Angst & Liebe - mayanan pramada - E-Book

Angst & Liebe E-Book

mayanan pramada

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Beschreibung

mayanan pramada wurde 1981 als Tochter einer Chemiefacharbeiterin und eines Maurers in Naumburg an der Saale geboren. Ihre Eltern gaben ihr den Namen Melanie Köbke. Ihre Kindheit und Jugend waren vorrangig geprägt von Angst und einer starken Sehnsucht nach Liebe. Nachdem sie das Abitur mit 1 abgeschlossen hatte, ging sie für eine Krankenschwester-Ausbildung nach Frankfurt am Main, die sie jedoch wegen eines Bandscheibenvorfalls im Alter von 19 Jahren vorzeitig abbrechen musste. Sie wechselte somit im Jahr 2001 - im selben Jahr starb ihre Großmutter, kurz darauf geriet sie in eine 9monatige Wohnungslosigkeit - in die IT-Branche, schloss 2004 eine Ausbildung zur IT-Systemkauffrau mit Auszeichnung ab und begann im Anschluss ein Studium an der FH Wiesbaden. Im selben Jahr wendete sie sich aufgrund ihres seelischen Leides an eine große Tageszeitung mit dem Ziel, eine Selbsthilfegruppe für Betroffene mit »Borderline« zu gründen. Sie war damit erfolgreich und die Selbsthilfegruppe existierte zwei Jahre. 2005, nach drei Semestern an der FH, erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch, ein Jahr darauf entkam sie nur knapp dem Freitod, verbrachte zwölf Wochen in einer Psychiatrie und war danach erneut für sechs Monate wohnungslos. Diese gravierenden Erfahrungen beeinflussten ihr Innenleben maßgeblich. Sie legte ihren Geburtsnamen ab, ließ Wiesbaden und viele ihrer Freunde hinter sich und widmete sich mehrere Jahre der Aufarbeitung ihrer traumatischen Kindheit und Jugend. Seit dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2010 - im selben Jahr schloss sie auch erfolgreich eine Umschulung zur Digitaldruckerin ab - gibt sie sich voll und ganz ihrer Berufung hin: dem Schreiben, dem Mitteilen ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse, dem Heilen mit Worten. Dieses Buch ist ihre Lebensgeschichte, erzählt mit über 200 Schwarz-Weiß-Photos und Zeichnungen, über 70 Gedichten und mehr als 320 Originalauszügen aus ihren Tagebüchern, die sie im Alter von elf Jahren zu schreiben begann. Es ist das schonungslose Zeugnis eines Menschen, der nahezu zwei Jahrzehnte auf der Suche nach sich selbst war - sich dabei fast verlor - doch dadurch letztlich zu sich selbst finden durfte. Es ist nicht einfach nur die Geschichte einer »Borderline-Persönlichkeit«. Es ist die Schilderung dessen, was Leben ist: intensiv, unvorhersehbar, komplex, gewaltig, unbeugsam, kraftvoll, mutig, mystisch ... ein einmaliges und wertvolles Geschenk.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2013

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mayanan pramada

Angst & Liebe

Wie das Leben einen Menschen formt

mayanan pramada

Angst & Liebe

Wie das Leben einen Menschen formt

Meine Reise ins Leben begann mit einer Reise in die abgründige Dunkelheit meines Ichs, getrieben von einer starken Sehnsucht nach dem Tod, von einer unbändigen Sucht nach der Auflösung dieses menschlichen Ichs, das ich glaubte, sein zu müssen.

Ich fürchtete mich davor, irgendwann am Ende meiner Reise zu erkennen, dass dieses Ich entweder nicht existiert oder ein Monster ist.

Als ich dann nach 25 Jahren die dunkelste Düsternis in mir selbst erreicht hatte, erkannte ich plötzlich, dass dort tatsächlich kein Ich ist. Ich fürchtete mich jedoch nicht, denn an seiner Stelle war kein Monster, sondern Licht.

Viele Jahre fürchtete ich mich vor der Welt und dem Leben. Heute weiß ich, ich fürchtete mich vor mir selbst - vor dem leuchtenden Leben im kleinen leuchtenden Universum, geführt von einem leuchtenden Gottesfunke, der ich bin.

Ich fürchtete mich vor der Liebe zu mir selbst. Ich fürchtete mich davor, dem Leben nicht würdig zu sein.

