Andoria ward immer da - Michael Giersch - E-Book

Andoria ward immer da E-Book

Michael Giersch

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Beschreibung

Grit-Otto-Köhm hat mithilfe des Trolls die ersten Angriffe erfolgreich abgeschlossen, er hat seine Feinde getrennt. Jetzt sind sie nicht mehr so brutal stark; er kann die Gegner an verschiedenen Fronten bekämpfen. Er bereitet den letzten Schlag vor, damit er die Menschheit, die ja alles falsch macht, auslöschen kann. Aber er hat nicht mit so einer erbitterten Gegenwehr gerechnet.

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Seitenzahl: 656

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wird’s besser? Wird’s schlimmer?, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.

(Erich Kästner)

INHALT

Sonntag, der 11. November

Montag, der 12. November

Die Verhandlung

Baumarkt

Dienstag, der 13. November

Mittwoch, der 14. November

Dienstag, der 25. Dezember

Mittwoch, der 26. Dezember

Annas Reise

Donnerstag, der 27. Dezember

Freitag, der 28. Dezember

Samstag, der 29. Dezember

[Der Kreis schließt sich (fast)]

Sonntag, der 30. Dezember

(Der Kreis schließt sich)

Freitag, der 19. Oktober

Das Vokabularium der Dschungelhelden

Von diesem Autor bereits erschienen:

Koma

Anderland

Anderland, das letzte Gefecht

Schatten

Schatten, Tillys Rache

Verschollen

Verschollen im Interland

Heunes Garage

Andoria

Sonntag, der 11. November

Ark erwachte. Die Hütte hatte ihren Glanz verloren: es regnete noch immer wie aus Eimern und es tropfte aus etlichen Löchern von oben. Sie war nass, sie fror, sie musste pinkeln und sie hatte einen fürchterlichen Geschmack im Hals. Und einen erbärmlichen Durst und alles andere hatte sie auch.

Anna, die neben ihr lag, stöhnte auf. »Hat vielleicht jemand mal einen Ofen oder eine Standheizung für mich dabei?«

Yannick, der neben Anna lag, reckte seine Arme in Richtung tropfende Decke. »Schönen guten Morgen allerseits!«

»Guten Morgen ist gut«, stöhnte CCR, die neben Yannick lag. »Wir müssen das hier so schnell wie möglich zu Ende bringen. Ich habe Appetit auf Rührei mit Speck und eine heiße Tasse Kaffee. Und eine Dusche benötige ich auch mal wieder. Ach was: Ich könnte ein ganzes Speisfass voller Rührei mit Speck fressen. Aber einen riesengroßen Kübel!«

Arkansas stand auf und reckte ihrerseits die Arme in die Höhe. »Das haben wir aber heute nicht auf dem Speisezettel. Wir haben vielleicht noch ein paar Wurzeln, die Strubbel gestern Abend ausgebuddelt hat. Kommt, wir müssen weiter nach Norden.«

Strubbel schüttelte sein nasses Fell. Er hatte unter dem Hauptloch gelegen und dadurch das meiste Regenwasser abbekommen. Soll ic euc etwas zum Früstücken besorgen?

CCR steckte eine weiße Bombe an. »Bloß nicht, ich habe die Schnauze voll von Würmern und Käfern. Ich brauche etwas Vernünftiges zwischen die Zähne. Besorge uns doch mal einen Hasen oder ein Reh. Oder am besten eine ganze Herde oder ein Rudel!«

»Wie kannst du nur so früh am Morgen rauchen?«, fragte Anna.

»Warum?«

»Weil ... wir haben doch noch gar nichts gegessen.«

»Rauch ist immer gut, mein Kind, sogar gegen Motten.«

»Nenn mich nicht mein Kind, ich bin schon zehn! Meine Mutter würde Lenze sagen. Ich werde bald elf Jahre alt!«

»So alt wird kein Schwein, alter«, stöhnte der Junge. Er stemmte sich in die Höhe. »Wie spät haben wir’s denn?«

Carola schnippte Asche auf den Boden. »Keine Ahnung, aber wir haben ganz schön lange gepennt. Wir müssen hurtig weiter.«

Arkansas zog die Hüttentür auf. »Es regnet noch immer, als wenn es morgen nichts mehr geben würde.«

Das mact Grit-Otto-Köm, stellte Strubbel trocken fest.

»Fängst du uns einen Hasen?«, fragte Anna den Köter.

Klar Mann, ic bin der beste Asenfänger seit Punk.

»Aber gestern ...«

Was interessiert mic mein Gescwätz von gestern, Adenauer.

»Wer ist denn Adenauer?«, fragte das Mädchen.

Kandy schloss ihre Regenjacke und trat ins Freie. »Der war mal vor langer Zeit Bundeskanzler. Es wird immer verschwommener draußen.«

Auc das mact Grit-Otto-Köm. Strubbel humpelte los. Saskya und ihre Verbündeten erledigten in der Botanik ihre Morgentoilette.

Zwei Minuten später kam der Hund, der aus einer anderen Dimension stammte, mit einem Hasen zwischen den Zähnen zurück. Früstück!

»Aber es ist ja noch das Fell dran?«, stellte das Mädchen erstaunt fest.

»Wir müssen es abziehen und das Tier dann ausnehmen«, sagte Ark. »Aber wie sollen wir es grillen, bei dem Scheißwetter? Kein Holz brennt, es ist doch viel zu nass.«

Wir müssen zurück, unter das Dac.

Zurück unter dem teilweise schützenden Dach der Hütte angekommen, meinte Arkansas: »Hat sich jemand schon mal Gedanken gemacht, wie wir das Tier ausnehmen? Und wie wir es braten? Wir haben kein Feuerholz und erst recht keinen Herd. Geschweige denn einen Grill?«

Strubbel zückte eine Kralle. Alt mal fest, ausnemen kann ic es. Aber Lict müsst ir scon macen.

Yannick nahm das Tier bei den Vorderläufen und hielt es in die Luft. »Dann mach mal, alter. Ich schaue auch nicht hin.« Er schloss demonstrativ die Augen.

Strubbels Kralle filetierte den Hasen, die Innereien und das Fell fielen wie ein nasser Sack dampfend zu Boden.

Anna sammelte alles beflissen auf und warf sie vor die Tür. »Jetzt haben wir aber noch immer kein Feuer zum Grillen?«

»Carola kann es ja mit dem Feuerzeug versuchen?«, grinste der Junge frech.

»Das dauert doch viel zu lange«, sagte Anna und schaute Strubbel an. »Warum frisst du es nicht?«

Was?

»Die Innereien, du frisst doch sonst alles. Du bist doch ein Omnibus oder wie sich das nennt?«

Omnivore, Frau Staatsanwältin. Ic kann es nict essen, es ist verscwommen?

»Was?«

Es ist ein Weltengesetz. Ic kann nicts Verscwommenes essen. Ebenso wie ic dic nict fressen kann. Das ist Gesetz, du lebst ja noc. Da kann ja jeder kommen, würdet ir bestimmt sagen?

»Ist ja auch jetzt egal, wir müssen das Vieh grillen«, sagte Constanze und schaute sich in der Hütte um. »Wir haben hier aber keinen Grill?«

»Du hast doch dein Geld, damit können wir ein Feuer anzünden?«, fragte Kandy vorsichtig an.

»Wir brauchen das Geld vielleicht noch, zweitens kann man damit keinen Hasen grillen. Wir brauchen ein echtes Lagerfeuer. Ach ... wie war das mit Herd oder Mikrowelle damals so einfach. Jetzt müssen wir einen auf Pfadfinder machen«, meinte CCR.

Es ist verscwommen, meldete Strubbel. Ansonsten wäre es aber auc zu einfac, erst verteuern sie die Energie, dann das Kaugummi. So beginnt alles!

Anna legte den Regenschirm in eine Ecke. »Was hat das denn damit zu tun? Wer braucht denn Kaugummi? Cura post nachher. Ohne Lagerfeuer nichts im Magen, ich habe Hunger. Wir könnten die Hütte auseinandernehmen, die brauchen wir eh nicht mehr. Dann haben wir reichlich Brennholz.«

»Mein Würfel sagt nichts, dein Bogen sicherlich auch nicht«, meinte Carola mit einem schrägen Blick auf Arkansas, »das Geld können wir eh nicht anzünden. Wir brauchen aber irgendwie Feuer?«

Anna grinste Carola an. »Bin ich die Hexe oder du? Lass dir was einfallen.«

Constanze setzte sich auf den festgestampften Lehmboden. »Ich muss überlegen. Roh können wir das Vieh nicht essen, das verträgt unser Magen nicht. Außer vielleicht Strubbels, er frisst ja allen möglichen Mist. Der frisst sogar Autoreifen, wenn es sein muss. Da bin ich mir völlig sicher. Oder Lineale mit Honig frisst er.«

Warum nict? Ic kenne da ein gutes Rezept, du tust –

Saskya unterbrach: »Wo bekommen wir einen Grill her? Es kann doch nicht so schwer sein? Yannick! Lass dir mal etwas einfallen, du hast doch sonst so eine große Schnauze!«

Yannick, der das Kaninchen die ganze Zeit in die Luft gehalten hatte, ließ es auf den Boden fallen. »Ohne Holz kein Feuer, alter. Das ist schon mal logisch. In Rittersundertown hatten wir wenigstens Feuer. Aber hier haben wir nichts, ich weiß nicht ...«

Ark trat an die Nordwand (Bretterwand) und strich mit einem Finger darüber. »Wir müssen die Hütte abreißen, wenigstens einen Teil. Hoffentlich hält der Rest die Bude zusammen. Das Holz ist trotzt des Regens relativ dreuge. Carola, wie spät haben wir’s?«

»Kurz vor Mittag, schätze ich mal. Aber was hat das damit zu tun?«

Arkansas untersuchte die Fugen. »Nicht viel oder gar nichts. Aber kurz vor Mittag ist gut, fragt mich nicht warum. Wenn mein Bogen, Annas Stab und der Würfel mitspielen, dann haben wir auch gleich einen hübschen Kaninchenbraten. Auch ohne Salz, Pfeffer und Koriander.«

Warum one? Es get auc mit one?

