4,99 €
J. Toring erzählt die schicksalshaft verwobenen Lebensgeschichten zweier außergewöhnlichen und prominenten Persönlichkeiten. Beide stehen aktuell im Lichte der Öffentlichkeit, jedoch bleibt es im Dunklen, um wen es sich in Wirklichkeit handelt.
Die unaufhaltsamen Werdegänge zweier füreinander bestimmter Menschen fesseln und faszinieren in gleichem Maße.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Aneinander Vorbei
Zwei Seelen auf ihren Wanderungen
J.Toring
DCO Books
Aneinander Vorbei:
Zwei Seelen auf ihren Wanderungen
Copyright © J. Toring, 2023
First Published 2023
DCO Books
eBook edition published by
Proglen Trading Co., Ltd.
Bangkok Thailand
http://www.dco.co.th
ISBN (eBook) 978-616-456-057-4
Alle Rechte Vorbehalten
Die Handlung des Buches ist fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig. Dasselbe gilt für Firmen, die am Geschäftsleben teilnehmen oder bereits erloschen sind.
Vorwort
1. Dieters Kindheit ist freudlos
2. Romys Kindheit ist schwierig
3. Dieters ersten Erfahrungen
4. Romys ersten Erfahrungen
5. Dieters Aufbruch
6. Romys Aufbruch
7. Dieter fasst Fuß im Leben
8. Romy beendet ihr Studium erfolgreich
9. Dieter am Scheideweg
10. Romy studiert Medizin
11. Dieter wird Magister rer. soc. oec.
12. Dr. phil., Dr. med. Romy
13. Doktor und Playboy
14. Romy erobert Amerika
15. Dieter macht Karriere
16. Romy habilitiert sich
17. Dieter wird weltberühmt
18. Romy wird Mutter
19. Dieter ist Fußballmanager
20. Romy geht in die Politik
21. Dieter und Romy
Erläuterungen
Lokale Eigenarten
Von J.Toring im Proglen-Verlag erschienen
Biographie von J.Toring
Aneinander vorbei
Vom Speisewagen
Durchs Land getragen,
Siehst du Dörfer, Felder, Katz und Küh‘.
Angenommen, dass dir das Menü
Nichts kann sagen.
Irgendwo: Zwei Barfußmädchen winken.
Wissen selber nicht, warum sie‘s tun,
Lassen ihre arbeitsharten Hände
Für Momente ruh‘n.
Wissen nicht, dass deine Hände sinken,
Winken, Grüßen
In den ganzen langen Zug hinein,
Ahnen nicht, dass du die Scholle sein
Möchtest unter ihren schmutz’gen Füßen.
Angelangt, ergibst du mittelgroß
Dich der Höflichkeit, dem Stande und dem Gelde.
Nachts im Bette träumst du hoffnungslos
Von den beiden Mädchen auf dem Felde.
Joachim Ringelnatz
Dies sind die Lebensgeschichten zweier außergewöhnlichen und prominenten Persönlichkeiten. Beide stehen aktuell im Lichte der Öffentlichkeit. Obwohl mich beide zur Abfassung ihrer Biographien ermuntert und dabei unterstützt haben, legen sie derzeit besonderen Wert darauf, nicht unmittelbar erkannt zu werden. Identifizierende Merkmale habe ich daher weitgehend verfälscht wiedergegeben.
Markante Begebenheiten, die notwendigen Ortsbeschreibungen und viele Nebenhandlungsträger sind der Realität entnommen. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass sich jemand wiedererkennt.
J. Toring
Dieter Franz S. ist eigentlich kein Arbeiterkind. Sein Vater ist zwar Arbeiter, aber früher ist er Beamter bei der Bundesbahn gewesen. Er hat wegen ungebührenden Verhaltens im Dienst seinen Beamtenstatus verloren und ist zum einfachen Lagerarbeiter degradiert worden. Den Arbeitsplatz hat er auf Grund seiner Pragmatisierung nicht eingebüßt. Sicher ist, Dieters Vater ist bei diesem ungebührenden Verhalten betrunken gewesen. Lehre hat er daraus keine gezogen. Seither trinkt er ohne Unterlass. Wenn Dieters Mutter am Abend am Fenster wartet, weint sie, bis sie ihren Ehemann im Hof unten daher schwanken sieht, dann aber nicht mehr, dann ist sie wütend. Immer hofft sie, er komme einmal nüchtern heim. Es ist vergebens. Er ist dem Alkohol verfallen. Dieter zieht sich vor der Ankunft des Vaters in das winzige Kabinett zurück. Hier schläft er mit seinen beiden Brüdern. Er schließt die Tür. Wenn sie ein Schloss hätte, würde er auch absperren. Er will seinen Vater in diesem erbärmlichen Zustand nicht sehen. Sein Vater torkelt manchmal herein und will seinen Söhnen zur Begrüßung ein Zwicker-Bussi geben. Davor ekelt Dieter sehr. Auch das Gezeter der Mutter ist ihm zuwider. Bei einer früheren lautstarken und gewalttätigen Auseinandersetzung der Eltern hat er der Mutter zu Hilfe kommen wollen, worauf sich beide gegen ihn gewendet, ihn beschimpft und geschlagen haben. Einmal hat Dieter kindlich naiv versucht, den Vater zur Abstinenz zu bewegen, seiner Gesundheit zuliebe. Der Vater hat nur gewitzelt und ihm den Rat gegeben, wenn er erwachsen sei, seinen Wein wie er selbst aus einem bestimmten Weinbaugebiet zu holen. Diese sei nur wenigen bekannten, aber dort werde der beste und bekömmlichste Rebensaft dieser Welt gekeltert, der bringe dem menschlichen Organismus ganz bestimmt keinen Schaden. Dieters Vater ist originell und geistreich gewesen, bevor er zu trinken begonnen hat. Später ist dann kein normales Gespräch mehr mit ihm möglich gewesen. Er hat nur noch gelallt. Bezahlt hat er die Zeche mit einer Leberzirrhose. Daran ist er im Alter von achtundvierzig Jahren verstorben. Die Alkoholkrankheit des Vaters bewirkt den Vorsatz in Dieter, dem Alkohol Zeit seines Lebens zu entsagen. Als Erwachsener modifiziert er diesen Entschluss allerdings ein wenig: Er trinkt gelegentlich Alkohol, aber nie alleine und nie, wenn er unglücklich ist.
