11,99 €
Die Familiensaga rund um die Weltmarke Angostura Bitters Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fegt Napoleon Bonaparte durch Europa, Alexander von Humboldt bereist die Welt und Simon Bolívar kämpft für die Unabhängigkeit Lateinamerikas. In dieses Umfeld wird Johann Gottlieb Benjamin Siegert - kurz Ben Siegert - hineingeboren. Er dient als blutjunger Arzt im Krieg gegen Napoleon und wird dann von Bolívar für dessen Soldaten als Heeresmedicus in Venezuela rekrutiert. Auf der Überfahrt trifft er auf Achaz v. Bismarck (1786-1856), der Enkel des Finanzministers Friedrichs des Großen, aber auch das "schwarze Schaf" der berühmten preußischen Adelsfamilie. Reichskanzler Otto von Bismarck bezeichnete ihn einmal als "ganz schamlosen Lump". Als Ben den Boden Südamerikas betritt, sieht sich der junge Deutsche einer völlig neuen Welt gegenüber: rassige Frauen, wilde Tiere, faszinierende Pflanzen - Ben lässt sich in Angostura (heute Cuidad Bolívar) nieder, gehört bald zu den VIPs der Stadt und wird zum Schöpfer des weltbekannten und hochprämierten Tonikums, das er nach seiner neuen Heimatstadt benennt: "Angostura Bitters". Aus zwei Ehen gehen zehn (lebende) Kinder hervor, die wie ihr Vater herausstechende Unternehmerpersönlichkeiten werden - die Nachfahren führen das Unternehmen bis heute erfolgreich durch alle Wechselfälle des Lebens!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 673
Veröffentlichungsjahr: 2022
Rolf Walter
ANGOSTURA
© 2022 Dr. Rolf Walter
Umschlag-Gestaltung: Jasmin Grünau unter Verwendung des Gemäldes von Anne Walter, Flasche „Angostura® aromatic bitters“, 2015
Fotobearbeitung: Christoph von Haussen
Werbeseiten: Kristof Schmit
Lektorat und Buchsatz: Susanne S. Junge
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Erste Auflage 2021
Zweite Auflage 2022
ISBN
Paperback
978-3-347-60090-4
Hardcover
978-3-347-60091-1
E-Book
978-3-347-60092-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Lou, Jahrgang 2021
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog
Teil IAlte Welt und Westindien Humboldt und Bolívar Bismarck und Siegert
Alexander von Humboldts „Natur“
Simón Bolívar und die Idee der Freiheit und Unabhängigkeit
Das „Schwarze Schaf“ – Heinrich F.W. Achaz von Bismarck
Johann Gottlieb Benjamin Siegert: Kindheit und Jugend in Schlesien. Oder: Als er noch ein kleiner Junge war…
Aufwachsen in der Geborgenheit der Verwandtschaft in seiner schlesischen Heimat
Beginn des Medizinstudiums in Berlin und Wundarzt im preußischen Heer in der Schlacht bei Waterloo
Ein außergewöhnliches Kontrastprogramm: Einmal Waterloo und zweimal Paris!
Ende der napoleonischen Kriege, Wiener Kongress und Studienabschluss in Berlin
Alexander von Humboldt – der Beginn seiner Forschungsreisen
Simón Bolívar und Europa
Johann Gottlieb Benjamin Siegert: Das Zerwürfnis zwischen Ben und seinem ältesten Bruder Johann
Simón Bolívar: Anwerbung in London und Hamburg, Rekrutierung für den Freiheitskampf
Achaz von Bismarck – Unter Haudegen und Heroen
Die Transatlantik-Tour in der Retrospektive. Oder: Bismarcks temporärer Aufbruch in die Neue Welt
Achaz von Bismarck: „Ein ganz schamloser Lump“ (Otto v. Bismarck)
Ben Siegerts Reaktion auf seine Weise: Eine Überseereise!
Achaz von Bismarck – Die Brigg „Vesta“ sticht in Hamburg in See
Die Atlantik-Passage aus der Sicht Ben Siegerts
Achaz von Bismarck
Die dänische Insel St. Thomas in der Karibik: Zwischenstation deutscher Freiheitskämpfer.
Ungeduld und Abschied mit Rast im westindischen Paradies
Im Vorgriff: Achaz’ letzte Jahre und Memoiren
Teil IINeue Welt und Angostura
Simón Bolívar und die fortdauernden Kämpfe um die Unabhängigkeit
Siegerts Familie und schöpferische Kreation
Ben Siegerts Überfahrt von St. Thomas nach Angostura, Zentralort am Orinoco
Alexander von Humboldts „Lieblingsland“ – Angostura in venezolanisch Guayana: „Ungeheurer Naturgarten“ und „wahre Affenherberge“
Ben Siegert und die „Märchenwelt“ Angostura
Heiße Nächte in den Tropen. Benjamins Anfänge in Angostura 1820 mit María, seiner ersten Ehefrau
Der „Familienmensch“ Ben Siegert
Der reich gedeckte Tisch Venezuelas
Wie helfe ich mir selbst? Ben Siegert als Arzt und Pharmazeut in eigener Sache
Kompetenz als Arzt in Person – Ben Siegert
Amargo de Angostura oder „Angostura (Aromatic) Bitters“: Ben Siegerts kreative Schöpfung von 1824
Gründung der Fa. Amargo de Angostura (Angostura Bitters)
Deutsches Leben in der Ferne
Landsleute in Angostura
Europäische Kaufleute: Pioniere im tropischen Angostura und auf Trinidad
Heimweh Ben Siegerts beim Gedanken an das ferne Schlesien
Die lange Wanderung durchs „Tränenthal“, wieder Licht am Horizont und Briefverkehr ab 1832
Vielseitigkeit als wertvolle Marke Siegerts und der Kulturlandschaft
Ben und Bonifacia: Eine neue Partnerschaft erblüht
Ben begehrt Boni – die Liebe und die Wildnis
Siegerts zweite Vermählung 1830
Bens neue Schwiegerfamilie und deren Verbindung zu Alexander von Humboldt
Persönliche Wohlfahrt: Bens Einkommens- und Vermögenslage, nominal und real
Teil IIIDas kulturelle Ganze: Leben und Sterben in der tropischen Natur
Städtisches Ambiente und Lebensmittelpunkt am Orinoco
Töchter und Söhne von Ben und Boni
Elternfreuden im Zweijahresrhythmus
„Leider völlig tot…“ – Säuglingssterben und Kindstod als tragische Begleiter der Zeit
Vom tragischen Tod der Mütter („Kindbettfieber“)
Frühreife Frauen, „vollkommene Frauenzimmer“, Venusjäger und eine 36-jährige Urgroßmutter. Ben, Carl Geldner und Eberhard Graf zu Erbach erzählen
„Ich konnte mich nicht satt an ihr sehen“ (Friedrich Gerstäcker)
Ben Siegert, der Autodidakt in Botanik und Heilpflanzenkunde
„Farmer“ Ben Siegert
Musik liegt in der Luft…
„Komponist“ und „Pianist“ Ben Siegert sowie der „comercio noble“. Materielle und ideelle Kultur.
Bunte Vielfalt und hochwertige neue Mode in der tropischen Welt
Cholera, „gelbes Fieber“ und „schwarzes Erbrechen“: Das Malheur der Epidemien
Facharzt und Universalmediziner für „Steinreiche“ und Bettelarme
Alkoholsucht, Alkoholophilie, Trunksucht: Unarten geistiger Getränke
Vom feste Feiern und Feste feiern. Oder: Angostura 1866 live!
Kein Festmahl ohne „Wässerchen“ oder „Verdauerli“
Bens Berufsleben als Kuriosum und „Bühne der Leidenschaften“
Unfreiwillige Betätigung als „Kieferchirurg“
Gefährlicher Wolfsbarsch
Erste Hilfe im „fachfremden“ Milieu
Teil IVDie zweite Generation – Kinder von Angostura/Ciudad Bolívar
Leben in der Ökumene: Religiöse Toleranz und Sepulkral-Kultur
Mischehen: Willkommene Vielheit
Lebendiges Wachsen und Gedeihen
Wachsen heißt, sich harmonisch zu organisieren: Einige Beteiligte
Rosa, die wertvollste „Perle“ im Haushalt der Familie Siegert
Carolina, erste Siegert-Tochter, und Hermann Wätjen, ihr Verehrer
Carlota und ihr „Mönch“
Was „Juanito“ nicht lernt, lernt „Juan“ nimmermehr
Anna, Hausmädchen der Contastis
Ben Siegerts Jüngste aus erster Ehe: Carmelita Lorenzen
Carlos Damaso Siegert – Kaufmann und Abenteurer
Carlos und sein Freund Pedro bei den Guaraunos
Unter Indios: Pedro und die frühreife Luna
Herzhaftes Frühstück und ein gekrächztes Adiós
Sexuelle Freiheit und Nacktheit à la Angostura in venezolanisch Guayana
Humboldts Sicht auf Lebensmodelle und Lebensstile in den venezolanischen Tropen
Der „elektrische Fisch“. Das Faszinosum Zitteraal
Die 1848er Revolution in Deutschland und ihre Wirkungen auf das deutsch-venezolanische Handelsgeschäft
Carlos Damaso Siegert, der Zuckerhacendado, begegnet Carl Geldner
„Don Quijote“ de la Guayana und „Sancho Panza“ aus Meiningen
Reisender Hobbymaler und Unternehmer: Carl Geldner besucht Ben Siegert
Otto Bürger und Eberhard Graf zu Erbach berichten zeitgenössisch über Siegerts „Angostura“
María Bonifacia – leider chronisch krank und behindert
Ein Sohn – aber er wird nur vier Jahre alt
Petronila, die Tierfreundin französischer Herkunft
Eine bewährte Lösung nach tiefer Trauer: Die Ehe mit der Schwester Ana Apolonia
Gebrüder Rafael und Tomás Machado
Trini und Rafi: Buntspecht im Märchenwald
Die schöne Flamencotänzerin Ana Isabel
Isabel und Tomás: Unternehmungslustige Naturfreunde und Hobbyreiter
„Jetzt heiraten wir, denn wir sind vier!“ Doppelte Doppelhochzeit 1855
Abenteuer-Ausflüge als Mini-Urlaub im eigenen Land – warum in die Ferne schweifen?