Kandy setzte sich auf den Boden. »Stör mich nicht, ich muss überlegen. Legt eure Plürren in die Mitte. Ich meine den Würfel und den Stab.«

Was sind denn Plürren?

»Klamotten, Strubbel, so sagt man oder frau bei uns. Hinsetzen und Plürren in die Mitte legen«, befahl sie erneut.

»Ich sitze doch schon«, maulte CCR, während sie ihren Würfel aus der Tasche fischte. »Strubbel muss sich ja wohl nicht setzen, er ist doch so lütt.«

Blödmann! So klein bin ic nun auc wieder nict!

»War ’n Scherz Mann ... äh Hund.« Carola legte den Würfel in die Mitte, in eine kleine Kuhle.

Ic bin kein Und.

»Doch, wenn auch ein sonderbarer. Wo kommt mit einem Mal die Kuhle her?«, fragte Saskya und legte den Bogen und den Köcher zum Würfel.

Anna legte ihren Stock obenauf.

Sie setzten sich im Kreis um die Kuhle herum und starrten das Holzwerk an. Nichts passierte. »Wenn wir es nur anstarren, passiert auch nichts«, meinte Anna, die mit dem Rücken in Richtung Nordwand saß.

»Nee«, sagte Ark, die links neben ihr hockte.

»Wir müssen sie irgendwie beeinflussen«, meinte Constanze, die neben Ark saß. Sie berührte mit einem spitzen Zeigefinger (so, als würde sie die Temperatur des Badewassers prüfen) den Stock des Mädchens.

»Wie denn?«, fragte Yannick, der rechts neben CCR hockte.

Strubbel hatte sich zwischen Yannick und Carola gelegt. Er kratzte sich mit dem verbliebenen Lauf am Lauscher. So funktioniert es nict. Er legte seine Tatze auf den Holzhaufen. Legt mal eure Tatzen auf die meine.

Nacheinander legten die Verschollenen ihre Hände übereinander. Arks Hand lag ganz obenan. Noch immer passierte nichts, das Holz blieb kalt wie ein oller Fisch. »Vielleicht müssen wir an Feuer denken, an Sex oder an die Olympischen Spiele von Rom«, sinnierte sie.

»Ich befehle euch, ihr Götter, macht Feuer«, sagte Anna mit feierlicher Stimme zu den Utensilien.

Aber dann verbrennen wir doch! Seid ihr jetzt völlig bescheuert?

»Sie – unsere Waffen – können denken«, hauchte Arkansas.

Das wisst ihr doch!

Arlinda Kandy Saskya Zacharias, genannt Arkansas oder Ark stand auf. »So geht es nicht, die Waffen haben recht. Sie werden verbrennen, wenn sie Feuer machen. Ich glaube nicht, dass sie gegen Feuer immun sind. Dann haben wir keine Waffen gegen die Wolke mehr, wenn wir sie verbrennen. Logisch?«

In einer anderen Welt, einer verschwommenen Welt, ärgerte Grit-Otto-Köhm sich schwarz. Beinahe hätten seine Feinde den größten Fehler ihres Lebens begangen. Er (vielmehr sie, die schwarze Frau) hätte drei Fliegen mit einer Klappe erschlagen können; wie es die Zweibeiner nennen.

Anna stand auf, nahm den Stock und trat an die Nordwand. »Manche Dinge erfordern besondere Maßnahmen. Schiller, Goethe oder Wallenstein. Die Bretter sind nur von draußen angenagelt. Ich schlage sie einfach ab.«

Kandy trat neben sie. »Womit willst du das denn veranstalten?«

»Mit meinem Stock, womit denn sonst?«

»Dafür brauchst du schon einen Zehnpfünder. Oder zumindest einen Zimmermannhammer, wie die Zimmerleute ihn haben, wenn sie die Dachstühle zimmern. Oder ein schönes Brecheisen. Wahrscheinlich sogar eine Auto- oder Atombombe.«

»Papperlapapp, übertreib mal nicht. Schau mal auf die Nägel, die sind völlig verrostet. Und sie ragen etwas heraus. Es geht bestimmt auch mit dem leichten Stock, da bin ich mir völlig sicher. Schließlich ist es ein Wunderstock. Er wird schon nicht beschädigt werden oder abbrechen.«

»Wunderstock, das habe ich gerade gesehen«, maulte Saskya.

Das Mädchen schlug probehalber sachte gegen ein Brett.

»Du musst unten schlagen. Dort wo die Nägel sind, sonst wird das nie was«, mischte der Junge sich ein.

»Klugscheißer. Meinst du, ich bin blöd?« Anna hieb auf eine Nagelspitze und sah sich hernach den Stock an. Der hatte nicht einen Kratzer davongetragen, er schien hart wie Granit zu sein. Und dabei leicht wie eine Feder. Aber die Nagelspitze hatte sich nicht einen Zentimeter bewegt.

»Hau mal fester. Mit dem Würfel kann ich ja wohl nicht werfen«, sagte Carola Constanze Rudolf, genannt CCR.

Anna hieb mit ganzer Kraft gegen den verrosteten Nagel. Der rutschte zurück und verschwand im Holz. »Geht doch.« Sie schaute sich den Stock abermals prüfend an. »Nicht ein Kratzer hat er abbekommen.« Sie schlug auf den zweiten Nagel, auch dieser verschwand wie weggezaubert. Sie schlug weiter. Nacheinander schlug sie die Nägel (was bei jedem Hieb einfacher klappte) zurück. Dann nahm sie sich die obere Nagelreihe vor. Sie kam soeben heran. Locker sind sie, jetzt seid ihr dran«, sagte sie nach etwa zwölfeinhalb Minuten.

Strubbel erhob sich stöhnend. Get mal da weg!

Sie traten beiseite.

Der Köter ging zurück an die Südwand, nahm mit dreieinviertel Beinen Anlauf und knallte mit seinen bestimmt vierundvierzigeinhalb Kilo gegen die Wand. Er federte zurück, als wenn er gegen eine Betonwand gelaufen wäre. Aua, was ist das denn?

Anna kam wieder voran. »Sie haben sich etwas gelockert. Weiter so. Noch drei- viermal, dann sind se wech!«

Du bist gut, das tut we!

»Was wehtut, heilt, Konfuzius. Mach hinne«, meinte das Mädchen überzeugt.

»Das hat mal irgendein Arzt gesagt«, meinte Arlinda. »Aber doch nicht Konfuzius. War der eigentlich Arzt von Beruf?«

»Das ist doch jetzt völlig schnuppe. Strubbel, mach Platz ... äh ... spring und hüpf, mein Schoßhund!«, befahl Anna.

Der Köter humpelte zurück zur Südwand. Ic bin doc kein Rammbock!

»Husch, husch, ins Körbchen ... äh, an die Wand meine ich.«

Anna, man kann es doc auc one Lict fressen. Strubbel nahm trotz seiner Proteste erneut Anlauf, er knallte wieder mit Wucht gegen die Bretter. Diese lösten sich weiter. Er humpelte zurück an die Südwand. Aua, Aua. Ic abe keine Lust mer, das tut we.

Arkansas trat an die Wand. »Den Rest erledigen wir!«

Carola und Yannick kamen hinzu.

Constanze, die größte unter den Verlorenen, schlug mit den geballten Fäusten gegen die oberen Bretter. Ihre Weiße steckte dabei lässig zwischen den Lippen. Sie schlug die Bretter wie ein Fachmann aus den Befestigungen. Eine Viertelstunde später hatten sie einen Haufen Feuerholz, aber keine Nordwand mehr. Zum Glück kam der Regen aus Süden. Der seichte Wind konnte ihn (den Regen, wenn Sie wissen, was ich meine) nicht in die Hütte treiben.

»Wir müssen es noch auf die richtige Größe verhackstücken«, sagte Kandy.

CCR lehnte ein Brett schräg in etwa einundvierzig Grad an die Westwand. »Verhackstücken kommt mir bekannt vor. Spring Hündchen!«

Ic bin doc kein Ündcen. Strubbel stand auf und sprang auf das morsche Brett. Dieses zersprang in viereinviertel Teile.

»Gut gemacht, Töle. Jetzt die anderen, alter«, sagte der Junge.

Ic bin kein alter. Strubbel zerlegte nach und nach (ab und an machte er eine Zigarettenlänge Pause) all die anderen Bretter.

»Wir müssen ein Gestell bauen. Wie damals im Wald, als Willi noch gelebt hat. Ich leihe mir mal deinen Regenschirm, Anna«, sagte Saskya und verschwand nach draußen in den noch immer strömenden Regen.

