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Carlo schaut aus dem Fenster des Fliegers, sein Blick schweift über das Meer und er kann bereits die Konturen von Hispanola erkennen. Was wird die "Neue Welt" für ihn bereithalten? Schon in der "Alten" war es hart, er machte sich da keine Illusionen..........
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2020
Rainer Teklenburg
ANGESTRANDET
Never give up the fight
© 2020 Rainer Teklenburg
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-11321-3
Hardcover:
978-3-347-11322-0
e-Book:
978-3-347-11323-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
“Bitte stellen Sie das Rauchen ein und legen Sie die Sicherheitsgurte an, wir befinden uns im Landeanflug.“
Carlo fühlte, dass die Entscheidung gut war, die er getroffen hatte und ein Zurück ging eh` nicht mehr, One-way-ticket, Heimat ade.“
Zuhause die Tür zugenagelt, den Schlüssel dreimal umgedreht und weggeworfen. Keine Hintertür offen gelassen, alle Brücken abgebrochen und Platz genommen am Roulette Tisch des Lebens.
"Meine Damen und Herren machen sie ihre Einsätze, die Kugel rollt!“
Ach Natalie…
Karibik! Allein beim Klang des Namens kommen Träume auf. Karibik verheißt Abenteuer, Sonne, Strand und Liebe. Aus der Fensterluke des Fliegers kann Carlo die Küste sehen. Von hier oben ist das Meer dunkelblau und kräuselt sich weiß an den Kämmen der Wellen. Je mehr die Maschine an Höhe verliert, desto mehr ändert sich die Farbe des Wassers, wird hellblau und verliert sich in smaragdgrün. Der Traum rückt näher und die Farben werden prächtiger.
Hispaniola…
Christoph Kolumbus und seine Männer waren wohl die ersten „Ausländer“ die ihren Fuß auf dieses paradiesische Eiland gesetzt haben. Sie trafen auf ewigen Sommer, endlos weite Strände und Kokosnuss behangene sattgrüne Palmen. Freundlich und ehrfürchtig traten ihnen die einheimischen Indios gegenüber. Man wähnte sich im Garten Eden. Die Tainos, wie man diese Indios nannte, waren offen und ohne jede Hinterlist, gastfreundlich, feingliedrig und vor allem schlecht bewaffnet. Lange dauert es nicht, da wurden sie bis auf den letzten Mann ausgerottet, das ganze Volk für immer ausgelöscht. Für die schwere Arbeit schafften die Spanier afrikanische Sklaven ins Land, mit ihnen kamen die Glücksritter, Ausbeuter, die Abgesandten des Spanischen Hofes und auch Gottes fleißige Diener. Heute, 500 Jahre nach Kolumbus, ist dieses Land vom Tourismus erschlossen.
Mit den Urlaubern kommen sie wieder die Glücksritter, kleine Gauner, Betrüger oder einfach nur gescheiterte, die mit einer Hand voll Dollars dieses Paradies erobern wollen.
Obwohl Carlo alles was ihn an sie erinnern konnte zurückgelassen hatte, jedes Bild zerrissen, jedes Geschenk vernichtet, sogar den Ring in den Gully geworfen hatte, war sie allgegenwärtig.
Er müsste sich das Gehirn herausschießen, um sie aus seinen Träumen zu verbannen, ihren Geruch nicht mehr wahrzunehmen oder ihre Stimme nicht mehr zu hören.
„Rien ne va plus“, sagte er zu sich, „ich will dich nie wieder sehen“.
Ein Riesenlärm rund um das Förderband. Schreiende Kofferträger, lärmende Kinder, verschreckte Mütter und verschwitzte Väter auf der Suche nach ihrem Gepäck.
Carlo drängte sich ans Band, seine Reisetasche drehte dort schon ihre Kreise. Seine Hand schloss sich um die Tragriemen, noch bevor einer der Kofferträger ihm zuvorkommen konnte.
Wie hieß es beim Abflug?
„We are ready for take off“
Ich auch dachte er, ich bin bereit!
„Keep on running Junge.“
Fünf Dollar, das ersparte die lange Kontrolle des Gepäcks. Die Zöllner begrüßten jeden Reisenden per Handschlag. Ein kleiner zusammengerollter Geldschein wechselte dabei seinen Besitzer. Wer dieses System nicht kannte musste seine Koffer und Taschen durchchecken lassen. Unter Umständen wurde es dann richtig teuer und auf alle Fälle dauerte es seine Zeit.
Angel und Dolores standen zwar hinter der Absperrung, aber sie konnten Carlos schon sehen und winkten ihm zu.
Ich komme auf immer und ewig auf deine Insel, hatte er am Telefon zu Angel gesagt, aber der wollte, dass seinem Freund nicht glauben. Niemals mehr zurück in die Heimat und auch Natalie vergessen?
Natalie, einmal Hure, einmal Heilige, versteh' den Carlo einer, dachte Angel.
