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Die Studentin Sofie hat keine Worte für das Gefühl der Heimatlosigkeit, das sie empfindet. Als Praktikantin im renommierten Verlag Rydéns in einem Stockholm von vor zehn Jahren ist sie zunächst unsicher und ängstlich. Das ändert sich, als der desillusionierte Verlagsleiter Gunnar sie einlädt, Partnerin bei der Arbeit an der verlagseigenen Kronjuwelenreihe Andromeda zu werden, unter der anspruchsvollste Literaturtitel herausgegeben werden. Beide verbindet die Liebe zur Literatur, die die Kunst und die Schönheit dahinter sieht und nicht die nackten Zahlen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, einem abgegrenzten Universum des geschriebenen Wortes, in dem sie dem kulturellen Verfall entgegenwirken wollen und das sie so lange wie möglich aufrechtzuerhalten versuchen. Für Sofie ist Gunnar der einzig wahre Mann an ihrer Seite. Insgeheim wünscht sie sich, dass er sich zu ihr bekennt und seine Frau verlässt. Als Gunnar stirbt, verliert sie nicht nur ihren Gefährten und Ansprechpartner, sondern auch ihren Rückhalt im Verlag. Dazu kommt, dass die Andromeda-Serie ihre besten Tage hinter sich hat und eingestellt werden soll. Allmählich wird Sofie klar, dass sie ihr Leben neu ordnen muss … Eindringlich schildert Therese Bohman die Geschichte zweier Menschen, vereint in ihrer Einsamkeit, die an Werten und Vorstellungen festhalten, die im modernen Literaturbetrieb von heute keinen Platz mehr haben.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2023
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EUROPAVERLAG
THERESE BOHMAN
ROMAN
Aus dem Schwedischen von Ricarda Essrich
EUROPAVERLAG
1. eBook-Ausgabe 2023
Die schwedische Originalausgabe erschien 2022 bei Norstedts, Sweden.
Der Europa Verlag bedankt sich ausdrücklich für die freundliche Unterstützung durch den Schwedischen Kulturrat, der die Publikation dieses Buches mit einem Übersetzungskostenzuschuss gefördert hat.
© 2022 Therese Bohman
Published by agreement with Nordin Agency AB, Sweden
© der deutschsprachigen Ausgabe 2023 Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH, München
Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch, CH-Zollikerberg, unter Verwendung eines Motivs von © Godong / Bridgeman Images sowie einer Designidee von © Beatrice Bohman
Lektorat: Silwen Randebrock, Berlin
Layout & Satz: Margarita Maiseyeva
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-3-95890-579-5
Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
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Wohin gehen wir? Immer nach Hause.
Novalis
Kapitel 1
Kapitel 2
DAS VERLAGSHAUS LIEGT, wie ein Schiff vertäut, mitten in der Stadt, ein großes, helles Gebäude, von einer Dachterrasse gekrönt. Ein Gitter aus Holz und Granit bildet die Fassade, im Wind wehen Flaggen mit einem zwar verschnörkelten, aber deutlich erkennbaren R. R wie Rydéns.
Auf dieser Dachterrasse finden die Feste statt. Dort oben fühlt man sich, als würde einem die ganze Stadt zu Füßen liegen. Die Dunkelheit kommt immer näher und hüllt einen ein, während das Stimmengewirr der Gäste anschwillt und zahlreiche Lichterketten eingeschaltet werden. Hinter der Bar stehen junge Männer in weißen Hemden und schwarzen Westen, die einen kühlen Weißwein einschenken und das Glas auf einen kleinen Untersetzer aus Pappe stellen, den das gleiche R ziert wie die Flaggen: eine goldene Folierung auf cremefarbenem Untergrund. Es heißt, man habe solche Untersetzer sogar in Strindbergs Nachlass gefunden.
Das Herbstfest markiert den eigentlichen Beginn des Bücherjahres. Erwartung liegt in der Luft wie vor Schulbeginn, die Autorinnen und Autoren dieser Saison tummeln sich hier, die Hoffnungen, die die Finanzabteilung in sie setzt, schwer auf ihren Schultern lastend.