Schlemmerei bei María Bonifacia de la Trinidad
Rafael heiratet zum zweiten Mal in die Siegert-Familie ein
Nesthäkchen Cecilia Siegert – Trauer nach Julios tödlichem Schlangenbiss
Alfredo Cornelio Siegert. Der “ehrbare Kaufmann” und weitsichtige Firmenchef
Luis Benjamin Siegert und Camille Cheesechess
Teil VVenezuelas Wild East. Leben in Angostura und Ciudad Bolívar
Kampf mit Caimánen
„Tiger“, Pumas u. a. tierischen Freunde
Ein lateinamerikanisch-europäisches bzw. venezolanisch-deutsches .Bürgertum in Angostura/Ciudad Bolívar. Siegert und die Philanthropie
„Liberale Friedhöfe“ – mehr als nur die letzte Ruhestätte, vielmehr ein Zeichen von Toleranz und Menschlichkeit
„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“: Das Beispiel Carl Friedrich Ziegert (oder Carlos Federico Siegert)
Heinrich Franzius Sr., Kaufmann in Angostura und Trinidad (1851-1864) und sein gleichnamiger Sohn
Kriminalfälle im aggressiven Mikrokosmos. Mord und Totschlag im goldreichen El Callao
Hato Pilar: Gepflegte Hacienda und köstlicher „Jaguar gebraten“
Zuckerrohrschnaps, Kaffee, Kakao und frisch gepresster Fruchtsaft: Unverzichtbare Edeltropfen der tropischen Natur
Mosquitos und Plagen aller Art in den Tropen Venezuelas: „Lebendige Nadelkissen“
Abschied Carl Geldners aus Venezuelas Wild East
Otto von Bismarck und Deutschland im Strukturwandel
Die Blauen und die Gelben: Revolution in Venezuela
Dem „Libertador“ zu Ehren: Eine Bolívar-Statue in Ciudad Bolívar
Großvater Ben Siegert: Begeisterter Familienmensch, Tierfreund und Philanthrop par excellence!
Die fatale Dialektik von Leben und Tod
Umstrukturierung in der Firma – Rückzug ins Privatleben
Ben Siegerts Tod und Nachlass
Teil VI„Ausgezeichneter“ Angostura Bitters, glänzende Geschäfte und der große Umzug nach Trinidad
Migration zwischen Venezuela und Trinidad
Herrschaftswechsel in mehrfacher Hinsicht
Streit ums Markenrecht
Der Abschied des Unternehmens Angostura Bitters aus Venezuela und was im Lande blieb
Die Unternehmensführung von Bens Söhnen Carlos Damaso, Alfredo und Luis und deren Geschäftspartner
„Ausgezeichneter“ Bitter: Weltmarke aus gutem Hause mit Goldmedaille
Exkurs: Perspektive durch Retrospektive: Das History Marketing des Unternehmens Angostura Bitters. Profil und Kontinuität der Marke „Angostura“
Die Verlegung des Firmensitzes nach Port of Spain, Trinidad
The Hall: Gesellschaftlicher und privater Mittelpunkt der Familie (Carlos) Siegert 1886-1920
Luis Siegert: Pokerface und Vielfraß
Alfredo Cornelio, der bescheidene, hochintelligente Kopf und gute Geist des Bitters-Unternehmens
Vermögenszuwachs und Großgrundbesitz: Das Immobiliengeschäft und die Freizeitkultur der Siegerts
Soziales Engagement und ausgeprägtes Mäzenatentum
Der Tod Alfredo Siegerts und sein Begräbnis auf dem stattlichen Familiengrab des Lapeyrose-Friedhofs
Die Enkel- und Urenkel-Generation
„Alfreditos“ Humanvermögen und spannende Zeiten des internationalen Angostura-Bitters-Unternehmens
„Alfredito“ und Nina (Henderson)
Teil VII„Düstere Zeiten“ Krieg und Frieden
Wirtschaftliche Diskriminierung, „Schwarze Listen“ und Vertrauensschwund
Die Große Flaute: Sklerose von Handel und Wandel
Krieg und Krisenmanagement
Schwere Zwischenkriegszeit: Der Staat als Unternehmer und die Persistenz des Angostura Aromatic Bitters
Maximo Lang über das Queens Park Hotel, den Country Club und über das Ehepaar Siegert
Die „Moderne“ in Venezuela und Trinidad bricht an. Der heldenhafte „Cowboy“ Maximo Lang im Wild East von San Carlos
Die Rückgewinnung von Angostura Bitters durch den Siegertschen Familienverbund
Robert W. C. Siegert und das erfolgreiche Diversifizierungsprogramm
Ausblick
Epilog. Keine Perspektive ohne Retrospektive
Anhang
Abkürzungen
Quellen und Bibliografie
Periodika
Elementartexte
Fachliteratur
Stammbäume Ziegert, Siegert
Register
Personen
Firmen
Gasthäuser, Hotels
Geografische Hinweise
Gesellschaften, Gruppen
Sachen/Allgemeines
Schiffe
Bildnachweis
Anmerkungen
Vorwort
Wie fast jedes Buch hat das vorliegende eine jahre-, ja sogar jahrzehntelange Vorgeschichte. 1979 ging’s los. Sie begann im Grunde mit der Entscheidung, die mannigfaltigen historischen Beziehungen zweier Länder unterschiedlicher Prägungen, Denkweisen und Lebensstile näher unter die Lupe zu nehmen, wobei meine Wahl auf Venezuela und Deutschland fiel. Beide Länder sind durch eine lange und ungeheuer spannende Geschichte miteinander verbunden – sicher dokumentiert spätestens seit den 1520er Jahren durch Geschäftsberichte des Augsburger Kaufmanns- und Handelshauses der Welser, verfestigt durch weitere Handelsbeziehungen zwischen den deutschen Handelskontoren und der spanischen Kolonie, präzisiert durch die geografischen und botanischen Erkenntnisse, die der deutsche Universalgelehrte Alexander von Humboldt nach 1799 auf seinem mehrjährigen „Besuch“ (der „Amerikanischen Reise“) ins damals noch so genannte Vizekönigreich Neuspanien dokumentierte, sowie alle weiteren Handels- und Familienbeziehungen der darauffolgenden Jahre. Die Begegnung Humboldts mit Simón Bolívar 1805 in Paris und Italien und schließlich die Beteiligung in Deutschland rekrutierter Helfer am Unabhängigkeitskampf Venezuelas von Spanien im zweiten und dritten Jahrzehnt des 19. Jh. eröffnete eine Fülle von Begegnungen, Kontakten, die teilweise bis in die Gegenwart bestehen und kräftige Nachwirkungen entfalten.
Die Spannung und Farbigkeit des Beobachtungsfelds steigerte sich zunehmend, je länger ich darüber las, hörte, nachdachte und schließlich diesem Faszinosum „erlag“.
Eines Tages, es war der 30. September 1985, erreichte mich eine briefliche Anfrage des Leiters des Goethe-Instituts in Caracas, das in Venezuela aus naheliegenden Gründen Asociación Cultural Humboldt (ACH) heißt. Deren damaliger Chef Heinrich Telaak wandte sich an mich mit folgendem Anliegen:
„Lieber Herr Walter,
könnten Sie herausfinden, ob Heinrich Friedrich Wilhelm Achaz (sic!) von Bismarck („ein ganz schamloser Lump“) sich je in Groß-Kolumbien oder Venezuela aufgehalten hat und ob sein Büchlein irgendwo einzusehen ist?
Mit herzlichem Dank für Ihre Mühe und freundlichen Grüßen
Ihr Heinrich Telaak“.
Als Anlage war ein Artikel des SPIEGEL Nr. 36/1985, beigefügt, in dem es um das Buch des DDR-Historikers Ernst Engelberg ging, der darin eine solche Andeutung formuliert hatte, den Ausgang jedoch offenließ.
Mit der Recherche zu dieser spannenden Frage von möglicherweise gehöriger Tragweite war in mir die glimmende Forscherglut zu einem heißen Feuer entfacht worden. Viele der folgenden Nächte blieben ohne Schlaf und Ruhe. Die einfache Anfrage war drauf und dran, mich in einer Weise zu vereinnahmen, die man nicht mehr wirklich gesund nennen konnte.
Um es kurz zu machen: Das erweiterte Ergebnis des nachhaltigen Recherchefiebers liegt vor Ihnen!
In diesem sequenziellen Buch geht es darum, Puzzle zu spielen und die einzelnen Teilchen zu einem Gesamtbild zu drapieren. Im Grunde sind Wissenschaftler und auch Autoren potentielle Puzzlespieler. Anders ausgedrückt: Sie sind permanent damit beschäftigt, die Atome und Moleküle zu identifizieren, aus denen das Leben – hier wesentlich im napoleon-zeitlichen Europa und in Angostura am Orinoco von 1820 bis 1870 und darüber hinaus – erwuchs. Dieser Mikrokosmos konzentrierte sich auf eine Person und ihren ausgedehnten Familienverband – nämlich Ben Siegert und seine Lieben – und auf sein flüssiges Produkt, seine „Erfindung“, den „Angostura (Aromatic) Bitters“. Eine wahrhaftige dramatische Geschichte vom Schöpfer und seiner heilsamen wie aromatischen Kreation, eine Erzählung vom Kontrast zeitweilig überschäumenden Lebens und grausiger Todesereignisse von Mensch und Tier, eben ein buntes Gemälde der Lebewesen am temporär heftig wasserdurchfluteten Rand der Tropen in seiner zeitgenössischen Dialektik. Das Werk sollte ein Schlaglicht werfen auf die animalischen, menschlichen und pflanzlichen Formen, Figuren und Farben in ihrer wechselvollen, sich häufig gegenseitig aufschaukelnden, facettenreichen Lebensgemeinschaft, die herzzerreißendes Leid, aber auch ausgelassene Freude und sagenhafte Glücksmomente mit sich brachte.
Mit dem Werk ist eine Dankbarkeit verbunden, die vielförmiger und eingehender nicht sein kann. Nicht nur, dass 40 Jahre Lektüre von Akten, Schriften, Büchern und vielfältigen Fachorganen sowie die lebendigen Vorträge und prägenden Geschehnisse zahlreicher Venezuela-Reisen einflossen. Auch viele Glücksfälle, Zufälle, wildeste Kombinatorik, Ahnungen, Vermutungen, Tatsachen und Phantasievorstellungen begannen, den „Wissenstopf“ zu füllen und alles miteinander zu vermengen. Bevor das „Mahl“ jedoch die Grenze der Ungenießbarkeit erreichen und gar zu überschreiten drohte, legte ich den Füller aus der Hand und stellte den Laptop in die Ecke, um mit einem Quäntchen Glück und bedingt gerechtfertigter Zuversicht zu wagen, das Pamphlet zu Beginn der 2020er Jahre in die Runde einer kritischen und hoffentlich wohlgesonnenen Leserschaft zu werfen.