"Wann kommst du?“
„Die nächste Maschine, die nach Hispaniola fliegt, werde ich buchen, Angel.“
"Dolores und ich werden dich abholen, wir freuen uns, dass du kommst.“
„Hasta entonces amigo“
„Hasta luego Angel“
Es war nur noch ein Rauschen in der Leitung, als Carlo einhängte. Es hörte sich an wie das Rauschen des Meeres, das zwischen der alten und der neuen Welt die Grenzen zog. Carlo war das letzte Band, dass den kleinen dicken Araber mit dem Land verband, in dem er die glücklichsten und gleichzeitig die schrecklichsten Jahre seines Lebens verbrachte. Mit dessen Kommen zog dieses Band sich nun zusammen und würde sich hier verknoten. Dann würde auch er Deutschland bald ganz vergessen haben. In den langen Nächten würde Dolores schon dafür sorgen, dass sich seine Trauer in Grenzen hielt. Seit mehr als zehn Jahren lebt er nun auf dieser, „seiner Insel“. In Deutschland hatte er Maschinenbau studiert und wurde von einem multinationalen Konzern engagiert, um in Hispaniola bei der Verwirklichung eines ehrgeizigen Projektes mitzuwirken. Nach einem Jahr wurde er zurückbeordert. Er brachte es aber nicht fertig die Insel wieder zu verlassen. Angel kündigte seinen Job und ließ sich dort nieder.
„Es ist wie ein Virus, Carlo. Wenn er dich an den Eiern hat, dann lässt er nicht mehr los. Man kann nichts dagegen tun. Wir leben in der dritten Welt, alles im Argen. Täglich fällt der Strom aus und Wasser hält man besser auf Vorrat. Die Straßen sind kaum geteert und ohne Schmiergeld läuft so gar nichts. Korrupt das ganze System. Und dennoch, trotz der Armut schaust du nur in fröhliche Gesichter. Keiner ist verbittert, weil er nicht einen dritten Fernseher auf’m Klo hat."
Alemánia, I don’t miss you.
Angel war ein ehrlicher, aber auch ein schlitzohriger Araber. Einer der besser auf einen orientalischen Basar passte, als in die Vorstandsetage eines internationalen Konzerns. Fünf Sprachen beherrschte er in Wort und Schrift. Für einige Amerikaner, Kanadier und Europäer verwaltete er, na sagen wir mal, ihre Wochenendhäuser und auch ihr Schwarzgeld. Misstrauisch wie Reiche nun einmal sind trauten sie den hiesigen Banken nicht und deponierten ihre Dollars lieber in Angels Safe. Jeder wußte: Bei ihm war es so sicher wie in Abrahams Schoß, und es gab niemanden der nicht seine Hand für den Araber ins Feuer gelegt hätte. Was diesen allerdings nicht daran hinderte dieses Geld doch auf die Bank zu tragen und klammheimlich für hunderttausende von Dollars Zinsen zu kassieren. So kam es. dass er auf die Reichen nichts kommen ließ, obwohl er doch die Kapitalisten eigentlich nicht mochte. Weil der kleine dicke Araber ein gutes Herz hatte oder auch vielleicht ganz klein wenig ein schlechtes Gewissen, überlegte er sich, wen er an seinem Dollarsegen teilhaben lassen konnte.
Auf Hispaniola herrschte wie in der ganzen Karibik und auch in ganz Lateinamerika ein Mangel an Männern, beziehungsweise ein Überangebot an Frauen.
Aus der Sicht der Männer war dieser Zustand geradezu ideal und noch die größte Null konnte voll und ganz den Macho heraushängen lassen. Verantwortung und der Hang zum Arbeiten, war bei den hiesigen Maskulinen nicht besonders ausgeprägt. Der Garten Eden und die karibische Sonne verführten schon früh dazu, Liebe zu machen. Im Liedgut voller Erotik und Leidenschaft bewegten sich wunderschön geformte Körper im Rhythmus karibischer Klänge und in der Hitze der Nacht gaben sich die Mädchen den Attacken der Chicos hin.
Amore auf immer und ewig, nur dir will ich treu sein. Nur dich will ich spüren heute und bis in die Unendlichkeit. Glückselig eingelullt von den Worten der Latinlovers spreizten sie die Beine um das Zepter des Meisters zu empfangen.
Ein paar Tropfen des Einzigen ließ den Leib sich wölben und in den folgenden Monaten die Milch in die Brust schießen. Spätestens wenn des Meisters Meisterstück das Licht der Welt erblickte, pflegte der Einzige sich fast zeitgleich mit dem Erscheinen dieses Wunders der Natur zu verdrücken. Er löste sich quasi in Luft auf, um an anderer Stelle und mit einer anderen Schönen das Wunder zu wiederholen.
Was also sollte Angel mit den Dollars machen?
Nicht weit von seinem Domizil entfernt hatte er ein Fischerdorf ausgemacht und dort für alleinstehende Mütter einen Kindergarten eingerichtet. Dort konnten diese ihre Kleinen kostenlos betreuen lassen, während sie einer Arbeit nachgingen. Zu diesem Zweck hatte er zwei wunderschöne Mulattinnen eingestellt, Maria und Dolores.
Dolores, der Namen bedeutet Schmerzen. Dolores, Schmerzen? Namen verpflichten. Zweiundzwanzig Jahre war sie alt, groß gewachsen, schlanke Fesseln, schlanke gepflegte Hände. Ihre schwarzen Haare reichten bis zum Gesäß und bedeckten ihren Po zur Hälfte Hohe Wangenknochen in ihrem schmalen Gesicht, große dunkle Augen, in denen man sich verliert, gekrönt von langen Wimpern.
Dolores, Schmerzen!
Verführung pur möchte man sagen. Auf jeden Fall hatte sie ihre Betreuung auf Angel ausgedehnt und nach und nach total ausgefüllt. Eine freundliche Übernahme sozusagen. Jetzt standen beide hinter der Absperrung und warteten, bis Carlo seine Formalitäten erledigt hatte. Seine Tasche in der Hand, drängte er sich durch die Wartenden zu ihnen durch.
