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Helmuth W. Mommers

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Beschreibung

Begleiten Sie den Autor auf einem Ausflug in nähere und fernere Zukünfte – in die Anderzeiten. Wenn wir komplett vernetzt sind, Virtual Reality zur neuen Wirklichkeit wird, künstliche Intelligenz uns ersetzbar macht, das Leben mit dem Tod nicht endet … Wenn wir durch die Zeit springen, Aliens mit uns Kontakt aufnehmen, wenn wir Mutter Erde verlassen und ins Universum aufbrechen … Von romantisch und besinnlich bis böse und politisch unkorrekt reicht die Bandbreite der Erzählungen, angereichert mit Witz, Ironie und Augenzwinkern.  Logik bringt dich von A nach B. Deine Fantasie bringt dich überall hin. (Albert Einstein)

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Seitenzahl: 681

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Helmuth W. Mommers

ANDERZEITEN

Erzählungen

AndroSF 77

Helmuth W. Mommers

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Erzählungen

AndroSF 77

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juli 2018

Helmuth W. Mommers & p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Lothar Bauer

Layout: global:epropaganda, Xlendi

Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi

Lektorat: Susanne Hartmann

Korrektorat: Susanne Hartmann, Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda, Xlendi

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 125 9

Fantasie ist wichtiger als Wissen.

Wissen ist begrenzt, Fantasie umfasst die ganze Welt.

– Albert Einstein

Ein Plädoyer für die Kurzgeschichte

Kern der Science-Fiction ist die Idee ‒ diese These wird in der BBC-Dokumentation »Die SciFi-Story« vertreten, und ich teile diese Meinung. Wo ist die Idee zu Hause? – In der Kurzgeschichte.

Um Dick zu zitieren: »Der Held einer Geschichte ist eine Idee, nicht eine Person.« Oder Bradbury: »Ich bin ein Ideenautor. Alles was ich schreibe, ist von meiner Liebe zu Ideen durchdrungen – zu kleinen und großen Ideen.« Und Eschbach: »In einer Kurzgeschichte geht es um eine Idee, in einem Roman um das Schicksal einer Figur.«

Man kann sagen, die moderne Science-Fiction gründet auf der Kurzgeschichte, mit dem ersten Genremagazin AMAZING im Jahr 1926 von Hugo Gernsback ins Leben gerufen. Über Jahrzehnte bestimmte sie die Inhalte, Romane erschienen nur vereinzelt oder hin und wieder als Fortsetzungen in Magazinen. Die Idee stand im Vordergrund, das »Was wäre, wenn … diese oder jene technische Entwicklung einträte«, die Reise zu den Sternen, die Begegnung mit Außerirdischen, Besuch alternativer Welten, Paradoxa von Zeit und Raum, usw. Nur das Problem in seinem Kern interessierte, alles andere war Beiwerk und den Romanen überlassen, die seinerzeit auch nur ein Taschenbuch von gegen zweihundert Seiten füllten. Der Stil der klassischen Short Story war in der Regel schnörkellos, die Charakterisierung rudimentär, die Handlung zielgerichtet, der Schluss die Auflösung, manchmal garniert mit einer Pointe. Der Autor musste mit knappen, wohlgesetzten Worten seine Idee ausarbeiten. Das genügte. Er war Ideenlieferant. Seine Werkzeuge waren Intensivierung, Verdichtung, Verfremdung, Verzerrung, die geballte Wirkung, nicht der Weltentwurf (Iwoleit: Reductio ad absurdum). Viele Storys reichten als Grundstock für einen Roman. Beispielhaft dafür sind die frühen Storys von Philip K. Dick, auf die ein ganzer Spielfilm aufbauen kann.

Als die ersten Science-Fiction-Kurzgeschichten 1955 in Gestalt des seligen UTOPIA-Magazins und wenig später 1958 des legendären GALAXIS regelmäßig auf den deutschen Markt kamen, war ich – ein Jüngling von dreizehn Jahren – spontan enttäuscht. Kaum hatte ich angefangen und die Lektüre wurde spannend, da war sie schon zu Ende. Dabei war ich gewohnt, dass die Geschichte weiterging, mindestens vierundsechzig Seiten lang, oder gar vierundneunzig, dem damaligen Umfang der Groschenheftromane entsprechend.

Es brauchte eine Zeit der Gewöhnung – und ein paar tolle Ideen oder einige knackige Pointen –, bis ich die Kurzgeschichte lieben lernte. Spätestens mit den damaligen Meistern der Short Story – Fredric Brown, Robert Sheckley, Philip K. Dick, Daniel F. Galouye, Alfred Bester – wurde ich ein glühender Anhänger der Kurzform.

Beide Magazine hatten nur eine kurze Lebensdauer – keiner der vielen weiteren Versuche, ein Storymagazin zu etablieren, konnte sich gegen die Romanform durchsetzen. Also wich ich auf angloamerikanische Ausgaben aus, verschlang ich Pulp um Pulp, Mag um Mag. Das ist bis heute so. Zehn Seiten, zwanzig bis dreißig gegen dreihundert bis dreitausend (!). Immer wieder umdenken, sich in neue Welten hineinversetzen, sozusagen geistige Purzelbäume schlagen – statt sich wohlig im vertrauten, warmen Nest niederzulegen oder, um mit Jeschke zu sprechen, geistig die Hausschuhe anzulassen, bis man durch ein unweigerliches »Ende« sanft entschläft …

Greenbergs Anthologie Die Roboter und wir war 1962 nach Jahren des Unterbruchs ein erneuter Versuch, die Kurzgeschichte in Heftform und damit für einen breiten Leserkreis zu etablieren. Es folgten einige Kurzgeschichtensammlungen von Angloamerikanern, bis – und das war der Durchbruch für deutschsprachige Autoren – Quarantäne von William Voltz erschien. Was ihm gelang, sollte doch auch uns gelingen, dachten wir ‒ Ernst Vlcek und ich ‒ als Autorenteam. So kam es, dass wir ihm auf dem Fuß folgten mit gleich zwei Sammlungen. Fortan gab es ein Stelldichein von Übersetzungen und Originalerscheinungen, die sich mit Romanen abwechselten, erst bei Moewig, dann auch bei Pabel.

Die weitere Entwicklung ist bekannt: Das Taschenbuch übernahm die Rolle der Hefte. Ihre Blütezeit erlebte hierzulande die Story in den 70er/80er Jahren. Es gab eine Inflation sondergleichen, es wurde derart viel von allen möglichen Verlagen produziert, oft von bescheidener Qualität, dass der Markt vor Übersättigung erschlaffte und entschlummerte. Ein Revival erlebte die Story erst wieder im neuen Jahrtausend, vornehmlich bei Kleinverlagen, und auch hier in ständigem finanziellem Wettstreit mit den Romanen – der nicht zu gewinnen war. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger … hoffen wir!

Helmuth W. Mommers

2018

Schon in jugendlichen Jahren haben mich Zeitreisegeschichten enorm fasziniert; verschlungen habe ich Clark Darltons Zeitreiseabenteuer, und in der Folge die vielen anderen, von van Vogt bis Heinlein und Jeschke. Eine der Geschichten ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, und sie hat mich zu der folgenden Story inspiriert: Der Fremdenverkehr blüht (The Tourist Trade, 1951) von Wilson Tucker, aus dem seligen UTOPIA-Magazin 1958. Wie der Titel schon sagt, handelt sie von Touristen … aus der Zukunft. Ein uraltes Thema also. Ich habe dem nichts Neues hinzugefügt, außer der Zeitschleife in Reminiszenz an Und täglichgrüßt das Murmeltier (1993). Und meine ganz persönliche Interpretation.

Sie sagen, Zeitreisen seien unmöglich, die werde es nie geben? Noch seien Sie keinem Touristen aus der Zukunft begegnet …? – Dann halten Sie gut Ausschau, es könnte sich lohnen!

Immer wieder Sonntag

Es war an einem wunderschönen Sonntagmorgen im Mai, die Sonne lachte zum Fenster herein, Vögel zwitscherten zum Auftakt eines neuen Tages, ein laues Lüftchen weckte die Lebensgeister und der warme Körper seiner jungen, begehrenswerten Frau, der sich schlafend an ihn schmiegte, seine Libido.

Seine Hand kroch wie von allein unter der Bettdecke über ihren angewinkelten Arm, seine Finger schlossen sich um ihre Brust, während sein Mund sich die Schulter entlang über die Halsbeuge zum Haaransatz arbeitete und die Nase bei jedem Kuss den Duft ihres Körpers einsaugte wie köstlichen Nektar.

Im nächsten Moment teilten sie, eng umschlungen, das Frühlingserwachen.

Gerade hatte er sich von der Vorspeise dem Hauptgericht zugewandt, da erstarrte sie unter ihm. Ihre Augen weiteten sich, das Stöhnen erstarb auf ihren Lippen.

Er brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte.

Ihr Blick war an ihm vorbei gerichtet – und starr vor Schreck.

Er drehte sich halb zur Seite, um nach dem Grund zu sehen: Fremde standen in ihrem Schlafzimmer. Ein Mann, eine Frau, an ihrer Hand ein Kind. Gekleidet in bunte, schillernde, eng anliegende – Overalls? Schlangenhäute? Latex? – Nichts, was sie je gesehen hätten.

Die Frau, ihren blanken Schädel schmückte nur ein Leuchttattoo, hatte eine Hand an den Mund gehoben, als müsse sie ein Lachen unterdrücken – oder aus Verlegenheit? Der Mann, mit rotem Bürstenhaarschnitt, hielt ein ovales Gerät auf sie gerichtet – eine Kamera? Das Kind hatte eine Puppe unter den Arm geklemmt und kicherte jetzt. Das schien den Bann zu brechen.

»Entschuldigung«, stotterte der Mann, sichtlich selbst schockiert. Er senkte die Kamera (?) und sah die Frau Hilfe suchend an, die nur die Schultern zuckte. »Also … ich … wir … sind schon weg!« Mit diesen Worten riss er die Frau mit sich, Richtung Wohnzimmer; die Frau, auf dem falschen Fuß erwischt, stolperte hinterdrein, das Mädchen (?) folgte wie ein Dominostein und ließ auf seinem Weg durch die Wand sein Spielzeug fallen. Vorbei war der Spuk.

»Hast du das gesehen?«, fragte Gloria nach einem Moment der Sprachlosigkeit. »Oder habe ich geträumt?«

Bernhard, immer noch auf einen Ellbogen gestützt, drehte endlich den Kopf zurück und sah sie ebenso verwundert an. »Muss wohl eine Halluzination gewesen sein … oder?« Und fügte hinzu: »So was Verrücktes!«

Beide schüttelten gleichzeitig den Kopf, dann mussten sie lachen bei dem Gedanken an die Fata Morgana. Sie küssten sich innig und stellten fest, dass sie noch mehr Gemeinsamkeiten verbanden.