Ich hatte den Trost und das Heilmittel permanent vor Augen: das Angostura-Bitters-Fläschchen mit dem leuchtend gelben Verschlussdeckelchen samt gegen den Uhrzeigersinn zu drehendem Gewinde zur Bewahrung des kostbaren Inhalts. Dieses Utensil brauchte ich bei wiederholter Durchquerung tiefer mentaler Täler nur vor mir auf den Schreibtisch zu stellen – und mit einem Mal war jegliches Wölkchen leicht depressiver Natur wie verflogen. Welch ein Wunder! Meine Empfehlung: Machen Sie’s doch genauso!
Zu jederzeitigem Stimmungsumschwung trugen darüber hinaus viele liebe Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Frau, Tochter und „Enkele“ sowie zahllose ähnlich Unverdrossene bei, deren Hilfe und Zuspruch gar nicht lobend genug zum Ausdruck gebracht werden kann.
Schließlich gibt der Autor erleichtert Kunde von seiner zur Gewissheit gewordenen Annahme, nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern von solchen umgeben zu sein.
Kurzum: Ich bin diesem spannenden Thema ziemlich verfallen, das eine wahre Expansionskraft und mächtige Einflussnahme offenbarte. So sollten sich nun einige hundert Mitmenschen verschiedenster Couleur und aller Klassen und Schichten innig umarmt und für den Schlussstrich meine feierlich zitternde Hand fühlen: !Muchas, muchísimas gracias! Encantado; mucho gusto! Ich hoffe sehr, es allen angemessen persönlich sagen zu können. Für diesbezüglich recht wahrscheinliche Unmöglichkeiten bitte ich schon jetzt von Herzen und nachhaltig um Verzeihung.
Hamburg, Jena, Kirchheim/Teck, im März 2022
Rolf Walter
Prolog
Ich weiß: Man braucht einen ersten Satz. Also: Man gewinnt eine Perspektive am besten durch gewissenhafte Retrospektive. Mein Paradies heißt Venezuela, mein Mekka Angostura. Und um auch noch die letzten Menschen zum Weiterlesen zu animieren: Mein Napoleon Bonaparte trägt den Familiennamen Bolívar und ist Simón getauft. Mein Ferdinand Sauerbruch heißt Johann Gottlieb Benjamin Siegert; er ist zugleich mein Robert Koch. Sein Institut, die Klinik, die Labors liegen in der Stadt Angostura am Orinoco. Seine erste Ehefrau María Pilar Araujo erinnert an die Güte und Nächstenliebe der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Seine zweite Gattin Bonifacia kannte die tropische Botanik wie ihre Schürzentasche und bewegte sich in einer Art, die bei jedem Schritt an Barbara Campanini, „Barberina“, erinnert, die klassische Balletttänzerin des 18. Jh., die in Siegerts Heimat Schlesien einen legendären Ruf besaß.
Der erste Satz fällt derzeit inmitten der Coronakrise besonders leicht, in der die Angst sich ausbreitet. Angst kommt von angus, Enge. Angostura beschreibt eine räumliche Verengung am Fluß Orinoco. Im übertragenenen Sinne lässt sich an eine Verengung im Kopf, ein angsterzeugendes Element, denken. Und der Begriff steht für noch so vieles mehr: Einerseits trug die wunderbare ostvenezolanische Metropole in Guayana, gelegen am zweitgrößten Fluss Südamerikas, des Orinoco, jahrelang diesen Namen, tauchte in alten Schriften zuvor als „Santo Tomás de la Nueva Guayana“ auf1 und trägt seit 1846 den Namen Ciudad Bolívar – andererseits steht er für ein aromatisches Bittergetränk, das weltweit konsumiert wird: Der Amargo de Angostura oder Angostura Bitters. Der Name Angostura hat’s also in sich!
Guayana
Es ist schon erstaunlich, dass neben den berühmten Personen der Geschichte (Süd-)Amerikas, vor allem Alexander von Humboldt und Simón Bolívar2, einige weitere ihrer elementaren Unterstützer und unglaublich agilen Nachfolger bisher recht wenig Beachtung fanden. Dazu gehört allemal und aus vielerlei Gründen der aus Oberschlesien stammende Arzt und Angostura-Bitters-Schöpfer Dr. Johann Gottlieb Benjamin Siegert (1796 – 1870). Er war einer der zahlreichen Deutschen, die dem Venezolaner Simón Bolívar halfen, die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien durchzusetzen. Ben Siegert, wie wir ihn fortan verkürzt nennen wollen, kam im Panteón Nacional, einer Art Heiligtum in Venezuelas Hauptstadt Caracas, zu Ehren. Neben Siegert wurde dort zweier anderen Deutschen, Heinrich von Lützow (Enrique Luzzon) und Johann von Uslar, gedacht.3 Ihre Namen finden sich in dieser Stätte höchster Ehrerbietung zum ewigen Andenken in den Boden gemeißelt wieder.4
Im Gegensatz zu den anderen Deutschen ging Ben Siegert durch seine zwei Ehen mit Südamerikanerinnen – einer Kolumbianerin und einer spanischstämmigen Venezolanerin – und nicht zuletzt durch das lebenslange Wirken seiner Selbst und seiner vielköpfigen Familie in die Geschichte des lateinamerikanischen Teilkontinents ein. Er etablierte sich in Angostura, der bedeutendsten Handelsstadt am Orinoco. Es handelt sich um eine Ortschaft, die u. a. durch Bolívars Kongress von Angostura 1819 Berühmtheit erlangte. Ben Siegert eröffnete dort nicht nur eine private Praxis und ein Krankenhaus, er wirkte als Mediziner, Stabsarzt, Apotheker und höchst renommierter Bürger sehr zum Segen der Kommune in der ostvenezolanischen Region Guayana. Weltbekannt wurde er durch seine 1824 erstmals auf den Markt gebrachte flüssige Kreation, den Amargo de Angostura, vielleicht global besser bekannt unter der englischsprachigen Bezeichnung „Angostura Bitters“. Er kreierte nichts weniger als eine Weltmarke.
Ben Siegerts Biografie sucht auf der Welt bis heute ihresgleichen. Es ist auf der ganzen Erde kein Beispiel bekannt, das in seiner Entwicklung und Tragweite dem Siegertschen gleichkommt. Die politische, soziale und ökonomische, mithin die gesellschaftliche Bedeutung des Lebenswerkes Ben Siegerts verdient nicht nur breiteste Aufmerksamkeit, sondern erscheint für das Verständnis der Befreiung und Öffnung des nördlichen Südamerika im 19. Jh. unabdingbar. In der Person Ben Siegerts lässt sich nicht nur ein gravierender Teil der europäischen Geschichte (Preußen, Schlesien, Frankreich, Waterloo, Berlin) exemplifizieren, sondern wesentlichen Einblick in die Motive und Umsetzung der südamerikanischen Unabhängigkeit gewinnen. Siegert war nicht nur Zeitzeuge und aktiver Teilhaber der antinapoleonischen und bolivarianischen Kämpfe, sondern eine der prägenden Figuren der postrevolutionären Friedenszeit. Dass er im Laufe seines ungeheuer spannenden Lebens in Europa und Venezuela persönliche Begegnungen mit bekannten charismatischen Menschen aller Couleur hatte, unterstreicht die Bedeutung seiner Existenz. So zählt die Begegnung mit Heinrich Friedrich Wilhelm Achaz von Bismarck, dem „Schwarzen Schaf“ der berühmten Bismarck-Familie, bei der Überfahrt von Hamburg nach der dänischen Karibikinsel St. Thomas 1820 sicher zu den kuriosesten Ereignissen im Siegertschen Leben.5 Ben Siegerts reichhaltige Biografie öffnet so eine Vielzahl spannender Einblicke in essenzielle Facetten des zeitgenössischen internationalen Daseins im 19. Jh.
Teil I
Alte Welt und Westindien Humboldt und Bolívar Bismarck und Siegert
Alexander von Humboldts „Natur“
Zu den rahmenbildenden zeitgenössischen Kräften der Erzählung gehören einzelne, in der Weltgeschichte nicht ganz unbekannte Menschen.
Am 14. September 1769 erblickte Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt das Licht der Welt. Seine Eltern waren Alexander Georg, preußischer Offizier und wegen seiner Verdienste im Siebenjährigen Krieg zum Kammerherrn der Prinzessin von Preußen ernannt; seine Mutter war die Witwe Marie-Elisabeth von Holwede. Sie stammte aus einer teils hugenottischen Familie und brachte aus erster Ehe ein großes Vermögen mit, beispielsweise das Schloss Tegel und ein Berliner Stadthaus. Alexanders großer Bruder Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt war damals bereits zwei Jahre alt.
Durch den Beruf des Vaters als Kammerherr hatte die Familie ein enges Verhältnis zum preußischen Königshaus. Der Kronprinz wurde sogar Alexanders Taufpate. Nach der Ehescheidung des Thronfolgers 1769 konnte sich Vater Humboldt ins Privatleben zurückziehen und kümmerte sich auf Schloss Tegel nun besonders um seine Söhne, zu deren Erziehung und Ausbildung Hauslehrer eingestellt wurden. Während dem großen Bruder das Lernen offensichtlich leicht fiel, schien Alexander seinen Erziehern lange Zeit als eher wenig befähigter, lernunwilliger Kopf. Dennoch fiel schon damals sein besonderes Interesse an Naturgegenständen auf: Er beschäftigte sich gern mit Insekten, Steinen und Pflanzen, ordnete und etikettierte seine Funde im Kinderzimmer und wurde bald „der kleine Apotheker“ genannt. Mit bereits zehn Jahren entwarf er Karten zum Planetensystem und von Amerika. Auch im Malen und Zeichnen war er talentiert und wurde glücklicherweise im Kupferstechen und Radieren geschult.
1779, als Wilhelm zwölf und Alexander zehn Jahre alt waren, verstarb der Vater. Die zum zweiten Mal verwitwete Mutter führte jedoch die exquisite und kostspielige Ausbildung ihrer Söhne fort. Mit 18 Jahren besuchte Alexander zunächst die Brandenburgische Universität Frankfurt (Viadrina) und hörte Vorlesungen zu Kameralwissenschaft (Staatswirtschaftslehre), Altertumswissenschaften, Medizin, Physik und Mathematik. Er wechselte dann allerdings nach Berlin, um sich in Botanik ausbilden zu lassen, und 1789 an die Universität in Göttingen. Im Rahmen des Studiums unternahm er im März 1790 zusammen mit einem Studienkollegen eine Reise von Mainz über den Niederrhein nach England und kehrte im Juli 1790 über Paris zurück – der Sturm auf die Bastille, welcher die Französische Revolution ausgelöst hatte, war gerade mal ein Jahr her! Alexander beendete sein Studium schließlich an der Handelsakademie in Hamburg.
