Angelus entschlüsselt - Christian Lukas - E-Book

Angelus entschlüsselt E-Book

Christian Lukas

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Beschreibung

Entdecken Sie die faszinierende Welt der Nephilim und Angelologen! Wer sind die geheimnisvollen Nephilim, die auch als die Söhne Gottes bezeichnet werden? Welcher Lehre folgen die Anhänger der Engel und was berichten die verbotenen Bücher der Bibel über diese mystischen Wesen? Dieses fesselnde Nachschlagewerk bietet fundiertes Hintergrundwissen über die Schauplätze, die rätselhaften Geheimnisse und historischen Wahrheiten in Danielle Trussonis Bestseller-Thriller Angelus. Christian Lukas entschlüsselt in diesem eBook die Hintergründe und liefert den Schlüssel zum Verständnis der komplexen Welt von Angelus. Tauchen Sie ein in die Mythologie der Engel und Nephilim und lassen Sie sich von den spannenden Enthüllungen in den Bann ziehen. Ein Muss für alle Fans von Urban Fantasy und Mystery-Thrillern, die mehr über die faszinierenden Hintergründe von Angelus erfahren möchten!

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EPUB
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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Christian Lukas

ANGELUS entschlüsselt

Das Geheimnis der Nephilim von A bis Z

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die geheimnisvolle Welt der Nephilim und Angelologen

 

Wer sind die Nephilim, die auch als die Söhne Gottes bezeichnet werden? Welcher Lehre folgen die Anhänger der Engel, und was berichten die verbotenen Bücher der Bibel? Dieses interessante Nachschlagewerk bietet fundiertes Hintergrundwissen über die Schauplätze, die mystischen Geheimnisse und historischen Wahrheiten in Angelus.

 

Der Schlüssel zu Danielle Trussonis Mysterythriller Angelus

Inhaltsübersicht

VORWORT

AKTE 1

EINE KLEINE GESCHICHTE DER ENGELSKUNDE

PRÄAMBEL

EINE EINFÜHRUNG

DER GÖTTERHIMMEL DER ELAM

ENGEL IM ZOROASTRISMUS

MALAKHIM UND MAL’ACH

DER ENGEL UND DER MAL’ACH

ANFÄNGE DER ANGELOLOGIE IM JUDENTUM

DIE ENGEL ALS MAL’ACHIM

SATAN IM JÜDISCHEN ENGELSGLAUBEN

DER HASS DER ENGEL

ENGEL IM CHRISTENTUM

DER HOFSTAAT GOTTES

ANGELUS INTERPRES UND ENGEL DES ALTEN TESTAMENTS AUS SICHT DES CHRISTENTUMS

DAS NEUE TESTAMENT

DIE ANFÄNGE DER CHRISTLICHEN ANGELOLOGIE

DE CIVITATE DEI

ENGEL IN ÄTHIOPIEN

ENGEL WERDEN VERBOTEN

SCHOLASTIK

HILDEGARD VON BINGEN

DIE OSTKIRCHEN

ANGELOLOGIE DER NEUZEIT

JENSEITS DER KIRCHEN

NEUER DOGMATISMUS UND NEGIERUNG EINER ENGELSEXISTENZ

ENGELSKUNDE IM 20. UND 21. JAHRHUNDERT

ENGEL IN DER ESOTERIK

ENGEL: EINE ZEITREISE VON MESOPOTAMIEN NACH GRIECHENLAND

SERAPHIM MIT SECHS FLÜGELN

VOM ZWEISTROMLAND NACH ÄGYPTEN

DIE PRAGMATISCHE RELIGIOSITÄT DER HELLENEN

ENGELSBERICHTE NACH MOSE, HESEKIEL UND LUKAS

VON GOTTESSÖHNEN UND MENSCHENTÖCHTERN

KETTEN IN DER FINSTERNIS – NACH PETRUS

DAS 1. BUCH MOSE, KAPITEL 32, 24–30

LUKAS 1, 26–38

DER PROPHET HESEKIEL

HESEKIEL 1, 1–14

DER VATIKAN BANNT DIE ANBETUNG NICHTBIBLISCHER ENGEL

AKTE 2

ANAKIM

APOKRYPHEN

DAS BUCH ADAM UND EVA

DIE SOGENANNTEN APOKRYPHEN

DIE ENGELSSCHRIFT DES BARTHOLOMÄUS

MARTIN LUTHER FINDET SIE NÜTZLICH

DIE ENTSTEHUNG DER BIBEL

SELEKTION UND APOKRYPHEN

DIE VULGATA

ALT- UND NEUTESTAMENTARISCHE APOKRYPHEN

BACON, ROGER

BLAKE, WILLIAM

BOGOMIL

BONAVENTURA

BOSCH, HIERONYMUS

BUCH ENOCH

DAS ERSTE KAPITEL

DAS BUCH DER WÄCHTER

HUREREI UND GOTTLOSIGKEIT

SPÄTERE BÜCHER

364 TAGE HAT EIN JAHR

GEHEIMNISSE IM ZWEITEN BUCH

»ANGELUS« UND DIE SIEBEN HIMMEL

BURNE-JONES, EDWARD

CHERUBIM

CLARA VON ASSISI

DANTE

DIONYSIUS AREOPAGITA

DREI SPHÄREN DER ENGEL

ENGEL (DER NEUNTE CHOR)

DER ARBEITER UNTER DEN ENGELN

SCHUTZENGEL

ENOCH

ERZENGEL

WIE VIELE ERZENGEL GIBT ES?

SCHAREN VON ERZENGELN

SIEBEN ERZENGEL

WARUM EIGENTLICH SIEBEN?

DIE PHANTASTISCHEN VIER DES HERRN

ERZENGEL GABRIEL

DER VERKÜNDER

SEINE BESONDERE BEDEUTUNG IM CHRISTENTUM

GABRIEL – EIN WEIBLICHER ENGEL?

WIDERSPRÜCHE EINES CHARAKTERS

ERZENGEL MICHAEL

DER DRACHENTÖTER

SCHUTZPATRON DEUTSCHLANDS UND FRANKREICHS

MICHAEL – DER KILLER

MICHAEL IM JUDENTUM

MICHAEL IM CHRISTENTUM

ERZENGEL RAPHAEL

ERZENGEL URIEL

EWIGE ANBETUNG (EWIGES GEBET)

FRANZ VON ASSISI

FRANZISKANER

WER JESUS ERKENNT, FINDET DEN WEG ZUM VATER

EIN LEBEN IM GEISTE CHRISTI

VOM LOCKEREN ZUSAMMENSCHLUSS ZUM STARKEN ORDEN

DEMUT UND FREIHEITEN

DAS ENDE DER GRAUBEREICHE

DIE FRANZISKANER UND DIE REFORMATION

EINE BETRACHTUNG DER GEGENWART

FÜRSTEN/FÜRSTENTÜMER

GEWALTEN

DAS SCHWERT DES GEISTES

DER SEELENTRÖSTER

GIBORIM

HL. AUGUSTINUS

HERRSCHAFTEN

HONORIUS VON AUTUN

JÜDISCHE ENGELSHIERARCHIE

KONZIL VON NICÄA

WEGWEISER DES CHRISTENTUMS

DIE POLITISCHE SITUATION VOR DEM KONZIL

SIEG UND KONZIL

ZUSAMMENKUNFT IN NICÄA

KONZIL VON SOSOPOL

MÄCHTE

MILTON, JOHN

NEPHILIM

NOAH UND SEINE SÖHNE

PSEUDEPIGRAPHIE

QUMRAN

ROSA VON VITERBO

SERAPHIM

SINTFLUT

SÖHNE GOTTES

IM WIDERSPRUCH ZUR GÖTTLICHEN LEHRE?