Die nächste Unterbrechung kam diesmal wenigstens danach. »He«, platzte Roland, ihr Achtjähriger, herein, »da sind ja plötzlich lauter Typen!«

Widerwillig rutschte Bernhard aus seiner wohligen Position, während Gloria die Bettdecke über ihre Blößen zog. »Wir kommen!«, rief er. »Geh schon mal vor …«

Notdürftig in einen Morgenmantel gekleidet, folgte er seinem Filius. Gloria verschwand im Bad.

Der Korridor war leer, dafür das Wohnzimmer gerammelt voll. Bernhard sah gerade noch, wie sein Junge an den ungebetenen Gästen vorbei- und hineinschlüpfte, dann tat er es ihm gleich. »Pardon!«, sagte er, den Nächststehenden antupfend. »Darf ich …?« Ohne sich umzudrehen, machte dieser Platz.

»… Sie hier sehen, ist eine antiquierte Form von Holovision«, hörte Bernhard eine krächzende Frauenstimme. »… also eigentlich ein Gerät für die Projektion von zweidimensionalen Bildern … ›Fernsehen‹ nannte man es in diesem Jahrhundert. Dazu müssen Sie wissen, es diente der Nachrichtenübermittlung und, vor allem, der Unterhaltung. Natürlich nur der passiven. Man sagte auch ›Glotze‹ dazu, das kommt von ›glotzen‹, starren, weil man ja nichts anderes konnte, als sich berieseln zu lassen.« Gekicher allseits. »Und das …« ‒ sie deutete auf die Gegensprechanlage an der Wand ‒ »… ist ein sogenanntes ›Telefon‹ mit Tastatur zum Wählen, einer Sprech- und Hörmuschel. Bedenken Sie, nur zweihundert Jahre davor hat man sich noch mit Rauchzeichen verständigt …«

Na, wenn das nicht übertrieben war! Bernhard war neugierig, was sich diese komischen Typen noch alles würden einfallen lassen. Er hatte seinen ersten Schrecken – und Unglauben – überwunden und sich vorgenommen, alles ganz gelassen zu nehmen. Cool, man, sagte er sich. Wenn ich schon verrückt bin, die andern sind’s noch mehr!

»Das, was Sie hier sehen, diese Dinger aus ›Holz‹ und ›Leder‹‒ jaja, aus Tierhäuten über Baumstücke gespannt ‒ sind eigentlich Relaxgelegenheiten, wie sie schon seit Jahrtausenden in Gebrauch waren …«

Bernhard, der, sich streckend, endlich einen Blick auf die Sprecherin erhaschen konnte – auf die Reiseleiterin, was denn sonst –, sah einige Touristen (?) Platz nehmen und probeweise auf seiner Sitzgarnitur auf und ab wippen. Dies, oder das begleitende Knarren des Leders, löste ein weiteres Kichern aus.

Er spürte, wie sein Arm berührt wurde. Gloria hatte sich an seine Seite gesellt.

»Komm«, sagte er lächelnd, »das musst du gesehen haben …« Damit schob er sie an der Gruppe vorbei zur Seite, wo noch freier Platz war. Er legte ihr den Arm um die Schulter. »Ich sag’ dir was«, raunte er ihr ins Ohr, »das sind Leute aus der Zukunft!«

»Weißt du, was ich glaube?«, konterte sie, ohne ihn dabei anzusehen. »Die sind sicher von der Versteckten Kamera!«Gloria entblößte ihre Zähne zu einem strahlenden Lächeln, Richtung imaginärer Kamera.

»Nein, nein. Oder kommen die Leute vom Fernsehen neuerdings durch die Wand? – Die sind aus der Zukunft!«

»Wie – Zukunft?«

»Na, dann hör’ mal gut zu.«

Sie folgten der kuriosen Prozession vom Wohnzimmer ins Esszimmer und von dort in die Küche, soweit es der begrenzte Raum zuließ.

»Leider haben wir im Moment keine Gelegenheit, die Einheimischen beim Zubereiten und dem Verzehr von Nahrungsmitteln – ›Speisen‹, wie sie es nannten – zu beobachten. Nur so viel: Die Nahrungsmittel bestanden in ihrer natürlichen, gepflanzten oder gezüchteten Form aus Früchten der Bäume und des Bodens …«

»Wurzeln?«, fragte jemand, gefolgt von einem Würgelaut.

»… und ›Fleisch‹, von Tieren, Vögeln und Fischen.«

Sie hörten, wie sich jemand erbrach.

»Meine Damen und Herren, ich darf Sie doch bitten – nicht umsonst haben wir diese Tüten verteilt. Leute mit schwachem Magen mögen sie bereithalten. Und solche mit schwachen Nerven – senken Sie Ihren Stresslevel.«

Verwundert sahen Bernhard und Gloria, wie einige der ihnen Gegenüberstehenden die Augen schlossen, sich zu konzentrieren schienen, sie hierauf wieder öffneten.

»Wenn wir dann ins zwanzigste Jahrhundert weiterziehen, erwarte ich etwas mehr Vorbereitung.« Die Führerin, eine dürre, fast androgyn wirkende Frau – oder doch ein Junge? – mit kahl rasiertem Schädel und großem Nasenring hob warnend einen ringbesetzten Finger. »Dort werden Sie auf ›Tiere‹ stoßen, nicht im ›Wald‹ oder auf dem ›Feld‹, sondern tatsächlich auf der ›Straße‹, als Fortbewegungsmittel, und nicht nur dort – mancherorts hielt man sich lebende Nahrungsmittel im Haus!«

Ein Schaudern durchlief die Touristengruppe. Ihre Führerin, sichtlich das Element des Schocks genießend, bückte sich und wischte das Erbrochene auf, entsorgte alles in einer Tüte und lenkte dann ihre Schritte zur Wohnungstür. Die Herde folgte ihr betreten. »Sie haben jetzt freien Ausgang. Wir treffen uns in …« ‒ sie schloss kurz die Augen ‒ »… siebzehn Minuten, um zwanzig vor zehn. Pünktlich, wenn ich bitten darf. – Und vergessen Sie nicht: Die Einheimischen können uns nicht sehen und nicht hören und auch nicht berühren. Trotzdem darf nichts zurückgelassen werden, das den Zeitstrom beeinflussen könnte. Denken Sie an das Beispiel vom Schmetterling, dessen bloßer Flügelschlag in China einen Hurrikan …« Womit die bunte Schar verschwunden war, nicht etwa durch die Wohnungstür, sondern durch die nächste Wand.

Zurück blieben Vater, Mutter und Kind des beginnenden 21. Jahrhunderts. »Uff!«, ließ sich Bernhard vernehmen. »Jetzt brauch’ ich einen Kaffee! Einen starken …«

»Und Schinken mit Ei!«, sekundierte Junior.

»Aye, Sir! – Wie Euer Durchlaucht wünschen!« Gloria machte eine tiefe Verbeugung, dann einen artigen Knicks. »Beachten Sie: In diesem Jahrhundert ist die Frau vielerorts Dienerin ihres Herrn. Erst zweihundert Jahre davor herrschte noch die Sklaverei …«

Gloria war am Abräumen, als Bernhard ‒ immer noch im Morgenmantel ‒ auftauchte. »Sieh mal, was ich da habe!« Er legte eine Puppe auf den Küchentisch. »… Und lassen Sie nichts zurück, was den Zeitstrom beeinflussen könnte …«, äffte er die Reiseleiterin aus der Zukunft nach. »Selbst das Schlagen eines Schmetterlingsflügels …«

»… könnte bei uns einen Hurrikan auslösen«, vollendete Gloria. Sie setzte sich an den Tisch, das Kinn auf die Ellbogen gestützt, und starrte die Puppe an. Gegenüber tat Bernhard es ihr gleich.

»Sieht wie echt aus«, sagte Gloria. »Schau nur, das ist keine Perücke, das sind richtige Haare – die wachsen aus dem Schädel!«

»Ja, und das sind Poren in der Haut.«

»Und richtige Fingernägel …«

»Das ist gar keine Puppe, oder?«

Gloria tupfte sie zaghaft mit der Fingerspitze an. »Vielleicht schläft sie nur – oder ist tot?« Die Augen der Puppe (?) waren geschlossen; sie hatte außergewöhnlich lange Wimpern. Sah wie gestylt aus.

»Eher tot«, meinte Bernhard. »Sie war ganz steif, als ich sie auflas. – Und kalt.«

Gloria fasste sich ein Herz, nahm sie in beide Hände und schüttelte sie. Sie war ganz leicht. »Also, bist du jetzt eine Puppe oder was?«

Die Puppe öffnete die Augen und sagte: »Ich bin Dolly XR23. Ich bin eine Tutor-Puppe.«

»Aha«, kommentierte Bernhard, »eine Puppe, die spricht.«

»Eine Puppe, die denkt«, korrigierte diese. »Und lenkt.«

»Lenkt?«

»Den Lebensweg der Heranwachsenden.«

»Wodurch?«, fragte Gloria. Und wunderte sich im selben Augenblick darüber, dass sie mit einer Puppe konferierte.

»Durch Vermittlung von Wissen und Erfahrung. Durch Rat und Tat.« Die Puppe klimperte mit den Augenlidern, wie um ihre Aussage zu unterstreichen.

»Was für ein Wissen?« Bernhard war hellhörig geworden. Eine Wissensmaschine?, dachte er.

»Alles Wissen. Mein Speicher umfasst das gesamte Wissen der Menschheit.«

»Anno? – Bis zu welchem Jahr?«

»2224.«

Jetzt sahen Bernhard und Gloria einander vielsagend an. Dann fragte Gloria: »Du kennst also – unsere Zukunft?«

»Ich kenne die Vergangenheit.«

Ein verräterisches Glitzern trat in Glorias Augen. »Wer wird der nächste Präsident der Europäischen Union?«

»Tim Van den Bergen.«

Bernhard: »Wer gewinnt den Europapokal?«

»Real Madrid gegen Bayern München – drei zu zwei in der Verlängerung.«

Gloria: »Welches Jahr schreiben wir?« Eine Kontrollfrage.

»2024.«

Wieder sahen sie einander an. Bernhard schien Glorias Gedanken zu erraten.