Nun startete der wissensdurstige Humboldt energisch in die Berufstätigkeit! Seinem steten Betätigungsdrang schien der praktische Bergmannsdienst, zu dem er jeden Tag um sechs Uhr mit den anderen Bergleuten in die Gruben einfuhr, zu entsprechen – das dafür nötige Studium des Bergfachs beendete er in acht Monaten. Nachmittags bildete er sich neben der Berufstätigkeit weiter fort. Und seine Arbeit trug reiche Früchte: Aufgrund seiner Ausbildung war es ihm möglich, zunächst den Alaun-Abbau zu revolutionieren, was ihm nach einem halben Jahr die Beförderung zum Oberbergmeister einbrachte. Auch den Abbau von Silber, Nickel, Zinn, Eisen und Alaunschiefergestein reorganisierte er in technischer und ökonomischer Hinsicht und führte Bergwerke zurück in die Gewinnzone. Außerdem setzte er sich für die soziale Situation der Bergleute ein, entwickelte verbesserte Grubenlampen und Atemschutzmasken, vernachlässigte dabei jedoch nicht seine eigenen Biologie-Studien, indem er Flechten- und Pilzarten sowie die tierische Elektrizität untersuchte.
Alexander von Humboldt (1769-1859)
Heutzutage würde man seine berufliche Laufbahn bereits als eine steile Karriere bezeichnen. Ihm wurden hochrangige Posten angeboten – so wurde er beispielweise 1794 zum Bergrat und 1795 zum Oberbergrat befördert – doch den unsteten Alexander von Humboldt konnten weder Amt und Würden, weder Titel noch hohe Gehaltszahlungen zum Bleiben bewegen. Daher bat er beim preußischen König 1795 um die Entlassung aus dem Staatsdienst, und erfüllte seinen Jugendtraum von Forschungsreisen in die Welt.
Simón Bolívar und die Idee der Freiheit und Unabhängigkeit
Ein Sprung von Europa nach Amerika. Seit Mitte der 1770er Jahre fand in Nordamerika der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg statt, die dreizehn Kolonien kämpften um die Loslösung von der britischen Kolonialmacht und erklärten sich 1776 als unabhängig. Im Jahre 1777 bildete sich die Konföderation, doch erst mit der Unterstützung der Kolonisten durch Frankreich ab 1778 wendete sich das Blatt zu Gunsten der nordamerikanischen Kolonien. Offiziell war der Unabhängigkeitskrieg am 3. September 1783 mit der Unterzeichnung des Friedens von Paris beendet.
Man kann sich vorstellen, dass diese Unabhängigkeitsbewegungen auch in Südamerika nicht ohne Folgen blieben.
Bereits 1494 war der Kontinent unter den iberischen Staaten aufgeteilt worden (Vertrag von Tordesillas). Die europäischen Kolonialmächte entsandten im Laufe der Jahre zahllose Emigranten in die südamerikanischen Kolonien. Zum Teil brachten diese ihre Familien mit und deren Nachkommen, die „Kreolen“, heirateten teilweise Menschen anderer Ethnien. Nachkommen aus diesen Mischehen bezeichnete man z. B. als „Mestizen“. Spanier und Portugiesen standen gesellschaftlich an der Spitze, während die Mestizen und die Eingeborenen meist nachrangige Positionen begleiteten.
Die Hauptfigur schlechthin ist ein solcher Kreole: Simón Bolívar. Er wurde am 24. Juli 1783 in Caracas, Neugranada, als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren. Sie lebten auf einer weitläufigen Kakao-Plantage, wo er in seiner Kindheit viel Zeit verbrachte und täglich die Sklaverei vor Augen hatte. Die Eltern legten größten Wert auf gute Ausbildung und Erziehung. Zu diesem Zweck engagierten sie Simón Rodríguez als Privatlehrer ihres Sohnes – und Simón Bolívar genoss eine profunde Schulung.
Simón Bolívar (1783-1830)
Als Simón drei Jahre alt war, verstarb sein Vater, sechs Jahre später verlor er auch seine Mutter. Als Vollwaise reiste er dann 1799 – also im Alter von gerade einmal 16 Jahren – mit seinem Privatlehrer nach Spanien, wo er seine Ausbildung fortsetzte. Dort heiratete er mit 19 Jahren die Spanierin María Teresa Rodríguez del Toro y Alaysa, die er mit nach Venezuela nahm, wo sie leider im darauffolgenden Jahr durch das Gelbfieber dahingerafft wurde.
Das „Schwarze Schaf“ – Heinrich F. W. Achaz von Bismarck
Fürst Otto von Bismarck ist jedem ein Begriff, spielt er doch als Politiker in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle und trug maßgeblich zur Gründung des Deutschen Reiches bei, in dem er selbst als Reichskanzler amtierte.
Hingegen fast vollkommen unbekannt ist sein Verwandter Heinrich Friedrich Wilhelm Achaz von Bismarck; jener war sein Onkel zweiten Grades. Er erblickte 1786 das Licht der Welt. Achaz von Bismarck war übrigens ein Enkel des Finanzministers Friedrichs des Großen.
Otto von Bismarck hatte für seinen Onkel wenig schmeichelhafte Bezeichnungen übrig. Sein scharfes Urteil brandmarkte Achaz als eine Art Hallodri. Immerhin war er als ältester lebender Bismarck ausgerechnet das „Schwarze Schaf“ des Verwandtschaftsverbandes, und das, obwohl er der anzuerkennende Senior der Sippe und seines Zeichens der letzte „Erbherr auf Birkholz und Hirschfelde“ war.
Gleichwohl war seine Person aus verschiedenen Gründen nicht zu übersehen, auch wenn er freilich nicht die Bedeutung seines Großneffen Otto von Bismarck erlangte. Historisch belegt ist, dass jener von Otto als rüpelhaft eingeschätzte Zeitgenosse aus der eigenen Verwandtschaft als „ganz schamloser Lump“ bezeichnet wurde. Achaz von Bismarck hat in hohem Alter seine Autobiographie verfasst, aus der im vorliegenden Buch zitiert wird. Nach Lektüre derselben scheint verständlich, dass der Verfasser der "merkwürdigsten Begebenheiten“ von der seriösen Biografie- und Historiographie-Forschung nicht gerade hervorgehoben wird, um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Nach seines Vaters Tod wurden testamentarisch die Mutter zu seiner Obervormundin und der Ritterschaftsdirektor von Bismarck auf Briest, sein Onkel, zum Lehnsvormund bestimmt. Die Mutter sollte bis zu seiner Majorennität die Einkünfte der Güter beziehen. Bei Ernst Engelberg wird er auf Basis von Archivalien aus dem Staatsarchiv Magdeburg (Außenstelle Wernigerode) als Achaz (sic!) erwähnt, „der verstorbene Senior, ein leider nur zu bekannter, tief gesunkener, in steter Geldnot befindlicher Mann“, der Lehnbriefe in Berlin versetzt haben soll.6 DieMutter zog bald nach Magdeburg, wo Achaz von Bismarck die Schule des Klosters „Unserer Lieben Frauen“ (das ehemalige Benediktinermönchskloster) von November 1796 bis Ostern 1799 (mit 13 Jahren und nach der Obertertia) besuchte.7 Sein alter Erzieher Gerloff war zu seinem Glück Lehrer am Klostergymnasium in Magdeburg geworden.
Wie sich die Lebenswege dieses Mannes mit den anderen Hauptfiguren verbinden, werden wir noch sehen.
Johann Gottlieb Benjamin Siegert: Kindheit und Jugend in Schlesien. Oder: Als er noch ein kleiner Junge war…
Kommen wir nun wieder zur eigentlichen Hauptperson vorliegender Studie: Johann Gottlieb Benjamin Siegert – wie erwähnt, kurz Ben Siegert genannt.
Aufwachsen in der Geborgenheit der Verwandtschaft in seiner schlesischen Heimat
Ursprünglich schrieb sich die Familie nicht Siegert, sondern Ziegert – werfen wir dazu einen Blick auf Bens Vorfahren:
Sein Großvater Gottfried Ziegert wurde am 4. Mai 1714 in Obermauer bei Lähn/Schlesien geboren und war Revierjäger und Förster bei einem Freiherrn. Er heiratete Anna Rosina Loessmann8, die ihm am 25. November 1742 in Obermauer den Sohn Hans Christoph gebar. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Gottfried Ziegert noch zweimal: zuerst Christiane Werner und nach deren Ableben schließlich Anna Susanne Nixdorf9.
Bens Vater war also Johann (Hans) Christoph Ziegert. Seit dem 30. Juli 1764 war er mit Christiana Elisabeth Blümel verheiratet, sie starb jedoch bereits am 23. April 1776, die Ehe blieb kinderlos. Im darauffolgenden Jahr, am 11. Februar 1777, schloss er den Bund der Ehe mit der 18jährigen Anna Regina Richter, seiner zweiten Frau.
Deren Eltern waren Johann Daniel Richter10, Tischlermeister in Royn, und Anna Rosina Grundmann, miteinander seit 25. Juli 1750 verheiratet.
Bens Familie lebte in Groß-Walditz (Włodzice), einem schmucken Städtchen der damals noch preußischen Provinz Schlesien. Sein Vater Hans Christoph war Küchenmeister auf der Ritter-Akademie in Liegnitz (heute Legnica). Seine zweite Frau Anna Regina schenkte ihm vier Söhne und fünf Töchter, wobei unser Benjamin mit Jahrgang 1796 der Jüngste des männlichen Nachwuchses war.
Sein ältester Bruder Johann Christoph wurde 1779 geboren, kurz darauf 1781 sein Bruder Carl Gottfried. Es folgten mit einigem Abstand 1786 Charlotte und 1789 Beate Augustine, die leider vorzeitig verstorben sein soll. 1791 wird Friederike Johanna geboren, 1793 Christiane Johanna und im darauffolgenden Jahr, 1794, dann der dritte Sohn, Carl Gottlob. Johann Gottlieb Benjamin Siegert – unsere Hauptperson – ist am 22. November 1796 auf die Welt gekommen. Schließlich machte Susanna Barbara 1798 die Familie komplett.