DIE ASTRONAUTENGÖTTER UND IHRE MENSCHLICHEN HYBRIDENKINDER

SPRACHE DER ENGEL

THOMAS VON AQUIN

THRONE

VERLORENE PARADIES, DAS

WÄCHTER

ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL

AKTE 3

DIONYSOS

HADES

HELLENISMUS IM FRÜHEN CHRISTENTUM

ORPHEUS

PROMETHEUS

AKTE 4

BOËTHIUS

DILUVIANISCH

DJAWOLSKO GARIO

GOLDENES ZEITALTER

LONDONER FROSTWINTER VON 1814

MAGISCHE QUADRATE

MILTON (HUDSON RIVER)

ROCKEFELLER, ABIGAIL ALDRICH

ROCKEFELLERS SPUREN IN NEW YORK

1. CLOISTERS

2. MUSEUM OF MODERN ART – MOMA

3. RIVERSIDE CHURCH

4. ROCKEFELLER CENTER

SIGILL

THRAKIEN

LITERATUR/QUELLEN

INTERNETSEITEN

VORWORT

Kennen Sie den Engel, der über Sie wacht? Ihren Schutzengel? Können Sie sich wirklich sicher sein, dass ihm Ihr Wohlergehen am Herzen liegt? Sind Sie der Meinung, dass alle Engel nur Gutes im Schilde führen?

In dieser Hinsicht ist Danielle Trussonis Roman »Angelus« irritierend, ja sogar verstörend. Sie hat eine Mär über einen Mythos erschaffen, mit dem wir zumeist etwas Gutes, ja Göttliches verbinden: eine Mär über Engel. Doch ihre Erzählung ist dunkel und voller Abgründe. Danielle Trussonis Engel sind keine weiß leuchtenden, von Gnade durchdrungenen Schutzengel, die den Menschen in Momenten der Gefahr zur Seite stehen und bedrohte Leben zum Guten wenden. Sie sind auch keine Berichterstatter, die frohe Botschaften verkünden. Natürlich kennen wir alle die Geschichte des einen himmlischen Boten, der sich der Order Gottes widersetzte und daher aus dem Himmelreich verstoßen wurde. Die Legenden gaben ihm den Namen Luzifer, im Reich der Engel nannte man ihn Satanael. Doch Satanael, Satan, der Fürst der Finsternis, der Teufel, findet in »Angelus« nur in einem einzigen Nebensatz Erwähnung. Die Engel der Danielle Trussoni tragen andere, menschliche Namen. Streng genommen sind sie nicht einmal wirkliche Engel. Sie sind die Nephilim, die Kinder und Kindeskinder jener zweihundert Himmelsgeschöpfe, die sich gegen eine ausdrückliche Anweisung des Herrn mit menschlichen Frauen einließen – welche dann über die Menschheit Tod und Verderben brachten. Kinder ohne Gewissen, brutal, hemmungslos, eine Anomalie in Gottes Plan.

Keine Frage: Das ist harter Tobak. Vor allem, da die Geschichte der gefallenen Engel nur als Prolog für Danielle Trussonis Roman dient, auf dem sie ihre gesamte Handlung aufbaut. Zweihundert Engel, die mit Menschenfrauen Kinder zeugen? Eine Sintflut, die über die Erde hereinbricht, nur um die Kinder der Engel zu vernichten?

Die Autorin bedient sich hier eines gigantischen Glaubens-, Legenden- und Ideenschatzes, der in einem Zeitraum von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden entstanden ist. Die Geschichte der Engel, die mit Menschenfrauen Kinder zeugen, steht bereits im Alten Testament: im 1. Buch Mose. Die Söhne Gottes stiegen einst aus dem Himmelreich hinab, da ihnen die Frauen der Menschen überaus gut gefielen.

Söhne Gottes? So steht es geschrieben. Aber zweihundert von ihnen? Das Buch Enoch nennt diese Zahl ebenso wie eine Reihe von Engelsnamen, den des Anführers Samjaza inklusive.

Das Buch Enoch?

Danielle Trussoni verleugnet ihre Quellen nicht. Ganz im Gegenteil: »Angelus« steckt voller Hinweise auf die Quellen, aus denen sie geschöpft hat. Die amerikanische Autorin führt uns nicht nur durch einen Parcours himmlischer Hierarchien und Sphären, sie nennt darüber hinaus Namen von Heiligen, Orten und Konzilen, die den Engelsglauben forcierten und ausbildeten, und auch die Titel der Schriften, aus denen sie zitiert, verschweigt sie nicht.

Doch was ist eigentlich das Buch Enoch? Was hat der heilige Augustinus mit dem Engelsglauben zu tun? Woher stammt der Begriff Nephilim? Welche Rolle spielten die Erzengel im Kampf gegen jene zweihundert ihrer Brüder, die sich Gottes Wort verweigerten? Warum werden manche Engel Seraphim genannt, andere wiederum kennt man mit ihren persönlichen Namen?

Dieses Buch möchte Ihnen als Begleiter durch die Engelswelten der Danielle Trussoni dienen. Es liefert Fakten über die historischen Personen, die Danielle Trussoni in ihrem Roman erwähnt, es erklärt, welche Daten und Ereignisse von Bedeutung sind, es blickt hinter die Kulissen der Fiktion.

Vor allem aber geht es dabei um ein Thema: Engel! Um sie dreht sich alles. Jede Zeile, jeder Moment, jeder Gedanke. Engel, Nephilim, gefallene Engel …

Woher aber kommt überhaupt der Glaube an die Engel? Wie unterscheiden sich die Ansichten des jüdischen Engelsglaubens von denen der Katholiken, wie stehen Protestanten zur Engelskunde und wie orthodoxe Christen? Und wo finden wir die Geschichten, die unseren Engelsglauben geprägt haben? Diese Fragen werden in der ersten Akte des vorliegenden Nachschlagewerkes beantwortet. Eine kleine Einführung in die Engelskunde liefert einen historischen und einen theologischen Einblick in die Geschichte des Engelsglaubens von seinen Ursprüngen bis zur Gegenwart.

Die zweite Akte besteht aus dem großen »Angelus«-Lexikon: Von A wie Anakim bis Z wie Zweites Vatikanisches Konzil werden Namen erläutert, Mythen erklärt und Ereignisse durchleuchtet.

Die dritte Akte widmet sich ganz kurz und knapp den griechischen Mythen, die Danielle Trussoni ganz unauffällig in die Handlung ihres Romans einfließen lässt, während die vierte Akte weitere Persönlichkeiten oder Ereignisse auflistet, die in »Angelus« von Belang sind: Wer war beispielsweise Abigail Aldrich Rockefeller, die in der Romanwelt der Danielle Trussoni fast wie eine Heilige verehrt wird? Und wieso fror 1814 die Themse zu?