Dieters Mutter ist angelernte Hilfskrankenschwester. Im Haushalt arbeitet sie nicht viel. Sie kocht nur billiges Essen. Es riecht und schmeckt nicht gut. Die Wohnung ist klein und riecht auch nicht gut. Manchmal liegt der Geruch des Essens in der Luft, immer aber der Geruch der Unsauberkeit. Sie kommt vom Einkaufen oft stundenlang nicht nach Hause. Sie trifft unterwegs Bekannte und plaudert endlos mit ihnen. Sie ist nicht sehr intelligent, daher versteht sie oft nicht, was Dieter meint oder von ihr will. Sie liest Liebesschundromane. Ihre einfachen und kitschigen Ansichten sind daraus entnommen. Außerdem lügt sie in sinnloser Weise über ganz normale Alltagsbegebenheiten. Diese Wahrnehmung an seiner Mutter bewirkt ein lebenslanges, fast zwanghaftes Bedürfnis in Dieter, stets die Wahrheit zu sagen. Dieter lehnt ihre körperliche Nähe ab, kann manchmal riechen, wenn sie menstruiert. Sie hat einen Oberlippenbart und oft Mundgeruch, will ihn aber immer auf den Mund küssen. Abgesehen davon kann er sich an keine andere Zuwendung seiner Mutter erinnern, die er als angenehm empfunden hätte. Er mag sie nicht und er glaubt, sie ihn auch nicht. Sie betrachtet ihn als schwarzes Schaf der Familie, weil er anders ist als seine Brüder. Trotz ihrer medizinischen Halbbildung ist sie nicht imstande zu verhüten und muss einige ungewollte Schwangerschaften hinnehmen. Geboren hat sie jedoch nur drei lebende Söhne, alle anderen Kinder sind abgetrieben worden. Bezahlt hat Dieters Mutter ihre Sünden gegen das Leben mit einer Krebserkrankung. Daran ist sie im Alter von sechsundvierzig Jahren verstorben. Sie hat ihren Mann nur um ein halbes Jahr überlebt. Dieter nimmt sich vor, in seinem Leben niemals eine Frau in eine so ausweglose Situation zu bringen, eine Abtreibung machen zu müssen.
Zu seinen Brüdern hat Dieter keine Beziehung. Einer ist älter als er, der andere jünger. Beide sind ohne richtige Bildung. Der ältere Bruder ist anständig, fleißig und erlernt den Beruf eines Installateurs. Der jüngere ist faul, erlernt keinen Beruf, arbeitet nicht regelmäßig und entwickelt ordnungswidrige Tendenzen, ist aber so schlau, nie mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Eine gewisse Verschlagenheit zeigt sich bei ihm bereits in jungen Jahren, indem er häufig die Unwahrheit sagt und meistens nach Wegen sucht, die nicht gerade zum Ziel führen. Nach dem Tod der Eltern wird das Erbe aufgeteilt. Der ältere Bruder bekommt das Elternhaus am Land, der jüngere die Wohnung in der Stadt. Dieter verzichtet auf alles, weil er nicht mit Erinnerungen an seine Kindheit belastet werden möchte. Er bleibt ein paar Jahre alleine in der Stadtwohnung. Der jüngere Bruder lebt am Land bei seinem Vormund, seinem ältesten Bruder.
Die Familie wohnt seit der Geburt des ersten Sohnes in einer Ein-Zimmer-Küche-Wohnung ohne Bad. Die Toilette liegt außerhalb der Wohnung und steht auch anderen Hausparteien zur Verfügung. Es ist ein altes Haus mit alten Leuten. Über dem Haustor hängt ein großer Schlüssel aus Eisen. Früher hat es im Hof eine Schlosserei gegeben. Das Haus liegt nahe dem Hauptbahnhof. Dieter besucht die Grundschule in derselben Straße. Sein älterer Bruder geht ebenfalls in diese Schule, Die Brüder haben keinen Kontakt, nicht in der Schule und oft zuhause auch nicht. Der Ältere hat eigene Freunde, Dieter selbst hat keine Freunde. Er ist mit Vorliebe allein. Er geht zwar gerne in die Schule, ist ein braver Schüler, langweilt sich jedoch sehr. Die an ihn gestellten Aufgaben bewältigt er spielend. An den Raufereien in seiner Klasse beteiligt er sich nicht. Wenn er angegriffen wird, setzt er sich nachhaltig zur Wehr. Die Erfahrungen, die er in den Rangeleien mit seinem Bruder gemacht hat, kommen ihm dabei sehr zugute. Die Raufbolde gehen ihm als Folge davon aus dem Weg. Mit den Mädchen in der Klasse kommt er gut aus, hat aber kein Interesse an einer weiterführenden Freundschaft. Die Lehrer mögen ihn, er ist sehr still und macht keine Probleme. Seinen Eltern macht er jedoch einige Sorgen. Er mag manche Speisen nicht. Das können sie nicht verstehen. Es ist eine sehr arme Zeit nach dem Krieg. Dieters Vater hat damals schon viel Alkohol getrunken und dann entsprechend rabiat auf die Verweigerungen reagiert. Als Dieter einmal den vollständigen Verzehr einer Spezialität seiner Mutter verweigert, massiert ihm sein Vater die Reste der Speise ins Haar. Seitdem hat Dieter eine Aversion gegen Senffleisch mit Hörnchen. Auch Tomatensauce gehört nicht zu seinen Lieblingsspeisen. Inwieweit diese weitere mütterliche Spezialität seinen Haarwuchs gefördert hat, erinnert er sich nicht mehr. Sehr wohl erinnert er sich an einen anderen Exzess. Sein Vater hat die Wurst aus einem von Dieter nicht verzehrten Wurstbrot in der Küche an die Wand genagelt. Dies ist vermutlich eine Mahnung an alle ungebärdigen Knaben gewesen, ihr Wurstbrot fertig zu essen. Er merkt es sich und isst seitdem jedes Wurstbrot fertig. Wurstbrote gehören ab nun zu seinen Lieblingsspeisen.