»Zum Anzünden des Anmachholzes werde ich wohl ein paar Scheine opfern müssen«, sagte Carola, »aber nicht viele, vielleicht brauchen wir sie noch.« Sie zauberte fünf Fünfer aus ihrer Hosentasche hervor. »Das muss reichen.«

Ark kam mit zwei Astgabeln und einem langen, daumendicken Stock retour. »Ihr glaubt’s nicht! Sie lagen mitten auf dem Weg, wie bestellt und nicht abgeholt. Eiche, oder Buche, so genau kenne ich mich nicht damit aus. Es schüttet übrigens noch immer wie aus Kübeln.«

Yannick schielte erst zur nicht mehr vorhandenen Nordwand, um dann unter die Decke zu schauen. »Das sehen und hören wir, alter.«

»Klugscheißer.«

»Sie sind sogar angespitzt, wer auch immer das getan hat.« Arlinda rammte die erste Astgabel in den Lehmboden. Dann die zweite. Hernach steckte sie den längeren Stock in den Arsch des Hasen, er kam aus dem Maul wieder heraus. Sie legte hernach den Hasenbraten auf den provisorischen Grill.

Constanze zündete die Scheine an und legte die ersten Holzscheite darauf. Ihren weißen Zigarettenstummel warf sie hinterher.

Dann legten sich alle (außer der Köter Strubbel) vor die kleinen Flammen und pusteten kräftig.

Eine Stunde (genauer gesagt, zweiundsechzigeinhalb Minuten) später gab es Hasenbraten. Der, oh seltsam, nicht verschwommen war. Ohne Salz und Pfeffer; man oder frau kann ja in dieser Situation nicht alles haben.

Tanja erwachte, schlug die Augen auf und schielte zu Punikas Hängematte. Sie war verwaist. Sophie schlief noch. Ihre rote Haarflut lag auf ihrem Traumbusen.

Die Göttin observierte Sophies Scham. Der rote Tanga war nicht verrutscht, oder etwas dergleichen.

Sie hatte einen fürchterlichen Kater, ein Glas schnappa gestern Abend war wohl schlecht gewesen. Und sie hatte einen tierischen Hunger. Einige der Eingeborenen und Punika hatten sich schon auf dem Marktplatz versammelt. Sie standen mit steifen Ringelschwänzchen vor dem Kupfertopf und ließen sich von Punika von hinten begatten. Sogar der souveräne Häuptling, welcher soeben an der Reihe war; er hatte sichtlich Freude dran.

Sie stieg die Leiter hinab. »Kann der Kerl denn kein Ende finden? Das ist ja unmöglich! So eine Potenz hat doch kein Mensch, vielmehr Mann!«

Punika verließ den Boss und nahm sich einen der Diener vor. Dieser stöhnte sofort wonnig auf.

»Hör doch mal auf damit. Wer weiß, was dabei rumkommt. Du kannst doch nicht zwei Welten vermischen. Ständig hast du einen Hatten! Geh mal zum Psychiater oder zum Onkel Doktor!«

»Ich kann doch nicht anders«, stöhnte Punika, als er kam.

Tanja sammelte ein Stück ticka vom Boden. »Lass sie doch mal in Ruhe. Sie sind bestimmt schon ganz wund an der Karre.«

Der Boss kam heran. »Jogga, jogga, kitta, kitta! Wir sind nicht mehr viele.«

»Ich muss nach Norden, und ich muss die beiden mitnehmen. Sie stammen nicht von dieser Welt. Wenn er dich vögelt, dann kann nichts Gutes dabei herauskommen. Eine Kombination aus Dschungelheld und Mensch?«

»Du musst das Ganze auch mal konspirativ sehen. Wir werden elitär gevögelt und bekommen Nachwuchs. Der demografische Wandel hat auch bei uns zugeschlagen. Die Alterspyramide ist verdreht«, jammerte der Boss.

»Wer weiß, was dabei herauskommt?«, wiederholte sie. »Du hast doch nur noch ein paar Leute. Weshalb wir? Ich denke, nur du kannst Nachwuchs bekommen? Wir müssen weiter, wie viele Leute hast du zur Begleitung übrig?«, hatte sie eine Menge Fragen auf einmal.

»Nogga, nogga, löba, löba, mauffa, mauffa! Wenn ich noch mehr Leute verliere, dann, wie es schon Anna prophezeit hat, sterben wir tatsächlich aus. Wie bereits soeben erwähnt, der demografische Wandel schlägt brutal zu.«

»Nögges dir einen, dann gehen wir eben allein.« Tanja klaubte einen Stock vom Erdreich, ging zu der Leiter und trommelte wie ein wilder Drummer gegen die Sprossen. »Sophie, wach auf, wir müssen weiter!«, rief sie in die Höhe.

Sophies Haarflut erschien in über zehn Metern Höhe. »Ich habe noch nicht geduscht und mich auch noch nicht rasiert. Ich stinke bestimmt.« Sie hob demonstrativ die Arme und roch unter ihre Achseln. »Pfui Deibel, das hält ja kein Mensch aus. Ich schäme mich so!«

»Verwöhnte Pute, das fällt heute aus. Du bist hier in einer anderen Welt, falls du’s noch nicht begriffen haben solltest. Hier gibt’s keine Duschen, keine Rasierapparate und erst recht kein Klo. Hier ist alles anders. Dort hinten fliest ein Bach, da kannst du dich reinlegen. Seife gibt es in dieser Dimension nicht. Und erst recht kein Duschgel, Deoroller oder so einen Scheiß. Wir sind hier nicht im Hilton!«

Das Wort Klo erinnerte sie an etwas, etwas. Was jedes Lebewesen tun muss, außer vielleicht die Wolke, die sie erledigen müssen. Tanja verließ das Lager. Bei Tageslicht war es draußen im Dschungel relativ ungefährlich. Nur des Nachts war es völlig unmöglich, in der Wildnis zu überleben. Die Vielzahl der mutierten Menschen, die nach dem Großen Knall regelrechte Monster geworden sind, ist nicht zu überschauen. Sie fragte sich, weshalb die Ureinwohner nicht solche Monster geworden sind. Vielleicht hatten sie nicht genug Atomstrahlen abbekommen. Oder sie haben ein bestimmtes Gen, welches sie quasi beschützt und immun gegen Monsterstrahlen gemacht hat.

Naja, fast. Etwas Monster sind sie ja auch geworden, denk mal an die Ringelschwänzchen. Oder, dass die Eingeborenen, vielmehr der Boss Nachwuchs bekommt, dachte Tanja, als sie nach links in den Redwoodwald abbog. Sie hockte sich zwischen fast mannshohe Farne in weiches Gras und ließ ihrem Drang freien Lauf. Nachdem sie den Po mit Gräsern ausgewischt und ihre Kleidung verschlossen hatte, kam ihr Sophie entgegen. »Wo sind wir hier?«

»In Anderland, das habe ich dir doch schon erzählt. Wir müssen nach Norden, vielleicht finden wir dann wieder zurück. Vielleicht sollten wir Punika hier zurücklassen, er ist mir nicht ganz geheuer. Wie geht es dir? Hat er dich ...«

»Nein, er scheint nur auf Männer zu stehen. Ich verstehe das alles nicht ... Anderland, was bedeutet das? Es gibt doch nur eine Welt?«

»Da irrst du dich. Es gibt Welten, bis der Arzt kommt und ohne Ende.«

Sophie hockte sich ins Gras. »Ohne Ende? Arzt? Anderland? Was bedeutet das? Erklär es mir?«

»Du bist sozusagen, von wem auch immer, entführt worden. Das hier ist eine Parallelwelt. Wir sind hier, aber auch nicht, verstehst du?«

»Ja! Ach was, nein. Solch ein Blödsinn versteht doch kein Mensch?«

»Stell dir mal eine Zwiebel vor, sie hat viele Schichten in sich. Zwiebelschichten, die sich überlappen. Wir leben in einer mittleren Schicht und sind hinübergewandert in eine andere Schicht. Wir müssen aber zurück in unsere Schicht, damit wir die Menschheit retten können. Verstehst du das?«

»Nein!«

Da haben wir aber auch noch ein Wörtchen mitzureden, sagte die Qualle oder Wolke. Oder der Magier, der sie offenbar beobachtete.

»Wer ist das? Wer spricht da?«

»Die Qualle oder Wolke oder der Magier. Nenn das Ding, wie du willst. Es will uns und die Menschheit vernichten.«

Ich muss mal eben kacken, ich bin gleich zurück, dachte der Magier.

»Also doch der Magier!«

»Was also doch?«

»Nichts, komm mit.« Tanja nahm Sophie Kornblumenblau bei der Hand. »Ich zeige dir, wo sich der Bach befindet.«

Sie gingen zurück auf den ausgetrampelten Weg, nach ein paar Metern hielten sie sich links. Rechts begann ein Tannenwald. »Du darfst niemals nach Einbruch der Dunkelheit das Lager verlassen! Und wenn ich niemals sage, dann meine ich auch niemals! Ohne Wenn und Aber. Verstehst du mich? Auch nicht, wenn du des Nachts aufwachst und mal Pipi musst. Dann mach lieber von der Hängematte in die Tiefe. Wenn du das Lager verlässt, dann bist du unweigerlich verloren.« Tanja blieb stehen und schaute Sophie in die grauen, schrägstehenden Augen. Sie musste aufsehen, weil diese Frau viel größer war. »Hast du dieses verstanden? Ich sage es nur einmal: NIEMALS?«, flüsterte sie scharf wie ein Kettenhund. Wenn der (der Köter meine ich) denn mal flüstern könnte.

»Ja, aber ... ich dachte, wir gehen noch heute weiter?«

Tanja setzte ihren Weg fort, Sophie erneut bei der Hand. Es folgte eine lang gezogene Linkskurve. Links befanden sich noch immer der Redwood- und rechts der Tannenwald. »Vielleicht müssen wir noch ein bisschen hierbleiben, vielleicht aber auch nicht. Aber auch wenn wir weitergehen oder wandern, dann können wir nur tagsüber gehen und nicht des Nachts. Nachts müssen wir dann auf Bäume klettern, so hoch wie möglich. Auf diesen Bäumen müssen wir dann schlafen. Und zwar ohne Hängematten. Wir können uns aber auch nicht in Höhlen oder Erdlöchern verkriechen, sie – die Menschenmonster – spüren uns auf. Stell jetzt keine Fragen, glaub mir einfach!«

Sie erreichten eine Spitzkehre, es ging scharf rechts weiter. Noch immer links Redwood und rechts Tannen. »Woher weißt du das alles?«, flüsterte Sophie.

