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Die Jahre zwischen 2257 und 2268 werden bestimmt durch das magische Konstrukt. Der tyrannische Magier Sol’altoo hat die Artefakten-Stadt von der Supererde 2268 abgezogen und damit die Möglichkeit von Zeitreisen, die das Konstrukt erst ermöglichte, und die es aufgrund der Naturgesetzte im normalen Raum-Zeit- Kontinuum nicht gibt, im Sonnensystem wieder rückgängig gemacht. 2279, der Tyrann Sol’altoo wird letztmalig aktiv. Er hat die Artefakten-Stadt auf einer der Supererden im Solsystem neu entstehen lassen und will mit aller Gewalt erreichen, dass das Planetensystem der Erde ein Bestandteil des Zetschn’cha Universums wird. Die Solare Flotte unter General Pronder, sowie Königin Yiilyix vom Volk der Xxiin, das sich auf der Venus angesiedelt hat, stehen gemeinsam gegen den Gegner. Während Sigurd mit seinem Schiff PAURUSHEYA in die energetische Halbwelt eindringt, kommt es im Erdensystem zum Kampf um die Artefakten-Stadt. Sigurd lebt in der Vergangenheit seiner eigenen Welt. Er weiß nicht, dass er ein Gefangener eines lebenden Programms geworden ist. Die digitale Welt stellt sich für ihn als Realität da. Seine Eltern leben noch und er wohnt in seinem alten Elternhaus. Auf der Suche nach einem Job verlässt er sein kleines Dorf und gerät unvermittelt an den Rand der programmierten Sequenz. Eine schwarze Unendlichkeit tut sich mitten auf der Straße auf. Nur ganz langsam wird ihm bewusst, dass etwas in seinem Leben nicht stimmen kann. Ein altes Buch scheint eine gewisse Rolle zu spielen und als dann auch noch der schwarze Panther auftaucht, den er aus einem anderen Leben zu kennen glaubt, ist er nahe daran, den Verstand zu verlieren. Sonder-Edition
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Jens F. Simon
Sonder-Edition
Im Griff virtueller Realitäten
ANGRIFF DER GEGENERDE
© 2026 Jens F. Simon
Sonder-Edition mit freundlicher Genehmigung des Autors
Illustration: S. Verlag JG
Verantwortlich für den Inhalt: S. Verlag JG ,Weilsteinstraße 3, 35767 Breitscheid
Alle Rechte vorbehalten
Fortsetzung von: STERNEN GEFAHR
ISBN:978-3-96674-926-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig und wird sowohl strafrechtlich als auch zivilrechtlich verfolgt. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Inhalt:
Reine Magie
Auf der Spur der Zetschn’cha
Die Hemisphäre
Die Macht der Magie
Die Welt hinter den Welten
Multiplizität
Magie vs. Parapsychologie
Der magische Weg der Zeit
MAITRI
Die manipulierte Zeitenergie
Gestrandet
Die einsame Japetus Station
Konfrontation im Jahre 2080
Die neue MBF-Organisation
Zeitstasis
Angriff der Mernchen
Die Rettung MAITRIs
Die Suche nach MAITRI
Der Zeittranquilizer
Zurück in 2019
Vorsicht Zeitparadoxon
Amandas Entscheidung
Die vorletzte Schlacht
Zurück ins Jetzt
Sternenraum des magischen Rings
Einsatz am ‘Ring der Srem’
131 Jahre MAITRI, die Kinder der MBF
Sol’altoos letzte Schlacht
Der letzte Einsatz
Das Ende der Artefakten-Stadt
Das Ende des magischen Konstrukts
Amandas Rettung
Sigurds Traum
Der Tag danach
Fremde Gedanken
Widerstand erwacht
Ende einer Wirklichkeit
Das selbstständige Unterbewusstsein
Am Ende der Wahrheit
Der schwarze Panther
Das Programm
Das Erwachen
Der Fluchthelfer
Die neue Welt
Das Experiment
Die 2. Erde
Die Schicksalstafeln
En-Lils Kampf
Ein neuer Mitstreiter
Die Festung NINTAC
Die Schicksalstafeln
Der Dieb Nin-an-ak
Flucht durch das Sonnensystem
Mond der Gefahren
Gang der Ereignisse
Fluch der Magier
Die Unendlichkeit
Im Nirgendwo
Cogito ergo sum
Der fremde Körper
Déjà-vu
Ort der Erkenntnis
Multiplizität erwünscht
Das Volk der Illusionen
Konsolidierung
Die Zeit ist dein größter Feind. Du befindest dich auf einem schmalen Weg dazwischen. Was genau dies bedeutet, das kannst du nur erahnen, aber niemals wissen. Solltest du jemals an deinem Ziel ankommen, so wird dein Verstand nicht mehr verstehen, wo du bist und was du wolltest. Die Gewissheit, dass dein Leben bisher nicht sinnlos war, wird von der Genugtuung verdrängt, es genauso wieder zu machen, solltest du die Möglichkeit dazu bekommen.
Der Höhepunkt in deinem Leben scheint dann gekommen zu sein, wenn du glaubst, alles erreicht zu haben. Wenn dein weiterer Lebensweg nunmehr geradlinig zu verlaufen scheint; wenn es anscheinend keine neuen Herausforderungen mehr gibt; wenn du glaubst, wirklich angekommen zu sein. Sei dir nicht so sicher! Sei dir niemals sicher. In dem Augenblick, wenn du dich einmal wieder gut fühlst, stehst du bereits mit beiden Beinen in einer Realität hinter der Realität und wirst eine neue Reise beginnen.
Es war, wie es kommen musste. Die Stadt des Affengottes hatte sie verschluckt. Die angemessene Energiesignatur hatte eine bekannte Form.
Sie ähnelte stark den Emissionen, die in der Artefakten-Stadt auf der Supererde angemessen worden war.
Calgulla blickte hinüber zu Doktor Jesaja Ravel, der sich immer noch nicht von dem Ortungsgerät losreisen konnte.
Sie befanden sich in einem großen Zelt am Rande des Eingangs zu einem unteririschen Labyrinth von unglaublichen Ausmaßen.
Das Zelt stand inmitten der Stadtruinen der legendären "Weißen Stadt". Von hier aus waren Alethea und Sigurd aufgebrochen, um das Rätsel von Zauberei und Magie zu lösen, das immer noch das Solare System in Atem hielt. Als sich die wuchtige Maschinerie in der Artefakten-Stadt abschaltete, wurde zeitgleich hier im honduranischen Regenwald eine fast identische Strahlenform geortet.
Jesaja Ravel, Wissenschaftler und Physiker war zusammen mit Calgulla, dem Chef der neuen MBF und zehn weiteren Spezialisten direkt aus der Artefakten-Stadt in den honduranischen Regenwald geflogen.
Hier hatte man vor über 30 Jahre die Forschungsarbeiten mangels finanzieller Unterstützung einstellen müssen. Nunmehr jedoch kam die Unterstützung durch die Erdregierung.
Die Kosten waren mit einem Mal unerheblich geworden.
Mehrere Hundertschaften des Militärs, speziell der Solaren Flotte, waren bereits im Einsatz. Die meisten von ihnen befanden sich auf Sohle 15, das war in 130 Meter Tiefe.
Auch Sigurd und Alethea mussten sich dort unten befinden. Sie hatten den Status von Beratern der MBF-Organisation und waren damit nachträglich legitimiert.
Das Gebiet, so groß, wie eine mittlere Kleinstadt, war vollständig abgeriegelt worden, als feststand, dass die gemessene Strahlung eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Strahlung in der Artefakten-Stadt aufweist.
Calgulla war mit Doktor Jesaja Ravel und den restlichen Wissenschaftlern vor genau zwei Stunden eingetroffen.
Die MFG-Zentrale auf der Venus hatte die sehr kurz gehaltene Information erhalten, dass Sigurd sich bereits auf dem Weg in die Region La Mosquitia gemacht hatte. Sie hatte dies sofort an Calgulla weitergeleitet.
Jetzt stand Calgulla zwischen den hastig errichteten Forschungszelten und blickte auf das Loch im Boden, in das noch vor Kurzem eine alte Holztreppe hinuntergeführt hatte.
Duzende Soldaten hatten sich mit einer provisorischen Seilwinde hinuntergelassen und begannen den Stollen zu durchkämmen. Von Sigurd und Alethea fehlte jedoch jede Spur.
„Die Legende von der "Weißen Stadt" besagt, dass es ein Ort ohne Wiederkehr war. Es soll sich um einen magischen Ort gehandelt haben.“
Sigurd stand direkt vor der Statue des Affengottes. Sie ragte etwa fünf Meter in die Höhe und stand direkt neben dem Durchgang in die Unterwelt.
„Sieht einem Sremsen irgendwie ähnlich, findest du nicht auch?“
„Die Frage kann ich dir nicht beantworten, da ich diese Rasse nicht kenne!“
Alethea war erst vor Kurzem aus einem mystischen Schlaf erwacht, indem sie fast 250 Jahre gelegen hatte.
Natürlich kannte sie nur sehr ungenau die heutige politische und wirtschaftliche Situation innerhalb des Solsystems, wie das Sonnensystem der Erde jetzt innerhalb der Planetenunion genannt wurde.
Sie waren auf der untersten Sohle angekommen, als ihnen der Rückweg abgeschnitten worden war.
Ein sehr großer, portalähnlicher Durchgang lag direkt vor ihnen.
„Wir werden auf dem Weg, den wir gekommen sind, nicht mehr zurückkehren können. Ich fürchte sogar, der ganzen Stollen über uns ist eingestürzt.“
Sigurd hatte sich mittlerweile auf die Infrarot Sichtweise eingestellt. Woher seine veränderten Augen das Restlicht nahmen, wusste er nicht.
„Mittleres Infrarot nimmt den Bereich von thermischer Strahlung auf, und hier unten ist es nicht gerade kalt!“
Sein Unterbewusstsein hatte es wieder einmal nicht lassen können und ihn belehrt.
Alethea blickte auf ein kleines Armband, das sie vom Schiff mitgenommen hatte.
„Die GPS-Signale sind tot. Ich kann aber die von PAURUSHEYA zuvor georteten Daten abrufen und mit unserem jetzigen Standort vergleichen. Die ursprünglich angemessene Strahlenquelle befindet sich in etwa 150 Meter Tiefe. Wir sollten uns in diesem Moment in etwa 140 Meter Tiefe aufhalten. Das bedeutet, es musste noch weiter abwärtsgehen.“
„Sehen wir, wohin der Durchgang dort drüben führt.“
Sigurd ging voraus. Sie kamen in ein relativ großes Felsengewölbe, dessen Ende sie nicht erkennen konnten.
An einigen Stellen hingen Stalaktiten von der etwa zehn Meter hohen Decke herunter. Die Temperatur hatte sich um mehrere Grad Celsius gesengt. Vorsichtig bewegten sich Alethea und Sigurd zwischen den teilweise bis auf den Boden reichenden Stalaktiten hindurch.
Der Boden fiel langsam ab und ließ vermuten, dass man sich auf dem richtigen Weg befand.
Plötzlich blieb Sigurd stehen. Er hatte ein lautes Geräusch vernommen.