Doch die Frühjahrsfeste sind die besten, die legendären. Dann steht man dort im schier ewig dauernden Maiabend, sieht, wie sich die Dämmerung allmählich über die Dächer und Kirchtürme senkt, und alles wirkt ganz leicht. Es ist nicht schlimm, wenn wir Angestellten ein Glas zu viel trinken, denn in diesem Moment müssen wir nicht repräsentieren und professionell sein. Wir dürfen das vergangene Jahr feiern, die Preise und Nominierungen, die bisher außer mit der obligatorischen Torte zum Kaffee an einem Nachmittag im Dezember nicht festlich begangen worden sind, weil alle vor Weihnachten so gestresst waren. Wir feiern die Debüts des Frühjahrs, die besser gelaufen sind als erwartet. Wir vergessen für einen Moment, dass noch einige Wochen harter Arbeit vor uns liegen angesichts all dessen, was noch vor Mittsommer in den Druck gehen soll, vergessen die letzten Korrekturschleifen, Klappentexte und Probedrucke, Manuskripte, über denen man einschläft und sie am Ende fast auswendig kennt, jene Bücher, die im Herbst für neue Lobreden und Nominierungen sorgen sollen. Unter einem lavendelfarbenen Himmel trinken wir noch ein Glas.
Von diesen Festen hatte ich gehört, lange bevor ich bei Rydéns anfing.
Es war im Sommersemester 2009 im Rahmen eines zehnwöchigen Praktikums, und ich war stolz und freute mich darüber, zu den wenigen zu gehören, die bei einem großen Verlag untergekommen waren. Gleichzeitig hatte ich mich noch nie so unerfahren gefühlt. Bis dahin hatte ich lediglich als Aushilfe in der häuslichen Pflege und als Reinigungskraft gearbeitet, und nichts an der Tätigkeit im Verlag war für mich selbstverständlich. Ich musste jedes Detail von Grund auf lernen: welche Kleidung man trägt, wie man den Drucker und den Kopierer bedient oder wie man mit Kollegen interagiert. Und wie man mit den Hierarchien umgeht, die offensichtlich bestehen, wie mit der Erwartungshaltung der anderen, und dass man trotzdem jede Chance ergreifen sollte, um Selbstständigkeit und Initiative zu zeigen.
In den ersten Wochen weinte ich oft, wenn ich abends mit meinem Manuskriptstapel nach Hause kam.
Ich war gerade aus einer Studentenwohnung auf dem Lappkärrsberget zur Untermiete in eine Einzimmerwohnung am Skanstull gezogen und hatte nicht damit gerechnet, mich so einsam zu fühlen. Wenn ich mein Leben von außen betrachtete, sah ich ein fast schon klischeehaftes Bild der Entfremdung in einer Großstadt: Man war anderen Menschen so nah und gleichzeitig so weit entfernt. Ich war ein kleiner Mensch unter Tausenden, einer der vielen, die eilig den Ringvägen überquerten, bevor die Ampel auf Rot sprang, die Treppen zum U-Bahnsteig hinabrannte, sich in den nächstbesten Zug Richtung Norden quetschte und am Hötorget ausstieg.
An mir nagte das Gefühl, dass meinem Leben etwas fehlte, ein schwaches, schwer zu beschreibendes Mangelempfinden. Mein Umfeld bestand fast nur aus Zufallsbekanntschaften, und die würden sich wahrscheinlich nach dem Studium zerstreuen; die meisten Abende verbrachte ich allein zu Hause, lesend, umhüllt von einem Gefühl latenter Lustlosigkeit. Manchmal spazierte ich am Årstaviken entlang, folgte dem Kai nach Danvikstull und betrachtete die hell erleuchteten Fenster in Hammarby Sjöstad auf der anderen Seite der Bucht.
Nichts in meinem Leben fühlte sich richtig an, jedenfalls nicht so richtig wie bei den Menschen in meinem Umfeld. Irgendwie schienen sie mehr in der Welt verwurzelt zu sein, waren sicher, was sie mit ihrem Leben anstellen wollten und was sie tun mussten, um das zu erreichen. Dieses Gefühl frustrierte mich, hatte ich doch all das, von dem ich vor ein paar Jahren noch geträumt hatte: eine Wohnung im Stadtzentrum, bald eine abgeschlossene Ausbildung, ein Praktikum in einem großen Verlag. Bis auf die üblichen Geldprobleme einer Studentin und die Tatsache, dass der Frühling auf sich warten ließ, konnte ich mich eigentlich nicht beschweren.