Ich weiß, dass meine Lebensgeschichte in seinen groben Zügen der vieler anderer Lebensgeschichten gleicht. Aber trotzdem – oder gerade deswegen – will ich sie detailreich erzählen.

Ich liebe das Leben und seine vielen Milliarden Geschichten, die wie viele Milliarden Fäden das eine große Gemälde aller Schöpfung gemeinsam flechten.

Meine Geschichte ist die Geschichte eines Fadens unter vielen. Er berührte andere Fäden und wurde ebenso von vielen anderen Fäden berührt. So wird es auch immer bleiben.

Denn wir alle sind unsterblich und ewiglich miteinander verbunden.

für meine geliebte Mutter († 2010)

und meine geliebte Großmutter († 2001)

© 2013 mayanan pramada

Umschlaggestaltung: Melanie Köbke Satz: Melanie Köbke Lektorat, Korrektorat: Ilona Stahl, Melanie Köbke

Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN: 978-3-8495-0184-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Ich sage Danke

0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

6 – 10 Jahre / Grundschulzeit

10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Krieg

Gottes Meisterstück

15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Wir

Das Nichts

Ich sah es

Bizarr

Verschlossene Tore

Maskenträger

Zwei Sekunden

Mahnung

Sommernacht

Stille

ICH

Abschiedsbrief

Sein

Sommertagsträume

Ruhelos

18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

Einsame Trauertränen

Leer

Heimweh

Die Pusteblume

EKSTASE

Grenzgänger

Ichverzicht

Doch ich …

20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Oma

Was ist Liebe ?

Glas

Wohin

Kelch der Leidenschaft

Am Ende

Eine Leinwand und zwei Farben

hand an mich gelegt

Durchgeknallt

ich bin

nicht meine schuld

unfürsorglich

Wenn ich … bin

Alles gelogen

Akutchaos

hier und gleich

Hilferuf

Welt sein

in der leere

Zeitlos

schweigen fühlen

Weg(ent)scheid

gejagt

KIND

meine schreie

Die gezählten Minuten

Wahnsinn oder Wahrheit?

24 – 26 Jahre / Auszeit

nächte mit mutter

unfähig

erbstücke

gefängnis

nicht so

abgelegt

fremd mitleben

kopflos

unterm zirkuszelt

alles legal

nur show

ein versuch

schiffbruch

kriegsopfer

26 – 31 Jahre / Heilzeit

ich bin liebe

eckige herzen

der erste blickkontakt

Danke für diese Chance

Wer bist du?

vorgefertigt

frohes fest

mutters liebe

morgen-symphonie

verwundeter baum

spiegelung

leben

trauertraum

lebensträume

angeboren

ver(w)irrt

träumende und erträumtes

Anhang 1

Gefallene Engel

Jesus und Cosma

Der Schmerz der Suizidalität

Leben auf dem NEUEN WEG

Ode an meine Freunde, die mir Familie sind

Ich bin nicht mein Körper

Nach Hause gehen

Gern möchte ich dir etwas über »Vergebung« erzählen

Anhang 2

Fügungen des Lebens

Der rote Faden

Warum du durch deinen eigenen Schmerz musst

Warum Liebe wehtut

Die Wahrheiten des Lebens

Du bist dran

Perfekt

Wenn ich in diesem Buch das Wort »Gott« verwende, meine ich damit nicht den Gott in den Kirchen bzw. die Götter der von Menschen konstruierten Religionen.

Das Wort »Gott« dient mir als Synonym für die »geheimnisvolle, zeitlose, ordnende Energie hinter all dem Sicht- und Hörbaren unserer irdischen Realität«; eine bewusste Energie, die immerwährend alles durchströmt, formt und lenkt.

Einige mir wichtige Menschen, Momente und Ereignisse sind in diesem Buch nicht erwähnt. Das liegt zum Einen daran, weil mir viele Photos und genaue Erinnerungen verloren gegangen sind und zum Anderen, weil ich die Seitenzahl dieses Buches begrenzen wollte.

Ihr, all meine vielen lieben unerwähnten Wegbegleiter, könnt euch trotzdem sicher sein, dass ihr für immer einen festen Platz in meinem Herzen habt, denn ihr habt mich berührt und damit meinen Lebensweg beeinflusst.