Es klang zuerst wie ein Stöhnen und ging dann über in ein dumpfes Röcheln.
„Ist da wer? Hallo!“
Zunächst schien es so, als kämen die Laute von vorne. Dann erschallten sie aus dem Gang, aus dem sie eben selbst gekommen waren. Sigurd drehte sich mehrmals im Kreis, bis ihn Alethea festhielt. Sofort hörten auch die Geräusche auf.
Es war mucksmäuschenstill geworden, aber nur für einen kurzen Augenblick.
Ein Rumpeln und Tosen setzten unvermittelt ein. Staub und feine Sandkörner rieselten von der Decke herab.
Es war reiner Zufall, dass Sigurd nach oben blickte, denn die Geräusche kamen jetzt von hinten.
Die halbe Decke schien sich gelöst zu haben und kam auf sie beide zu. Sigurd hatte keine Zeit, viel zu überlegen. Er griff telekinetisch zu und setzte seine paranormale Kraft dagegen, gleichzeitig griff er mit dem Arm nach Alethea und zog sie an sich.
Mit einem wahren Getöse stürzten links und rechts von ihnen große Felsbrocken zu Boden und eine riesige Staubwolke griff von allen Seiten nach ihnen, konnte sie jedoch nicht erreichen.
Sigurds telekinetisches Abwehrfeld hielt nicht nur den einen Felsbrocken direkt über ihnen zurück, sondern verhinderte auch, dass sie in der Wolke erstickten.
Sie saßen in der Falle. Es gab kein Weiterkommen mehr und er konnte nicht den von der Decke gelösten Felsen einfach loslassen und gleichzeitig versuchen, sich mit seiner Kraft einen Durchgang zwischen den nunmehr am Boden liegenden Felsen zu schaffen.
Alethea blickte ihn treuherzig mit ihren großen, blauschwarz schillernden Augen an.
Sie hatte sich ganz dicht an Sigurd gedrückt und umfasste ihn mit den Armen.
Er fixierte immer noch den Felsbrocken über ihren Köpfen, als nach wenigen Minuten der aufgewirbelte Staub sich langsam verflüchtigt hatte.
Alethea schwieg und in Sigurds Kopf rasten die Gedanken.
Er versuchte einen Ausweg zu finden, aber bemerkte recht schnell, dass sich seine Gedanken in einer Endlosschleife verfangen hatten.
„Ich sehe es in deinen Augen, Paurusa, wir sitzen in der Falle! Es gibt nur noch eine Möglichkeit, wir müssen versuchen unsere Körper zu dezentralisieren oder noch besser, wir tauchen gleich in den Boden ein!“
Sigurd hörte ihr wortlos zu. Er wusste, dass die neue Alethea wie auch schon Königin Yiilyix, einfach ihre körperliche Festigkeit auflösen und so in den Boden einsickern konnte. Was aber war mit ihm?
Seine Körpernaniten hatten schon einmal einen ähnlichen Vorgang ausgelöst, als er sich nämlich auf der Suche nach PAURUSHEYA befunden hatte. Damals war es jedoch aufgrund eines Angriffs mit Zauberei geschehen und noch dazu ohne sein bewusstes Zutun.
Die Frage war, konnte er überhaupt eine bewusste Dezentralisierung seines Körpers herbeiführen.
Alethea erriet seine Bedenken.
„Du hast es schon einmal getan, es funktioniert also. Du musst es nur wirklich wollen!“
Sie blickten sich beide in die Augen und Sigurd begriff, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab.
Er stellte sich das Gefühl des Fallens vor, so, wie er es auch damals auf der Suche nach dem Schiff gemacht hatte, und gab zusätzlich den entsprechenden gedanklichen Befehl an seinen Körper.
Alethea hatte sich zuvor in seine Gedanken eingeklinkt und reagierte ebenfalls sofort. Die Xxiin ihres Körpers veränderten ihre energetische Struktur und sie begann, immer schneller in den felsigen Boden zu versinken.
Sigurd folgte ihr, während sein Geist immer noch telekinetisch die herabstürzende Decke hielt.
Ihre beiden Körper sanken, eng beieinanderstehend, immer weiter in den Boden hinein.
Es musste für einen Außenstehenden wirklich gespenstig skurril aussehen, wie die Körper regelrecht am Boden zerflossen. Sigurd hielt die Luft an, als nur noch sein Kopf zu sehen war und als sich seine Augen der Bodenoberfläche näherten, ließ er die Decke telekinetisch los und schloss die Augen. Den gewaltigen Aufprall der restlichen Decke hörte er bereits nicht mehr.
Die kleine, mittelalterliche Stadt wurde zur Hälfte von einem Fluss eingegrenzt. Dort war auch die Wehrmauer, die vollständig aus behauenen Basaltsteinquadern errichtet war, über zwanzig Meter hoch und fast drei Meter breit.
Die andere Hälfte der Stadt grenzte an eine massive Felswand. Ihr Mittelpunkt bildete der Marktplatz.
Dieser wurde von den Wohngebäuden der Händlerinnung umgeben, sowie von Speichergebäuden und den stattlichen Gebäuden aus Stein, welche den wohlhabenden Patriziern vorbehalten war.
In der Nähe des Marktplatzes befanden sich Wohn- und Arbeitsstätten, wie Bäcker und Metzger, und ein monumentales, quadratisches Gebäude, das fast die Höhe der Wehrmauer erreichte.
Mehrere Bauernhöfe hatten sich außerhalb der Stadtmauern angesiedelt. Typisch für die Stadt war die dichte Bebauung mit verwinkelten und engen Gassen und der Brunnen im Zentrum am Marktplatz.
Das Rathaus, Korn, -und Salzspeicher, Kaufhäuser, Trinkstuben und Badestuben waren auf einer Grundfläche von etwa 8,55 Quadratkilometern verteilt.
Zauberlehrling Sähren Morgester verließ gerade die Stadt und marschierte mit aufrechter Haltung durch das hölzerne, zweiflüglige Stadttor.
Er trug seinen offiziellen Zauberlehrlingshut des dritten Jahres des Magisterdezenniums. Je mehr er sich dem zehnten und damit dem Abschlussjahr seiner Ausbildung näherte, desto größer, höher und spitzer würde auch der Hut werden.
Noch war er relativ klein und flach, aber Sähren trug ihn neben dem Kaftan ähnlichen Gewand, das ein sehr breiter, mit blitzenden Steinen verzierter Ledergürtel zusammenhielt, trotzdem mit einem gewissen Stolz.
Schließlich gab es hier in Moorlagenau nur noch zwei weitere Zauberlehrlinge, außer ihm. Magister Wohlhorendoff, ihr Lehrer, war einer den angesehensten Zauberer aller fünf Städte des Affengottes.
Versonnen blickte Zauberlehrling Sähren Morgester hinauf in die eben erst aufgegangene Sonne, oder vielmehr in die Vorrichtung einer Sonne. Sie schien ihm heute besonders hell zu leuchten.
Natürlich wussten alle Bewohner der sogenannten Weißen Stadt, wie die riesigen Katakomben und Hohlräume genannt wurden, in denen sich die fünf Samadhi-Städte befanden, dass sich ihr Lebensraum unter der Erdoberfläche befand.
Die künstliche Beleuchtung suggerierte jedem Bewohner dieses unterirdischen Gewölbekomplexes, der sich auf über 1000 Quadratkilometern erstreckte, er würde sich auf der Planetenoberfläche befinden, so gewaltig waren seine Ausmaße.
Die beiden Torhälften wurden je von einer über zehn Meter hohen Affengottstatue flankiert.
Die beiden Wachsoldaten in ihren metallischen Rüstungen lagen faul an die Basaltwand gelehnt und hielten lässig eine mit Flugrost übersäte Hellebarde in den Händen.
Sähren schaute nur kurz zu ihnen hin. Sie schienen bereits am frühen Morgen betrunken zu sein, jedenfalls sprachen die beiden vor ihnen am Boden liegenden angebrochenen Weinamphoren eine deutliche Sprache.
Sähren Morgester blickte hinüber zu dem kleinen Hügel. Dort stand das Wäldchen, in dem er bereits als Kind herumgetollt war.
Zur linken Seite hin konnte man die Höfe der Bauer Hörmsdorf und Kamerlands erkennen.
Zwischen ihren Gehöften lag bestelltes Land und stach durch seine dunkle Färbung von den Wiesen und Bäumen der übrigen Umgebung deutlich ab.
Es war eine friedliche Welt, in der die Samadhi-Städte lagen. Gestört wurde diese Idylle lediglich durch so manchen fremden Besucher von der Außenwelt.
Die Außenwelt war ein Tabu, sie existierte zwar, wurde aber nie von den Bewohnern der fünf Städte angesprochen.
Wer einmal von dort gekommen war, würde niemals mehr dorthin zurückkehren. Der Weg zurück war ihm ein für alle Mal verwehrt. Das Einzige Hinaus war der ‚Ring der Srem‘.
Sährens Gedanken rekapitulierten all die Informationen und Lebensgrundlagen, die jeder der Bewohner der Samadhi-Städte bereits als Kind eingeimpft bekam.
Er befand sich auf dem Weg zu dem kleinen Wäldchen.
Dort gab es einen magischen Ort, jedenfalls hatte der Platz, an dem die drei Findlinge lagen, für ihn immer schon etwas Magisches an sich gehabt. Die drei sehr großen Steine lagen einzeln nebeneinander und bildeten ein magisches Dreieck.
Sie hatten eine Höhe von über fünf Metern und grenzten eine Fläche von fünfzehn Quadratmetern ein.
Wenn die künstliche Sonne am höchsten stand, war die innere Fläche hell erleuchtet und die Findlinge glitzerten regelrecht übernatürlich, so als würden Tausende von kleinen Diamanten in ihnen stecken.
Sähren hatte an diesem Morgen etwas ganz Bestimmtes vor, von dem sein Meister nichts erfahren durfte. Im dritten Lehrjahr, in dem er sich befand, kannte er bereits so mansche Zaubersprüche und Beschwörungsformeln.
In den letzten Jahren hatte sich aber auch eine gewisse Zuversicht in ihm breitgemacht, dass es so etwas wie einen persönlichen Schutzgeist geben musste.
Je mehr er über die Magie lernte, umso so sicherer wurde er in seinem Glauben daran.
Heute nun hatte er sich vorgenommen, mit den Kräften der ihm Innewohnenden Mager durch Invokation Einfluss auf den Schutzgeist zu gewinnen, um sich seiner Unterstützung und seines Schutzes zu versichern.
Womöglich konnte er so auch das Wohlwollen seines Meisters positiv beeinflussen.
An zweiter Stelle stand noch die Möglichkeit, dass ein Teil dieser Kraft auf ihn überging und er so schneller den Status eines Magisters erreichen konnte. Sähren kam endlich zu der Stelle, an der sich die Findlinge befanden.
Die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch nicht erreicht und die drei Felsbrocken warfen nach allen Seiten mystische Schatten.
Er fing an, mit beiden Händen auf- und abschwingende Bewegungen zu vollziehen, dabei murmelte er ständig wiederkehrende Worte.
Die Steine dienten ihm ganz ohne Zweifel als Fetische.