Hola Carlo!
Hola Dolores, hola Angel!
„Komm her und lass dich umarmen.“
Mit diesen Worten reckte Angel sich nach oben und zog dabei Carlos ein wenig nach unten. Einen dicken Kuss auf die rechte Wange und noch einen auf die linke. Dann war Dolores dran, die sich lediglich etwas auf die Zehenspitzen stellen musste.
„Gib mir die Tasche.“
Angel zerrte am Riemen. Carlo kannte das schon, das würde jetzt noch eine Weile so gehen.
„Lass nur, ich trage sie selber.“
„Lass doch.“
„Gib schon her, maldita sea
„Gib schon, coño“
Dolores wusste, dass Angel nicht nachgeben würde, ja glatt beleidigt wäre, hätte Carlo nicht eingelenkt. Also gab dieser mit einem gespielten Stöhnen nach, wobei der kleine Araber triumphierend lächelte.
„Mein Auto ist in der Werkstatt, wir werden ein Taxi nehmen.“
„Es ist schön, dass du nun hier bleibst, du wirst Deinen Weg schon machen.“
„Dein Wort in Gottes Ohr.“
„Allah wird's schon richten“, lachte Angel.
Schweigend liefen sie zum Taxi, verstauten Carlos Gepäck. Erst als sie das Flughafengelände bereits verlassen hatten, nahm Angel das Gespräch wieder auf.
"Du wohnst erst einmal bei uns, bis wir etwas Passendes für dich gefunden haben. Und morgen gehen wir zu meiner Advokatin wegen deiner Recidencia. Jetzt duschst du erst einmal, dann gehen wir essen. Ich habe am Strand von Costambar, in einem Lokal, einen Tisch bestellt. Es gibt Lachs vom Allerfeinsten. Außerdem werden etliche Freunde zur Begrüßung da sein.“
Er redete und redete. Wie durch Watte und von weitem drang seine Stimme zu Carlo, der versonnen aus dem heruntergelassenen Autofenster schaute. Gierig, die Eindrücke, die vorbeiflogen aufzusaugen und festzuhalten. Von den Zuckerrohrfeldern, die sich auf beiden Seiten der Straße ausdehnten, kamen die ersten Feldarbeiter. Die Machete geschultert, die Arbeit getan, befanden sie sich auf dem Weg zu ihren Behausungen. Schulkinder standen fröhlich albernd in ihren schmucken Uniformen am Rand der Straße. Die Buben alle mit Baseballmützen und die Mädchen mit geflochtenen Haaren, geschmückt mit bunten Perlen. Sie fuhren durch kleine Dörfer mit nur ein paar Häusern, manche aus Holz, andere gemauert. Überall pulsierendes Leben, kleine Gruppen standen zusammen bei den üblichen Plaudereien. Wie Hornissen schwirrten die Motoconchos (Mopedtaxis) auf der Suche nach einem Fahrgast kreuz und quer über die Straßen, Musik drang aus den Häusern, leichter Calypso, anarchistischer Reggae, verführerischer Lambada und der eindringliche Merengue. Vor den Casas saßen die Machos und spielten ihr Domino, während die Mujeres die Wäsche im Padio wuschen oder Freundinnen zu Besuch hatten. Gegenseitig legten sie sich die Haare, lackierten sich die Fingernägel in allerlei bunten Farben, bereiteten sich vor für die Nacht, um schön für ihre „Tigres“ zu sein, um ihnen zu gefallen.
„Maldita sea, coño, diablo.“
Der Fahrer fluchte laut vor sich hin. Vier Mal hatte er angesetzt, um einen Pick up zu überholen, der ihn nicht vorbeiließ. Dessen Ladefläche war voller junger Leute. Die Mädchen winkten fröhlich, während die Jungs ihre Muskeln spielen ließen, um die Ladies zu beeindrucken.
„No sabes pasar“ (kannst nicht vorbei), grölten die Jungs.
„No sabes manejar, ( kannst nicht fahren ) lachten die Mädchen.
Sie streckten dem Fahrer die Zunge heraus und wippten mit den Brüsten. Unter wildem Gehupe und lästerlichen Fluchen, schaffte er es endlich doch, unter dem Gegröle der jungen Leute, den Pick up zu passieren.
„Asi es mi pais“ (so ist meine Land), sagte er mit einem fröhlichen Lächeln und ein wenig Stolz in der Stimme.
Währenddessen redete Angel unverdrossen weiter und Dolores schaute mit ihren dunklen Augen und einem verträumten Blick zu Carlo, der sich richtig gut fühlte. Dieser spürte wie der Virus zwischen seinen Beinen Platz nahm, er hatte den Guten bereits an den Eiern.
