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Wenn einst das Licht zu Dunkel wird. Er ist ein Wächter. Er schützt die Menschen vor den Dämonen. Und doch muss er die Seiten wechseln, um Gerechtigkeit zu üben. Seit seinem vierten Lebensjahr wurde Andrarg zum Wächter ausgebildet, um die Menschen vor den Dämonen zu schützen. Doch als seine Schwester ermordet wird, bricht seine Welt zusammen, denn die Wächter verweigern ihm, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Um trotzdem Rache nehmen zu können, beschließt er, den Wächtern den Rücken zu kehren und sich den Dämonen anzuschließen, deren dunkle Magie stärker scheint als die lichte der Wächter. Dafür muss er aber das Licht des Wächters in sich töten. Doch nur eine grausame Tat kann dies bewirken. Andrarg ahnt nicht, dass er damit zur Hauptfigur und zum Spielball einer düsteren Prophezeiung wird, die ihn über seine Grenzen treibt.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andrargs
Schriften
Teil 1
Die Prophezeiung
von
Eva von Kalm
Alle Rechte vorbehalten. Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden. Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.
Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.
Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.
www.verlag-der-schatten.de
Erste Auflage 2025
© Eva von Kalm
© Coverbilder: Depositphotos ChiccoDodiFC, ikril, Vadmary, sqback
Covergestaltung: Verlag der Schatten
© Bilder: Depositphotos Vadmary (Buch),
Arsgera (Rauchfaden)
Leif Brodersen (Karte, Wappen),
Eva von Kalm (Autorenfoto)
Lektorat: Verlag der Schatten
© Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-98528-056-8
Wenn einst das Licht zu Dunkel wird.
Er ist ein Wächter.
Er schützt die Menschen vor den Dämonen.
Und doch muss er die Seiten wechseln, um Gerechtigkeit zu üben.
Seit seinem vierten Lebensjahr wurde Andrarg zum Wächter ausgebildet, um die Menschen vor den Dämonen zu schützen. Doch als seine Schwester ermordet wird, bricht seine Welt zusammen, denn die Wächter verweigern ihm, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Um trotzdem Rache nehmen zu können, beschließt er, den Wächtern den Rücken zu kehren und sich den Dämonen anzuschließen, deren dunkle Magie stärker scheint als die lichte der Wächter. Dafür muss er aber das Licht des Wächters in sich töten. Doch nur eine grausame Tat kann dies bewirken. Andrarg ahnt nicht, dass er damit zur Hauptfigur und zum Spielball einer düsteren Prophezeiung wird, die ihn über seine Grenzen treibt.
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Inhalt
Prolog – Die Wächterweihe
Kapitel 1 – Der Meister der Schatten
Kapitel 2 – Kinderlachen
Kapitel 3 – Höllenwoche
Kapitel 4 – Die rechte Hand des Meisters
Kapitel 5 – Schattenhunger
Kapitel 6 – Ein Licht im Dunkel
Kapitel 7 – Der beste Freund
Kapitel 8 – Eine alte Prophezeiung
Kapitel 9 – Das ewige Totenlied
Kapitel 10 – Ein neuer Graf
Epilog – Die Suche beginnt
Vorschau
Autorenvorstellung
Danksagung
Personenverzeichnis
Krasonisch
Für Leif.
Ohne dich hätte die Geschichte nicht von Anfang an gelebt!
Wenn einst das Licht zu Dunkel wird.
Goldenes Licht, goldener Schild
glüht in Ehrfurcht, Weisheit und Liebe,
verteidigt die Reihen,
und bringet den Frieden.
Teil des Gelöbnisses der Wächter
Tempel der Wächter in Tokofe, 1296
Mit vier entrissen sie mich meiner Familie.
Mit sechzehn erhielt ich eine neue.
Mit zweiundzwanzig gab ich sie auf.
Der Tag, an dem ein Wächter geweiht wird, ist der hellste Tag in seiner Erinnerung. Wie ein Kompass leuchtet er durch die Jahre hindurch, unvergesslich. Er ist allerdings auch überwältigend. Prachtvoll. Strahlend. Und so entzieht sich manches der Erinnerung.
Ich weiß noch, wie ich in der Nacht zuvor im Tempel wachte, zusammen mit fünf anderen zukünftigen Wächtern. Würde ich mich sehr verändern? Verwandeln? Ich kannte genügend Wächter, um zu wissen, dass mein Äußeres sich, abgesehen von dem Gewand, das ich tragen durfte, nicht ändern würde. Die Novizenkleidung, den schlichten hellbraunen, rauen Stoff, verlor ich. Ansonsten würde ich auch nach der Weihe aussehen wie jetzt. Ganz so wie ein Mensch. Aber war ich dann wirklich noch derselbe? Wenn ich die Lederrüstung der Tirones zusammen mit dem dunkelbraunen Mantel anlegen durfte?
Mein Blick fiel auf meinen Schild, der vor mir leuchtete. Voller Stolz und auch ein bisschen ehrfürchtig, weil ich ihn tragen durfte. Es war ein Schild aus reinem Licht. Das war unsere Magie, ein Licht gegen das Dunkel. Er strahlte so hell, dass seine Ränder verschwammen, unscharf wurden. Es gab keinen Haltegurt wie bei Ritterschilden aus Holz oder Eisen. Ich kontrollierte ihn mit meinem Willen, so wie ich es die letzten Jahre gelernt hatte.
Das Licht des Schildes bewegte sich. Manche meiner Brüder sagten, sie hörten den Klang der Magie. Ich nicht. Aber ich spürte ihre Kraft. Und manchmal vermeinte ich, Linien im Licht zu erkennen. Sie schienen mir von etwas zu sprechen, das ich nicht verstand – nicht damals. So wie die Glyphen, die die Krasos wie dunkle Tätowierungen auf ihrer Haut trugen.
Unsere sechs Schilde erleuchteten den kleinen Raum. Für die winzige Fläche war es beinahe zu viel Licht. Es war gut, dass der Raum lediglich aus schlichtem, grauem Stein bestand und keine goldenen Verzierungen hatte wie der Hauptraum. Denn auch so brannten unsere Augen leicht. Der Ort diente zur Einkehr, zur Meditation, und spiegelte das in seinem Äußeren wider. In ihm durchwachten wir die Nacht. Einzig und allein die steinernen Bilder an den Wänden ließen den Betrachter erahnen, dass dies hier mehr als nur der Nebenraum eines Tempels war.
