angeknockt - Harry Breitling - E-Book

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Harry Breitling

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Beschreibung

angeknockt erzählt die - von etlichen, dem chronischen Missbrauch illegaler Betäubungsmittel sowie unzähliger Schläge gegen vordere und seitliche Schädelpartien geschuldeter Gedächtnislücken abgesehen, welche notgedrungen kreativ befüllt werden mussten - wahre Geschichte eines arbeitsscheuen Abiturienten. Auf der Suche nach einer erträglichen Zukunftsperspektive begibt sich dieser auf einen abtrünnigen Weg, der sich spätestens nach einem glimpflich missglückten Raubüberfall als aussichtslose Sackgasse erweist. Als im Folgenden auch der blauäugige Plan sich als Profi-Boxer zu verdingen ein schmerzliches Ende findet, endet der Protagonist nach Abschluss eines Studiums im Jobcenter, als Vermittler für Langzeitarbeitslose. Nicht minder kompliziert als die Berufsfindung gestaltet sich parallel dazu die Suche nach der Frau fürs Leben.

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Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Harry Breitling

angeknockt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Deckblatt

Über das Buch

Was bisher geschah

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Was folgt

Impressum neobooks

Deckblatt

Harry Breitling

angeknockt

Über das Buch

angeknockt erzählt die - von etlichen, dem chronischen Missbrauch illegaler Betäubungsmittel sowie unzähliger Schläge gegen vordere und seitliche Schädelpartien geschuldeter Gedächtnislücken abgesehen, welche kreativ befüllt werden mussten - wahre Geschichte eines arbeitsscheuen Abiturienten.
Auf der Suche nach einer Zukunftsperspektive begibt sich dieser auf einen abtrünnigen Weg, den er spätestens nach einem glimpflich missglückten Raubüberfall als aussichtslose Sackgasse erkennen muss.
Als im Folgenden dann auch der blauäugige Plan sich als Profi-Boxer zu verdingen ein schmerzliches Ende findet, endet der Protagonist nach Abschluss eines Studiums im Jobcenter, als Vermittler für Langzeitarbeitslose.
Nicht minder kompliziert als die Berufsfindung gestaltet sich parallel dazu die Suche nach der Frau fürs Leben.

Was bisher geschah

Was bisher geschah: Unternehmen Barbarossa, Kriegsverletzung, Flucht und Vertreibung, Arbeiterklasse, akademisch aufgestiegener Vater, dem Bauernhof entflohene Mutter, große Schwester, Kleinstadt, Katholizismus, bekenntnislos, Dreirad, Pumuckl, Kindergarten, Doktorspiele, Captain Future, He-Man, Kinderturnen, Grundschule, Entenhausen, Lucky Luke, Tschernobyl, Pfadfinder, kalter Krieg, Ehekrach, Tele 5, Alf, Mietzekatze, C64, Migräne, Klimmzüge, Spielplatz Wald, Leichtathletik, Game Boy, Becker und Graf, Möller und Völler, Kohl und Honecker, Reagan und Gorbi, himmlischer Frieden, Tyson, Genscher, Mauerfall, Trabi-Invasion, Vereinigung, Gymnasium, Klassenprimus, Flegeljahre, Baywatch, Onanie, Bart und Homer, Walkman, Guns n´ Roses, Metallica, Leseratte, Türken-Stress, Saddam Hussein, Operation Desert Storm, Solingen-Rostock-Mölln, Jelzin, die Ärzte, Disk Man, Comic-Fan, Nasenfahrrad, BMX-Tricks, Lucky Strike, Apfelkorn, Freundin, Zungenkuss, Brechreiz, Faustschlag, Jugendtreff Supermarktparkplatz, Ladendiebstahl, Punkrock, Cypress Hill, Marihuana, Insane in the Brain, Super Nintendo, Street Fighter, Beastie Boys, Cobain im Nirvana, Haschisch-Bong, Pulp Fiction, Fußballclub, Freiluft-Kiffen, Fress-Attacken, Zeitvergeudung, House of Pain, Sick of it All, Pöbelei, Rabaukentum, Subkultur, Sprühdosen, BTM-Verstoß, Anzeige, Kinderzimmerdurchsuchung, Ruanda, Petting, Basketball, Dauerlauf, dauerprall, Dreadlocks, Srebrenica, Playstation, Skater-Bande, Streetball, Knochenbruch, Krankenhaus, Bankdrücken, Hardcore-Metal, Schulprobleme, Skinheadtrouble, Sandsack, Scheidungskind, Clinton, Lewinsky, Firestarter, Hardcore-Techno, Kurzhaarschnitt, kleine Deals, Rave, XTC, Insomnia, Zauberpilze, Speed, Koks, Führerschein, Albert Hofmann, Totalschaden…

Kapitel 1

In Anbetracht der nahenden Abiturprüfungen sah sich Marcel relativ unvermittelt mit einem beträchtlichen Problem konfrontiert:

…Was danach anfangen mit dem wohl nicht unerheblichen Rest des Lebens?!

Den Schulabschluss hatte er dicht vor Augen, doch was danach kam, war für ihn an dieser Stelle noch völlig unersichtlich.

Höchste Zeit also für eine Berufsberatung. Selbstverständlich konsultierte Marcel sich hierfür selbst, wer sonst sollte seine Eignungen und Neigungen besser einschätzen können? So machte er es sich auf seiner abgenutzten, hellbraunen Ledergarnitur bequem - aus den Boxen einer rückständigen Stereoanlage flutete elektronische Musik gemächlich den Raum -, verharrte kurz in einer dramatischen Denkerpose, um sich dann rasch aufzurichten und hinter die Couch zu greifen. Hier stand, schlecht versteckt, eine Wasserpfeife aus von Gebrauchsspuren verschandeltem Glas. In Anbetracht der immensen Herausforderung die Zukunft zu planen, schien ihm der Genuss einer ansehnlichen Dosis Haschisch als dringend angeraten. Sicher würde ein erweitertes Bewusstsein dabei helfen, erdenklichen Perspektiven zu bedenken. Idealerweise würde der Shit ihm dazu noch ungeahnte Alternativen eröffnen.

…kaltes Glas um die Lippen, Feuer, saugen, blubbern, glühende Mischung, Kickloch frei, Inhalation, Stillstand, ausatmen, Rauchfontäne, Flash, Atemnot, Gehirn-Karusell…

Mit zitternder Hand und keuchend stellte Marcel die Bong ab und fiel zurück gegen die weiche Lehne, vor ihm verwoben sich Qualm und Klang zu einem ominösen Äther. Ein greller Lichtstrahl durchschnitt mittig die hässlichen Gardinen, gab Staub und Schwaden Raum träge Tänze aufzuführen.

Wenig nachsichtig schufen sich Marcels bloße Fersen zwischen allerlei Unrat freien Ablageplatz auf dem tiefen, hölzernen Couchtisch, dann war er soweit und sah in die Zukunft:

…ein Studium? Wie eigentlich alle sonst aus dem Jahrgang? Hm, nach dreizehn Jahren weiterhin jahrelang die Schulbank drücken? Zusammen mit lauter Vollidioten die Zeit verschwenden? …Und überhaupt: Welcher Studiengang?! Etwa in die Fußstapfen des Vaters treten?! …Ne´, vielen Dank auch. …Hm… Und wie wär´s stattdessen mit ´ner Ausbildung? …Zum Koch beispielsweise? …Halt! Moment, Moment: absolut miese Arbeitszeiten bei wahrscheinlich ziemlich mauem Verdienst. Vergiss´ es… …Aber was dann? …Irgendeinen Hilfsarbeiterjob wie bei der Ferienarbeit?! Bloß nicht! Und sowieso keine dauerhafte Perspektive...

Überraschend schnell gelangte Marcel so zu einem handfesten Resultat: sowohl akademische Laufbahnen als auch geregelte Standarderwerbsbiografien standen außer Frage. Seines Kenntnisstandes nach war die sogenannte ehrliche Arbeit nichts als ein höhnischer Euphemismus für Sklaventum in modernem Gewand. Und sein Stolz war zu groß, als dass Marcel sich freiwillig in Ketten legen lassen wollte.

Dieser Ausschluss von Möglichkeiten brachte ihn einen bedeutenden Schritt weiter, die Analyse kam gut voran. Jetzt galt es nur noch die bodenständigen Alternativen zu beleuchten:

…Denke positiv. Was macht Dir Spaß? Was kannst Du gut? Und womit lässt sich ordentlich Kohle scheffeln? Hm, vielleicht doch damit Bücher zu schreiben, einen ernsthaften Versuch wagen Autor zu werden?

Übers nötige Schreibtalent meinte er zu verfügen und seine Fantasie trieb regelmäßig wilde Blüten. Seit jeher bereitete es Marcel große Freude spinöse Gedankenbilder in Worte zu kleiden. Wenn sich die seltenen Gelegenheiten zu kreativen Schreiben ergeben hatten, waren Marcels kurze Geschichten von der Grundschule bis zur Oberstufe von begeisterten Lehrern den jeweiligen Klassen vorgetragen worden.

