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Eines Morgens werden die beiden Söhne aus der Schule gerufen: Der Vater ist tot, mitten aus dem Leben gerissen. Sein plötzlicher Tod bringt die Familie an den Rand des Abgrunds. Etwas Geld im Portemonnaie, ein paar Möbel, einen untadeligen Ruf und eine lächerliche Pension – mehr hat er ihnen nicht hinterlassen. Wie soll die Mutter ihre vier Kinder in Ehren hochbringen? Mit Energie und Entschiedenheit nimmt sie die Zügel in die Hand. Doch jedes geht seinen eigenen Weg. Als der älteste Sohn als Rauschgifthändler verhaftet und die Tochter mit einem Liebhaber in einer Absteige aufgegriffen wird, liegt für die ganze Familie der Schein ehrbaren Lebens in Trümmern.
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2019
Wie soll eine Mutter nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes die vier Kinder in Ehren hochbringen? Jedes geht seinen eigenen Weg. Als der älteste Sohn als Rauschgifthändler verhaftet und die Tochter mit einem Liebhaber in einer Absteige aufgegriffen wird, liegt für die ganze Familie der Schein ehrbaren Lebens in Trümmern.
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Nagib Machfus (1911–2006) gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur.
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Doris Kilias (1942–2008) arbeitete als Redakteurin beim arabischen Programm des Rundfunks Berlin (DDR). Nach der Promotion war sie als freie Übersetzerin tätig.
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Nagib Machfus
Anfang und Ende
Roman
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1949 unter dem Titel Bidaya wa Nihaya in Kairo.
Originaltitel: Bidaya wa Nihaya (1949)
© by Nagib Machfus 1947
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30567-0
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
ANFANG UND ENDE
1 – Der Aufseher schritt bedächtig den langen Flur entlang …2 – Sie gingen die Schubra-Straße entlang, und die Tränen …3 – Die beiden Brüder gingen hinunter. Vor der Haustür …4 – Am Tag der Bestattung war Hassanein so wütend …5 – Es war fast Mitternacht, und nachdem bis auf …6 – Am Abend des nächsten Tags war die Familie …7 – Am nächsten Tag ging die Mutter gleich morgens …8 – Nach langer Zeit waren Hussain und Hassanein sich …9 – Den beiden Brüdern war beklommen zu Mute …10 – Als die Schule aus war, überquerten die beiden …11 – Früh am Morgen, gleich nachdem die beiden jüngeren …12 – Drei Pfund, und keinen Millim mehr«, erklärte der …13 – Nafisa saß in dem Zimmer auf dem Sofa …14 – Einige Wochen waren vergangen, es war ein Tag …15 – Da die Brüder nicht aus dem Haus gehen …16 – Was meinst du, wie viel er uns zahlt?«17 – Ich komme als Erster, Hussain macht nach mir …18 – Hussain saß am Schreibtisch. Er hob den Kopf …19 – Nafisa sah sich um. Es war ein mittelgroßer …20 – Müde und erschöpft verließ Nafisa erst am späten …21 – Niedergeschlagen verließ Hassanein die Wohnung von Farid Effendi …22 – Hussain!«, rief er erschrocken23 – Wie immer in den letzten Tagen kehrte Nafisa …24 – Auf dem Dach angekommen, ächzte und keuchte Hassanein …25 – Die beiden Brüder saßen wie jeden Abend am …26 – Hab keine Zweifel, ich schwöre bei Gott …27 – Er schloss die Tür auf und flüsterte: »Bitte …28 – Mit einer großzügigen Geste wies Hassanein auf den …29 – Ein großer Feiertag stand ins Haus …30 – Sie standen an der Straßenbahn-Haltestelle. Nafisa trug den …31 – Es war Mitternacht. Im Café Al-Gamal hielten sich …32 – Vom Zimmer der Söhne drang schwaches Licht ins …33 – Sie überquerte den Hof, ihr Atem ging schwer …34 – Sulaiman polierte gerade den Ladentisch, als er das …35 – Die Straßenbahn hielt, und Nafisa stieg ein …36 – Einige Wochen später, als das Schuljahr zu Ende …37 – Am Tag nach der Hochzeitsfeier, gegen neun Uhr …38 – Danke, Sommer«, seufzte Hassanein laut39 – Das Café von Ali Sabri hatte sich zu …40 – Hassan war kräftig genug, um schnell wieder auf …41 – Kurz vor Sonnenuntergang trat Nafisa aus dem Haus …42 – Nachdem sich Hassan ziemlich lange zu Hause nicht …43 – Wieder war ein Jahr vergangen. Das Leben verlief …44 – Am Ende des Schuljahrs erhielt Hussain sein Abiturzeugnis …45 – Nach kurzem Überlegen sagte die Mutter: »Wir kennen …46 – Je mehr Zeit verstrich, desto klarer verstand Hussain …47 – Man saß im Zimmer der Brüder beisammen …48 – Eingepfercht zwischen den vielen Menschen, die auf dem …49 – Er fand das Hotel. Das Zimmer war klein …50 – Als er früh am Morgen die Treppe hinunterging …51 – Hussain hatte sich entschieden, nur noch bis zur …52 – Das Mädchen war hübsch, und das war Grund …53 – Es war Donnerstag. Hussain lag im Bett und …54 – Niedergeschlagen hockte er auf dem Bett, und je …55 – Keiner von beiden kam auf das Thema zurück …56 – Zwei Wochen später kam ein Brief von Hassanein …57 – Mitten im Sommer erlebte die Familie in der …58 – In Gedanken versunken, überquerte Hassanein den Chazindar-Platz …59 – Noch am Nachmittag des gleichen Tags machte sich …60 – Zur gleichen Zeit stand Nafisa am Bahnhof …61 – Der Tag, an dem Hassanein die Zulassung für …62 – Auf dem Hof des Instituts stand Hassanein mitten …63 – Allein schon die Tatsache, dass er sich der …64 – Er sehnte sich nach nichts mehr, als mit …65 – Freitagabend stand Hassanein am Königin-Farida-Platz und wartete auf …66 – In der darauf folgenden Woche stattete er Donnerstagnachmittag …67 – Es gab keine Verabredung, er ging allein ins …68 – Das Studienjahr neigte sich dem Ende zu …69 – Nafisa trat ein, und wie immer in diesen …70 – Am nächsten Tag, kurz vor Sonnenuntergang, machte er …71 – Hassanein schlenderte die Taher-Straße entlang. Die Sonne ging …72 – Die Begegnung mit Hassan war niederschmetternd gewesen …73 – Am Nachmittag, so gegen fünf Uhr, betrat er …74 – Es war ein Festtag für die ganze Familie …75 – Die beiden Brüder sprangen überrascht auf, Hassanein zog …76 – Endlich konnte Hassanein wieder sprechen. »Was meinst du …77 – Es vergingen etliche Tage, bis sie schließlich in …78 – Wir kommen gratulieren, möge Gott euch Glück bescheren« …79 – Als der Besuch endlich gegangen war, sah Hassanein …80 – Hussain steuerte nicht geradewegs auf sein Ziel zu …81 – Tief in Gedanken versunken, nahm er auf dem …82 – Vielleicht wäre es klüger, abzuwarten, überlegte Hassanein ein …83 – Hussains Ferien näherten sich dem Ende, und erst …84 – Zum größten Bedauern von Hassanein war Hussain abgereist …85 – Als er das Casino verließ, zeigten sowohl das …86 – Wie so oft saß Hassanein mit der Mutter …87 – Ans Fensterbrett gelehnt, sah Hassanein dem Arzt zu …88 – Als der Arzt am nächsten Tag mit Hassans …89 – Beim Wort »Polizist« schlotterten alle vor Angst …90 – Draußen war es dunkel, und es wehte ein …91 – Das Taxi fuhr durch die Faruk-Straße bis zum …92 – Er rannte zu der Stelle, wo das Wasser …WorterklärungenMehr über dieses Buch
Über Nagib Machfus
Nagib Machfus: Das Leben als höchstes Gut
Nagib Machfus: Rede zur Verleihung des Nobelpreises 1988
Tahar Ben Jelloun: Der Nobelpreis hat Nagib Machfus nicht verändert
Erdmute Heller: Nagib Machfus: Vater des ägyptischen Romans
Gamal al-Ghitani: Hommage für Nagib Machfus
Hartmut Fähndrich: Die Beunruhigung des Nobelpreisträgers
Über Doris Kilias
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Der Aufseher schritt bedächtig den langen Flur entlang, in dem sich die Räume der dritten und vierten Oberstufe befanden. In der Taufikija-Schule herrschte tiefe Stille. Der Mann steuerte auf einen Unterrichtsraum der dritten Klasse zu, klopfte behutsam an und trat ein. Er ging zum Lehrer und flüsterte ihm einige wenige Worte ins Ohr. Der Lehrer sah in Richtung eines Schülers in der zweiten Reihe und rief: »Hassanein Kamil Ali!«
Der Schüler stand auf und schaute in ängstlicher Erwartung abwechselnd den Lehrer und den Aufseher an. »Ja, Herr Lehrer?«, stammelte er leise.