AKTE 1

Engelskunde

EINE KLEINE GESCHICHTE DER ENGELSKUNDE

PRÄAMBEL

Engelskunde ist keine Wissenschaft wie Chemie, Physik oder Biologie. Engelskunde ist eine Geschichte des Glaubens, der Interpretation, des Wissens, des Vermutens und des Ratens. Sie erstreckt sich über einen Zeitraum von Jahrtausenden, wird in ein Korsett theologisch-wissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungsmodelle gezwängt, sie verbrüdert sich mit der Geschichte der Menschheit, beeinflusste politische Entscheidungen der Vergangenheit und weckt Hoffnungen in der Gegenwart. Eine vollständige Geschichte der Engelskunde – sie würde den Umfang dieses Buches nicht nur sprengen, selbst eine Bücherwand reichte nicht aus, um all die Ansichten, Interpretationen und Begebenheiten aufführen zu wollen, die – je nach persönlichem Standpunkt – von Belang sein mögen. So ist jeder Versuch, einen Exkurs in die Geschichte der Engelskunde zu unternehmen, von der subjektiven Sicht des Autors geprägt – so auch dieser.

EINE EINFÜHRUNG

»Vielen Menschen unserer Tage sind Engel, ja die ganze, bis in unsere Gegenwart hineinreichende Überlieferung von helfenden oder auch Unheil bringenden Mächten und Gewalten, innerpsychische, erklärbare Gegebenheiten. Den gläubigen Menschen aller Religionen sind diese Engel, Mächte, Throne und Gewalten, von denen die Bibel spricht, erfahrbare Wirklichkeit«, schreiben Dorothea Forstner und Renate Becker in ihrem »Neuen Lexikon christlicher Symbole« aus dem Jahre 1991. Und besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken.

Engel sind nicht nur Teil des christlichen, jüdischen oder islamischen Glaubens. Man findet sie in den unterschiedlichsten Religionen auf vielfältige Weise. In einem Punkt aber ähneln sie sich frappierend: Sie sind die Boten von Gottes Wort.

Direkte Begegnungen von Menschen und Engeln werden nur selten überliefert. Derartige Zusammenkünfte, von denen die Bibel berichtet, kann man an einer Hand abzählen. Die Bibel ist ein Werk der Bezeugung Gottes, und Engel als Teil der göttlichen Sphären sind ein Beweis seiner Existenz. Sie sind es, die seine Botschaften überbringen. So überbrachte zum Beispiel der → Erzengel Gabriel Maria die Verkündigung, sie werde einen Sohn gebären.

Was aber sind Engel? Sind sie die netten kleinen Putten, die zu Weihnachten festliche Dekorationen schmücken? Oder eher Kinder mit weißen Flügeln, wie man sie aus der Gemäldekunst der Renaissance kennt? Was ist mit den Schutzengeln, die angeblich über uns wachen? Und ist nicht auch der Teufel ein gefallener Engel? Was sind die → Seraphim, die → Cherubim und all die anderen Engelschöre, die in verschiedensten Schriften Erwähnung finden?

Schon diese kurze Einleitung zeigt eines recht deutlich auf: Es gibt kein einheitliches Bild der Engel.

Der Volksglaube manifestiert den Engel möglicherweise als ein durch und durch gutes Wesen, eben weil ein Engel namens Gabriel einst die Geburt des Herrn verkündete und weil Engel in unseren Gedanken für das Gute stehen, für Reinheit, Aufrichtigkeit und Frieden.

Wer sich jedoch etwas ausführlicher mit der Materie auseinandersetzt, wird auf ein faszinierendes Gebilde aus Geschichten, Legenden, Überlieferungen und Glaubensedikten stoßen – ein Gebilde, das ein weitaus komplexeres Bild des Engelswesens entwirft, als dies für gewöhnlich in unseren Vorstellungswelten existiert.

Da sich Danielle Trussonis Geschichte explizit auf christliche und jüdische Engelsvorstellungen und -legenden bezieht, sollen diese im Folgenden im Mittelpunkt des Interesses stehen.

DER GÖTTERHIMMEL DER ELAM

Wer behauptet, der Kult der Engel habe hier oder dort seinen Anfang gefunden, wird garantiert einen Fachmann mit einer konträren Meinung treffen. Engelsvorstellungen gab und gibt es auf jedem Kontinent, und nahezu jede Kultur kennt seine eigenen Mythen von göttlichen Mittlern, Boten oder Halbgöttern. Man findet diesen Glauben in den Regionen des Mittelmeers und des Nahen Ostens, also Regionen, die letztlich seit Jahrtausenden in einem kulturellen Austausch miteinander stehen. Aber auch die Maya in Mesoamerika, die in einer Region lebten, die sich in etwa vom südlichen Mexiko bis nach Nicaragua erstreckte, kannten Chak Mo’ol, einen Botengott, der zwischen den Welten der Menschen und der Götter in deren Auftrag pendelte.

Für das christliche und jüdische Engelsbild sind verschiedene Einflüsse erkennbar. Über einen besonders reichen Götterhimmel verfügte das heute jenseits von Fachkreisen fast vergessene Elam. Das klassische Elam lag östlich des Flusses Tigris: Als Hauptsiedlungsgebiet der Elamiter galten die heutigen iranischen Provinzen Chusistan und Luristan im Südwesten des Landes, Ausläufer der elamitischen Kultur lassen sich bis heute aber auch im nördlich gelegenen Bergland des Irans, Anzan, oder im Osten in der Provinz Fars finden.

Diese Kultur muss über eine äußerst umfangreiche Götterwelt verfügt haben. Darauf lassen viele Kunstwerke schließen, die die Elamiter der Nachwelt hinterließen. Auch in einigen Schriften wie denen des Königs Puzur-Inšušinak, der um 2240 vor Christus herrschte, finden sich entsprechende Hinweise. Sein Volk baute zu dieser Zeit bereits Kanäle und verfügte über außergewöhnliche Schmiedefähigkeiten. Aus diesem Grund schauten auch Sumerer, Assyrer oder Babylonier (also Bewohner des Zweistromlandes, Mesopotamier) gerne einmal in Elam vorbei. Meist kamen sie allerdings nicht als Kaufleute oder Wissenschaftler, sondern als Eroberer. Was nicht bedeutet, dass nicht auch die Elamiter ihrerseits zum Schwert griffen, um Assyrer oder Babylonier anzugreifen. Warum eine vergleichsweise hochentwickelte Kultur wie die Elams heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist, ist schwer zu erklären – immerhin lassen sich erste Spuren einer eigenständigen Kultur bis auf das Jahr 3200 vor Christus zurückdatieren. Als Anfang vom Ende Elams betrachten Historiker den Überfall des Assyrerkönigs Assurbanipal um 640 vor Christus, der das Reich eroberte. Diesem Überfall folgte ein Niedergang bis hin zum Vergessen.

Es finden sich Hinweise darauf, dass Elams Götterwelt andere Völker beeinflusst haben könnte. Zumindest glaubten die Elamiter, dass es nicht nur Götter gab, sondern auch ihnen dienende Wesen, die quasi zwischen verschiedenen Sphären verkehrten. Bildliche Überlieferungen dieser Wesen gibt es keine, der stete kulturelle Austausch aber mit Sumerern und Babyloniern, sei er friedlich verlaufen oder im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen, hat auf die eher jungen Völker an Euphrat und Tigris mit Sicherheit einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Zwar lassen sich Spuren der Sumerer ebenso weit zurückverfolgen wie die der Elamiter, doch entwickelten sich die Völker in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten – und die Elamiter hatten über Jahrhunderte hinweg einen gewaltigen Vorsprung.

