden hatten, und da und dort hörte man ein Lachen. Was wird jetzt aus deiner Hochzeit?, fragte man ihn. Er zuckte die Schultern – mochte gar nicht davon reden, war erschlagen von dem, was geschehen war, und wie betäubt von der Trennung von ihr, wie sie die Trauersitten anscheinend verlangten. Im Zelt waren die Männer sich einig, dass der Verstorbene einen schönen Tod gehabt