Bei den Besprechungen bei Rydéns wagte ich es kaum, den Mund aufzumachen. Die anderen wirkten selbstsicher und trugen ihre Argumente entweder professionell und geschliffen oder lässig bis nonchalant vor. Beides strahlte Routine und Selbstvertrauen aus, und ich besaß weder das eine noch das andere. Häufig hatte ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen, damit sie mein Schweigen nicht für Desinteresse hielten, und das müsste dann natürlich intelligent sein. Doch mir fiel einfach nichts ausreichend Schlaues ein. Schließlich wurde der Gedanke daran beinahe zwanghaft: So viele Besprechungen, und ich hatte immer noch kaum etwas gesagt; und wenn ich es tat, stellte ich mir vor, wie die anderen reagieren, sich umdrehen, mich anstarren und denken würden: »Sie kann sprechen?«
Eines Tages wurde einer der von Rydéns gerade erst herausgegebenen Romane in beinahe allen Tageszeitungen rezensiert und erhielt im Großen und Ganzen mäßige Kritiken. Mich erstaunte das nicht; insgeheim hatte ich mich schon gefragt, warum der Verlag das Buch überhaupt veröffentlicht hatte. An diesem Vormittag stand ich zufällig mit Gunnar, dem literarischen Leiter, allein vor dem Kaffeeautomaten im Pausenraum.
»Das waren keine guten Kritiken«, sagte er, um Konversation zu betreiben, und nickte in Richtung der Kulturteile der Tageszeitungen auf dem Tisch.
»Es war auch kein gutes Buch, wenn Sie mich fragen«, erwiderte ich.
Das war die Wahrheit. Trotzdem bereute ich meine Worte sofort. Sie waren viel kritischer herübergekommen als beabsichtigt.
»Tatsächlich?«, fragte er. »Warum?«
In seiner Frage lag nichts Aggressives, kein verletzter Stolz. Er klang aufrichtig neugierig.
»Ich finde es irgendwie zu konstruiert«, erklärte ich. »Kein echter Schmerz, keine echte Emotion. Es wirkt unehrlich.«
»Ein hartes Urteil«, stellte er ruhig fest.
Einen Augenblick lang dachte ich, dass ich mich lächerlich gemacht hatte, dass ich gegen irgendeinen Loyalitätskodex verstoßen hatte, der vorschrieb, dass man niemals die Bücher des eigenen Verlags kritisierte, dass ich vielleicht meine Chance verspielt hatte, nach dem Praktikum übernommen zu werden.
Doch in seinem Gesicht zeigte sich der Hauch eines Lächelns.
»Sie haben recht, das Gleiche habe ich bereits gesagt, als Jenny es im Herbst vorgestellt hat. Aber manchmal muss man eben nachgeben. Folgen Sie mir.«
Er ging mir voraus den Gang hinunter bis zu seinem Büro, wo er mir drei mit Gummibändern zusammengehaltene Papierstapel reichte.
»Lesen Sie die und sagen Sie mir, ob sie sich lohnen«, forderte er mich auf.
»Okay?«, sagte ich zögerlich.
»Es sind Erstlinge. Sie haben bereits eine Lektoratsrunde hinter sich, aber das muss nichts bedeuten. Wir stimmen uns am Freitagvormittag dazu ab.«
»Okay«, sagte ich wieder.
Die Aufgabe fiel mir furchtbar schwer. Ich versuchte zu erahnen, welche Meinung über die Manuskripte die richtige sein könnte, fühlte mich aber wie bei den Besprechungen bei Rydéns, wie bei den Seminaren an der Uni, in denen ich auch nie wusste, was ich über die Texte sagen sollte, die wir gelesen hatten, und mich ständig fragte, wie alle anderen so viel denken konnten. Woher hatten sie das alles? Ich war es nicht gewohnt, meine Meinung über Dinge auszudrücken. Obwohl immer wieder betont wurde, wie wichtig eigenständige Analysen und Reflexionen in den Seminaren waren, brachte einem niemand bei, wie man diese zustande brachte.