In ihnen sah er eigenständig wirkende Kräfte, die seinen Schutzgeist gnädig stimmen sollten, um ihm seinen Wunsch zu erfüllen.
Er bewegte sich im Kreis von einem Findling zum anderen und murmelte magische Worte. Jetzt, als endlich das Sonnenlicht die Fläche innerhalb der Steine hell erleuchtete, war es soweit.
Ohne Hast begab er sich in den genauen Mittelpunkt, dort, wo es am hellsten und auch am wärmsten war.
Sähren setze sich im Schneidersitz in das Gras, legte beide Hände flach vor sich auf den Boden und schloss die Augen.
Er spürte bereits die Kraft, die regelrecht vom Boden ausging und er spürte die drei Felsen, die ihn umgaben. Er sah mit dem inneren, geistigen Auge ihre wahre Natur.
Sähren Morgester fiel mehr und mehr in den Bewusstseinszustand des Samadhi, in dem das diskursive Denken aufhört und er sich voll und ganz auf sein wesentliches Ziel konzentrieren konnte, nämlich das Herbeirufen seines Schutzgeistes.
Ganz langsam meinte er bereits nach wenigen Minuten, etwas zu spüren. Es musste sich um eine wirklich gewaltige Kraft handeln, denn normalerweise kam es bei den sonstigen Ritualen und Beschwörungen nicht so schnell zu einem Feedback.
Es war wie eine Flut, die auf ihn zuschoss. Sährens Augen öffneten sich angstvoll, hatte er zu viel gewagt? Ein Zurück gab es nicht mehr, das wusste er mit einer absoluten Gewissheit, die ihn umso mehr erschreckte.
Sein Körper begann zu zittern, sein Kopf ruckte in die Höhe.
Was war das? Die Macht, die gewaltige Kraft, kam nicht von unten aus der Erde heraus. Er fühlte es deutlich, sie kam von oben.
Das Samadhi fiel von ihm ab und mit geweiteten Augen blickte er auf die Stelle im Himmel, an der sich eine dichte, graue Wolke in dem sonst immer hellblauen Firmament gebildet hatte.
Sie bewegte sich mit rasanter Geschwindigkeit direkt auf ihn zu.
Als sich die Wolke nur noch wenige Meter über seinem Kopf befand, teilte sie sich. Sähren murmelte noch schnell einige Beschwörungsformeln, dann glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen.
Direkt vor ihm entstanden aus den beiden Teilen der ursprünglichen Wolke fast gleichzeitig ein Mann und eine Frau.
Es war faszinierend, wie sich die grauen Wolken verdichteten, wie sich aus zunächst winzigen Farbklecksen in Windeseile menschliche Konturen entwickelten, die sich dann augenblicklich manifestierten und sich menschliche Formen stabilisierten.
„Wo sind wir den hier hingeraten?“
Sigurd wunderte sich nicht nur, er war auch überaus erstaunt über die eben erfolgte Möglichkeit der Fortbewegung.
Obwohl sein Körper sich bereits einmal aufgelöst hatte, als er sich nämlich auf der Suche nach PAURUSHEYA befunden hatte, war es trotzdem jetzt ein neues und ungewohntes Gefühl gewesen.
Er schaute Alethea an, die rechts neben ihm stand und lächelte.
„Das kannst du den jungen Mann hier fragen. Er kann dir bestimmt weiterhelfen!“
Sie senkte ihren Blick und schaute dabei links an Sigurd vorbei. Dort kauerte ein junger Mann auf dem Boden und blickte ihnen mit großen Augen entgegen. Auf seinem Kopf konnte Sigurd einen merkwürdig eingedellten und leicht spitz zugehenden Hut erkennen, der das Aussehen des jungen Mannes etwas kitschig wirken ließ. Sigurd musste unwillkürlich grinsen.
„Wieso seid ihr zu zweit? Ich hatte keine Ahnung, dass ich zwei Schutzgeister besitze, aber es macht Sinn. Ihr verkörpert das Gegensätzliche im Leben, richtig? Ihr tretet immer als Mann und Frau in Erscheinung, richtig?“
Sähren Morgester, der Zauberlehrling im dritten Jahr des Magisterdezenniums versuchte seine Beine auseinanderzuziehen und aufzustehen, was ihm aber zunächst misslang, da sie eingeschlafen waren und er sie nicht mehr spürte.
„Warte, ich helfe dir!“
Sähren schrie erschrocken auf, als sein Körper langsam in die Höhe schwebte und seine Beine sich wie selbstständig aus dem Schneidersitz entknoteten und streckten.
Er hatte damit gerechnet, dass ihm der Schutzgeist die Hand hinstreckte und ihm so aufhalf.
„Achtung, ich lasse jetzt los!“
Sähren schien immer noch nicht verstanden zu haben, als Sigurd ihn aus seinem telekinetischen Griff entließ und er wieder alleine auf seinen beiden Beinen zu stehen kam.
Er schwankte noch etwas und Sähren meinte, dass tausend Ameisen in seinen Beinen wohnten, aber das würde gleich vorbei sein.
Viel wichtiger war, dass er die wahre Macht seines Schutzgeistes gerade am eigenen Leib erfahren hatte.
Sigurd blickte in den Himmel und schien erst jetzt zu bemerken, dass sie von drei Felsen umgeben waren.
„Wo sind wir hier?“
Er wiederholte seine Frage und schaute dabei Sähren Morgester an.
„Das ist Moorlagenau, ich meine unsere Stadt heißt Moorlagenau.“
Sähren zeigte zwischen den Findlingen hindurch auf die Lichtung hinaus. Dort, am nahen Horizont, sah man die Stadtmauer und dahinter einige wenige Gebäude, die groß genug waren, um sie zu überragen.
„Die Strahlenquelle scheint sich direkt im Mittelpunkt der Stadt zu befinden!“
Aletheas telepathische Mitteilung ließ Sigurd kurz aufschrecken. Er wandte sich dem jungen Mann zu.
„Wie ist dein Name?“
„Man nennt mich Sähren Morgester, ich bin Zauberlehrling im dritten Jahr des Magisterdezenniums, aber das müsst ihr doch wissen, denn ihr seid meine Schutzgeister!“
Sigurd hatte den inneren Kreis der drei Felsen verlassen und Alethea war ihm gefolgt. Sähren sprang ihnen hinterher und rief: „Ich habe einen Wunsch an euch und ihr müsst ihn einfach erfüllen!“
Sigurd blieb unvermittelt stehen und drehte sich zu ihm um.
„Wie kommst du darauf, dass wir deine Schutzgeister sind? Du nennst dich einen Zauberlehrling. Was meinst du damit überhaupt?“
Jetzt war es an Sähren, erstaunt dreinzublicken.
„Ich habe euch gerufen und ihr seid erschienen, was sonst! Ich selbst bin ein Schüler des ehrenwerten Zauberers Wohlhorendoff.“
„Ich denke, bei einer Sache liegst du wirklich verkehrt. Wie sind nicht deine Schutzgeister.“
Sigurd räusperte sich. Er hatte auf einmal einen sehr trockenen Hals.
„Das glaube ich nicht!“
Sähren funkelte Sigurd böse an und murmelte leise eine Beschwörungsformel.
„Ihr müsst mir einfach helfen und das Wohlwollen meines Meisters positiv beeinflussen. Vielleicht könnt ihr sogar einen Teil eurer magischen Kraft auf mich übertragen!“
„Was diese Magie und Zauberei betrifft, so bin ich mir immer noch unsicher, in welche grundlegende Kategorie ich sie einordnen soll.“
Aletheas gedankliche Mitteilung ließ Sigurd handeln.
„Sähren, wir müssen zunächst näher an Magister Wohlhorendoff herankommen, um dir zu helfen.“
Er hatte sich bereits einen Plan zurechtgelegt. Dazu war es notwendig, den Zauberlehrling in seinem Glauben, dass sie seine Schutzgeister waren, zu bestärken. Außerdem konnten sie ihn sowieso nicht mehr davon abbringen, zu sehr war Sähren davon überzeugt.
„Ich bringe euch in die Stadt und in seine Nähe, aber ihr müsst vorsichtig sein. Magister Wohlhorendoff ist ein mächtiger Zauberer. Er darf keinen Verdacht schöpfen, sonst wird er mich nicht nur verstoßen, sondern in eine Steinstatue verwandeln und mein menschliches Leben damit beenden.“
Alethea und Sigurd folgten Sähren Morgester in Richtung Stadt. Wie groß ist Moorlagenau?“ Sigurd schaute über die bearbeiteten Felder hinweg zum Horizont, wo sich die Stadtmauer bereits als mächtiges Monument präsentierte.
„Moorlagenau hat fast 1000 Einwohner. Dazu kommen noch die Zauberer. Es gibt, glaube ich neben Magister Wohlhorendoff noch sieben Unterzauberer von der gleichen Art.“ Sähren war kurz stehen geblieben.
„Wie kann ich euch eigentlich nennen? Ich meine, welcher Name ist der eure?“
„Du kannst uns Paurusa nennen!“
Sigurd fiel in dem Moment nichts Besseres ein und irgendetwas hinderte ihn daran, ihre wahren Namen zu verraten.
„Ein Name für euch beide?“
„So ist es!“ Sähren schien kurz zu überlegen und setzte dann zügig seinen Weg fort. Sie erreichten nach etwa zehn Minuten die Stadttore. Sie standen immer noch sperrangelweit offen und wirkten auf jeden Ankömmling wie eine persönliche Einladung einzutreten.
Als Sähren, Alethea und Sigurd sich bereits unter dem runden Steinbogen der Toranlage befanden und die altertümlichen Gebäude und verwinkelten Gassen bestaunten, die sich vor ihnen ausbreiteten, versperrten ihnen mit einem Mal zwei gekreuzte Hellebarden das Weiterkommen.
„Halt! Ihr beide seit Fremde, so wie ihr gekleidet seid. Wohin wollt ihr und was wollt ihr überhaupt in Moorlagenau?“
Einer der beiden Torwachen sprach Sigurd und Alethea an. Bevor Sigurd jedoch antworten konnte, vernahm er einen durchdringenden Wort Singsang, der aus Sährens Mund zu kommen schien.
„Die beiden sind Bürger von Moorlagenau, sie tragen einfache Gewänder. Sie können passieren!“
Sähren wiederholte diese beiden Sätze mehrmals und blickte dabei den Wachen direkt in die Augen. Die beiden Wachen fingen an, die Sätze murmelnd zu wiederholen, senkten dann die verrosteten Hellebarden und gingen mit dumpfen Blicken zurück zur Stadtmauer, wo Sigurd mehrere Tonkrüge am Boden liegen sah.
„Das war einer meiner leichtesten Übungen!“ Sähren grinste und rückte sich seinen Zauberhut zurecht. „Wie hat er das gemacht?“ Alethea gedankliche Frage beantwortete Sigurd mit einem Wort: „Magie!“
Ich hatte mich nicht verhört. Sähren Morgester sprach von 5 Samadhi-Städte, die sich alle hier unten auf einem riesigen Sohlenkomplex in über 150 Metern Tiefe befinden sollten. Künstliche Sonnen erhellten das relativ ebene Gelände.