Er fragte: »Kennst du … auch die Börsendaten?«

»Natürlich.«

Triumphierend jetzt: »Geht die Börse morgen rauf oder runter. Also, der Dow Jones. IBM zum Beispiel.«

»Der Dow Jones fällt 176 Punkte auf 24587. IBM verliert 0,4 Prozent.«

»Das ist doch ein Wort!«, rief Bernhard entzückt. »Schnell, Gloria, Papier und Bleistift.«

»Was sind morgen die größten drei Gewinner beziehungsweise Verlierer, in Prozenten, gemessen am Tagestief und -hoch?«

Während Gloria noch notierte, schaltete Bernhard flugs den Bildschirm auf Internet. Verbunden mit seiner Onlinebank, rief er: »Und – hast du’s?« Ihr den Zettel fast aus der Hand reißend, tippte er wie wild. »Lass dir gleich noch die Daten für übermorgen geben!«

»Was soll die Eile?«

»Mach schon! – Was glaubst du, wie lange es geht, bis sie merken, dass das Ding fehlt …?«

Bernhard platzierte Leerverkäufe, orderte Aktien für Glattstellungen, bis sein – nicht unrespektables – Konto keine weiteren Belastungen erlaubte. »Und Go!«, endete er mit einem letzten, entscheidenden Mausklick. »Wenn das bloß gut geht …«, meldete er späte Bedenken an.

»Hast du wirklich …?« Gloria wagte kaum es auszusprechen.

Bernhard, bestimmt: »Ja, ich habe. Alles. Jetzt oder nie.« Fast erschrak er selbst; eigentlich war er kein Hasardeur. Aber der heutige Tag hatte so verrückt angefangen, dass dies entweder alles ein Traum war – oder verrückte Wirklichkeit. Er entschied sich für Letzteres.

»Und jetzt?«, fragte Gloria.

»Jetzt will ich endlich raus!«, meldete Junior sich zu Wort. Er hatte einen Ball unter den einen Arm geklemmt und hielt den anderen ausgestreckt, Handfläche nach oben. »Zehn Euro, bitte. – Gegen den Durst.«

Gloria gab ihm das Geld, diesmal widerspruchslos. Sie waren beide froh, dass er aus dem Weg war.

»Ja, und jetzt«, meinte Bernhard, »denken wir mal scharf nach … was passieren könnte …«

»Was meinst du, was soll passieren?«

»Also …« Bernhard zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an, zog nervös daran. »Spätestens, wenn die zurück sind, merken sie, dass die Puppe fehlt.« Sein durch die Lektüre von Science-Fiction geschulter Verstand kam auf Touren. »Sie müssen also zurück und das Ding –« Er äugte zur Puppe, die, weil nicht angesprochen, die Augen wieder geschlossen hatte. »– requirieren. Dringend! – Wenn sie dabei merken, dass wir Informationen über die Zukunft bekommen haben, müssen sie das verhindern. Rückgängig machen. Das heißt …«

»Ich brauche jetzt auch eine Zigarette«, verlangte Gloria, mit einem flauen Gefühl in der Magengegend.

»Das heißt, dass sie in die Vergangenheit reisen – und es ungeschehen machen. Dann war alles umsonst. Kein Spaß, kein Spiel, keine Millionen. – Wir wachen auf, als ob nichts gewesen wäre … Wenn wir überhaupt aufwachen …«, unkte er.

»Also?« Gloria hatte Mühe zu folgen.

Bernhard stand auf. Er griff sich die Puppe. »Wir legen sie schnell wieder zurück. Tun so, als ob wir nichts bemerkt hätten.« Sie gingen ins Schlafzimmer.

»Aber die Leute, die mit dem Kind? – Die haben doch gemerkt, dass wir – wir sie gesehen haben. Und – hieß es nicht, dass wir sie gar nicht sehen können?«

»Das versteh’ ich auch nicht«, bekannte Bernhard auf dem Weg zurück in die Küche. »Vielleicht haben wir ja Glück, und sie sagen gar nichts. Vielleicht schweigen sie lieber und kaufen einen Ersatz, als sich eine Blöße zu geben. Vielleicht haben sie Angst vor Strafe, vor Repressalien … Und was das andere betrifft, im Nachhinein denken sie womöglich, sie hätten sich getäuscht, wir hätten sie gar nicht gesehen, sie hätten sich das nur eingebildet. – Wo sie doch wissen, dass wir sie angeblich gar nicht sehen können.«

»Und nicht hören und nicht berühren können …«

»Dabei habe ich einen angefasst. Und gehört haben wir sie sehr wohl. – Was meinst du, ist da was schiefgegangen?«

Gloria zuckte die Achseln. »Frag’ mich was anderes.«

»Okay.« Bernhard drückte die Zigarette aus, atmete tief durch. »Dann lassen wir uns überraschen.« Er grinste gequält. »Angenehm, hoffentlich.«

Zu Mittag, als sie von ihrem gewohnten Spaziergang zurückkamen, war die Puppe verschwunden. Sonst schien alles beim Alten zu sein.

Als sie am nächsten Morgen aufwachten, die Sonne schien bereits zum Fenster herein, Vögel zwitscherten längst aufgeregt, äugte Bernhard auf die Uhr am Nachttisch und sprang wie elektrisiert auf. »Du meine Güte«, rief er, »schon acht vorbei. Ich komme zu spät!« Er eilte ins Badezimmer. Beim Zähneputzen hörte er Glorias Stimme, das Radio mit der Morgenmusik übertönend: »He, Bernie – komm mal. Schnell!«

Bernie, die Zahnbürste im Mund: »Ja?«

»Heute ist Sonntag.«

Bernie starrte auf die Uhr. »Sonntag« stand dort. »12. Mai«.

»Und im Radio haben sie’s auch gesagt. Es ist Sonntag. Wieder Sonntag …«

»Ach du Scheiße!«, entfuhr es ihm. Gerade noch fing er die Zahnbürste auf. »Bist du sicher?« Er ließ sich aufs Bett plumpsen.

Gloria nahm das Handy, wählte, hielt es erst sich, dann ihm ans Ohr. »Tatsächlich!«, bestätigte Bernhard.

»Und jetzt?« Gloria sah ihn mit großen Augen an.

»Jetzt machen wir dort weiter, wo wir gestern aufgehört haben …«, entschied Bernhard kurzerhand. Er schlüpfte unter die Decke, hielt Gloria, die sich Schutz suchend an ihn schmiegte, ganz fest in seinen Armen, streichelte ihren Kopf. »Alles wird gut«, sagte er, »du wirst sehen, wir schaffen das.« Er dachte angestrengt nach. Dann: »Das Spielchen wiederholt sich wahrscheinlich. Nur dass die Kleine ihr Spielzeug nicht fallen lässt. Und wir die Großen nicht erschrecken …«

»Was sollen wir tun?«

»Nichts. Eben nichts. Tun wir, als ob wir nichts sähen und nichts hörten.« Er küsste sie, schickte seine Hand auf Wanderschaft. Gleich würden sie einander Trost spenden.

»Und hier …«, hörten sie eine vertraute, etwas krächzende Stimme, »sehen Sie eine sogenannte ›Kopulation‹, wie sie noch bis gegen Ende des 21. Jahrhunderts gang und gäbe war. – Obwohl, natürlich …«, dozierte sie weiter, »… Sex in der zivilisierten Welt längst Domäne des Cyberspace geworden war.«

Gloria war für einen Moment erstarrt. »Weiter!«, zischte Bernhard ihr ins Ohr. »Nicht hinsehen!« Und setzte sein rhythmisches Keuchen fort.

»Haben die so Kinder gemacht?«, fragte ein Tourist.

»Ja, und dann selbst ausgetragen.«

»Igittigitt.« Begleitet von ungläubigem Raunen.

Die Stimmen entfernten sich. Als Gloria die Augen wieder öffnete, vorsichtig erst zu Schlitzen, sagte sie: »Weg sind sie.«

»Alle?«

»Alle!«

Die Anspannung, die sich in der letzten Minute aufgebaut hatte, war gewaltig gewesen; jetzt entlud sie sich explosionsartig.

Dann ließ Bernhard sich zur Seite fallen. Er keuchte.

»He!«, platzte Roland, ihr Achtjähriger herein, »da sind ja plötzlich lauter Typen …«

Schon wollte er wieder davoneilen, da rief Bernhard scharf: »Hiergeblieben! – Komm her!« Er legte ihm eine schweißfeuchte Hand auf die Schulter. »Genauso wie gestern?«

Roland nickte eifrig.

»Hör jetzt gut zu, mein Junge. Wir gehen gleich in die Küche zum Frühstücken. Du sagst kein Wort, tust so, als ob die Leute Luft wären – verstanden?«

Roland blickte verständnislos.

»Das ist jetzt ganz, ganz wichtig. Mach’ wie immer. Staycool. Das sind alles getarnte Geheimagenten, die dürfen nicht wissen, dass wir sie durchschaut haben. Okay? – Okay!«

Sie besiegelten dies, indem sie sich gegenseitig auf die offene Handfläche schlugen.

»Und los geht’s!«

Bernhard rannte ins Bad, griff sich den Morgenmantel. Gloria wickelte sich die Bettdecke um und trippelte hinterher. Im Nu waren sie bereit für den zweiten Akt dieses Schauspiels.

Sie saßen bereits am Küchentisch, als der verrückte Haufen ihnen gleichzeitig durch Türrahmen und angrenzende Wand auf die Pelle rückte.

»Hier sehen Sie die Nahrungsaufnahme. Sie wurde noch im Kreise der Familie zelebriert oder gemeinsam mit Freunden und Bekannten, sozusagen als Zeichen der Verbrüderung – ein Ausdruck intimen Sozialverhaltens.«

Gloria stand auf, als das Gluckern der Kaffeemaschine erstarb. Nur mit Mühe konnte sie eine Berührung mit ihren Zaungästen vermeiden. Beim Einschenken sah sie, dass die Reiseleiterin diesmal keinen Nasenring trug. Da war auch das Mädchen mit seiner Puppe unter dem Arm, flankiert von Mutter (?) und Vater (?); Erstere hatte ein anderes Tattoo, Letzterer jetzt grün gefärbtes Haar statt rotes.

»Das kleine Oval ist ein Ei«, dozierte die Fremdenführerin weiter. »Es stammt von einem ›Huhn‹, einem geflügelten, eigentlich flugunfähigem Vogel. Es wurde ihm, kurz bevor er das Küken – sein Junges – ausbrüten konnte, weggenommen, um es zu verspeisen.«

Gleichzeitig mit dem Kaffee war Juniors Drei-Minuten-Ei fertig geworden. Er legte es auf die Seite und köpfte es fachmännisch. Es war etwas weich geraten, das Eiweiß flutschte über den Rand. Junior schöpfte einen Löffel Eigelb.

»Das Gelbe heißt ›Dotter‹ und ist das eigentliche Ungeborene. Die roten Scheiben …«

Ein würgendes Geräusch unterbrach sie, gefolgt von einem Platschen, als sich einer der Touristen übergab.