Jetzt gab es nicht einmal mehr eine Gruppe, hinter der man sich verstecken konnte, keine anderen Meinungen, auf denen man aufbauen konnte. Rasch las ich die drei Manuskripte in der Hoffnung, intuitiv zu spüren, was gut war und was schlecht. Doch mein Verstand war mir immer einen Schritt voraus, ließ mich an meinem Gefühl zweifeln. Zwei Werke hatten eine klare Botschaft, und ich sah bereits die Klappentexte vor mir, die man schreiben könnte, leidenschaftliche Formulierungen über relevante Gegenwartsschilderungen mit wichtigen Perspektiven. Formulierungen, die die Leser überzeugen und dazu führen würden, dass die Romane als gute, relevante Literatur angesehen würden. Das dritte Manuskript jedoch war völlig anders: rätselhaft, eigensinnig, poetisch, im Vergleich zu den beiden anderen weltfremd, schwerer zu erklären und damit schwerer zu verkaufen. Mein Gefühl sagte mir, dass es das beste war, doch ich wusste es nicht zu begründen. Außerdem wollte ich nicht verantwortlich sein für abgelehnte Manuskripte, die dann möglicherweise in einem anderen Verlag ein Erfolg wurden.
Im Laufe der Woche wurde ich immer mutloser. Bald war es Donnerstagabend, und auf meinem Computer zeigte ein Gruppenchat an, dass ein paar Leute aus meinem Studium gemeinsam ausgehen wollten. Da schob ich meine Manuskriptstapel zur Seite und verließ das Haus, um mich mit ihnen zu treffen. Ich würde einfach aufgeben und in der Besprechung mit Gunnar morgen die Wahrheit sagen: dass ich nicht wusste, was ich von den Manuskripten hielt. Dass die Aufgabe zu schwer war. Dass die Verlagswelt vielleicht doch nichts für mich war.
Ich trank ein paar Gläser, schnell und unvorsichtig, denn wenn ich schon in meinem Praktikum gescheitert war und es mir an Gefühl, Meinung und Persönlichkeit fehlte, konnte ich mich genauso gut betrinken. Schweigend saß ich auf einer unbequemen Bank und lauschte den Gesprächen meiner Kommilitonen, eine langweilige Diskussion über ein Buch aus der Leseliste des Kurses. Sie klangen so provozierend brillant, als befänden sie sich immer noch in einem Seminar an der Uni, obwohl sie mit drei Bieren intus mit Freunden zusammensaßen; sie sprachen, als wollten sie jemanden beeindrucken, dabei sagten sie eigentlich nichts, jedenfalls nichts von Bedeutung.
Plötzlich lag alles glasklar vor mir.
Ich entschuldigte mich und eilte nach Hause, um meine Wut nicht zu verlieren, fand, dass die U-Bahn ungewöhnlich langsam fuhr und das Grün an der Ampel auf dem Ringvägen besonders lange auf sich warten ließ. Zu Hause angekommen, breitete ich die drei Manuskriptstapel vor mir aus, und nachdem ich sie erneut hastig durchgeblättert hatte, erschien es mir doch ziemlich offensichtlich: Nur das dritte Manuskript war richtig gut. Es war das einzige, das man als Literatur bezeichnen konnte in dem Sinne, wie ich Literatur verstand: eigensinnig, mutig, geschrieben mit einer klaren ästhetischen Vision.
Die beiden anderen waren so nichtssagend wie das prätentiöse Geschwafel meiner Kommilitonen, geschrieben in tadelloser, aber glanzloser Prosa, die sich schwer und tot über die Seiten legte. Selbst wenn sie von Dingen handelten, die auf dem Papier wichtig waren, waren sie hoffnungslos langweilig. Es war, als wären ihre Verfasser einer Schablone für relevante Gegenwartsliteratur gefolgt und hätten damit eine weitere Lektüre überflüssig gemacht, weil man schon im Vorhinein wusste, was sie wollten. Warum sollte ich so etwas veröffentlichen wollen? Warum sollte ich etwas empfehlen, das ich eigentlich verachtete? Tatsächlich war das Manuskript, das auf den ersten Blick am wenigsten relevant schien, das beste: Es wollte wirklich etwas erreichen.
Und genau das sagte ich Gunnar, als er mich am nächsten Morgen in sein Büro rief. Ich fühlte mich wichtig, wie ich dort saß, in einem Ledersessel aus den Sechzigerjahren, der wahrscheinlich zur Originaleinrichtung des Hauses gehört hatte, umgeben von unordentlichen Bücherregalen und einem Flickenteppich aus Kunst an der Wand.