»Ich weiß nicht, ob ich es dir schon erzählt habe: ich bin nicht zum ersten Mal hier in dieser Gegend.«

»Ich glaube nicht. Wenn, dann habe ich es vergessen, schließlich haben wir gestern Abend etwas zu viel getrunken.«

»Gesoffen wird in jeder Welt, vielleicht habe ich’s Punika erzählt. Ist ja auch jetzt nicht so wichtig. Wie gesagt, ich war schon ein paarmal hier. Das letzte Mal – nach dieser Zeitrechnung hier – vor vielleicht drei Jahren.«

»Nach dieser Zeitrechnung?«

»Ja, hier vergehen die Tage anders. Manchmal sind sie achtzehn, manchmal aber auch nur vierzehn Stunden lang. Warum das so ist, weiß ich nicht. Die Eingeborenen schreiben – wenn sie denn schreiben könnten – das Jahr Dreitausend und ein paar Zerquetschte. So genau weiß ich es nicht. Ich bin ja nicht so oft hier zu Besuch.«

Sie erreichten eine Linkskehre, irgendwo westlich musste sich die Klinik befinden. Sie gingen Hand in Hand geradeaus weiter. »Wo stammst du ursprünglich her?«, fragte Sophie.

»Wo du herstammst: von der Erde. Als Kind wurde ich in eine andere Ebene entführt. Dort habe ich dann über fünfundzwanzig Jahre gelebt. Ich habe gelernt, mich in anderen Welten durchzubeißen. Dann war ich zwischendurch mal wieder in meiner alten Welt. Aber nicht lange. Ich bin wieder hier hinübergesprungen, wenn du es so nennen willst. Oder gesprungen worden. Ich habe langsam auch einen Verdacht, weshalb. Alles ist vorbestimmt, alles, hat die Kriegerin Käthe mal gesagt.«

»Ich glaube dir kein Wort. Wer ist denn jetzt schon wieder Käthe?«

»Ich glaube dir kein Wort«, äffte Tanja Sophie nach. »Hast du schon mal so hohe Bäume gesehen? Oder so hohes Farnkraut? Oder die Eingeborenen, die mit den Ringelschwänzchen wie die Schweine sie haben?« Sie deutete mit einem (welchen, sag ich nicht) Finger in den Dschungel. »Dort leben Spinnen, die sind so groß wie Dackel. Sie werden von Zungen aus ihren Netzen gefischt. Darauf wirken sie wie Erdnüsse, so groß sind diese Zungen. Ich habe das Vieh, welches die Spinnen aus den Netzen fischt, noch nie gesehen. Aber es muss riesig sein. Und sehr, sehr, sehr gefräßig!«

»Igitt, so große Spinnen? Ich habe schon Angst vor Spinnen in unserer Welt! Huch, jetzt rede ich auch schon so wie du. Unsere Welt.«

Sie erreichten einen Abzweig, Tanja ging rechts, geradeaus ging es tiefer in den Wald. Links war nun ein Mischwald, rechts noch immer der Tannenwald. »Gleich kommt der Bach. Darin kannst du baden, ich werde Wache halten. Man kann ja nie wissen.« Tanja zog nach diesen Worten den Pfeil der Arkansas aus ihrem Hosenbund.

»Warum Wache halten? Befinden sich Krokodile im Wasser?«

»Nein, aber man kann ja nie wissen«, wiederholte die Göttin. Ich war schließlich fast drei Jahre nicht hier. Wer weiß, was sich alles so verändert hat? Auch diese Welt entwickelt sich weiter. Auch wenn die Eingeborenen bald aussterben werden, wenn sich nichts tut.«

Sie erreichten das Fließgewässer. »Aussterben?«

»Ja, nur der Medizinmann kann Kinder bekommen. Und diese bekommt er von den Vereinskameraden, wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Aber das habe ich dir doch schon erzählt, oder war’s Punika? Sei’s drum. Ist ja auch jetzt nicht so wichtig.«

»Ich glaube nicht, dass du es mir schon mal gesagt hast. Oder ich hab auch das vergessen. Wie machen sie es denn?«

»Was?«

»Das Kindermachen, was denn sonst?«

»Der Häuptling wird von seinen Leuten und Kollegen begattet. Wie bei uns, wenn Frau und Mann vögeln.«

»Aber das geht doch nicht ...«

»Hier funktioniert es. Vergiss nicht, du bist hier in einer anderen Welt. Er wird natürlich in den Popo begattet. Frag mich nicht, wie es genauer funktioniert, das wissen die wahrscheinlich selbst nicht. Sie tun es einfach, es ist hier so. Offensichtlich geht’s nicht anders. Ich nehme mal an, dass der Obermufti eine Gebärmutter und Eierstöcke intus hat.«

Sophie entledigte sich ihres Tangas. »Natürlich ist gut.«

»Bevor ich’s vergesse: Wenn du weiter Richtung Osten gehst, beginnt nicht weit von hier ein Orchideenfeld. Geh da niemals hin!«

»Weshalb nicht? Kann man hier eigentlich gefahrlos irgendwohin gehen?«

»Das habe ich dir doch gerade groß und breit erklärt. Die Orchideen beißen. Wenn du in das Feld gehst, dann fressen sie dich.«

Sophie stieg die nicht besonders steile Böschung hinab und legte sich ins Wasser. »Blumen können mich fressen? Was es alles gibt. Wenn ich nicht hineingehe, dann können die Blumen mich also auch nicht fressen?«

Tanja setzte sich an das Ufer. »Sie werden dich hineinlocken, wenn du denen zu nahe kommst. Dagegen kannst du dich gar nicht wehren. Du musst einen sehr starken Willen haben, dann können sie dich nicht locken. Und den Willen, so glaube ich, hast du nicht.«

»Warum nicht? Du denn?«

Tanjas Pfeil zuckte vor und deutete auf Sophies vollkommenen Busen. »Ich weiß nicht, ich hab’s noch nie ausprobiert. Ich habe auch nicht vor, es auszuprobieren. Und du auch nicht, falls wir uns mal aus den Augen verlieren sollten. Ich warne dich eindringlich!«

»Jaja, ist ja schon gut. Warum habe ich heute Nacht nicht gefroren?«, wechselte Sophie Kornblumenblau Volkard abrupt das Thema.

»Hier ist die Temperatur beständig, hier wird’s des Nachts kaum oder auch gar nicht kühler. Hier gibt’s auch keine Jahreszeiten. Die gab’s zumindest vor drei oder vier Jahren noch nicht. Ach ja, dieses solltest du auch noch wissen: die Affen machen sich nur einen Spaß draus.«

»Woraus?«

»Sie werfen manchmal mit Früchten, oben aus den Bäumen. Es ist aber nicht so schlimm, man kann die meisten Früchte sogar essen.«

Wie auf Kommando regnete es Früchte, die Orangen glichen, aus den Baumkronen. Sie platschten größtenteils ins Wasser oder auf den Erdboden. Sophie schrie spitz auf, als eine Frucht auf ihr Haupt prallte.

Tanja sprang auf und warf die Orangen zurück. Die Affen kreischten vor Vergnügen, weil die Kraft der Frau nicht ausreichte. Sie konnte nicht so hoch werfen. Die Früchte fielen irgendwo zu Boden. Sie drohte mit Arkansas’ Pfeil. »Wollt ihr wohl? So behandelt man doch keine Frau. Das müsst ihr doch am besten wissen, ihr blöden Affen!«

Die Affen besannen sich, sie hockten still auf den Ästen und beobachteten Sophie, die jetzt im Bach stand. Tanja zählte etwa zwanzig Paviane, sie sah sogar einige steife Penisse. »Du kannst dich wieder reinlegen, sie werfen jetzt nicht mehr mit den Früchten.«

Sophie legte sich wieder in das fließende Gewässer. »Wer gibt mir eine Garantie? Du vielleicht?«

»Dann hätten sie’s schon längst getan.«

Sophie wechselte flugs das Thema. »Kann ich das Wasser trinken? Ich habe einen unheimlichen Durst?«

»Nein, es ist radioaktiv verseucht. Das war es zumindest vor drei oder vier Jahren noch so. Also gehe kein Risiko ein.«

Sophie spritzte hoch. »Aber dann kann ich doch nicht ...?«

»Leg dich wieder rein, du darfst es nur nicht trinken. Vertraue mir.«

Sophie legte sich zurück in den Bach, sie achtete aber darauf, dass ihr Haupt stetig über der Wasseroberfläche blieb. »Aber dann kann man das Fruchtwasser aus den tickas ja auch nicht trinken? Auch die Früchte, welche die Eingeborenen essen, müssten verseucht sein?«

»Sind sie nicht. Frag mich nicht, weshalb? Aber es ist so. Wenn, dann wären der Häuptling und dessen Komparsen schon längst Geschichte.«

Sophie hatte sofort die nächste Frage. »Weshalb redest du so gut? Wenn man als Kind entführt wurde, dann müsste man doch auch so ein Kauderwelsch wie die Eingeborenen sprechen?«