Im Hause Siegert wurde streng erzogen und auf das Kennen und Können äußerster Wert gelegt. Auf gute Bildung wurde ebenso geachtet wie auf eine auskömmliche Berufspraxis der Kinder. Der älteste Sohn, Johann Christoph, wurde beispielsweise Arzt und Sanitätsrat und praktizierte in Halberstadt. Dies sprach sehr für die Absicht der Eltern, den Kindern bestmögliche Voraussetzungen für ein erfolgreiches und herausforderndes Leben zu schaffen. Die Nachkommen lernten sowohl die Landwirtschaft und den Gartenbau von der Pike auf kennen und entwickelten handwerkliche Fertigkeiten und gewöhnten sich an das Leben in der Stadt. Letzteres brachte vor allem das Studium mit sich. Berlin und Magdeburg waren die beiden Orte, an denen man sich orientierte. Dazu kamen kleinere Kommunen wie Halberstadt. Dort war der älteste Bruder von Ben, Johann, Mediziner, und der zweitälteste Bruder, Carl Gottfried, Konditormeister. Gottfried wurde in Liegnitz geboren, wohin im Übrigen das Familienoberhaupt einen besonderen Bezug hatte. Dies sind nur einige ausgewählte Beispiele, die belegen, dass so von einer vielseitigen Form des Erwachsenwerdens in relativ weitläufiger Gemeinschaft und Verwandtschaft gesprochen werden kann.
Zwei seiner Brüder waren deutlich älter als Benjamin. Als er geboren wurde, waren sein ältester Bruder Johann Christoph bereits 17 Jahre und der zweitgeborene Carl Gottfried 15 Jahre alt. Nur der dritte Bruder Carl Gottlob (Jg. 1794) und die Schwestern dürften als seine „Sand-kasten-KameradInnen“ in Frage gekommen sein. An MitspielerInnen aus der eigenen Familie und der Nachbarschaft in Groß-Walditz1 dürfte es Ben nicht gefehlt haben.
Die Familie ernährte sich weitgehend aus dem eigenen Garten sowie vom nahegelegenen Feld und Wald. Siegerts lebten subsistent. Die Schule befand sich im benachbarten Liegnitz, wo auch die Ritterakademie lag, in der Vater Siegert, wie gesagt, Küchenchef war1. Der Großvater war Handwerker, nämlich Tischlermeister im schönen Örtchen Royn. Insgesamt hatten die Eltern von Ben demzufolge recht handfeste Berufe: So konnte der Vater als Küchenmeister so manches lukullische Mahl auf jenen Tisch zaubern, den sein Schwiegervater kunstfertig hergestellt hatte. Man wird wohl von besten materiellen Voraussetzungen für einen intakten Familienverband sprechen können. Es handelte sich um eine konstruktive und leistungsfähige obere Mittelschicht, die finanziell und sozial relativ unabhängig war und in der jede Jahrgangsstufe einen verantwortungsvollen Platz einnahm.
Kurz zusammengefasst lässt sich über den Werdegang der sieben lebenden Geschwister Bens folgendes sagen:
Johann Christoph war der Erstgeborene (1779) und wurde Arzt. Er war seit 10. Dezember 1807 mit Doris Skene verheiratet, die Ehe blieb kinderlos. Vielleicht war dies ein Grund dafür, dass Johann sich später in väterlicher Weise seines Bruders Ben annahm und sich um dessen Ausbildung kümmerte.
Der Bruder Carl Gottfried (Jg. 1781) heiratete Sophie Siebert. Sie bekamen zahlreiche Kinder. Er starb 1829 mit nur 48 Jahren. Allgemein lag die Sterblichkeit noch relativ hoch und ist natürlich mit unserer Gegenwart nicht zu vergleichen. Entsprechend alltäglich war das menschliche Leid. Eine seiner Töchter – Berta Siegert aus Halberstadt – besuchte 1839 ihren Onkel Ben in Venezuela.
Die älteste Schwester war Charlotte, die den Landwirt Scholz im Kreis Bunzlau heiratete. Sie wird, wie die anderen Schwestern, in den späteren Briefen Bens erwähnt. Sie hatte zwei Töchter, für die Ben seinen Briefen oder Päckchen kleinere Geschenke (z. B. Goldstücke) beilegte.
Die Schwester Beate Augustine starb vermutlich früh.
Bens Schwester Frederike Johanna (oder Friederike, wie sie Ben in seinen Briefen anschreibt) (Jg. 1791) heiratete einen Herrn namens Pretzel, der den ehrenwerten Beruf des Försters ausübte, und wohnte in Saabor bei Grünberg. Friederike wurde relativ früh Witwe (um 1831). Sie war die emsige Briefpartnerin Bens. Ihr vertraute er sich an und versuchte später von Angostura aus, Informationen aus der Heimat zu bekommen und sie gleichermaßen über seine Situation auf dem Laufenden zu halten. Sie hatte zumindest eine Tochter namens Henriette.
Die Schwester Christiane Johanna (Jg. 1793) war in Breslau mit einem Kaufmann Berthold verheiratet.
Carl Gottlob, Jg. 1794, war nur etwa zwei Jahre älter als Ben. Er war Kanzleidirektor des Königlichen Bergamtes in Tarnowitz/Oberschlesien.
Seine älteste Tochter, Bens Nichte Emilie, lebte in Tarnowitz und war mit dem Hotelbesitzer Ludwig Böhm verheiratet. Sie wurde am 29. November 1820 geboren, in einer Zeit also, als Ben bereits über ein Vierteljahr in Angostura weilte. Ein weiterer Sohn – Bens Neffe Carl Friedrich Ziegert, der 1823 geboren wurde – entwickelte sich zu einem tüchtigen Hüttenfachmann und emigrierte später nach Venezuela. Dort gelangte er als Grubenbesitzer zu einigem Ansehen, heiratete 1856 dort María Teresa Marco und bekam acht Kinder (sieben Mädchen und einen Sohn). Er starb am 2. November 1898 in Ciudad Bolívar. Über ihn werden wir noch einiges hören.
Die meisten von Bens Neffen und Nichten wurden geboren, nachdem Ben bereits ausgewandert war (1820). So kannte Ben sie nicht persönlich. Bedeutende Ausnahmen bildeten die oben erwähnte Berta und der Neffe Carl Friedrich.
Das Nesthäkchen war die 1798 geborene Susanna Barbara. Sie war in Sassenhoff bei Riga mit einem Gärtner namens Schreiber verheiratet.
Beginn des Medizinstudiums in Berlin und Wundarzt im preußischen Heer in der Schlacht bei Waterloo
Benjamin hatte in Groß-Walditz seine Schulausbildung genossen, wohin Jahrzehnte später vom Sohn Carlos Damaso Siegert eine Spende in Höhe von 1.200 Mark gelangte. Nach seinem Abitur, das Benjamin in Liegnitz/Schlesien ablegte, studierte er Medizin in Berlin.
Anfang 1815 begab er sich zu seiner Schwester Friederike, verheiratete Pretzel in Saabor bei Grünberg/Schlesien. Dann wurde er via Berlin auf einen Posten als Chirurg beim Königlich-Preußischen Haupt-Provinz Hospital in Magdeburg versetzt.
Nachfolgend fand er Anstellung als Wundarzt im dritten Jäger-Detachement und machte als Chirurg wohl beim zweiten Ostpreußischen Infanterie-Regiment den Feldzug gegen Napoleon I. und die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 mit. Die Schlacht bei Belle-Alliance auf der siegreichen preußisch-englischen Seite von Blücher und Wellington mag ein Schlüsselerlebnis sondergleichen für den jungen Ben Siegert gewesen sein.
Er gehörte somit zu jenen jungen Ärzten, die unmittelbar nach ihrem Medizinstudium die Gelegenheit, ja die Pflicht hatten, ihre Berufskenntnisse anzuwenden. Als Jahrgang 1796 war er in einer Zeit aufgewachsen, die Kriegsereignisse aller Art kannte und die tüchtige Chirurgen besonders dringend erforderte. Schon als Kleinkind lauschte er den Gesprächen der Erwachsenen über Schlachten und die möglichen Konsequenzen der Napoleonischen Kriege, und er war zehn Jahre alt, als der französische König sich zum Kaiser krönen ließ. Für viele Zeitgenossen galt Bonaparte als ein allmächtiger Herrscher, der sich Frankreich, Europa und etliche Länder darüber hinaus in Nordafrika, am Mittelmeer, im westasiatischen Bereich und im tiefen Russland zu Eigen machen wollte. In der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 stand er noch als großer Sieger im Rampenlicht des europäischen Geschehens und so manche Zeitgenossen in Deutschland – in Thüringen und Sachsen ebenso wie in Schlesien – mag die Ahnung beschlichen haben, es mit dem zukünftigen Imperator zu tun zu haben. Doch die Einzelstaaten und ihre Einheiten, so auch das freiwillige Jäger-Detachement aus Magdeburg, sannen auf Revanche und blieben wehrhaft. Dies bekam Napoleon bald zu spüren. Weder die Kontinentalsperre vom November 1806 führte zu den Konsequenzen, die er sich vor allem gegen das erzverfeindete Königreich England erhoffte, noch ließ ihn die Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 als allmächtigen Kriegsherrn erscheinen. Vielmehr offenbarten sie seine strategischen Schwächen und militärischen Übereifer.11 Dies fand seinen Niederschlag am empfindlichsten im Feldzug gegen Russland 1812, wo ihm in vielerlei Hinsicht wahrlich die Grenzen seines Tuns aufgezeigt wurden. Im Grunde verengte sich die internationale Gemengelage peu à peu zu seinen Ungunsten. Am deutlichsten wurde sein Unvermögen schließlich in den finalen Waffengängen auf belgischem Boden, wo der französische Kaiser ein ums andere Mal schwerste Niederlagen einstecken und satte Verluste an Menschen, Tieren, Territorien und materieller Kultur hinnehmen musste. Waterloo war so etwas wie der Anfang vom Ende des napoleonischen Irrsinns und der Beginn einer langersehnten völligen Neuordnung Europas. Sowohl im preußischen Heer als auch in den Reihen der Verbündeten, zu denen viele Hannoveraner, Schlesier, Württemberger und Söldner aus anderen europäischen Regionen gehörten, formierte sich ein brachialer Widerstand. Dieser konzentrierte sich in Waterloo abschließend massiv, im Rahmen dessen die Alliierten den Sieg davontrugen.