»Geh mit dem Herrn Aufseher mit.«
Der Junge schob sich aus seinem Pult heraus und folgte dem Aufseher, der mit gemächlichem Schritt den Raum verließ. Dem Jungen war nicht wohl zu Mute; bänglich fragte er sich, ob es wohl Ärger wegen der letzten Demonstrationen gäbe. Er war dabei gewesen, hatte mit den anderen geschrien: »Nieder mit Hor, dem Bullensohn! Weg mit der Erklärung!« Er hatte gehofft, sich sowohl vor den Schüssen und Schlägen als auch vor den schulischen Disziplinarstrafen gerettet zu haben. War er zu optimistisch gewesen? Er ging hinter dem Aufseher her, und ein Gedanke jagte den anderen. Gleich würde er hören, weshalb man ihn beschuldigte. Er schreckte auf, weil der Aufseher plötzlich vor der Tür der vierten Klasse stehen blieb, klopfte und hineinging. Von drinnen war die Stimme des Lehrers zu hören. Er rief: »Hussain Kamil Ali!«
Was denn, sein Bruder auch? Wieso, er hatte an den Demonstrationen doch gar nicht teilgenommen? Der Aufseher kam aus dem Klassenzimmer heraus, gefolgt vom Bruder. Kaum war er in Hassaneins Nähe, murmelte er verblüfft: »Du auch? Was ist los?«
Die beiden Brüder sahen sich verwirrt an, dann folgten sie dem Aufseher. Hassanein fasste sich ein Herz und fragte betont höflich: »Gibt es einen besonderen Grund, dass Sie uns aus dem Unterricht herausholen?«
Der Mann zögerte ein wenig, bevor er erwiderte: »Der Herr Direktor wird mit euch sprechen.«
Auf dem restlichen Teil des langen Flurs fiel kein Wort mehr. Hussain und Hassanein sahen einander sehr ähnlich. Beide hatten ein längliches Gesicht, große, honigfarbene Augen und eine bräunliche, ja, fast dunkelbraune Haut. Aber es gab auch Unterschiede – Hussain war zwar zwei Jahre älter als der siebzehnjährige Hassanein, aber kleiner. Außerdem waren Hassaneins Gesichtszüge feiner geschnitten, und das verlieh ihm einen Hauch von Anmut und Frische.
Sie näherten sich dem Zimmer des Direktors, und ihre Unruhe stieg. Allein schon die Vorstellung, diesem gestrengen Mann gegenüberzutreten, erfüllte sie mit Angst und Schrecken. Der Aufseher knöpfte seine Jacke zu und klopfte an die Tür. Vorsichtig öffnete er sie und gab den beiden Jungen ein Zeichen, ihm zu folgen.
Sie traten ein. Der Direktor saß am Schreibtisch, der vorne im Raum stand. Er war so intensiv mit einem Brief beschäftigt, dass er nicht einmal den Kopf hob. Der Aufseher grüßte und meldete: »Die Schüler Hussain Kamil Ali und Hassanein Kamil Ali.«
Erst da sah der Direktor auf und faltete den Brief zusammen. Er drückte seine Zigarette aus und blickte von einem Jungen zum anderen. »In welche Klassen geht ihr?«
»In die Vier D«, antwortete Hussain, und seine Stimme bebte.
»Und ich bin in der Drei C«, erklärte Hassanein.
Der Direktor sah beide eine Weile schweigend an, dann sagte er: »Ich hoffe, ihr benehmt euch jetzt wie Männer. Euer ältester Bruder hat mir mitgeteilt, dass euer Vater gestorben ist. Herzliches Beileid.«
Sprachlos standen beide da, bis plötzlich Hassanein rief: »Mein Vater tot? Unmöglich!«
Hussain stammelte: »Wieso? Vor zwei Stunden haben wir ihn doch noch gesund und munter gesehen, als er sich fürs Ministerium fertig machte.«
Für einen Moment schwieg der Direktor, dann fragte er behutsam: »Was arbeitet euer ältester Bruder?«
»Nichts«, erwiderte Hussain geistesabwesend.
»Habt ihr nicht einen Bruder, der Beamter oder etwas Ähnliches ist?«
Hussain schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Nun denn, geht jetzt nach Hause. Ertragt diesen Schlag wie Männer, möge Gott euch beistehen.«
Sie gingen die Schubra-Straße entlang, und die Tränen flossen. Hassanein hatte als Erster zu weinen begonnen, und Hussain wollte gerade noch wütend über ihn herfallen, da brach auch er in Tränen aus, so sehr, dass sie seine Stimme schier erstickten und er kein Wort sprechen konnte. Immer schneller werdend, wechselten die Brüder hinüber auf die andere Seite, um in die Nasrallah-Gasse zu kommen. Weit war es nicht, ihre Gasse lag nur wenige Minuten von der Schule entfernt. Hilfe suchend blickte Hassanein den Bruder an und schluchzte: »Wie mag er wohl gestorben sein?«
»Ich weiß nicht«, stammelte Hussain verzweifelt. »Ich kann es mir nicht vorstellen. Er hat doch noch mit uns gefrühstückt, war völlig gesund. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte.«
Mit aller Kraft versuchte Hassanein, sich an diesen Morgen zu erinnern. Der Vater war aus dem Bad gekommen, und er hatte ihm wie immer einen guten Morgen gewünscht, gelächelt und gefragt, ob Hussain noch nicht aufgestanden sei. Dann hatten alle am Tisch Platz genommen, und der Vater hatte die Mutter eingeladen, sich zu ihnen zu setzen. Sie wollte nicht und entschuldigte sich damit, dass sie keinen Appetit hätte. Der Vater hatte geknurrt, dass sie schon Appetit bekäme, wenn sie sich zu ihnen setzte. Aber sie blieb hartnäckig. Daraufhin meinte er gleichgültig, er pellte gerade das Ei ab: »Mach, was du willst.«
Wenn er sich recht erinnerte, war dies das Letzte, was er vom Vater gehört hatte – außer einem kurzen Räuspern. Und gesehen hatte er von ihm als Letztes den Rücken, als er nämlich ins Zimmer ging und sich an seinem Handtuch die Hände abtrocknete. Dann war er weg. Weg! Was für ein schreckliches Wort. Er schaute verstohlen Hussain an. Wie traurig und niedergeschlagen er aussah, als wäre er um Jahre gealtert. Hassanein kehrte zu seinen Erinnerungen zurück. Ein heißer Schmerz durchzuckte ihn. Nein, er glaubte nicht, dass der Vater tot war. Er konnte es nicht glauben. Was ist der Tod? Nein, es konnte nicht sein. Es sollte alles vorbei mit ihm sein? Hätte er gewusst, dass er den Vater an diesem Morgen zum letzten Mal sehen würde, wäre er nicht aus dem Haus gegangen. Aber wie hätte er es wissen sollen? Kann es denn sein, dass ein Mensch, der gerade noch isst und lacht, stirbt? Er glaubte es nicht, konnte es einfach nicht glauben.
Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als sein Bruder ihn am Arm zog. Sie waren in der Nasrallah-Gasse angelangt, und benommen wie er war, wäre er fast weitergegangen. Es war ein enges Gässchen, gesäumt von alten Häusern und kleinen Läden und vollgestopft mit Gemüse- und Obstkarren. Schon war ihr Haus zu sehen – dreistöckig und mit einem rechteckigen, sandigen Hof. Noch bevor sie es erreichten, drang lautes Klagegeschrei an ihre Ohren. Die Stimmen der Mutter und der Schwester übertönten alles; es war so herzerweichend, dass beide Brüder wieder in Tränen ausbrachen. Sie rannten los, kümmerten sich nicht, ob und wen sie anrempelten, und hasteten die Treppe hinauf zum zweiten Stock. Die Tür stand offen. Sie liefen durch die Diele, hin zum Zimmer des Vaters und traten keuchend ein. Sie starrten auf das Bett, wo sich unter einem Tuch der Leib des Vaters abzeichnete. Schluchzend warfen sie sich über ihn. Die Klagen von Mutter und Schwester verstummten, und zwei fremde Frauen verließen den Raum. Die Söhne sollten ihrem Schmerz freien Lauf lassen können.