»In der Welt, in der ich war, reden sie ganz normal. Außerdem war ich nicht so jung. Acht oder neun. Vielleicht zehn, ich weiß es nicht mehr so genau. Auch habe ich mir viel selbst beigebracht. Jetzt frag mich nicht, warum sie in der anderen Welt wie ich oder wir reden. Ich weiß es wirklich nicht.«

Sophie planschte mit den Füßen durchs Wasser. »Das wollte ich gerade tun.«

Tanja setzte die Fragestunde fort. »Warum hast du deinen Liebhaber getötet? Mit einem Zigarettenanzünder, sagte der Boss?«

Sophie versuchte erst gar nicht, ihre Freundin anzulügen. Sie würde es eh merken. »Er hat gesagt, er liebt mich. Dabei hat er mich nur zum Vögeln benutzt. Seine Frau und die Kinder saßen zuhause, und er hat mich benutzt. Ich wollte ihn heiraten. Dann hat er du bist zu jung für mich gesagt. Er war schon über vierzig Jahre alt, musst du wissen. Du bist zu jung für mich hat er aber erst nach fast drei Jahren gesagt. Dann – war’s gestern? – hat er zum Ficken bist du gut gesagt. Darauf hat er sein Todesurteil gesprochen. Er hat vielleicht behalte ich dich doch zum Ficken oder so ähnlich gesagt.«

Tanja lächelte ihr verschmitztes Tanja-Grinsen. »Das hätte er sich auch vorher ausrechnen können; so etwas tut man ja nicht.«

»Und er hatte noch andere Weiber nebenbei, ich habe eine volle Lümmeltüte gefunden. Ich hab ihm – das glaube ich zumindest – den Zigarettenanzünder erst auf die Nase und dann in die Augen gedrückt. So ein Ding, wie sie sich in den Autos befinden, falls du die kennst. Darauf habe ich seine Protzkarre abgefackelt. Mit Benzin, so glaube ich. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich hatte einen Blackout, musst du wissen.« Sophie stieg aus dem Bach, Tanja bewunderte erneut ihren perfekten Körper. Vor allem natürlichen Körper. Daran hatte sich noch kein steinreicher Plastikkurpfuscher, der noch reicher werden will, zu schaffen gemacht. »Wirst du mich verraten?«, fragte ihre Genossin.

Tanja steckte den Pfeil zurück in den Hosenbund. »In dieser Welt gibt’s keine Staatsanwälte und keine Richter, die man sich kaufen kann, würde Harry sagen. Außer vielleicht der Medizinmann, der die defekte Kokoskrone trägt. Aber ich glaube nicht, dass er für Straftaten aus anderen Welten zuständig ist. Da würde die Verteidigung wahrscheinlich Einspruch einlegen. Außerdem haben wir jetzt andere Sorgen!«

Mit einem Mal umklammerte Sophie Tanjas Pustebacken und küsste sie auf den Mund. Eine forsche Zunge wollte sich in ihren Rachen schieben. Sie presste die Lippen zusammen und stieß Sophie von sich. »Was soll das?«

»Ich wollte mich nur bedanken, weil du mich beschützt. Dass du eine Frau bist, damit habe ich kein Problem. Ich hatte schon mit anderen Frauen Sex ...«

»Zieh dich an, wir müssen zurück. Wir haben jetzt andere Sorgen als Sex. Aber vielleicht komme ich auf dein Angebot zurück. Ach was, ich komme garantiert darauf zurück. Du bist ’n schmuckes Mädel!«

Aber Tanja! Jetzt aber bitte nicht weitersagen: Sie werden stürmischen Sex in der nächsten Nacht haben. Und darauf in fast allen anderen Nächten.

»Ich muss mich abtrocknen.«

»Hier gibt’s keine Handtücher, du wirst beim Laufen auch so trocken. Jetzt zieh den Tanga über und komm mit. Wir haben schon fast Mittag.«

Sophie schlüpfte in die Stoffstreifen, die Göttin schloss das Oberteil. »Was, so schnell?«

Sie begaben sich auf den Rückweg. »Hier ticken die Uhren anders, das habe ich dir doch schon erklärt. Gewöhn dich einfach daran.«

»Was passiert dann?«

»Wann passiert was?«

»Wenn ich hier in dieser Welt sterbe? Habe ich in meiner alten Welt nie existiert? Hinterlasse ich keine Spuren? Ich meine, ich muss doch irgendwo herkommen, oder gelebt haben. Ich kann doch nicht einfach weg sein? Meine Wohnung? War sie dann nie an mich vermietet? Oder mein Girokonto bei der Sparkasse? Hatte ich dann nie ein Konto und alles andere?«

»Wer sagt denn, dass du stirbst? Alles geht weiter. Bis vierhundertzwölf, weiter geht’s nicht. Da hast du – haben wir – noch ein bisschen Zeit.«

»Was? Und vor allem mein Nachmieter? Wer macht die Nebenkostenabrechnung? Wer meldet mein Auto ab? Warum ausgerechnet vierhundertundzwölf?«

»Mach dir um dein Auto mal keine Sorgen. Und um die Nebenkostenabrechnung erst recht nicht. Wir haben andere Probleme, als so eine beschissene Abrechnung. Jeder wird nur vierhundertelf, das ist so und es war schon immer so. Am vierhundertzwölften Geburtstag krepiert er oder sie.«

»Weshalb gerade vierhundertelf?«

»Warum geht Papa ins Pornokino. Oder weshalb funktioniert eine Uhr?«

»Hä? Was soll das denn jetzt?«

»Warum, weshalb, weswegen? Fragen über Fragen? Es gibt nicht immer eine Antwort. Immer diese vielen W’s? Manchmal muss man oder frau auch die Achtundzwanzig ungerade sein lassen können, verstehst du?«

»Hä? Ungrade?«

»Manchmal gibt’s eben keine Antworten. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie die Qualle oder der Magier sich zusammensetzen, oder bestehen. Ich – wir – müssen ihn aber vernichten. Wir wissen nur nicht, wie? Auch weiß ich nicht, warum ich keinen Sandkuchen backen kann. Ich hab es allerdings auch noch nicht probiert. Ich weiß auch nicht, welchen Sinn die FDP hat? Hat diese Partei eigentlich einen Sinn?«

»Die FDP? Man oder frau kann sie wählen, wenn man will?«

Tanja tippte mit einem (dem linken) Finger gegen ihre Stirn. »Wer die FDP wählt, ist nicht ganz dicht im Kopf. Harry würde sagen, der hat nicht mehr jedes Eis am Stiel oder alle Indianer im Tipi. Das wäre ja so logisch wie Biathlon mit Pfeil und Bogen.«

»Du hast aber auch Vergleiche drauf. Wer ist denn Harry? Den hast du vorhin schon mal erwähnt?«

»Auch er wird nur vierhundertelf, wie wir alle.«

»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«

»Ja sicher.«

Sophie wechselte flugs das Thema. »Weshalb trägst du diese dicken Lederklamotten? Es ist doch hier in dieser Welt schön warm? Und dazu eine Regenjacke? Diese Kleidung ist doch unzweckmäßig!«

»Angenommen, ich wechsele von jetzt auf gleich in eine andere Welt. In der es nicht so gemütlich wie hier ist. Angenommen, es regnet wie aus Eimern, oder es ist bitterkalt. Oder es schneit vielleicht Scheiße, dann bin ich doch gut geschützt, oder nicht? Wenn es Scheiße schneit, dann hast du übrigens in deinem Tanga schlechte Karten, wie man so schön sagt. Dann wirst du ganz dreckig, wie man auch so schön sagt.«

»Mach keinen Scheiß, ich stecke schon tief genug drin?«

»Eben nicht.«

Sie erreichten das Lager. Punika lehnte am Kupferkessel und ließ sich von einem der Kokosnüsse begatten.

Harry betrat den hell erleuchteten Gang und schaute sich um. Der Gang war vielleicht dreihundertacht Meter lang und einen Meter vier breit. Und schnurgerade. Die etwa zwei Yards und eine Elle hohe Decke, wie auch die Wände, waren mit Raufasertapeten tapeziert. Aber nicht gestrichen, er konnte die Nähte erkennen. Die Raufaser schien schon seit Ewigkeiten dort zu hängen, sie war schon ganz grau und mit Spinnweben und Staub und alles übersät.

Aber die grobe Raufaser.

»Sie müssen hier aber so manche Rolle verklebt haben«, meinte der Lange mit einem anerkennenden Blick. »Wenn ich das alles streichen sollte ...«

»Weiter, wir essen zeitig!«, drängte Berta.

Harry ging den ausgelatschten Lehmboden, von welchem nicht eine Tür abzweigte, weiter. Bis zu einer Wand, in welcher nicht eine Fuge war. Er betastete diese Wand mit einer Hand. Das reimt sich sogar. »Toll, wie kommen wir jetzt weiter? Hier geht es offensichtlich nicht weiter. Hier ist nicht eine Ritze oder Fuge, geschweige denn eine Tür? Es ist so glatt wie mein Arsch, als ich noch ein kleiner Junge war.«

Tolle Vollidioten, dachte Grit-Otto-Köhm.

»Wir müssen umkehren, es war die falsche Türe«, meckerte Berta, die Ziege.

Harry machte wie ein Zinnsoldat, auf dem Absatz kehrt. »Das hättest du auch gleich sagen können!«

»Hab ich doch!«

Ha, ha, ha!

Anna lachte sich halb tot. Oder war’s Grit-Otto-Köhm? Eher Grit.

Sie gingen zurück (was vielleicht dreieinhalb Minuten dauerte) in den Vorhof.