Durch den kulturellen Austausch haben die Elamiter auch den Götterglauben der Menschen an Euphrat und Tigris beeinflusst. Die babylonische Hauptgöttin Ischtar ist definitiv identisch mit der weitaus älteren elamitischen Muttergottheit Pinikir, deren zentrale Bedeutung von den Anfängen der Geschichte bis zum Niedergang des Reiches reichte.

Wie bereits erwähnt, gibt es keine bildlichen Darstellungen der dienenden Gottheiten, so dass auch niemand genau sagen kann, wie sie in der Vorstellungswelt der Elamiter ausgesehen haben mögen. Waren sie menschlicher Natur? Verfügten sie über Flügel? Waren sie astrale Wesen? Niemand kann es mit Sicherheit sagen. Man weiß nur, dass sie in der Mythologie der Menschen Elams existierten. Und so lässt sich schließlich die erste bildliche Engelsdarstellung auf eine Zeit um das Jahr 2250 vor Christus im Zeitalter der Sumerer auf einem sogenannten Rollsiegel, das die Jahrtausende überdauert hat, nachweisen (→ Engel: Eine Zeitreise von Mesopotamien nach Griechenland).

ENGEL IM ZOROASTRISMUS

Nicht zu leugnen ist der Einfluss der Elamiter auf den Zoroastrismus. Dieser Glaube entstand vermutlich um 1800 vor Christus im heutigen Iran und verbreitete sich von dort aus vor allem gen Osten. Obschon viele Ideen von späteren Religionen absorbiert und die Anhänger des Glaubens assimiliert wurden, existiert der Glaube des Religionsstifters Zarathustra bis heute. Etwa 150 000 Menschen hängen den unterschiedlichen Richtungen im heutigen Iran, Pakistan, Indien und den USA an. Seine 50 000 indischen Anhänger nennen sich Parsen. Obwohl sie nur eine kleine Gemeinde darstellen, gehören Parsen zu den einflussreichsten Industriellen und Wissenschaftlern Indiens, auch wenn der berühmteste Parse der jüngeren Vergangenheit wohl eher der 1991 verstorbene Farrokh Bulsara gewesen sein dürfte, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Freddy Mercury und als solcher Frontmann der legendären Band »Queen«.

Über den Entstehungszeitraum des Zoroastrismus (auch Zarathustrismus genannt) streiten sich die Gelehrten. Man weiß schlicht und ergreifend nicht, wann der Religionsstifter Zarathustra lebte. Die Schätzungen variieren zwischen einem Zeitraum von 1800 bis 600 vor Christus! Die Griechen zumindest sahen in Zarathustra bereits einen Weisen und diskutierten gerne über seine philosophischen Ansichten. Es kann auch niemand bestreiten, dass der Zoroastrismus einen immensen Einfluss auf das Judentum, das Christentum und den Islam ausgeübt hat. Da die zeitlichen Abläufe oft jedoch nur auf Spekulationen beruhen, ist es zum Beispiel für ein sehr spezielles Thema wie den Engelskult schwer zu sagen, wann welche Einflüsse des Zoroastrismus das Judentum erreicht haben. Dass es Einflüsse des Zoroastrismus auf den jüdischen Engelsglauben gegeben hat, steht für die seriöse Religionswissenschaft außer Frage.

Der Zoroastrismus ist eine monotheistische Religion. Zwar kennt er durchaus mehrere Gottheiten, im Zentrum des Glaubens aber steht der Schöpfergott Ahura Mazda. Er befindet sich in einem Dualismus mit dem Dämon Angra Mainyu (auch Ahriman genannt). Das Heilige Buch der Gläubigen, die Avesta, beschreibt, wie Ahura Mazda erst eine geistige Welt namens Menok und im Anschluss daran die Geti, die materielle Welt, erschuf. Er ist Schöpfer und Erhalter der Welt, weshalb er im Mittelpunkt aller Anbetung steht. So ist der Zoroastrismus eine monotheistische Religion, denn letztlich wurde alles, was existiert, von Ahura Mazda erschaffen. Die Avesta besteht ebenso wie etwa das Alte Testament aus einer Reihe von prophetischen Offenbarungen und Gathas – Liedern, die etwa dem entsprechen, was der Christ einen Psalm nennt. Und hier, in der Avesta, werden auch die Malakhim erwähnt – die Engel, denen die Daeva, die Dämonen, gegenüberstehen. Sie sind die Boten zwischen Himmel und Erde.

MALAKHIM UND MAL’ACH

Dem jüdischen Glauben waren in seinen Ursprüngen Begrifflichkeiten wie Himmel und Hölle fremd. Es gilt als gesichert, dass das Judentum während des Babylonischen Exils von 598 bis 539 vor Christus mit den Lehren Zarathustras in Kontakt kam und dass diese Lehre eine Inspiration für die weitere Entwicklung des eigenen Glaubens darstellte. Einen deutlichen Hinweis auf diese Inspiration findet sich in der Bezeichnung des Boten Gottes. Im Hebräischen heißt Engel »Mal’ach« (auch Mal’akh; weitere Übertragungen aus dem hebräischen ins lateinische Alphabet sind möglich). Man muss kein Sprachwissenschaftler sein, um gewisse Ähnlichkeiten mit dem zoroastristischen Begriff zu erkennen.

Engelsdarstellungen, wie wir sie heute kennen, waren dem Zoroastrismus fremd. Daher konnte dieser Glaube zwar Ideen vermitteln, die von anderen Kulturen aufgenommen wurden, wie diese Kulturen diese Ideen dann aber umsetzten, darauf hatten die Anhänger Zarathustras keinen Einfluss mehr.

Auf jeden Fall haben die Malakhim die Gedanken der Juden beflügelt. Sie werden etwa 120-mal im Alten Testament genannt – woraus sich ein Problem ergibt: ein Mal’ach (Mehrzahl Mal’achim) muss keinesfalls ein Engel sein, wie folgende Erklärung verdeutlicht.

Das Buch, das wir heute das Alte Testament nennen, ist in einem über Jahrhunderte andauernden Zeitraum entstanden. Die Gelehrten streiten über den genauen Zeitraum (siehe auch im Kapitel → Apokryphen den Absatz »Die Entstehung der Bibel«). Die Propheten deuteten Visionen und Erlebnisse oft sehr unterschiedlich, nutzten aber das gleiche Vokabular. Das Problem: Mal’ach heißt übersetzt nichts anderes als Bote, das heißt, wer immer sich hinter diesem überlieferten Wort verbirgt, übt »nur« eine Botenfunktion aus. Ein Bote kann ein Engel sein, wie im achten Kapitel des Buches Daniel, in dem der → Erzengel Gabriel auf den Propheten zutritt und ihn an einer Vision teilhaben lässt; der Bote kann aber auch nur ein Prediger sein, der Gottes Wort ehrenhaft und überzeugend verkündet. Möglicherweise werden daher im Alten Testament → Seraphim oder → Cherubim bewusst als Engel bestimmter Triaden genannt (→ Drei Sphären der Engel). Aber auch diese Nennungen sind nicht frei von möglichen Fehldeutungen. So werden verschiedentlich Engel als Elohim bezeichnet. Dies aber ist eigentlich eine Bezeichnung für »Gott«, allerdings aus einer Zeit vor der Entstehung des Judentums, um ganz genau zu sein aus der polytheistischen Götterwelt Kanaans. Die korrekte Bezeichnung für Gott wäre Jahwe (JHWE), jedoch: Selbst im Pentateuch, den fünf Büchern des Buches Mose, wird nicht nur der Begriff Jahwe benutzt, wenn Gott gemeint ist, auch der Begriff Elohim taucht in den hebräischen Originaltexten mehrfach auf. Dies führte bereits im 19. Jahrhundert zu der Vermutung, dass selbst diese Originaltexte aus verschiedenen Quellschriften zusammengefügt sein müssen.