Eingehüllt in ihren schwarzen Gilbab, hielt sich die Mutter aufrecht; die Augen waren gerötet, Nase und Wangen geschwollen. Die Schwester warf sich auf das Sofa, vergrub das Gesicht in den Kissen, und ihr Körper bebte vor Schluchzen. Hussain weinte und sprach, ohne es sich bewusst zu sein, kurze Verse aus dem Koran vor sich hin, Fürbitten um Gottes Gnade. Hassanein stand tränenüberströmt da, und auf seinem Gesicht zeichneten sich Angst, Fassungslosigkeit und ungläubiger Zweifel ab. Angesichts des Todes packten ihn einerseits Wut und Auflehnung, andererseits fühlte er auch Furcht und Verzweiflung. ›Nein, das ist nicht mein Vater. Es kann nicht sein, dass mein Vater das ganze Geschrei hört und sich nicht rührt. Aber warum liegt er dann, um Gottes willen, so steif da? Und die anderen weinen, als hätten sie den Vater aufgegeben, als wäre nichts mehr zu ändern. Nie im Leben hätte ich mir das vorstellen können, kann es immer noch nicht. Habe ich ihn nicht eben erst, vor zwei Stunden, in dieses Zimmer gehen sehen? Nein, das ist nicht mein Vater, das kann das Leben nicht machen.‹ Er wartete und wartete, und das Warten schien kein Ende zu nehmen.
Die Mutter trat an die beiden Söhne heran, neigte sich zu ihnen und sagte: »Genug, komm, Hussain, steh auf und geh mit deinem Bruder hinaus.« Sie musste es mehrmals sagen, erst dann erhob sich Hussain. Nachdem er Hassanein emporgezogen hatte, blieben beide noch stehen und starrten mit feuchten Augen auf den verhüllten Körper. Hussain konnte dem übermächtigen Wunsch, den Vater noch einmal zu sehen, nicht länger widerstehen. Ohne sich um die abwehrende Geste der Mutter zu kümmern, beugte er sich hinunter und schob das Tuch fort. Das Gesicht, vom Tod gezeichnet, sah fremd aus. Die Haut schimmerte bläulich, es lag eine große Ruhe auf dem Gesicht, die von der Tiefe und Unendlichkeit des Nichts sprach. Hussain erfasste ein Schauder; weder er noch sein Bruder hatten je einen Toten gesehen. Deshalb fühlten sie nicht nur Verzweiflung, sondern auch Furcht. Hussain beugte sich hinunter und küsste, von Trauer überwältigt und halb ohnmächtig, dem Toten die Stirn. Die Mutter zog ihn weg, bedeckte das Gesicht mit dem Tuch und blieb zwischen dem Bett und den Söhnen stehen. »Geht hinaus«, erklärte sie energisch.
Die Brüder traten zwei Schritte zurück, doch plötzlich bäumte sich Hassanein auf und blieb wie erstarrt stehen. Von seinem Bruder ermutigt, hielt auch Hussain inne. Verstört sahen sich beide im Zimmer um, als hätten sie erwartet, dass der Raum völlig verändert aussähe. Aber nein – es sah alles wie immer aus. Das Bett stand rechts von der Tür, der Schrank an der Wand, der Kleiderständer daneben. Links befand sich das Sofa, auf das sich die Schwester geworfen hatte, und daran gelehnt stand die Laute, noch mit dem Plättchen zwischen den Saiten. Entgeistert starrten sie das Instrument an. Wie oft hatten sie den Vater die Saiten zupfen gesehen, wie oft hatten sich die Freunde um ihn geschart und ihn begeistert gedrängt, noch mehr zu spielen. Ach, wie dünn ist der Faden, der Freude und Trauer verbindet, dünner als diese Saiten. Ihr Blick glitt zu der Uhr hinüber, die auf dem Nachttisch lag und noch immer leise tickte. Vielleicht hatte der Vater noch in jener Minute darauf geschaut, als für ihn der Abschied von der Welt und für seine Kinder das Leben als Waisen begann. Auf dem Ständer hing noch sein Hemd, ein wenig verschwitzt am Ausschnitt. Gerührt schauten sie es an, als wären sie vom Gedanken beherrscht, dass etwas so Nichtiges wie Schweiß beständiger als das Leben ist.
Schweigend beobachtete die Mutter ihre Söhne. Nicht das, was ihnen gerade durch den Kopf ging, machte ihr Kummer, sondern das, woran sie noch gar nicht dachten – an die Folgen dieses entsetzlichen Unglücks.
Ein tiefer Seufzer ließ Hussain aufschrecken. Er fasste seinen Bruder an die Schulter und flüsterte: »Komm, lass uns gehen.«
Sie warfen einen letzten Blick auf den Leichnam. Noch immer waren sie im tiefsten Innern überzeugt, dass des Vaters Blick auf ihnen ruhte und sie ihm deshalb, um ihn nicht zu verletzen, beim Hinausgehen nicht den Rücken zukehren durften. Mit einem letzten Gruß zogen sie sich langsam zurück und gingen hinaus. Als Hassanein seinen Bruder anschaute und dessen unendlichen Schmerz sah, schlug sein Herz heftig vor lauter Zuneigung. Mehr noch, er fühlte, wie sehr er die Liebe des Bruders brauchte.
Die beiden Brüder gingen hinunter. Vor der Haustür, wo einige Stühle in Reihen aufgestellt waren, sahen sie ihren ältesten Bruder, Hassan, sitzen. Niedergeschlagen schwieg er vor sich hin, und ebenso still setzten sie sich zu ihm. Verzweifelt rang jeder mit der Frage, wie es nun weitergehen sollte. Hassan machte den Eindruck eines erfahrenen Mannes. Er ähnelte den zwei jüngeren Brüdern, bis auf die Augen. Ein Zug von Verwegenheit und Leichtsinn lag in seinem Blick. Die Art, wie er das dichte, volle Haar gestrählt hatte, und die Tatsache, dass er einen Anzug trug, ließen einerseits erkennen, dass er Wert auf seine äußere Erscheinung legte, andererseits aber verlieh ihm das auch einen leichten Zug ins Gewöhnliche. Er wusste, was er zu tun hatte, und trotzdem rührte er sich nicht. Es schien, als ob er auf jemanden wartete, der ihm wichtig war.
»Wie ist unser Vater gestorben?«, fragte Hussain erregt.
Hassan runzelte die Stirn. »Ganz plötzlich, wir waren alle völlig überrascht. Er war noch in seinem Zimmer, zog sich an, und als ich in der Diele saß, hörte ich Mutter plötzlich entsetzt aufschreien. Ich rannte in sein Zimmer. Er lag auf dem Sofa und keuchte. Er zeigte auf seine Brust und aufs Herz, offensichtlich hatte er starke Schmerzen. Wir trugen ihn ins Bett, und Mutter holte ein Glas Wasser. Aber er konnte nicht trinken. Ich lief hinunter, um einen Arzt zu holen. Ich kam nicht weit, denn noch auf dem Hof hörte ich einen grellen Schrei, also rannte ich sofort zurück. Als ich oben ankam, war alles vorbei.« Er sah seine Brüder an, ihre Gesichter waren schmerzverzerrt. Bedrückt schwieg er. Es beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass die zwei seine Trauer nicht für echt halten könnten, weil er des Öfteren Krach mit den Eltern gehabt hatte. Der Grund dafür war immer der gleiche gewesen – sein angeblich zügelloses und unordentliches Leben. Deshalb überfiel ihn jetzt die Angst, dass seine Brüder glaubten, er würde weniger als sie trauern, weniger verzweifelt sein. Aber das stimmte nicht, er empfand unsäglichen Schmerz. Bei allem, was geschehen war, hatte er nie Zorn gegenüber dem Vater verspürt, und wenn seine Trauer vielleicht nicht der der Brüder glich, dann deshalb, weil er erstens mit seinen fünfundzwanzig Jahren älter war als sie, und zweitens, weil er schon viel vom Leben zu spüren bekommen hatte – Schönes, aber auch Bitteres. Und gerade das war es, das einen den Tod bisweilen weniger grausam als das Leben empfinden ließ. Aber ach, sein Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass ihm von nun an niemand mehr ins Gesicht schreien würde: »Ich kann auf Dauer einen Versager wie dich nicht ernähren! Du hast die Schule geschmissen, dann sorg auch für dich selbst und zähl nicht auf mich.« Von heute an würde ihm niemand mehr Ähnliches sagen, aber es würde ihn auch niemand mehr unterstützen, wenn er nicht mehr ein noch aus wusste. Leider zeigte sich am Himmel allzu oft nicht der kleinste Schimmer Hoffnung, und deshalb war ihm auch bewusst, stärker als diesen beiden großen Kindern, was für eine Katastrophe auf sie alle zukam. Wie sollte er da weniger trauern und verzweifelt sein als sie? Er blickte sie verstohlen an, biss sich auf die Lippen. Er liebte beide, auch wenn es genügend Grund gab, sie zu hassen. Sie hatten Erfolg in der Schule, und der Vater hatte sie immer geliebt. Nun ja, die Schule bedeutete ihm nichts, darum beneidete er niemanden. Und was den Vater betraf, war er überzeugt, dass der ihn zwar auch geliebt hatte, aber Ärger und Wut oftmals die Oberhand gewonnen hatten. Trotzdem war er für den Vater der Sohn geblieben, nichts wog stärker als die enge familiäre Beziehung, was vor allem ein Verdienst der Mutter war.