»Diese hier«, begann ich und zeigte auf den Stapel mit den beiden Werken, die mir nicht gefallen hatten, »wirken, als wären sie nach einer Schablone für schwedische Gegenwartsliteratur geschrieben worden. Wenn wir sie nicht veröffentlichen, wird es sicher jemand anderes tun, und vielleicht bekommen sie auch gute Kritiken; aber ich hätte sie nicht zu Ende gelesen, wenn ich nicht gemusst hätte. Bei diesem hier ist das anders.« Ich wies auf den Stapel mit dem dritten Manuskript. »Das ist etwas, was man so bisher noch nicht gelesen hat. Dabei sehr spannend, obwohl kaum etwas passiert. Wie ein Krimi ohne Verbrechen.«
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass meine Beurteilungen nicht besonders originell formuliert waren. Jeder mit ein wenig Erfahrung hätte vermutlich in etwa das Gleiche gesagt. Aber damals fühlte es sich an, als wäre es mir zum allerersten Mal gelungen, eine eigene Meinung richtig in Worte zu fassen.
Gunnar nickte.
»Ein Krimi ohne Verbrechen«, wiederholte er. »Das merken wir uns für den Klappentext.«
Ich lachte, erleichtert und verwirrt, unsicher, ob er einen Witz gemacht hatte. Doch das hatte er nicht.
»Ich werde es mir am Wochenende ansehen, aber ich vertraue Ihrem Urteil«, sagte er. »Wir müssen ein paar Debütanten herausgeben, und heutzutage kann kaum noch jemand schreiben. Wenn wir das hier machen, dürfen Sie sich darum kümmern.«
»Okay«, sagte ich, immer noch benommen und mit einer langen Reihe von Protesten in meinem Kopf – ich kann es nicht, ich traue mich nicht, mein Praktikum wird zu Ende sein, lange bevor dieses Buch fertiggestellt ist –, aber ich wagte nicht, sie auszusprechen, und Gunnar lächelte sein freundliches, leicht unpersönliches Lächeln, warf die beiden abgelehnten Manuskripte in einen Karton, und die Besprechung war beendet.
Es ist mir peinlich, aber damals wusste ich gar nicht richtig, mit wem ich es zu tun hatte. Er war ein älterer Mann und ich noch immer jung genug, um zu finden, dass die meisten älteren Männer alle in etwa gleich aussahen. In meinen Augen hob er sich von denen nicht besonders ab. Erst als ich mich näher mit Gunnar Abrahamsson beschäftigte, begriff ich, dass er in der Branche einen Namen hatte. Da kam ich mir wieder dumm vor, weil ich nicht begriffen hatte, wer er war, und weil ich vor ihm meine Deckung hatte fallen lassen.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren war er einer der ganz Großen in der Verlagswelt gewesen, denn er hatte einige der bedeutendsten schwedischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller entdeckt. Im Pausenraum hing an einer Wand mit gerahmten Fotos und Zeitungsausschnitten, die längst niemand mehr aktualisierte, ein Bild von ihm bei einem Bankett anlässlich einer Nobelpreisverleihung irgendwann Ende der Achtzigerjahre. Darauf hatte er einen Arm um die Schultern des damaligen Literaturnobelpreisträgers gelegt, und beide lächelten breit. Zehn Jahre später hatte er Andromeda ins Leben gerufen, eine Buchreihe mit den »interessantesten Stimmen unserer Zeit«, wie es auf den damaligen Umschlägen hieß, und in den meisten Fällen hatte er recht behalten. Es war eine schöne Reihe, simpel und einheitlich gestaltet, die tatsächlich Anhaltspunkte geben konnte, wessen Werke als bedeutsam wahrgenommen würden. Viele der heute ganz Großen hatten bei Andromeda debütiert.
Andromeda gab es immer noch, obgleich die Ausgaben immer sporadischer erfolgten: Gunnar fand, dass ein Großteil der heutigen Literatur nicht den hohen Ansprüchen der Reihe – seinen Ansprüchen – entsprach. Stattdessen widmete er sich die meiste Zeit der Aufgabe, sich um die Autoren und Autorinnen zu kümmern, die er gefördert hatte. Er hatte ein Durchschnittsgesicht, das aufgrund seines Alters und der langweiligen Brille mit Stahlgestell ein wenig anonym anmutete, doch er war groß und gut gekleidet, auch wenn seine äußere Erscheinung manchmal ein wenig schlampig wirkte: ein Taschentuch, das er sich achtlos in die Brusttasche steckte, eine lederne Aktentasche, die ihre besten Tage hinter sich zu haben schien. Offenbar hatte er Herzprobleme, und wenn man dem Klatsch im Pausenraum glauben durfte, saß er eigentlich nur noch seine Zeit bis zur Rente ab, wenn seine Frau und er in ihr Ferienhaus in der Provence umziehen würden.