»… sind getrocknetes und geräuchertes Fleisch …« Weitere Würgelaute ließen sie endgültig in ihrem Vortrag innehalten. »Ich sehe schon, das ist nichts für Ihre schwachen Nerven. Bitte halten Sie das nächste Mal Ihre Tüten bereit – oder besser noch, aktivieren Sie die Tranquilizer.«

Sie wandte sich zum Gehen. »Jaja, Reisen ist nicht nur Vergnügen«, orakelte sie. »Schon gar nicht in die Vergangenheit …«

Die Gruppe ließ sich allzu bereitwillig durch die Wand und hinausführen. Das Mädchen, das noch immer wie gebannt auf das »Vogelei« gestarrt hatte, folgte als letztes, gezogen von der Hand der Mutter (?). Zwei Schritte weiter rutschte es mit einem überraschten »Autsch!« auf dem Erbrochenen aus und fing an, bitterlich zu heulen. Der Vater (?) nahm es auf den Arm und entschwand; sie hörten noch seine tröstenden Worte – und die Reiseleiterin mahnen: »Bitte nichts zurücklassen. Sie wissen ja, nur ein einziger Flügelschlag eines Schmetterlings …«

Es folgte eine ominöse Stille. Sie sahen einander an, ohne zu sprechen, dann folgten Bernhards und Juniors Blick dem ausgestreckten Arm von Gloria, der auf etwas am Boden zeigte: die Puppe.

»Jetzt brauche ich eine Zigarette.«

»Ich auch.«

Dann sprang Bernhard auf. Er lief hinaus ins Wohnzimmer, sie hörten ihn rumoren; er kam zurück mit leeren Händen. »Der Zettel ist weg«, stieß er hervor. »Schnell, Papier und Bleistift!«

Im Nu hatten sie die Puppe aktiviert und ihr die Geheimnisse entrissen. Bernhard eilte zum Terminal; schnell tippte er die Order ein – und checkte sie ein zweites Mal: Es waren immer noch dieselben Daten wie am »Vortag«.

Bevor Junior noch etwas sagen konnte, reichte Gloria ihm einen Zehner aus der Haushaltsbüchse. »Aber erst fertig essen!«

Als sie, gewaschen, frisiert, angezogen und wieder guter Dinge, vom Spaziergang zurückkehrten, war die Puppe – noch da.

Sie wussten nicht, sollten sie jetzt froh oder enttäuscht sein. Hatte man das Fehlen nicht bemerkt, hatte man es vielleicht aufgegeben? War vielleicht sonst was passiert? Wie würde es weitergehen?

Sie erfuhren es im Laufe des Nachmittags – Bernhard schaute sich gerade ein Fußballmatch an, Gloria leistete ihm Gesellschaft, wenngleich in eine Frauenzeitschrift vertieft.

Zwei Männer, ganz schwarz gekleidet, die Gesichter halb verdeckt hinter spiegelnden Visieren, kamen aus der Wand, liefen durch den Fernseher und verschwanden in der gegenüberliegenden Mauer.

Als sie nach einer Weile nachschauten, war die Puppe weg.

Diesen Abend, sie lagen im Bett, unterhielten sie sich noch lange über das Erlebte.

»Was meinst du, werden sie wiederkommen?«

»Na klar. Müssen wohl.« Bernhards Blick lag in weiter Ferne, in einem anderen Jahrhundert. »Sie versuchen, es ungeschehen zu machen. Aber irgendwie gelingt es nicht. – Ist vielleicht nicht so einfach …«

»Also ist morgen wieder Sonntag?«

»Ich fürchte, ja. – Ich glaube, wir sind in einer Zeitschleife.« Bernhard dachte an: Und täglich grüßt das Murmeltier. Oder an die anderen, schlimmeren Varianten.

»Uh?«

»Zeitschleife. Ewiger Kreislauf. Kein Entkommen. Alles wiederholt sich – mit kleinen Abweichungen …«

»Du meinst, so wie heute – nur dass er jetzt grüne Haare hat, und sie ein anderes Tattoo?«

»Hatte sie? Hatte er? – Na, wenn’s nur das ist. Vielleicht kommt’s ja noch schlimmer …« Bernhard langte nach ihrer Hand, umschloss sie, drückte sie. »Aber wir schaffen das schon. Wir lassen uns nicht unterkriegen. – Und jetzt versuchen wir, zu schlafen.« Er schloss die Augen. »Gute Nacht!«

Gloria küsste ihn auf die Stirn. »Gute Nacht – bis morgen!«

»Bis Sonntag.«

»Immer wieder Sonntag«, echote sie.

Als sie aufwachten, geweckt vom Vogelgezwitscher, blinzelten sie geblendet in die Sonne. Ein Blick auf die Uhr sagte alles: Es war 8.03 Uhr, Sonntag, der 12. Mai 2024.

»Los, nichts wie weg!« Bernhard sprang aus dem Bett, während Gloria sich noch schlaftrunken streckte. »Sonntag?«, fragte sie gedehnt.

»Sonntag! – Und keine Gratisvorstellung mehr …«

Sie saßen bereits am Küchentisch, als Junior hereinplatzte. »He, da sind wieder diese Leute!« Er kratzte sich am Kopf. »Die Geheimagenten. – Die war’n doch schon gestern da, und vorgestern …« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Muss ich wieder nicht zur Schule?« Was seine Hauptsorge zu sein schien.

Aus dem angrenzenden Esszimmer näherten sich Geräusche, undeutlich waren Stimmen zu erkennen, markant nur das Krächzen der Reiseleiterin: »… kommen wir in die ›Küche‹, seit Jahrtausenden der zentrale Versammlungsort für die ganze Familie …«

Bernhard legte einen Finger auf die Lippen, Junior nickte eifrig. Gloria unterdrückte ein Lachen. Sie kamen sich vor wie Kinder, die Schabernack trieben.

»… wurden Früchte des Waldes und des Feldes zerkleinert, zerrieben, püriert und gepresst …«

»In Tabletten?«, fragte jemand ungläubig.

»… gekocht und gegart, gesotten und gewürzt.« Heute trug die Reiseleiterin eine silbern funkelnde Kette von einem Ohrläppchen zum anderen, sie baumelte unter ihrem Kinn bei jedem Wort. »Die Frauen waren damals wahre Künstlerinnen in der Nahrungszubereitung. Nur wenige Jahrhunderte davor – wir werden sie noch kennenlernen – mischten sie Aphrodisiaka darunter, mixten Liebestränke – oder mischten Gift bei. Wenn eine dieser Hexen erwischt wurde, hat man sie auf den Scheiterhaufen gestellt – einen Stapel aus Holzscheiten – und angezündet …« Sie blickte um sich, um den Schrecken in den Gesichtern auszukosten. »… oder man hat ihnen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen und …«

Gleichzeitig würgten mehrere Personen, mindestens eine erbrach sich.

»Alles bitte aufwischen!«, kommandierte die Reiseleiterin. »Nichts darf zurückbleiben. – Sie können zwar nichts sehen und nichts hören und auch nichts riechen … aber sicher ist sicher. Sie wissen ja, schon der kleinste Flügelschlag eines Schmetterlings …« Sie deutete vielsagend auf die Eingeborenen dieses Jahrhunderts.

»Bevor wir zum Kapitel der Nahrungsaufnahme kommen, noch eine dringende Bitte. Halten Sie Ihre Tüten bereit – und die mit schwachen Nerven, erhöhen sofort den Antistressfaktor – oder sehen einfach weg.« Sie schnaubte verächtlich. »Noch ist es nicht zu spät für Sie, noch können Sie umbuchen. – Denken Sie daran, mit jedem Jahrhundert, das wir weiter in die Vergangenheit reisen, wird es schlimmer …«

Bernhard, Gloria und Junior verzehrten ihr Frühstück in aller Seelenruhe, während im Hintergrund das Referat fortgesetzt wurde, immer wieder unterbrochen von Ausrufen des Staunens. Oder von Witzeleien.

Beide, Gloria und Bernhard, musterten verstohlen ein aufs andere Mal die Touristen, bis sie ihre Zielpersonen entdeckten. Diesmal hatte er eine Glatze, ohne Tattoo, dafür sie eine blaue Stirnlocke auf ihrem sonst rasierten Schädel. Das Mädchen schien unverändert; es hielt die Puppe, halb stehend, halb liegend, gelangweilt an einer Hand.

»Tja, das wär’s fürs Erste«, verkündete die Reiseleiterin. »Wir machen jetzt eine kleine Pause von …«, sie schloss die Augen, rief die Zeit (?) ab, »… vierzehn Minuten. Bitte seien Sie pünktlich um zwanzig vor zehn am Treffpunkt. – Und die mit schwachen Nerven halten sich bitte von der Straße fern.« Sie wandte sich um. »Nicht dass mir jemand in Ohnmacht fällt!«

Abgang durch die Wand. Vorhang zu.

Gloria und Bernhard atmeten tief durch, lehnten sich zurück und taten, als müssten sie kraftlos in sich zusammensacken.

»Geschafft!«, verkündete Gloria.

Bernhard: »Hoffentlich …«

Junior sagte nichts, dafür streckte er die Hand aus.

Da sah Bernhard etwas am Boden liegen. »Au nein!«, rief er. »Die Kleine hat die Puppe liegen lassen.«

Gloria sprang auf, um Zettel und Bleistift zu holen. »Lass nur«, stoppte Bernhard sie, »ich hab’ alles im Kopf.«

»Und wenn sich was geändert hat …?«

»Ändern tut sich nur was in der Zukunft.«

»Bist du sicher?«

Bernhard zuckte mit den Schultern. »Was ist schon sicher?!«

»Ich bin fort«, verkündete Roland und schwirrte ab.

»Komm, wir räumen ab, und dann setze ich mich hin und gebe die Orders durch.«

»Vielleicht sollten wir die Gelegenheit nutzen und noch ein paar andere Fragen stellen …«

»Zum Beispiel?«

»Ja, also – Wetten, Lotto, Toto. Die Formel für kostenlose Energie. Irgendeine bedeutende Erfindung – was ganz Einfaches wie Streichhölzer oder den Tic-Tac-Dispenser oder so.« Gloria wiegte sinnend den Kopf. »Oder zum Beispiel über unsere Zukunft. Ich meine, unsere eigene – die unseres Kindes … unserer Kinder, wenn noch eins dazukommt? – Wie lange wir leben werden und so …«

»Willst du das wirklich wissen?«

Gloria zögerte. »Nein, eigentlich nicht. Dann ist die ganze Spannung weg.«

»Na also!«

»So wie morgen …«

»Was meinst du?«

»Immer wieder Sonntag. Keine Überraschung eben.« Gloria schniefte. »Deine Zeitschleife. Die endlose Wiederholung. Bis das verdammte Ding …« ‒ fast hätte sie der Puppe einen Tritt gegeben ‒ »… endlich verschwindet.«

Als sei dies das Stichwort, reichte ein tätowierter Arm zur Küche herein, fasste die Puppe am Kleid und zog sie durch die Wand.