In allen Bataillonen waren tüchtige Mediziner tätig, von denen vor allem die Heereschirurgen alle Hände voll zu tun hatten. Zu diesen gehörte auch Ben Siegert, der sich im Alter von gerade mal 19 Jahren rekrutieren ließ und in den Reihen der schlesischen Jäger einen rauen Dienst versah. Kaum 20 Jahre alt, erlebte er die Grausamkeiten und Nöte des Krieges, der noch keine Panzer, ABC-Waffen oder andere moderne Vernichtungswaffen kannte, sondern noch von Mann zu Mann oder Pferd zu Pferd geführt wurde und unendlich viele Verwundungen durch Säbel, Degen, Spieße, Gewehre und Kanonen kannte.
Gebrochene Knochen, innere Blutungen, grässlichste Verstümmelungen und psychische Traumatisierungen traten täglich brutal in Erscheinung. Die Heereschirurgen mussten manches Mal sogar ohne geeignete Instrumente die Wunden versorgen, Brüche kurieren, Amputationen vornehmen. Sie begegneten mitunter Verletzten, die ihre Helfer gar nicht sehen konnten, weil ihnen die Augen ausgestochen worden waren. Benjamin Siegert hatte in sehr jungen Jahren als angehender Wundarzt die Schrecken von Kriegsereignissen kennengelernt. Zudem musste er früh lernen, dass Heereschirurgen nicht nur den Soldaten zu dienen hatten, sondern häufig auch als Allgemeinmediziner der Zivilbevölkerung eingesetzt wurden. Für so manche Patienten kam gar jede Hilfe zu spät. Die permanente Begegnung mit dem Tod zermürbte zusehends. Diese Generation, die ausgangs des 18. Jh. zur Welt kam, bekam quasi das Unheil bereits in die Wiege gelegt. Diese hartgeprüfte Altersgruppe lernte allerdings auch, was Dinge wie Verlässlichkeit, Treue, Loyalität, Hilfsbereitschaft und Freundschaft in Notzeiten bedeuteten, und richteten die Zukunft ihres Lebens entsprechend ein. Ben Siegert scheint ein solcher gefestigter und gleichwohl heiterer Zeitgenosse geworden zu sein. Jedenfalls deuten sehr viele persönliche Charaktereigenschaften ziemlich klar darauf hin.
Ein außergewöhnliches Kontrastprogramm: Einmal Waterloo und zweimal Paris!
Neben den denkbar grausamen und blutigen Herausforderungen des Heereschirurgen durchlebte Ben im krassen Gegensatz dazu grandiose Höhepunkte seines jungen Lebens. Dazu gehörten sicher nicht nur die Übung, das Talent und die frühe Erfahrung im Bereich der Medizin Operation und Heilung, sondern dass selbst im Krieg die Soldaten auch als Individuen, gewissermaßen außerdienstlich, beeindruckende Höhepunkte erleben durften. Ihnen mag die seltene Gunst der Stunde unvergesslich in fabelhafter Erinnerung geblieben sein. So war es Ben vergönnt, in seinen aufregenden Spätjugendjahren zweimal die faszinierende Weltstadt Paris zu besuchen und die schöneren, ja die wunderbaren Seiten des Lebens kennenzulernen. Welch eine phantastische Stadt, in der vor gut einem Vierteljahrhundert die Revolution stattgefunden hatte! Der Vorort immerwährender Träume von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Die Stadt als Held! Und mit welchem Vergnügen hatte Benjamin Siegert in der Oberprima Jean-Jacques Rousseau gelesen und dessen Freiheitsbegriff in sich aufgenommen wie der trockene Schwamm das Wasser: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will!“ Wie oft dachte er in seinem späteren Leben an diese Worte des großen französischen Philosophen – immer dann, wenn er über seinen ältesten Bruder nachgrübelte, der mit ihm zuweilen hart ins Gericht ging. Er empfand sein Leben wie seinerzeit Rousseau zu Recht als sehr entbehrungsreich und auch ein bisschen unstet. Aber mit seinem Lieblingsphilosophen hatte er die Tatsache gemein, dass weder dieser noch er die Französische Revolution live erlebten. Rousseau starb bereits 1778 – Ben wurde erst 1796 geboren. Aber Rousseaus Einfluss und seine Gedanken lebten fort und ließen die Ereignisse von 1789 nicht ohne seinen Geist erdenken. Ebenso zehrte Ben bei seinen späteren politischen Aktivitäten in der bolivarianischen Revolution und danach vom Gesellschaftsvertrag in Lateinamerika, wie ihn sich der verehrte Schöpfer des contrat social vorgestellt haben mag. Der Naturmensch Ben Siegert war gewiss ein glühender Anhänger der natürlichen Lebensweise und Erziehung Rousseaus. Er zehrte als Zeitgenosse der beginnenden Moderne sehr von der Kultur und praktizierte sie vorbildlich. Sie bedeutete ihm in erster Linie Bewusstseinserweiterung. Jedenfalls lebte und erzog er seine zahlreichen Söhne und Töchter danach.
Es mögen in Waterloo nicht nur die Pausen und Entspannungsphasen gewesen sein, die Ben genügend Kraft tanken ließen, bevor er sich wieder mit Nadel, Faden, Messer und Knochensäge an die Hilfe für schwerverletzte Kameraden machte. Die geschilderten Grausamkeiten des Schlachtfeldes haben ihn die Grenzbereiche des Seins erleben lassen. Für seine aufopferungsvollen Taten und vielen erfolgreichen Operationen erhielt er als Anerkennung die Verdienstmedaille von 1815. Doch wie teuer war diese Ehrung erkauft? Die vielfältigen Traumatisierungen wurden seine lebenslangen Begleiter.
Am Ende der berühmten Schlacht im belgischen Waterloo war der blutjunge Médicin schon zu einem erstaunlich gereiften Zeitgenossen herangewachsen. Ihn konnte nicht mehr viel überraschen oder gar erschüttern. Er hatte inzwischen gewissermaßen am eigenen Leib erfahren müssen, nicht zu voreilig oder unvorsichtig zu sein und ernsten Gefahren mit der nötigen Sensibilität und ganzheitlichen Diagnose zu begegnen.
Ende der napoleonischen Kriege, Wiener Kongress und Studienabschluss in Berlin
Man schrieb das Jahr 1815. In Europa läuteten nach einer Zeit, in der das Blutvergießen nicht hatte enden wollen, endlich die Friedensglocken.
Nach der Schlacht von Waterloo begab sich Siegert 1816 zu den beiden Brüdern nach Halberstadt. Der Älteste, Johann, war dort inzwischen als Arzt zu beträchtlichem Ansehen gelangt, der Bruder Gottfried führte erfolgreich eine Konditorei. In Halberstadt verweilte Ben Siegert bis zum Beginn 1817 beim Bruder Johann und bereitete sich dort bestmöglich auf sein restliches Studium vor. Im März desselben Jahres erfolgte ein Umzug zurück nach Berlin, wo er – so hatte es ihm Johann geraten – das Studium wieder aufnahm und nahezu vollständig zu Ende brachte. Der Älteste vertraute ihm voll und ganz und war vermutlich sehr stolz auf den Jüngsten, dessen Medizinstudium er bis 1819 finanzierte und dem er permanent mit Rat und Tat zur Seite stand.
1816 war ein schlimmes Jahr, das die Zeitgenossen in Europa wegen der weitreichenden Folgen eines Vulkanausbruchs in Indonesien als das „Jahr ohne Sommer“ in Erinnerung behielten. 1816/17 ging als Zeit der Missernten und des Hungers in die Annalen ein. Die explodierenden Getreidepreise beraubten tausende Familien ihres Realeinkommens und „puschten“ sie zur massenhaften Emigration in jene Länder, die ein komfortableres Leben verhießen, allen voran Amerika, das junge „Land der Zukunft“. Es sollte die schwerste Armutswanderung des 19. Jh. vom Typ „Ancien“ bleiben.12
Ben verweilte in Berlin in der zielbewusst gewählten Profession bis ausgangs des Jahres 1819, sah sich dann jedoch nach beinahe gänzlicher Vollendung seiner Studien durch besondere Umstände bewogen, den bewussten Schritt zu tun und seine Dienste wieder auf einem Schlachtfeld zur Verfügung zu stellen. Er wird gewiss auch vom Fernweh erfasst worden sein und sich von den südamerikanischen Tropen geradezu magisch angezogen gefühlt haben. Und da war schließlich der Freiheitsgedanke, den die Zeitgenossen Humboldts, Bolívars und viele Mitwirkende des „Labors Aufklärung“ in der nachrevolutionären Zeit im französischem Hoheitsgebiet und ganz aktuell auf dem Südkontinent Amerikas erlebten.
Es waren allenthalben Aufbruchstimmung und der politische Umbruch in Gang gesetzt worden.
1 Bilder von Groß Walditz und der Ritterakademie Liegnitz in: Werner Siegert, Das Angostura Geheimnis, Düren 2021, S. 9 u. 19.
Alexander von Humboldt – der Beginn seiner Forschungsreisen
Humboldt war noch nicht ganz 20 Jahre alt gewesen, als die Französische Revolution die Gemüter der Zeitgenossen ins Wallen gebracht und junge Intellektuelle wie Alexander in ihren Bann gezogen hatte. Dies gilt umso mehr, als Humboldts Mutter María Elisabeth Colomb hugenottischer Abstammung und es in seinem Elternhaus selbstverständlich war, französisch zu sprechen. Es lag nahe, die Ideen der Revolution in sich aufzunehmen. Die aufgeklärte Welt bediente sich damals des Französischen.
Die Humboldts und ihre Zeitgenossen wurden nachhaltig von dem Freiheitsgedanken und den Idealen der Gleichheit und Brüderlichkeit inspiriert. Zehn Jahre nach der Französischen Revolution – Humboldt war 30 Jahre jung – hatte er sich entschlossen, ausländische Gefilde systematisch zu erforschen, und es war mehr oder weniger Zufall, dass ihn sein Weg in die amerikanische Sphäre führte. Am 5. Juni 1799 begaben er und der französische Botanikerer Aimé Bonpland sich in La Coruña an Bord der spanischen Fregatte „Pizarro“ mit dem Ziel Karibik. Nach einem Zwischenstopp auf den atlantischen Inseln (u. a. Teneriffa) strandeten beide in dem venezolanischen Hafenstädtchen Cumaná.13 Von dort aus starteten die zwei Wissenschaftler eine mehrmonatige Forschungsreise ins Landesinnere. Zunächst erkundeten sie die Region um Caracas. Sie bestiegen die Ausläufer der Anden, etwa den Berg Ávila, der auf ca. 2000 Meter Höhe die venezolanische Metropole nördlich umrandet und vom karibischen Meer trennt.