„Die Bezeichnung Samadhi kommt mir bekannt vor. Es ist Sanskrit und bedeutet Versenkung oder auch seine Aufmerksamkeit auf etwas richten.“
Alethea blickte Sähren Zustimmung erheischend an.
Dieser schien mit seinen Gedanken immer noch weit weg zu sein, jedenfalls richtete sein Blick sich in eine weite Ferne, während er sagte: „Samadhi bezeichnet den Bewusstseinszustand, den wir anstreben, um uns von unwichtigen Gedanken zu befreien und in Kontakt mit dem Übernatürlichen zu treten!“
Wir saßen in der kleinen Schänke und tranken einen Humpen Bier. Der Schankraum sah aus wie ein Gewölbekeller.
Die halbrunde Decke war aus ungleichmäßig bearbeiteten Sandsteinziegeln gebaut und wurde durch hölzerne Trägersäulen gestützt. Genau gegenüber dem Eingang stand die Schanktheke. Sie war ebenfalls, mit ihrem Baldachin, aus massivem Eichenholz gefertigt und hinterließ in mir einen urigen Eindruck.
Außer uns Dreien konnte ich noch fünf weitere Gäste ausmachen. Sie saßen alle an einem Tisch und ab und zu traf uns ein Blick aus ihrer Richtung.
„Sähren, du hast dich selbst als Zauberlehrling bezeichnet. Wie lange ist überhaupt deine Ausbildungszeit?“
Sähren Morgester schien jetzt erst wieder richtig zu sich zu kommen, denn in seinem Blick konnte ich wieder ein beginnendes Interesse erkennen.
„Ich bin im dritten Jahre des Magisterdezenniums und es liegen noch sieben lange Jahre vor mir.“
„Die du mit unserer Hilfe etwas abkürzen willst, richtig?“
Er nickte lediglich und nahm einen Schluck aus dem Bierhumpen.
„Danach bist du dann ebenfalls ein vollwertiger Zauberer, ein Magister wie Wohlhorendoff!“
„Nein, natürlich nicht wie Wohlhorendoff, er ist schließlich ein Zetschn’cha und ist damit einem menschlichen Zauberer weit überlegen. Wir, die menschlichen Zauberlehrlinge werden am Ende unserer Ausbildung zu Zauberdruiden.“
Ich schaute reflexartig Alethea an, als die Bezeichnung Zetschn’cha fiel. „Wo finden wir ihn, diesen Magister Wohlhorendoff und wie sieht er aus?“ Sähren schaute mich ungläubig an.
„Als meine Schutzgeister solltet ihr das aber wissen.“
Er rülpste nachhaltig und bestellte lautstark einen weiteren Humpen. Magister Wohlhorendoff bewohnt die unteren Gemächer im ‚Ring der Srem‘.
Wie jeder Zetschn’cha besitzt er viele Diener aus dem Volk der Sremsen. Sie huschen ständig um ihn herum und lesen ihm jeden Wunsch von den Lippen ab.“
Mir kam ein Gedanke. Ich hatte es bereits mit zwei Zetschn’chas zu tun bekommen. Einmal hatten sie versucht, mich an Bord eines Linienschiffs umzubringen und das zweite Attentat war direkt vor der Venus Station TRISHARANA verübt worden.
„Sag an, Herr Morgester, besteht die Kleidung von Magister Wohlhorendoff nicht aus verschiedenfarbigem Tuch, worauf sich die gesamte Farbenvielfalt eines Regenbogens wiederfindet?“
„Geht es dir gut, Paurusa? Deine Grammatik erscheint mir etwas holprig!“
Ich lachte kurz auf, als ich Aletheas gedankliche Mitteilung vernahm.
„Alles bestens. Ich habe lediglich versucht, eine alte Sprachform nachzuempfinden, die es früher einmal gegeben hat!“
„Wunderbar, ich sehe, dass ihr doch vollwertige Schutzgeister seid, da ihr sehr wohl die Zauberer kennt. Magister Wohlhorendoff bevorzugt bei der Farbwahl seiner Kleidung einen Stich ins Beige. Man kann es nur schwerlich erkennen, wenn man es nicht weiß, so bunt sind die Stoffe, die er trägt!“
Mit einem Donnergetöse sprang plötzlich die massive Holztür der Schänke auf und ein Haufen Soldaten stürzte mit lautem Gebrüll in den Schankraum.
Sie stürmten zunächst direkt an uns vorbei und blieben in der Mitte des Raums stehen, wobei vier von ihnen wie wild mit ihren Schwertern in der Luft herumfuchtelten.
Ihnen folgten weitere zwei Mann und ein Jüngling, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Sähren aufwies, zumindest hatte er eine ähnliche Kopfbedeckung auf.
„Da sind sie, die Halunken“, die Hellebarte, die von einem der zuletzt hereinstürmenden Soldaten getragen wurde, senkte sich mit der Spitze in unsere Richtung.
Ich erkannte einen der Torwachen wieder, an denen wir uns mit Hilfe von Sährens Zaubertrick hatten vorbeigeschlichen.
„Mehlte Fergester, dieser Schmarotzer“, hörte ich gerade Sähren flüstern, als sich alle Aufmerksamkeit auf uns richtete.
Der junge Mann drängte sich zwischen ihnen hindurch und blieb vor Sähren stehen.
„Dachte ich es mir doch. Der Zauber konnte nur von dir sein!“
In Sährens Gesichtszügen spiegelte sich ein Wechsel der Gefühle. Man konnte es richtig sehen, von erschrocken über hämisch bis hin zu wütend.
Mit einem lauten Schrei sprang er auf und blickte mit Zorn rotem Gesicht auf seinen Kommilitonen Mehlte Fergester.
Die Soldaten schienen tatsächlich einen gewissen Respekt vor den Zauberlehrlingen zu haben, denn sie machten mehrere Schritte zurück und beobachteten zunächst nur.
Alethea und mir blieb ebenfalls nur das Gleiche zu tun übrig.
Sie blickte mich fragend an und ich vernahm ihre telepathische Stimme: „Sollen wir eingreifen?“
„Nein. Wir wissen nicht, welch tatsächlichen Möglichkeiten die beiden Zauberlehrlinge haben und ich möchte es vermeiden, ein Opfer ihrer Magie zu werden. Die Soldaten scheinen ähnlich zu denken. Sie haben sogar ihre Hellebarten gesenkt!“
Sähren Morgester saß eben noch auf seinem Stuhl und stand im nächsten Moment bereits etwas seitlich neben Mehlte Fergester.
Ich hatte aber überhaupt nicht bemerkt, dass er sich dabei irgendwie bewegt hätte.
Er streckte beide Arme von sich und drückte dabei die Handflächen nach oben, so, als wolle er seinem Gegner damit Einhalt gebieten.
Ich hörte noch, wie Sähren etwas murmelte, dann begann es im Schankraum ungemütlich zu werden.
Ein Wirbelsturm entstand aus dem Nichts und begann sofort innerhalb der Schänke zu wüten. Diese Art von Zauberei kannte ich bereits.
Die Soldaten flogen regelrecht durch den Schankraum und mit ihnen Stühle und Tische. Sie schrien wie wild durcheinander. Die fünf anderen Gäste hatten noch versucht, den Ausgang zu erreichen, wurden jedoch einige Meter davor ebenfalls durch den stätig stärker werdenden Orkan miterfasst und ebenfalls gegen die Wände des Raums geschleudert.
Mehlte Fergesters Körper glühte in einem dunklen Rot und er stand noch immer an der gleichen Stelle, so wie Alethea und ich immer noch auf unseren Plätzen saßen. Der Orkan schien ihm nichts anhaben zu können.
Er murmelte etwas vor sich hin und blickte kurz in unsere Richtung.
Ich glaubte, an ihm einen sehr nachdenklichen Gesichtsausdruck wahrzunehmen.
Natürlich hatte ich sofort nach Beginn des Sturms ein telekinetisches Abwehrfeld um Alethea und mich aufgebaut.
Es umschloss uns vollkommen und schützte uns ebenso vor den jetzt umherfliegenden Teilen der sich langsam auflösenden Schankraumeinrichtung.
Sonnenhelle Blitze zuckten aus seinen Händen, verwoben sich und schossen mit verstärkter Kraft tatsächlich auf uns zu. Nicht Sähren war das Ziel der Blitze, sondern Alethea und ich.
Wilde Energiekaskaden brachen sich in meinem telekinetischen Abwehrschirm. Die Blitze gaben hochtönige Geräusche von sich, wie von einer Neonröhre, während sie durch die telekinetische Kraft abgelenkt wurden und durch den Schankraum surrten.
Wo sie auf Gegenstände trafen, explodierten diese regelrecht und hinterließen ein dampfendes Etwas.
Mittlerweile hatten alle Personen bis auf uns und die beiden Zauberlehrlinge den Raum verlassen. Mehlte Fergester machte bitterernst.
Hätte einer seiner Blitze uns getroffen, würden wir wohl nicht mehr existieren.
„Multax Erare summ“, hörte ich da Sähren laut rufen und aus dem Orkan heraus bildeten sich spitze Eiskristalle, die sich zu langen Stalagmiten formten und sich nicht nur vor Mehlte Fergester, seinem Gegner, aus dem Boden erhoben, sondern ihn sogar aufzuspießen versuchten. Durch den jetzt im Raum wütenden Schneesturm hatte ich fast keine freie Sicht mehr, um die beiden zu beobachten.
„Alethea, lass uns von hier verschwinden!“
Ich nahm ihre Hand, konzentrierte mich weiterhin auf das Schutzfeld um uns herum und ging auf den Ausgang zu, den ich gerade noch erkennen konnte.
Die Tür war herausgerissen worden und lag in mehreren Einzelteilen zerfetzt am Boden. Von außerhalb hörte man laute Stimmen.
Unvermittelt standen wir inmitten der Soldaten. Sie wurden von meinem Schutzfeld zur Seite gestoßen, als wir durch sie hindurchgingen. Der Wirt hatte aufgehört zu lamentieren und blickte uns mit weit aufgerissenen Augen an, als mit einem unwirtlich lauten Getöse hinter uns sein Schankhaus wie in Zeitlupe in sich zusammenfiel.
Ein lauter Gong erschallte über den freien Platz davor und ich sah einen Zetschn’cha in seiner typisch bunten Kleidung hinter einem Haus direkt gegenüber von unserem Aufenthaltsort hervortreten.
Er hielt einen sehr langen Stab in der linken Hand, der noch größer war, als er selbst.
Als nun auch die Soldaten und die mittlerweile angewachsene Zahl von Schaulustigen ihn ebenfalls bemerkten, wurde es schlagartig still um uns herum.
„Magister Wohlhorendoff“, hörte ich jemanden neben mir ehrfurchtsvoll flüstern, dann waren Alethea und ich bereits in einer Seitenstraße verschwunden. Ich konnte mir gut vorstellen, dass die beiden Zauberlehrlinge jetzt einen sehr schlechten Stand haben würden.
„Sollen wir Sähren Morgester einfach seinem Schicksal überlassen? Schließlich sind wir doch seine Schutzgeister!“
Aletheas telepathisch gestellte Frage ließ mich innehalten.