Mittlerweile war es Nachmittag geworden, und es stellten sich die ersten Trauergäste ein. Ländlich angezogen tauchte die Tante mit ihrem Mann Farag Sulaiman auf, der ihnen sein Beileid aussprach und sich zu ihnen setzte. Die Tante hingegen eilte ins Haus und rief: »Ach, meine arme Schwester, was für ein Unglück hat dein Heim getroffen!« Der Schrei hallte den Brüdern in den Ohren, und Hussain und Hassanein brachen erneut in Tränen aus, während der Onkel leise mit Hassan zu reden begann. Nach einer Weile fassten sich Hussain und Hassanein wieder und hingen schweigend ihren Gedanken nach. Unwillkürlich beschäftigte beide das Gleiche, nämlich was den Vater nun nach dem Tod wohl erwartete. Hussains starker Glaube an Gott, der sich auf die Tradition und das Wissen aus Büchern stützte, ließ ihn nicht daran zweifeln, dass Gottes Wohlgefallen auf dem Vater und auch auf ihm, Hussain, ruhen würde, sollten sie sich denn einst, an dem noch fernen Tag des Jüngsten Gerichts, wieder begegnen. Hassanein hingegen empfand den Tod als qualvolle Bedrängnis, die einen nicht zum Nachdenken kommen ließ. Der Glaube an Gott war für ihn eine Notwendigkeit, in die man sich schickte; mit dem Verstand hatte er nichts zu tun. Irgendwann hatte ihm die Mutter auferlegt, den religiösen Pflichten nachzukommen, und da hatte er es getan. Aber schließlich war er nachlässig geworden, auch wenn er den Glauben nie ganz verleugnete oder gar von ihm abwich. Glaubensgrundsätze hatten nie über seinen Verstand obsiegt, hatten ihn nie sonderlich beschäftigt, was aber nicht so weit ging, dass er dagegen rebelliert hätte. Jetzt, da der Tod in sein Leben getreten war, versagte ihm der Kopf den Dienst; er bestand nur noch aus Gefühl und stellte sich Gottes Willen wieder anheim. Sollte der Tod tatsächlich das Ende sein? Sollte vom Vater nur Staub bleiben, sonst nichts? Gott bewahre, das konnte nicht sein. Nun denn, Gottes Wort war keine Lüge.
Hassan beschäftigten solche Gedanken nicht, selbst der Tod konnte sie in seinem Kopf nicht heraufbeschwören; er schien von Natur aus Heide zu sein. Tatsächlich war er von keinerlei Erziehung oder Bildung geprägt, sondern eher ein Kind der Straße, und als das hatte ihn sein Vater, wenn er wütend war, auch bezeichnet. Er besaß einen starken Hang zur Leichtfertigkeit, sodass sein Herz kein fruchtbarer Boden für Glaubensgrundsätze war. Schlimmer noch, er riss bisweilen Witze und spottete über die Religion; selbst der leichte Hauch, den die tiefe Gläubigkeit der Mutter einst in seinem Herzen hinterlassen hatte, war in der tosenden Brandung des Lebens untergegangen. So kam es, dass er schon seit langem keinen Gedanken mehr an die Ewigkeit verschwendete, sondern das jetzige Leben lebte und auf das Glück der Familie aus war.
Lange hielt es ihn nicht in der Nähe seiner Brüder und seines Onkels, denn kaum sah er ein Stück entfernt einen Mann auftauchen, seufzte er erleichtert, als hätte er ihn erwartet: »Farid Effendi Mohammed!«
Obwohl die herbstlichen Temperaturen angenehm waren, wischte sich der Mann beim Näherkommen den Schweiß von der Stirn. Er war furchtbar fett – mit einem riesigen Bauch und einem runden, feisten Gesicht, das dennoch fein geschnittene Züge hatte. Die enorme Körperfülle wie auch sein vorgerücktes Alter und seine elegante Erscheinung verliehen ihm eine Würde, auf die jeder Regierungsbeamte, von Büroangestellten ganz zu schweigen, stolz gewesen wäre. Hoffnungsvoll blickten ihm die Brüder entgegen, wie es bei einem guten Nachbarn und alten Freund des Vaters zu erwarten war. Kaum hatte der Mann sein Beileid ausgesprochen, sagte er zu Hassan: »Ich habe mich im Ministerium für heute beurlauben lassen. Gehen wir also ins Büro des Verstorbenen, um das Beerdigungsgeld abzuholen und die notwendigen Dinge zu regeln.« Er erkundigte sich bei Hassan, ob noch wegen der Bestattung etwas zu erledigen wäre, dann hakte er ihn unter und machte sich mit ihm auf den Weg.
Am Tag der Bestattung war Hassanein so wütend, dass es ihn sogar von seiner Trauer ablenkte. Er hatte sich ein großartiges Begräbnis gewünscht, eins, das der Stellung und Würde des Vaters entsprochen hätte. Er wusste, dass sich seine Brüder dafür nicht sonderlich interessierten, aber er hielt ein misslungenes Begräbnis für ein genauso großes Unglück wie den Tod, und so ärgerte er sich nicht nur wegen des geliebten Vaters, sondern ebenso sehr auch seinetwegen. Solange er auch unter den Trauergästen Ausschau hielt, er konnte niemanden entdecken, der, außer dem geachteten Nachbarn Farid Effendi Mohammed, gesellschaftliches Ansehen genoss. Der Mann seiner Tante war nur Arbeiter, und Gabir Sulaiman, der Gemüsehändler, stellte auch nichts Besseres dar. Der Friseur war gekommen, was alles noch schlimmer machte. Außerdem standen ein paar Leute herum, deren Abwesenheit mehr Ehre gewesen wäre als ihre Anwesenheit. Sein Herz verkrampfte sich, und er verspürte immer stärkeren Unwillen. Aber dann, als es bereits vier Uhr war, zeigte sich, dass er zu ungeduldig gewesen war – grüppchenweise strömten Beamte herbei, und zwar so viele, dass die Nasrallah-Gasse völlig verstopft war. Hassaneins Lebensgeister kehrten zurück, endlich konnte er sich wieder aus vollem Herzen seiner Trauer hingeben. Plötzlich geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte: Ein teures Auto, das jemandem mit hohem Rang gehören musste, hielt unweit des Hauses an. Der Fahrer stieg aus, öffnete die hintere Tür, und heraus stieg ein imposanter Mann, der nach Reichtum und hoher Stellung aussah. Er war groß und stattlich, und sein Alter, er mochte an die fünfzig Jahre alt sein, verlieh ihm noch mehr Würde. Die Brüder eilten beflissen auf ihn zu, und Farid Effendi Mohammed, der als Beamter auf Anhieb ahnte, dass der Mann ein großes Tier sein musste, schloss sich ihnen an, um der Gunst, eine solch hohe Persönlichkeit begrüßen zu dürfen, teilhaftig zu werden.
»Ist dies das Haus des verstorbenen Kamil Effendi Ali?«, fragte der neue Gast mit gedämpfter Stimme.
Voller Respekt erwiderte Farid Effendi: »Gewiss, Exzellenz.«
Die einzig bequeme Sitzgelegenheit war ein Rohrstuhl, und als Hassanein ihn mitten auf den Weg stellte, geriet er in ziemliche Verlegenheit. Sosehr er sich auch über den hohen Besuch freute, ärgerte er sich über dessen Frage nach dem Haus, zeigte das doch, dass er den Vater bisher nie besucht hatte. Er trat an Hassan heran und fragte: »Wer ist der Mann?«
»Achmed Bey Jusri, ein hoher Inspektor im Innenministerium und ein guter Freund von Vater.«
»Und warum fragt er dann nach dem Haus, als würde er es überhaupt nicht kennen?«
Hassan warf ihm einen etwas sonderbaren Blick zu. »Nun ja, Vater hat ihn zwar oft zu Hause besucht, aber er … er ist eben ein hohes Tier, wie du siehst.« Für einen Moment schwieg er, dann fuhr er fort: »Vater hat ihn sehr gemocht und für seinen besten Freund gehalten.«
Hassanein beschloss, sich nicht länger zu ärgern und seinen Stolz verderben zu lassen. Von ganzem Herzen wünschte er sich, dass alle Welt den Inspektor sehen könnte.