Der Tempel in Tokofe war die Ausbildungsstätte der nidarener Wächter, und die Mauern erzählten von den bedeutsamen Wächtern, von Brineos, dem Gründer, von Iryam Ku und Merresto. Geschichten, mit denen ich aufgewachsen war, die mich Weisheit und Ehre der Wächter lehrten. Sie starrten auf uns herab, als warteten sie darauf, dass wir uns als würdig erwiesen.
Seit ich vier war, wuchs ich hier zusammen mit meinen Wächterbrüdern auf. Breanos, mein Ausbilder, hatte mich aufgespürt und aus meinem alten Leben bei meiner Familie herausgerissen. Ich begriff kaum, was geschah. Schaute panisch zu meinem Elternhaus zurück. Eines der letzten Geräusche, an das ich mich erinnern kann, war ein Flüstern. Die leiser werdende Stimme meiner Mutter.
Es gab Geschichten über Wächter, aber dass es sie wirklich gab, wurde vor den Menschen geheim gehalten. Doch wie war es gewesen, als plötzlich ein fremder Mann in lederner Rüstung und grauem Mantel anhielt? Meinen Eltern offenbarte, ich sei ein Geschenk für die Göttin. Wie hatte er sie davon überzeugt, mich gehen zu lassen? Bestimmt war es ihnen schwergefallen. Das musste es doch, oder? Ich hoffte es. Ich hatte sie nie fragen können, denn Wächtern war es nicht erlaubt, zu ihren Familien zurückzukehren.
Meine Brüder waren überrascht, als ich mit ihnen darüber sprach. »Das hier ist doch unsere Familie«, äußerten sie sich. Und: »Ich kann mich nicht mehr an eine andere Familie erinnern, auch wenn ich weiß, dass es sie gegeben haben muss.«
Wächter sind eben keine richtigen Menschen mehr. Die Magie verändert uns und wir stehen einander näher als jedem sonst. Andernfalls wäre ich an dem Tag, an dem ich gegen jede Regel verstoßen hatte, abgehauen war, meine Eltern gesucht und gefunden hatte, nie wieder zu den Wächtern zurückgekehrt. Aber ich war einer von ihnen und hier war mein Zuhause, meine Bestimmung.
Ich schloss die Augen und atmete ruhig durch die Nase. Ein und wieder aus. Konzentrierte mich auf ein flackerndes Licht, das vor meinem inneren Auge schimmerte. Jahrelang hatten wir uns im Meditieren geübt, es war notwendig, um Kontrolle über die Magie zu halten. Wir brauchten die Ruhe, um sie auch dann zu haben, wenn wir gegen Krasos, die Dämonen, kämpften.
Menschen wussten nicht nur von den Wächtern nichts, sie ahnten auch nicht, dass Dämonen wirklich existierten. Sie waren blind für die Wahrheit. Solange es taghell war, sahen Krasos aus wie Menschen. Lediglich nachts, wenn das Dunkel hervorkroch, tauchten Glyphen auf den Körpern der Krasos auf. Schwarze Linien, wie Tätowierungen, nur dass die Magie der Krasos sie hervorrief. Nachts verrieten sie, wer Mensch und wer Dämon war, und wir jagten sie.
Es war still in unserem Raum. Manchmal ertönte ein leichtes Scharren, wenn einer einen Fuß über den Boden bewegte.
Was mochte nach dem morgigen Tag geschehen? Wo würden wir eingesetzt? Wer würde uns begleiten?
Nach der Wächterweihe würde ich ein Tiro sein, ein einfacher Wächter, der noch keine Spezialisierung hatte. Tirones erhielten zunächst Aufgaben, die ihre Stärken offenbaren sollten. Danach erfolgte eine Spezialisierung, und gemeinsam mit den Hohen Wächtern wählten wir unseren Weg: als Kämpfer, als Ausbilder oder auch als Wächter im Dienst des Tempels.
Die Aufgaben der Wächter waren sehr verschieden, nur eines hatten alle gemeinsam: Wir durften uns keinem zu erkennen geben und nicht in die Politik der Menschen eingreifen, solange kein Krasos das tat. Wir waren der Schild gegen das Dunkel, Weiß gegen Schwarz.
Als die Sonne aufging, löschten wir unsere Schilde und wurden feierlich in den großen Saal gebracht. Hier waren ein Dutzend Schilde aufgestellt. Es war die lichte Magie der Hohen Wächter, deren goldenes Licht das ewige Feuer vor den Statuen der Götter überstrahlte. Aus dem gleichen Stein gebaut wie der karge Raum, in dem wir gewacht hatten, wirkte die Halle doch unendlich viel heller und freundlicher. Ich atmete freier, streckte mich, dehnte die angespannten Muskeln. Über uns leuchtete das seltene Rerem: Goldenes Glas, das die eingelassenen Lichtschächte verkleidete. Es verwandelte jedes Licht in Sonnenschein. Keiner wusste, wie Rerem hergestellt wurde. Reisende hatten es mit nach Nidaren gebracht, als der Tempel vor 900 Jahren erbaut wurde. Es war das älteste Gebäude in diesem Land. Zählend schaute ich an die Decke, wie so oft bereits in meiner Ausbildung. Es waren sieben Lichtschächte und durch sie leuchteten die Strahlen sternförmig herunter.
Der Raum war gewaltig. Zwanzig mal zwanzig Meter maß er und wurde durch steinerne Säulen mit goldenen Blättern an den Enden in drei Bereiche unterteilt. Es gab zwei schmale Abschnitte rechts und links und in der Mitte einen großen, an den sich ein kleiner Altarraum gen Osten gerichtet anschloss. Dort stand eine Esilienstatue – so hoch wie eineinhalb Männer. Als ich an ihr vorbeikam, verbeugte ich mich leicht vor ihr. Sie war aus weißem Stein gehauen und trug einen silbrigweißen Mantel, wie die Hohen unseres Ordens – Esilia, Göttin der Weisheit und der Gerechtigkeit. In ihrem Namen hatte Brineos den Orden der Wächter gegründet. Auf ihrem Mantel jedoch waren Everos und Evranos, unsere Monde, abgebildet und an ihrem zarten Hals schimmerte ein Sonnenamulett. Vor langer Zeit war sie die einzige Göttin gewesen. Heute hatten wir derer sieben und auch die Statuen der anderen sechs fanden sich in diesem Tempel wieder.