„Ist das wirklich dein Ernst?“
„Ja natürlich. Überleg doch, er ist uns mittlerweile vertraut, außerdem denkt er wirklich, dass wir seine Schutzgeister sind und dementsprechend offen und ehrlich ist er uns gegenüber. Wir werden bestimmt keinen Besseren finden, der uns mit Informationen versorgt, auf die wir unbedingt angewiesen sind.“
Wir standen in einer kleinen, mittelalterlichen Gasse, die sich zwischen eng aneinander gebauten Fachwerkhäusern hindurchzwängte.
Kleine Erker und Balustraden ragten in Kopfhöhe in die Gasse hinein und erschwerten so das Vorwärtskommen. Mehrmals wurden wir fast von anderen Passanten angerempelt.
„Wenn wir eingreifen, befinden wir uns sofort wieder im Mittelpunkt des Interesses. Das wollte ich eigentlich vermeiden. Aber andererseits hast du recht. Lass uns zurückgehen und zunächst beobachten!“
Der Platz vor der zusammengefallenen Schänke war immer noch voll Menschen, die sich aufgeregt unterhielten. Soldaten konnte ich zunächst keine mehr erkennen.
Immer wieder fiel der Name Magister Wohlhorendoff. Dort, wo noch vor einer halben Stunde der Eingang der Schänke gewesen war, stand der Zauberer auf der obersten Stufe der kleinen Holztreppe mit theatralisch ausgebreiteten Armen.
Er blickte auf das Trümmerfeld, das direkt vor ihm lag und auf die beiden Zauberlehrlinge, die unversehrt inmitten der Hausruine standen und sich gegenseitig anfeindeten. Der Orkan, der Schneesturm und die Blitze waren verschwunden.
Mit einer herrschenden Armbewegung zog er sie wie ein Magnet zu sich heran.
Sähren Morgester und Mehlte Fergester wurden wie von einer unsichtbaren Hand durch den Schutt hindurchgezerrt und prallten dabei mehrmals gegen Mauerreste und Holzbalken.
Unter lauten Schmerzensschreien kamen die beiden direkt vor dem Zauberer zum Stehen.
Unfähig vor Schreck wagten sie sich nicht, auch nur ein weiteres Wort zu sagen.
Wir drängten uns durch die Menschenmenge hindurch, um noch etwas näher heranzukommen.
Magister Wohlhorendoff Stimme drang laut und deutlich, mit einem zischenden Unterton, über den Platz: „Unwürdig ist noch ein viel zu schwacher Ausdruck für euer gezeigtes Verhalten. Ihr werdet bestraft und das auf gleiche Art und Weise. Folgt mir!“
Die Menschenmenge wich auseinander und bildete eine breite Gasse. Magister Wohlhorendoff schritt voran, ohne sich weiter um die beiden Zauberlehrlinge zu kümmern.
Sie standen immer noch starr und steif am gleichen Ort und bewegten sich nicht.
Aber jetzt begannen sie wenige Zentimeter über den Boden hinter ihm herzuschweben, so als würden sie an einem unsichtbaren Seil hängen.
Ein Raunen ging durch die Menge und sie machten dem Zauberer bereitwillig Platz. Er kam direkt auf Alethea und mich zu. Wir wichen ebenfalls etwa zur Seite aus und ich wartete, bis der reglos durch die Luft schwebende Sähren Morgester aufgeschlossen hatte.
Dann griff ich telekinetisch zu, packte mit meiner paranormalen Kraft seinen Körper und riss ihn kraftvoll in die entgegengesetzte Richtung.
Die Schaulustigen schlossen bereits wieder den Kreis um den Zauberer und Mehlte Fergester, als ich Sähren an den Schultern packte und versuchte, ihn wachzurütteln; er befand sich immer noch in einer Art Schreckstarre.
Alethea zog ihn mit uns, während ich telekinetisch die Leute zur Seite drängte, die uns im Weg standen.
Wohlhorendoff hatte anscheinend immer noch nicht bemerkt, dass einer seiner beiden Schützlinge fehlte. Sähren schwieg immer noch, als wir in eine schmale Gasse einbogen und somit zunächst aus der Sichtweite der Leute waren.
„Wo können wir uns schnellstmöglich verstecken?“
„Er wird mich trotzdem finden! Es gibt keinen Ort in ganz Moorlagenau, wo er mich nicht finden würde.“ Sähren klang sehr kleinlaut.
„Wer war der andere Zauberlehrling? Wieso hat er dich bloßgestellt und uns angegriffen?“
„Mehlte Fergester ist ein Schwinnigel. Er hat es darauf abgesehen, als erster Mensch Wohlhorendoffs Nachfolger zu werden. Dafür tut er alles. Er war ebenfalls einer der Gründe, weshalb ich euch als Schutzgeister gerufen habe!“
So langsam wurde die ganze Sache etwas kompliziert.
„Sähren, auch wenn du es nicht für Wahrhaben willst, wir sind nicht deine Schutzgeister!“
Wir gingen jetzt weiter die schmale Gasse entlang, und als er wieder stehen bleiben wollte, zog ich ihn am Arm weiter. Hinter uns konnte ich mehrere Stadtbewohner erkennen, die eben noch vor der zerstörten Schänke gestanden hatten.
„Vielleicht wird es das Beste sein, wir verlassen die Stadt!“
Dem ersten Erschrecken in Sährens Gesicht folgte ein nachdenklicher Gesichtsausdruck.
„Die Zauberer der anderen Samadhi-Städte stehen in einem ständigen Kontakt zueinander. Dorthin zu gehen, würde überhaupt nichts bringen!“
Er war wieder stehen geblieben und ich zog ihn zusammen mit Alethea in einen noch schmaleren Seitengang, der sich zwischen zwei Fachwerkhäusern befand.
Hier war es relativ dunkel und wir konnten nicht so leicht gesehen werden. Sähren räusperte sich kurz, als ich ihn losließ.
„Ich sehe nur noch eine Möglichkeit einer hochnotpeinlichen Bestrafung zu entgehen. Ich muss diese Welt verlassen. Bevor ich als minderer leibeigener Diener ende, ziehe ich diesen Weg vor!“
Er streckte seinen Körper und ich konnte ein Funkeln in seinen Augen erkennen. Sein zurückkommender Lebenswille durchströmte ihn regelrecht.
Alethea und ich schauten ihn fragend an. „In der energetischen Halbwelt, im Universum der Zetschn’cha gibt es viele Welten. Dort bin ich sicher!“
Ich wusste zunächst nicht so recht, was er meinte.
Er bemerkte wohl meinen irritierten Gesichtsausdruck.
„Der ‚Ring der Srem‘! Er führt in das eigentliche Universum des Volkes, dem die Zauberer entstammen. Wieso wisst ihr davon nichts? Als meine Schutzgeister solltet ihr es aber. Ihr werdet mich natürlich begleiten. Im genauen Mittelpunkt von Moorlagenau befindet sich das Tabernähkel. Es handelt sich dabei um ein monumentales, fast quadratisches Gebäude.“
Sein Gesichtsausdruck wurde düster.
„Leider befindet sich dort auch das Refugium von Magister Wohlhorendoff. Aber das sollte uns nicht weiter stören. Schließlich seid ihr meine Schutzgeister, nicht wahr?“ Er blickte zunächst Alethea dann mich lauernd an. Es erschien mir fast so, als hätte er seine vorgefasste Meinung bezüglich unseres Status geändert oder zumindest gründlich überdacht. „Das ist unsere Chance und wir sollten sie auch nutzen!“
Alethea hatte sich angewöhnt, mit mir telepathisch zu kommunizieren, sodass Sähren es nicht mitbekam.
Mir war mittlerweile schon klar, dass wir hier unter der Erde in 150 Meter Tiefe, nicht wirklich weiterkamen.
Ich nickte ihr zu und sagte zu Sähren: „Gut, wir folgen dir!“
Dass Sähren Morgester es wirklich ernst gemeint hatte, mit dem was er zuvor sagte, bewies er noch, bevor wir losgingen.
Er setzte seinen Zauberhut ab und entledigte sich seines Zaubermantels. Beides versteckte er in einem breiten Mauerriss eines Fachwerkhauses.
Jetzt trug er nur noch ein ledernes Schnürhemd und enganliegende Beinlinge. Darüber befand sich noch ein sehr enger, ärmelloser Überrock in einem schmucklosen braun. Ohne die Zeichen seines Standes hätte man ihn mit einem ganz normalen Bürger der Stadt verwechseln können.
Wir erreichten ohne Schwierigkeiten das Tabernähkel. Sähren konnte mir auf meine Frage hin auch nicht sagen, aus welchem Material der monumentale Quader erbaut worden war.
Jedenfalls hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit der Kaba, dem islamischen Heiligtum in Mekka, war jedoch mehr als doppelt so groß.
„Der ‚Ring der Srem‘ befindet sich genau in seiner Mitte!“
Sähren wurde mit einem Mal nervös.
„Wie kommen wir dort hinein?“
„Könnt Ihr uns nicht hineinzaubern? Ich habe doch gesehen, wie ihr aus dem Deckenhimmel über uns gefallen seid. Schutzgeister können so etwas!“
„Sähren, zum allerletzten Mal, wir sind nicht deine Schutzgeister!“
„Ihr habt Zauberkräfte, das kannst du nicht verleugnen, schließlich habe ich es genau gesehen, als Mehlte euch mit den verwobenen Blitzen angegriffen hat.“
Ich gab es auf, mit ihm weiter zu diskutieren. Er hätte die Wahrheit sowieso nicht verstanden, schon gar nicht, wenn ich ihm etwas über Parapsychologie erzählen würde.
„Nein, mit Zauberkräften kommen wir dort nicht hinein. Es muss einen anderen Weg geben!“
Um das Tabernähkel herum befand sich eine kreisförmige Bodenfläche von etwa zwanzig Metern, die gepflastert war.
Wir standen an der Ecke eines Fachwerkhauses, das direkt an die sonst leere Fläche angrenzte. Der Platz um den Quader schien wie ausgestorben zu sein. Keine menschliche Seele weit und breit.
Sähren überlegte sehr lange. Schließlich brummte er etwas vor sich hin und räusperte sich.
„Es gibt eine Art Zweitausgang oder man kann auch sagen Notausgang. Dieser endet im Keller eines der vorderen Häuser. Wohlhorendoff hat es mir ganz am Anfang meiner Ausbildung gezeigt. Von dort müssten wir in das Tabernähkel gelangen können. Folgt mir!“
Der Kellerzugang befand sich an der Wand eines alten Fachwerkhauses, der mit einer Holzbohlentür bedeckt war. Die Tür war nicht verschlossen und ließ sich komplikationslos öffnen. Mehrere Stufen führten nach unten. Es roch stark nach Erde.
Die aus Ziegelsteinen grob gemauerte Decke war sehr niedrig und wir mussten unsere Köpfe einziehen, um uns nicht zu stoßen.
Sähren ging voran und wir folgten ihm in einen schmalen Gang hinein, dessen Wände aus Holzbohlen und Stroh bestand. Es war sehr finster und man sah fast die Hand vor Augen nicht.
Sofort setzte bei Alethea und mir die Infrarotsicht ein. Ich bemerkte, dass Sähren gezielt voranging. Er schien ebenfalls mit der Dunkelheit kein Problem zu haben.
Wir erreichten eine massive Holztür. Sie war verschlossen.