Es kam der schmerzliche Augenblick, da die Bahre aus dem Haus getragen wurde, begleitet von Klagerufen, die von Balkons und Fenstern schollen. Die Trauergäste schlossen sich zu einem Zug zusammen und folgten der Bahre. Ungläubig und wie betäubt setzten sich Hussain und Hassanein in Gang, und ihre Tränen flossen in Strömen. Als der Trauerzug die Moschee erreicht hatte, dankten sie den Gästen für ihr Kommen und verabschiedeten sie. Einige wenige hielten sich bereit, den Toten bis an seine letzte Ruhestätte zu begleiten, aber Hassanein flüsterte Hassan zu: »Egal, wie du es machst, aber erlaube niemandem mitzukommen.«
Um der Ehre der Familie willen wollte er auf keinen Fall, dass irgendjemand das bescheidene Grab sah. Hassan gelang es, die verbliebenen Gäste von ihrem Vorhaben abzubringen, und so stiegen die Brüder in den Bestattungswagen; niemand außer Onkel Farag Sulaiman und Farid Effendi Mohammed, der sich durch noch so viel Drängen nicht abhalten ließ, begleitete sie. Das Auto brachte sie schnell zum Bab an-Nasr und hielt an einer Stelle an, wo die Gräber unter freiem Himmel angeordnet waren. Unweit des gekrümmten Wegs, der sich durch die Reihen von Gräbern zog, wurde der Leichnam Kamil Effendis in die Erde gelassen, in einem Grab, das nach Armenbestattung aussah. Hassanein ertrank in Trauer und Tränen, aber hin und wieder schaute er verlegen und beschämt zu Farid Effendi Mohammed hinüber. ›Würden meine Mitschüler wissen, dass mein Vater gestorben ist‹, dachte er, ›hätten sie mir bestimmt ihr Beileid aussprechen wollen, und manche wären sogar zum Begräbnis gekommen. Gott sei Dank habe ich mir das erspart. Keine ordentliche Grabkammer, keine würdigen Gäste. Wie kann es nur sein, dass Vater nicht schon längst eine Grabstätte bauen ließ, die dem Rang unserer Familie entspricht.‹
Es war fast Mitternacht, und nachdem bis auf die Tante und ihren Mann alle gegangen waren, saß die Familie noch im Salon zusammen. Die Mutter erzählte an diesem traurigen Tag vielleicht zum zwanzigsten Mal, wie der Vater gestorben war. Hussain und Hassanein hörten aufmerksam zu, während Hassan niedergeschlagen seinen Gedanken nachhing.
Hassanein begann über Achmed Bey Jusri zu sprechen, wobei er es tunlichst vermied zu erwähnen, dass der hohe Gast den Vater nie besucht hatte. Zum einen genierte er sich, weil die Tante und ihr Mann anwesend waren, zum anderen wollte er es so schnell wie möglich verdrängen. Das Gefühl zärtlichen Mitleids mit dem Vater überwältigte ihn, und trübsinnig starrte er auf die geschlossene Tür des Zimmers und konnte kaum glauben, dass das Bett leer war.
Die Mutter schaute auf. »Geht schlafen«, sagte sie.
Ohne zu widersprechen, folgten ihr alle – zu schmerzlich und hart war dieser Tag gewesen. Gefolgt vom Mann ihrer Tante, gingen die Brüder in ihr Zimmer. Da es nur drei Betten gab, musste sich Hassanein das Bett mit Hussain teilen. Keiner konnte und wollte schlafen, und so begannen sie, über den Vater, seine letzten Tage und seinen plötzlichen Tod zu reden.
»Sein Begräbnis«, meinte Hussain, »war wirklich würdevoll.«
»Gott hat sich seiner erbarmt, wie es einem großen Mann gebührt«, pflichtete ihm Farag Sulaiman bei. »Da ist es kein Wunder, dass das Begräbnis großartig war. Die Nasrallah-Gasse war von hier bis zur Schubra-Straße voll von Leuten.«
Hassanein hörte nur unwillig zu, ihn störte die Anwesenheit des Onkels. Als ihm einfiel, dass dieser Mann das ärmliche, nackte Grab gesehen hatte, ärgerte er sich noch mehr. »Ich finde es seltsam«, sagte er, »dass unser Vater, der für alles Mögliche Geld ausgegeben hat, nicht daran dachte, eine Grabstätte zu bauen, die der Familie angemessen ist.«
»Woher sollte er wissen, dass er so früh stirbt? Dein Vater war in den Fünfzigern. Bei uns auf dem Land heiraten in diesem Alter viele zum zweiten oder dritten Mal.« Der Onkel schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: »Außerdem ist euer Vater erst als Junge mit der Großmutter von Damiette nach Kairo gezogen. Ihr seid eben keine dieser Kairoer Familien, die ihr Grabmal von Generation zu Generation vererben.«
»Richtig, wir sind keine gebürtigen Kairoer«, knurrte Hassanein verärgert, »und unsere Beziehungen zu den Verwandten in Damiette sind auch abgebrochen.« Es machte ihn traurig, dass er außer dieser Tante keine anderen Verwandten kannte. Das unbekannte Grab unter freiem Himmel war und blieb das Symbol für die beschämende Verlorenheit in dieser großen Stadt. Sein ganzer Kummer entlud sich im wachsenden Groll auf diesen Mann, der sein Bett in Beschlag nahm; er hielt es für das Beste, nichts mehr zu sagen, damit der Kerl wenigstens aufhörte zu reden. Es wurde still, und schließlich drückte ihnen der Schlaf die Lider zu.
Im Salon saßen die Frauen noch immer beisammen; sie wurden nicht müde, über den teuren Toten zu sprechen. Das Entsetzen über dieses schwere Unglück lastete schwer im Raum, zeichnete sich deutlich auf dem schmalen, ovalen Gesicht der Mutter ab. Sie sah noch verhärmter aus als sonst, was an den entzündeten Augen liegen mochte. Schlank war sie schon immer gewesen, aber jetzt ragten das Kinn und die an sich runde Nase so spitz aus dem Gesicht hervor, dass man den Eindruck gewinnen musste, sie hätte ihre ganze Kraft verausgabt. Nur der energische Blick sprach vom festen Willen, Geduld zu üben und das Schicksal der Familie in geordnete Bahnen zu lenken. Das Leben hatte sie müde gemacht, und wollte man sich vorstellen, wie sie in ihrer Jugend ausgesehen haben mochte, genügte ein Blick auf ihre Tochter Nafisa. Auch sie hatte ein schmales, ovales Gesicht, ein spitzes Kinn und eine kurze, kräftige Nase, dazu kamen die gleiche Blässe und die kleine Wölbung des oberen Rückens. Was sie von der Mutter unterschied, war die Größe; Nafisa reichte fast an ihren Bruder Hassanein heran. Man konnte sie eher als hässlich denn als schön bezeichnen, weil sie zu ihrem Unglück im Aussehen zu viel von der Mutter und zu wenig, wie die Brüder, vom Vater geerbt hatte. Jetzt, da ihr ganzes Denken von den Erinnerungen an den geliebten Vater beherrscht war, sah sie noch hässlicher aus.
Die Mutter hingegen beschäftigten trotz aller Traurigkeit noch andere Gedanken. Sie empfand die Anwesenheit der Schwester als nicht sonderlich angenehm, zu sehr vergällte diese ihr mit ihrer Missgunst das Leben. Sie zog ständig Vergleiche und zählte neiderfüllt die Unterschiede auf: Die Schwester wäre mit einem Beamten verheiratet, sie nur mit einem Arbeiter in einer Baumwollfabrik. Die Schwester wohnte in Kairo, ihr war ein Leben auf dem Land beschieden. Die Söhne der Schwester gingen zur Schule, ihren Söhnen bescherte das Glück nur das Los von Fabrikarbeitern. In der Kammer der Schwester gingen die Vorräte nie aus, in ihrem Haus gäbe es nur an den Festtagen üppig zu essen. Nun gut, vielleicht gab es jetzt für die Schwester keinen Grund mehr, sie zu beneiden, dachte die Mutter voller Groll. Dabei ahnte weder die Schwester noch eins ihrer Kinder, was für schreckliche Folgen dieses Unglück nach sich zog. Der Ernährer war nicht mehr am Leben, und weit und breit stand niemand zur Verfügung, der ihnen helfen konnte. Auf die Schwester durfte sie keine Hoffnung setzen, und andere Verwandte gab es nicht. Ein Erbe hatte der Verschiedene auch nicht hinterlassen, denn das Gehalt hatte für die täglichen Kosten gerade gereicht. In der Brieftasche ihres Mannes fanden sich zwei Pfund und siebzig Piaster, das war alles, was ihr an Hab und Gut geblieben war. Bis die Frage der Pension geregelt war, musste sie damit auskommen.