Langsam hob ich die rechte Hand, bewegte sie von der linken Schulter übers Herz zur anderen und wieder zurück. Sechs kleine Berührungen für sechs Götter, während ich noch einmal ihre Statuen betrachtete. Ich kannte sie, doch heute wirkten sie erhabener als sonst.
An der linken Wand der Halle stand Tokos, der Gott des Krieges und Kampfes und Namensgeber für Tokofe. Gleich daneben wachten Migarus – Gott der Jagd und der Ernährung – und Nereson, der Gott des Schlafes und des Todes. Auf der rechten Seite des Raumes fanden sich die drei Göttinnen Ayescha, Lemira und Januva. Liebe und Familie, Fruchtbarkeit und Leben, Schönheit und Lust. Ihre Blicke waren ins Innere gewandt, ihre Augen aus Edelsteinen in verschiedenen Farben funkelten im Licht.
Vor den Säulen, acht an der Zahl, standen ewig brennende Feuerschalen. In ihnen wurde Serjadesand verbrannt, der so langsam brannte, dass eine Schale für ein ganzes Jahr reichte, bevor der Inhalt erneuert werden musste. Der Schein tauchte die Säulen in rotes Licht.
Wir knieten auf dem grauen Stein vor dem Altarraum, wo hohe Wächter in silbrigweißen Mänteln standen. Weder drang die Kälte des Bodens in uns ein, noch stöhnten unsere Knie über seine Härte. Wir waren erfüllt von dem Drang, uns als Wächter in die Welt hinaus zu begeben, beseelt davon, unseren Eid abzulegen. Wir harrten erwartungsvoll dem Augenblick, da die Göttin der Weisheit unsere Magie anerkannte und unsere Kraft dadurch wuchs.
Die Hohen Wächter begannen den Gesang. Ihre Stimmen erhoben sich in vollkommener Harmonie, mit der sie die Tempelmauern erzittern ließen. Ihre Schilde glühten heller auf als zuvor. Mein Herz hämmerte. Meine Hände öffneten und schlossen sich, suchten nach Halt. Denn jetzt, nach dem Gesang, war es so weit. Der Augenblick, auf den unsere ganze Ausbildung hinführte. Für den wir so lange gearbeitet hatten: Wir legten unseren Eid vor der Göttin der Weisheit ab.
Mit zitternden Knien erhob ich mich und trat vor Esilia. Ein gleißendes Licht umhüllte mich, als ich anfing, den Eid zu rezitieren.
Goldenes Licht, goldener Schild
glüht in Ehrfurcht, Weisheit und Liebe,
verteidigt die Reihen,
und bringet den Frieden.
In deinem Namen kämpfen wir
gegen Schatten und Dunkel.
Wir sind der Schild gegen die Krasos,
wir bringen deine Weisheit und dein Licht
und vertreiben das Böse,
still und unbemerkt von der Menschheit.
Ich verlor das Zeitgefühl. Etwas in mir bebte und wurde stärker, als ich meinen Schild entfachte. Er reihte sich ein in die Schilde der Hohen. Das mächtige Gefühl, von einer Kraft aufgenommen, aufgehoben zu werden, war so stark, dass alles andere, was an diesem Tag geschehen sein mochte, meiner Erinnerung verborgen bleibt.
Düsteres Grauen, düsteres Land.
Welch größere Quelle der Finsternis gibt es
neben dem menschlichen Herz?
Finyard, König von Nidaren, 1246
Grafschaft Erirfort, neunter Mond 1302
Sie hatten mich gefunden. Fünf Krasos standen in der Abenddämmerung um mich herum, kreisten mich ein – ruhig und siegesgewiss. Einer trat einen Schritt nach vorn, ein anderer lächelte, aber nicht boshaft, sondern beinahe gelangweilt. Keiner blickte sich um. Umso größer war ihre Verwunderung, als ich meinen Schild zündete und das Licht ihnen für einen Augenblick die Sehkraft raubte. Es waren fünf Männer in schwarzem Leder, das nach Art der Krasos-Magie unterschiedlich schimmerte. Der Jüngste stand mir am nächsten, eindeutig ein Feuerdämon. Seine lederne Kampfkleidung war in grünliche Flammen getaucht. Sie bestand aus einer eng anliegenden Hose und einer Weste. Seine Arme waren nackt und mit schwarzen Linien übersät, die sich zu Mustern fügten, die ich nicht verstand. Wären Kleidung und Glyphen nicht gewesen, hätte er ein heranwachsender Mann sein können. Von seinen Muskeln her vielleicht ein Schmied. Doch im Lichte meines Schildes konnte ich seine Augen sehen, die jedem Verdacht, er könne ein Mensch sein, widersprachen.In ihnen loderte sein grünes Feuer. Die Flammenfarbe war so ungewöhnlich, dass ich zweimal hinsah. Noch nie hatte ich grünes Dämonenfeuer gesehen. Aber auch nach sechs Jahren Wächterdasein lernte man immer wieder dazu.
Außer ihm hatten mich zwei weitere Feuerdämonen, ein Winddämon und ein Schattendämon eingekreist. Ob sie auch ungewöhnliche Zeichen trugen, konnte ich nicht mehr wahrnehmen. Sie hatten sich vom plötzlichen Lichtschein erholt und griffen mich an. Ich riss meine Klinge nach oben und parierte. Triumph bebte durch mich hindurch und verlieh mir Kraft. Ein Schattendämon war unter ihnen. Ein Schritt in Richtung meines Ziels.
Ich ließ mich auf den Boden fallen und trat zwei von ihnen in einer Kreisbewegung die Beine weg. Ich schrie nicht auf, als ein Feuerball mich am Rücken traf, sondern sprang mit einem Rückwärtssalto auf den Feuerdämon hinter mir zu. Drehte mich um und durchstieß sein Herz mit meinem Dolch. Seine orangen Flammen erloschen und ein Häuflein Asche sammelte sich auf dem Boden.
Ein Windstoß fegte mich von meinen Füßen und einen Meter nach hinten, ein Krasos setzte nach und versenkte beinahe sein Schwert in mich, aber mein Schild hielt es im letzten Moment ab. Kein Splittern und Krachen wie bei einem Holzschild, sondern ein Versumpfen der Schlagkraft in meiner Magie. Der Krasos hatte Mühe, seinen Arm zurückzuziehen.