Diese unterschiedlichen Bezeichnungen aber stellen nicht die einzige Problematik dar, mit der sich Engelskundler auseinandersetzen müssen, wenn es um biblische Begegnungen mit Engeln geht.

DER ENGEL UND DER MAL’ACH

Das Neue Testament entstand in einem Prozess: Zunächst waren einzelne Schriften im Umlauf; vermutlich wurde im 1. Jahrhundert eine erste Textsammlung zusammengestellt. Es gab Schriften in aramäischer oder hebräischer Sprache, bald aber dominierte Griechisch die Texte. Ein Evangelist wie Lukas etwa entstammte einem hellenistischen Umfeld. Bereits im 1. Jahrhundert machten sich griechische Gelehrte daran, alle Texte, die wir heute als Altes und Neues Testament kennen, in ihre Sprache zu übertragen. Engel heißt auf Griechisch ángelos.

In der ersten vollständigen Übersetzung des Alten und des Neuen Testaments ins Griechische, der sogenannten Septuaginta, kam es zu ersten Übertragungs- und Übersetzungsfehlern. So wurden beispielsweise aus gewöhnlichen Priestern, die die Urtexte als Mal’achim bezeichneten, Engel, die zu den Menschen sprachen. Der Septuaginta folgte als erste vollständige lateinische Übersetzung die Vulgata. Und so wurde aus dem Mal’ach endgültig Angelus, wie der Engel auf Lateinisch heißt.

Man kann sich vorstellen, dass es ganze wissenschaftliche Abhandlungen über dieses Thema gibt. Die Übersetzung der Bibel ist eine wissenschaftliche Disziplin für sich, mit vielen Fallstricken, vielen Überraschungen und letztlich auch Fehlern, die vor allem in früheren Zeiten entstanden sind.

ANFÄNGE DER ANGELOLOGIE IM JUDENTUM

Das Judentum kennt im Gegensatz zum Christentum keinen Katechismus. Selbst der Glaube an eine Existenz Gottes, wie er in anderen Religionen selbstverständlich ist, ist im Judentum nicht dogmatisch festgelegt. Die lange Tradition der jüdischen Philosophie ist sicher diesem Umstand geschuldet.

Der jüdische Glaube entstand nicht über Nacht, auch er musste wachsen. Der Name Jude stammt vom Königreich Juda ab, das zwischen 926 und 840 vor Christus entstand. Die Menschen nannte man Judäer. Sie gehörten, wie viele andere kleine Völker auch, einem Stammesverbund an, der im 2. Buch Mose als Volk Israel bezeichnet wird. Die erste nicht aus der Bibel stammende Erwähnung der Kinder Israels findet sich auf einer Stele des Pharaos Merenptah, die vermutlich um 1210 vor Christus gefertigt wurde.

Dem monotheistischen, von Stammvater Abraham vertretenen Glauben standen in der Frühphase des Judentums durchaus polytheistische Götterwelten wie die Kanaans gegenüber. Aber auch fremden Einflüssen entzogen sich die verschiedenen Stämme nicht, vor allem während des Babylonischen Exils kam es zu einem durchaus regen Austausch mit fremden Kulturen (→ Engel: Eine Zeitreise von Mesopotamien nach Griechenland).

Wenn man nun überlegt, dass das Alte Testament über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten entstand, spiegeln sich in der Heiligen Schrift durchaus verschiedene Entwicklungen wider – auch und gerade in Bezug auf den Glauben an die Engel.

Der frühe jüdische Engelsglaube ist dabei noch von polytheistischen Vorstellungen geprägt, von der Existenz verschiedener Götter und Geister. Das Verschwinden der Götter zu Ehren des einen Gottes vertrieb jedoch keinesfalls die Geister der Vergangenheit. In den frühen Vorstellungen der Menschen im heutigen Israel erkannten diese in Jahwe Gott als Herrn der Welt. »Seine Diener«, heißt es im neunten Band der »Theologischen Realenzyklopädie«, »herrschten über die Gestirne und garantierten die dort sichtbare Ordnung.« Diese Diener – Engel – waren in der Vorstellung der Menschen astrale Wesen, als Elementargeister herrschte Gott »in allen Elementen, geographischen Formationen, Witterungsphänomenen, Gewächsen und Wesen«.

Aus diesem Urglauben erwuchs eine komplexe Engelskunde, die sich nicht nur aus kanonisierten Schriften speist, welche heute in der Heiligen Schrift des Judentums nachzulesen sind. Auch das Judentum kennt → Apokryphen, dazu kommen mystische Traktate, → Pseudepigraphien und mehr. Ebenso, wie es viele verschiedene Strömungen in jeder Religion gibt, gilt dies auch für die Engelskunde. Die jüdische Engelskunde ist kein in Zement gemeißelter Katalog, sondern ein dynamisches Gebilde. Und vieles von ihm findet sich auch im christlichen Engelsglauben wieder, wie sich noch zeigen wird.

So ist auch der jüdischen Engelslehre der Gedanke an einen Gott nicht fremd, dem ein in verschiedene Hierarchien gegliedertes Engelsheer untersteht, ganz so, wie es → Dionysius Areopagita fürs Christentum festlegte. Allerdings unterscheiden sich ihre Auslegungen oft gravierend voneinander. Manche Schriften kennen eine herausragende Gruppe von sieben Engeln (Uriel, Raphael, Raguel, Michael, Sarien, Gabriel und Remiel), andere Schriften berichten von einer Sechsergruppe, und wieder andere Interpretationen gehen davon aus, dass die Heerscharen von vier → Erzengeln, in diesem Fall Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel, angeführt werden. Diese vier Erzengel sollen auch den Thron Gottes umstellen.

Wieder andere Deutungen des Engelschores unterteilen die Welt der Engel in verschiedene Klassen, dazu gehören die → Cherubim, → Seraphim und Ophanim. Die Zahl der Klassen variiert zwischen drei und sieben verschiedenen, je nach Quellen und Interpretationen derselben. Die möglicherweise bekannteste, auf verschiedenen Quellen basierende jüdische Engelshierarchie verfasste übrigens erst im 12. Jahrhundert ein Arzt namens Moses Maimonides in Cordoba (→ Jüdische Engelshierarchie).

Eine ebenfalls jüdische Überlieferung ist die des Gottkönigs, der seinen Hofstaat (die Engel) zur Beratung um sich schart.

Die Fülle jüdischer Engelinterpretationen sind von einer faszinierenden Vielfältigkeit. Ebendie Tatsache, dass das Judentum keinen Katechismus kennt und stattdessen eine ausgeprägte philosophische Diskussionskultur bevorzugt, macht es zu einer Freude, all die Interpretationen, Ansichten und Deutungen miteinander zu vergleichen.

»Zentral«, heißt es im neunten Band der »Theologischen Realenzyklopädie«, »für alle Vorstellungen [in der Angelologie des Judentums] ist der Gedanke, daß die Engel in Gottes Dienst an ihm, am Kosmos und an der Menschheit stehen.« Auf diesem Fundament bauen alle Überlegungen auf, problematisch wird es allerdings, sie systematisch ordnen und in ein festes Korsett pressen zu wollen.