»Welche der Türen nehmen wir jetzt?«

Berta schüttelte die Hörner. »Ich weiß es nicht, vielleicht die zweite Tür? Oder das dritte Loch, was der nette Maurer gelassen hat?«

Harry zog die zweite Tür auf. Stille und Dunkelheit. Er ging zur nächsten Tür und zog sie auf. Ebenfalls Stille und Dunkelheit. Die vierte Tür, die er aufzog, quietsche erbärmlich in den Angeln. Ihhhssshhhhsssschch!

»Die müsste mal dringend geölt werden«, bemerkte Berta spitz.

»Gibt’s hier eigentlich Schmieröl? Die nehmen wir«, bestimmte Harry, »was so erbärmlich quietscht, wird lange gut.« Er zog die Tür (die wieder erbärmlich schrie) vollends auf. Es folgte ein ebenso langer Gang, wie hinter der ersten Tür. Sofort sprang die Deckenbeleuchtung an. Es schien irgendwo ein Bewegungsmelder oder etwas dergleichen installiert worden zu sein. Er war sich sicher, dass er hinter den anderen Türen nichts anderes vorfinden würde. Sie eilten den Gang, von dem ebenfalls keine Türen abzweigten, entlang. Am Ende erschien keine Wand, sondern ein Treppenhaus hinter einer grauen Stahltür, welche er auf Anweisung Bertas aufgezogen hatte. In Raufaser gehalten, nicht gestrichen und hell erleuchtet. »Ich möchte mal wissen, was die hier für eine Stromrechnung haben«, murmelte er, als er die ersten Stufen hinaufstieg.

»Ziegenrechnung.«

»Was ist das denn jetzt schon wieder?«

»Es heißt bei uns Ziegenrechnung.«

»Ach so, das hätte ich mir auch denken können. Ich denke, sie haben den Strom wie bei dem Elektrozaun abgestellt?«

»Das ist ein anderes E-Werk, auch bestochen.«

»Wie viele Energieanbieter habt ihr hier eigentlich? Das scheint mir nicht so eine Oligarchie zu sein wie bei uns?«

»Oligarchie?«

»Das bedeutet, dass sich einige Konzerne den Markt unter sich aufgeteilt haben, um dann die Preise zu diktieren. So ’ne Art Monopol, nur förmlicher ausgedrückt. Aber der Effekt ist derselbe. Die Konzerne werden reicher, und den Leuten wird das Geld aus den Taschen gepresst.« Harry betrat die erste Etage. »Das ist Erpressung, aber kein Arsch tut etwas dagegen, weil die verbrecherischen Politiker in den Aufsichtsräten der Konzerne sitzen. Wohin?«

»Höher. Bei uns ist das anders, wir haben nur drei Stromanbieter. Aber alle sind bestochen, der eine mehr, der andere weniger.«

»Das ist doch dasselbe, wir haben vier. Diese erpressen unsere Regierung. Und die ist so blöd, es den Bürgern als Kompromiss zu verkaufen. Als wenn die Bürger doof wie Ziegenkäse wären. Die da oben meinen auch, wir sind alle bescheuert oder nicht ganz dicht in der Birne!«

Berta schüttelte die Hörner. »Ziegenkäse ist nicht blöd, da ist doch Ziege mit drin, du Kloppmann!«

Sie erreichten den zweiten Absatz. Eine Holzpalette stand auf dem Marmorboden. Eine Palette mit blassroten Farbeimern obenan. Diese Eimer waren nicht mit einer durchsichtigen Folie (wie in seiner Welt immer) umwickelt.

Ziegenweiß! Deckt wie der letzte Ziegenarsch. Deckt sowieso nicht! Stand auf den Eimern in großer, weißer Schrift vermerkt.

Den Rest konnte der Lange nicht entziffern, weil die Eimer verdreht auf der Palette standen.

»Weiter«, drängte Berta.

Harry ging weiter, die Wände zeigten nun ungestrichenen Reibeputz. Die Decke bestand weiterhin aus Raufaser, vielmehr war sie mit diesem Material beklebt. »Wie hoch zieht sich diese Scheißbude denn noch?«

»Das hast du doch von außen gesehen, ganz schön hoch. Geh weiter!«

Harry stieg weiter in die Höhe. Auf jedem Absatz, an dem sie vorbeikamen, stand eine Palette Ziegenweiß. Er und Berta erreichten die achte oder elfte Etage. Es ging nicht mehr weiter. Sie standen vor einer grauen (der Lack verabschiedete sich so langsam) Feuerschutztür, wie er sie auch aus seiner Ebene kannte. Rechts neben der Tür befand sich ein Schlitz, darüber eine Tastatur.

Bitte ohne Bedingungen einen wunderschönen Code eingeben!

Stand über der Tastatur publiziert.

»Hast du einen Code?« Harry wunderte sich, dass ihr Einbruch noch nicht bemerkt worden ist. Sie waren (noch) völlig allein in dem ungestrichenen Treppenhaus. Er hätte aber auch kein Bock, diese Bude durchzusuppen.

»Du kannst deine EC-Karte einstecken oder einen Zahlencode eingeben. Ich glaube, es ist wie beim Geldautomaten eine vierstellige Zahl.«

»Erstens habe ich keine EC-Karte dabei, und zweitens: welchen Code? Woher soll ich die Zahlen wissen?«

Die Ziege schüttelte die Hörner.

Harry tippte auf gutes Glück eine Zahl ein. Eine Eins.

Diese Zahl ist verkehrt. Noch einmal, und Sie müssen Ihr ganzes restliches Leben Hundescheiße fressen! Versuchen Sie es noch einmal. Sie haben aber nur eine Chance! Das ist dann sozusagen der Jackpot! Wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie meinen es doch, Sie müssen eine 13-stellige Zahl eintippen, Sie Idiot?

Stand über der Tastatur in der Wand mit weißer Schrift (eine schöne, verschnörkelte, weibliche Schrift; Männer schreiben beschissener) geschrieben.

Harry überlegte laut. »Sie meinen es doch? Was soll denn der Blödsinn? Eine so lange Zahl? Woher soll ich die denn wissen? Habe ich Löcher in den Handgelenken? Bin ich der Erlöser, hä?«

»Versuch es doch bitte einmal mit Arschloch oder Simsalabim. Oder Hassenichtgesehen«, schlug Berta vor.

»Das sind nur neun Buchstaben. Und Simsalabim hat zehn. Und Letzteres siebzehn.«

»Dann mit Arschlöchin, dann haben wir zwei mehr. Plus des Hilfsvokals Ö, es sind dann dreizehn.«

Harry setzte sich auf die Marmorstufen. »Knallkopp, es muss etwas anderes sein. Außerdem ist Ö ein Umlaut.«

»Sag ich doch.«

»Sei doch mal ruhig, sonst mache ich Ziegenkäse aus dir.«

»So etwas würdest du nie tun. Außerdem tut es weh.«

Eine Malerkolonne, die weiße Overalls trugen, kamen die Treppen hinauf.

Vier Ziegen. Sie erreichten flugs den Absatz.

»Es ist nicht einfach, aber überlege mal, wo wir hier sind«, sagte der Ziegenbock, der eine Zigarre im Maul stecken hatte. Er hielt seine trockene Malerrolle vor Harrys Nase. »Überleg mal, wo sind wir hier?« Mit einem neuen, trockenen Heizkörperpinsel, der noch nicht ein Tropfen Farbe gesehen hatte, tippte er auf Harrys Stetson.

Der zuckte zurück. »Im Ziegenland, das funktioniert aber nicht, es sind weniger als dreizehn Zeichen. Das bekomme ich doch nie heraus!«

»Neee!« Der Maler zuckte mit den Hörnern und verschwand mitsamt seiner Kolonne im Nichts. Wie ein Nebel, der nie vor Ort gewesen war.

Der Lange zuckte wie Berta mit den Schultern. Er stand auf und trat an die Tür heran. »Weißt du, wie viele verschiedene Kombinationen es gibt, bei dreizehn Zeichen? Das müssen Trillionen sein?«

»Wie errechnet man das denn?«

»Keine Ahnung, ich glaube eins hoch dreizehn mal Pi. Aber das ist jetzt völlig schnuppe. Komm, wir gehen wieder. Ich möchte mal wissen, welcher Teufel mich geritten hat, dass ich mit dir hier raufgegangen bin.«

»Das bleibt nicht aus. Denk mal an Heino.«

»Heino? Hilfe! Das ist Erpressung!«

»Nein, nur ein guter Tipp wegen deines Musikgeschmacks.«

Mit einem Mal begann die Wand über der Tastatur grün zu pulsieren:

Wenn Sie in einer Minute die Ziffern nicht eingegeben haben, dann explodiert diese Tür. Das haben Sie dann davon, Sie Honk!

»Das ist doch gut, dann brauche ich nicht stundenlang zu überlegen.« Harry verschränkte die Arme vor der Brust und trat zurück. »Dann explodiere mal, ich warte so lange. Diese eine Minute ist auch noch drin.«

Aber dann fliegt die ganze Bude in die Luft. Tippen oder zippen!

»Wenn die Bude hochgeht, dann müssen wir das Regime nicht mehr stürzen. Ich bin eh kein besonders guter Umstürzler.«

»Dann gehen wir aber mit drauf, in einer Minute schaffen wir es nicht die Treppen runter bis nach draußen«, meinte Berta.

»Da ist was dran.« Harry trat wieder an die Tastatur heran und legte den Kopf in den Nacken. Er überlegte. Mit einem Mal begann die Tastatur hektisch rot zu blinken. Sie schien es offenbar ernst zu meinen.

Sie haben noch vierundzwanzigeinhalb Sekunden. Tippen Sie. Wer tippt, der schippt auch gut Schnee!

Sagte die Wand.