Für Außenstehende musste dieser Kampf blitzschnell aussehen, aber vor meinen Augen lief alles wie in Zeitlupe ab. Ich rollte mich im Schutz meines Schildes dem Winddämon entgegen und ignorierte den Schlag eines anderen Krasos. Blut rann meine linke Schulter hinab. Genau vor dem Winddämon richtete ich mich auf und stieß auch ihm meinen Dolch ins Herz. Das schwarze Metall schien vor Freude zu singen. Der Krasos löste sich auf.
Die verbliebenen drei lieferten mir einen besseren Kampf. Schatten hüllten mich ein, raubten mir das Licht. Aber ich war ein Wächter. Das Knistern eines Feuerballs verriet mir die Richtung und ich duckte mich. Er sauste über meinen Kopf hinweg, aber versengte mich nicht. Ich wandte mich dem Schatten zu. Immer wieder stieß mein Dolch ins Leere. Er war zu flüchtig. Also konzentrierte ich mich auf die zwei Feuerdämonen, deren grüne und rote Flammen um sie herumwirbelten. Entfesselt schlug ich in raschen Links-rechts-Kombinationen auf den Grünleuchtenden ein, während mein Schild mich von hinten schützte. Lichtmagie, gelenkt von meinem Willen.
Ein kräftiger Schlag traf mich in die Magengrube. Ich schnappte nach Luft. Doch es brachte mich nicht aus dem Rhythmus. Ich war Wächter. Kämpfer. Krieger. Ich ignorierte meine Schmerzen und focht weiter. Der zweite Feuerdämon stieß einen Schrei aus, als mein Dolch ihn ins linke Bein traf. Er hatte nicht damit gerechnet, weil ich immer noch versuchte, den anderen Feuerdämon abzuwehren.
Ich verstärkte das Licht meines Schildes, bis es die Schatten abwehrte und zerstreute. Doch einen Schattendämon besiegt man so nicht. Er fiel etwas zurück und ich erkaufte mir so Zeit. Genau so viel, um dem schon verwundeten Krasos den Dolch ins Herz zu stoßen.
Bis der letzte Feuerdämon fiel, dauerte es nur wenige Sekunden, dann waren rote und grüne Flammen endgültig erloschen.
Der Schattendämon und ich standen uns allein gegenüber. Endlich. Ich war meinem Ziel noch ein Stück näher gekommen. Jetzt nur keinen Fehler machen. Wir fochten eine Zeit lang schweigend, doch ich spürte, dass meine Kraft mich verließ. Die Wunde an meiner Schulter blutete immer noch. Jetzt hatte ich nur noch eine Chance, den Kampf zu dem Ende zu bringen, das ich anvisierte. Noch einmal alle Kraft sammelnd, ließ ich meinen Schild verschwinden und verwirrte so den Schatten. Blitzschnell sprang ich gegen ihn, erwischte ihn diesmal in seiner festen Gestalt und schlug ihn zu Boden. Dann hielt ich den Dolch gegen seinen Hals.
»Was willst du, Davos?«, knurrte er. »Worauf wartest du noch?«
»Bring mich zu deinem Meister«, befahl ich. Das, nur das, war der Sinn des Kampfes gewesen.
Die Erregung des Gefechtes verflog, in mir wurde es ruhig, aber mein Körper blieb angespannt. Er musste mitspielen.
»Nie und nimmer«, lautete seine Antwort. Er sammelte seine Schatten und versuchte sich in ihnen aufzulösen.
Ich schlug ihm mit der Faust gegen die Stirn, was sein Ansinnen unterbrach.
»Bring mich zu deinem Meister«, wiederholte ich sogleich grimmig.
»Warum?«, verlangte er zu wissen.
»Das geht dich nichts an! Doch keine Sorge, ich will ihm nichts tun.«
Er lachte höhnisch. »Ein Wächter, ein Davos …« Er spuckte bei dem dämonischen Wort für Wächter aus. »… will einem Krasos nichts tun?«
»Glaub mir oder lass es«, fauchte ich. »Willst du nun am Leben bleiben oder nicht?«
Ich stand auf und befreite ihn damit. Wenn er jetzt verschwände, müsste ich mir erneut einen Schattendämon suchen. Alles wäre umsonst.
Ich atmete langsam und gezwungen durch die Nase. Er würde es tun. Ich atmete noch einmal. Es war der richtige Moment, der richtige Helras. Noch ein Atemzug. Er stand auf, aber blieb in seiner Gestalt. Mürrisch blickte er mich an und nickte.
Ich folgte ihm zufrieden. Mein Körper schmerzte, die Anstrengung war in jedem Glied spürbar. Aber ich war ein Wächter. Ich war Schlimmeres gewohnt. Ich strich mir die dunkelblonden, langen Haare aus dem Gesicht und band sie zusammen.
Erinnerungen kämpften sich an die Oberfläche, Bilder von den allerersten Kämpfen als Tiro. Natürlich hatte ich schon vor der Weihe gekämpft, aber es war anders gewesen. Nach der Zeremonie erfüllte mich die Macht der Göttin. Mein Schild erstarkte und meine Brüder und ich fühlten uns so sicher, dass wir glaubten, über jeden Krasos siegen zu können. Der erste Kampf gegen Dämonen erwies sich als spielend leicht zu gewinnen. Der zweite Kampf jedoch ließ mich ernüchtert zurück. Drei Wächter gegen drei Dämonen. Zwei Wächter tot. Nur ich, als einziger Überlebender, hatte die Unterwelt wieder verlassen.
Ich kroch zu Breanos zurück. Berichtete stotternd und mit schwerem Atem – verursacht durch die Wunde an meiner rechten Brust. Ich spuckte Blut. Immer wieder.
»Ich hole jemanden, der dich heilt«, unterbrach er mich.
»Nein«, wehrte ich ab. Wütend, entsetzt, aufgebracht. »Ich habe Fragen.«
»Immer hast du Fragen! Du stirbst, wenn ich keine Hilfe hole.«
In dem Augenblick klopfte es an der Tür und einer der jüngeren Novizen trat ein. »Hol Iskael«, herrschte Breanos ihn an.
Wenn ich nicht so wutschäumend gewesen wäre, hätte mein alter Ausbilder mir leidgetan. Er sorgte sich lediglich um mich.
Sachte setzte er sich zu mir ans Bett.
»Also, was für Fragen?«
»Warum sind sie so viel stärker als wir? Was machen wir falsch?«
Breanos legte eine Hand auf meine Schulter.