Besorgt schaute sie in Richtung des Zimmers, wo die Söhne schliefen. Zwei besuchten die Schule, und wenn sie auch kein Schulgeld bezahlen mussten, entstanden trotzdem viele Ausgaben. Und dann der Älteste – ein rechter Tunichtgut. Sie seufzte schwer. Ihr Blick fiel auf Nafisa, und vor lauter Mitleid seufzte sie gleich noch einmal. Eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren, ohne Geld, ohne Schönheit, ohne Vater und mit einer mittellosen Familie geschlagen.
Was halfʼs, sie gehörte nicht zu den Frauen, die ihren Kummer mit Tränen versilberten. Selbst wenn ihr das bisherige Leben in diesem Moment wie ein glücklicher Traum vorkam, war es keineswegs leicht gewesen. Am schwersten hatte sie es in den ersten Jahren gehabt, als ihr Mann noch ein kleiner Beamter gewesen war und wenig verdiente. Sie hatte gelernt, sich in Geduld zu üben, stark zu sein und zu kämpfen. Sie war immer kräftig gewesen, behielt alle Fäden in der Hand. Wenn es hart auf hart kam, hatte sie gegenüber den Kindern die Rolle des Vaters gespielt, während der Verstorbene zu mütterlicher Zärtlichkeit und Schwäche geneigt hatte. Die Söhne lieferten in ihrer Unterschiedlichkeit ein getreues Abbild der Eltern. Hassan war der unglückliche, lebende Beweis für die weiche Art des Vaters, die zum Verwöhnen neigte, und Hussain und Hassanein legten ein beredtes Zeugnis von der Entschlossenheit und Tatkraft der Mutter ab. Sicher, sie würde auch als Witwe Stärke zeigen, aber im Augenblick, zu dieser späten Stunde, wollte und konnte sie nichts anderes tun, als von ganzem Herzen zu trauern und sich ihrer düsteren Schwermut zu überlassen.
Am Abend des nächsten Tags war die Familie wieder für sich allein. Im Zimmer des Verstorbenen standen die Möbel, zum Teil übereinander gestapelt, in einer Ecke, und die Tür war geschlossen. Die Geschwister saßen bei der Mutter; ein jeder hatte das Gefühl, dass die Zeit gekommen war, ihr zuzuhören. Die Mutter wiederum wusste, dass sie jetzt reden musste. Was sie zu sagen hatte, war ihr klar, denn lange genug hatte sie darüber nachgedacht. Trotzdem gab es etwas, das sie verwirrt und zögerlich sein ließ, und zwar das Wissen um die Kluft, die sich zwischen ihrem entschlossenen Auftreten und dem unendlichen Mitleid mit ihrer unglücklichen Familie auftat. Sie schlug die Augen nieder, um den Blicken, die einzig auf sie gerichtet waren, auszuweichen.
»In unserem großen Unglück haben wir niemand anderes mehr als Gott, und Gott vergisst keinen seiner Diener.«
Sie wusste, dass sie nicht zu fragen brauchte, was nach Meinung der Kinder getan werden müsste; von keinem war eine Antwort zu erwarten, nicht einmal von ihrem Ältesten, Hassan. Und da war auch niemand, den sie hätte bitten können, mit ihr ihre Sorgen zu teilen. Sie hatte das Gefühl, in wüster Ödnis zu leben. Sie riss sich zusammen, kämpfte dagegen an, sich in Verzweiflung zu flüchten. Mit leiser Stimme hob sie an zu sprechen.
»Wir haben keine Verwandten, auf die wir uns stützen können, und unser teurer Verstorbener hat uns außer der Pension nichts hinterlassen. Sie fällt bestimmt geringer aus als sein Gehalt, und das hat schon kaum gereicht. Die Zukunft sieht düster aus, aber Gott vergisst keinen seiner Diener. Viele Familien, denen es ähnlich ergangen ist, haben sich in Geduld gefasst, bis Gott sie an die Hand nahm und sie auf sicheren Boden geleitet hat.«
Mit schluchzender Stimme flüsterte Nafisa: »Niemand stirbt vor Hunger in dieser Welt, Gott wird uns leiten und alles richten. Das einzige Unglück, über das wir nie hinwegkommen werden, ist Vaters Tod. Ach, mein armer Papa!«
Ihre Tränen beeindruckten die Brüder nicht sonderlich tief, denn aus den ersten Worten der Mutter war deutlich herauszuhören, dass es gleich um wichtige Dinge gehen würde. Also war höchste Aufmerksamkeit geraten.
»Wenn wir auch nicht an Gottes Gnade zweifeln dürfen«, fuhr die Mutter fort, »müssen wir uns klarmachen, woran wir sind, andernfalls stürzen wir ins Verderben. Wir müssen uns darauf einstellen, mit Geduld und Würde das zu ertragen, was uns das Schicksal beschieden hat. Gott ist mit uns.« Damit war das Allgemeine gesagt, nun war es an der Zeit, mit den Söhnen zu reden und sich jeden einzeln vorzunehmen. Am klügsten war sicherlich, mit einem kleinen Problem zu beginnen, bevor die schwer wiegenden Fragen an die Reihe kamen. Sie schaute Hussain und Hassanein an und sagte betont ruhig: »Es wird nicht mehr möglich sein, euch ein Taschengeld zu zahlen. Zum Glück habt ihr es ja immer nur für dummes Zeug ausgegeben.«
Dummes Zeug? Der Beitrag für den Fußballklub, das Kino, Romane – war das unwichtig? Bestürzt und ohne ein Wort zu sagen, versuchte Hussain die Entscheidung zu verarbeiten. Fieberhaft stellte er sich vor, wie das Leben ohne Taschengeld aussehen würde. Hassanein hingegen fühlte sich wie vom Blitz getroffen, und ohne lange nachzudenken, protestierte er auf der Stelle: »Überhaupt kein Taschengeld? Kein einziger Millim?!«
Die Mutter sah ihn eindringlich an. »Kein einziger Millim.« Seine Empörung tat ihr zwar weh, aber sie kam ihr auch zupass, weil sie nochmals bekräftigen konnte, dass an ihren Worten nicht zu rütteln war. Ihr Ältester, mit dem es die meisten Unannehmlichkeiten geben würde, sollte gut zuhören.
Hassanein machte den Mund auf, und nachdem er erst etwas Unverständliches gemurmelt hatte, sagte er betreten: »Dann sind wir die einzigen Schüler, die nichts in der Tasche haben.«
»Unsinn, bild dir das bloß nicht ein«, entgegnete die Mutter scharf. »Schicksalsschläge gibt es viele, auch andere Schüler sind davon betroffen. Könntest du in die Taschen gucken, sind sie bei vielen leer. Aber selbst wenn ihr die Einzigen wärt, die arm sind, ist das keine Schande. Ich bin nicht verantwortlich für das, was geschehen ist.«
Hassanein flüchtete sich in Schweigen, schließlich sprach er mit seiner Mutter. Beim Vater war er immer auf Nachsicht gestoßen, bei ihr nie. Der Vater hatte ihn sehr geliebt, höchstens Nafisa war er genauso zugetan gewesen. Jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, wann die Mutter jemals nachgegeben hätte.
Im Gefühl, Hassaneins Widerspruch ausreichend beantwortet zu haben, fuhr die Mutter fort: »Und wehe, ihr esst euch bei der Schulspeisung nicht satt.«
Tatsächlich hatten sich die beiden Brüder mit ein paar Happen begnügt, denn richtig essen wollten sie lieber zu Hause. Über Schüler, die sich in der Schule satt aßen, machte man sich ein bisschen lustig.
»Warum sollen wir nicht wie sonst zu Hause essen?«, fragte Hassanein vorsichtig.