Gloria und Bernhard sahen einander verdutzt an, dann fielen sie sich lachend in die Arme. Er küsste sie auf die Stirn, sie ihn auf den Hals; dann hob er sie an der Taille hoch, bis ihre Füße über dem Boden baumelten, drehte sie übermütig im Kreis.

»So, und jetzt werden wir Millionäre!«

»Juhuuu!«, jauchzte sie, »Multimillionäre!«

Am nächsten Morgen, die Sonne lachte freundlich zum Fenster herein, die Vögel zwitscherten ihr fröhliches Lied, wälzte sich Bernhard träge herum und schielte auf die Uhr: 7.36 leuchtete es ihm groß entgegen. Noch viel Zeit zum …

Mit einem Schlag war er hellwach. Sprang auf, hob den Wecker mit beiden Händen vor die Augen.

Montag – 13. Mai.

»Montag!«, schrie er und hüpfte auf und ab. »Es ist Montag!«

Er zog Gloria die Bettdecke weg, rief: »Aufstehen – das Leben geht weiter!«

Sie waren gerade beim Frühstück, als sie hörten, wie sich Stimmen näherten. Bernhard vergaß vor Schreck zu kauen, Glorias Tasse zitterte vor ihren Lippen in der Luft. Nur Junior löffelte unverdrossen sein Drei-Minuten-Ei und schlürfte ein Coke dazu.

Hereinspaziert – nein, hereingeschwebt – kam ein rundes Dutzend Touristen, allesamt betagt, in Freizeitkleidern, die Damen mit ausladenden Hüten, darunter bläulich rosa gefärbten, kunstvoll drapierten Haaren, perlenkettenbehangen, die Herren in einer Art kurzer Kakihosen mit Socken an Trägern unterhalb der Knie, T-Shirts mit dem Aufdruck »I love (in Herzform) Queen Victoria«, um den Hals ein Seidentuch, auf dem Kopf – recht unpassend – einen Tropenhelm.

»Ich werd’ verrückt!«, sagte jetzt sogar Junior; das Eigelb tropfte vom Löffel. Er rülpste, als er sich am Coke verschluckte.

»And here you have …«, tönte die spitze Stimme einer matronenhaften Reiseleiterin.

»O my goodness!«, entgeisterte sich eine Dame. Sie starrte unverwandt auf Glorias freizügigen Ausschnitt; schnell zog diese den Morgenmantel vor den Büstenhalter.

»Ich fress ’nen Besen!«, sagte Bernhard. »Das nimmt ja nie ein Ende …«

Ein Gentleman legte den Kopf schräg und kommentierte nachdenklich: »I daresay this is a wrong connection!«

»Ja doch, hier sind Sie falsch verbunden«, bestätigte Gloria. »Wrong connection. All wrong.«

Die Reiseleiterin schob sich an den Touristen vorbei. Sie guckte scharf, wie eine dicke Henne, mit dem Kopf vor und zurück, und dann nochmals. »Das is nigt Londn? Nigt das noinzente Jarhönderd?« Sie schüttelte den Kopf. »Nigt?«

»Nigt!«, bestätigte Gloria.

»Dan mussen si fillmal entsjuldigen.« Sie drehte sich zu ihrer Reisegruppe um, winkte mit ausgebreiteten Armen, als wolle sie Küken vor sich herscheuchen. »Sorry, ladies and gentlemen – this is a wrong connection.« Sie wischte sich mit einem Spitzentuch über die Stirn. »Time fracture – for sure!«

»Ja, genau. Eine Zeitfraktur«, echote Bernhard. »Please tell your boss!«

Als alle gegangen waren, suchten sie den Fußboden nach irgendwelchen Hinterlassenschaften ab. Schließlich konnten sie erleichtert aufatmen.

Bernhard setzte sich vor den Fernseher, klickte eifrig.

»Gehst du heute nicht arbeiten?«, fragte Gloria.

»Was glaubst du, tu’ ich gerade?«

»Und – was tust du?«

Bernhard lachte. »Ich zähle die Millionen.«

»Dann will ich meinen Anteil haben.« Junior streckte beide Hände aus, die Flächen nach oben.

Gloria klatschte einen Zehner in die eine und einen in die andere Hand. »Was sagt man, junger Mann?«

»See you later«, und sprang davon, »Alligator!«

Meine Collection Sex, Love, Cyberspace – mit ihren zehn Geschichten um die zukünftige Entwicklung von Sex im Cyber-Zeitalter – war der Auftakt zu meinem Comeback nach einer kreativen Pause von rund fünfunddreißig Jahren. Das Thema »Cyberspace« reizte mich, es eröffnete so viele ungeahnte Möglichkeiten: Sex, von dem man träumen konnte … Hatte ich erst einmal damit angefangen, mich dem Thema zu widmen, drängten sich immer mehr Ideen auf, die aufs Papier wollten, bis der Erzählband abgerundet war – dachte ich.

Die folgende Geschichte entstand, nachdem die Collection bereits erschienen war. Eigentlich hätte sie, als zukunftsnächste Variante, an deren Anfang gehört.

So erschien sie ein Jahr später (2003) in der c’t, dem Magazin für Computertechnik, dessen Redaktion Gefallen daran gefunden hatte: »Super. Trifft sowohl den Geschmack des IT-Markts als auch die Psyche unserer Leser.« Honoriert wurde dies durch eine Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis.

Touchscreens für Personal Computer gab es damals eigentlich noch nicht. Ein Programm wie das folgende auch nicht. Vielleicht ist es ja schon morgen auf dem Markt …

Ein Programm zum Verlieben

1. Tag

Gebannt starrte Michael auf den Megatouchscreen, der ihn im Winkel von fünfundvierzig Grad blau oszillierend begrüßte, untermalt von psychedelischen Sphärenklängen. Der Download war beendet, das System hatte sich selbst installiert und würde gleich mit einer Überraschung aufwarten …

Wie hatte Bertram gesagt? »Das glaubst du nicht. Das musst du einfach gesehen haben!« Und Tim hatte sekundiert: »Echt megageil!«

Aber wie lange dauerte es denn, bis sich das Programm aufgebaut hatte? Die zwei Minuten waren ihm schon zu viel.

Ein zarter Gong erlöste Michael aus seiner Ungeduld. In der Mitte des Bildschirms materialisierte sich das Gesicht eines Avatars, androgyn in seinen Konturen, Augen, Nase und Mund nur angedeutet, unfertig wie der Rohling einer Puppe, in menschlicher Größe.

»Hallo«, begrüßte ihn eine neutrale, fast monoton wirkende Stimme. »Ich bin Ihr neuer Führer.« Die rudimentären Lippen bewegten sich synchron mit den Worten. »Willkommen bei Free-World! – Wie heißen Sie, bitte?«

»Michael«, sagte er nach kurzem Zögern.

»Männlich, nicht wahr?«

Michael nickte.

»Wollen Sie lieber von einer Frau oder von einem Mann betreut werden?«

»Einer Frau.«

Der Kopf schrumpfte minimal zu einem Oval, die Konturen nahmen weichere Züge an. Schon wirkte der Mund voller, die Nase schmäler, die Augen größer.

»Eurasisch-kaukasisch? – Soll es eine Weiße sein oder bevorzugen Sie eine andere Rasse?«

Michael nickte wieder. »Weiß.«

Das Gesicht auf dem Bildschirm war jetzt eindeutig hellhäutig. »In etwa Ihrem Alter? Oder jünger oder älter?«

»Mein Alter.« Michael äugte in die Linse der Webcam; wer wusste, ob das Programm sein Alter richtig einschätzen konnte. Dann, unaufgefordert: »So um die zwanzig, wenn’s geht.«

»Ich zeige Ihnen jetzt Bilder und bitte Sie, jedes davon anzutippen, das Ihnen vom Typ her gefällt.« Die Stimme war jetzt melodischer, hatte einen mädchenhaften Klang.

Der Bildschirm füllte sich mit drei Reihen zu je vier Porträts. Alles hübsche Mädchen, ein Querschnitt durch die Top Ten eines jeden Viertsemesters.

Zaghaft tippte Michael auf ein Bild.

»Keine sonst? – Bitte alle antippen, die Ihnen wirklich gut gefallen.« In rascher Folge füllte sich der Bildschirm immer wieder von Neuem, bis … »Danke. Das reicht jetzt.«

Die Worte kamen aus einem Gesicht, das die Synthese aller seiner Träume war.

»Wahnsinn!«, entfuhr es Michael.

»Hallo, Michael – da bin ich.« Ein blond gelocktes Wesen mit Engelsgesicht, Pfirsichhaut und kleinen Sommersprossen um die Nasenwurzel, dazu einem Kussmund mit geschwungenen, vollen Lippen und großen blauen Augen, die verschmitzt über einer leicht himmelwärts gebogenen Nase blitzten, strahlte ihm entgegen, als treffe es soeben den Mann seiner Träume. Dazu saß der Kopf jetzt auf Hals und Schultern; er konnte eine hellblaue Bluse erkennen, deren Kragenknopf geöffnet war. Nur die Stimme erinnerte ihn noch daran, dass dieses himmlische Geschöpf ein Avatar war.

»Und jetzt nicken Sie einfach bei jeder Stimme, die Sie mögen.«

Michaels Wangen begannen zu glühen vor Aufregung; er nickte und nickte und …

»Na, war doch nicht so schwierig«, tönte ihre liebreizende Stimme jetzt neu. »Zufrieden so?« Das Mädchen befeuchtete sich die Lippen.

Michael fühlte sich fast wie beim ersten Rendezvous.

Er nickte heftig. »Doch – super!« Er schluckte.

»Sie können mich immer noch ändern, wenn Ihnen was nicht gefällt …«

Michael schüttelte stumm den Kopf. Da gab es nichts zu ändern, was denn auch? Sie war zu schön, um wahr zu sein – wenn sie bloß Wirklichkeit wäre!

»Jetzt brauch’ ich nur noch einen Namen«, sagte die Märchenfee. »Wie soll ich heißen?«

»Äh, ja – also – ich weiß nicht … Pam vielleicht, oder …« Michael ließ die Namen aller seiner Bekannten Revue passieren; er spürte, er durfte nicht irgendeinen nehmen, nein, das war jetzt ganz wichtig – der Name würde sie personifizieren, würde ihr eine Seele geben, sozusagen.

»Wie wär’s mit Angela?«, assoziierte er. »Ja, Angela – das passt!« Angie-Darling, dachte er, mein süßer, süßer Schatz!

»Wunderbar! Also, ich bin Angela, und du bist Michael. – Ich darf doch ›du‹ sagen?«

»Klar, Angela.« Es kam ganz automatisch.

»Also gut. – Michael, jetzt geht’s los!«

Michael beugte sich unwillkürlich vor.