„Verdammt, daran habe ich nicht gedacht!“
„Tritt zur Seite!“
Ich drängte mich vor Sähren und griff telekinetisch zu. Es war lediglich ein leises Knirschen zu hören, das mit einem Knall endete, als die Tür auch schon aufschwang. Die schmiedeeisernen Scharniere der Tür hingen lose in der Backsteinmauer.
„Bitte, du kennst den Weg!“
Ich trat zur Seite und ließ dem verdutzt dreinblickenden Sähren den Vortritt.
„Angeber!“ Aletheas Gedanke erreichte mich, als wir bereits die Steintreppe hinaufgingen, die sich direkt hinter der Tür befand.
Es roch leicht nach Ozon. Es war das Erste, was ich wahrnahm, als wir dreißig Stufen weiter oben ankamen.
Im Raum vor uns lag ein hellblaues Leuchten in der Luft. Ich konnte nicht erkennen, woher es kam. Sähren schien es zu kennen, denn er kümmerte sich nicht darum, sondern marschierte zielgerichtet weiter.
„Wir müssen in diese Richtung, es ist nicht mehr weit!“
Er deutete durch einen Rundbogendurchgang, der direkt vor uns lag. Irgendwie erschien mir das Ganze sehr unreal.
Es ging alles viel zu glatt. Nur kurz kam mir der Gedanke, dass in meinen Büchern ebenfalls solche Situationen beschrieben worden waren. Der Held dieser Bücher dachte etwas Ähnliches wie ich jetzt und dann passierte es, die Falle schnappte zu, in die er getreten war.
Ich musste kurz und laut auflachen. Es klang in dem leeren Raum fast wie das Bellen eines Hundes.
Sähren zuckte merklich zusammen und blickte mich irritiert an.
„Ich kann dir nur zustimmen“, vernahm ich die Gedanken von Alethea. Sie hatte meine geistige Anspannung gespürt und meine Gedankengänge mitbekommen.
„Ist das wirklich der richtige Weg?“
Meine Frage stand noch im Raum, als sich mehrere versteckte Türen fast gleichzeitig öffneten und etwa ein Dutzend Diener des Zauberers herauskamen und uns einkreisten.
Aus dem Rundbogendurchgang trat, von weiteren Dienern begleitet, Magister Wohlhorendoff. Sähren erstarrte sofort zu einer Eissäule.
Aber Magister Wohlhorendoff ignorierte ihn vollkommen und ging an ihm vorbei. Dabei gab er seinen Dienern per Handzeichen Anweisungen.
Vier von ihnen nahmen Sähren sofort in ihre Mitte und führten ihn ab. Er ließ es ohne Gegenwehr über sich ergehen, blickte aber nochmals kurz flehend in unsere Richtung.
Wohlhorendoffs ganze Aufmerksamkeit galt jetzt uns. Das konnte nicht gut gehen.
Ich hatte noch zu wenig Erfahrung im Umgang mit einem Zauberer und seinen Kräften, um die Gefahr, die auf uns zukam, richtig einschätzen zu können.
„Denke an unsere erste ausweglose Lage hier unten!“
Ich vernahm Aletheas Gedanke und wusste sofort, was sie meinte.
„Ich hoffe nur, unter uns gibt es weitere Räume. Gut, wir verschwinden!“
Ich sah noch, wie Magister Wohlhorendoff seine Arme in unsere Richtung ausstreckte, dann versank mein Körper im Boden. Meine Naniten hatten den Befehl sofort ausgeführt.
Alethea war zeitgleich mit mir versunken, und als ich meine Augen wieder öffnete, die ich spontan geschlossen hatten, standen wir vor einer weiß strahlenden, runden Säule, einem regelrechten senkrechten Fanal, das den halben Raum ausmachte.
„Der ‚Ring der Srem‘! Es ist ein Teil des magischen Konstrukts der magischen Stadt. Es führt in die energetische Halbwelt, dem Universum der Zetschn’cha. Du musst dich schnell entscheiden. Der Magier wird wissen, wo du dich jetzt aufhältst!“
Ich vernahm die Gedanken meines Unterbewusstseins, während ich mich langsam umdrehte.
Tatsächlich konnte ich hinter mir eine ähnliche Technologie erkennen, wie einst auf der Supererde in der Artefakten-Stadt.
Die Konsolen glühten in einem gespenstigen Rot. Nur kurz kam in mir Zweifel auf, ob wir uns wirklich dieser Energiesäule anvertrauen konnten.
Als ich Aletheas Hand fühlte, die sich in die meine gelegt hatte, gab es für mich aber kein Zurück mehr.
Zusammen schritten wir mutig in das Licht-Fanal.
Der ‚Ring der Srem‘ war erloschen. Wir standen auf einem runden Platz, mit einem Durchmesser von mindestens 100 Metern. Umfasst wurde er durch einen hufeisenförmigen Wall mit einem Graben.
Es gab einen großen Ausgang im Nordosten und einen kleineren im Süden. Die Grabenanlage war von einer aus einem konzentrischen Steinkreis gebildeten Megalith Struktur umgeben.
Zwei riesige Affenskulpturen flankierten den Ausgang. Ich schätze deren Höhe auf etwa zwanzig Meter.
Die kleine, rötliche Sonnenscheibe stand zwischen den Megalith Steinen und gab dem ganzen Erscheinungsbild des vor uns liegenden Areals eine mystisch, archaische Atmosphäre.
„Du bist dir sicher, dass du weißt, was du tust!“
Alethea stand ebenfalls immer noch unbeweglich neben mir und blickte in den Himmel. Neben der schwach leuchtenden Sonnenscheibe erkannte man gerade, wie die riesige Sichel eines anderen Planeten oder Mondes hinter dem Horizont verschwand.
„Es war die einzig logische Schlussfolgerung. Auf dem alten Weg zurück konnten wir nicht mehr gehen. Außerdem habe ich mir fest vorgenommen, nachdem wir bereits so weit gekommen sind, eine grundlegende Antwort zu erhalten.“
„Auf welche Frage?“
„Die Frage nach dem Warum. Wer oder was steckt hinter alle dem und was wird damit überhaupt bezweckt!“
„Das sind aber schon mehrere Fragen!“
Ich musste grinsen. Alethea nahm immer alles so wörtlich.
„Ja und nein. Ich denke, irgendwo läuft es auf einen gemeinsamen Nenner hinaus und diesen will ich finden.“
„Also eine mathematische Frage, aber wer ist denn dann der Zähler?“
Jetzt musste ich wirklich laut auflachen.
„Nein, das war eher eine Redewendung und bedeutet so viel, wie ‚einen gemeinsamen Ursprung’ haben.“
„Ihr Menschen seid mir unheimlich. Wie könnt ihr euch gegenseitig verstehen und verständigen, wenn die Aussagekraft eurer Worte ständig wechselt?“
Dazu sagte ich jetzt lieber nichts. Calgulla, der Mellraner, hatte sich diesbezüglich auch schon beschwert. Ich nahm stattdessen ihre Hand und zog sie mit mir.
Wir schritten gemeinsam durch den Ausgang und befanden uns mit einem Mal in einer ganz anderen Welt, so schien es jedenfalls.
Lediglich die kleine Sonnenscheibe war noch die Gleiche geblieben, alles andere hatte sich verändert.
Vor uns lag eine riesige, sich bis zum Horizont erstreckende Ebene. Der Boden leuchtete in einem goldgelben Farbton. Es gab fast überhaupt keine Vegetation und in weiter Ferne spiegelte sich eine Stadtmauer in der warmen Luft, ähnlich wie die Mauer der Stadt Moorlagenau, aus der wir gerade gekommen waren.
„Was tun wir jetzt? Sollen wir in Richtung Stadt gehen?“
Ich konnte Aletheas Frage zunächst selbst nicht beantworten. Es kam mir hier alles sehr unwirtlich vor, wie in einem der alten Computerspiele erschien mir die Welt um uns herum irgendwie künstlich.
Grelle weiße Blitze zuckten vom Firmament und schlugen um die schützende Steinmauer der Stadt herum in den Boden. Immer wieder kamen sie von einer anderen Richtung, gabelten sich und überkreuzten sich dabei selbst. Es roch sehr stark nach Ozon. Explosionsartige Schläge hämmerten über das sehr flach gehaltene Gelände.
„Schau dir dieses Bauwerk dort drüben an. Es passt so überhaupt nicht in die altertümliche Bauweise der Gebäude, die wir bisher gesehen haben!“
Ich blickte in die von Alethea angegebene Richtung. Etwa zwei Kilometer von unserem jetzigen Standort aus sah ich das Gebilde.
Man musste schon genau hinschauen, um es zu bemerken.
Es schimmerte im gleichen goldgelben Farbton, wie der Boden unter unseren Füßen und es schien aus einem einzigen massiven Teil zu bestehen.
Immer wieder schlugen Blitze nahe der Stadtmauer ein. Erst jetzt bemerkte ich den Unterschied.
Es gab überhaupt keine Blitzeinschläge um dieses merkwürdige Bauwerk herum. Entweder zog die Stadt mit der altertümlichen Mauer die Blitze erst an oder das goldgelbe Bauwerk war besonders dagegen geschützt.
„Oder beides, oder es gibt noch eine dritte Möglichkeit. Du denkst zu sehr in menschlichen Bahnen. Lass uns einfach dort hingehen, vielleicht finden wir mehr heraus. Die Stadt ist im Moment jedenfalls tabu, oder willst du dich zwischen den Blitzeinschlägen hindurchmogeln. Das sieht jedenfalls nicht gerade ungefährlich aus.“
Ich schaute nachdenklich zu Alethea hinüber, die bereits ein paar Schritte zu dem Gebäude hin gemacht hatte und sich jetzt zu mir umdrehte.
„Du hast wieder in meinen Gedanken geschnüffelt“, stellte ich telepathisch fest.
„Aber auch nur, weil du es zugelassen hast“, gab sie süffisant ebenfalls telepathisch zurück.
Ich grinste innerlich und beeilte mich, ihr nachzugehen, da sie bereits in Richtung Gebäude weitergegangen war.
Je näher wir kamen, umso größer und statischer wirkte das Bauwerk. Ich schätzte seine Höhe auf mindestens 50 Meter.
Alethea war nicht stehen geblieben, wie ich, sondern ging um das Bauwerk herum, dessen Längsseite 25 Meter betrug.
„Es ist hohl! Nein, es sieht eher aus wie ein dreidimensionales U!“
Jetzt sah ich es auch. Ein riesiges, nach oben offenes U-Bauwerk. An den Innenseiten und ebenfalls auf dem inneren Bodenpodest konnte man metallisch glänzende Spießungen erkennen, die anstatt nach außen nach innen angebracht waren. Sie waren verschieden lang und dick.
Diese herausragenden Metallstäbe glänzten nicht nur von innen heraus, sondern ich hatte das Gefühl, das sie auch unter Spannung standen.
„Geh bitte nicht zu nahe heran, es könnte gut sein, dass dort eine Art Spannungsfeld existiert, und dass es zu Überschlagblitzen kommt, die auch dir gefährliche werden könnten.“
Auf einmal überfiel mich am ganzen Körper ein Kribbeln. Es war fast, als würde ich jeden einzelnen Naniten spüren, wie er sich in meinem Körper bewegte.