Als Dieter zehn Jahre alt ist, wird sein jüngerer Bruder geboren. Seine Mutter bleibt nach der Entbindung ein paar Tage im Spital. Der Vater arbeitet, die Brüder sind tagsüber unbeaufsichtigt. Sie machen manchmal Polsterschlachten in den Betten. Diese sind im Zimmer in einer Reihe nebeneinander aufgestellt. Nicht bedacht wird dabei, dass sich neben den Betten auch ein Ofen befindet. Dessen Abzugsrohr mündet über einem der Betten in die Wand. Bei einem hohen Wurf prallt der Polster gegen dieses Rohr und reißt es aus der Wandverankerung. Der Inhalt des Rohres und des Anschlussstückes in der Wand ergießt sich über alle Betten und verwandelt die halbwegs weiße Bettwäsche in eine rußig schwarze. Die Brüder sind vor Schreck wie gelähmt. Dann beraten sie, was sie tun können. Der Ältere schickt den Jüngeren zum Fenster, um nachzusehen, ob das Taxi mit Mutter, Vater und dem neuen Bruder schon komme, oder ob sie genügend Zeit für eine Generalreinigung des Zimmers haben. Dieter blickt aus dem offenen Fenster im dritten Stock, kann jedoch nur den Ausschnitt unmittelbar unter dem Fenster sehen. Um die ganze Gasse überblicken zu können, klettert er aufs Fensterbrett, hält sich am Fensterkreuz fest und beugt sich weit hinaus. Tatsächlich nähert sich ein Taxi und hält vor dem Haus. Die Mutter mit dem Säugling am Arm steigt aus. Sie wirft einen prüfenden Blick nach oben zur Wohnung im dritten Stock und sieht Dieter weit aus dem Fenster hängen. Vor Schreck hätte sie beinahe das Baby fallen lassen. Sie legt es auf das Dach des Taxis ab, fasst sich ans Herz und an den noch geschwollenen Leib. Gut, dass das Kind schon geboren ist, sie hätte sicherlich eine Fehlgeburt erlitten. Da ahnt sie natürlich noch nicht, was sie im Zimmer erwartet. Endgültig fest steht dann, die zwei Brüder werden so bald nicht wieder unbeaufsichtigt bleiben. Glücklicherweise fährt der Taxifahrer erst los, nachdem die Mutter das Baby wieder aufgenommen hat.
Kurz nach der Geburt des dritten Sohnes übersiedelt die Familie in eine größere und komfortablere Wohnung in einem Randbezirk der Stadt. Sie liegt im vierten Stock ohne Lift, hat Fernblick, Balkon, Bad und Toilette, ist aber nicht groß. Die zwei älteren Brüder teilen sich ein kleines Kabinett, der jüngste Bruder bleibt zur Überwachung im Schlafzimmer der Eltern. Die beiden Schulpflichtigen stehen nach den Ferien vor dem Wechsel in neue Schulen. Der Ältere hat die Grundschule absolviert und kommt in die erste Klasse einer weiterbildenden Schule. Dieter hat die zweite Klasse Grundschule absolviert und tritt in die dritte Klasse einer anderen Schule über. Er kommt in eine Klasse mit Schülern, die sich schon zwei Jahre kennen. Sie werden Neuankömmlingen im besseren Fall reserviert, im schlechteren feindlich gegenüberstehen. Die Mutter begleitet den Älteren. Sie schätzt den Jüngeren der beiden Brüder als den Selbstständigeren ein. Als Dieter das Klassenzimmer betritt, ist noch Pause und Chaos. Er stellt sich an die Wand und sieht sich seine neuen Mitschüler an. Ein Raufbold versucht gleich einmal zu testen, wie es mit dem Neuen sei, die Anderen verzichten dann darauf. Mit dem Läuten erscheint der Lehrer. Dieser ist so wie die Schüler überrascht, einen neuen Schüler vorzufinden. Die Eltern haben vergessen, Dieter anzumelden. Er geht in der Pause in die Direktion und meldet sich selber an. Sein Leben in der neuen Schulklasse verläuft genauso wie in der alten. Am Ende der Grundschule wechselt er in dieselbe weiterbildende Schule, in der auch sein Bruder seit zwei Jahren mit dem Lehrstoff kämpft. Die Schulferien verbringen die Brüder immer am Land bei den Eltern der Mutter. Dies ist jedes Jahr die schönste Zeit in Dieters Kindheit. Er geht gerne stundenlang alleine in den Wald zum Pilze suchen. Sein Großvater hat ihm alles über Pilze, und wo sie wachsen, beigebracht. Die Großmutter bereitet mit den oft reichen Funden jedes Mal köstliche Mahlzeiten zu.