DIE ENGEL ALS MAL’ACHIM

Der Engel als Bote basiert auf einem Gottesverständnis, das Gott nicht als einen Schöpfer betrachtet, der sein Werk – die Schöpfung – nach getaner Arbeit sich selbst überlässt, sondern auf einem Verständnis, nach dem Gott in den Gang der Geschichte eingreift. Der Mal’ach wäre demnach der Botschafter des göttlichen Wortes und sein Überbringer. So etwa im Fall Daniels, den der → Erzengel Gabriel an seinen Visionen teilhaben lässt.

Auch Schutzengel sind im jüdischen Engelsglauben verbreitet, wer den Sabbat heiligt, darf gar auf einen ganz besonderen Beistand zählen.

SATAN IM JÜDISCHEN ENGELSGLAUBEN

Die christliche Angelologie sieht in Satan oder Luzifer, welchen Namen der Herr der Finsternis auch immer tragen mag, einen gefallenen Engel und Gottes Gegenspieler. Auch der jüdische Engelsglaube kennt ein dualistisches System, in dem ein Engel namens Belial seine Heerscharen um sich versammelt, um das Gute und Göttliche zu bekämpfen. Dieser Glaube jedoch stammt aus → apokryphen Schriften, nicht aus dem Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, auch wenn der Begriff im Tanach mehrfach genannt wird. Was Belial heißt, konnte bis heute nicht mit Sicherheit geklärt werden.

Im jüdischen Verständnis ist Satan ein Anklageengel. Im Buch Hiob taucht der Satan als eine Art »Funktionär Gottes bei dessen Weltregierung auf« – so interpretiert der niederländische Autor A. de Wilde die Rolle des Satans als einen Gegenspieler Gottes vor Gericht in seiner theologischen Untersuchung »Das Buch Hiob: Eingeleitet, übersetzt und erläutert«. In der hebräischen Urfassung des Buches Hiob werden mehrfach die Hassatan als Anklageengel erwähnt. Aus dieser Gruppierung von Engeln wurde dann, mutmaßt der Autor, Satan.

Als Ankläger also wäre jener Engel, den wir als Satan kennen, Teil eines himmlischen Gerichtshofes, der fünf verschiedene Engelsformen kennt. An erster Stelle stehen die Fürsprecherengel, die für die Menschen und ihre Sünden um Vergebung bitten. Sie sind die Engel, die den göttlichen Auftrag, den Menschen zu dienen, ohne Ausnahme erledigen. Sie sind die Hoffnung. Ihnen gegenüber sitzen die Anklageengel, unter anderem Satan, Mastema, Sammael. Auch sie führen nur Gottes Befehl aus und dienen damit den Menschen. Aber sie sind in dieser Aufgabe unerbittlich. Wer gegen die Regeln des Herrn verstößt, hat in ihren Augen keine Gnade verdient.

Mit den Schreiberengeln kennt diese Interpretation auch eine Engelsgattung, die neutral dem Geschehen folgt, während die Wägeengel zwischen Vergebung und Bestrafung abwägen. Sie müssen das Gleichgewicht der Kräfte halten. Schließlich bleiben noch die Strafengel, die Verführer, Ankläger und Todesengel in einem sind.

Aus den → Qumran-Rollen geht darüber hinaus der Glaube an eine Engelsgemeinschaft der Endzeit hervor: Wenn eines Tages die Seligen Gottes Gegenwart erfahren – ähnlich dem Glauben der Christen an ein Neues Jerusalem, in dem Gott unter ihnen weilen wird –, werden sie von den Engeln bedient, die für sie singen, tanzen und musizieren, da die Gerechten selbst zu Engeln oder doch zumindest zu engelhaften Wesen aufsteigen.

Eine Sonderrolle nimmt die Kabbala-Tradition im Judentum ein, deren Engelshierarchie 72 Engel mit Namen wie Vehuhia, Kevakiah, Ariel, Asaliah, Mi(c)hael, Haiaiel oder Mumiah umfasst. Engel und → Erzengel sind hier Lichtwesen ohne physische Körper, die Gott nahe und somit über dem Menschen stehen.

DER HASS DER ENGEL

Das Alte Testament berichtet von den → Söhnen Gottes, die auf die Erde herniederkommen und sich mit Menschenfrauen einlassen. Die Autorin Danielle Trussoni baut auf dieser Überlieferung aus dem 1. Buch Mose ihren gesamten Roman auf. Diese Engel widersetzen sich den Regeln des Herrn, die eine Vermischung von Menschen und Engeln verbieten. Laut des apokryphen → Buches Enoch werden diese von einem Engel namens Semjasa angeführt.

Engel, die sich Gottes Allmacht widersetzen, kennt auch die rabbinische Philosophie des Mittelalters. In der rabbinischen Literatur werden Engel nicht selten von Neid und Hass aufgezehrt dargestellt. Sie beneiden die Menschen um ihre Seele und die Liebe, die sie von Gott erlangen.

Danielle Trussoni beschreibt die → Nephilim zwar als äußerst brutal, hinterhältig und bösartig, aber nicht unbedingt als sonderlich intelligent. Mehr noch, die Nephilim sind sich der Tatsache bewusst, dass sie zwar die Nachfahren der Engel sein mögen – was sie den Menschen dennoch nicht intellektuell überlegen macht. Darunter leiden sie direkt. Der rabbinischen Literatur ist dieser Gedanke nicht fremd. Da der Mensch Wissen erlangt, er eben nicht »nur« einen göttlichen Auftrag erfüllt, wird er von Gott mehr geliebt als die Engel, die nicht über die Fähigkeit verfügen, eigenes Wissen zu erarbeiten. Sie sind nur Werkzeuge Gottes, die Menschen aber sind seine Kinder.

ENGEL IM CHRISTENTUM

Wie die jüdische Angelologie kennt auch das Christentum nicht den einen fest zementierten Engelsglauben. Auch im Christentum variieren Interpretationen, Vorstellungen und Deutungen. Allein die Frage, wie viele Erzengel das Christentum als solche anerkennt, bietet genügend Stoff für eine eigene Untersuchung (siehe daher auch den separaten → Erzengel-Artikel, der sich ausführlich mit dieser Frage auseinandersetzt).

Viele christliche Vorstellungen entstammen der jüdischen Tradition – sprich: dem Alten Testament. Engel werden auch im Christentum vorwiegend als Boten des Herrn betrachtet, als jene himmlischen Wesen, die mit den Menschen in Kontakt treten und Gottes Willen übermitteln. Wie im 1. Buch Mose im Kapitel 22 nachzulesen: Abraham soll seinen bedingungslosen Glauben an Gott beweisen – und seinen Sohn töten. Als er dem Knaben die Klinge ansetzt, wird er in letzter Sekunde daran gehindert: »Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest (…).«

Da das Alte Testament ebenso wenig wie das Neue Testament über eine ausgefeilte Engelslehre verfügt – das Gros dessen, was wir heute über Engel zu wissen glauben, entstammt Quellen, die niemals den Heiligen Schriften angehört haben –, fällt die christliche Betrachtung des Engelwesens im Alten Testament recht übersichtlich aus.

Es gibt verschiedene Formen, Engel als solche zu erkennen und als solche zu deuten. Wie sie zu deuten sind, liegt nicht selten in den Augen des Betrachters. Eine Deutung ist eben stets eine Interpretation.