Ávila (Andenausläufer) und der Ort Naiguatá
Humboldt wäre nicht Humboldt, wenn er nicht im Rahmen seiner Streifzüge ins Landesinnere außer Fauna und Flora auch die Menschen, also Ureinwohner, Kreolen, Immigranten, Indios, Mulatten, Mestizen u. a. ethnische Gruppen und deren Sprache, Habitus, Gewohnheiten und Charakteristika präzise beobachtet und identifiziert hätte.
Sein großes Ziel war nicht weniger als das Zusammenwirken der schöpferischen Kräfte der damaligen Welt, deren reale Ausprägung genauestens zu beobachten, zu messen und durch die ausreichende Kenntnis der jeweiligen Sprachen die Denkweise der Menschen persönlich zu erkunden. Dass Humboldt außerdem ein begnadeter Zeichner war, leistete der Visualisierung des Geschehenen eindrucksvollen Vorschub.
Ein paar Dutzend Instrumente, die er und seine Begleiter permanent mit sich führten, sollten seine Beobachtungen empirisch belegen und die amerikanische Welt mit einer bis dahin nicht gekannten Präzision dokumentieren. Am Ende dauerte die Reise zwischen Orinoco und Rio Negro, von Cartagena via Lima nach Mexiko und über Nordamerika zurück in die Alte Welt über fünf Jahre. Die Weltreisenden betraten am 3. August 1804 in Bordeaux wieder europäischen Boden.
In der Folgezeit kümmerte sich Alexander um die Dokumentierung und Verschriftlichung seiner Erlebnisse und Ergebnisse, was seinerzeit wiederum in Frankreich, speziell in Paris, am besten zu realisieren war. Paris stellte nicht nur den Vorort des Geistes der Revolution dar, sondern ein Mekka der Wissenschaft und des Kunsthandwerks. Die französische Metropole bildete um die Wende zum 19. Jh. den Dreh- und Angelpunkt internationaler Netzwerke berühmter Organisationen und Personen.
In der ersten Hälfte des 19. Jh. unterstrichen mehrere hundert Gutachten und Förderbegehren, die den Schreibtisch Alexanders passierten, dessen persönliches, unermüdliches Förderungswerk. Es verlieh ihm Kontinuität, Vertiefung und Differenzierung auf allen Ebenen der Wissenschaft. Sein Kontakt zu Malern, Historikern, Geographen, Geologen, Botanikern, Zoologen, Ethnologen, Sprachwissenschaftlern, Schriftstellern, Ökonomen, Politikern und vielen anderen Kulturschaffenden und Geistesrichtungen vermochte es, die „Amerikanische Reise“14, also die „Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents“15 in das Licht der internationalen transdisziplinären Forschung zu rücken. Nicht ohne Grund wurde Humboldt als „zweiter Entdecker Amerikas“16 gelobt und damit in eine Reihe mit dem Genuesen Christopher Kolumbus gestellt. Die Sinnhaftigkeit dessen ergibt sich nicht nur aus der expliziten Erwähnung und der Berufung auf die Forschungsleistungen des Italieners, dessen schriftliche Hinterlassenschaft Humboldt eingehend studiert hatte. Der Fokus richtete sich vielmehr auf die systematische Erforschung vieler Chiffren und Merkmale, die dem vermeintlichen Entdecker der Neuen Welt noch fremd geblieben waren. Das Besteigen des heute ecuadorianischen Vulkans Chimborazo und das Zusammenfließen der Flusssysteme des Orinoco und des Amazonas durch den Nachweis der Verbindung via Rio Casiquiare mögen hier als besondere Erwähnung zunächst genügen.
Blick aus Geldners Fenster auf La Guaira und seinen Hafen
Simón Bolívar und Europa
1804 war Simón Bolívar wieder nach Europa zurückgekehrt. Er reiste zusammen mit seinem alten Lehrmeister Simón Rodríguez durch Frankreich und Italien; vor allem Napoleon Bonaparte und dessen Politik imponierten ihm. Während dieser Reise traf er zweimal mit Alexander von Humboldt zusammen, 1804 in Paris und im darauffolgenden Jahr in Italien. Die Männer bestiegen gemeinsam den Monte Sacro – stellen wir uns vor, wie angeregt sich die beiden unterhalten haben. Abenteuer wie ein beschwerlicher Aufstieg auf einen Berg schweißen zusammen, zudem konnten sich Humboldt und Bolívar über Flora und Fauna aus dem Heimatland des jungen Kreolen austauschen oder auch freiheitliche, politische Ansichten erörtern. Humboldt hatte sich gegen den Kolonialismus und die Sklaverei ausgesprochen. Es mag auf dem Berg zu dem berühmt gewordenen ”Schwur auf dem Monte Sacro” gekommen sein, wo Bolívar gelobte, die spanischen Kolonien zu befreien. Dieser Ausspruch zählt zu den frühesten Zeugnissen seines revolutionären Sinneswandels.
Inwieweit Alexander von Humboldt Simón Bolívar tatsächlich von der Unabhängigkeitsidee überzeugen konnte, weiß niemand ganz genau. Doch ist es mehr als plausibel – und darauf deuten einige Erträge der Korrespondenz der beiden hin – dass Alexander Simón gegenüber seine Eindrücke, Empfindungen und weiterführenden Gedanken anschaulich schilderte. Es lässt sich leicht vorstellen, dass damit wirkungsvoll der Funke der Freiheitsidee auf den späteren „Libertador“ Bolívar übersprang und die revolutionäre Glut sich zum Flächenbrand ausweitete. Dessen kraftvolle Expansion ist ohne den aus Caracas stammenden Bolívar gar nicht zu denken. Es steht außer Zweifel, dass durch Humboldts geradezu enthusiastischen Geist von grenzenloser Freiheit und menschlichem Schöpfertum die systematische Durchdringung des nördlichen Raums Süd- und Mittelamerikas angeregt und gefördert wurde. Davon zeugen auch Gedanken und Metaphern Humboldts, die Bolívar in seinen eigenen Schriften wiederholte oder in abgewandelter Form einfließen ließ.
1807 trat Simón Bolívar dem Bund der Freimaurer bei und kehrte anschließend wieder nach Venezuela zurück.
In Lateinamerika wurden die Unabhängigkeitsbewegungen durch das wachsende nationale Bewusstsein in den spanischen Kolonien immer stärker. Unter den Einflüssen seiner Bildungsreisen in Europa unterstützte Simón Bolívar diese Reformbewegungen und trat einer Widerstandsjunta in Caracas bei, die am 19. April 1810 die Selbstverwaltung Venezuelas ausrief und Bolívar zu diplomatischen Verhandlungen nach Großbritannien entsandte. Die spanische Krone wollte diese Unabhängigkeitsbestrebungen nicht hinnehmen, es kam zu kämpferischen Auseinandersetzungen. 1811 reiste Bolívar von Großbritannien zurück und beteiligte sich in Venezuela an der Gründung eines Kongresses, der am 5. Juli 1811 die Unabhängigkeit des Landes ausrief und Venezuela zum ersten Mal zur Republik erklärte. Die spanischen Soldaten konnten den Anführer jedoch überwältigen – Simón Bolívar floh nach Kolumbien und dokumentierte in seinem Manifest von Cartagena ausführlich das Scheitern der Ersten Venezolanischen Republik. Im Mai 1813 nahm Bolívar die Invasion in die Hand, eroberte nacheinander Mérida, Trujillo und Caracas, wo er die Zweite Venezolanische Republik ausrief. Nach diesen Schlachten wurde er als El Libertador (Der Befreier) tituliert.
Simón Bolívar (Der venezolanische Nationalheld)
Johann Gottlieb Benjamin Siegert: Das Zerwürfnis zwischen Ben und seinem ältesten Bruder Johann
Das Medizinstudium Ben Siegerts wurde, wie angedeutet, wesentlich durch seinen ältesten Bruder Johann beeinflusst und finanziell unterstützt. Als Ben dann im Jahr 1819 für den Bruder Johann 500 Dukaten bei der Königlichen Bank abheben sollte und 100 Dukaten davon irgendwie zurückhielt, forderte dieser zu Recht von ihm Aufklärung und eine stichhaltige Begründung für diese ungeheuerliche Veruntreuung. Ben schrieb zwar, er habe die 100 Taler Gold „notwendigkeitshalber… gebraucht“. Zwölf Jahre später bekundete er, er habe sich entschlossen, „mit dem Reste des Geldes in den Michaelisferien (Michaelis: 19. September, R.W.) 1819 nach Halberstadt zu reisen, um dem Bruder Rechnung abzulegen und mich mit ihm zu verständigen. Allein die Unmöglichkeit der Erreichung des letzten Umstandes, nach den mir gemachten Drohungen fürchtend, bewog mich gegen alle Gefühle und Gesetze der Moralität“17, die Venezuelareise anzutreten. Er entgegnete dem Bruder also wohl nichts, und dieser war stinksauer. Der übergoss – nachvollziehbar – seinen jüngsten Bruder mit schweren Vorwürfen.18 Diesen plagten hernach das schlechte Gewissen und die Angst vor dem über 17 Jahre Älteren. In diesem unrühmlichen Zustand entschied sich Ben zunächst, die Postkutsche nach der weltläufigen Großstadt Hamburg zu besteigen und von dort aus womöglich im Ausland sein Glück zu suchen. Damit war das Band zwischen dem Bruder und ihm nicht nur mental, sondern auch räumlich zerschnitten. Johann empfand den Vorgang – zumal nach dem zeitgenössischen Ehrenkodex – als unzumutbar und verbat sich von nun an jegliche Kommunikation mit dem Jüngsten, der gar sein Sohn hätte sein können. Er war mit Ben aus der damaligen Sicht ein für alle Mal fertig. Der familiäre Bruch schien endgültig. Die Neigung, dieser unerträglichen Situation des permanenten Sich-schuldig-Fühlens und unverzeihlichen Schuldig-Seins zu entrinnen, verstärkte sich zusehends. Ein möglicher Ausweg bestand in spontaner Emigration. Der junge Medikus war gerade mal 23 Jahre alt und mag mit dem Gedanken gespielt haben, eines schönen Tages wieder nach Europa zurückkehren zu können. Dazu sollte es jedoch niemals kommen.