Als Kind ist Dieter nie zufrieden mit seinem Körper. Er findet seine Beine zu dünn. Er interessiert sich sehr für Sport und möchte gerne Schifahren lernen. Im Großelternhaus am Land findet er alte Schi seines Großvaters. Sie sind ganz aus Holz, haben keine Stahlkanten und als Spitze ein Zäpfchen. Sie sind zwei Komma zwei Meter lang. Die Bindung besteht aus Lederriemen. Man kann sie an normalen Schuhen befestigen. Auch das Gewand zum Schifahren ist vorhanden. Die Schi-Hose ist sehr eng und betont Dieters dünne Beine. Darunter zieht er zwei Paar Wollstrümpfe seiner Großmutter an. Die Beine wirken nun halbwegs muskulös. So gefällt er sich, wenn er sich im Spiegel betrachtet. In der Gegend, wo das Haus seiner Großeltern steht, ist Schifahren nahezu unbekannt, jedoch möglich. Sein Großvater hat lange Zeit in einer bergigen Gegend gearbeitet und von dort die Schiausrüstung mitgebracht. Er hat sie zuhause nie verwendet und am Dachboden versteckt, weil er sich nicht zum Gespött der Nachbarn hat machen wollen. Auch für Dieter ist diese Überlegung maßgeblich, und so zieht er, um niemandem zu begegnen, im Morgengrauen die Schikleidung an, komplett mit Strümpfen, nimmt die beiden Schi und die Stöcke in den Arm. Er schultert sie nicht, um nicht noch mehr aufzufallen und geht in den nahen Wald. Auf einer lang gestreckten, mäßig geneigten Lichtung schnallt er die Bretter an und versucht damit, den Hang hinaufzutreten, um im tiefen, frisch gefallenen Schnee eine Schi-Bahn anzulegen. Die Stöcke sind größer als er. Er erkennt nach wenigen Metern, warum seine Beine so dünn sind. Sie sind kraftlos. Er kann die schweren Schier kaum anheben und muss nach ein paar Schritten immer wieder stehen bleiben, seine heftige Atmung beruhigen und neue Kräfte sammeln. Oben, am Anfang der Lichtung, setzt er sich schweißnass in den Schnee. Aber er ist zufrieden. Er hat nicht aufgegeben. Die folgende Abfahrt dauert nur wenige Sekunden, weil er sich hinfallen lässt. Er bringt die langen Latten nicht unter Kontrolle und fürchtet sich vor der Geschwindigkeit, mit der sie ihn talwärts tragen. Zu Mittag nach vielen Versuchen gelingt es ihm das erste Mal, bis zum Ende der Lichtung zu gleiten und sich erst dort in den Schnee fallen zu lassen. Er kennt keine andere Brems-Methode als den selbst herbeigeführten Sturz, aber er wird sich erkundigen. Dieter wird später ein hervorragender Schifahrer mit schöner Stilistik, den viele bewundern.
Die neue Wohnung in der Stadt liegt nahe zum Stadion eines großen Fußballklubs. Alle Buben dieser Gegend sind fußballbegeistert. Es wird überall Fußball gespielt, in den Höfen, auf den Straßen, in den Parks und auf den Wiesen. Gefährlich sind die Höfe, da wird mancher gefüllte Nachttopf auf die Akteure entleert, weil sie die Ruhe stören. Als Bälle dienen meist selbst gebastelte Kugeln aus verschiedenen Materialien. Später gibt es richtige Bälle aus Plastik und einmal kommt ein Bub aus einer reichen Familie dazu, der einen echten Fußball aus Leder mitbringt. Leider kann ein vorbeifahrendes Auto nicht rechtzeitig bremsen. Der Ball zerplatzt mit einem lauten Knall unter einem Rad. In einer großen Wohnsiedlung in der Nähe gibt es einen eingezäunten Allzweck-Spielplatz mit fix im Boden verankerten Toren. Auch hier wird vorwiegend Fußball gespielt. Dieter ist noch zu klein und darf nicht mitspielen. Er schaut immer interessiert zu, wenn sein älterer Bruder spielt. Vor Beginn eines jeden Spiels werden die Mannschaften zusammengestellt. Zwei der besten Spieler sind die Mannschaftsführer und wählen die Besetzung ihrer Mannschaft. Wer die erste Wahl hat, wird durch einen komplizierten Vorgang entschieden. Die Beiden stellen sich gegenüber in frei wählbarem Abstand auf und beginnen, mit ihren Schuhlängen den Abstand zu verkürzen. Dabei werden ganze Längen, aber auch Schuhbreiten verwendet, und wenn der Abstand schon sehr klein ist, kommen auch Schuhspitzen zum Einsatz. Der Entscheidungsprozess wird dann zum Spitzentanz. Wer zuerst vom Schuh des Kontrahenten berührt wird, ist Sieger und wählt den seiner Ansicht nach besten Spieler. Der Unterlegene darf dafür zwei Spieler auswählen. Die besten Spieler werden logischer Weise zuerst gewählt. Dieters Bruder ist ein mittelmäßiger Spieler. Als Dieter dann auch mitspielen darf, wird er lange Zeit gar nicht gewählt, sondern ganz zuletzt, als nur mehr er übrig ist als Zugabe zu seinem Bruder eingeteilt. Obwohl er viele Male vorher bei den Spielen zugesehen hat, weiß er nicht, was er zu tun hat, wenn er selber spielen soll. Er läuft immer dem Ball nach. Der befindet sich aber oft sehr weit entfernt, und er wird schnell müde. Dann steht er nur mehr herum. Auch die Größe und das