Es war schon fast Mitternacht, als das Trio frisch geduscht und umgezogen ihren Tisch an der Strandbar einnahm. Sie bot für gut vierzig Leute Platz und war mit Stroh überdacht. Von den Dachbalken hingen ausgediente Fischernetze, Schiffstaue, Riesenmuscheln und allerlei Utensilien herab. Nicht ganz ungefährlich wurde die kleine Bar von dutzenden Kerosinlampen ausgeleuchtet, die allesamt leicht im Wind schaukelten und deren Licht und Schatten den Eindruck vermittelten als würden dutzende Kobolde hin- und her eilen und die Gäste zum Narren halten. Der Tresen war hufeisenförmig gemauert. Seine Außenwände waren liebevoll von haitianischen Künstlern bemalt worden. Auf der Stirnseite befand sich ein Gemälde mit schwarzen Sklaven die sich im nächtlichen Mondlicht von ihren rostigen Ketten befreiten und sich im Schutze der Dunkelheit davonmachten. Die Seeseite zeigte ein Piratenschiff, das unter vollen Segeln die Wellen des sich aufbäumenden Meeres kreuzte. An Deck, bis an die Zähne bewaffnete Piraten, die ein einäugiger Capitan vom Ruderdeck aus befehligte. Aus den geöffneten Kanonenluken nahmen sie ein spanisches Handelsschiff unter Feuer, das bereits mit zerfetzten Segeln sein Heil in der Flucht suchte. Auf der Landseite wurde eine Voodoo-Zeremonie dargestellt. Eine schwarze Priesterin in Trance, umgeben von Trommlern und Tänzern, die entrückt von der Gegenwart wie in Ekstase schienen. Ihr weißes Kleid, bespritzt mit dem Blut eines Gallo,(Hahn) dem sie zuvor die Kehle durchgebissen hatte. Der Voodoo, von den Sklaven aus Schwarzafrika in die Neue Welt getragen, verbreitete sich in Windeseile in die Karibik und bis zu den letzten Schamanen in den tiefsten Urwald rund um den Amazonas. Finstere und magische Kräfte sagt man ihm nach, z. B., dass der Kundige mit Hilfe des Voodoo Geist und Seele seiner Feinde zu beherrschen vermag. Offiziell ist der Voodoo auf der Insel verboten, existiert überhaupt nicht. Im Verborgenen wird er weiter praktiziert und hat bis heute nichts von seiner Magie verloren, und, wir mögen es nicht beschwören, auch nichts von seinen unheilvollen Kräften.
Als die komplette Gesellschaft eintraf, war der Tisch bereits gedeckt. Angel hatte das telefonisch arrangiert, aber erst einmal hatten sie nicht die geringste Chance an ihren Tisch heranzukommen.
Es gab ein großes Hallo,
Händeschütteln hier,
Küsschen da.
„Carlo, fein, dass du da bist.“
„Carlo, schön, dass du bleibst.“
„Du musst mich morgen besuchen…“
„Carlo, Carlo, Carlo…“
Herzlich war die Begrüßung und echt. Die meisten kannte Carlo von seinen früheren Reisen.
Kerzen-Erich, der dicke Thomas, El Loco Pieter, Brot-Paul, Flieger-Horst. Jeder auf der Insel bekam einen Beinamen, der entweder etwas mit seinem Beruf zu tun hatte oder mit seinem skurrilen Eigenschaften.
Angel wurde der Beduine gerufen. Wahrscheinlich, da er Araber war. Möglicherweise aber auch weil er den ansässigen Pferdeverleihern einmal Konkurrenz machen wollte und zwei Kamele aus Ägypten hatte einfliegen lassen. Er hatte sich das so schön vorgestellt. Aber die Touristen ritten lieber zu Pferde und weigerten sich trotz seines permanenten Werbens, die Wüstentiere zu besteigen. Jetzt grasten die beiden hinter Angel’s Haus und schienen sich recht wohl zu fühlen. Bei seinen morgendlichen Rundgängen grinsten sie ihn regelrecht an, manchmal hatte er das Gefühl sie lachten ihn tatsächlich aus. ***
„Aufstehen Carlo, aufstehen!“
Die laute Stimme Angel’s riss ihn aus dem Schlaf.
„Warum schreist du? Und rüttele mich nicht so“, jammerte Carlo.
„Du musst raus, wir haben Termine.“
„Lass mich in Ruhe, ich will noch etwas schlafen.“
„Mach schon, Dolores hat das Frühstück fertig.“
Der Schädel dröhnt ihm und am liebsten würde Carlo im Bett bleiben.
Der lange Flug, die vergangene Nacht, zu viel getrunken und nur vage Erinnerungen.
„Mit den Weibern darf man sich’s nicht verscherzen und schon gar nicht, wenn man Gast in ihrem Haus ist“, dachte sich Carlo. Also schleppte er sich ins Bad unter die Dusche und drehte kaltes Wasser auf. Nach und nach tauchte der gestrige Abend wieder auf. Nach dem Essen hatten die Jungs ihn an die Theke gezogen.
Carlo musste grinsen,
„hol’s der Teufel, mit jedem musste ich trinken, Tequila, Rum, Daiquiri“, dachte er.
Geschichten aus der Heimat erzählen. Eine dicke Dominikanerin hatte zu singen angefangen, ihr Mann spielte dazu Gitarre.
„Du musst mit Dolores den Tanz eröffnen“, hatte Angel verlangt.
„Lambada? Ich kann’s doch nicht.“
„Du kannst!“
„Nö, wirklich, ich kann nicht.“
„Klar kannst du“, beharrte Angel.
Schnell hielt man ihm einen Tequila hin, den er auf Ex trank und der ihm Mut machte und dann schoben sie ihn und Dolores in die Mitte. Mit ihr im Arm erschien ihm der Lambada plötzlich ganz einfach und der betörende Geruch, den sie ausströmte, verwirrten ihm ein wenig die Sinne.