„Das ist absolut unlogisch. Dein Geist hat überhaupt nicht die Möglichkeit, die Billionen von Naniten einzeln zu fühlen. Was du spürst, ist ein elektromagnetisches Induktionsfeld, das sich aufbaut. Ich würde mich schleunigst von dem Bauwerk entfernen.“
Mein aktives Unterbewusstsein hatte sich gemeldet. Ich hatte fast schon vergessen, dass es überhaupt noch existierte.
„Alethea, schnell, wir müssen hier weg!“
Ich griff nach ihrer Hand und zog sie mit mir. Als ich das surrende Geräusch über uns bemerkte, erhöhte ich instinktiv meine Laufgeschwindigkeit. Ein riesiger Schatten fiel auf uns herab und verdunkelte die nähere Umgebung.
Das Brausen wurde zu einem wütenden Geräuschorkan. Wir rannten immer schneller und ich konzentrierte mich nur noch auf die Randzone des Schattens. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, als wir dort endlich ankamen und wieder in das Licht traten.
Normalerweise wäre ich vollkommen außer Puste gewesen, aber mein Nanitenkörper hatte die Belastung ohne merkliche Anstrengung einfach weggesteckt.
Auch Alethea neben mir atmete nicht schneller als sonst.
Der Schatten wanderte jetzt wieder von uns weg. Ein Raumschiff senkte sich, mit dem Heck voran, vom Himmel herunter, wobei sich ein Teil des Hecks auseinanderfaltete und das Schiff sich so über die beiden Seitenwände des Bauwerks stülpte.
Sieht aus wie ein Raumschiff, aber wo sind seine Antriebsaggregate?“
Alethea sprach meinen Gedanken aus. Ich vermisste tatsächlich die typischen Antriebsdüsen oder etwas Ähnliches.
„Die Steuerung und der Antrieb erfolgen über ein sehr starkes magnetisches Feld. Die Raumfähre hat soeben an einem Lademodul angedockt“
Ich akzeptierte zunächst diese gedankliche Mitteilung meines Unterbewusstseins und fragte mich zum wiederholten Mal, woher es die Informationen bezog.
In etwa zwanzig Meter Höhe begann sich an der Außenwand der Fähre etwas zu bewegen.
Ich beobachtete, wie sich ein Steg aus der Seitenwand herausschob und langsam auf den Boden zu glitt. Alethea und ich verfolgten das Schauspiel mit zunehmender Neugier.
Etwa 200 Meter vor uns erreichte der Steg, an dem jetzt eine Brüstung mit oben aufliegendem Handlauf zu erkennen war, den Boden. Gleichzeit bildete sich ein weiterer energetischer Steig, der von der Fähre ausgehend, sich geradlinig bis zu der etwa 1500 Metern entfernten Stadt fortpflanzte, die sich hinter unserem Rücken befand.
Wir standen genau in seiner Richtung und es war ein leichter Stromschlag zu spüren, als der Steig uns erreichte und sich durch uns hindurch fortsetzte.
Erschrocken drehte ich mich zur Stadt hin um und sah, wie der Steig die Stadtmauer erreichte, wo sich sofort eine dunkle Öffnung bildete.
Die immer noch vorhandenen Blitze brachen sich an dem Schutzfeld, das den Steig wie ein halbrundes Dach umspannt und ihn wie eine unterirdische Transportröhre erscheinen ließ.
„Wollen wir hinüber zur Stadt gehen? Das dürfte jetzt wohl gefahrlos möglich sein!“
Aletheas telepathische Mitteilung riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich wieder zur Andockstation um und beobachtete dort am offenen Fährenschott, wie die ersten Fahrgäste die Raumfähre über den Steg verließen. Ich erkannte zwischen Angehörigen der Zetschn’cha und den Schimpansen artigen Sremsen ebenfalls zwei Menschen.
„Ich würde viel lieber erkunden, wohin die Fähre fliegt“, antwortete ich ebenfalls telepathisch und ging bereits langsam auf die uns entgegenkommenden Passagiere zu, die sich auf dem Weg zur Stadt befanden.
„Du wirst nicht an Bord gelassen werden. Sehr wahrscheinlich benötigt man dazu ein Ticket und das haben wir nicht.“
Alethea hatte wahrscheinlich recht. Aber irgendetwas sagte mir, dass unser Ziel nicht die Stadt sei, sondern die Raumfähre.
„Wir werden sehen!“
Mittlerweile hatten uns die ersten Zetschn’cha in ihrer bunten Kleidung erreicht und gingen an uns vorbei, ohne sich an unserer Gegenwart zu stören.
Ich nahm an, dass sie Alethea und mich für Stadtbewohner hielten, die auf dem Weg zur Fähre waren, um mit ihr zu fliegen.
Der Himmel über uns wurde von hellen Blitzen erleuchtet, als wir den Steg zur Fähre erreichten.
Plötzlich stand ich den beiden Menschen gegenüber, die ich bereits vorher bemerkt hatte. Sie waren sehr einfach gekleidet.
Sie waren bekleidet mit einer grauen, einfach gearbeiteten Jacke aus groben Leinen in blauer Färbung. Darunter trugen sie jeweils ein geschnürtes Hemd und eine Knickerbockerhose in Anthrazit. Sie schauten uns genauso erstaunt an wie wir sie und gingen grußlos an uns vorbei.
Ich blickte ihnen kurz nach und bemerkte tatsächlich, dass sie barfuß liefen.
„Willkommen, willkommen ehrenwerte Passagiere. Bitte tretet in die magische Gondel ein. Wir starten sofort.“
Ein Sremsen in einem weißen Uniformrock stand direkt am Eingang der Weltraumfähre und begrüßte uns mit einer einladenden Geste.
Die etwas zu klein geratene Mütze auf seinem behaarten Schädel rutschte bei jeder kleinsten Bewegung hin und her.
Da dieses affenähnliche Volk sich ständig in einer schaukelnden Bewegung befand, schien die Uniformmütze eine Art Eigenleben entwickelt zu haben. Ich erwartete jeden Augenblick, dass sie herunterfiel, was aber erstaunlicherweise nicht geschah. Alethea und ich gingen an ihm vorbei, ohne nach einem Ticket oder einer anderen Berechtigung gefragt worden zu sein.
Ich atmete auf.
„Meine verehrten Herrschaften, der Flug zur Hemisphäre, dem Zentrum der Magie, wird acht Stunden und zwanzig Minuten betragen.“
Ich blickte dem Sremsen an, der uns jetzt entgegenkam und anscheinend die Aufgaben eines Stuarts wahrnahm.
„Sie können sich in unserem Aufenthaltsraum gemütlich machen. Getränke und ein kleiner Snack stehen bereit, natürlich gegen einen kleinen Obolus, sie werden das gewiss verstehen, schließlich ist die Fahrt gänzlich kostenlos.“
Er schaute Alethea und mich prüfend an, dabei schien er uns regelrecht zu taxieren.
„Natürlich gibt es ebenfalls die Möglichkeit, sich während des Fluges in eine der Passagierkabinen zurückzuziehen. Die IZUB ist auf ihrer Route zur Hemisphäre meist nur mit wenigen Fahrgästen belegt, sodass sie die freie Auswahl haben!“
Er deutete an die Seiten des vor uns liegenden Korridors. Dort reihte sich Tür an Tür.
„Lass uns die Möglichkeit nutzen und etwas ausruhen“, sagte ich telepathisch zu Alethea.
„Ja, wir nehmen diese Kabine“, ich deutete auf die Zweite von links, einfach so.
„Eine gute Wahl, mein Herr!“
Wir folgten dem Stuart, der jetzt die Tür öffnete und zur Seite trat, um uns vorbeizulassen.
„Bitte sehr. Sollten Sie doch Hunger und Durst verspüren, so sprechen Sie laut und deutlich „Service“ aus und ich werde zu Ihnen kommen!“
Die Kabine bestand aus einem einzigen Raum.
Was mir aber sofort ins Auge stach, war die gegenüberliegende Wand, oder besser gesagt, die Aussicht, die sie vermittelte.
Die Wand bestand nämlich gänzlich aus einem Fenster und zeigte jetzt den Start der Fähre. Alethea und ich bemerkten nicht, wie die Tür geschlossen wurde, sondern beobachteten, wie die Raumfähre in das Dunkel des Weltraums eintauchte.
Vor der Fensterwand stand ein sehr großes Bett mit dem Kopfteil zum Fenster. Es nahm fast zwei Drittel der gesamten Kabinenfläche ein.
„Na, wenn das keine Einladung ist“, sagte Alethea und lächelte mich an.
„Einladung zum Ausruhen und Nachdenken“, entgegnete ich und setzte mich auf den Bettrand.
„Was haben wir bisher herausgefunden und was wollen wir eigentlich wirklich?“
Ich hatte die Frage laut ausgesprochen.
„Hast du das wirklich schon vergessen? Magie und Zauberei in deinem Sonnensystem, mein langer Schlaf und die Maschinerie, dieses Konstrukt auf einer der Supererden, das verschwand, nachdem zwei Schiffe der Zetschn’cha dort erschienen sind. Dann die Attentatsversuche auf dich, Paurusa!“
Alethea setzte sich neben mich und schaute mir in die Augen. Es war ein angenehmes Gefühl, sie so nahe neben mir zu spüren.
„Ich weiß, ich weiß. Mir ist aufgefallen, dass der ‚Ring der Srem‘ in der Stadt des Affengottes eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Teil der Artenfakten-Stadt hatte. Die Technologie, die ich dort gesehen habe, wies ebenfalls die gleiche geschnörkelte, orientalische Art auf, wie auf der Supererde, und sie klomm genauso in einem rötlichen Schein!“
„Du vermisst deine Freunde, Amanda, Sir Arthur, Selin, Mark! Du vermisst die alte Zeit. Ich spüre es, auch ohne, dass ich in deinen Gedanken schauen muss!“
Alethea nahm meine Hände in die ihre. Sie hatte recht. Diese Welt, dieses Jahrhundert war nicht wirklich mehr meine Welt.
Meine Emotionen vollführten Purzelbäume und ich konnte mich noch nicht einmal richtig auf ihre Zärtlichkeit konzentrieren, als sie mich in den Arm nahm und küsste.
Irgendwie war alles verkehrt und das fing bereits mit meinem Körper an, der auch nicht mehr mein richtiger Körper war.
Verdammt, es fehlte jetzt wirklich noch, dass ich in eine Depression fiel und nicht mehr herauskam.
Mein Unterbewusstsein schwieg ebenfalls, jetzt wo ich es hätte am meisten brauchen können.
Meine Situation war so unnatürlich, wie noch niemals zuvor in meinem Leben.
Mein Leben, eine große Absurdität des Daseins. Ich musste unwillkürlich grinsen und an Calgulla, den Mellraner und neuen Chef der MBF-Organisation denken.
Er würde sagen: „Die einzige Möglichkeit, trotz der Absurdität des Daseins, als Mensch Bestand zu haben, liegt im „existenziellen Sprung. Man kann ihn nicht genau definieren, jedenfalls muss man einfach „Weitermachen“, einfach „Durchstarten“ und sich damit zur Wehr setzen.“ Genau das hatte ich jetzt vor.