Gewicht des Balles ist ein Problem für ihn. In manchen Spielen berührt er den Ball kein einziges Mal. Wenn der Ball auf ihn zukommt, versucht er, auszuweichen und sich vor den anstürmenden Gegnern in Sicherheit zu bringen. In der Folge wird er von Freund und Feind ignoriert. Nach dem Spiel laben sich die Spieler am Wasser einer Zapfstelle für die Rasensprenganlage. Sie ist unter der Erde verborgen und mit einem abnehmbaren Deckel verschlossen. Der Wasseranschluss kann mit einem Absperrrad auf- und zu gedreht werden. Nach dem Öffnen legen sich die Spieler der Reihe nach vor der Wasserstelle auf den Boden und trinken mit Unterstützung der Hände das sprudelnde Nass. Auch hier ist Dieter der Letzte. Einmal vergisst er, das Rad zuzudrehen. Die ganze Wiese steht tagelang unter Wasser und ist unbespielbar. Seine Beliebtheit unter den anderen Spielern wird dadurch nicht gerade gefördert. Die Nähe der Spielwiese zum großen Fußballklub bewirkt, es kommen immer wieder berühmte Spieler dieses Vereins vorbei. Diese werden mit großer Verehrung empfangen. Manche sind in der Gegend aufgewachsen und treffen daher auch viele Freunde. Wenn ein Vereinsspieler kommt, zeigt er meist einige Kunststücke mit dem Ball. Diese werden von den Anderen eifrig nachgeübt. Wenn einer der Berühmtheiten dann sogar mitspielt, darf Dieter nur zusehen, damit nicht ein Spitzensportler über ihn stolpert und sich vielleicht verletzt. Dieter sieht das technische Können der Vereins-Spieler und ihre athletische Überlegenheit, und er sieht auch, wie sie sich in das Spiel integrieren, dem Geschehen unterordnen und doch immer wieder entscheidende Aktionen setzen, wie sie ihre Mitspieler fördern und unterstützen und wie sie einen guten Geist in die Mannschaft bringen. Da wird ihm deutlich, Fußball ist mehr und anders, als er bis jetzt gedacht hat. Er möchte ebenfalls ein berühmter Fußballer werden.
Dieters technischen Fertigkeiten im Umgang mit dem Ball sind gering ausgeprägt. Er hat nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten zu üben. Er besitzt keinen Ball. Als Ersatz dafür formt er aus Zeitungspapier eine Kugel, so groß wie ein Tennisball, und beginnt damit am Balkon der elterlichen Wohnung mit einfachen Übungen. Er nimmt den Ball in die Hand, lässt ihn Richtung Boden fallen und versucht ihn mit dem Fuß zu treffen und in die Höhe zu befördern, bevor er den Boden berührt. Im Idealfall sollte der Ball dann mit der Hand wieder gefangen werden, um das Spiel fortsetzen zu können. Wenn er ihn zu stark kickt, kann er ihn nicht fangen, und der Ball fällt manchmal aus dem vierten Stock auf die Straße. Dann läuft Dieter hinunter und wieder hinauf. Er erhofft sich durch diese Läufe einen nennenswerten Muskelzuwachs an seinen Beinen. Mit dem Ball macht er erhebliche Fortschritte. Zu Beginn hat er große Mühe ihn überhaupt zu treffen, später kann er ihn ohne Zuhilfenahme der Hand beliebig oft mit dem Fuß in der Luft halten. Eine neue Herausforderung bringt der Austausch des Papierballs mit einem richtigen Tennisball. Dieter findet ihn neben einem nahen Tennisplatz auf der Straße. Dieser Filzball ist wesentlich kompakter und viel schwerer zu behandeln als die Papierkugel. Wegen des drohenden Verlustes des Balles, wenn er nach einem Fehler auf die Straße fällt und in den angrenzenden Fluss rollt, verlegt er den Ort seiner Übungen vom Balkon ins Wohnzimmer. Jedoch hinterlassen seine Übungen an den zahlreichen Grünpflanzen seiner Mutter unübersehbare Spuren. Sie verbietet ihm jegliche Sportausübung in der Wohnung. Er trainiert in jeder freien Minute im Hof der Wohnanlage weiter. Obwohl er sich hinter einem Gebüsch verbirgt, weil er schüchtern ist und sich geniert, wird er dabei immer wieder von Schaulustigen beobachtet. Er hat im Jonglieren des Tennisballs abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß bereits große Fertigkeit erlangt. Auch seinem älteren Bruder ist sein Talent aufgefallen und er ermuntert ihn, wieder einmal auf die Spielwiese mitzukommen. Das hat Dieter seit Beginn seiner Einzelübungen völlig vernachlässigt. Die ersten Spiele auf der Wiese bringen keine wesentlichen Veränderungen an seinem Status. Immerhin fürchtet er sich nicht mehr vorm Ball, sehr wohl aber vor seinen Gegenspielern und vor den Vorwürfen der Mitspieler, wenn er unzulängliche Aktionen setzt. Er ist nach wie vor der schwächste aller Spieler und wird von den Anderen auf grausame und unschöne Weise kritisiert. Das ist immerhin ein kleiner Fortschritt zu früheren Auftritten. Früher ist er und alles, was er getan hat, ignoriert oder belächelt worden. Er verliert zwar nicht die Lust am Fußballspiel, möchte aber erst wieder kommen, wenn er größer und stärker ist.