Die Mutter winkte ärgerlich ab. »Wer weiß, vielleicht gibt es zu Hause nichts, was du magst.«
Hassan, der die ganze Zeit über still zugehört hatte, hatte Mühe, nicht zu grinsen; angestrengt bemühte er sich, ernsthaft auszusehen. Der Mutter war es nicht entgangen, und deshalb entschloss sie sich, auf ihn zu sprechen zu kommen und ihn mit der neuen Lage zu konfrontieren. »Und du, Hassan?«, fragte sie traurig.
Der älteste Sohn; der Erste, der ihre Mutterinstinkte geweckt und den sie als Ersten geliebt hatte. Trotzdem war er der greifbare Beweis, dass mütterliche Liebe nicht ein für alle Mal gegeben, sondern den Widrigkeiten des Lebens ausgesetzt war. Natürlich bedeutete das nicht, dass sie ihn hasste, davon war sie weit entfernt. Aber sie zählte nicht mehr auf ihn, seit sie mit großer Wehmut hatte beobachten müssen, wie er sie in all ihren Hoffnungen enttäuschte. Nun nahm er nur noch einen dunklen Winkel ihres Herzens ein, und wann immer sich ein Fünkchen Liebe regte, war dieses Gefühl von Enttäuschung, Trauer und schmerzlichen Erinnerungen begleitet. Von Anfang an war er das größte Problem für die Familie gewesen. Noch in die damaligen ärmlichen Verhältnisse hineingeboren, wurde er trotzdem vom Vater verhätschelt. Er schickte ihn erst ziemlich spät zur Schule, und schon innerhalb kurzer Zeit zeigte sich, dass der Junge von der Schule nichts wissen wollte und immer häufiger den Unterricht schwänzte. Jahr um Jahr fiel er bei den Prüfungen durch, und schließlich weigerte er sich, überhaupt noch zur Schule zu gehen. Was es einst zwischen Vater und Sohn an Zuneigung gegeben hatte, war Zank und Streit gewichen, und schließlich artete es in richtige Feindschaft aus. Bisweilen warf ihn der Vater sogar aus dem Haus, aber nach ein paar Tagen Herumlungern kehrte Hassan, der noch keine zwanzig Jahre alt war, wieder zurück, jedes Mal mit neuen Lastern beladen und von Sünden und Süchten gezeichnet, eine Folge seiner Bekanntschaft mit üblen Ganoven. Als der Vater vor lauter Verzweiflung nicht mehr ein noch aus wusste, schickte er ihn zur Arbeit in einem Gemüseladen, doch nach einem Monat wurde er bereits entlassen, weil er den Besitzer so verprügelt hatte, dass der Mann fast umgekommen wäre. Danach begann er in einer Autowerkstatt zu arbeiten, aber auch dort wurde er nach einer handfesten Auseinandersetzung entlassen. Er kümmerte sich um nichts mehr; weder interessierte ihn, ob der Vater vor Zorn tobte, noch ob die Mutter resolut durchgreifen wollte. Mit einer tüchtigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet, zwang er sich der Familie einfach auf. Ihrem Ärger begegnete er mit lässiger, gar belustigter oder streitbarer Verachtung, lümmelte sich ungerührt zu Hause herum, ohne auch nur im Geringsten daran zu denken, sich eine Arbeit zu suchen. Um die Zukunft machte er sich keine Gedanken, er lebte unbekümmert in den Tag hinein, bis – ja, bis plötzlich der Tod des Vaters eintrat. Er begriff sofort den Ernst der Lage, denn er war der Einzige, der die Höhe des Gehalts des Vaters genau kannte und deshalb abschätzen konnte, wie hoch die Pension ausfallen würde. Er wusste, was die Mutter mit der Frage ›Und du, Hassan?‹ gemeint hatte. Am liebsten hätte er ihr gesagt: ›Hast du nicht erklärt, dass Gott seine Diener nicht vergisst? Ich bin sein Diener, warten wir doch ab, ob er sich an uns erinnert. Warum hat er uns den Vater genommen? Warum führt er uns seinen weisen Ratschluss auf Kosten von Opfern wie uns vor?‹ Er sagte nichts dergleichen, sondern lächelte sie, um einen Hauch von Verantwortlichkeit bemüht, voller Zuneigung an. Schließlich sagte er: »Ich begreife voll und ganz, worum es geht.«
»Begreifen allein nützt nichts«, erwiderte die Mutter gereizt.
»Na sicher, man muss etwas tun.«
»Das hören wir ständig von dir.«
»Aber jetzt ist die Situation verändert.«
»Können wir also hoffen, dass auch du dich verändert hast?«
»Einer wie ich«, erklärte Hassan mit fester Stimme, »geht nie verloren, ich finde schon meinen Weg. Möglichkeiten gibt es genug, und meine Waffen sind zahlreich. Worum ich dich bitte, Mutter, ist lediglich das Dach über dem Kopf, und vielleicht ein Stückchen Brot.«
Genau das war seine Methode – erst willigte er in alles ein, und heraus kamen neue Forderungen. Unterkunft und Essen, was gab es sonst noch? Ärgerlich sah sie ihn an. »Solches Geschwätz können wir im Augenblick nicht gebrauchen.«
»Geschwätz?«
»Gewiss. Wir brauchen jemand, der uns ernährt. Woher, bitte schön, sollen wir das Stück Brot für dich nehmen? Warum zwingst du mich, dir das so offen ins Gesicht zu sagen?«
Er lächelte zaghaft. »Ist ja nur für eine Weile. Bis die Dinge besser stehen. Ich werde euch schon nicht zur Last fallen. Oder willst du mich aus dem Haus jagen? Sobald sich ein Weg findet, werde ich meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich glaube nicht, dass du glücklich wärst, mich vor Hunger sterben zu sehen, falls es ein paar Tage dauern sollte, bis ich Arbeit habe. Bis dahin werde ich also auf jeden Fall das Brot mit euch teilen.«
Die Mutter seufzte. Sie stand vor einem echten Problem und wusste nicht, wie sie es lösen sollte. Ihre größte Furcht war, dass Hassan, sobald die Trauer um den Vater nachließ, wieder seiner Faulheit frönte und untätig herumlungerte. »Ich bitte dich sehr«, sagte sie eindringlich, »dir ernsthaft und ehrlich eine Arbeit zu suchen.«
»Versprochen. Ich schwöre es dir beim Grab unseres Vaters.« Das klang sogar aufrichtig.
Die Peinlichkeit der Situation, sein Schwur und vor allem die Erwähnung des Grabs des Vaters fachten den Sturm der Trauer erneut an. Nafisa brach in Tränen aus, und Hassanein kam es vor, als sackte ihm das Herz weg. Hussain hingegen schaute verstört und vorwurfsvoll seinen großen Bruder an. Die Mutter verharrte schweigend, sie fühlte eine schmerzliche Wunde. Trotzdem vergaß sie nicht, dass noch nicht alles gesagt war. Sie sah entschlossen einen nach dem anderen an und sagte: »Nafisa kann gut nähen. Bisher hat sie es nur aus Freundlichkeit für die Nachbarinnen gemacht, aber es spricht nichts dagegen, dass sie für ihre Mühe auch etwas bekommt.«
»Völlig richtig«, rief Hassan begeistert, aber Hassanein wurde fast gelb vor Wut und schrie: »Was? Sie soll nähen?«
»Warum nicht? Ist doch keine Schande, soll sie es tun«, widersprach Hassan.
»Meine Schwester wird auf keinen Fall als Schneiderin arbeiten«, fauchte Hassanein, »ich will nicht der Bruder einer Schneiderin sein.«
Die Mutter runzelte vor Ärger die Stirn. Heftig fuhr sie Hassanein an: »Du bist wie ein Bulle, isst und schläfst. Von der Welt weißt du nichts, mit deinem bisschen Verstand begreifst du nicht, wie es um uns steht.«
Er öffnete den Mund, um zu protestieren, da schrie sie: »Sei still!«
Er schnaubte empört, gab aber keinen Mucks von sich. Da aus dieser Richtung kein Widerstand mehr zu erwarten war, wandte sich die Mutter an Hussain. Für einen kurzen Moment sahen sie sich an, dann blickte er zu Boden und murmelte widerwillig: »Wenn es keinen anderen Ausweg gibt, ist es eben Gottes Wille.«
»Wie Hassan gesagt hat, es ist keine Schande. Ich will, dass keiner von euch verächtlich behandelt wird, aber Not kennt kein Gebot. Ich sehe keine andere Möglichkeit.«
Es herrschte schmerzliches Schweigen. Hussain ähnelte der Mutter in puncto Geduld, Klugheit und Familiensinn am stärksten. Sosehr ihn das Schicksal seiner Schwester auch betroffen machte, fand er es töricht, gegen einen Vorschlag, den die Not diktierte, zu protestieren. Er hatte das Gefühl, in den beiden letzten Tagen mehr gelernt zu haben als im ganzen bisherigen Leben.