Also dreimal in dreizehn Jahren, um genau zu sein. …Aber ein Buch zu schreiben is´ gar nicht mal so leicht. …Von einem verdammten Bestseller ganz zu schweigen!

Wiederholt hatte in nicht allzu ferner Vergangenheit bereits versucht entblößte Seiten mit potenziellen Meisterwerken zu beschriften, auserlesene Wörter auf unbestellte Blätter auszusäen, aus denen er in mühevoller Arbeit formidable Texte züchten wollte…, um dann nach höchstens drei, vier Seiten entnervt in den Stift zu beißen und das Papier zerknüllt in den Mülleimer zu feuern..

…Nein, zum Schriftsteller wär ´s ein verdammt weiter, schwieriger Weg… Das ist kurzfristig leider keine realistische Option. Da wär ´s wahrscheinlich sogar noch leichter ein… ein…

An dieser Stelle wurde er von einem Geistesblitz getroffen und plötzlich leuchtete ein Einfall als heller Stern der Hoffnung über dem nebulösen Horizont der Zukunft. Als würde nun jede Sekunde zählen, sprang Marcel vom Sofa auf, so schnell, dass er seinem vom Hasch gebremsten Kreislauf überforderte, weshalb er schwankend sein billiges Bücherregal erreichte, wusste, wo er suchen musste, und wurde auch schnell fündig. Es war eines seiner Bücher über den Boxsport, in dessen Anhang relevante Kontaktdaten aufgelistet standen. Rastlos stolperte er zurück auf die Couch, schaltete den CD-Player ab, griff sich sein fortschrittsfeindliches Telefon, ließ die kreisrunde Wählscheibe losrattern, und agierte dabei sehr bedächtig. Denn eine falsche Fingerbewegung und die zeitraubende Prozedur würde einen nervenstrapazierenden Neustart erfordern.

Geschafft…!

Freizeichen; begleitet von galoppierendem Herzschlag. Relativ schnell meldete sich eine dialektfreie Frauenstimme.

„Äh, hallo. Hier… ist Marcel“, sagte dieser. Die Stimme klang heißer und schläfrig, als chronischer Kiffer war er nicht bekannt für eloquente Wortergüsse. „Ich möchte mich gerne… als Profiboxer bewerben.“

„Ah ja, schön“, sprach die Bürokraft eines renommierten Boxstalls. „Dann bleiben Sie doch bitte für einen Moment in der Leitung. Ich versuche mal eben unseren Matchmaker zu erreichen.“

„Äh… Okay. Ja... Ich bleibe dran.“

Boxer! Ja, Profiboxer! Das ist es! Das ist die Lösung!

Dieser Job schien ihm eindeutig als der einzig erstrebenswerte Karriereweg. Mit Gewaltausübung hatte er keine Probleme, er liebte Sport und trainierte diszipliniert. Zudem: mehr als fünf Stunden pro Tag konnte man gewiss nicht mit der körperlichen Ertüchtigung verbringen. Da sollte reichlich Freizeit bleiben. Darüber hinaus war dieser mit einem tollen Image verbunden, wie er fand. Und die Gagen eines Weltmeisters waren gewiss nicht schlecht.

…Ja, Boxprofi ist die Lösung! Alles spricht dafür!

Lediglich seine innige Affäre zur heißgeliebten Miss Sativa mochte eventuell dagegensprechen, wie er sich eingestehen musste. Doch waren nicht schon einige Box-Stars wegen Cannabis-Konsums in die Schlagzeilen geraten?

„Es tut mir sehr leid“, meldete sich da die Sekretärin zurück. „Unser Matchmaker ist schwer beschäftigt und hat gerade keine Zeit für Sie. Aber Sie dürfen uns gerne eine Bewerbung zusenden! Wir würden dann gegebenenfalls wieder auf Sie zukommen.“

„…Eine Bewerbung? …Sie meinen …´nen Lebenslauf, und so?“

„Ja genau. Das wäre sinnvoll. Eine kurze Biographie, dazu eine Auflistung ihrer größten Erfolge. Hilfreich wäre dazu noch ein Video eines ihrer Amateurkämpfe…“

Ba-Ba-Bamm…!

Völlig ungedeckt wurde Marcel von einer harten Kombination getroffen.

Hahaha-Hallo! Willkommen auf dem harten Ringboden der Realität, kleiner Träumer!

Solch ein Ein Profiboxstall war doch kein Sportverein, in dem Nachwuchskämpfer das kleine Einmaleins des Faustkampfs erlernten. Sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen, das in erfolgreiche Sportler - Meisterboxer, Olympiasieger -, investierte, um mit ihnen in einem rauen Geschäft Profite zu erzielen. Marcel verfügte über keinerlei einschlägige Erfahrung, hatte niemals einen Fuß in die Halle eines Boxclubs gesetzt.

…Ja, wie denn auch?! Es gibt ja nur tuntiges Tae-Kwon-Do in diesem Kaff…!

Die regelmäßigen Boxübungen am Sandsack auf dem heimischen Dachboden waren ausschließlich in Eigenregie erfolgt und damit ebenso unsystematisch wie ahnungslos. Der Ansatz sich die süße Kunst des Boxens mittels Fachlektüre im Selbststudium anzueignen, hatte ihn auf ein Niveau gebracht, das sich bestenfalls als stümperhaft bezeichnen ließ.

„Ja…“, fand Marcel nach einer Schock-Sekunde wieder Worte. „…Ist gut. Vielen Dank. Ich werde Ihnen …die Unterlagen zuschicken… … …Auf Wiederhören.“

Der Hörer plumpste auf die Gabel und Marcel niedergeschmettert zurück gegen die Lehne. Eine lange Weile verharrte er völlig regungslos, schloss die Lider, sah schwarz. Dann endlich raffte er sich halbherzig auf, zog den Glaskopf aus der Bong, den er missmutig über dem gut gefüllten Aschenbecher säuberte. Ein wenig Hasch schien ihm jetzt dringend angeraten, um seinem Hirn dabei zu helfen sich einen realistischen Plan B auszumalen, was er mit seinem Leben anfangen könnte.

…Fuck!?

Kapitel 2

Der Plan von Aylins Vater war ursprünglich gewesen einige Jahre in der Fremde zu schuften, dort ein kleines Vermögen anzuhäufen, um damit zu Hause Grund und Boden zu erstehen. Das Vorhaben war wenig allerdings wenig exklusiv, mit ihm folgten unzählige seiner Landsleute dem Ruf des Geldes. Und da sie alle ein und dieselbe Idee mit sich trugen, explodierten bald die Immobilienpreise in der Heimat. Die vorgesehenen überschaubaren Phasen als Gastarbeiter wurden deshalb zu Open End-Projekten. Notgedrungen holten sich die einsamen Männer zunächst ihre Frauen nach.

So wurde Aylin in einem Land geboren, indem ihr Vater eigentlich nie hatte alt werden wollen. Sie war ein hübsches Mädchen, bestach mit tiefbraunen Augen, über denen sich schön geschwungene, schwarze Brauen zogen; das dunkle Haar trug sie ausschließlich als einen langen, geflochtenen Zopf, der ihr immer über dieselbe Schulter fiel, und ihr Lächeln wirkte stets verschmitzt. Aufgrund ihrer stolzen Haltung wirkte Aylin größer, als sie tatsächlich war, das strapaziöse Aufwachsen vor zwei widersprüchlichen kulturellen Hintergründen hatte Aylins Charakter geformt und ihren Willen gestärkt. Dazu kam der tägliche Umgang mit einem etwas jüngeren Bruder, dessen ohnehin erhöhter Testosteronspiegel durch den postpubertären Gebrauch von Anabolika-Konsum auf ein unerträgliches Niveau gepusht wurde. Nicht zuletzt er trug Sorge dafür, dass sie nie müde werden konnte, um etwas persönlichen Freiraum zu kämpfen. Sie ließ sich nichts gefallen, versuchte sich so gut es ging aus den familiären Fesseln zu lösen. Bald handelte es sich bei der Mehrzahl ihrer Freundinnen um Eingeborene, Aylin begann Zigaretten zu rauchen, drückte fleißig die Schulbank, arbeitete nebenbei, sparte jeden Pfennig für den Führerschein, der es ihr erlauben sollte sich ein wenig unabhängig zu fühlen. Und als genug beisammen hatte, meldete sie sich umgehend bei einer Fahrschule an.

Während einer Rauchpause in einem Vorraum unterhielt sie sich dann intensiv mit einem Jungen, ohne dabei auch nur ein einziges Wort zu wechseln, tauschte lediglich intensive Blicke aus. Sie kannte ihn vom sehen, er hing oft mit den Skateboardfahrern und den Kiffern ab und hatte früher eine ziemlich verwegene Filzfrisur getragen. Nach der Fahrschule verloren sie sich wieder aus den Augen, bis er Wochen später dann im Zentrum der Kleinstadt im Mittelklassewagen seines Vaters an ihr vorüberfuhr, sie anhupte und sie ihm deshalb ausgelassen zuwinkte.