DER HOFSTAAT GOTTES

Im 1. Buch Samuel, Kapitel 4, heißt es: »Da sandte das Volk nach Silo und ließ von dort holen die Lade des Bundes des Herrn Zebaoth, der über den → Cherubim thront.« Es sind Verse wie dieser, die die Vermutung an eine Engelshierarchie nahelegen und in der christlichen Terminologie als »Hofstaat Gottes« interpretiert werden. Demnach besetzen die Cherubim eine hohe Position. An anderer Stelle, bei Josua, Kapitel 5, Vers 14, stellt sich ein Engel mit den Worten vor: »Ich bin der Fürst über das Heer des Herrn und bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht?«

Ein Fürst über ein göttliches Heer? Mose wiederum erwähnt die → Söhne Gottes. Das 1. Buch der Könige berichtet im Kapitel 22 ab Vers 19: »Micha sprach: Darum höre nun das Wort des Herrn! Ich sah den Herrn sitzen auf seinem Thron und das ganze himmlische Heer neben ihm stehen zu seiner Rechten und Linken. Und der Herr sprach: Wer will Ahab betören, dass er hinaufzieht und vor Ramot in Gilead fällt? Und einer sagte dies, der andere das. Da trat ein Geist vor und stellte sich vor den Herr und sprach: Ich will ihn betören. Der Herr sprach zu ihm: Womit? Er sprach: Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein im Munde aller seiner Propheten. Er sprach: Du sollst ihn betören und sollst es ausrichten; geh aus und tu das! Nun siehe, der Herr hat einen Lügengeist gegeben in den Mund aller deiner Propheten; und der Herr hat Unheil gegen dich geredet.«

Schilderungen wie diese, erklärt der Theologe Jan Dochhorn, verbildlichen die Macht Gottes in einer Weise, wie sie die Menschen verstehen können. » (…) die wichtigsten Instanzen des Hofstaates werden also wohl vorrangig als Manifestationen göttlicher Macht angesprochen – einem imposanten Herrscher entspricht eben eine imposante Schar von Würdenträgern«, mutmaßt er in seiner Analyse »Die Apokalypse des Mose – Text, Übersetzung, Kommentar«.

Der Laie indes wundert sich über Formulierungen wie himmlische Heere. Oder die Umschreibung »Geist« für einen Engel. Der Engel als körperloses, astrales Wesen? Und dann sendet Gott einen Lügengeist aus; Gott, der in seinen Zehn Geboten die Lüge zur Sünde erklärt? Aber wenn ein Lügengeist ein Engel ist – wie kann es sein, dass Gott ein himmlisches Wesen aussendet, das gegen seine eigenen Gebote verstößt?

Wie man sieht, ist Engelskunde eine höchst spekulative Angelegenheit, und ein Zitat wie das aus dem Buch der Könige alleine ist dazu geeignet, eine höchst kontroverse Diskussion unter Gläubigen und Gelehrten zu entfachen. Wetten, dass am Ende einer Diskussion mit fünf Teilnehmern fünf Meinungen, Deutungsversuche und Interpretationen stehen?

Übrigens: Ahab, der hier betört und damit letztlich in eine Falle gelockt werden soll, war ein König des Nordreiches Israels, der im Allgemeinen als ungläubig bezeichnet wurde und dessen Frau, eine Phönizierin, sogar einen fremden Götterkult, den sogenannten Baal-Glauben, in Israel einführte. 852 vor Christus starb er vermutlich in einer Schlacht gegen Aramäer. Ausgerechnet der vielgescholtene Ahab ist ironischerweise ein direkter Vorfahr der späteren Könige von Juda.

ANGELUS INTERPRES UND ENGEL DES ALTEN TESTAMENTS AUS SICHT DES CHRISTENTUMS

Das Alte Testament kennt drei Engel mit Namen: Raphael, Gabriel und Michael. Aufgrund ihrer Namensnennung besitzen sie eine Sonderstellung in der christlichen Engelsvorstellung, dass sie jedoch → Erzengel sind, geht letztlich in dieser Klarheit nur aus dem → Buch Enoch hervor, das weder von katholischen noch evangelischen Christen als Buch der Bibel anerkannt wird.

Der Deuteengel wiederum, der angelus interpres, hat die Aufgabe, von Gott gesandte Visionen zu verdeutlichen. Er ist quasi der Übersetzer von Gottes Willen in eine für den Menschen verständliche Sprache. Ihm gegenüber steht Satan, der auch im christlich geprägten Engelsbild nicht zwangsläufig als Höllenfürst, sondern durchaus auch, wie in der jüdischen Engelskunde, als Verführer dargestellt werden kann. Im ersten Kapitel des Buchs Hiob beispielsweise ist er es, der besagten Hiob vom Pfad der Tugend abbringen will, dabei aber vor Gott tritt. Er ist in diesem Fall kein Widersacher Gottes, er ist vielmehr ein Engel, der eine klar definierte Tätigkeit ausübt – nämlich den Glauben der Menschen zu prüfen.

Aber auch in diesem Fall gilt: Es gibt viele Ansichten und ebenso viele Interpretationen.

DAS NEUE TESTAMENT

Auch wenn das Bauchgefühl zunächst etwas anderes behaupten mag: In Sachen Engelskunde ist das Neue Testament wenig ergiebig. Natürlich: Da ist die Geschichte der Verkündigung durch den → Erzengel Gabriel, der im Neuen Testament zweifelsohne eine Schlüsselposition einnimmt (→ Engelsberichte nach Mose, Hesekiel und Lukas). Und dann gibt es ja auch noch die Offenbarungen des Johannes, in denen nicht nur der → Erzengel Michael zum Schwert greift. Im einundzwanzigsten Kapitel der Apokalypse steht geschrieben: » … es kam zu mir einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll der letzten sieben Plagen hatten, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir das Weib zeigen, die Braut des Lammes. Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, herniederfahren aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes. Und ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem hellen Jaspis. Und sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, nämlich der zwölf Geschlechter der Kinder Israel.« So die redigierte Übersetzung nach Luther aus dem Jahre 1912. Zwölf Engel vor den Toren, sieben Engel, die Schalen voll Plagen transportieren: Es gibt weder im Alten noch im Neuen Testament ein anderes Buch, das auch nur ansatzweise so plastisch und dramatisch von einer Begegnung mit Engeln berichtet. Aber dennoch – an einer Systematisierung der Engel und ihrer Funktionen hatten die Evangelisten offenbar kein Interesse.

Deutlich wird, dass sich das Neue Testament oft dem angelus interpres nähert, dem erklärenden Engel. Das ist nicht nur der Erzengel Gabriel, auch in der Apokalypse treten Engel als Mittler zwischen Menschen- und Gottesreich auf. Obschon auch das Neue Testament von einer Vielzahl von Engelsbegegnungen berichtet, wird die Macht der Engel relativiert. Nicht mehr sie verkünden Gottes Botschaft, Gott selbst ist in Jesus Christus zum Menschen geworden.

Wenn man dieser Interpretation folgt, ist Jesus Christus gleichfalls Herr der Engel, ebenso wie der Heilige Geist, der ein Teil des dreifaltigen Gottes darstellt. Daraus ergibt sich, streng genommen, eine Abwertung der Engel. Gott selbst tritt auf den Plan, in Jesus Christus verkündet er sein Wort, er braucht streng genommen keine Mittler mehr, die sein Wort der Menschheit offenbaren.