Über den Rand seiner Kaffeetasse schaute Angel Carlo an.
„Wir haben um elf Uhr einen Termin wegen Deiner Residencia.“
„Aber es ist doch schon zwölf Uhr“, sagte Carlo erstaunt.
„Ja, ich weiß.“
„Aber dann sind wir doch viel zu spät.“
„Ach was“, sagte Angel leichthin. „Eine Stunde ist doch keine Verspätung!“
„Außerdem müssen wir um drei Uhr bei Patricia sein.“
Patricia? Wer konnte das sein? Klar hatte er gestern noch mit anderen getanzt, aber an eine Lady mit diesen Namen konnte er sich nicht erinnern.
„Patricia, wer ist das?“ Wollte Carlo wissen.
„Du solltest keinen Alkohol mehr trinken, echt nicht.“ Die halbe Nacht hast du dich nur ihr gewidmet, außerdem ist sie die Hotelmanagerin vom Le Pirat und hat eventuell eine Wohnung für dich.“
„Aha“
„Aha“, äffte Angel ihm nach und Dolores knallte ein bisschen zu heftig ein leckeres Omelett auf den Tisch.
** *
Bis auf Telefon, Computer und Licht bestand das Mobiliar aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Die Beine des wuchtigen Schreibtisches waren geschnitzt und zeigten zeitgenössische Figuren aus längst vergangenen Jahrhunderten. An den Wänden hingen überdimensionale Bilder mit den Abbildungen des spanischen Königspaares Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien. Seitlich auf einem beeindruckenden Sideboard ein originalgetreuer Nachbau der Santa Maria, dem Flaggschiff des Christoph Kolumbus. Die Dominikaner zeigten gerne was sie haben, jedenfalls diejenigen die auch was zu zeigen hatten.
Die Herrin über diese Anwaltskanzlei gehörte zu einem der reichsten Clans auf Hispaniola. Eine Rum Fabrik, Zuckerrohrfelder, Viehherden, Tabakplantagen. Eigentlich gab es kaum eine einträgliche Branche an denen sie nicht beteiligt waren oder auf die eine oder andere Art ihre Finger mit darin hatten.
„Diese Kanzlei“, erklärte Angel seinem Freund, "ist nicht unbedingt die preiswerteste aber ich schwöre es dir, die können aus Scheiße Butter machen.“ Die haben so ihre Verbindungen, deine Aufenthaltsgenehmigung wird bald geregelt sein und Probleme wird es keine geben.
„Señor Carlo“, sagte die Advokatin etwas übertrieben,, es ist mir eine Ehre, das sie meine bescheidene Kanzlei aufsuchen und uns ihr Vertrauen entgegenbringen.“ Mit diesen Worten ließ sie die Tausend Dollar, die Carlo auf den überdimensionalen Sekretär gelegt hatte, mit einer kurzen Handbewegung auf nimmer Wiedersehen in einer Schublade verschwinden.
„Sie werden von uns hören.“
Mit diesen Worten erhob sie sich lächelnd, was für Angel und Carlo bedeutete dass sie sich trollen konnten. Für diese tausend Dollar würde die Señora ein paar Telefongespräche führen, die einige Minuten in Anspruch nehmen würden.
„Tausend Dollar ist ungefähr die Summe die ein Zuckerrohrschneider verdient“, erklärte Angel seinem Freund, im Jahr versteht sich.“
***
„Was nun?“, fragte Carlo den kleinen Araber.
„Jetzt fahren wir zu Patricia und schauen uns dein neues Zuhause an.“
„Ich kann mich nicht an sie erinnern, habe ich tatsächlich mit ihr getanzt?“
„Getanzt ist wirklich gut“, spöttelte Angel.
„Wie meinst du das?“
Angel schlug ein Kreuz.
Also, ein guter Moslem ist der Araber nicht, dachte Carlo.
Das Hotel war keine hundert Schritte vom Strand entfernt und hatte die Form eines Hufeisens. Ein kleiner Weg aufgeschüttet mit schneeweißem Calitsche, rechts und links mit Palmen eingefasst, führte direkt zur Rezeption. Vis à vis lag das hoteleigene Restaurant und die dazugehörige schmucke Bar. An der Anmeldung vorbei führte ein aus schwerem Edelholz gefertigter Steg in die Anlage. Der Pool hatte das Aussehen einer riesigen Acht und mit seinem glasklarem, frischem Wasser lud er zum Schwimmen ein oder auch nur um darin zu verweilen. Die gesamte Innenfläche der Anlage war weiß gekachelt, unterbrochen von kleinen grünen Inseln, die mit verschiedenen karibischen Pflanzen und Blumen bewachsen waren. Der Kontrast vom Weiß des Bodens und dem Grün der Sträucher hatte für Carlo etwas von Poesie. Es war, als ob ein Gedicht vorgetragen würde, welches seine Sinne berauschte und ihn in eine entrückte Welt entführte. Alles schien bis ins kleinste Detail durchdacht geplant und arrangiert. Er spürte förmlich, dass die Leitung des Ganzen in liebevollen Händen lag. Und doch, trotz allem Charme des Kleinods, wollte sich kein Reiseveranstalter finden, der dieses Hotel buchen und in seinem Angebot mit aufnehmen wollte. "Zu wenig Zimmer", lauteten die Argumente, und für eng kalkulierende Manager ließ sich das nicht rechnen. So blieb der Schatz einigen wenigen Eingeweihten vorbehalten und den Glücklichen die ein Appartement fest mieten konnten. Dies sicherte den Besitzern die monatlichen Kosten und Ausgaben für die Instandhaltungen des Hotels. Für die Besitzer war dieser Umstand natürlich bedauerlich, für die handvoll Bewohner jedoch geradezu paradiesisch. Patricia lief vor den beiden her, um Carlo sein künftiges Appartement zu zeigen. Sie trug ein luftiges buntes Trägerkleid welches ihre wohlgeformten Schultern sehen ließ. Die Art und Weise, wie sie sich beim Gehen in den Hüften wiegte, musste jeden normal veranlagten Mann zum Träumen bringen. Genau wie bei Dolores reichten ihre Haare bis zum Gesäß, nur war sie dunkelblond und ihre Haut weiß wie Milch. Schon als Carlo ihr in der Rezeption gegenüberstand, wurden ihm beim Anblick dieses engelsgleichen Wesens die Beine schwach. Er starrte sie an und konnte seinen Blick nicht von ihren strahlend blauen Augen wenden.