Am nächsten Tag läutete bei ihr zu Haus nachmittags das Telefon. Aylin nahm ab und hatte Marcel an der Leitung. Die Nummer hatte er sich über eine türkischstämmige Mitschülerin besorgt hatte. Aylins Freude über den Anruf hielt sich in Grenzen, wurde stark getrübt von der Wut über seine grobe Fahrlässigkeit.

„…Bist du wahnsinnig? Hast du ´ne Ahnung, was los gewesen wäre, wenn Bruder, oder mein Vater abgenommen hätten?!“, zischte sie in den Hörer.

Darüber hatte er sich im Vorfeld seines Anrufes tatsächlich wenig Gedanken gemacht. Aber auch jetzt schenkte er diesem Thema keine Beachtung, konzentrierte sich voll darauf sie für ein Treffen zu gewinnen. Nach kurzer Stille in der Leitung verabredete Aylin tatsächlich mit ihm auf ein erstes Date in einem abgelegenen Café. Spätestens beim Abschied machte er deutlich, dass er keinen Schimmer davon hatte, worauf er sich da einlassen wollte. Sie bot an ihn in ihrem mutmaßlich aus sechster Hand erstandenem, mit von Rost angefressenen Kotflügel flankierten Kleinwagen mitzunehmen. Doch müsste er dabei unsichtbar bleiben, um den Augen von überall lauernden Verwandten und Bekannten zu entgehen. Amüsiert tat er dies als hysterische Vorsichtsmaßnahme ab, beugte sich aber ihrem Willen, weil sie darauf bestand, und tauchte ab in die Enge des Fußraums.

Auch im Folgenden musste er in Deckung bleiben. Obwohl sich räumlich höchstens ein kurzer Kilometer zwischen ihnen erstreckte waren sie gezwungen eine Art Fernbeziehung zu führen. Wobei sie sich wenigstens regelmäßig zu sehen bekamen. Denn jeden Morgen, wenn Aylin früh in die nächste Großstadt fuhr, um dort eine Oberschule zu besuchen, hielt sie heimlich bei ihm, um zwischen Tür und Angel Zärtlichkeiten, Zungenküsse und ein- bis zweiseitige Briefe auszutauschen. Mit Tinte und schwungvollen Lettern schrieb sie stets auf gelbem Papier von der Liebe und davon, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis sie sich ihre Freiheit erobern würde. Marcel antwortete mit Kugelschreiber in kleiner Kritzelschrift auf kleinkariertem Blockblatt, übte sich in blumigen Komplimenten und entrückten Schwärmereien über das Kommende.

Nachmittags führten sie dann Telefonate, die ihrerseits oftmals abrupt beendet werden mussten, weil ein naher Angehöriger ihre Ruhe störte. Insgesamt also eine alles andere als befriedigende Situation für ein junges Liebespaar. Doch Marcel schien sich wenig daran zu stören, denn seine Daueraffäre mit Mary Jane nahm ihn, sowohl zeitlich als auch mental, voll in Beschlag.

Nach einigen Wochen schien sich dann doch eine Möglichkeit zu bieten ungestört intim zu werden. Aylins Eltern verreisten übers Wochenende in die Schweiz, um dort entfernte Verwandtschaft zu besuchen. So schlich er sich im Schutz der Dämmerung in ihre mit Sideboard und Schrankwand wenig exotisch ausgestattete Wohnung, um bei ihr zu übernachten. Allerdings hatte sie ihre Tage, so musste es beim Petting unter der Bettdecke bleiben, wobei der hoffnungslos bekiffte Marcel insgeheim argwöhnte, ob es sich beim Tampon, in dessen blauen Faden sich seine Finger eben verheddert hatten, als sie unbeholfen durch ihre Tropen irrten, nicht lediglich um einen entschuldigenden Platzhalter handeln mochte.

Für einen ungewollten Höhepunkt sorgte weit nach Mitternacht dann Aylins jüngerer, kraftstrotzender Bruder, der doch nicht wie geplant auswärts übernachtete, sondern überraschend doch nach Hause kam. Als wäre er von einer dunklen Ahnung geleitet, rüttelte er plötzlich an ihrer Zimmertüre, die sie glücklicherweise rein aus Gewohnheit abgeschlossen hatte. Erst mit derben Flüchen gelang es Aylin den Nachwuchspatriarchen zu vertreiben. Und als sich Marcel dann im Morgengrauen aus der Wohnung schlich, dämmerte ihm, dass dieser Romanze wohl keine lange Zukunft beschieden sein konnte.

Das endgültige Ende erfolgte dennoch überraschend schnell. Kaum zwei Wochen später wurde eine von Aylins unzähligen Cousinen zufällig Zeugin, wie diese Marcel ihren morgendlichen Besuch abstattete. Unweigerlich folgte eine Familientragödie, bei der Marcel außen vor blieb. Denn Aylin machte umgehend Schluss mit ihm. Selbiges plante sie auch mit sich selbst und lag nach einem dilettantisch ausgeführten Suizidversuch kurz in einem Krankenhaus. Nach ihrer Entlassung floh sie in eine Großstadt und tauchte dort bei einer emanzipierten Tante unter.

In dieser verfahrenen Situation sah Marcel nur eine sinnvolle Handlungsalternative, nämlich den Helden zu spielen. Von verletztem Stolz aufgewühlt Marcel bat er um ein Treffen, entwarf dabei infantile Szenarien für gemeinsame Perspektiven. Doch die konfusen Konzepte des konsternierten Kiffers vermochten nicht einmal ansatzweise zu überzeugen. Abgeblitzt fuhr er wieder ab, um sich wenig später eine weitere Abfuhr zu erlangen. Getrieben von verletztem Ehrgefühl hatte er wenig später Aylins beste Freundin angegraben, die ihn ein paar Mal besuchen kam.

Aylin ihrerseits wurden in ihrem Exil heftig Avancen gemacht. Es waren die Eltern, die ihr alle erdenkliche Freiheiten versprachen, Hauptsache sie käme zurück und würde der familiären Schande endlich ein Ende bereiten. Irgendwann knickte Aylin ein, kehrte Heim. Kaum ein Jahr später war sie mit väterlichem Segen verheiratet und brachte ein Kind zur Welt.

Marcel sollte sie lediglich gelegentlich auf jenem kleinen Portraitfoto wiedersehen, dass sie ihm mit Liebesgrüßen ehedem übersandt hatte. Hin und wieder besuchte er sie ihn Gedanken und hoffte, dass ihr Leben für sie erträglich war, trug er doch einen erheblichen Anteil an ihrer Lebenslage auf seinen Schultern. Völlig naiv hatte er sich in dies Liebesabenteuer gestürzt, dessen mögliche Konsequenzen heillos unterschätzt, alle Warnungen von verschiedenen Seiten dümmlich lächelnd in den Wind geschlagen.

„Wusstest Du… nicht, wie es bei… uns Türken ist?“, lautete folgerichtig die Frage von Aylins Bruder an Marcel. Nach der unvermeidlichen Prügelei, die irgendwann bei einem zufälligen Aufeinandertreffen folgte, standen sich beide schwer atmend und blutend gegenüber.

„Wir… sind hier in …Deutschland“, gab Marcel zur Antwort, was allerdings selbst in seinen eigenen Ohren wenig überzeugend klang (zumal ihm jüngst ein Kumpel zugetragen hatte, dass die Nachbarschaft munkelte Marcel, würde einst eine bestellte Thaifrau ehelichen, wo er ja bereits heute den Türken-Mädchen nachlief).

Kapitel 3

Zeitnah im Anschluss an das überraschend passabel bestandene Abitur verschaffte der Wehrdienst Marcel eine kleine Verschnaufpause bei der komplexen Herausforderung einen smarten Lebensweg zu finden. Den Entschluss die staatlich auferlegte Pflicht am Vaterland an der Waffe zu leisten war spontan in ihm gereift. Noch kurz zuvor hatte er sich Marcel noch als einen dieser dauerbekifften Zivildienstleistenden gesehen, die in karikativem Auftrag Kleinbusladungen voll sabbernder Behinderter oder siechender Senioren von A nach B chauffierten. Und außer einer Handvoll Dörflern hatte ohnehin keiner der Gymnasiasten Bock auf den Bund, auf Drill und Gehorsam.

Doch in Anbetracht seiner persönlichen Entwicklung, die gerade auf der Stelle trat, dachte Marcel um. So ein institutioneller Tritt in den Hintern erschien ihm als keine schlechte Methode, damit er wieder in geordnete Bahnen fände.