Nafisa selbst schwieg hilflos. Es war nicht das erste Mal, dass sie von dieser Idee hörte; die Mutter hatte sie schon vorher zu überzeugen versucht, dass das Nähen für andere Leute nicht nur notwendig, sondern durchaus auch angesehen wäre. Nafisa machte es Spaß, es war ein Zeitvertreib, aber nun würde sie sich daran gewöhnen müssen, Geld dafür zu nehmen. Sie fühlte sich verunsichert, und das machte, dass sie den Verlust des Vaters und die damit entstandene Leere noch schmerzlicher empfand.
Hassan brach als Erster das Schweigen. Etwas wie Bedauern schwang in seiner Stimme mit, als er sagte: »Es ist wirklich schade, dass Vater sich weigerte, Nafisa länger auf die Schule zu schicken. Stellt euch vor, sie wäre jetzt Lehrerin.« Als er sah, wie befremdet ihn die anderen anschauten, begriff er, dass sie seine Worte als schlechten Scherz empfinden mussten. Hätte er nicht als Erster den Wert von Bildung erkennen und die Schule abschließen müssen? Mürrisch verzog er das Gesicht und knurrte: »Bildung ist etwas für Leute, die nichts anderes können.«
Am nächsten Tag ging die Mutter gleich morgens in Begleitung von Hassan in das Kultusministerium. Als sich dort herumsprach, dass sie die Witwe des verstorbenen Kamil Effendi Ali war, eilten viele seiner Kollegen herbei, um ihr behilflich zu sein. Sie bat darum, ihr den Teil des Gehalts auszuzahlen, auf den sie Anspruch hatte. Daraufhin erklärte man ihr, welche Schritte sie zu unternehmen hatte, um einen Erbberechtigungsschein zu erhalten. Sie fragte nach der Höhe der Pension, aber um das zu klären, musste sie in die Personalabteilung gehen. Einer der Kollegen begleitete sie, und sie erfuhr, dass ihr Mann nach dreißigjähriger Tätigkeit im Monat siebzehn Pfund verdient hatte und seinen Erben schätzungsweise eine Pension von fünf Pfund zustand. Die Information erschreckte sie, denn auch wenn sie von Rentenangelegenheiten nichts verstand, hatte sie auf mehr gehofft. Als man ihr dann aber noch die langwierige Prozedur erklärte, und dass es Monate dauern würde, bevor sie die Pension ausbezahlt bekommen würde, konnte sie vor lauter Entsetzen nicht mehr an sich halten und fragte empört: »Und wovon sollen wir die ganze Zeit leben?«
»Wir brauchen die Pension, wir haben sonst nichts«, versuchte Hassan die heftige Reaktion seiner Mutter zu erklären. Im gleichen Moment bereute er seine Worte, denn angesichts seiner stattlichen Erscheinung mussten sie befremdlich klingen. Zum Glück schien der Beamte Hassans Bemerkung überhört zu haben, sein Blick blieb unverändert auf die Mutter gerichtet. »Ich verspreche Ihnen, meine Dame, dass wir unser Möglichstes tun werden, nur haben wir leider keinen Einfluss auf das Finanzministerium.«
Was nützten die gut gemeinten Worte? Aber Gejammer und Beschwerden würden auch nichts bringen. Aufgeregt und verzweifelt verließen beide das Ministerium. »Wie sollen wir diese vielen Monate überstehen?«, rief die Mutter draußen. »Und wie sollen wir danach mit fünf Pfund auskommen?«
Niedergeschlagen blickte Hassan zu Boden. Plötzlich kam ein klein wenig Glanz in die müden Augen der Mutter, und sie sagte: »Ich werde Achmed Bey Jusri besuchen, immerhin ist er Inspektor und hat großen Einfluss. Und er war ein Freund deines Vaters.«
»Ein guter Gedanke. Ein Wort von ihm, und alles geht schneller«, erklärte Hassan, erfüllt von neuer Hoffnung. Die Mutter sah ihn eindringlich an und bat: »Verlier keine Zeit, ich gehe allein nach Hause. Du weißt, wie es um uns steht, also mach dich auf die Suche nach Arbeit, egal, wie schwierig es ist.«
Sie kehrte allein nach Schubra zurück. Am Nachmittag machte sie sich auf den Weg in die Taher-Straße, das ›Feine-Leute-Viertel‹, wie es alle nannten. Sie zweigte von der Hauptstraße ab und lag drei Stationen von der Nasrallah-Gasse entfernt. Elegante Villen und neue Gebäude säumten die Straßenseiten. Nachdem die Mutter einige Passanten nach dem Haus des Bey gefragt hatte, stand sie endlich davor: eine schöne, zweistöckige Villa, umgeben von einem hübschen Garten. Sie stellte sich dem Pförtner als Witwe des verstorbenen Kamil Effendi Ali vor, und nach wenigen Minuten kehrte er zurück und führte sie in einen prächtigen Empfangsraum, an den sich eine große Veranda anschloss. Der Bey würde sich nur etwas überziehen und gleich kommen, teilte er ihr mit. Die Wartezeit kam ihr lange vor, aber sie blieb still sitzen, ohne den Schleier vom Gesicht zu heben. Sie war mit ihren Gedanken viel zu beschäftigt, um von den kostbaren Dingen, die sie umgaben, Notiz zu nehmen. All ihre Hoffnung setzte sie auf diesen teuren Freund, von dem ihr Mann immer nur voll Wärme und Stolz gesprochen hatte. Des Öfteren hatte auch sie die Früchte dieser Freundschaft genossen, wenn nämlich die Saison für Weintrauben und Mango gekommen war und ein paar Körbe ins Haus geschickt wurden. Ihr Mann hatte viele Abende in dieser Villa verbracht, vielleicht hatte er sogar auf diesem Platz gesessen und auf der Laute gespielt. Traurig sah sie sich um, beseelt von der Hoffnung, getröstet und zufrieden nach Hause gehen zu können. Sie hing ihren Gedanken nach, bis sich plötzlich die Tür öffnete und der Bey eintrat – eine große, stattliche Erscheinung, mit sorgfältig gezwirbeltem Schnurrbart. Die Mutter stand höflich auf, aber der Bey grüßte und sagte freundlich: »Bitte, behalten Sie doch Platz. Ihr Besuch ist uns eine Ehre, möge Gott sich Ihrem Gatten gnädig erweisen. Er war ein sehr lieber Freund, und sein Verlust hat mich überaus traurig gemacht, mein Leben lang wird er mir fehlen.«
Solch freundliche Worte sind ein gutes Omen, dachte die Mutter und dankte dem Bey für seine Güte. Er begann, über den Verstorbenen zu erzählen, und nicht lange, und der Mutter standen Tränen in den Augen. Getrieben vom Wunsch, Mitleid zu erregen, versuchte sie nicht, die Tränen zurückzuhalten. Für einen Moment herrschte Stille, und trotz aller Traurigkeit fiel der Mutter auf, dass der Schnurrbart und die Koteletten gefärbt waren und starker, durchdringender Parfümgeruch in der Luft lag.
Als schließlich der Bey die Güte zeigte, sie nach dem Grund ihres Kommens zu fragen, sagte sie: »Ich wollte Eure Exzellenz bitten, sich dafür einzusetzen, dass die Pension vielleicht schneller ausgezahlt wird. Man hat mir gesagt, dass es Monate dauern kann.«
Der Bey dachte ein Weilchen nach. »Gut, ich werde mein Möglichstes tun. Ich könnte mit dem Finanzminister reden.«
Ihr Herz machte einen Freudensprung. Sie dankte dem Bey, und nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: »Gott allein weiß, wie unsere Lage ist, Exzellenz, und deshalb eilt die Angelegenheit ein wenig.«
»Natürlich, natürlich, ich verstehe nur zu gut. Brauchen Sie vielleicht Hilfe?«
Was für eine Frage! Zwei Pfund steckten in ihrer Tasche, das war alles, was von dem Geld in der Brieftasche übrig geblieben war, und solange sie nicht erhielt, was ihr zustand, würde auch nichts hinzukommen. Aber wie sollte sie diesem Mann das klarmachen? Nie zuvor hatte sie sich in einer solchen Lage befunden, daran musste sie sich erst gewöhnen. Die Scham lähmte ihre Zunge, sie schwieg, dann sagte sie leise: »Wir stehen alle unter Gottes Schutz, ich kann noch ein wenig warten.«