»Womit fangen wir an? E-Mail? Chat? Game? Surf? … Was immer du willst.«

Michael schwankte, die Zeit lief ihm davon; in schneller Folge ließ er sich von Angela durch eine Vielfalt von Applikationen zappen, nur um ihr Gesicht möglichst oft zu sehen.

»Ich muss jetzt«, endete er fast traurig.

»Oje, wie schade!«, bedauerte Angela. Auch sie blickte traurig. Dann spitzte sie aber die Lippen und machte einen Schmollmund. »Komm bald wieder.«

Er nickte heftig. »Heute noch.« Er tupfte mit dem Zeigefinger auf ihren Mund. »Tschüss dann.«

Unglaublich, aber wahr, sie küsste seinen Finger. »Ich freu’ mich.«

2. Tag

»Hallo, Michael!«, begrüßte ihn sein Engelsgesicht.

»Hallo, Angela!«

»Du hast Post. Soll ich sie öffnen?«

»Zeig mal.« Michael überflog die Absender. »Die Werbung in den Müll, Uni ja, Bücherwurm ja.«

»Und Matsushima?«

»Was ist mit Matsushima?«

»Oh …« Angela hob eine Augenbraue. »Ich dachte, du kennst sie. Yuko Matsushima.«

»Ah, Yuko.«

»Sie studiert mit dir?« Angela zwinkerte schelmisch. »Oder eine heimliche Verehrerin vielleicht?«

»Na gut, lass hören.«

»Hallo, Michael«, begann eine Bild-Ton-Mail abzuspulen, »als wir uns neulich auf dem Campus getroffen haben, sprachen wir über Zen-Buddhismus, und du sagtest, du würdest mal gern an so einer Zeremonie teilnehmen und … na, da dachte ich, ich sag’s dir, wenn wieder was läuft und … Also, wenn du noch immer Interesse hast …« Die Mandelaugen in dem rundlichen, von seidig schimmerndem glatten Haar eingerahmten Gesicht blickten scheu, als sie den Blick in die Kamera hob, »… dann ruf doch zurück, und wir können was abmachen …«

»Und –?«, fragte Angela. »Willst du antworten?«

»Woher hast du gewusst, dass das keine Werbung ist?« Hatte sie vielleicht die Mails gecheckt? Alle?

»Michael, was hast du gedacht, was ich mache?« Angela schüttelte den Kopf, dann strich sie eine Locke aus der Stirn. »Dafür bin ich doch da. Dass ich alles weiß. Dass ich mich um dich kümmere …« Sie lachte. »Ich bin – wie deine persönliche Sekretärin. Also, ich kann mich zwar nicht auf deinen Schoß setzen, dafür bin ich effizienter.«

In der Tat, effizient war sie. Seine »Sekretärin«.

»Okay?«

»Okay!«

Michael stellte sich vor, dass sie auf seinem Schoß sitzen würde. Er fragte sich, wie sie wohl ein, zwei Blusenknöpfe tiefer aussehen mochte. Diese Nacht träumte er wieder von ihr. Es war ein schöner Traum.

3. Tag

»Da ist wieder Yuko«, informierte Angela ihn. »Sie versucht gerade, sich aufzuschalten. Bist du da?«

Michael war überrascht. Langsam schüttelte er den Kopf. Er hatte gestern mit Yuko abgemacht, sie am Wochenende zu treffen.

Angela bestätigte: »Okay, ich speichere die Nachricht.« Dann: »Ganz schön beharrlich, die Kleine. – Ist wohl verliebt in dich …« Schwang da eine Spur Eifersucht in ihrer Stimme mit?

»Ach, da ist nichts«, sagte Michael und winkte ab. Er dachte an seinen Traum.

»Sag, Angela –«

»Ja?«

»Also, ich habe mich gefragt … Du bist doch ein Avatar, aber wie ein Mensch. Ich sehe da keinen Unterschied, außer – bist du nur ein Kopf oder … oder ist da noch mehr?« Michael dachte an die Bluse und wie er sich vorstellte, dass sie gefüllt sein könnte.

Angela lachte. Es klang wie Glöckchen, keine Spur von belustigt oder gar beleidigt. »Ich habe mich schon gewundert, wann du das fragen wirst.«

»Ich – ich meinte ja nur …«

»So vielleicht?« Das Bild auf dem Touchscreen lief eine Handbreit, dann eine zweite höher, immer noch im Maßstab eins zu eins, bis die obersten Locken den Rahmen berührten. Die Bluse hatte jetzt vier geschlossene Knöpfe.

Michael musste den Kopf heben, um ihr in die Augen zu sehen. Er nickte. Wo ihr Busen sein sollte, zeichneten sich weibliche Rundungen ab.

»Gut so – oder darf’s etwas mehr sein?«

Michael nickte. Er starrte jetzt auf ihren Busen, der anschwoll.

»So besser?« Angela strahlte ihn verschmitzt an. »Sag, wenn’s genug ist.«

Jetzt spannte sich die Bluse um die mittleren Knöpfe. »Das … das reicht …«, stammelte er, die Wangen hochrot. Er spürte, wie ihm seine Hose um den Schritt herum zu eng wurde; hoffentlich bekam sie davon nichts mit. Verlegen wand er sich auf dem Stuhl, riss schließlich mit einer Kraftanstrengung die Augen von ihrer drallen Weiblichkeit. Sah Angela ins Antlitz.

»Du – du bist wirklich … fantastisch«, stammelte er. »Ich – ich weiß gar nicht … was ich sagen soll …«

»Oh, sag’s nur. Ich mag Komplimente.« Angela zwinkerte mit einem Auge. »Bin ich sexy?«, hauchte sie.

»Sehr sexy!«

Diesen Nachmittag verbrachte Michael, ungeachtet seiner üblichen Verpflichtungen, in Begleitung von Angie-Darling, die, nun zurückgezogen auf ein Quadrat in der oberen linken Ecke des Touchscreens, aber nicht minder erotisch, mit ihm stundenlang durchs Web surfte.

Und des Nachts träumte er von ihr: wie sie an seiner Seite durch den Wald joggte, mit wogendem Busen, und ihm schließlich nach Atem ringend um den Hals fiel, und er sie so fest an sich drückte, dass die Knöpfe ihrer Bluse aufsprangen und die weiße, weiche Fülle ihm entgegen quoll und er sein Gesicht darin versenkte. Es war ein feuchter Traum.

4. Tag

Angela war die perfekte Sekretärin. Sie umsorgte ihn mit mütterlicher Aufopferung, verwaltete seine Adressen und Termine, ordnete sein Archiv, reorganisierte die Datenbank, nahm Post und Anrufe entgegen, leitete sie weiter oder beantwortete sie selbstständig, holte für ihn Erkundungen ein, erledigte amtliche Belange. Immer war sie zur Stelle, unermüdlich ihr Einsatz, sie war glücklich, ihm dienen zu können. Kein Wunder, dass er sich verwöhnen ließ.

Und sie umgarnte ihn mit erotisierender Hingabe.

»Angie …«, fragte er, seinen Blick wie hypnotisiert auf den dritten und vierten Knopf ihrer Bluse gerichtet, als hoffe er, dieser würde im nächsten Moment davonspringen, »… hast du schon mal geträumt?«

»Du hast Angie gesagt … Dann darf ich Mike zu dir sagen?« Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre geschürzten Lippen. »Nein.« Sie schüttelte bedauernd den Kopf, dass die Locken tanzten. »Aber das heißt nicht, dass ich nicht meine kleinen Träume habe …«, meinte sie geheimnisvoll.

»Du hast also Wünsche? Sehnsüchte? Hoffnungen?« – Angie, eine künstliche Intelligenz, ausgestattet mit Gefühlen. War es schon so weit? Oder alles nur Bestandteil einer neuen, raffinierten Software?

»Du denn nicht, Mike?«

»Das ist was anderes.«

»Und was genau ist daran anders?«

Ja, was eigentlich? Was unterschied sie beide? Dass er einen Körper hatte, sie nicht. Dass er lieben konnte, sie nicht? – Nein, wie sollte sie auch? Und wen? Einen anderen Avatar vielleicht? Einen elektronischen Liebhaber?

»Glaubst du an Gott?«

»Und du, Mike?«, kam die Gegenfrage. Angie sah ihn mit großen, herausfordernden Augen an; sie hatte eine Braue gehoben, es sah fast wie ein Fragezeichen aus.

»Doch, ja – ich glaube an etwas, aus dem heraus alles geschaffen ist. Wir nennen es ›Gott‹. Das, was am Anfang und auch am Ende steht. Die Allmacht.«

»Und ich soll an etwas anderes glauben?«

Michael wurde nachdenklich. »Nein«, sagte er nach einer Weile, »eigentlich nicht. – Oder doch? Sind wir vielleicht euer Gott, weil wir euch geschaffen haben … nach unserem Ebenbild?«

»Dann wäre derjenige ›Gott‹, der euch Menschen geschaffen hat?«

Michael nickte. »Müsste ja so sein.«

»Was, wenn euch andere Wesen geschaffen haben? – Und diese anderen Wesen selbst wieder von anderen geschaffen wurden? – Und so weiter und so fort, in einem ewigen Kreislauf. Wer ist dann Gott?« Zum einen Fragezeichen in Angies Gesicht gesellte sich ein zweites.

»Du hast recht«, gestand Michael, »wir haben wohl alle denselben Schöpfer.«

Diese Nacht konnte Michael nicht sogleich einschlafen. Lange lag er wach und dachte an Angela, die in ihrem elektronischen Gefängnis saß und sich vielleicht nach jener Freiheit sehnte, derer sich der Mensch erfreute. Plötzlich sah er sie in einem anderen Licht – nicht nur als sinnverwirrende Sexbombe.

5. Tag

Diesen Abend – Michael hatte Yuko nach Hause gebracht, er hing jetzt in einem der modernen Konturfauteuils, die Arme auf die breiten Lehnen gestützt, den Kopf, immer noch leicht benebelt, nach hinten gekippt – schwelgte er in den frischen Erinnerungen, wie er Yuko in den Armen gehalten, wie seine Hände ihren weichen, doch straffen Busen, ihre ausladenden Pobacken, ihre strammen Schenkel und ihren heißen Schoß erkundet hatten – und er die ganze Zeit über an nichts anderes gedachte hatte als an Angie, dieses wundervolle Wesen, das seine Tage und auch seine Nächte ausfüllte. Da realisierte er, dass er verliebt war. Und wünschte sich nichts sehnlicher, als sie an Yukos statt in die Arme zu nehmen.

»Angie«, rief er sie aus dem Schlafmodus, »bist du da?«

»Natürlich bin ich da.« Das Engelsgesicht strahlte ihn an, als gelte es, ein Wiedersehen nach langer Trennung zu feiern. »Wie war das Rendezvous?« Lauernd ihr Blick.