Ja, verdammt. Als Zivi versumpfe ich nur immer tiefer hier in diesem Kaff. So ein tarnfarbiger Tapetenwechsel wäre vielleicht gar nicht schlecht… Ja, ´ne Art Boot-Camp würde sicher nicht schaden. So wie jetzt kann´s ja nicht weitergehen…

Tatsächlich hatte Marcel es fleißig übertrieben mit den Drogen, sogar unmittelbar vor dem schriftlichen Abitur im Grundkurs einen Haschisch-Stick geraucht.

Nur schnell noch, einen Kleinen….

Da die Prüfung im Leistungskurs höher bewertet wurde, verzichtete er hier vorab aufs Kiffen. Dafür warf er sich lieber das Viertel einer Ecstasy-Tablette ein. Dies schien ihm als alternativlos, um nicht mitten in der Probe einzuschlafen. Aufgrund miserablen Zeitmanagements hatte er seine Vorbereitungen viel zu spät begonnen, die sich deshalb im Wesentlichen auf die Vornacht konzentrierten. Nach kaum drei Stunden Schlaf sah er morgens ein in ein schlappes Spiegelbild, dem er nicht zutraute in diesem Zustand einen Test zu bestehen. Die kleine Dosis MDMA sollte sich als keine schlechte Wahl erweisen. Jedenfalls flossen ihm die Sätze nur so vom Stift aufs Papier. Nach der Abgabe trug er allerdings lange ein flaues Gefühl im Magen, da ihm der Inhalt seiner Schrift schon jetzt vollkommen entfallen war. Umso überraschender kam später das mit Bangen erwartete positive Ergebnis.

Auch in das traditionell der Reifeprüfung folgende Fußballmatch zwischen Lehrkörper und Schulabgängern vermochte Marcel nicht drogenfrei zu gehen. Gedopt mit blauem Speed lief er dem ungeliebten Gegner in der Folge reihenweise die Bälle ab. Als dann leichter Regen einsetzte, wurde Marcel von einem verwunderten Mitschüler darauf hingewiesen, dass er aus der Nase schäumen würde. Erschrocken mimte Marcel deshalb eine Zerrung und humpelte verstohlen vom Platz.

Einen echten Tiefpunkt durchkroch Marcel nur eine Woche später. Einen Wochenendbesuch auf einem bekannten Freiluft-Festival hatte er zum Anlass genommen nach und nach ein halbes Dutzend mit dem neuen Euro-Zeichen bedruckter Pillen zu konsumieren. Für überbordende Gefühle, ekstatische Zappelei, riesige Pupillen, Derwisch-Tänze und euphorisches Zähneknirschen galt es allerdings eine Rechnung zu begleichen. Die Nächte der Folgewoche waren ein einziger Alptraum, den er allerdings bei vollem Bewusstsein durchleben musste. Denn egal wie intensiv er auch danach suchte, er konnte keinen Schlaf mehr finden. Es halfen weder Bier, noch Hasch. Sobald er im Bett die Augen schloss, krabbelten ihm kleine, neonfarbene Spinnen über die Innenseite der Lider, fremde Stimmen und schrille Geräusche hallten ihm durchs Hirn, der Kopf schien völlig entleert, die Schädelwände warfen wirre Echos. Dementsprechend trug Marcel tagelang Habitus, Esprit und Laune eines karibischen Zombies zur Schau.

Dieser Schock war ein strenger Lehrmeister, er befahl strikte Abstinenz. Da kam der Militärdienst gerade richtig. Zudem etliche Gerüchte über Drogen-Screenings während der Grundausbildung kursierten. Dies Risiko wollte er tunlichst vermeiden. So beschloss Marcel den verbleibenden Monat zwischen Schulabschluss und Wehrdienst in einsamer Askese zu überbrücken, während die anderen Abiturienten von einer Party in die nächsten feierten. Marcel, dessen Freundeskreis ohnehin keine Gymnasiasten umfasste, blieb außen, auf sich allein gestellt, konnte keinen seiner Kumpels besuchen, Kontakt zur Clique war nicht möglich, denn überall dort lauerte die Versuchung. In all den abgedunkelten muffigen Zimmern mit den fleckigen Teppichen, Tischen voller Müll und überquellenden Aschenbechern, mit Postern und Flyern von Raves tapezierten Wänden, wo Melangen aus kaltem Rauch, verschüttetem Pfeifen-Wasser und ätherischen Duft-Ölen die Nasen marterte, da schepperten überall tiefe Bässe aus großen Boxen und flimmerten Videospiele über Fernsehschirme. Überall wurde gekifft, überall blubberten die Bongs, überall drohte der Rückfall…

Gebremst von chronischer Übermüdung und leichter Depression, den leidigen Begleiterscheinungen des THC-Entzugs, kurvte Marcel auf seinem BMX-Rad durch die öden Straßen der Kleinstadt und fühlte sich als einsamer Cowboy auf einem Ritt durch eine verlassene Geisterstadt. Hätte der Wind plötzlich einen verdorrten Busch an ihm vorbeigetrieben, untermalt von einer dramatischen Mundharmonika-Melodei, wäre er deshalb kaum überrascht gewesen.

Hardcore-Kiffen war ein Vollzeit-Job gewesen, nun fehlte Marcel eine sinnvolle Beschäftigung. Um bis zum Dienstantritt beim Bund nicht rückfällig zu werden brauchte er nun dringend eine Aufgabe, ein Ziel, eine Mission.

…Hm!?

Die rettende Idee kam hormonell gesteuert von unterhalb der Gürtellinie. Marcels jüngst verflossene Ex, die süßlich duftende Mary Jane, war eine eifersüchtige Braut gewesen und keine neben sich geduldet. Selbst Aylin, Marcel erste Freundin, war nur die Rolle einer Nebenfrau geblieben. Mit dreizehn hatte Marcel zum ersten Mal Mary Jane geküsst und war ihr sogleich verfallen. Als Frischverliebter sah er zunächst nur ihre Sonnenseite und war von schönem Schein verblendet. Nichtigkeiten gaben Anlass für komische Kicheranfälle, die Sinne arbeiteten ungleich intensiver: die Zeit verstrich viel gemächlicher, und der Genuss von Essen, Musik, Filmen, Videospielen bereitete unvergleichliche Erlebnisse. Die Gedanken gingen völlig neue Wege und stießen dort auf glänzende Ideen (wenngleich sich die vermeintlichen Erleuchtungen im nüchternen Licht des nächsten Morgens meist als herbe Enttäuschungen präsentierte - sofern man sich noch überhaupt an sie erinnern konnte). Und üble Nebenwirkungen, wie Brechreiz und Kopfschmerz, unter denen die Säufer leiden mussten, waren dem Nachwuchskifffer fremd.

So schien es den Teenagern keinen sinnvolleren Zeitvertreib zu geben, als ihre besten Jahre in abgedunkelten, anrüchigen Zimmern zu verplempern, endlose Stunden vor flackernden Bildschirmen jeweils nur kurz unterbrochen, um zur Wasserpfeife, oder zu Zuckerwerk zu greifen. Den kleinen Garten Eden zu verlassen galt es tunlichst zu vermeiden, den die Außenwelt war kollektiv feindselig gestimmt. Musste ein Kiffer zwangsläufig doch vor die Türe - etwa für einen unaufschiebbaren Schul- oder Supermarktbesuch oder den zeitaufwendigen Drogenkauf, der teilweise endlos quälende Stunden Wartezeit erforderte – so empfand er sich sogleich im Fokus aufdringlicher Drohstarrer. Ein gewöhnlicher Einkaufsvorgang konnte sich für einen Kiffer leicht zu einem Höllentrip entwickeln, wenn er sich, rot angelaufen und schwitzend, im Angesicht einer feindlich gestimmten Kassiererin verzweifelt darum bemühte passenden Betrag aus der Hosentasche zu angeln, dazu noch eine ungeduldige, giftige, zischende Menschenschlange im Rücken.

Nein, der gemeine Kiffer blieb gerne behelligt von solch negativen Einflüssen und fand es zu Hause am schönsten. Irgendwann wurden sogar die eigenen Freunde als Störenfriede empfunden, die Bindungen lockerten sich zunehmend - vor allem, wenn der eigene Rauchvorrat zur Neige ging. Echte Hardcore-Kiffer öffneten, wenn überhaupt, nur vorangemeldeten Besuchern die Türe und gingen äußerst selten an die Festnetztelefone, schließlich konnte man ja nie wissen, welches Ungemach am anderen Ende der Leitung lauerte.

Folglich verkümmerten die sozialen Kontakte primär zu Zweckgemeinschaften, die regelmäßig gebildet werden mussten, um das nur auf illegalen Wegen verfügbare Betäubungsmittel zu beschaffen. Und falls sich die Kiffer tatsächlich zu außerhäuslichen Aktivitäten verabredeten – zu Straßensport oder Ausflügen ins provinzielle Nachtleben – zog sich die kleine Gruppe Jungs dann stets ins Abseits zurück, rauchte Gras, und nahm dann nur noch abwesend am Geschehen teil.