Mein Gott, ich kann mich nicht an die gestrige Nacht erinnern, dachte Carlo, das heißt, an sie kann ich mich nicht erinnern, verdammter Alkohol. Angel hatte Recht, ich hätte nicht so viel trinken sollen.
„Hi Carlo“, begrüßte sie ihn.
„Hi Patricia.“
Ob ich sie geküsst habe, dachte er.
„Bist du gut nach Hause gekommen?“
Sie sah Carlo seltsam an und sagte dann gedehnt: „Jaaaa klar, du hast mich schließlich nach Hause gebracht.“
„Oh sicher“, ich meine ob du gut geschlafen hast“, sagte er ziemlich dämlich.
Patricia schaute überrascht zu Angel, doch der zuckte nur mit den Achseln und verdrehte ein wenig die Augen.
,Na, dann will ich dir einmal dein neues Zuhause zeigen“.
Mit diesen Worten eilte sie voran, Angel und Carlo hinterher. Während der Araber ziemlich gelassen blieb, musste Carlo seine ganze Kraft zusammen nehmen, um nicht unentwegt auf den süßen und prallen Po von Patricia zu starren.
"Man-oh-man, wenn das mal gut geht“, sagte er leise zu sich selbst.
Es war ein weites und geräumiges Eckappartement. Großes Bad, zwei Schlafräume, der Wohnraum versehen mit einer ausladenden, amerikanischen Küche. Wie üblich waren alle Schränke fest eingebaut und die Betten in den Schlafzimmern waren gemauert, Matratzen darüber gelegt und fertig. Der Boden war mit feinem Marmor gefliest und die Wände waren in weißem Rau Putz gehalten. Die farbenfrohen Kontraste kamen mit den Möbeln, den Bildern und den vielen Pflanzen die zur Ausstattung gehörten. Alles in allem war dieses Appartement ein kleiner Traum. Die Krönung aber war die Terrasse. Das Hotel besaß zwei Stockwerke und die Räumlichkeiten für Carlo befanden sich in der oberen Etage. Zwei große Falttüren erstreckten sich fast komplett über die Terrasse die sich im Halbkreis über das gesamte Appartement erstreckte. Überdacht war sie mit weinrotem Schiefer, der getragen wurde von Natur belassenen, dunklen Balken. In großen aus Holz gefertigten Kübeln befanden sich prächtige mannshohe Palmen, eine jeweils auf jeder Seite. Ein runder Esstisch, mit der dazugehörigen Sitzgruppe, eine aus Baumwolle Hand geflochtene Hängematte und von den Balken herabhängende Kerosin Lampen schmückten dieses kleine Paradies. Der Ausblick auf einen Teil des Strandes und zum Meer hin lud dazu ein die meiste Zeit draußen zu verbringen. Man konnte die Schiffe beobachten, die auf den Hafen von Puerto Plata zusteuerten: kleine Fischerboote die ihren Fang einbrachten, Frachtkähne, die Ware aus aller Welt in ihrem Bauch trugen und deren Fracht hier gelöscht wurde sowie Yachten, Segelschiffe und Luxusliner. Mit einem guten Fernglas konnte man die müden Fischer und die Matrosen in ihren schmucken Uniformen erkennen, selbst die Passagiere der Traumschiffe konnte man sehr gut ausmachen.
„Ist das für dich okay Carlo?“
Die Stimme Patricias riss ihn aus seinen Gedanken.
„Es ist herrlich“, sagte Carlo, „am liebsten würde ich sofort einziehen.“
„Also, das ist doch kein Problem, du gehst mit Angel deine Sachen holen und ich lasse inzwischen alles herrichten. Frisches Bettzeug, Handtücher und so weiter. Noch einmal gut durchwischen, dann ist alles klar.“
Vor lauter Freude umarmte Carlo Patricia, drehte sie im Kreise und küsste sie auf beide Wangen. Mit einem Lächeln ließ sie ihn gewähren.
„Mach hin Angel, holen wir meine Sachen.“
Zum ersten Mal saß Carlo nun zum Frühstück auf „seiner Terrasse“. Frisch ausgepresster Orangensaft stand in einer Karaffe eisgekühlt vor ihm, dazu ofenwarme Brötchen, Marmelade, Butter und ein Obstteller mit diversen Früchten des Landes. Kaffee lief durch die Kaffeemaschine. Dolores war überhaupt nicht begeistert, dass Carlo so schnell eine Bleibe gefunden hatte. Sie half ihm zwar beim Packen, würdigte ihn aber keines Blickes.