Bei einer Untersuchung in der ersten Schulwoche stellt der Schularzt beim Abhören von Dieter mit dem Stethoskop eine Beeinträchtigung seiner Herzfunktion fest. Im Gegensatz dazu fühlt sich Dieter völlig gesund. Nach weiteren klinischen Untersuchungen wird eine Entzündung der Herzklappen diagnostiziert. Vermutliche Ursache ist die übermäßige Penicillin-Therapie nach einer eitrigen Phlegmone im Kieferbereich einige Wochen zuvor. Dieter verbringt sechs Monate beschwerdefrei in einem Kinderspital. Seine Befundwerte zeigen keine Besserung. Die Blutsenkung ist unverändert schlecht. Seine Mutter besucht ihn einmal pro Woche und bringt ihm jedes Mal ein Paket mit Lebensmittel mit. Diese werden auf die ganze nachfolgende Woche verteilt und dienen als Zusatz zur Spitalskost. Sein Vater und seine Brüder besuchen ihn nie. Nach einem halben Jahr befreien ihn seine Eltern aus der klinischen Zwangsunterbringung gegen den Rat der Ärzte und auf eigene Verantwortung. Wieder zu Hause bekommt Dieter im Wohnzimmer eine Liegestatt auf der Couch und als erste Mahlzeit eine Käsesemmel mit Edamer. Er solle sich schonen und körperliche Belastungen vermeiden, aber er dürfe in die Schule gehen. Die verbleibenden paar Wochen des laufenden Schuljahrs nutzt er dazu, den versäumten Lehrstoff aufzuholen. Er darf in die nächste Klasse aufsteigen. Ein Bub aus derselben Wohnanlage und derselben Klasse trägt ihm die Schultasche von der Wohnung bis zum Park vor der Schule. Dort treffen sie andere sportbegeisterte Schüler. Die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn wird mit einem leidenschaftlich geführten Fußballmatch ausgefüllt. Danach trägt ihm sein Mitschüler die Tasche bis in die Klasse, wo sie völlig verschwitzt ankommen.
Der Leistungsdruck auf die Schüler dieser Schule ist gering. Dieter beginnt sich wieder zu langweilen. Am Ende der zweiten Klasse legen die Lehrer seinen Eltern nahe, ihn in eine höherbildende Schule übertreten zu lassen. Die Mutter ist dagegen, da diese Schule Geld kostet. Ein Arbeitskollege seines Vaters, ein degradierter Universitäts-Professor, überzeugt den Vater schließlich, Dieter in die dritte Klasse der höher bildenden Schule übertreten zu lassen. Er kommt wieder in eine neue Schule, wieder in eine neue Klasse und wieder in eine neue Umgebung. Die Anforderung der neuen Schule ist enorm. Er hat keine Probleme in den Lerngegenständen, sehr wohl aber in den Sprachen, weil ihm das Basiswissen fehlt. Beim ersten Englischdiktat schreibt er die vom Englischlehrer angesagte Interpunktion konsequent mit. In der abgegebenen Arbeit wimmelt es nur so von ‚fullstop‘s. Einige vom Vater arrangierte Nachhilfestunden beim akademischen Kollegen bereinigen das Problem. Die paar Unterrichtsstunden genügen für den Erwerb der wichtigsten Grammatikregeln. Bald gibt es die ersten positiven Schularbeitsnoten und alle sind zufrieden. Dieter mag seinen Lehrer sehr. Dieser ist nicht verheiratet und kinderlos. Er verzichtet völlig auf eine Bezahlung. Sein Unterrichtsstil ist klar und einfach. Nach jeder Nachhilfeeinheit kredenzt er Dieter zwei sehr gut schmeckende Schinkenrollen. Bald erübrigen sich weitere Besuche. Dieter vermisst in der Folge diese kleinen Köstlichkeiten.
Noch viel größere Schwierigkeiten als in den Sprachgegenständen hat Dieter in Mathematik. Mathematik wird an den Grundschulen als bloßes Rechnen betrieben. Das mathematische Denken ist ihm völlig fremd. Er versteht nur sehr wenig. Das Wenige versucht er verzweifelt bei den Schularbeiten einzubringen, jedoch ist er extrem angespannt. Er kann nicht klar denken. Mit jeder negativen Note verstärkt sich sein Trauma. Ein paar Nachhilfestunden bringen nur eine unwesentliche Besserung. Dieter lehnt den gegen Bezahlung hinzugezogenen Nachhilfelehrer ab. Der junge Mann ist ein unappetitlicher, eitel dozierender Student, der sich selber gerne zuhört und dem völlig egal ist, ob er auch verstanden wird. Dieter beendet jedes Schuljahr mit einer Nachprüfung in Mathematik. Merkwürdigerweise besteht er diese Prüfungen immer, ohne tiefere Einsicht in die Materie zu haben.
Auf sportlichem Gebiet hat Dieter erste Erfolge. Sport steht an seiner Schule im Vordergrund. Später wird sie zu einem Sportgymnasium umgebildet werden, da hervorragende Sportstätten vorhanden sind. Der Fußballplatz der Schule weist einen englischen Rasen auf. Es ist ein pures Vergnügen, darauf zu spielen, allerdings sind nur Turnschuhe erlaubt. Dieter ist mittlerweile ein ausgezeichneter, technisch und taktisch versierter Fußballer. Er hat einen guten Sportlehrer, der sich sehr für Fußball interessiert, und der ihm viele Hinweise zur Verbesserung seines Spiels gibt. Ob sich sein Herzfehler verflüchtigt hat, ist Dieter nicht bekannt, weil er weitere Untersuchungen ablehnt. Seine Muskulatur ist gestärkt, seine Kondition hervorragend. Seine Lehrer behaupten über ihn in Unkenntnis seiner Krankengeschichte, er habe ein großes Kämpferherz. Seine Spielintelligenz, seine soziale Intelligenz und seine persönlichen Charaktereigenschaften machen ihn zum Kapitän der Klassenmannschaft und später der Schulmannschaft. Die Aufforderung der Lehrer, einem großen Verein beizutreten, schlägt Dieter aus. Er möchte nur zum reinen Vergnügen spielen, aber auch er ahnt schon, sein späteres Lebensziel wird im Fußballsport beheimatet sein.