Dieser Lifestyle war ein guter Garant sich lange die Jungfräulichkeit zu bewahren (zumal echter Sex mutmaßlich kaum besser sein konnte als bekiffte Masturbation, bei ungleich weniger Unannehmlichkeiten).

Ja, Mary Jane, du warst eine eifersüchtige Braut… …Achtzehn Jahre alt und noch immer unschuldig? Verdammt!! Höchste Zeit, du Loser!

Da hatte Marcel seine Mission bis zum Dienstantritt.

Kapitel 4

Der Wehrdienst begann wie in einem einschlägigen Film. Eine Zugladung an jungen Männern trat einen tristen Bahnhofs-Vorplatz irgendwo im Outback, viele zogen hektisch an Zigaretten und wussten nicht so recht, was vor ihnen lag. Sie wurden bereits erwartet von einer Batterie olivfarbener Omnibusse, davor stand ein Dutzend finster blickender Typen in Flecktarn-Uniformen aufgereiht, welche die Neuankömmlinge wenig herzlich willkommen hießen und mit nicht minder harschen Worten auf die Fahrzeuge verteilten, um sie zur Kaserne zu karren.

Als sich dann nach schweigsamer Fahrt zum mit viel Stacheldraht umzäumten Stützpunkt eine Schranke hob und ein Posten militärisch grüßte, war endgültig klar: hier wurde eine andere, eine unbekannte Welt betreten, eine Zuchtanstalt, die ihn in eine von staatlichen Institutionen her bis dato völlig unbekannte Richtung formen sollte. Zuvorkommende Höflichkeit spielte als Werte keinerlei Rolle, politische Korrektheit war nicht mehr als ein Lippenbekenntnis gegenüber der Öffentlichkeit. Befehl und Gehorsam, ehrabschneidende Sprüche, aggressive Attitüde prägten den ersten Eindruck. Und offensichtlich litt der Soldat gemeinhin an Hörschwäche, denn grundsätzlich wurde gebrüllt. Marcel, der in seiner neuen Lebensphase noch immer seiner Verflossenen, dem Marihuana, nachtrauerte und deshalb ohnehin an chronisch miese Laune litt, bemühte sich redlich dem Kommenden unvoreingenommen entgegenzublicken. Doch der mächtige erste Eindruck würgte die zarte Zuversicht schnell ab.

Die Stube teilte sich Marcel mit fünf sehr heterogenen Burschen, die sich in ganz unterschiedlichen Dialekten unterhielten. Außer dass jetzt alle den Vornamen `Kamerad´ gemeinsam hatten, erkannte Marcel keine Berührpunkte und kannte deshalb auch keine Scheu sich rücksichtslos den oberen Teil eines Stockbetts zu erkämpfen. Nächtliche Erholung vermochte er da in den Folgenächten allerdings nur eingeschränkt zu finden. Zusätzlich zum schlafraubenden Cannabis-Entzug verwehrte ihm auch eine angeborene Sensibilität gegen Geräuschbelästigung jeder Art den Zutritt zum süßen zum Reich der Träume (bedingt vom Dauerkiffen hatte er zuvor jahrelang keinen Fuß dorthin gesetzt) – bei mindestens zwei seiner ungewollten Zimmergenossen handelte es sich um grässliche Schnarcher. Allein die Grunz-Orgie, gegen die selbst militärischer Gehörschutz in Stöpselform wenig ausrichten konnte, trieben Marcel beinahe dazu wieder reumütig zurück zum Dope zu kriechen, um sich mit dessen Hilfe allabendlich in ein künstliches Koma zu versetzen.

Nicht selten erschien der kleine, stämmige Unteroffizier Marcel als ein Erlöser, wenn der im Morgengrauen die Türe aufriss, in lokaler Mundart die Rekruten aus den Betten brüllte. Nun blieben nur einige kurze Minuten, um sich in die Uniform zu schmeißen und dann in den Gang zu treten, wo der Zugführer die Vollständigkeit kontrollierte, indem er jeden Namen aufrief.

Nie fehlte jemand unentschuldigt, also ging es im Laufschritt weiter vors Gebäude, wo der Zug der Größe nach geordnet Aufstellung nahm. Der Leutnant bellte Befehle, nach denen sich alle Gliedmaßen, Köpfe und sogar Augen möglichst synchron bewegen sollten. Seine Korrekturmaßnahmen pflegte er stets mit vulgären Metaphern einzuleiten, das folgende kindische Kichern wurde nicht minder obszön getadelt. Zeigte sich der dauerfluchenden Ausbilder nach etlichen Versuchen dann einigermaßen zufriedengestellt führte er die Rekruten im Gleichschritt zur Truppenküche.

Die Nahrungsaufnahme dort wurde jedes Mal zu einem kleinen Alptraum für Marcel, dem das Essen stets mehr bedeutete, als bloße Energiezufuhr zum Zwecke des Lebenserhalts. Er war zwar kein Gourmet, aber stets ein guter Esser. Und Art und Zubereitung der Speisen während der Grundausbildung empfand er als schlimme Beleidigung für seinen Gaumen. Noch weitaus schlimmer war die in seinen Augen wahnwitzige Regelung, wonach der Letzte, der vom Essen aufstand, den langen, besudelten Gemeinschaftstisch zu säubern hatte. Aufgrund dessen missrieten die Mahlzeiten zu reinen Wettschlingen, Kaubewegungen wurden auf ein notwendiges Mindestmaß reduziert, und die Wehrpflichtigen drängten sich stets mit vollgepfropften Backen an der Geschirrrückgabe.

Doch auch aus anderen Gründen erfüllte Marcel seine Pflicht gegenüber dem Vaterland zunächst nur wenig motiviert. Besonders schlimm waren auch endlose Stunden langweiligen Frontalunterrichts, die er über sich ergehen lassen musste. Den jungen Bürgern in Uniform wurde hierbei vor allem Staatskunde und Völkerrecht auf Hauptschul-Niveau erteilt. Marcel hatte sich viel mehr Sport erwartet und konkretes infanteristisches Knowhow. Nicht nur einmal verfluchte er die Behörde, von der er, wider des Wunsches, den er pro forma hatte äußern dürfen, der Luftwaffe zugeteilt worden war.

Einen ersten Lichtblick bot ihm sein Sturmgewehr, als er es endlich in Händen halten durfte. Stundenlang wurde er darin gedrillt, es in ihre diversen Einzelteile zu zerlegen, nur um diese sogleich wieder zu montieren, solange, bis dies auch mit verbundenen Augen oder hinterrücks fehlerfrei gelang. Selbst die monotonen Reinigungsarbeiten an der Waffe, die allabendlich im schmucklosen Gang der Unterkunft erfolgen mussten, gefielen ihm besser, als viele andere Phasen der Grundausbildung. Und der heißersehnte erste scharfe Schuss erlegte dann Marcels letzten Zweifel, ob er sich hier am rechten Fleck befände.

Inzwischen meinte der angehende Soldat, der noch keinen Streifen auf seinen Schulterklappen tragen durfte, die Funktionsweise der Armee verstanden zu haben. Die Stiefel waren eingelaufen, der ursprüngliche Glanz seiner textilen Camouflage von Gebrauchsspuren aus dem Gelände getrübt, und die Gewöhnung hatte all dem Martialischen den Schrecken genommen. Den Treibstoff für das markige Gebaren, die starken Sprüche und das grobe Gebrüll bildete im Grunde viel heiße Luft. Waren die Prinzipien einmal begriffen, gelang es ganz gut relativ unbehelligt durch den Tag zu kommen. Stets galt es, einen schwer beschäftigten Eindruck vorzutäuschen; bloß nie gemächlich dahinschlendern, sonst würde sich der nächstbeste höhere Dienstgrad verpflichtet sehen eine Beschäftigung für den vermeintlichen Taugenichts zu finden. Schritt man dagegen schmissig vor sich hin, den Blick starr auf ein imaginäres Ziel gerichtet, kam kein Vorgesetzter auf die Idee, den Rekruten von der Erledigung der wichtigen Aufgabe abzuhalten, die ja nur darin bestand, keine blöden Befehle zu erhalten.

Nichtsdestotrotz zeigten die militärischen Erziehungsmechanismen bald ihre eine starke Wirkung, was Marcel zunehmend an sich selbst bemerkte. Nach und nach bemächtigte sich ein Korpsgeist der Wehrpflichtigen. Mittlerweile hatten alle zu spüren bekommen, dass Kameradschaft eine gute Sache war. Die Gruppe agierte als Ganzes, das nur so stark war wie sein schwächstes Teil, das deshalb bei Bedarf von allen Seiten unaufgeforderte Unterstützung erhielt.