Magier Sol’altoo konnte es nicht fassen. Dieser nichtsnutzige, stinkende Pfuhl von Exkrementen. Er ließ seinen Zorn freien Lauf.
Zwei Sremsen, die sich ihm unterwürfig näherten, bekamen seinen Zauberstab zu spüren. Helle Blitze, gefolgt von einem sehr grellen Sirenenton, schossen auf sie nieder und geißelten ihre blank liegenden Nervenstränge.
Sie schrien gepeinigt auf, um gerade dadurch nochmals den Zorn des Magiers zu steigern.
„Nichtsnutziges Pack, allesamt!“
Ein wahrhaft gigantischer Sturm tobte jetzt auf die ergebenen Diener hernieder und ließ sie wie welkes Laub durch den Gewölbekomplex, der sein Machtrefugium war und gleichzeitig der Regierungssitz des Tyrannen, davonwirbeln.
Seine tausendjährige Planung, die das magische Konstrukt betraf, war nicht nur in Gefahr, sondern ebenso seine Herrschaft über das Zetschn’cha Universum.
Er wollte nach den Sternen der Gegenwart und der Zukunft greifen, wollte ein neues, strahlendes Zeitalter der Macht und der Magie erschaffen. Und jetzt das Versagen seiner Untergebenen.
Sol’altoo blickte böse auf seine Diener, die mit gebeugten Köpfen, die fast schon den Boden berührten, wieder unterwürfig auf ihn zu rutschten.
Sie bekamen seinen Zorn zu spüren, den eigentlich Magister Brettledbredt abbekommen sollte.
Der tyrannische Magier Sol’altoo hatte vor etwa 1000 Jahren die Artefakten-Stadt auf eine der beiden Supererden gebracht.
Mit der Maschinerie des magischen Konstrukts sollte das Erdsystem von den übrigen Weiten des Weltalls abgekapselt werden und so ein Bestandteil des Zetschn’cha Universums werden.
Dieses lag eingebettet in einer sogenannten energetischen Halbwelt, die durch Magie gefestigt wurde. Sol’altoo wurde von Magister Brettledbredt, dessen besondere Künste darin lagen, dass er zukünftige Ereignisse voraussagen konnte, informiert, dass ihre Welt in Gefahr geraten würde.
Ein gewisser Paurusa, ein Mensch der Erde, würde in ihre Hemisphäre eindringen und ihn zu stürzen versuchen. Der tyrannische Magier Sol’altoo musste dies unbedingt verhindern und befahl Paurusa zu töten. Mehrere Attentatsversuche misslangen.
Auch die Maschinerie des magischen Konstrukts brachte nicht das erwartete Ergebnis, sodass Sol’altoo die Artefakten-Stadt wieder abzog.
Er ließ jedoch das kleinere Abbild ihrer selbst, welches sich in der magischen Stadt, der sogenannten Stadt des Affengottes auf dem Planeten Erde befand, weiterhin als Verbindungspforte zu der Welt der Zetschn’cha bestehen, was Sigurd erst die Möglichkeit gab, hinüberzuwechseln, in das Universum der Mager.
„Bringt sofort Magister Brettledbredt zu mir!“
Mit einem Tritt verscheuchte er die beiden Sremsen. Es dauerte tatsächlich noch eine geschlagene Viertelstunde, bis zwei Diener mit Magister Brettledbredt in ihrer Mitte den Herrschersaal betraten.
Sol’altoo sprang von dem thronähnlichen Sitz auf, als er ihn gewahrte.
Mit einem kurzen ‚Promov‘- Zauberspruch riss er Brettledbredt regelrecht von den Dienern weg zu ihm hin. Bevor Brettledbredt überhaupt in der Lage war, zu reagieren oder auch nur ein Wort zu sagen, schrie er ihn wutschnaubend an: „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, sprich du Wurm!“
Magister Brettledbredt stand vor dem Tyrannen Sol’altoo und japste nach Luft. Er wusste, er musste sehr vorsichtig sein, ansonsten würde er sich als Steinfigur wiederfinden, wie so mancher Diener es bereits erfahren musste.
Sol’altoo hatte den Zauber dermaßen perfektioniert, dass es lediglich ein bestimmtes Wort zischen musste, und es war um das Opfer geschehen.
Es gab keinen Gegenzauber, erst recht nicht in der kurzen Zeit, die dem Opfer verblieb und Magister Brettledbredt hatte von niemanden gehört, der diesem Zauber jemals wieder entkommen war.
„Oberster Meister, es ist mir selbst absolut unverständlich, dass dieses Wesen, das Paurusa genannt wird, einfach so verschwunden ist. Selbst die Mantik lässt mich nur ein verschwommenes Bild erkennen. Ich spüre aber immer noch eine drohende Gefahr auf die Hemisphäre zukommen. Ich bitte dich um Nachsicht. Lass mich das Mutal-Ritual ausführen. Es ist nicht ganz ungefährlich, aber ich sehe sonst keine andere Möglichkeit mehr, einen Einblick in die Zukunftsentwicklung zu erlangen. Außerdem lässt die Macht des Rituals ebenfalls zu, aktiv die zukünftigen Ereignisse zu beeinflussen.“
Magister Brettledbredt stand immer noch mit tief gesenktem Haupt vor dem Tyrannen.
Dieser schien tatsächlich nachdenklich geworden zu sein. Die Zeit verstrich gefährlich langsam und Brettledbredt vergaß fast, zu atmen.
„Ja, das Mutal-Ritual! Ich sehe, du verkennst die Gefährlichkeit der Lage nicht. Ich gebe dir eine letzte Chance und erwarte deine Erfolgsmeldung in einem halben Tag. Du kannst gehen!“
Magier Sol’altoo ließ ihn einfach stehen und verließ mit kurzen, aber schnellen Schritten den Raum. Magister Brettledbredt hob langsam den Kopf und holte tief Luft.
War es richtig gewesen, das Ritual anzusprechen? Schließlich war es sein Leben, das er damit aufs Spiel setzte.
Andererseits hatte die Alternative, als Steinfigur zu enden, ebenfalls nichts Erstrebenswertes an sich gehabt.
Er beeilte sich, den Raum schnellstmöglich zu verlassen.
Zurück in seinem Refugium atmete Brettledbredt auf. Hier in diesem Teil der Hemisphäre war er der Herr, jedenfalls konnte er hier tun und lassen, was er wollte. Niemand sprach ihm dazwischen.
Er besaß eine große Anzahl an Mitarbeitern und eine Schar Diener, die er zum größten Teil als seine persönliche Wachmannschaft ausgebildet und auf sich eingeschworen hatte.
Er war sogar so weit gegangen, dass seine engsten Vertrauten über Alraunen verfügten, mit denen es möglich war, Zauberei anzuwenden.
Natürlich wusste er genau, dass es strengstens verboten war, außer den offiziellen Zauberlehrlingen anderen Personen Magie und Zauberei zu lehren.
Er hatte sich über diese Regel hinweggesetzt, als er das erste Mal von einem anderen Zauberer massiv bedroht worden war.
Es gab seit einiger Zeit immer wieder Rängekämpfe unter den Magiern.
Sie wurden von Magier Sol’altoo sogar noch gefördert, wie es selbst am eigenen Leib hatte erfahren müssen.
Es konnte über sein Leben entscheiden, ob ihm im richtigen Moment ein Diener, der auf ihn eingeschworen war, mit der Kraft der Magie zur Seite stand oder nicht.
Brettledbredt hatte sich zu seinem alten Lehnstuhlsesel begeben und ihn an das offene Kaminfeuer gedreht, bevor er sich hineinsetzte.
Das Mutal-Ritual, ein in tiefster Vergangenheit von einem wahren Meister der Zauberkunst heraufbeschworener Ritus, der es dem Anwender ermöglichte, für einen gewissen Zeitraum tatsächlich in die Zukunft zu blicken und Kraft seines Geistes sogar dort Änderungen vorzunehmen.
Das Ritual verlangte, dass eine vorher ausgesuchte Zeitphase im Zeremoniell durch bestimmte Wortformeln initiiert wurde.
Es bedurfte einer wirklich hohen Konzentration von magischer Energie und es war Magister Brettledbredt bisher nur einmal gelungen, das Mutal-Ritual vollständig durchzuführen.
Seitdem trug er noch immer eine gehörige Menge Restenergie in seinem Körper, die sich als Nimbus auf seiner Haut widerspiegelte.
Er musste vorsichtig handeln, denn damit war er bereits stark vorbelastet und es konnte schnell geschehen, dass er sich in der Zeit verlor.
Mit magischer Zeitenergie spielt man nicht, das wurde bereits im ersten Lehrjahr jedem Zauberlehrling eines Magisterdezenniums beigebracht.
Magister Brettledbredt meditierte nunmehr bereits vier Stunden vor den magischen Flammen des Kaminfeuers.
Diese Zeitspanne sollte seinen Geist nun mehr als genug von unnötigem Ballast gereinigt haben. Der Tyrann Sol’altoo erwartete seine Erfolgsmeldung.
Was er damit genau gemeint hatte, war ihm zwar nicht so ganz klar, aber es galt ein anscheinend mächtiges Wesen, das sich selbst als Paurusa bezeichnete, dingfest zu machen.
Dieses Wesen, das aussah wie ein menschlicher Zauberdruide, kam aus dem realen Universum, von einem Planetensystem, das Magier Sol’altoo hatte in sein Reich eingliedern wollen. Es befand auf dem Weg in die energetische Halbwelt, dem Universum der Zetschn’cha und musste gestoppt werden.
Magister Brettledbredt stand auf und ging in die Mitte seines Arbeitszimmers. Zuvor hatte er seine Diener strengstens angewiesen, ihn nicht zu stören.
Das Mutal-Ritual verlangte eine totale Hingabe und sein Körper durfte dabei von keiner Materie berührt werden.
Brettledbredt schwang sich in die Luft, nachdem er sich entkleidet hatte, und richtete seinen Körper dabei horizontal aus. Er schwebte in einem Meter Höhe im Raum und murmelte dabei sehr alte Zaubersprüche.
Der immer noch an seinem Körper vorhandene Nimbus reagierte sofort und verstärkte das Mutal-Ritual um das Zehnfache seiner normalen Werte.
Magister Brettledbredts physischer Körper wurde spontan aus der Gegenwartsstasis gerissen und vollzog den Übergang in ein zukünftiges Zeitniveau.
Anstatt lediglich als spirituelle Einheit zu rematerialisieren, erschien er mit seinem vollständigen Körper inmitten einer schreienden Heerschar von Sremsen.
Als sein Körper auf dem Boden aufschlug, und zwei Diener über ihn stolperten, erwachte Brettledbredt aus seiner Trance. Verwirrt versuchte er aufzustehen.
Dabei erkannte er Susb’l, einen seiner eigenen Diener, der lautstark versuchte, mit den anderen wütenden Dienern, auf einen Zauberer einzustürmen.
Es war tatsächlich der Tyrann Sol’altoo, der das Ziel ihres Zornes darstellte.
Immer wieder verwandelte sich ein weiterer Diener, unter Beibehaltung seiner zuletzt eingenommen Körperhaltung, in eine Steinfigur.