Simón Bolívar: Anwerbung in London und Hamburg, Rekrutierung für den Freiheitskampf
In der Hansestadt Hamburg diskutierten die Verantwortlichen dieser Tage, ob und inwieweit sie die Anwerbung anderer Nationen von Freiwilligen für den Unabhängigkeitskampf in Südamerika verbieten, unterstützen oder sich diplomatisch heraushalten sollten. England war aus dem Krieg gegen Napoleon als eines der siegreichen Länder hervorgegangen. Viele Soldaten waren nun in der Zeit des Friedens in Europa ohne geregeltes Einkommen oder vegetierten gar dahin ohne Betätigung und Auskommen. Die südamerikanischen Staaten befanden sich seit einiger Zeit ziemlich im Aufruhr gegen die Kolonialmächte Spanien und Portugal. Simón Bolívar hatte einige Leute aus seinen Reihen in europäische Großstädte entsandt, um alle möglichen Helfer, insbesondere kampferprobte Soldaten, für seinen Unabhängigkeitskampf zu rekrutieren. So waren Abgesandte Bolívars wie Luis López Méndez in London oder Baron Friedrich Christian von Eben in Hamburg dabei, eine entsprechend schlagkräftige Streitmacht zusammenzustellen. López Méndez galt als „Promotor de Voluntarios“, also als derjenige, der die Freiwilligen anheuern sollte. Er war ein alter Freund Simón Bolívars und war von diesem 1810 beauftragt worden, in London Waffen und Geld zu besorgen sowie Soldaten für ihre Sache zu begeistern. Die englische Presse war mit veröffentlichten Petitionen dabei behilflich, Freiwillige anzuwerben. Die Botschaft in der Grafton Street sah sich bald einer Vielzahl von Bewerbern aller Couleur gegenüber: Offizieren, die auf halben Sold gesetzt waren, Abenteurern, Goldsuchern, Ränkeschmieden, Romantikern und Revolutionären. Die Werbebüros waren mit verdienten Obersten besetzt. In England mit Hippisley, Campbell, Wilson, English, Skenne und Elson. In Deutschland mit den Hannoveranern Streowitz und von Uslar. Sie hatten Regimente und Brigaden zu bilden, wobei auf die Uniformierung großer Wert gelegt wurde. Sie wurden wie die Husaren uniformiert, rot mit blauen und grün mit scharlachfarbenen Klappen. Einige glänzten mit Uniformen der königlichen Artillerie. Die Obersten stellten sich mit ihrem Outfit gegenseitig in den Schatten. Ihr Aussehen und ihre Ausrüstung glichen mehr der Wache des Buckingham Palasts als einem Trupp, der in den Wäldern des Orinoco19 kämpfen sollte.
Zur Aushebung wurden in stark frequentierten Orten die erwähnten Werbebüros eingerichtet. Die Hansestadt mit Welthafen gehörte zu jenen Kommunen, in denen sich viele potentielle Emigranten versammelten und wo sich am ehesten Menschen fanden, die Anwerbungserfolge versprachen. Die Binnenalster war schon von jeher ein bekannter Treffpunkt von Weltbürgern, Abenteurern, Seeleuten und mutigen Zeitgenossen.
Oberst Johann von Uslar, deutscher General im Corps Bolívars
Deshalb wurde in den Kreisen der verantwortlichen Mandatsträger jene delikate Angelegenheit diskutiert, wie man sich als prinzipiell unabhängige und offene Handelsstadt clever positionieren sollte; schließlich wollte man als internationaler Zentralort des Kommerziums keine potentiellen Geschäftspartner vergraulen.
Regelrechte Hotspots waren, modern ausgedrückt, in einigen europäischen Großstädten eingerichtet worden. Darüber konnte man in den Zeitungen lesen, im Norden in der Börsenhalle und im Hamburger Tageblatt oder im Süden im Schwäbischen Merkur und in der Augsburger Allgemeinen, um nur einige der qualitätvollen und vielgelesenen Blätter anzuführen. In den Jahren nach dem Wiener Kongress kamen viele neue Strukturen und Gesetzgebungsmaßnahmen zum Durchbruch. Das Jahr 1816/17 war jedoch ein ausgesprochenes Hungerjahr, das viele Menschen und Haushalte an die Grenzen der Existenz brachte.20 Infolgedessen nahm das Auswanderungsbegehren immens zu, und die diesbezüglichen Büros hatten beträchtlichen Zulauf.
Achaz von Bismarck
Unter Haudegen und Heroen
Söldner, nach dem Ende der Napoleonischen Kriege und dem Wiener Kongress 1815 quasi arbeitslos, waren umso eher bereit, wieder ihrer vermeintlichen Kompetenz und ihrem geliebten Wettspiel nachzugehen: dem Feldzug zu Fuß, zu Pferde oder per Schiff. Durch die dynastische Verbindung einiger Fürsten- und Königshäuser lag es sogar nahe, dem Begehren bedeutender Streitmächte zu folgen. Die englischen Könige, damals aus dem Haus Hannover stammend, Georg III., IV. und Wilhelm IV. und dann ab 1837 Queen Victoria, hatten ein elementares Interesse daran, dem spanischen Widersacher wieder einmal die Leviten zu lesen. Bolívars Leute konnten also die Gunst der Stunde nutzen und auf eine beachtliche Zahl widerstandsfähiger und geschulter Solidarkräfte für sein militärisches Vorhaben zurückgreifen.
In die Stille nach den kriegerischen Stürmen der spätnapoleonischen Ära drangen besonders laute Hilferufe aus Übersee an die Ohren derer, die das Schlachtfeld zur Stätte ihres alltäglichen Wirkens auserkoren und nun nach neuen Abenteuern Ausschau hielten. Zu ihnen gesellten sich all jene, die aus irgendwelchen Gründen Deutschland bei nächstbester Gelegenheit zu verlassen gedachten, um andernorts ihr Glück zu suchen. So fügte es sich, dass viele jener Verdrossenen oder Unverdrossenen, die aus mancherlei Gründen das Weite suchen wollten oder mussten, die nach allen Teilen der Welt offene Freie Hansestadt Hamburg ansteuerten. Dort gaben sich rund um den Alsterpavillon unternehmungslustige, meist junge Leute ein Stelldichein21, wo die besten Aussichten bestanden, den Grundstein für ein neues Leben in anderen Teilen der Welt zu legen, und Interessenten, die bereit und bevollmächtigt waren, dieses neue Glück zu organisieren.
Einer dieser Abenteurer war besagter Achaz von Bismarck (1786-1856). In seinen Memoiren schreibt er, dass sein Vetter – der „Präsident“ Graf von der Schulenburg – ihn am 1. Mai 1819 von seiner Strafe in der Zitadelle von Magdeburg auslöste und mit etwas Geld versorgte.22 Waren seine Motive Geldmangel? Oder wollte er diesen Peinlichkeiten entfliehen?
Ein anderer Abenteurer war unser Ben Siegert (1796-1870), der sich in dem Dilemma des Streites mit seinem Bruder Johann für eine Reise entschied, die man boshaft als Flucht interpretieren könnte. Er suchte förmlich nach einem Abenteuer, das ihn auf andere Gedanken bringen sollte. In Konsequenz dessen nahm er eine der nächsten Möglichkeiten wahr, in die Hansestadt Hamburg, die er zu Recht für liberal und weltoffen hielt, zu fahren. Dort sollten sich ihre Wege kreuzen.
Die Transatlantik-Tour in der Retrospektive. Oder: Bismarcks temporärer Aufbruch in die Neue Welt
In seiner Autobiographie schreibt Achaz von Bismarck, er habe sich Anfang September 1819 wieder einmal fest entschlossen, sein Leben in neue Bahnen zu lenken: „Da nun meine Geldhilfsquellen anfingen immer mehr zu versiegen, so dachte ich ernstlich daran, mir für die Zukunft ein festes Sort2 zu machen. Ich glaubte dies am besten und leichtesten in Amerika zu finden, wo damals Krieg zwischen den Spaniern und den sich freimachenden Republikanern, unter Bolívar, bestand, bei letzterem entschloß ich mich, in Dienst zu treten.“ Am „Weihnachtsheiligabend“ reiste er von Gardelegen nach Hamburg ab, „um meine amerikanische Reise“ anzutreten.23
Dazu führte sein Weg über Zichtau, wo er auf dem Gut von Rittmeister von Alvensleben für ihn dort hinterlegtes Geld abholte und sich acht Tage daselbst aufhielt. Sodann reiste er in Begleitung des Leutnants Rüdiger über Salzwedel nach Hamburg, wo sie bei „sehr strenger Kälte“ Anfang Januar 1820 ankamen. Sie quartierten sich im Gasthof zur Sonne auf dem Neuen Wall ein, dessen Besitzer der Sohn eines früheren Bürgermeisters aus Hadmersleben war. Dort verweilten sie sechs Wochen und besuchten täglich den Alsterpavillon, „wo ein Zusammentreffen von allen Nationen der Welt stattfand.“24 Er machte die ehrenwerte Bekanntschaft des Generals von Eben, der früher in preußischen Diensten gestanden hatte, nämlich im Regiment seines Vaters, des ehemaligen Ziethenschen sog. Leibhusarenregiments. Nachdem Wind und Wetter günstig erschienen, wurden die Gepäckstücke an Bord gebracht und den Reisenden signalisiert, langsam Adieu zu sagen. Der Rittergutsbesitzer auf Schönholz namens Obermann, der unter den Passagieren mehrere Bekannte hatte, begleitete dieselben noch bis an Bord und wünschte ans Ufer zurückgekehrt durch „Schnupftuchwinken“ eine glückliche Reise.
Achaz von Bismarck: „Ein ganz schamloser Lump“ (Otto von Bismarck)
Auf dem Schiff „Vesta“ kam es also 1820, wie angedeutet, zu einer überraschenden Begegnung zwischen dem aufstrebenden jungen Arzt Ben Siegert und dem „Senior“ v. Bismarck. Es waren zwei höchst unterschiedlich motivierte, denkende und handelnde Zeitgenossen. Damit begegneten sich zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Doch erzählen wir der Reihe nach.
Der „schamlose Lump“ wusste über jene Erlebnisse in seinem autobiographischen Rückspiegel folgendermaßen zu berichten: Baron von Eben „hatte in Portugal eine Kreolin aus einer angesehenen Familie in Südamerika geheiratet, die sich mit in Hamburg befand. Da ich ihm sagte, ich sei im Begriff, nach Südamerika zu gehen, um dort in Kriegsdienste zu treten, erwiderte er mir, er sei im Begriff, für die Dienste der Republik Venezuela ein Korps zu errichten, wozu ihn der Liberator (sic!)