Mit altbewährten Methoden wurden die Soldaten dazu erzogen im Ernstfall bereitwillig ihre Leben füreinander zu geben. Wichtig war, die Gruppenzugehörigkeit nach außen kenntlich zu machen: durch Uniform, denselben einfallslosen Haarschnitt, ein individuelles Wappen des Zuges, die Nationalfarben auf der Schulter. Individualismus wurde kein nennenswerter Raum gelassen. Die einzig wirkliche private Sphäre beschränkte sich auf jenes kleine Fach im Spind, das sich mit einem Vorhängeschloss verschließen ließ. Der große Rest des Schrankes musste ständig für Kontrollen zugängig bleiben. Hier lag eigentlich die größte Herausforderung der Grundausbildung für Marcel. Er verfügte weder über die Motivation noch ausreichend Geduld seine Wäsche penibel auf DIN A4-Format zu falten.

Der Frust, den der Intimitätsverlust zwangsläufig mit sich bringen musste, wurde planvoll auf lohnende Projektionsflächen kanalisiert, wobei die Feinbilder äußerst flexibel nach Bedarf gezeichnet wurden, auf allen Ebenen, nach allen Richtungen: die anderen beiden Gruppen des Zuges, der Zug ein Stockwerk höher, andere Truppengattungen, Frauen, Homosexuelle, Zivilisten, Pazifisten, Politiker, Moslems, Armeen befreundeter Nationen, Armeen verfeindeter Nationen. Machismo hieß der Hengst, auf dem der Geist der Gruppe ritt. Man klagte nicht, man kämpfte. Weichheit, Weinerlichkeit, Weiblichkeit wurde verachtet. Leistung, Härte, Waffen faszinierten den Soldaten. Zudem machten klare Regeln das Leben einfach, das beim Militär vorherrschende Menschenbild ging stets vom Schlechten aus und ließ keinen Raum für Missverständnisse. Wer seinen Spind nicht abschloss, wurde bestraft, weil er die Kameraden zu einem Diebstahl verleiten konnte. Und die guten Vorgesetzten stellten sich während der Essensausgaben ganz hinten in den hungrigen Warteschlangen an, aßen erst, wenn alle Untergebenen versorgt waren. Durch all die positiven und negativen Manipulationen wurden die jungen Hirne dazu gepolt nicht individuell, sondern als Teil eines Systems zu denken.

Nur wenige Wochen zuvor Marcel dies noch nicht für möglich gehalten. Doch als er mit den Kameraden in Reih und Glied, unter kriegerischem, Sprechgesang, die Sturmgewehre in Vorhalte, quer durch die Kaserne dem Ende der Grundausbildung entgegenjoggte, und dabei heimlich die Soldaten musterte, wurde ihm klar: Der harmlose, aus allen Gegenden und Schichten Deutschlands zusammengewürfelte Haufen war in wenigen Wochen transformiert zu einem Trupp, der sich selbst als elitär empfand. Mit Sicherheit hätten die Anfängergruppe im Ernstfall ein schnelles Ende als Kanonenfutter gefunden. Doch im Selbstbild sahen sich die angehenden Gefreiten nun als tödliche Spezialeinheit.

Diese kämpferische Attitüde zeigten sie auch im obligatorischen staatskundlichen Unterricht zu Schau, den ein Sozialwissenschaftler in Zivil abhielt. In seinem Vortrag erläuterte der graubärtige Dozent im Cord-Jackett, dem die Wahl einer einfachen Sprache phasenweise nur sehr mühselig gelingen wollte, warum der zu dieser Zeit aktuelle Kampfeinsatz von Bundeswehr-Kampfflugzeugen gegen Serbien de facto ein illegaler Angriffskrieg war, der dem Völkerrecht und den Statuten von UNO und sogar Nato widersprach, was alles vollkommen klang. Seine abschließende Frage lautete deshalb, mit welcher Begründung die Bürger in Uniform vollkommen rechtskonform einen Einsatzbefehl gegen den Ex-Jugoslawischen Rumpfstaat verweigern könnten. Ein Obergefreiter mit kurzem Bart unterm kantigen Kinn, der den Ärmel am drallen rechten Bizeps besonders weit hochgekrempelt trug, damit ein dortiges Tattoo ersichtlich war, griff sich markig das Wort: „Ich bin Soldat! Natürlich führe ich den Befehl aus!“

In Anbetracht der allgemeinen Zustimmung, die dieser Aussage verbal widerfuhr, sah der Dozent schnell die Sinnlosigkeit des Unterfangens eine Diskussion zu eröffnen. Mit gut durchbluteten Wangen bedankte er sich für die Aufmerksamkeit und nahm seine Folien vom Tageslichtprojektor.

Marcel empfand nur wenig Mitgefühl für ihn, hatte er doch gelernt, dass eine Armee nicht auf Diskurs basierte, sondern allein auf Befehl und Gehorsam. Und Soldaten waren professionell darauf gedrillt mit Stolz zu gehorchen.

Kapitel 5

Von alltäglichem Cannabis-Konsum betäubt hatte Marcels Libido jahrelang in einem Wachkoma dahinvegetiert. Seit der Abstinenz nach dem Abitur wurde die Manneskraft plötzlich lebendig, Heerscharen von Testosteron-Hormonen überfluteten sein Gehirn, er hatte nichts als Sex im Kopf. Ihm blieb keine Wahl, er musste es tun. So prüfte er seine Möglichkeiten und traf eine rationale Entscheidung.

Selbst in seinem alten dauerbenebelten Zustand war ihm nicht entgangen, dass sich ein Mädchen aus seinem Jahrgang von ihm angezogen fühlte. Sie hieß Sylvia, war ganz sympathisch, das Äußere auch in okay: das Gesicht zwar nicht ganz symmetrisch, aber mit süßen Sommersprossen verziert, darüber wallten hübsche, dunkele Locken; ein schlanker Körperbau, die Brüste vielleicht etwas klein geraten, aber dafür schön rund und fest. Ihr Outfit war gepflegt und wenig gewagt, der Charakter aufgeräumt und unaufgeregt. Auf einer der unzähligen Abiturientenpartys suchte Marcel gezielt ihre Nähe, berührte, streichelte, küsste sie. Durch den zuvor reichlichen Konsum der Ersatzdroge Alkohol war er frei von jedem Skrupel befreit, entsprechend hemmungslos ging er ans Werk.

Die anderen Feiergäste zeigten sich überwiegend irritiert von der Darbietung dieses Softpornos zu früher Stunde. Besonders deutlich brachte dies ein langhaariger Junge zum Ausdruck, der schon vor langer Zeit unglücklich sein Herz an Sylvia verloren hatte, die dies jedoch nie finden wollte, aber doch ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm pflegte. Irgendwann passte der Enttäuschte Sylvia ab, als die gerade von der Toilette kam, um einige hitzige Worte mit ihr zu wechseln.

Den Wortlaut der Diskussion konnte Marcel aus der Entfernung nicht verstehen, dafür war die rockige Musik zu laut. Doch allein die flegelhafte Verzögerung der Fortsetzung seiner der Knutsch-Orgie machte ihn rasend. Als dann bei Sylvia einige Tränen flossen und sie schnell wieder den Raum verließ, rannte auch Marcel los, allerdings nicht dem Mädchen hinterher, der unmanierliche Störenfried war sein Ziel. In der Eile vergaß er sogar noch seine Brille abzunehmen, bevor er eine Faust abfeuerte. Der Schlag war nicht sehr hart, es floss ein wenig Blut aus dem Mundwinkel des Getroffenen, der dafür unangemessen dramatisch zu Boden ging und sich dort im Schutze einer Fötushaltung versteckte. Marcel empfand so eine Reaktion als ausgesprochen memmenhaft und wurde deshalb umso wilder, schaffte aber nur noch zwei Fußtritte, bis ihn ein paar stämmige Burschen vom Duckmäuser wegzerrten.

Marcel sah seiner Sache ausreichend Genüge getan, begab sich auf die Suche nach Sylvia, fand sie zurückgezogen in einem Zimmer und wollte nahtlos da ansetzen, wo die beiden aufgehört hatten. Immerhin zeigte er Verständnis, weil sie nach dem Zwischenfall nur mehr sehr eingeschränkt amouröse Gefühle hegte.

Dafür kam sie ihn am nächsten Abend besuchen. Und bald sah er ihren nackten Körper vor sich auf der alten braunen Ledercouch, im leicht flackernden Licht einer dicken orangefarbenen Kerze. Mehr Romantik vermochte das Ambiente seines Kifferdomizils nicht zu bieten, doch Sylvia schien sich nicht daran zu stören. Womöglich reizte ja die Verruchtheit das brave Mädchen ein wenig. Jedenfalls bescherte sie ihm ein schönes erstes Mal und war von da an seine feste Freundin.