„Vete a la rubia“ (verschwinde zu der Blonden) zischte sie leise Da schwang ein bisschen Eifersucht mit und Carlo fragte sich warum. Im Grunde waren sie sich einander sehr ähnlich. Beide Frauen waren hoch gewachsen, schlank, die Haare seidig lang gewachsen. Ihre Gesichter waren nicht einfach nur hübsch, nein, ihr Antlitz war ausdrucksstark und doch gleichzeitig geheimnisvoll. Was sie unterschied, war die Farbe der Augen und die ihrer Haut: Dolores schokoladenbraun und Patricia elfenbeinweiß. Verschieden waren sie auch im Wesen und im Temperament. Dolores wirkte wie eine Raubkatze, die ihre Beute umkreist, bereit jederzeit ohne Vorwarnung und Mitleid zuzuschlagen. Patricia hingegen zeigte sich als kühle Amazone, aufrecht und stolz, und bei jeder Gefahr jederzeit dazu bereit sich zu verteidigen. Beide umgab das Geheimnisvolle, ein Hauch Unerklärliches, und man wurde von beiden unweigerlich in ihren Bann gezogen.
Intuitiv und mit dem Instinkt der Straße spürte Carlo dass er vor den beiden Frauen auf der Hut sein musste. Immerhin, Dolores gehörte zu Angel und auch Patricia war fest vergeben. Ihr Lover verbüßte eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen Piraterie. Er saß schon eine geraume Zeit in Fortaleza, der größten und sichersten Strafanstalt des Landes. Mit einigen Compañeros hatte er mit einem Schnellboot, außerhalb der dominikanischen Hoheitsgewässer, langsamere Yachten ausgeraubt. Solange sie in internationalen Gewässern ihr Unwesen trieben, geschah ihnen nichts, obwohl ihre Aktivitäten bekannt waren. Ein einziges Mal nur, sie witterten fette Beute, verfolgten sie einen Segler und stellten ihn erst als er sich bereits in der hiesigen Hoheitszone befand. Das reichte den örtlichen Behörden, um diese modernen Piraten festzusetzen und abzuurteilen. Jetzt brummte er in seiner Zelle während Carlo mit dem Frühstück auf Patricia wartete. Seine Gedanken verloren sich und er fing an zu träumen, sah seinen Vater in der schmucken Uniform am Bug eines Schiffes stehen. Sie liefen Reval an und bald würde er seine Liebste wieder sehen. Fein hatte er sich gemacht, gefallen wollte er ihr und ihr Herz erobern, dabei gehörte es ihm doch schon längst. Mit schönen Worten würde er sie umschmeicheln, trunken machen mit seinen feurigen Küssen. Verführen würde er sie und sie würde ihm folgen, egal wohin die Reise auch ging. Vier Mädchen würde sie ihm gebären und zu guter Letzt auch noch einen Jungen: Carlo!
„Carlito", hatte seine Mamuschka gesagt, „du wirst den Namen von Papaschka weitertragen. Du bist ihm Garant, dass sein Name fortbesteht und nicht ausstirbt.“
Gottesfürchtig war seine Mamuschka und in ihren Gebeten hatte sie dem Herrn gedankt für ihren Mann und ihre Kinder. Der Herrgott musste sie wohl sehr lieb gehabt haben, immerhin hatte er beide sehr früh zu sich geholt. Die Kinder wurden getrennt und kamen in ein Heim. Als Carlo vierzehn Jahre alt geworden war, hatte er seine Habseligkeiten in einen kleinen Rucksack gepackt und war getürmt. Er hatte gelernt sich durchzuschlagen. Auf der Straße groß geworden, hatte die Straße ihn geprägt.
„Carlo.“
Aus seinen Träumen schreckte er auf. Patricia stand vor ihm, es war ihre angenehme Stimme die nach ihm gerufen hatte. Er hatte die Tür für sie weit offen gelassen.
„Du warst so in Gedanken dass du mein Klopfen gar nicht gehört hast.“
„Frühstücken wir?“
„Gerne“, antwortete sie lächelnd und zeigte dabei ihre wunderschönen perlweißen Zähne. Das ist schon komisch, das Lächeln einer Frau und ihre Zähne sind immer das erste, was ihm an ihnen auffällt. Sie konnten schön sein und gut ausgestattet in der Bluse. Und mit einem knackigem Arsch, das ließ ihn erst einmal kalt. Lächelten sie aber, dann war es als wenn sie eine Tür aufmachten und wortlos sagten: „Komm rein, ich mag dich.“ Ein Lächeln reißt die Mauern jeder Festung ein. Wie einfach man doch einen Faden spinnen kann. Während Carlo den Kaffee holte, hatte sie Platz genommen und es sich bequem gemacht. Sie hielt die Augen geschlossen und reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. Barfuß, die Zehen rot lackiert, den Saum ihres Kleides ein wenig nach oben geschoben, saß sie Carlo gegenüber der ihre wohlgeformten Beine mit seinen Blicken bewunderte. Anmut und Wärme strahlte sie aus.
„Verdammt.“, Carlo war lange mit keiner Frau mehr zusammen gewesen. Er saß ihr gegenüber, schenkte ihr den Kaffee ein und schnitt ihr ein Brötchen in zwei Hälften. Eigentlich eine vertraute Geste wo sie sich doch kaum kannten. Es schien ihr zu gefallen. Jede Hälfte bestrich sie dick mit Butter und Marmelade und biss vergnügt hinein.