Dann ging alles ganz schnell. Eines Morgens bedeutete Gunnar mir, in sein Büro zu kommen, und teilte mir mit, dass Jenny bis zu ihrem Mutterschutz krankgeschrieben sei und ich sie vertreten könne. Jenny war Lektorin, hatte aber ihre Karriere auf dem Weg zur Programmleiterin mit einigen erfolgreichen Büchern begonnen und galt als vielversprechende Kandidatin für eine Führungsposition. Ich begriff, dass es zwar normalerweise so nicht lief, weil es Standardverfahren für die Neubesetzung freier Stellen gab, dass Gunnar aber eine Position hatte, in der er tun und lassen konnte, was er wollte, und ich verrückt gewesen wäre, Nein zu sagen, auch wenn mir der Gedanke an ein Ja furchtbare Angst einjagte. Doch ich redete mir ein, dass ich nichts zu verlieren hatte: Das Bisschen, was mir zum Abschluss meiner Ausbildung noch fehlte, konnte ich jederzeit nachholen, und was war das arme Studentinnenleben schon gegen eine Stelle bei Rydéns? Der Verlag hatte Autoren und Autorinnen im Programm, die ich schon in meiner Jugend gelesen und bewundert hatte, und nun würde ich vielleicht mit ihnen zusammenarbeiten. Ganz zu schweigen von all den Kontakten, die ich würde knüpfen können, den Beziehungsgeflechten, zu denen ich gehören würde, und den Festen, den legendären Veranstaltungen auf dem Dach. Es war ein überwältigendes Angebot, das mir ein völlig anderes Leben versprach: genau die Art von Leben, von dem ich geträumt hatte. Also sagte ich zu.
Es ist seltsam, wie schnell man sich anpassen kann an das, was andere vermeintlich in einem sehen. Als ich bei Rydéns anfing, kam ich mir ein wenig brav und ängstlich vor, wie jemand, den die anderen als fleißige Studentin sahen, die die beste Bewerbung für den Praktikumsplatz geschrieben hatte, untadelig, aber ohne dass sie etwas Originelles beizutragen hätte. Damals fand ich, dass mir etwas Unkonventionelles fehlte, etwas von dem Leichtsinn und der Versiertheit, um die ich alle anderen beneidete.
Dann wurde ich fest angestellt, und sofort veränderten sich diese Gefühle. Ich begann zu glauben, dass die anderen wahrscheinlich meine Qualifikation hinterfragten. Warum übernahm ich Jennys Aufgaben, obwohl ich doch gerade noch Praktikantin gewesen war und bei Besprechungen keinen Ton herausbrachte? Plötzlich kam ich mir neben ihnen wie eine Amateurin vor, unsicher und unseriös im Vergleich zu ihren routinierten Arbeitsweisen. Von da an arbeitete ich noch härter. Häufig verließ ich abends als Letzte den Verlag, und zu Hause angekommen, hatte ich fast immer einen Manuskriptstapel zu lesen, zu redigieren oder mir eine Meinung darüber zu bilden. Ansonsten las ich mich durch die Neuerscheinungen der Saison von Rydéns und anderen Verlagen. Ich dachte, dass ich eine ganze Bibliothek im Kopf haben müsse, dass ich alle Autoren und Autorinnen kennen und wissen müsse, wie sie schrieben, dass ich so viel gelesen haben müsse, dass ich instinktiv wissen konnte, was gut war und was schlecht, wer aufstrebend und wer schon nicht mehr aktuell, dass ich die Gegenwart verstehen müsse, die Debütantinnen und Debütanten, alles.
Eines Tages bat mich Gunnar, bei einer Manuskriptbesprechung mit Amelie Stjärne dabei zu sein, einer Autorin, die er in den Achtzigerjahren entdeckt hatte. Damals war sie jung und radikal gewesen und hatte freimütige, selbstentlarvende Romane geschrieben, die von jungen Frauen gelesen und geliebt wurden. Jetzt ging sie auf die Sechzig zu und war sanft und anmutig gealtert, wie es reiche Leute tun, mit leichten Falten um die Augen und einem eleganten Haarschnitt.
»Eine hübsche Bluse«, sagte Gunnar, als sie ihre Jacke aufgehängt hatte.