»Ruhig atmen, Andrarg!« Er zögerte. Überlegte, was er sagen konnte.
»Sie sind nicht stärker«, fuhr er fort. »Du glaubst das, weil sie mehr Kraft haben, nicht schlafen müssen, schneller heilen. Aber sie haben einen Teil ihrer Seele dafür aufgegeben.«
»Und haben wir etwa nichts aufgegeben? Unsere Familie, die Liebe zu einer Frau, jegliche körperliche Beziehung.«
Jeder Atemzug tat mir weh und doch stieß ich die Worte hervor, voller Bitterkeit und Groll. Ich bekam einen Hustenanfall und spuckte weiter Blut aus.
»Bitte, sprich nicht weiter«, flehte Breanos.
Mühsam vertrieb ich die Erinnerungen wieder. Sie halfen mir nicht, mich zu konzentrieren. Ich knirschte mit den Zähnen und holte tief Luft. Ich durfte die Kontrolle über die Situation nicht verlieren.
Wir stapften schweigend durch die Nacht, die während des Kampfes hereingebrochen war. Ich beobachtete die Glyphen, die sich schwarz auf seiner Haut schlängelten. Hätte er sich in seine Schatten gehüllt, hätte ich nichts mehr von ihm sehen können. Ein Helras, ein Schattendämon, ist ein wahrer Künstler im Verschwinden. Er kann sich einfach auflösen, doch dieser hier blieb in seiner festen Gestalt.
Wege in die Unterwelt gibt es zahlreiche, und obwohl die Menschen sie nicht sehen können, fangen sie genau vor ihrer Nase an. Doch nur mit Magie kann man sie finden und durchqueren. Ich war einige Male in der Unterwelt gewesen, um Krasos zu jagen oder auszuspionieren. Es war eine vollkommen andere Welt, die sich ganz anders anfühlte, als unter Menschen zu sein. Nicht nur, weil alles anders aussah, sondern weil die Unterwelt anders lebendig war. Ich konnte das Gefühl nicht besser greifen. Es war wie eine Saite, die in mir klang, aber deren Ton ich nicht hören konnte, nur fühlen. Bisher hatten mich meine Aufträge als Wächter hierhergeführt. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich aus vollkommen anderen Gründen die Unterwelt betreten würde. Doch hier stand ich und folgte dem Helras, als die Erde sich öffnete und uns verschluckte.
Er brachte mich durch die Finsternis zu seinem Meister und ich verzichtete auf meinen Schild. Für den Weg, den ich beschritt, brauchte und wollte ich kein Licht. Es war ein Weg der Düsternis.
Der Schatten vor mir drehte sich ruckartig zu mir um, als ich, in Gedanken versunken, nicht schnell genug hinter ihm hereilte. Ein dumpfes, dämonisches Grollen erklang aus seiner Kehle und jagte mir einen Kälteschauer über die Haut. Ich holte tief Luft und beeilte mich.
Der Weg durch die Dunkelheit schien endlos. Jedes Stück, das wir zurücklegten, verstärkte die Anspannung. Die Unterwelt zog an mir vorbei, düster und steinig.
Aus der Finsternis tauchte eine Höhle vor uns auf. Der Schattendämon blieb stehen, drehte sich nochmals zu mir um und ging dann hinein.
Das war es. Das Ziel. Würde ich finden, was ich suchte? Erhalten, was ich um jeden Preis brauchte?
Die Höhle war größer, als ich es von außen erwartet hatte. Ein wahres Höhlenlabyrinth. Kein Palast für den Meister der Schattendämonen, sondern verworrene Finsternis. Etwas, in dem sich wahrlich nur ein Schatten wohlfühlen konnte. Aber ob sich Krasos wirklich jemals wohlfühlten? Ich muss zugeben, dass ich mir darüber nie Gedanken gemacht hatte. Sie waren einfach das Böse. Und Wächter schützten die Menschen vor ihnen, so glaubte ich tief im Inneren, sogar jetzt.
Ein Kribbeln unter meiner Haut, eine Lichtwelle, flüsterte von der Anwesenheit weiterer Helras, obwohl sie nicht sichtbar waren. Sie lauerten um uns herum und beobachteten uns, bereit, mich zu töten. Der einzige Grund, warum sie es nicht taten, war der Schatten, der mich führte. Selbst wenn ich es vorgehabt hätte, ich hätte den Meister niemals lebend erreicht, um ihn zu vernichten.
Als ob ein Dämonenmeister sich so mühelos vernichten ließe. Schon gar kein Helras und erst recht nicht von einem einzelnen Wächter.
Wir eilten durch die verschlungenen Wege. Wasser tropfte von der Höhlendecke. Mehrfach stieß ich mit meinen Füßen gegen kleines Geröll auf dem Boden, stolperte ein- oder zweimal über spitz aufragende Auswüchse des finsteren Höhlenskeletts.
Der Schattendämonenmeister saß auf einem Thron aus nachtschwarzem Felsen in der gewaltigen Höhle. Er war in einen schwarzen Mantel gehüllt, der ihn fast vollständig verdeckte. Lediglich seine lichtlosen Augen konnte ich sehen, düstere Abgründe, die sich selbst von der hier herrschenden Finsternis noch absetzten. Von ihm strahlten eine Eiseskälte und eine Aura der Macht aus, die jede Faser in mir vibrieren ließen. Der Thron schien mit ihm verbunden, glatt und mächtig. Was für ein Werkzeug hatte ihn geformt? Und wer hatte es getan? Krasos bestimmt nicht. Wer von ihnen hätte schon die Kreativität, die ganze Höhle um diesen Thron herum zu bauen? Denn genau so wirkte es. Er war das Herzstück, das Zentrum der Macht, und auf ihm saß der, der alle Schatten Nidarens kontrollierte.
Kein Licht traute sich in die Finsternis der Schattenhöhle hinein. Aber ich war ein Wächter. Ich konnte mehr sehen als einfache Menschen. Die Luft war dick durch die Schatten der Helras, und mein Kopf pochte schmerzhaft. Das Atmen fiel mir schwer.
Vor dem Thron kniete mein Führer nieder. Ich tat es ihm gleich, wenn auch unfreiwillig. Mehrere Schatten durchfuhren mich und stießen mich zu Boden. Dem Meister zollte man Respekt.