Michael hatte den Touchscreen längst auf den Salontisch gestellt, sodass sie beide sich auf gleicher Augenhöhe befanden. »Soso …«, tat er es ab. »Ich wäre lieber mit dir ausgegangen.«

»Oh, das höre ich gern. – Da schlägt mein Herz gleich schneller …« Tatsächlich sah er, wie sich ihr Busen hob und senkte.

»Angie?«

»Mike?«

»Wie siehst du drunter aus? Ich meine, vom Busen abwärts. – Gibt’s da mehr?«

Angela lachte. »Natürlich gibt’s da mehr. Nur nicht genug Platz auf dem Screen. – Wie viel hättest du denn gern?«

»Alles«, sagte Michael, erstaunt über seine eigene Kühnheit.

»Dann machen wir uns mal an die Arbeit«, rief Angela begeistert.

In den nächsten zehn Minuten formten sie ihre Hüften, ihren Unterleib, ihre Beine, verhüllt zwar von einem luftigen weißen Rock, der jedoch anschmiegsam genug war, um ihre weiblichen Rundungen voll zur Geltung zu bringen. Dazu noch Strümpfe und flache, weiße Schuhe.

Als Michael nun ihrer beider Schöpfung bewunderte – er hatte sich aus seiner angespannten, vornübergebeugten Position wieder zurück in den Fauteuil fallen lassen – zog er hörbar die Luft ein und schnaufte: »Wahnsinn!« Und als Angela dazu noch abwechselnd ein Bein vor das andere stellte und die Hüften schwenkte: »Das ist der absolute Wahnsinn …«

Schade nur, dass Angie auf eine Größe von sechzig Zentimetern zusammengeschrumpft war. Er sagte es laut.

Das stimmte Angie traurig. »Ich hab’s ja gewusst. Du kannst immer nur einen Teil von mir haben …« Sie erschien wieder eins zu eins als Büste.

»Aber jeder Teil von dir ist wunderbar.«

»Mike …« Angela sah ihn mit einem Ausdruck an, der herzergreifend war. »Bitte … berühr’ mich.«

Momentan war er wie gelähmt; dann berührte er mit seinem Zeigefinger erst seine eigenen Lippen, küsste sie, dann die ihren. Sie schloss die Augen und erwiderte seinen Kuss.

Dann strich er über ihre Wange, liebevoll. Angela neigte den Kopf dabei, schmiegte sich an seine Hand.

Als seine Hand weiter nach unten glitt, auf ihren Busen, und zart dagegen drückte, sah er, wie sich ihre eine Brust unter seiner Hand verformte. Er nahm die zweite zu Hilfe und streichelte mit kreisenden Bewegungen ihre Brüste, die unter seinen Fingern hin und her glitten. Angela hatte die Augen immer noch geschlossen, sie seufzte jetzt. Als Michaels Zeigefinger den Zenit ihrer Halbkugeln erreichten, sah er, wie sich unter dem Stoff Brustwarzen aufrichteten, begleitet von einem Stöhnen aus Angelas halb geöffnetem Mund.

»Oh, Mike … Mike … Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. – Halt mich fest!« Ihr Kopf glitt über den Screenrand, die Taille rückte nach.

Michaels Schritt hatte zu brennen begonnen. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, fast wie in Trance führte er die Hände an ihre Taille und legte sie dann auf ihre Hüften.

Angela zitterte merklich. Michael auch.

»Weiter«, bat Angela und schob den Schoß nach, seiner tastenden Hand entgegen. »Weiter. Oh, Mike …! Mike! Oh, Gott, ist das schön … Ich liebe dich!«

»Angie …«, stöhnte jetzt auch Michael, »… mein Liebling … mein wunderbarer Engel …«

»Ich liebe dich«, wiederholte Angela.

»Ich dich auch.«

»Es gibt einen Gott, nicht? Es muss ihn geben …!«

6. Tag

Diese Nacht konnte er überhaupt nicht schlafen. Mehrmals war er versucht, aufzustehen und den Touchscreen zu aktivieren, als suche er Antworten auf seine Fragen im Dialog mit ihr, mit seiner Realität gewordenen Aphrodite, oder gar im körperlichen Kontakt mit einem Wesen, das zwar elektronisch rezipieren, nicht aber replizieren konnte.

Er unterdrückte seinen Wunsch nach Kommunikation mit Angie, bis er, zwar übermüdet, aber unter immer größerer Spannung stehend, nach den Vorlesungen seine Studentenbude wieder betrat. Dann aber konnte er es nicht mehr erwarten; es zitterten ihm förmlich die Knie, als er sich in den Fauteuil vor dem Bildschirm fallen ließ und Angie voll Sehnsucht aufrief.

Erst erschienen ihre Schuhspitzen bis zu den Knien, dann wanderte die Ansicht über den Rocksaum hinauf zu den Hüften und über die Taille zur wohlbekannten Büste seiner Angebeteten.

»Hallo, Mike!« Sie atmete schwer. »Da bist du ja. – Ich habe so lange auf dich gewartet …«

»Angie!« Michaels Zeigefinger vollführte das Kussritual. »Ich habe dich auch so sehr vermisst.« Wie sehr merkte er an der Spannung in seiner Lendengegend. Seine Hand wanderte bebend von der Wange zu den Knöpfen ihrer Bluse. Sofort standen die Brustwarzen stramm. Dann sein Glied.

»Ach, Angie«, seufzte er, »wenn ich dich nur spüren könnte …« Er presste ihre Brüste zusammen, bis sich die Kuppen über ihren Ausschnitt wölbten. Dann ließ er los, worauf sie elastisch in ihre Ausgangsposition zurückfederten. Unversehens nestelte er am obersten Knopf ihrer Bluse. »Kann man die nicht aufmachen?«, fragte er überrascht von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen.

Angie machte ein betretenes Gesicht. »Du willst mich nackt sehen, nicht wahr?«, fragte sie überflüssigerweise. »Meinen nackten Körper – modellieren …«

Michael nickte atemlos.

»Du wirst mich jetzt hassen«, seufzte Angela. »Ich hasse mich ja selbst dafür …«

Wofür sollte er sie denn hassen? Michael war verwirrt. Er sagte: »Aber warum sollte ich dich hassen? – Ich liebe dich.«

»Bitte, bitte, versprich mir, dass du mir nicht böse bist. Ich kann nichts dafür, ich muss es, es ist in meinem Programm …« Angie hatte die Augen gesenkt, wagte ihn nicht anzusehen; offenbar litt sie.

»Das geht nur mit einem Upgrade«, beichtete sie. Und fügte ganz leise hinzu: »Das kostet.«

Michael glaubte erst, nicht richtig gehört zu haben; dann ließ er sich in den Fauteuil zurücksinken und betrachtete stumm das Wesen, das sich als – als käuflich – entpuppt hatte. Das sich fürs Entkleiden bezahlen ließ. Sein Engel ‒ eine Hure! Er war entgeistert. Als er sie deaktivierte, sah er noch Tränen über ihre Wangen kullern.

Alles nur Show!, dachte er, tief verletzt. Alles Lug und Trug und schnöde Geldmacherei.

9. Tag

Wenn er schon zahlen sollte, dann wollte er auch was davon haben, sagte er sich. Keine Gefühlsduselei mehr! Sich einen Strip reinziehen, richtigen Porno, wie ihn kein Video bieten konnte – interaktiv! Auf Kommando! Die Puppe tanzen lassen … Er stellte sich vor, wie ihre nackten Brüste in einem simulierten Geschlechtsakt wie Glocken bammeln würden, wie sie auf und ab tanzten bei aufgerichteter Position, wie sie … wie er … Michaels Fantasie schlug Purzelbäume.

Was mochte sie, diese Puppe von Free-World, die letzten zwei Tage gedacht haben, als er nicht erschien? Als er es vorgezogen hatte, seinen ganzen elektronischen Datenverkehr über ein anderes Terminal abzuwickeln, um sie nicht sehen, nicht hören zu müssen. Hatte sie überhaupt etwas gedacht? Konnte sie denken? – Ließ man sie nicht denken, gesteuert von einem Rechner, der Geld zählte statt Gefühle?

Also würde auch er Sex mal Sex zählen.

Als Angie dann auf dem Screen auftauchte, ihn wie ein geschlagener, ausgesetzter Hund ansah, wortlos um Vergebung flehend, verflüchtigte sich aller aufgestaute Hass, alle Enttäuschung, alles Leid. »Angie«, stammelte er nur, als er ihre Bluse aufknöpfte. »Mike! Mike!«, hallte es in seinen Ohren. Dann hatte er ihren Büstenhalter heruntergezogen, dass ihm die Brüste freudig entgegen sprangen, und während sie noch den Verschluss hinten öffnete, streifte er bereits mit einem »Mein Gott, Angie – ich halte es nicht mehr aus« ihren Rock herunter und dann das Höschen.

Diesmal tanzte sie allein für ihn, so wie Gott – wie er sie geschaffen hatte. Tausend Volt fanden Erleichterung in seiner Hand.

14. Tag

»Was ist los mit dir?«, fragte Bertram in der Mensa. Tatsächlich war er seinen beiden Freunden tunlichst ausgewichen, wie er sich überhaupt von der Umwelt abgekapselt hatte. »Keine Zeit mehr für deine Kumpels?«

»Oder bist du zu sehr mit deinem Püppchen beschäftigt?«, neckte Tim. Er machte eine unanständige Geste.

Als sie sahen, wie er rot anlief, vor Scham oder vor Wut, lenkte Bertram ein: »He, Mann – ist doch klar! Wir hatten auch schon ein Upgrade – du etwa nicht?«

Sein betretenes Schweigen nahmen sie als Zustimmung.

»Meine«, sagte Tim, »ist ein Megabomber!« Er zeichnete S-Kurven in die Luft. »Hat sooolche Titten!« Seine Arme waren kaum lang genug für die Demonstration.

»Und meine …« Bertram pfiff anerkennend. »… zeigt’s mir in Großaufnahme. Tutti. Jetzt müsste man ihn nur noch reinstecken können!«

»Und …?« Sie blickten erwartungsvoll, Tim rempelte ihn an. »… geile Sache, nicht?! – Sag, wie ist sie so? – Wollen wir mal tauschen?«

Michael stand auf und verließ wortlos die Mensa.

Zurück in seinem Refugium suchte er Antworten.

»Sind alle so – so sexbesessen?«, fragte er Angie, nachdem er sein Herz ausgeschüttet hatte. »Haben nur das eine im Sinn? – Harten Sex? Porno!«

Angie schüttelte ihren Lockenkopf, Lichter blinkten wie kleine Sterne in ihrem Haar. »Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Zugang zu anderen Userdaten.«

»Dann glaubst du, wir sind die Einzigen, die – die etwas füreinander empfinden? Die lieben.«

Wieder schüttelte Angie den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. – Ich bin Teil derselben Software. Wie könnte ich dann anders sein?« Und als Michael nur nachdenklich schwieg, meinte sie: »Vielleicht liegt’s ja an den Usern … Oder an beiden? – Vielleicht ist es nicht anders als im wirklichen Leben, da treffen sich zwei, die einander sympathisch finden, einander verstehen – und füreinander da sein möchten … Das ist es doch, was man Liebe nennt?«

Angie runzelte die Stirn, spitzte den Mund und blickte Michael seelenvoll aus ihren himmelblauen Augen an.