Da der wehrdienstleistende Marcel wochentags in der Ferne kaserniert war, blieb die Beziehung, von gelegentlichen aus einer Telefonzelle im Mannschaftsheim geführten Gespräche abgesehen, auf die Wochenenden beschränkt. Jeden Freitag nach Dienstschluss packte Marcel seinen Seesack, fuhr in Uniform mit dem Zug zu ihr aufs Dorf, wo er sich herzlich empfangen ließ. Die bodenständigen Eltern von Sylvia ahnten nichts von der Drogenvergangenheit des potenziellen Schwiegersohns. Die freundliche, unaufdringliche Art; eine gepflegte, höfliche Wortwahl; das von einer Brille noch gesteigerte harmlose Äußere ermöglichten Marcel sehr ambivalente Verhaltensstrategien. Bisweilen empfand er sich als ein soziales Chamäleon, das sich schnell mit dem jeweiligen Umfeld verschmelzen konnte, in dem es sich gerade bewegte.

Die gemeinsame Zeit verbrachte das junge Glück mit körperlicher Liebe, gemeinsamen Essen im Kreise ihrer Verwandtschaft, Kino und Ausgänge am Abend, und was man sonst als gefestigter junger Mensch eben so unternahm. Nur halbherzig war Marcel dabei darum bemüht Anschluss an Sylvias Clique zu finden, die sich zu einem großen Teil aus ehemaligen Mitschülern rekrutierte. Im Laufe seiner Schullaufbahn hatten sich private Kontakte zu den Gymnasiasten allesamt verloren. Die meisten seiner Kumpels hatten schon länger keine Bildungseinrichtungen mehr von innen gesehen. Auch zwischen Sylvia und ihm klaffte stets eine Distanz, obwohl er zunächst lange guten Willens war diese zu überbrücken. Ihre Lebenswelt schien ihm nur wenig attraktiv, sie hatte einfach keine ausreichende Schnittmenge mit der seinen. Sylvia für ihren Teil wurde ebenfalls nicht glücklich, seine zunehmende Kälte ließ sie frösteln. Und auch der Sex verlor irgendwann an Reiz und damit Bindungskraft, beide waren unerfahren und zu schüchtern, um sich auf abenteuerliche Entdeckungsreisen zu begeben.

Als dann gegen Ende der Grundausbildung Mary Jane zurück in Marcels Leben stürmte und er sich mit vor Freude zittrigen Fingern nach endlosen Wochen der Enthaltsamkeit einen makellosen Joint zusammenrollte, war die Fortdauer der Beziehung eine Frage, auf die die Zeit eine schnelle Antwort wusste. Marcel sorgte sich nicht um seine Ex; sie war ein gutes Mädchen und würde ihr Glück schon finden. Was sich selbst betraf, war er sich diesbezüglich weniger gewiss.

Kapitel 6

Nach dem unspektakulären Ende mit Sylvia und dem grandiosen Comeback von Marihuana versank Marcel an den Wochenenden wieder im alten Sumpf der Kleinstadt. Heiko, sein engster Freund, arbeitete in einem Handwerksberuf und hatte inzwischen eine eigene Wohnung in einem nahen Dorf angemietet, das der Clique nun als Treffpunkt sowie vornehmlich als Drogenumschlagplatz diente. Während Marcels Abwesenheit hatten sich die Konsumgewohnheiten erstaunlich schnell gewandelt. Heiko rauchte inzwischen sogar hin und wieder Heroin von einer Alufolie. Für Marcel, der schon früh über die Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen hatte, war das unbegreiflich und diese Droge ein Tabu.

Schwer angesagt war aktuell zudem Diazepam. Wurde dies starke Psychopharmakon in Kombination mit Alkohol eingenommen hatte dies Nebenwirkungen wie Halluzinationen oder Psychosen zur Folge, die für diese speziellen Konsumenten aber alles andere als unerwünscht waren. Um an das verschreibungspflichtige Medikament zu gelangen, wurden an heimischen Personal Computern mit viel Liebe zum Detail Rezepte samt Unterschriften von Ärzten und deren Stempeln gefälscht, um diese dann erfolgreich bei Apotheken in einem weiten Radius einzureichen.

Marcel für seinen Teil verspürte niemals ein Verlangen mit diesem pharmazeutischen Flittchen intim zu werden. Ein Besuch von Heiko auf Dias hatte seine Neugier auf die Wirkungsweise der Droge mehr als ausreichend gestillt, nichts drängte ihn danach noch zum Selbstversuch. An einem frühen sommerlichen Samstag-Nachmittag lag er zu Hause auf der Couch, hatte eben eine Bong geraucht, und las Comics. Bald war zu hören, wie ein Automatik-Roller auf der Straße vor dem alten Häuschen hielt, in dessen Exil sich der Vater nach der Scheidung flüchten musste. Marcel bewohnte hier eine Einliegerwohnung, in der er weitgehend seinen Frieden hatte. Der vermeintliche Besucher ließ allerdings auf sich warten. Marcel hatte diesen schon längst abgeschrieben, als eine gute Viertelstunde später auf einmal Heiko durch die offenstehende Terrassentüre torkelte. Heiko war großgewachsen und ohnehin von eher schmaler Statur, doch während der letzten Wochen hatte er in bedenklichem Umfang an Gewicht verloren. Die große Nase unterhalb einer Terminator-Sonnenbrille schien das Gesicht noch deutlicher zu dominieren. Heiko war nie ein Freund großer Worte, wenngleich er über Charisma verfügte, doch jetzt war überhaupt nichts mit ihm anzufangen. Halb bewusstlos kollabierte er auf einen abgewetzten Sessel, brabbelte gelegentlich irgendein unverständliches Zeug, bis er sich eine halbe Stunde später dann wieder aus der Wohnung schleppte und auf dem geliehenen Fahrgerät, ohne Helm, mehr liegend als sitzend, die Füße schlaff am Boden schleifend, in Schlangenlinien davonbrauste.

Nach dieser ersten Begegnung war Marcel bereits alles andere als angetan vom Diazepam, doch genau eine Woche später sollte seine Aversion gegen das zweckentfremdete Medikament sogar noch eine Steigerung erfahren. Wieder hielt ein Fahrzeug vor seinem Haus, diesmal ein PKW, mit quietschenden Reifen. Statt langer Stille folgte jetzt intensives Hupkonzert, weshalb Marcel fluchend zum Zaun des schmalen Gartens hetzte. Kiffern liebten keine Störungen, zumal solche, die in der zentralen Kleinstadtlage ärgerliche Aufmerksamkeit erregte. An der Straße stand ein übermotorisierter japanischer Kleinwagen mit getönten Scheiben, aus dem geöffneten Seitenfenster hing Heiko, wieder mit der schmalen Sonnenbrille, dazu die Kapuze eines schwarzen Sweaters auf dem Kopf, und lallte unverständliches Zeug. Den begleitenden Gesten nach zu urteilen sollte Marcel wohl in den Wagen steigen.

Kurzfristig sah Marcel nur eine Möglichkeit das väterliche Grundstück von den Aufsehen erregenden Störenfriede zu erlösen, in dem er nämlich schnell in seine Sneakers schlüpfte, über den Gartenzaun hüpfte und sich fluchend in den dreitürigen Wagen zwängte, der auch, nach einem kreischenden Burnout, gleich davon schoss.

Am Steuer saß der untersetzte, immer lächelnde René in seiner Kluft aus synthetischen Klamotten, die Haare über den ausrasierten Schläfen mit reichlich Gel zu einem harten Kranz gestylt. Neben Marcel auf der engen Rückbank hockte der fahle, schweigsame Paul, dem die Plateausohlen seiner Sneakers zu wenigstens etwas beachtenswerter Größe verhalfen. Reiseziel war wohl Heikos Wohnung auf dem Dorf; jedenfalls interpretierte Marcel das Lallen der Jungs in diese Richtung (zusätzlich zum beeinträchtigten Artikulationsvermögen erschwerte ohrenbetäubender Elektrosound aus völlig überdimensionierten Boxen die Verständigung). Untereinander fiel dem schwer drogierten Trio die Verständigung offenkundig leichter, überraschend schnell gelang es Paul den Fahrer von der Notwendigkeit eines Halts beim nächsten Supermarkt zu überzeugen. Sein Discman benötigte dringend neue Batterien, wie Marcel später rekonstruieren konnte.

So kam der Wagen nach einem spektakulären Drift auf dem Parkplatz zum Stehen, in völligem Kontrast zur dynamischen Anfahrt gestaltete sich der folgende kurze Fußweg hin zum Laden erschreckend langatmig und zäh. Die drei Zombies an Marcels Seite vermochten sich lediglich im Zeitlupentempo fortzubewegen konnten, im direkten Vergleich zu ihnen wirkte selbst ein entschleunigter Dauerkiffer geradezu überdreht. Im Laden taumelten die medikamentös Betäubten dann völlig unkoordiniert durch die Regalreihen, stießen ohne Vorsatz einige Dosen um, die donnernd zu Boden krachten. Abgesehen vom Verhalten klaffte auch optisch eine große Kluft zwischen dem Idealbild eines Verbrauchers und dem Äußeren von Marcels Begleiter. Heiko wirkte mit Brille und Kapuze mehr wie ein Räuber als ein Kunde, und die Rave-Outfits von René und Paul machte diese in den Augen des braven Landvolks zu einer Art Aliens, die aus sicherem Abstand in einer Mischung aus Neugier und Entsetzen beäugt wurden - also eine denkbar ungünstige Voraussetzung für den erfolgreichen Vollzug eines Ladendiebstahls.