Der Schattendämon, der mich hergeführt hatte, begann unverständlich zu zischen, und es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass er in der Sprache der Krasos redete. Ich erkannte das Wort Davos. Immer wieder gestikulierte er zu mir. Es hallte schauderhaft, und allein der Klang peinigte mich wie hundert Nadelstiche. Doch es war nichts. Nichts verglichen mit dem, was ich in mir trug. Dem Grund, warum ich nun hier stand. So ließ ich alles über mich hinwegrollen.
Dann adressierte mich der Meister auf Nidarenisch.
»Was ist dein Begehr, Davos?«
»Macht mich zu einem von euch!«, verlangte ich.
Stille herrschte plötzlich im Raum, die Luft erstarrte.
»Ein Wächter, der zu einem Dämon werden will?«, hakte der Meister nach, und der Unglaube schallte durch seine Worte.
»So ist es«, erwiderte ich schlicht und wartete.
»Warum?«, forderte er zu wissen.
Ich schwieg.
»Antworte, wenn ich mit dir spreche!«, donnerte er daraufhin.
Es war wie ein Unwetter. Donner und Blitze inmitten eines freien Feldes, wo man hilflos der Natur ausgeliefert ist. Doch was ich in seiner Stimme hörte, konnte ich in seinem Gesicht nicht entdecken. Es blieb blank, die Augen leere, enigmatische Abgründe.
Ich schwieg weiter. Ich hatte meine Gründe, und entweder er akzeptierte es oder eben nicht. Wenn nicht, würde ich sterben, doch der Tod machte mir in diesem Moment keine Angst mehr. Ich hatte mich längst entschieden.
Der Meister stand auf und schlich um mich herum. Ich zuckte nicht, als mich seine Pranke berührte, die langen Finger sich kraftvoll um meinen Hals schlossen. Die Kälte, die von ihnen ausging, ließ mich innerlich erschaudern.
»Meine Dämonen schulden mir Gehorsam«, säuselte er beinahe sanft. »Wenn du einer von ihnen werden willst, musst du mir deine Gründe nennen.«
Und immer noch schwieg ich.
»Selbst wenn du es mir jetzt nicht sagen willst, spätestens wenn du einer von uns bist, wirst du es mir sagen.«
Ich schwieg und wartete.
Das Einzige, was nicht ruhig war, war mein Herz. Es hämmerte so schnell und laut, als wolle es mich anschreien, wie ich so verrückt sein konnte, hier starr auf dem Boden zu knien. Doch ich bewegte mich keinen Millimeter.
Plötzlich ließ mich die gruselige Hand los. Der Meister kehrte zu seinem Thron zurück.
»Tötet ihn«, befahl er und starrte mich an, als warte er auf eine Reaktion. Doch ich zuckte auch jetzt noch nicht.
Kurz bevor mich die Helras erreichten, schrie er: »Halt!«
Die Dämonen kehrten auf ihre Plätze zurück.
Der Meister beugte sich vor. »Ich kann dich nicht zum Schatten machen, Davos. Dein Blut ist vergiftet vom Licht. Damals hätte ich es gekonnt, bevor sie dich holten. Deine Magie singt, ich kann sie hören. Du trägst die Schatten bereits in dir. Doch das Licht hält sie fern.« Seine Stimme war zu einem heiseren Flüstern geworden. »Du musst es selbst tun. Vernichte das Licht! Hol die Schatten hervor, und dann werde ich dich ausbilden. Ich selbst, und du wirst der erste Davos sein, der zum Krasos wurde. Und nun geh!«
Ich stand auf. Meine Beine waren so schwer wie die Steine der Unterwelt. Jetzt zu gehen, gehörte nicht zu meinem Plan. Ich war hierhergekommen, um verwandelt oder getötet zu werden. Doch ich hatte keine Wahl, denn mein Führer und ein weiterer Schatten, der sich materialisierte, packten mich und schleiften mich hinaus.
Ich hätte kämpfen können. Ich wäre getötet worden. Dann wäre alles vorüber. Aber jetzt, in diesem Moment, wo ich wusste, dass es eine Möglichkeit gab, rang ich mich dazu nicht mehr durch.
Kurz bevor wir den Thronraum verließen, rief der hohe Dämon mir hinterher: »Du musst das Licht in dir töten, Davos! Du weißt, wie man Licht vernichtet!«
Wenig später war ich draußen und allein in der Unterwelt. Ich stolperte vorwärts durch die Dunkelheit. Die Gedanken rasten in mir, ebenso wie mein Blut. Immer wieder sah ich den Schattendämonenmeister vor mir, sein undurchdringliches Gesicht. Wenn er mir nur einen Anhalt gegeben hätte. Doch hatte ich wirklich geglaubt, dass es so einfach wäre? Dass ich dreist vor ihn treten könne und er mir einen Gefallen täte? Warum hätte er das tun sollen? So viele Stunden hatte ich überlegt, einen Plan geformt, ihn wieder und wieder in meinem Kopf durchgespielt und dabei beinahe außer Acht gelassen, was der Schattendämon von meinem Ansinnen halten würde. Ja, ich hatte damit gerechnet, dass ich sterben könnte. Es als wahrscheinlich eingestuft. Einzig und allein darauf gehofft, dass Krasos immer Verstärkung in ihren Reihen wollten. Aber dass der Dämon meinen Wunsch nicht erfüllen konnte? Nie wäre mir das in den Sinn gekommen.
Meine Gedanken wurden langsamer, als meine Kraft schwand. Meine Magie zeigte mir den Ausgang, und mit allem, was ich noch an Energie aufbringen konnte, kletterte ich in die Menschenwelt zurück.
Meine Wunde, die ich in dem Kampf gegen die Krasos erlitten hatte, meldete sich zu Wort, forderte ihren Tribut, sowie die Verbrennungen. Ich war Kämpfer durch und durch, doch gegen fünf Krasos zu kämpfen und nicht nur zu siegen, sondern auch noch einen von ihnen am Leben zu lassen, war keine simple Übung. Und nie hätte ich erwartet, dass auch die bloße Unterredung mit dem Meister der Schatten mich schwächte. Aber ich war ein Wächter. Noch. Also biss ich die Zähne zusammen und schleppte mich noch ein langes Stück weiter, bis ich schließlich zusammenbrach.
Weiß oben, schwarz unten,
grau der Mensch in seiner Wahl,
bringt er Liebe, bringt er Qual?