Wenn nur eine Begegnung mit einem von euch nicht stattgefunden hätte, würde es heute dieses Buch in dieser Art und Weise vielleicht nicht geben.

Ich sage Danke

Geliebtes Leben,

ich danke dir.

Ich danke meinen Eltern.

Ich danke meinen Großeltern.

Ich danke den Eltern meiner Großeltern.

Ich danke den Eltern der Eltern meiner Großeltern.

Ich danke den Eltern der Eltern der Eltern meiner Großeltern.

Ich danke euch

für mein Leben.

Ich danke meinen Freunden, die mich lieben.

Ich danke meinen Freunden, die ich liebe.

Ich danke meinen Freunden, die mich verließen.

Ich danke meinen Freunden, die ich verließ.

Ich danke meinen Lehrern, die mich förderten.

Ich danke meinen Lehrern, die mich forderten.

Ich danke meinen Lehrern, die an mich glaubten.

Ich danke meinen Lehrern, die nicht an mich glaubten.

Ich danke all meinen Wegbegleitern, die mich ermutigten.

Ich danke all meinen Wegbegleitern, die mich entmutigten.

Ich danke euch,

dass ich werden durfte,

wer ich heute bin.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich empfing.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich nicht gehen ließ.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich immer wieder empfängt.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich belebt.

Ich danke

dem Leben in mir.

Ich danke dem Mut, der mich trägt.

Ich danke dem Zweifel, der mich lenkt.

Ich danke den Visionen, die mich stärken.

Ich danke den Ängsten, die mich schützen.

Ich danke den Erinnerungen, die mich lehren.

Ich danke der Freude, die mich lockt.

Ich danke der Liebe, die mich führt.

Ich danke jedem Tag, der mich begrüßt.

Ich sage heute

… an meinem 30. Geburtstag …

–DANKE–

Danke, dass ich dich erleben darf.

Danke, dass ich mich erleben darf.

Danke für bereits fast 11.000 gelebte Tage.

Danke, dass ich lebe.

Ich bin da – bleibe da – und werde nie vergehen

dank mir und allen Wesen und Welten,

die mich unterstützen,

lehren und führen.

DANKE!

(veröffentlicht auf http://seelenwissen.wordpress.com am 09.03.2011)

Kummer und Probleme sind darauf zurückzuführen, dass man mit dem, was Gott gefügt hat, nicht zufrieden ist. Wenn man sich Gott unterwirft, dann ist man glücklich.

Da alles, was ist, nach meinem Wunsch geschieht, tue ich nichts, was meinem Verlangen widerspricht; so geschieht mir kein Leid. Zweifellos geschieht alles nach Gottes Willen, und ich habe meinen eigenen Willen aufgegeben, da ich wünsche, dass Gottes Wille geschehe. So wird mein Wille zu Gottes Willen, denn von mir bleibt nichts. Alles geschieht nach Seinem Willen, und doch auch nach meinem.

In diesem Fall bin ich sehr glücklich.

Baha’ u’ llah

0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

In meinem ursprünglichen Zustand der Einheit und Ganzheit wusste ich nicht einmal, dass ich existiere. Und eines Tages sagte man mir, ich sei »geboren« worden, ein bestimmter Körper sei »ich« und ein bestimmtes Paar seien meine Eltern.

Ramesh S. Balsekar

Mitte der 70er Jahre lernten sich ein Junge und ein Mädchen – beide etwa 14jährig – in einem Lebensmittelgeschäft kennen und verliebten sich ineinander. 1980 heirateten sie – mit großen Plänen und hoffnungsvollen Träumen im Gepäck.

Das waren meine wundervollen Eltern Evelin Christiane Geißler und Lutz Martin Köbke.

Ich war zum Zeitpunkt ihrer Vermählung bereits im Bauch meiner Mama mit dabei.

Am Montag, den 09.03.1981, um 00:10 Uhr wurde ich in Naumburg an der Saale im schönen Burgenland in Sachsen-Anhalt geboren. Meine Mutter war an diesem Tag hoffnungsvolle 20 Jahre jung, mein Vater 22. Ich war ein Wunschkind von Herzen für beide.

Meine Eltern gaben mir den Namen Melanie. – Er bedeutet »die Dunkle«, »die Schwarze«, »die abseits Stehende«, »die Beobachtende«, »die Nachdenkliche«, »die Melancholische« und weist damit auf das »düstere nachdenkliche Wesen« der Namensträgerin hin. – Es war der perfekte Name für meine persönliche »Reise ins Leben«!