Dieser im Grunde wenig komplexe Gedankenschluss überforderte aktuell deutlich Pauls Geisteskräfte. Die einzigen Anwesenden, denen entging, wie dieser sehr ungelenk etliche Packungen Batterien in den geräumigen Taschen seiner spacigen Sportjacke verschwinden ließ, waren offenbar dessen Kumpels. An der Kasse stand jedenfalls schon eine Filialleiterin von robuster Statur neben einer zierlichen Teilzeitangestellten positioniert, welche Paul, nachdem der in atemberaubender Langsamkeit eine Getränkedose bezahlt hatte, in derbem Ton befahl seine Taschen zu öffnen. Das Diebesgut war entdeckt, harsch wurde der ertappte Delinquent aufgefordert, in die Büroräume zu folgen, um dort das Eintreffen der Polizei zu erwarten.

Gewiss wäre die Dame etwas zurückhaltender aufgetreten, wäre ihr bekannt gewesen unter welchem Einfluss ihre unliebsame Kundschaft agierte, und welche Begleiterscheinungen dies zur Folge haben konnte. Auf den Diazepam-Beipackzetteln wurde nämlich vor `sonderbaren Reaktionen´ und `aggressivem Verhalten´ gewarnt. Tatsächlich sah sich die Bedauernswerte auch umgehend umringt von drei Gestalten, die in zunehmender Intensität auf die in die Defensive geratene Filialleiterin einlallten und ihr zunehmend auf die Pelle rückten. Marcel rechnete jeden Augenblick mit einer unvermeidlichen Eskalation, da empfing Heiko einen unerwarteten Einfall. Taumelnd riss er einen Arm hoch und grölte etwas, dass wohl „Wir gehen!“ heißen sollte; jedenfalls wurde dies von seinen Mitstreitern so interpretiert, sie wandten sich ab und torkelten nach draußen. Nach der unsachlich geführten Debatte eben verspürten werde die Marktfrau noch sonst jemand im Laden Lust dazu die Vier daran zu hindern. So ging Marcel kopfschüttelnd vornweg, die anderen folgten im ihnen aktuell möglichen, trägen Maximaltempo.

Wenigstens stand Renés kleiner Prolo-Flitzer, zwar ziemlich schräg geparkt, doch nahe des Ausgangs. Dass er sich während seiner noch jungen Kraftfahrer-Karriere bereits wegen diverser Delikte im Straßenverkehr vor einem Jugendrichter hatte verantworten müssen, qualifizierte ihn hinreichend zum Führen des Fluchtwagens.

Mit Vollgas preschte René vom Parkplatz, und Eile tat tatsächlich Not. Denn überraschend heftete sich ihnen eine dunkle Audi-Limousine ans Heck, an deren Steuer ein geschniegelter Anzug-Typ, Mitte dreißig, womöglich ein Bereichsleiter der Supermarkt, der sich als ziemlich ambitionierter Verfolger erwies.

Den Sichtkontakt zu René nicht abreißen zu lassen sich dennoch bald als unerreichbares Ziel erwiesen. René, der schon unter gewöhnlichen Umständen einen halsbrecherischen Fahrstil pflegte, brach in dieser Ausnahmesituation besonders rasant um die engen Kurven eines nahen Wohngebietes und wechselte abrupt die Richtungen, weshalb die malträtierten Reifen permanent um Hilfe schrien. Bald war der Audi abgehängt, befreit preschte der Fluchtwagen aus der kleinen Stadt hinaus über Land in Richtung Heikos dörflichem Zuhause. Noch fühlten sie sich nicht in Sicherheit, weshalb René das Gaspedal am Anschlag hielt. Felder, Wälder, Häuser kleiner Ortschaften, und phasenweise Szenen aus seinem jungen Leben, schossen dicht Marcel vorbei, der nicht nur einmal einen scheinbar unvermeidbaren Tod vor Augen hatte. Ein waghalsiges Überholmanöver jagte das nächste, zwei verheerende Frontalzusammenstöße ließen sich nur vermeiden, weil die sanierte zweispurige Fahrbahn gerade ausreichend Raum für drei PKWs auf einer Höhe bot.

An einer langgezogenen Steigung durch ein Waldstück verlangsamte sich der Höllenritt dann ziemlich unerwartet, noch ein gutes Stück weit vom Scheitelpunkt entfernt folgte der völlige Stillstand. René, frisch ausgelernter Maler, war selten flüssig, Drogen waren nicht billig, sein Budget für den Sprit war deshalb knapp kalkuliert. Doch der Motor war durstig, interessierte sich nicht für die brenzlige Situation und stellte einfach seine Arbeit ein.

Zeternd stolperten die Insassen aus dem Wagen, um diesen mit Muskelkraft zu wenden, rollten dann Leerlauf bergab in ein nahegelegenes Dorf und parkten in einer Seitenstraße. Die Stimmung war verständlicherweise angespannt, schließlich waren sie auf der Flucht und saßen fest, mussten irgendwie an Treibstoff kommen. Und ausgerechnet jetzt erinnerte sich Paul an eine überdimensionierte Acryl-Wasserpfeife, die sich, in einer Plastiktüte verstaut, unterm Beifahrersitz befand. Sogleich bildeten sich kleine Koalitionen, die hitzig pro und contra debattieren (Adrenalin schien das Diazepam zu überdecken), ob man das große Rauchgerät umgehend entsorgen sollte, oder dem geliebten Stück nicht auch in der Not die Treue halten sollte. Als Kompromiss fand sich ein Versteck in einer Hecke.

Im Anschluss hasteten Heiko und Marcel zurück zur Landstraße, um zur nächstgelegenen Tankstelle zu trampen. Die Mitfahrgelegenheit, die sich bald bot, war glücklicherweise ein Arbeitskollege von Heiko, der sich dankenswerterweise auch noch für den Rücktransfer gewinnen ließ.

So machte ein Kanister Sprit den Wagen bald wieder startklar, René ließ lächelnd den Motor aufheulen, preschte vor zur nächsten Kreuzung, um dort unter Einsatz der Handbremse zu wenden. Während des Manövers kam ihnen um die Ecke ein VW-Bus in die Sicht, in weiß-grün lackiert samt Blaulicht auf dem Dach. Davor übten sich einige bierbauchige Polizisten darin ihre Wänste in Kevlar-Westen zu zwängen.

Die Jungs waren nicht sicher, ob dies Aufgebot ihnen gelten sollte, oder vielleicht einem berüchtigten, alten Junkie, der hier in der Gegend hauste, verspürten allerdings auch keinerlei Verlangen, sich bei der Polizei nach dem Grund für deren Anwesenheit zu erkundigen. Lieber stampfte René aufs Gas, steuerte auf Schleichwegen zu Heiko, parkte den Wagen an einer uneinsichtigen Stelle. Und durch die dichten Marihuana-Schwaden, die kurz darauf die Blicke vernebelte, sah man das Geschehen der letzten Stunde als amüsante Anekdote.

Doch der Geschichte sollte einige Wochen später doch ein ernstes Nachspiel folgen, René und Paul mussten sich wegen des Vorfalls vor Gericht verantworten. Verantwortlich dafür war der verhinderte Verfolger im dunklen Audi aus dem Supermarkt, der sich hinterlistig Renés Kennzeichen notiert hatte. Obwohl sie trotz wiederholter Nachfragen jede Angabe zu den anderen beiden Beteiligten verweigerten, verhängte der zuständige Jugendrichter ein relativ mildes Urteil über seine beiden Stammkunden für den versuchten Ladendiebstahl.

Marcel war ihnen sehr dankbar dafür, dass sie seinen Namen nicht erwähnt hatten und ihm deshalb ein paar Unannehmlichkeiten erspart blieben. Selbst war er schon zum Verräter geworden, nachdem ihn die Polizei als vierzehnjährigen Wicht beim Kiffen erwischt hatte. Seine selbstauferlegte Omertà wurde zunächst von einer das Trommelfell zerfetzenden Ohrfeige schwer erschüttert, um dann in folgenden Würgegriff des Vaters zu zerbrechen, der ihm auf dem Brustkorb kniete. Doch weder der erfreute Staatsanwalt noch die vergrämte lokale Kifferszene wollten sich dafür interessieren, dass Marcels Geständnis unter Folter erzwungen worden war.

Kapitel 7

Während der Grundausbildung hatte Marcel zunehmend gefallen gefunden am Soldatentum, die restliche Dienstzeit in irgendeinem Geschäftszimmer abzusitzen war ihm ein abstoßender Gedanke. Freudig meldete er sich daher, als unter den frischen Gefreiten nach Freiwilligen für eine Infanterieeinheit gefragt wurde, und freute sich auf eine militärische Vollausbildung voller Sport, Waffen und Action.