Finyard, König von Nidaren, 1246
Grafschaft Erirfort, neunter Mond 1302
Ich erwachte in einem weichen Bett. Es roch nach frischem Stroh, nach Rauch und nach Kräutern, doch nirgends war eine Feuerstelle zu sehen. Der Wind riss an den Fensterläden, als wollte er den Tag hereinlassen, und erste Lichtstrahlen fielen durch die Ritzen. Es war ein winziger Raum, der durch einen Vorhang vom Nachbarzimmer getrennt war. Jemand hatte meine Wunden versorgt, trotzdem schmerzte das Liegen an zahlreichen Stellen. Ich stand auf.
Meine verdreckte Kleidung lag ordentlich gefaltet neben dem mit reichlich Stroh gefüllten Bett, ebenso meine Stiefel. Ich zog sie an. Jede Bewegung rief Schmerzen hervor, aber ich schüttelte sie ab und verzog keine Miene. Ich schob den Vorhang zur Seite und betrat den anderen Raum. Hier starrte ich als Erstes in die Feuerstelle, die ich eben noch gesucht hatte und in der noch die letzte Glut leuchtete. Eine alte Frau saß davor. Silbrige Strähnen leuchteten in ihren ehemals dunkelbraunen Haaren und hingen in einem langen geflochtenen Zopf über ihre rechte Schulter bis hinunter zu den Händen, die sich um einen unsichtbaren Gegenstand geschlossen hatten.
»Du bist wach.« Ihre Stimme klang heiser und erinnerte mich an das Aufwachen aus einer Trance. Ihr faltiges Gesicht lächelte mich gütig an, und in den braunen Augen spiegelten sich die Funken der Glut. »Geht es dir besser?«, wollte sie wissen.
»Danke, ja. Hast du meine Wunden verbunden?«
Sie nickte. »Mein Schwiegersohn hat dich aufgelesen und hergebracht. Du hattest Glück, du hast viel Blut verloren und du hast Verbrennungen am Rücken.«
Ich verbeugte mich leicht und wich einer direkten Antwort aus. »Wirklich, vielen Dank. Darf ich fragen, wo ich hier bin?«
In ihrem Gesicht stand keine Überraschung geschrieben, aber sie musterte mich eingehend. Über ihren Schultern hing ein verblichenes Wolltuch, unter dem die knochigen Arme hervorlugten.
Wer sie wohl war? Eine Kräuterheilerin? Einige der Soldaten, mit denen ich längere Zeit verbracht hatte, hätten sie wohl als Dorfhexe bezeichnet.
»Du bist hier in Noresiel«, antwortete sie, ohne den Blick von mir zu nehmen.
Ich atmete auf. Ich war zwar ein deutliches Stück weiter weg von dort aus der Unterwelt gekommen, wo ich sie betreten hatte, aber ich befand mich immer noch in der Grafschaft Erirfort. Noresiel lag vier oder fünf Wegstunden von meinem Heimatdorf, von Chato, entfernt. Chato war mein nächstes Ziel.
»Noch einmal, vielen Dank«, sprach ich höflich zu der alten Frau und wandte mich zum Gehen.
»Warte«, erwiderte sie. »Du bist noch zu schwach. Nicht einmal etwas gegessen hast du!«
Ich wehrte ihren Einwand ab. »Es ist gut, ich muss jetzt gehen.«
Ohne ihr weiter zuzuhören, verließ ich ihre Hütte und stolperte in meiner Hast über die Türschwelle. Es passte mir nicht, von jemandem gesehen zu werden. Ich musste untertauchen, verschwinden und vor allem nachdenken. Die Alte war mir unheimlich. Mir war noch nie einer begegnet, aber ich wusste, es gab sie: Menschen, die Wächter erkennen konnten. Meist gehörten sie zu einem Orden. Und der Noresieler Heilerin traute ich es zu, denn sie hatte mich zu eindringlich gemustert. Wie Lichtfäden, die unter meine Haut krochen und alles aufdeckten, wie manche Ausbilder es konnten. Doch was hatte sie alles gesehen? Mein goldenes Licht? Oder klebte der Geruch der Schatten an mir, der Hauch des Dunklen, der Moder der Helrashöhle. Schlimmer noch, wusste sie von meinen Absichten?
Doch was kümmerte mich das. Sie kannte mich nicht, würde mich niemals wiedersehen und aufhalten konnte sie mich auch nicht. Dazu war sie, was immer sie in der Heilkunst vermochte, nicht in der Lage.
Für einen Moment schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Iskael, mein Wächterbruder, mein bester Freund, er hätte sich über die Begegnung mit der Kräuterheilerin gefreut. Wie oft schon hatten wir einen Umweg gemacht, weil er von einer Frau wie dieser gehört hatte? Ihn faszinierten menschliche Heilerinnen und wir hatten endlos über die Frage debattiert, ob sie Wächterinnen hätten werden können, wenn es Frauen im Orden gegeben hätte.
Dankbar sollte ich ihr sein. Hatte sie mich nicht gepflegt? Meine Wunden versorgt? Doch der Schmerz engte mich ein und vertrieb die guten Gefühle, schob sie gnadenlos über den Rand. Für das, was ich vorhatte, war das viel zu viel Licht. Was immer die Alte sein mochte, was sie auch getan hatte, in meinen Plänen kam sie nicht vor. Jetzt war es Zeit, nach vorn zu blicken. Unruhige Träume verfolgten mich, und es wurde Zeit, meine Pläne in die Tat umzusetzen. Denn ich wusste, was ich tun musste, um mein Ziel doch noch zu erreichen.
Der Himmel war wolkenverhangen und die Luft feucht, aber es regnete nicht, und es war trotz der frühen Morgenstunden recht warm. Hatte ich einen Tag verloren? Oder mehr? Die Dämmerung hatte sich gerade erst verzogen, aber bestimmt war ich nicht nur ein oder zwei Stunden bei der alten Frau gewesen. Die Kampfwunden juckten, sie hatten angefangen zu heilen. Außerdem rührte sich der Hunger in mir, den ich jedoch nicht zum ersten Mal gelassen ignorierte. In meiner Hast und Unruhe hatte ich vergessen, mich bei der Alten zu erkundigen, wie lange ich geschlafen hatte.
Ich war nicht immer so ungeduldig gewesen. Voller Fragen und erfüllt vom Drang, mehr zu wissen, mehr zu erfahren, aber ohne dieses Unstete und Rastlose in mir. Seit Wochen fand ich keine Ruhe.