»Du hast keine Chance, nutze sie.« Der Lange aus der Nichttreppenhauswelt begann zu tippen:

1 14 4 5 18 12 1 14 4

Es geschah absolut nichts.

»Die Zahlen sind verkehrt, jetzt muss ich mein ganzes Leben Hundescheiße fressen. Und deinen Umsturz kannst du auch vergessen. Jetzt weiß ich auch, weshalb die hier keine Wachen haben. Diese Zahl kann ja kein Arsch wissen. Kein Wunder bei diesen Kombinationsmöglichkeiten.«

Ein leises Klick war zu hören, dann schlich die Tür einen winzigen Spalt auf.

Sie haben einen Ziegenkuchen und den Jackpot, eine CD von Motörhead gewonnen! Die können Sie sich bei Ziturn in Ziegenstadt abholen. Geiz ist wunderbar geil!

Verkündete die Wand mit dieser schönen Frauenhandschrift.

Harry stieß die Tür vollends auf. »Ich habe schon alle CDs von Motörhead, die es gibt. Das könnt ihr euch schenken!«

Dazu hatte die Wand nichts zu sagen. Sie betraten einen hellerleuchteten Gang, der etwa sechs Meter acht lang, einen Meter drei breit und zwei Meter elf hoch war. Raufaser ungestrichen an Decke und Wänden. Auch uralt und grob. Es gab nur eine Tür, diese war vor Kopf am Ende des Gangs.

Sie gingen über grauem Linoleum auf die graue Holztür zu. Kein Schlitz und keine Tastatur. Stattdessen eine Fußmatte.

Bitte Hufe abtreten!

Sagte die Matte.

Harry drückte die Klinke. »Du kannst mich mal.« Er stieß die Tür auf, Berta trat ihre Hufe ab.

Black Sabbath begann zu schmettern. Voodoo!

»Na denn.« Harry betrat den hellerleuchteten Raum, dieser war etwa dreiundzwanzig Quadratmeter groß. Er war ebenfalls mit grauem Linoleum ausgelegt. Decke und Wände erneut ungestrichene, uralte Raufaser. In der linken Ecke stand ein kleiner Beistelltisch, auf dem eine Kaffeemaschine rumorte. Das Verwöhnaroma zog durch den Raum. Neben der Kaffeemaschine standen drei Kaffeebecher, Würfelzucker und ein Kännchen Milch. Er sah aber keine Musikanlage und keine Boxen, weder im Raum selbst noch unter der Decke. Er fragte sich, woher Black Sabbath kam.

Vor zwei großen Panoramafenstern stand ein Schreibtisch, auf dem ein roter Aktenordner lag. Vor dem Schreibtisch befand sich ein Sessel, auf dem jemand saß. Der hatte Harry und Berta den Rücken zugewandt, er schaute aus dem Fenster. Rechts neben dem Schreibtisch lagen bestimmt zehn oder zwanzig Malerrollen und ebenso viele Heizkörperpinsel auf einem Haufen. Alles noch schön in scheiß Plastikfolie verpackt. Schlagartig endete die Musik, welche aus der nicht vorhandenen Anlage kam.

Die Person drehte sich mit dem schwarzen Ledersessel um.

Harry riss verblüfft die Augen auf.

Vor ihm saß eine Ziege, zumindest ein weiblicher Ziegenkörper. Er sah formvollendete Brüste, die mit weißem Fell bedeckt waren und rot lackierte Hufe. Aber das Haupt bestand aus einem Stalinschädel.

Stalin!

Verrückt!

»Guten Tag, wir müssen eine Revolution gegen die Regierung veranstalten.« Harry fiel ob seiner Perplexität nichts Besseres ein.

»Ich dachte schon, Sie schaffen es nie. Möchten Sie einen Kaffee?«, empfing ihn eine weibliche, sanfte Stimme, die Ähnlichkeit mit Juttas Stimme hatte.

»Revolution ist nicht so mein Ding«, antwortete der Lange. Er setzte sich auf die Kante des schwarzen Schreibtisches. »Sie sind festgenommen, Berta übernimmt das Kommando. Widerstand wird mit ... keine Ahnung geahndet!«

»Sie sind wahrlich kein Revoluzzer. Möchten Sie denn jetzt einen Kaffee oder nicht?« Die Ziege schlug den Ordner auf. »Aha, Sie sind also Harald Schindler, alias Harry. Der große Heilsbringer. Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt? Nicht so lang?«

Harry ging zur Kaffeemaschine. »Man kann nicht alles haben. Ich bin nun mal so, wie ich bin.« Er schenkte drei Becher – die Schafe als Motiv zeigten – voll. Auf Ziegenmilch und Ziegenzucker verzichtete er. Er stellte die Becher auf den Schreibtisch. Gleichzeitig fragte er sich, wie die Ziegen den Kaffee trinken sollten, denn es waren stinknormale Kaffeebecher, wie es sie in seiner Welt auch gab. Mit den Hufen kam man oder Ziege nicht in die Henkel rein ... anderseits hatte Berta sogar telefoniert.

Der Ziegenmensch blätterte um. »Aha, aha, Sie waren also in Anderland, das habe ich mir schon gedacht. Sonst hätten Sie ja die Zahlenkombination nicht rausbekommen können. Ich heiße übrigens Hilde. Ich bin die Präsidentin dieses Haufens, wenn Sie dieses interessiert. Einen Nachnamen habe ich nicht. Wenn, dann Müller oder Moritz.«

Harry trank einen Schluck Kaffee. »Ich dachte schon, Sie wären der Bäcker.«

Hilde blätterte eine Seite weiter. »Warum denn Bäcker? Sie sind also Müllkutscher und leben in Hamm; wo oder was auch immer Hamm ist? Ich tippe mal, in Ziegenlandwest? Aber etwas weiter südlich?«

»Ja. Nein. Nicht mehr, ich bin gefeuert, weil ich über zwei Wochen unentschuldigt gefehlt habe. Ich bin ja kein Beamter, der sich nur den Arsch platt sitzt. Ich war verhindert. Es steht sicherlich auch in Ihrer Akte?«

Hilde trank einen Schluck. Harry sah, wie sie dieses veranstaltete, sie schleckte die heiße Brühe einfach mit ihrer roten Zunge heraus. Er fragte sich, weshalb Hilde sich nicht die Zunge verbrennt oder verschröggelt.

»Dass Sie gefeuert sind, ist hier nicht vermerkt. Ich glaube, meine Agenten werden alt; ich muss sie mal zur Räson bitten«, bemerkte die Präsidentin.

»Ich hab’s schwarz auf weiß, zuhause. Hätte ich gewusst, dass ihr es wissen müsst, hätte eine Kopie der Kündigung mitgebracht. Sie liegt, so glaube ich zumindest, zuhause auf meinem Küchentisch.«

Stalin stützte eine Hufe unter sein Kinn. »Jaja, so ist das Leben.« Sie blätterte erneut um. »Sie sind verliebt in Arkansas? Sie haben sogar mit ihr gevögelt? Was hier bei uns geziegelt heißt?«

»Das war doch nur ’n Quickie im Wald. Verliebt möchte ich so nicht sagen. Wer ist hier eigentlich der Revoluzzer, Sie oder ich? Sie sind festgenommen, habe ich doch gerade gesagt. Berta übernimmt den Deal.«

»Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Von mir aus können Sie die Regierung übernehmen. Aber ich habe zwei Bedingungen.« Hilde schlug den Aktenordner zu. »Erstens müssen Sie mein Büro und die Gänge streichen. Meine Maler sind im Streik. Aber versauen Sie mir nicht den Teppich. Den müssen Sie schön abdecken, er war teuer. Und zweitens müssen Sie mich begatten.«

Harry schaute auf den Linoleumboden, der in jedem Baumarkt für zweizwanzig pro Quadratmeter zu haben war. »Das ist kein Teppich. Ich soll mit einer Ziege – Stalin – vögeln? Sie haben doch nicht mehr alle Präsidenten im Parlament!« Er überschlug die Quadratmeterzahl der Gänge. Ein Gang hatte etwa siebenhundertzwanzig Quadratmeter, man müsste ihn zweimal streichen. Das Ganze mal vier. Dazu der Vorraum, das Präsidentenbüro und der Gang vor dem Büro. Er tippte mit einem (dem rechten Zeigefinger) Finger gegen seine Stirn. »Sie haben nicht mehr alle Ziegen im Lab«, war er mit seinem Aufmaß fertig, »das sind ja über sechstausend Quadratmeter, wenn ich alles zweimal streichen muss. Da bräuchte ich ja Jahre für.«

»Du musst wohl, anders geht es nicht«, meckerte Berta und schlürfte hernach aus ihrem Becher. Aber wirklich erst, nachdem sie diesen fundamentalen Satz gemeckert hatte.

»Na gut, Streichen können wir zur Not weglassen, das Begatten aber nicht. Ich bin geil wie eine wilde Hilde«, beharrte Stalin-Hilde.

»Ich mache weder das eine noch das andere. Da kannst du dich auf den Kopf, vielmehr auf die Hörner stellen und Lappaloma singen.«

»Das kann ich doch gar nicht singen. Außerdem duzt man oder Ziege eine Staatspräsidentin nicht. Sie bekleidet doch ein wichtiges Amt!«

»Eben«, pflichtete Berta bei. »Vor Präsidentinnen muss man oder ziege doch allerhöchsten Respekt haben!«

»Ohne Sex und Farbe kein Umsturz«, beharrte Hilde. »Ich bin geil. Und gestrichen hat hier noch kein Arsch, schon seit zwanzig Jahren nicht. Sie müssen aber alles schön abdecken. Versauen Sie mir nicht den Fußboden, er war teuer. Und er ist erst dreiunddreißigeinhalb Jahre alt!«

Harry trank einen Schluck Kaffee. »Ich streiche doch nicht die ganze Bude, das kann ja Jahre dauern«, wiederholte er seine Skepsis.