Es war wirklich eine wunderschöne Bluse, mit einer Art orientalischem Muster in gedeckten Farben. Er besaß die Fähigkeit, auf eine so selbstverständliche Art und Weise Komplimente zu machen, dass niemand daran Anstoß nahm.
Amelie Stjärne lächelte entzückt.
»Er schmeichelt mir immer, deshalb bleibe ich bei ihm«, verriet sie mir mit einem Augenzwinkern.
Ich erwiderte ihr Lächeln, als steckten wir unter einer Decke, zwei Frauen, die Gunnars zurückhaltenden Charme durchschaut hatten.
Nach ein wenig Smalltalk über den bevorstehenden Sommer und ihr Haus auf Gotland leitete er zu dem halbfertigen Manuskript über, das sie ihm geschickt hatte. Es war, als würde man einen Tanz beobachten, bei dem Gunnar sie so behutsam durch seine eigentlich harte Kritik führte, dass es am Ende den Anschein hatte, sie selbst hätte während des Gesprächs eine Fülle neuer Ideen gewonnen und selbst erkannt, dass sie ihr Buch grundlegend ändern musste, und herausgefunden, wie sie es umstrukturieren und kürzen konnte. Er war sehr präsent und aufmerksam und gab ihr das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden, bis ihre Wangen glühten: Er schenkte ihr genau die Aufmerksamkeit, die sie und ihr Werk brauchten.
Man konnte sehen, dass sie ein wenig schwindelig und glücklich nach Hause ging, mit dem Gefühl, eine große Schriftstellerin zu sein, etwas in sich zu haben, das mit ein wenig Raffinesse ein großer und wichtiger Roman werden könnte.
Diesen Roman hat Gunnar geschaffen, dachte ich. Ich stellte mir vor, wie er sich mit ihrem unstimmigen Entwurf beschäftigt und sich gefragt hatte, was das absolut beste Buch wäre, das man daraus machen konnte, und wie er intuitiv gesehen hatte, welche Änderungen nötig waren, um das zu erreichen. Und als ich die Umschlagentwürfe sah, kam mir der Gedanke, dass dort, wo Amelie Stjärnes Name prangte, eigentlich Gunnar Abrahamsson stehen müsste.
Schließlich wurde es Ende Mai, und ich bekam endlich die Gelegenheit, an einem Fest auf dem Dach teilzunehmen.
Den ganzen Tag über lag eine aufgeregte, übermütige und erwartungsvolle Stimmung über dem Lektorat, sodass sich niemand wirklich auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Das Personal der Cateringfirma war schon den ganzen Tag eifrig damit beschäftigt, Stehtische auf die Dachterrasse zu tragen, Kleiderständer für die Garderobe hereinzurollen und eine Kiste Wein nach der anderen zu bringen. Gegen fünf Uhr kamen die großen Platten mit Essen an, ein Frühsommerbuffet von einem der besten Restaurants in Stockholm: Lachs und junges Gemüse, kleine, liebevoll dekorierte Quiches, Saucen und Dips, ansprechend aussehende Salate, frisch gebackenes Brot in großen Körben und Butter in kleinen Schälchen. Dann trafen die Söhne und Töchter der Angestellten ein, Schülerinnen und Schüler, die sich während des Abends um die Garderobe kümmern und verschiedene Hilfsarbeiten übernehmen würden. Ich zog ein neues Kleid, neue Schuhe und neue Ohrringe an, und dann kamen die Gäste.
Es war wundervoll. Genauso stellte ich mir das Leben vor und ich durfte die Person sein, die ich in diesem Leben sein wollte: die Gastgeberin eines rauschenden Festes, diejenige, die die Gäste begrüßte, Smalltalk hielt, dafür sorgte, dass sie ein Glas Wein bekamen, und sie sich dann unter die anderen Gäste mischen ließ.