Mein Gemüt verdüsterte sich, als ich an meine Schwester dachte, und ich fühlte den vertrauten Schmerz in meinemBauch, den harten Knoten, den ich beinahe zufrieden willkommen hieß. Er war mein steter Begleiter. Nur die Bilder, die hochdrängten, schob ich zurück in die dunkle Tiefe in mir.
Der Tod meiner Schwester hatte mich auf meinen Pfad der Gerechtigkeit geführt, und ich folgte ihm Schritt um Schritt.
Aus dem Dorf herausgetreten, erstreckten sich endlose grüne Wiesen und gelbe Felder vor mir. Noch war ich so weit vom Meer entfernt, dass das Land sanft und offen war. Die Küste Nidarens war steil, steinig und rau, zu felsig für eine Bewirtschaftung. Mein Weg brachte mich näher an das Meer heran. Chato lag drei Tagesmärsche von der Küste entfernt.
Auf den Feldern sah ich arbeitende Menschen, es war Erntezeit, und es gab von morgens früh bis abends spät zu tun. Ich ignorierte sie und hoffte, sie würden mir genauso wenig Beachtung schenken. Mir war nicht nach höflichen Gesprächen zumute. In mir grollte es.
Du weißt, wie man Licht vernichtet, ging mir der Satz des Helras durch den Kopf. Ich ahnte es, das stimmte. Wächter verbreiteten Licht, sie traten für das Gute ein. Sie beschützten die Menschen, auch wenn sie sich nicht in ihre menschlichen Belange einmischten. Sie standen darüber, existierten parallel. Wie nun sonst sollte man Lichtes vernichten, wenn nicht durch Schaden an der Menschheit, durch eine wirklich grausame Tat, entsetzlicher, als es einem Wächter je in den Sinn kommen würde.
Doch war ich dazu fähig?
Ich brauchte die Macht eines Helras. Es war der Dreh- und Angelpunkt meines Plans. Doch die Verwandlung selbst herbeiführen? Zuvor war mir meine Idee sicher und einfach erschienen: Finde einen Schatten, gehe zu seinem Meister, werde einer von ihnen. Die Verwandlung selbst würde es mir ermöglichen, meine jahrelangen Gewohnheiten zurückzulassen. Das Schützen und das Helfen. Sie sollte dafür sorgen, dass ich der Dunkelheit nachgeben konnte. Doch jetzt?
Ich werde es schaffen, Everild, schwor ich in Gedanken meiner toten Schwester. Ich werde dir Gerechtigkeit bringen, bei all IHRER Weisheit.
Ein schmaler Pfad führte durch die Felder, kein Kämpfen durchs Dickicht, kein felsiger Untergrund, der die Füße behinderte. Doch meine Verletzung und meine Verbrennungen schmerzten bei jedem Schritt.
Meine Schildmagie konnte nicht heilen. Es gab einige unter uns Wächtern, deren Schild das vermochte. Die Stärke meines lag im Abwenden von Schattenmagie. Wie der hohe Helras gesagt hatte, die Magie sang in mir.
Die zweite große Gabe meines Schildes verlieh mir eine übernatürliche Geschwindigkeit. Ich konnte besser ausweichen und Krasos wesentlich schneller und überraschender angreifen.
Ich gehörte nicht zu den rar gesäten Wächtern, deren Schilde drei große Fähigkeiten hatten. Eine Grundabwehr gegen einfache Dämonenangriffe war jedem Wächterschild zu eigen. Doch ohne Heilkräfte hatte ich mir in den vergangenen Jahren angewöhnt, Schmerzen nicht zu beachten.
In einem der Bücher, die ich in meiner langjährigen Ausbildung bei den Wächtern gelesen hatte, fand ich die Technik, Schmerzen durch einen hindurchfließen zu lassen und dann wegzuatmen. Dabei färbte man den Schmerz gedanklich ein, sodass man ihn für sich selbst sichtbar machte. Es half.
Als Everild starb, hatte ich gelernt, dass Schmerz nicht gleich Schmerz war. Diese Pein ließ sich nicht wegatmen. Sie wurde schlimmer.
Wenn ich nur mit meinen Brüdern für den Schutz meiner Schwester hätte sorgen können. Und den ihrer Kinder. Sie waren ebenfalls tot, meine Nichte, mein Neffe. Ich schluckte bei dem Gedanken an ihre kleinen toten Körper, erst zwei und drei Jahre alt. Und an den mit neuem Leben gerundeten Bauch meiner Schwester. Aber ich war ein Wächter, und Wächter haben keine Familie außer ihren Brüdern. Deshalb verboten mir die Hohen auch, nach dem Mörder zu suchen. Ich fand dennoch heraus, wer er war: mein Schwager Segar. Die Hohen Wächter waren entsetzt gewesen, als sie erfuhren, dass ich noch Kontakt zu meiner Blutsfamilie hatte.
»Wie konntest du nur, Andrarg? Du kennst doch unsere Regeln.«
Es war Breanos, der mich mit traurigen Augen ansah. Mein Ausbilder. Doch daneben standen anklagend noch sechs weitere Hohe Wächter, mit den meisten davon hatte ich kaum je ein Wort gewechselt.
»Es ist doch meine Familie«, gab ich trotzig zurück.
»Wir sind deine Familie. Es ist unabdingbar, dass du dich von nun an von allem fernhältst, was mit den Menschen zu tun hat.«
»Sie sind ja auch alle tot.«
Alle bis auf einen.
Wo war er gewesen, mein Schwager? Wieso lag er nicht tot bei den anderen?
Breanos schaute mich nachdenklich an. Öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
»So ist es«, warf einer der anderen ein. Oraen war sein Name.
Sie hatten es gewusst und mir nichts gesagt. In diesem ersten Gespräch über den Tod meiner Schwester hatten sie Segar längst bei sich versteckt. Und geschwiegen.
Und ich?
In meinem Eifer, die Tode zu rächen, hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass ich mein lang gehütetes Geheimnis verriet. Ich hatte nur auf ihre Hilfe gehofft. Hilfe dabei, die Tode aufzuklären. Aber sie verboten mir das Eingreifen, sorgten stattdessen sogar noch für den Schutz meines Schwagers, wie ich später erfuhr.
Wächter kümmern sich nicht um die Belange der Menschen. Sie schützen vor dem Dunkel, sie sind der Schild gegen das Böse, und sie agieren, ohne den Menschen davon zu berichten. Ich hatte gegen die Regeln verstoßen. Einen weiteren Verstoß ließen sie nicht zu.