„Wie gefällt dir dein neues Zuhause?“
„Es ist wirklich wunderbar, ich fühl mich wohl hier, einfach nur gut.“
„Später musst du in mein Büro kommen wir müssen den Vertrag noch gegenzeichnen.“
„Hast du dir schon überlegt was du tun willst, was wirst du arbeiten?“
„In der Heimat habe ich mit Schmuck gehandelt und das werde ich auch hier tun.“
Einen kleinen Laden habe ich auch schon, und zwar gegenüber von Angels Haus, genau neben dem Cafe des Inders. Der Laden gehört ihm ebenfalls und ich kann mich zu einem vernünftigen Preis einmieten.“
„Hast du denn schon Ware, die du verkaufen kannst?“, wollte Patricia von ihm wissen.
„Na ja, ich habe Edelsteine mitgebracht und ich denke, Gold kann ich hier kaufen. Angel und ich wir werden uns zusammen tun und einen Goldschmied kennt er auch.“
„Weißt du Carlito, ich kenne da zwei Goldsucher,“ die beiden mieten sich immer bei mir ein, wenn sie aus den Bergen kommen, um in Puerto Plata ihren Fund zu verkaufen. Ich werde euch bekannt machen, möglicherweise kommt ihr miteinander ins Geschäft.“
Patricia entpuppte sich als ein wahrer Schatz. Sie half Carlo bei den Genehmigungen, die er benötigte, war mit ihm unterwegs um die Ausstattung seines Geschäftes zusammen zu kaufen. Immer öfter frühstückten sie gemeinsam und auch ihre Gespräche wurden vertraulicher. Obwohl zwischen beiden eine geheimnisvolle Spannung entstand, gelang es ihnen doch, es niemals verfänglich werden zu lassen. Es war, als ob sie sich im Arm lagen, ohne sich zu berühren. Irgendetwas hielt Carlo davon ab, einen Angriff zu wagen und auch Patricia wollte ihrem Mann die Treue halten - und das nicht nur platonisch.
***
Der Pick Up krächzte und ächzte, quälte sich durch die Berge. Hinten auf der Ladefläche die Neuerwerbung fürs Geschäft. Zwei Glasvitrinen, abschließbar aus Panzerglas. Patricia hatte das arrangiert; eine Witwe aus Santiago hatte die Vitrinen zum Kauf angeboten. Patricia hatte sie angerufen und schon am Telefon den Preis ausgehandelt und verbindlich zugesagt.
Man hatte ihren Gatten bei einem Raubüberfall erschossen.
„Er war Juwelier“, erklärte sie Carlo vor dem Deal.
„Na wenn das kein gutes Omen ist.“, erwiderte er trocken.
„Wir leben hier in der dritten Welt“, lächelte Patricia. „Ein bisschen Restrisiko hast du immer. So manchem braven Mann wurde schon für sehr viel weniger die Kehle durchgeschnitten.“
Das einzige was im Pick Up noch gut funktionierte, war das Radio, aber für ein paar Dollars sollte man keine Wunder erwarten und der Wagen fuhr und brachte sie dahin, wohin sie wollten. Patricia hatte ihre Schuhe abgestreift und ihre nackten Füße aufs Armaturenbrett gestützt. Sie trug abgeschnittene Jeans und ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „GAME OVER.“ Ihre Haare quollen wild unter einer Baseballmütze hervor die sie verkehrt herum trug. Die Augen geschlossen, summt sie das Lied mit, welches blechern aus den Lautsprechern drang.
„Warum hast du keine Freundin?“
Carlo sah sie von der Seite an, wie hübsch sie doch ist, dachte er bei sich.
„Hm. Keine Ahnung. Ich glaube, die Frauen mögen mich nicht.“
„Komm. Sag' schon. du wirst Ansprüche stellen, die kaum eine Frau erfüllen kann. Ist es nicht so?“ bohrte sie.
„Nein Quatsch. So ist das wirklich nicht!“
„Wie muss denn deine Perle aussehen? Sie muss bestimmt bildhübsch sein, damit du dich für sie interessierst, stimmt’s?“
„Das Aussehen ist mir eigentlich nicht so wichtig“, lachte Carlo. „Allerdings über den TÜV sollte sie schon noch kommen.“
„Und du?“
„Wie müsste Dein Traummann sein?“
„Mein Traummann?“ Also, der sitzt in Fortaleza.“
Sie tat ihm leid. Sie wollte all die vielen Jahre auf ihn warten. Wenn er eines Tages entlassen würde, würde sie feststellen, dass sie sich beide verändert hätten und wie Fremde gegenüberstehen würden. Aber sie hatte ein tapferes Herz, und wenn sie es für möglich hielt, was sollte man dagegen sagen?
Einen kleinen Stich hatte er doch im Herzen als sie ihm voller Stolz sagte: „Alle vier Wochen kann ich ihn besuchen und da können wir zusammen sein.“
„Zusammen sein?“, dachte Carlo bitter. „Sie meint wohl: die Beine spreizen, damit dieser Typ sein Ding rein tun kann.“
„Glaubst du, du kannst ihm treu sein?“, fragte er nach einer Weile.
Lange schaute sie ihn an.
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Auf jeden Fall werde ich es versuchen.“