Es ist erstaunlich, dass trotz dieser augenscheinlichen Degradierung die Faszination an Engeln nicht schwand, sondern stattdessen die Phantasie des frühen Christentums nur umso mehr beflügelte.

DIE ANFÄNGE DER CHRISTLICHEN ANGELOLOGIE

Die sogenannten Kirchenväter der Alten Kirche stritten teils heftig über die Engelsfrage. Viele der ersten Kirchenväter befürchteten eine Abwertung von Jesus Christus, entstünde ein Engelskult. Johannes Cassianus beispielsweise, der um das Jahr 420 dadurch Bekanntheit erlangte, dass er die Laster festlegte, die bis heute keinen guten Christenmenschen heimsuchen dürfen (Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Habsucht, Zorn, Traurigkeit, Überdruss, Ruhmsucht, Hochmut), postulierte in Bezug auf die Engel, dass Engel definitiv körperliche Wesen sein müssen. Allein Gott sei ein Wesen aus purer Energie (seinerzeit noch Licht genannt), und nur Jesus sei tatsächlich mit diesem Licht identisch. So stand für Johannes Cassianus, einen angesehenen Mönch und Priester, der auch als Johannes von Massilia in die Geschichte eingehen sollte, fest, dass der Engelskult gegen das Gebot verstieß: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!

Der Streit um die Bedeutung der Engel dauerte mindestens die ersten vier Jahrhunderte an, bis sich aus den vielen als heilig empfundenen Schriften die Heilige Schrift des Christentums entwickelte. Viele Bücher allerdings, die große Popularität genossen, wie etwa das → Buch Enoch, wurden aus diesem offiziellen Kanon ausgeschlossen – ihr Inhalt aber geriet dadurch nicht etwa in Vergessenheit. Schon vor 1600 Jahren galt: Wird etwas verboten, wird es dadurch erst richtig interessant.

DE CIVITATE DEI

»De civitate Dei« heißt übersetzt »Vom Gottesstaat«. Augustinus von Hippo, auch bekannt als → hl. Augustinus, verfasste dieses Werk in den Jahren von 413 bis 426. Kurz zuvor war Rom von den Westgoten erobert worden, das inzwischen christianisierte Römische Reich stand vor seinem Ende. Der Fall Roms stellte eine existenzielle Bedrohung für die eng mit dem Reich verflochtene Religion dar.

Augustinus, geboren 354 in Thagaste, im Norden des heutigen Algeriens gelegen, stand der griechischen Philosophie nahe. Als Sohn eines Vaters, der noch dem römischen Götterglauben anhing, hatte sich Augustinus aus Überzeugung dem Christentum angeschlossen. Als Gelehrter unterrichtete er Schüler in theologischen und philosophischen Fragen. »De civitate Dei« wird heute als ein erstes Schlüsselwerk der christlichen Engelskunde betrachtet, auch wenn Angelologie nur einen Teilbereich seiner umfangreichen Schrift(en) abdeckt. Tatsächlich ging es Augustinus in seinen insgesamt 22 Schriften darum, die Idee eines spirituellen Gottesstaates zu kreieren, der unabhängig von einem staatlichen Machtgebilde existieren kann. Er ebnete den Weg des Christentums ins Mittelalter – auch vor dem Hintergrund eines untergehenden christianisierten Imperiums.

Augustinus’ Ansicht nach wurden die Engel noch vor dem zweiten Schöpfungstag erschaffen. Sie seien pures Licht, also astrale Wesen, die allein durch das Wort Gottes existieren. Daher wird alles, was wir Realität nennen, von Engeln geleitet. Augustinus’ Interpretation eines Gottesstaates nimmt die Idee einer Engelshierarchie auf, ohne die Unterschiede zwischen → Erzengeln, → Cherubim, → Herrschaften auszuarbeiten. Jedoch sind die Engel laut Augustinus mit einer dreifachen Erkenntnis gesegnet: einer Erkenntnis des Tages, des Abends und des Morgens. Im Gegensatz zum Menschen erkennen sie Gott und verstehen seinen Plan, sie weichen nicht von seiner Seite und sind mit den Gläubigen Teil des Gottesstaates. Seelen besitzen sie allerdings nicht. Daraus leitet sich die Schlussfolgerung ab, dass die Menschen Gottes auserwählte Spezies darstellen. Erlangt ein Mensch eine höhere Erkenntnis, verschafft dies aber auch den Engeln Glückseligkeit, ihr Auftrag ist es schließlich, den Menschen zur Erkenntnis zu verhelfen.

Die Denkschriften des hl. Augustinus dienten schließlich → Dionysius Areopagita, dessen wirklicher Name unbekannt ist, bei der Erstellung eines expliziten hierarchischen Systems, bestehend aus drei Triaden und beruhend auf der Dreifaltigkeit (→ Drei Sphären der Engel und → Konzil von Nicäa). Das bis heute im christlichen Glauben fest verankerte Triadensystem besteht aus neun Chören mit den → Seraphim, → Cherubim und → Thronen in der ersten Triade, den → Herrschaften, → Mächten und → Gewalten in der zweiten und schließlich den → Fürstentümern, → Erzengeln und den gewöhnlichen → Engeln in der dritten Triade.

Als Anhänger Roms vertraten Dionysius Areopagita und der hl. Augustinus sehr westlich orientierte Glaubensvorstellungen, im byzantinischem Einflussbereich entwickelte sich ein leicht abweichender Engelsglaube.

Aus dem 8. Jahrhundert sind von dort Schriften erhalten, die erklären, Engel seien mit Gottes Energie gefüllt. Durch die Anwesenheit der Engel wird für den Menschen somit Gottes Energie spürbar. Dieser Ansatz ist nicht uninteressant, da er auch in modernen New-Age- und Esoterikansichten zu finden ist.

Die Frage, welche Position Jesus Christus als Gottes Sohn einnehme, beantworteten byzantinische Gelehrte nicht selten mit der Antwort, er sei der Erzengel des großen Rates. Dafür gibt es folgende Begründung: Von dem Moment an, in dem Gabriel seine Geburt verkündete, standen die Engel in seinem Dienst. Dem lässt sich nicht widersprechen – denkt man. Da Gabriel aber Maria die Geburt verkündete, gab es in der byzantinischen Engelskunde auch die Tendenz, Maria zur Engelskönigin zu erheben, da sich Gabriel – mit der Verkündung – schließlich in ihren Dienst stellte.

ENGEL IN ÄTHIOPIEN

Danielle Trussonis Roman »Angelus« basiert auf der Geschichte der → Söhne Gottes, die sich menschliche Frauen nahmen und die → Nephilim mit ihnen zeugten. Sie vermeidet es in ihrem Roman, sich auf einen bestimmten engelskundlichen Bezug festzulegen. Vielmehr bedient sie sich im jüdischen Engelsglauben ebenso wie im christlichen. Insgesamt kann auf einen riesigen Legenden-, Wissens- und Glaubensschatz zurückgegriffen werden, der seinerseits nur entstehen konnte, da zum Teil jahrtausendealtes Wissen, Glauben, Legenden und philosophische Schriften einander ergänzten und oftmals aufeinander aufbauten.

Den Ausgangspunkt für ihren Engelsroman aber fand die Autorin nicht in den bekannten westlichen Engelszeugnissen und auch nicht in der Ostkirche: Sie wurde letztlich in Äthiopien fündig.