Ihre Taufnamen sind Elisabeth Johanna, aber alle rufen sie Romy. Sie ist von vier Kindern das Zweite. Sie hat einen älteren Bruder und zwei jüngere Schwestern. Ihr Vater besitzt und betreibt selbst mit einigen Angestellten eine Werkstatt für elektronische, von der herkömmlichen Norm abweichende Bauteile. Die Nachfrage nach maßgefertigten Transformatoren ist groß. Auch die Mutter arbeitet in der Firma mit. Die Familie lebt in einem einstöckigen, freistehenden Haus mit einem großen Garten in ländlicher Umgebung. Jedes der Kinder hat ein eigenes Zimmer im ersten Stock. Die Eltern bewohnen das Erdgeschoss. Es ist für die gutbürgerliche, wohlhabende Familie eine Selbstverständlichkeit, die Kinder auf einer höheren Schule und vielleicht auch an einer Universität ausbilden zu lassen.
Die höhere Schule befindet sich in der Bezirkshauptstadt. Die Kinder fahren jeden Morgen mit dem Bus dorthin. Romy hat ein lebhaftes Temperament und ist oft zu Späßen aufgelegt. Im Bus sitzt sie immer ganz hinten, ihre Freundinnen scharen sich um sie. Der Busfahrer hat ihr Lachen gerne. Wenn sie traurig oder müde ist, vermisst er etwas. Wenn sie einmal gar nicht fährt, erkundigt er sich bei den anderen Mädchen, wo denn der kleine Kasperl sei. Romy ist selten traurig, müde aber öfter, da sie regelmäßig bis tief in die Nacht liest. Ihre Lieblingsautoren sind Sartre, Beauvoir und Kafka. Die meisten Werke dieser Dichter hat sie bereits gelesen. Die indische Kultur steht ihr sehr nahe. Sie interessiert sich für viele Themen mit Bezug zu Indien: Sanskrit, Buddhismus, Wiedergeburt, Meditation, Yoga und später das Kamasutra. Alles Geheimnisvolle, auch esoterische, wofür eine logische Erklärung oder prosaische Definition nur störend wäre, zieht sie magisch an. Sie ist sehr neugierig, gibt sich aber nach oberflächlicher Erforschung rasch zufrieden und verliert das Interesse. Ihre permanente Unruhe strahlt auf ihre Umwelt aus. Sie wird oft ermahnt, ruhig zu sitzen und nicht herumzuzappeln. Immer hat sie das Bedürfnis nach Veränderung. Sie ist nur kurz mit dem zufrieden, was sie gerade tut, möchte dann gleich etwas anderes unternehmen, ist immer im Aufbruch. Ihr Ordnungssinn ist gut ausgeprägt, dafür hat ihre Mutter gesorgt. Romy kann Ordnung halten, wenn es notwendig ist. Ihre ständige innere Spannung und ihre Sprunghaftigkeit verhindern jedoch häufig die Umsetzung. Auch lehnt sie es ab, sich ein Verhaltenssystem der täglichen Handgriffe zurechtzulegen. So ist sie in der Früh regelmäßig auf der Suche nach ihren persönlichen Dingen, weil sie diese nicht auf den Platz, woher sie sie zuvor genommen hat, wieder zurückgelegt hat. Es fehlt ihr die Einsicht über diese kleine Übung der Selbstdisziplin. Darüber befindet sie sich in ständigen Diskussionen mit anderen Mitgliedern der Familie. Wer zwanghaft Ordnung hält, ist nur zu bequem zu suchen. Wenn Romy ihre blaue Bluse nicht gleich findet, zieht sie ihren blauen Rollkragenpullover an. Den hasst sie eigentlich, weil er fürchterlich kratzt. Dieser erzwungene Kompromiss hat nur geringe Lehr- und Vermeidens-Wirkung auf sie. Zwei Tage später kann dasselbe passieren. Manchmal zieht sie nachlässig die Unterwäsche verkehrt an. Es fällt ihr oft gar nicht auf. Jedoch der Gedanke, wenn das einmal jemand sehen könnte, zum Beispiel bei einem Unfall, ist ihr ein Gräuel. Das wäre schlimmer als der Unfall selbst. Zudem ist sie bei der Wahl ihrer Kleidung nicht sehr stilsicher. Sie weiß oft nicht, was zusammenpasst. Die Kombination blaue Bluse, schwarzer Rock kommentiert ihre Mutter lakonisch mit: Schwarz und Blau – Bauernsau. Dieser Ausspruch bleibt Romy zwar lebenslang in Erinnerung, hat aber keinerlei weitere Auswirkung. Ihre innere Unruhe manifestiert sich in einer Hautkrankheit. Sie leidet ihre gesamte Kindheit an Neurodermitis. Um sie am unbewussten Kratzen der juckenden Hautstellen zu hindern, legt ihr ihre Mutter jeden Abend vorm Schlafengehen dicke Verbände um die Hände an. Mit diesen Verbänden versucht Romy eines Abends einen Schluck aus der Milchkanne zu nehmen. Diese befindet sich hoch oben auf einem Regal in der Speisekammer und ist sehr schwer. Die Kanne entgleitet ihr und fällt auf ihren Kopf. Die kleine abgeplattete Stelle auf der Nase begleitet Romy ihr ganzes Leben. Am Morgen wird sie von den Verbänden befreit und dann kann sie sich endlich ungehindert an den juckenden Stellen kratzen. Ein ganz katastrophaler Tag entwickelt sich, wenn sie dann auch noch den blauen Rollkragenpullover anziehen muss. Eine dreiwöchige Kur am Meer, bei der sie stundenlang abwechselnd im Schlamm und Sand bis zum Kopf eingegraben wird, bringt zwar eine vorübergehende Linderung der Krankheit, ist aber für ihren Bewegungsdrang die reinste Qual. Erst mit dem Einsetzen und Erproben ihrer Geschlechtsreife ist die Krankheit überstanden.