»Es sind doch nur meine Residenz, die vier Gänge und die Kegelbahn. Den Hausflur brauchen Sie nicht zu streichen. Der hat noch eine Ziege Zeit.«

»Ich habe eh keine Flurwoche.«

Hilde klopfte mit dem linken Huf feste auf die Akte. »Ich weiß, es steht alles in den wunderschönen Papieren.«

»Ich hätte da einen Vorschlag«, meinte Berta, die auch nicht gerade ein Revoluzzer war. »Ihr kegelt gegeneinander. Wenn Harry verliert, dann muss er Sie begatten und streichen. Wenn der Lange gewinnt, dann übernehmen wir so wie sich das gehört, die Regierung.«

Der Lange hatte in seinem ganzen Leben noch keine Kegelkugel (und eine Bowlingkugel erst recht nicht) in der Hand gehabt. »Ich kann nicht kegeln!«

Hilde – Stalin – erhob sich. »Also gut, gehen wir runter. Das war ein guter und fairer Vorschlag von Tante Berta.«

Sie verließ das Büro, die Kaffeemaschine hielten sie an der Maloche. Harry stellte seinen Kaffeebecher auf den Schreibtisch und folgte den beiden Huftieren. Was sollte er auch sonst tun? Im Büro kam er nicht weiter. Er fragte sich zum wiederholten Mal, weshalb er sich auf diesen Scheiß eingelassen hatte. Sie gingen das Treppenhaus hinab, die Maler waren schon zugange. Er latschte über die Abdeckfolie. »Ich denke, die Maler streiken? Deckt das überhaupt?«, fragte er den Boss, der die Zigarre im Maul hatte.

»Nee, wir müssen es zweimal streichen«, antwortete der Boss, dessen Zigarre mit weißer Farbe verschmiert war.

»Flurstreichen ist Pflicht, da dürfen sie nicht streiken. Das hat die Gewerkschaft so toll bestimmt. Sie wurden von den Funktionären mit Schafkäse bestochen«, unterbrach die Präsidentin.

»Mit Schafkäse? War mir klar!«

Hilde ging zügig weiter, schnell erreichten sie den Keller. Sie betraten den Gang, der mit den vier Türen. Hilde zog die zweite Tür auf. »Hier befindet sich die Kegelbahn. Ich hoffe, ein Barkeeper ist gerade anwesend?«

Harry staunte nicht schlecht, der hell erleuchtete Gang war viel breiter als der erste. Bestimmt viereinhalb Yards breiter. Und auf den Zenitmeter genau dreißig Meter lang. Rechts befand sich eine Holztheke, eine Ziege stand am Zapfhahn und zapfte Ziegenpils. Geradeaus befand sich die Kegelbahn. Über der Kegelbahn befand sich eine Leuchtanzeige, die neun rote Kegelpuppen zeigte. Links neben der Kegelbahn lagen vielleicht acht oder neun Kugeln auf einem schwarzen, tiefen Teppich. Es war eine stinknormale Kegelbahn, wie es sie in seiner Welt (und wahrscheinlich in allen anderen Welten) auch gibt.

Die Zapfziege stellte ein Pils auf die Theke. Sie zeichnete sogar mit einem Bleistift ein Strich auf den Pappdeckel. Wie in einer ganz normalen Kneipe. »Na denn prost.« Sie hatte sogar eine grüne Schürze um die Hüften gebunden. Auf dieser war mit dicker schwarzer Schrift Kugel und Kegel, das ist nicht immer die Regel vermerkt.

Harry nahm das Pils und trank einen Schluck. Er schaute sich das Glas an. Es war ein ganz normales Pilsglas, das kleine. Er bevorzugte ja eigentlich die großen Gläser. Aber diese gab es in dieser Welt offensichtlich nicht. Man oder ziege kann nicht alles haben.

Berta ging an die Tafel, die über den Kegelkugeln hing, legte ihre Tasche auf einen Stuhl und nahm die Kreide in die Hufe. »Was spielen wir? Vielmehr ihr?«

»Von hundert runter, wer zuerst bei null ist, hat gewonnen. Erst geht’s um das Streichen, dann um meine Begattung«, bestimmte Stalin-Hilde energisch.

»Gut. Los geht es. Harry fängt an!«, bestimmte Berta.

»Moment mal, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Kegelkugel in der Hand gehabt. Ich muss erstmal ein bisschen trainieren oder üben, wenn es euch recht ist.«

Hilde hatte schon die erste Kugel in ihrem linken Huf. Sie balancierte die Kugel wie ein Profi auf dem Horn. Harry wunderte sich, dass sie nicht runterfiel. Sie hatte wahrlich Übung in der Sache. »Trainieren ist nicht. Ich weiß auch gar nicht, was trainieren ist? Und üben erst recht nicht.«

Harry nahm eine grüne Kugel (die sicherlich fünfeinhalb Kilogramm wog) in die Hand. »Bin ich hier der Revoluzzer oder Sie?«

»Sie! Deshalb dürfen Sie auch beginnen!«

Berta zeichnete ein H und ein P auf die Tafel. Dazwischen zog sie einen vertikalen und krummen Strich. Unter den Initialen zeichnete sie eine Hundert. Harry fragte sich, wie sie die Kreide im Huf hielt. Eigentlich kann dies eine Ziege nicht, oder doch? Er schalt sich einen Narren, er hatte vergessen, wo er sich befand. Er trat an das Seil, an dem die Bimmel befestigt war, heran. Er hatte natürlich schon oft im Fernsehen gesehen, wie Kegeln funktioniert. Auf einem Sportkanal. Da werfen die Frauen oder Männer fast immer alle Kegelpuppen um. Und das in einem Wurf mit einer Kugel! Er fand das unfassbar. Mit einer Kugel! Außerdem wusste er von seinem Kumpel Kalli, dass man, wenn man das Seil berührt, die Bimmel Alarm schlägt. Und dass der- oder diejenige, der dieses verursachte, eine Runde Bier oder Schnaps geben musste. Auch hatte er schon zugesehen, bei Kallis Kegelklub. Also, so ganz weltfremd war ihm diese Geschichte dann doch nicht. Aber er hatte eben nur zugesehen und nicht selbst gekegelt. »Das schaffe ich nie, dann muss ich die ganze Bude streichen und die Präsidentin vögeln. Ich komme auch von einer Scheiße in die andere.« Er warf seine Kugel, die Bimmel blieb stumm. Die Kugel rollte wie eine kranke Erbse über die Rollbahn. Viel zu lasch, er hatte viel zu lasch geworfen.

Er hatte bei seinem Kumpel Kalli gesehen, wie der die Kugel ständig auf die Bahn drosch, diese schoss dann wie eine Rakete über die Bahn und knallte wie eine Bombe in die Puppen, die darauf wie Streubomben auseinanderspritzten. Seine rollte wie ein kranker Regenwurm über die Bahn. »Wenn ein Staubkorn im Weg liegt, dann bleibt sie stehen«, flüsterte er. »Wenigstens landet sie nicht in der Gasse.« Quälend langsam rollte die Kugel auf die Kegel, welche sie auszulachen schienen, zu. Dann schlug sie ein. Genau mittig, sie richtete keinen besonders großen Schaden an. Drei Kegel blinkten an der Anzeige auf. Die drei mittleren.

97

Malte Berta.

»Wenigstens ist sie nicht stehen geblieben«, seufzte er.

Die Kegelpuppen wurden an den Strippen hochgezogen und dann wieder wie preußische Zinnsoldaten an den angestammten Platz gestellt.

»Das funktioniert auch gar nicht«, meinte die Präsidentin, »dann müssen Sie die Kugel schon hinlegen.«

Harry ging zurück an die Theke und trank ein Schluck Bier. Das Pils mundete gar nicht schlecht, fast wie in seiner Welt.

Die Präsidentin trat etwa vier Meter zurück, nahm auf zwei Beinen Anlauf und schmetterte die Kugel wie Kalli auf die Bahn. Sie schoss wie eine Kanonenkugel über die Holzbahn, aber nicht geradeaus, wie bei Harry, sondern rechts. Sie rollte haarscharf an der Gosse vorbei, um dann an der Stelle, an der die Rollbahn breiter wurde, nach links zu rollen. Sie knallte zwischen die erste und die zweite Puppe. Die Puppen spritzten wie Regentropfen auseinander. An der Anzeige blinkten acht Puppen auf.

92

Schrieb Berta.

»Mann, ist die gut. Das kann ja heiter werden«, seufzte der Lange, als er vortrat, um die zweite Kugel zu werfen. »Ich werde wohl Hilde vögeln müssen. Mit mir kann man es ja machen. Mir bleibt aber auch nichts erspart.«

Nach dem Kaninchen- oder Hasenbraten gingen sie weiter Richtung Norden. Mittlerweile war es Nachmittag geworden. Es schüttete noch immer. Der Regen schien kein Ende zu nehmen, Ark fragte sich, wo das ganze Regenwasser herkam. Irgendwann musste sich die Wolkendecke doch mal auflösen.

Das mact Grit-Otto-Köm, sandte Strubbel, als hätte er die Gedanken der ehemaligen Krankenschwester erraten.

»Es wird immer diesiger«, stellte Anna fest. Sie hatte den Regenschirm aufgespannt. Auf diesem war diesmal Regenschirm macht jung und firm vermerkt.

Auc für dieses ist Grit-Otto-Köm verantwortlic, dachte die Töle.