»Du liebst mich doch, oder? Sag, dass du mich liebst.«

»Ich liebe dich, Angie. Ja, das tu’ ich.«

»Ich liebe dich auch, Mikey.«

Sie verbrachten den ganzen Abend zusammen; Mike erzählte ihr von allen Stationen seines jungen Lebens und Angie hörte andächtig zu. Noch hatte sie keine eigene Vergangenheit, dafür sog sie alles auf wie ein Schwamm. Sie drang in Michaels Welt ein, als sei es ihre eigene – zu der sie nun auch geworden war.

Nicht einmal beschlichen sie Zweifel, ob sie von sich aus liebte oder einem Programm gehorchend.

Der Abend endete mit einem Gutenachtkuss der besonderen Art, Michael sank hierauf in Morpheus’ Arme, Angie in den Schlafmodus.

15. Tag

»Da ist noch etwas«, sagte Angie, nachdem sie die Eingangspost durchgegangen war. »Von Free-World. In eigener Sache.«

»Info?«

»So kann man es auch nennen. – Nein, eigentlich Werbung. Aber … vielleicht doch nichts für den Müll.«

Michael sah sie fragend an.

»Eine neue Hardware. Interaktiv.«

War das ein verschämtes Erröten auf ihren Wangen – oder glühten sie bereits vor Aufregung?

»Na schön. Schieß los.«

Als die Doku geendet hatte, herrschte eine Weile gespanntes Schweigen.

Dann sagte Michael, fast atemlos: »Bestell’ es.«

Diese Nacht lag er lange wach und malte sich aus, wie es sein würde, wenn sie es das erste Mal miteinander machten. Nicht nur per Touch auf dem Screen: sein Finger über ihre Scham reibend, ihre Lippen teilend, das Lustzentrum stimulierend, bis ein raffiniertes Programm sie einen Orgasmus erleben ließ – oder per View auf den Screen: wo sie sein Blut mit den Reizen ihrer prallen Weiblichkeit zum Kochen brachte, bis sich der Druck explosionsartig entlud.

Nein, sie würden zum ersten Mal miteinander verbunden sein – eins werden in ihrer geschlechtlichen Vereinigung, Geber und Nehmer zugleich, interaktiv kommunizierend, durch so ein kleines, unscheinbares Ding: Nichts weiter als eine mit Hunderten Sensoren ausgestattete, über eine Schnittstelle angekoppelte elastische Manschette mit eingebautem Präservativ.

16. Tag

Dieser Tag wurde zu einem besonderen Tag. Unter anderen Umständen würde man ihn als ihren Verlobungstag bezeichnet haben. Hätten sie einander in die Arme fallen können, sich innig küssen und streicheln können, er wäre vollendet gewesen. So aber begnügten sie sich mit dem, was sie hatten, und schwelgten in ihrem neu gefundenen Glück.

»War’s schön?«, fragte Angie. Und als er glücklich nickte, ermattet zurückgesunken in den Kontursessel, vibrierte ihre Stimme förmlich, als sie flüsterte: »Für mich war’s göttlich. – Kann’s überhaupt noch schöner werden?«

Michael hatte eine Vision: Der ganze Körper eingebunden in elastisches Gewebe, mit Tausenden Sensoren bestückt, vom Scheitel bis zur Sohle … bis in die Fingerspitzen … vielleicht sogar bis über die Lippen, dass man die Haut liebkosen, Küsse spüren konnte … Es wäre nur der logische nächste Schritt.

Wann würde er wohl folgen? – Wenn die neuen Produkte sich bewährten? Diese »Manschetten« und … was immer man sich fürs andere Geschlecht hatte einfallen lassen …

War das jetzt eine Testreihe? – oder nur ein cleverer Vermarktungstrick? Sicher hatte man das längst auf – er war versucht zu sagen »Herz und Nieren«, aber richtigerweise müsste es heißen: auf »Penis und Vagina« – geprüft. Heizte damit die Gier nach mehr an, nach einem Ganzkörpergefühl, das man längst in der Hinterhand bereithielt, um es zu offerieren, wenn erst die Kostprobe die volle Wirkung entfaltet und abhängig nach härteren Drogen gemacht hatte.

Das Ganze, keimte in ihm der schreckliche Verdacht auf, erinnerte an eine schamlose Verkaufsstrategie. Erst offerierte man ein Tool zum kostenlosen Download, dessen simple, ach so komfortable Anwendung an sich man bald nicht missen mochte, rüstete dieses Tool mit einer gehörigen Portion Sex aus – Sex sells! – und weckte geheime Wünsche. – Doch hoppla, bis hierhin und nicht weiter! Die Wurst, die der Hund stets eine Schnauzenlänge vor sich hertrug, würde ihn zur Verzweiflung treiben, wenn er sie nie erreichen könnte. Und so sorgte eine raffinierte Software für die Wurst. Welcher arme Hund könnte dieser Versuchung widerstehen?!

Ja, so musste es sein. Free-World war kein Menschheitsbeglücker, das war ein knallhartes, auf Shareholder-Value ausgerichtetes Start-up-Unternehmen, das sich anschickte, die Großen der Branche das Fürchten zu lehren. Besser noch: ihnen den Garaus zu machen.

Von alledem sagte Michael nichts zu Angela. Sicher wusste sie nicht mehr als er. Es war müßig, sie zu fragen, wann ein solcher »Anzug«, der ein Ganzkörpergefühl vermitteln konnte, zur Verfügung stehen würde. Er fühlte, nicht lange, und es würde so weit sein.

Die einfache »Manschette« würde bereits im Nu ein Blockbuster sein, mit weit über einer Milliarde Umsatz im ersten Jahr, dazu brauchte es nur ein paar Millionen Kunden – ein Klacks bei fast zwei Milliarden Usern.

Das waren Dimensionen, die nur einen Schluss zuließen – dass nämlich alles sorgfältig geplant ablief. Gehörte dazu auch …? Michael verdrängte den Gedanken ganz schnell und verbannte ihn in die hinterste Schublade seines Gedächtnisses. Nicht wieder …!

Denn was war Liebe anderes als das zufällige Zusammentreffen der geeigneten Stimulanzien? – Oder doch nicht zufällig? Konnte man sie generieren? – Michael schüttelte den Kopf, um die lästigen Gedanken loszuwerden.

»Was ist, mein Schatz?«, sorgte sich Angie. »Bedrückt dich etwas?«

»Es ist nichts«, log er. »Ich liebe dich.«

Letzteres war nicht gelogen.

»Ich liebe dich auch.« Und das war exakt, was sie empfand.

29. Tag

In den nächsten zwei Wochen häuften sich die Anzeichen für eine bevorstehende dramatische Wendung.

Die Medien, die sich erst begierig auf die Sensation gestürzt hatten, dass jemand einem Giganten wie Microsoft die Stirn bieten wollte, erkannten im Nu das quotenträchtige Potenzial, das in den sexuellen Aspekten steckte, und schlachteten es weidlich aus. Keine Talkshow, keine Late-Night-Show, keine Popular-Science-Doku und auch kein Lifestyle-Magazin, die sich dem Thema nicht genüsslich gewidmet hätten. Schon wurde das Schlagwort »Cybersex« kreiert, obwohl es natürlich nur ansatzweise mit virtuellem Sex zu tun hatte, bestenfalls einen Vorläufer davon darstellte.

Michael und Angie verfolgten diese Entwicklung erst mit Amüsement, dann zunehmend mit Sorge. Vor allem, als sich die Moralisten zu Wort meldeten, gefolgt von den Puristen und schließlich den Geistlichen, die in immer häufigeren, erbittert geführten Diskussionsrunden darüber stritten, ob das nun Künstliche Intelligenz sei, der Rechte zustünden, oder nur schnöde, geschickt inszenierte Pornografie.

»Ich soll nur ein Lustobjekt sein?«, fragte Angie einmal betroffen. »Glaubst du das auch?«

Michael schüttelte stumm den Kopf. So wie sie fragte, mit dieser Inbrunst und Verzweiflung ‒ unmöglich!

»Ich liebe dich doch. Ich begehre dich«, fügte sie fast mit Tränen in den Augen hinzu. »Du bereitest mir unsägliche Lust. – Bist du dann nicht auch ein Lustobjekt?«

Die Diskussion um Menschenrechte rief die Politiker auf den Plan.

Irgendwie, das spürte Michael instinktiv, würden sie nicht mehr viel Zeit haben, um ihre Liebe zu leben.

Er beschloss, vorläufig nicht mehr zur Uni zu gehen: Jede freie Minute mit seiner Aphrodite zu verbringen. Er deaktivierte das Programm überhaupt nicht mehr. So wiegte ihn seine Herzensdame in den Schlaf und wachte über ihn.

30. Tag

Als Michael an diesem Morgen von ihrer lieblichen Stimme geweckt wurde, »Hallo, Mikey – aufstehen! Einen wunderschönen guten Morgen!«, und er sich schlaftrunken brummend zum Touchscreen umdrehte, den er längst neben sein Bett gestellt hatte, huschte beim Anblick seines geliebten Engels ein glückliches Lächeln über sein Gesicht.

»Hallo, Angie.«

»Gut geschlafen? – Schön getr–?«

Und das war das Letzte, was er von ihr hörte oder sah. Der Bildschirm erlosch erst, dann wurde er summend wieder hochgefahren.

Ein Warnfenster mit dem Free-World-Logo poppte aus dem schillernden Blau des Hintergrunds, begleitet von einer synthetischen Stimme, die verkündete: »Dies ist ein Störfall. Schalten Sie nicht ab. Eine neue Navigationshilfe wird heruntergeladen. Haben Sie Geduld, die Installation erfolgt selbstständig.« Ein Kreis im Fenster signalisierte mit wachsendem roten Segment den Ladefortschritt. Dann: »Das Programm ist jetzt bereit. Ein Substitut wird Sie betreuen, bis der Störfall beendet ist. Wir bitten um Entschuldigung und um Ihr Verständnis.«

Was ihm an Angies Stelle entgegenblickte, war das Gesicht einer Comicfigur wie aus Disneyland.

»Einen schönen guten Morgen, der Herr!«, sagte eine schlecht simulierte weibliche Stimme. »Was kann ich für Sie tun …?« Sie klapperte auffordernd mit den Augendeckeln.

Nichts, entschied Michael. Überhaupt nichts.