Ich war stolz und kam mir wichtig vor. Umso mehr, als Gunnar sich aus einem länglichen Gespräch löste und wir mit den Autorinnen und Autoren zusammenstanden, mit denen wir gearbeitet hatten. Amelie Stjärne lachte über etwas, das er sagte, und Vilma Isaksson, deren Erstling das erste Buch war, das ich für eine Veröffentlichung empfohlen hatte, war zwar sichtlich nervös, entspannte sich aber zusehends. Wir standen gemeinsam an der Bar, und Gunnar sagte: »Haben Sie die Untersetzer gesehen? Die gab es schon bei den allerersten Festen von Rydéns. Man hat sogar einen davon in Strindbergs Nachlass gefunden«, und Vilma Isaksson stellte fest: »Aber er ist doch gar nicht bei Rydéns erschienen?«, und Gunnar lächelte und sagte: »Nein, aber hier gab es immer die besten Feste.« Dann lachte sie, über die Geschichte und über die Tatsache, dass sie Teil von etwas so Begehrenswertem war. Und ich lachte ebenfalls, aus den gleichen Gründen. Die Sonne verschwand langsam hinter den Dächern, die Desserts schmolzen, das Garderobenpersonal hatte es geschafft, sich heimlich zu betrinken, die Welt wirkte verzaubert, funkelnd, wunderbar.
Hinterher wurde mir klar, dass es mir an diesem Abend nur um Gunnar gegangen war. Darum, in seiner Gegenwart zu sein, neben ihm zu stehen, zu beobachten, wie er mit den Autorinnen und Autoren sprach und ihnen das Gefühl gab, Teil von etwas Großem zu sein.
Andere Rydéns-Mitarbeiter hatte ich kaum bemerkt. Was hatten Andrea und Peter den ganzen Abend getan? Am Buffet hatte ich ein paar Worte mit Sally gewechselt, aber eigentlich nur, weil ich in diesem Moment mit niemand anderem sprechen konnte, und als meine Kolleginnen am nächsten Tag leicht verkatert im Pausenraum freudig erzählten, mit wem sie alles gesprochen hatten – mit dem Literaturkritiker einer großen Tageszeitung, einem ehemaligen Verleger von Rydéns, der die Branche hinter sich gelassen hatte und in die Werbung gewechselt war –, begriff ich, dass mir all das völlig egal war. Ich hatte nur mit Gunnar sprechen wollen.
In diesem Jahr war der Herbst wunderschön: milde Tage mit perlmuttschimmernder Luft und Dämmerungen, die die Stadt in eine warme Dunkelheit hüllten. Ich kaufte mir neue Kleidung, da ich zum ersten Mal etwas Geld übrig hatte, Kleidung, die für eine Arbeit im Büro angemessen war, und ich fühlte mich erwachsen, mit festem Einkommen, festen Routinen und hin und wieder einem Mittagessen in der Stadt. Ich liebte die Flure bei Rydéns, das dunkle Holz und die spezialangefertigten Fliesen und Mosaike, die hübschen Deckenlampen mit ihrem behaglichen Licht und dem Messing, das das Licht reflektierte.
Das Gebäude war eines der architektonischen Highlights der Sechzigerjahre in Schweden, so gut durchdacht und konsequent ausgeführt, dass nicht selten eine Gruppe von Architekturstudenten oder Touristen vor dem Haus stehen blieb und es fotografierte. Ich genoss es, mit einem Stapel Papier vom Drucker zu meinem Schreibtisch zu gehen, mir eine Tasse Kaffee zu holen und sie an einem der großen Fenster zu trinken, die zur belebten Straße hinausgingen. Am meisten aber liebte ich meine Arbeit, die Manuskripte, mit denen ich es zu tun hatte. Ich liebte es, an der Entstehung von Literatur beteiligt zu sein. Wenn ich abends nach Hause ging, schien die Stadt vor Elektrizität und Sirenen zu vibrieren, blinkte verlockend mit ihren vielen Ampeln und Neonleuchten. Dieses Gefühl weitete sich auch auf die Manuskripte aus, die ich las: Ich war wie berauscht von einem intensiven Lebensgefühl und von Erkenntnissen, die ich nicht formulieren konnte; sie waren utopisch, gaben mir einen Vorgeschmack, wie großartig und schön das Leben sein konnte. Ich wollte, dass die Literatur genauso war, so berührend wie das Leben selbst, wenn es am stärksten zu spüren ist. Und ich wollte diejenige sein, die sie dazu machte.
»Haben Sie heute Nachmittag etwas vor? Oder am frühen Abend?«, fragte Gunnar eines Donnerstags im Oktober. Das hatte ich wie üblich nicht, jedenfalls nichts anderes als zu arbeiten. Und so stand er um kurz nach drei an meinem Schreibtisch und verkündete mit ruhiger Stimme, dass es Zeit sei zu gehen.
»Wohin gehen wir?«, fragte ich.
»Das werden Sie schon sehen«, antwortete er.