Mit ihrer Mutter versteht sich Romy nicht gut und nicht schlecht. Sie sind zu verschieden. Eine herzliche und liebevolle Bindung ist unmöglich. Romy lehnt ihre Mutter jedoch nicht ab, sondern versucht unermüdlich, ihr zu gefallen. Da die Mutter kein tiefes Verständnis für das Wesen ihrer Tochter aufbringen kann, ist dies zwar ein vergebliches Bemühen, aber schließlich eine nicht unwichtige Triebkraft für Romy, in jeder Hinsicht das erfolgreichste Familienmitglied zu werden. Auch zum Sohn findet die Mutter keinen rechten Zugang. Hingegen mit ihrer zweiten und dritten Tochter hat sie innige Bindungen. Romys Mutter ist ein wenig einfach aber nicht dumm, sie hat eine rasche Auffassungsgabe und kann kleine, lokale Probleme sehr gut lösen. Ihr Mikrokosmos ist die Familie. Ihre soziale und emotionale Intelligenz sind schwach ausgeprägt, sie kann ihre Zuwendungen ihren Kindern gegenüber nicht gerecht dosieren. Wenn Romy sieht, wie liebevoll ihre Mutter mit den jüngeren Schwestern umgeht, ist sie eifersüchtig. Auch zum Vater hat Romy kein befriedigendes Verhältnis. Er ist sehr streng zu allen seinen Kindern und zu seiner Ehefrau. Aber er ist kein hartherziger Mann, er kann viel Verständnis für seine Familie und für andere Menschen aufbringen. Er ist ein sehr tiefgründiger Mensch mit vielen Interessen. Er liest sehr viel, nicht nur Fachliteratur seines Gebiets, und bildet sich ständig weiter. Er beobachtet das Geschehen in seiner Umgebung aufmerksam und verfolgt es mit ständiger Meinungsbildung. Oft trifft er in seiner Familie auf gegensätzliche Ansichten, speziell seine Ehefrau tritt oft in Opposition zu ihm. In seiner Einschätzung ihrer Beweggründe schwankt er zwischen weiblicher Streitlust ohne Tiefgang und Andersartigkeit aus tiefer Überzeugung. Auch als Jazzmusiker versucht er sich gelegentlich, wobei er Gitarre, Saxophon und Schlagzeug beherrscht. Als Unternehmer ist er erfolgreich, gerecht und sozial zu seinen Mitarbeitern eingestellt und daher äußerst beliebt. Seine für vieles offene Geisteshaltung zeigt sich darin, er scheut sich nicht, vorbestrafte Menschen zu beschäftigen. Seine dunkle Seite ist, er wird in manchen Lebensbereichen von zu engen Vorurteilen geleitet. Wenn seine Meinung feststeht, ist er keinem gegenteiligen Argument oder Beweis zugänglich. Seine Ehefrau nennt ihn störrisch. Einer dieser Lebensbereiche ist seine skeptische Einstellung der Schulmedizin und den Ärzten gegenüber. Diese Einstellung beruht auf seine persönlichen schlechten Erfahrungen und bewirkt seine Hinwendung zu Naturheiler, Schamanen und Scharlatanen. Auch kurz vor seinem Tod, als er medizinische Hilfe bei seiner schweren Erkrankung braucht, weicht er nicht von seiner eingebrannten Meinung ab. Auf seine älteste Tochter hat die skeptische Einstellung des Vaters eine bedauerliche Auswirkung. Er untersagt ihr unnachgiebig, Medizin zu studieren, obwohl Ärztin ihr Traumberuf ist. Stattdessen absolviert sie gezwungenermaßen ein Studium der Psychologie und kann erst später, als sie Unabhängigkeit erreicht hat, das Medizinstudium nachholen.
Romys Bruder besucht eine höhere technische Schule. Es ist geplant, er solle später den elterlichen Betrieb übernehmen. Der Sohn versteht sich mit dem Vater nicht gut. Der Vater legt bei seinem eigenen Fleisch und Blut andere Maßstäbe an, als bei seinen Angestellten. Die Strenge und manchmal auch die aufbrausende Art des Vaters ihm gegenüber behagen dem Sohn nicht. Er absolviert die Schule und nimmt eine Arbeitsstelle in der Bezirkshauptstadt an. Er hilft seinen Eltern zuliebe in der Werkstatt nur aus, wenn Not am Mann ist. Romys jüngere Schwester ist, was ihren Charakter, ihre Wesensart, ihre Meinung, ihren Geschmack, ihren Stil und ihre Einstellung betreffen, ein genaues Abbild der Mutter, daher verstehen sich sie die Beiden ausgezeichnet. Wenn es in der Familie zu Meinungs-Verschiedenheiten oder Streitereien kommt, arbeiten die Beiden perfekt zusammen und bilden für jeden anders lautenden Standpunkt eine unüberwindbare Lobby. Romys jüngste Schwester ist das Nesthäkchen. Sie ist brav und sanft und jedermanns Lieb-Kind. Sie will das auch sein und sie mag ihre Position. Sie harmoniert mit allen Familienmitgliedern, fühlt sich eingebettet und beschützt, geht mit den meisten Meinungen konform, doch innerlich ist sie unausgewogen, zweifelnd und suchend, ungezügelt und aufständisch. Sie weiß es selber noch nicht. Die Ambivalenz ihrer Persönlichkeit kommt erst sehr viel später zum Vorschein.