Mit der Vergabe meines Namens, aber vor allem durch meinen festen Geburtszeitpunkt (als meine Seele im Körper inkarnierte) – davon bin ich überzeugt – war das grundlegende Muster meines zukünftigen Menschseins (mein Denken / Fühlen / Verhalten / Stärken & Schwächen / Fähigkeiten & Talente / Aufgaben im Leben) festgelegt.

Niemand von uns ist zufällig und ohne Sinn (ohne »Aufgabe/Auftrag«) auf der Welt. Wir sind – ebenso wie die Erde, die Galaxis, das Universum – durch und durch strukturierte und organisierte Energie, die wir als »materiell« und mit einem »Ich« ausgestattet erleben.

Unsere »Aufgabe« / unseren »Auftrag« müssen wir nicht unbedingt verstehen oder formulieren können. Wichtig ist, dass wir im Laufe unseres Lebens erkennen, wer und wie wir wirklich sind (unsere »Stärken« fördern) – dass wir lernen, uns zu lieben (unsere »Schwächen« annehmen und zu handhaben wissen) – dass wir lernen, uns so zu leben, wie wir nun einmal sind und sein wollen! Dann sind wir in unserer Kraft, in unserer Mitte, in unserem Element, in unserem »Auftrag«. – Dann nehmen wir bewusst und aktiv an »Gottes phänomenal gigantischem Meisterwerk« teil.

Im Indianischen Horoskop bin ich ein »Puma«. Im Chinesischen Horoskop bin ich ein »Hahn«. In der Astrologie bin ich ein »Fisch« mit Aszendent »Skorpion«. Im Human Design System bin ich ein »Projektor«, habe das Profil »2/4«, meine Innere Autorität ist »Emotional – Solar Plexus« und mein Inkarnationskreuz lautet »Das rechte Kreuz des Regierens«. In all diesen Horoskopen finde ich die mir sehr wichtigen und liebgewonnenen (»starken« und »schwachen«) Eigenschaften meines Wesens wieder.

Laufen – auf zwei Beinen aufrecht durchs Leben gehen – wollte früh geübt sein. Ich hatte es damit (mit vielem) sehr eilig, wie mir meine Mutter später einmal erzählte.

Auch mein Papa war da und stützte mich während meiner ersten Schritte in dieser großen neuen Welt, die es kennenzulernen, zu studieren, zu verstehen und – letztlich – zu lieben galt.

Meine Eltern arbeiteten viel. So war ich – ein Kind, das sehr an Mama und Papa hing – oft bei meinen Großeltern (oben im Photo mit meiner Oma väterlicherseits). Als ich erst ein halbes Jahr alt war, musste ich bereits in die Kinderkrippe.

Meine Mutter schrieb mir vor vielen Jahren in einem Brief, dass sie auf Arbeit oft weinend an den Maschinen stand, während ich in der Kinderkrippe war. Mich dort jeden Tag abgeben zu müssen, weil sie arbeiten, Geld verdienen und die Familie ernähren musste, quälte sie sehr. Jedes Mal, wenn sie mich dort allein zurückließ, schrie ich, was es ihr noch schwerer machte. Mit den anderen, fremden Kindern und Erwachsenen wollte ich nicht zusammen sein. Sie konnten Mama nicht ersetzen.

Meine fleißigen, jungen Eltern mit ihrer größten Freude, ihrem gemeinsamen Glück: ihrer klugen und aufgeweckten Tochter.

Mein Vater, Hauptschulabschluss, war gelernter Maurer, arbeitete jedoch als Kurierfahrer (auch ins östliche Ausland) und war für die FDJ sehr aktiv.

Meine Mutter, Hauptschulabschluss, hatte in den Leuna-Werken Chemiefacharbeiterin gelernt und arbeitete im Schichtsystem in der Metall-Verarbeitung.

Ich soll ein lebhaftes Kind gewesen sein – ein kleiner, wilder Feger mit vielen Fragen, die zum Vorschein kamen, je mehr Worte ich lernte. Viele Erinnerungen habe ich an diese Zeit meines Lebens leider nicht. Ich weiß aber: Ich lernte früh und schon immer gern und schnell.

Hier bin ich mit meiner Mama und meiner Lieblingspuppe.

Diese Puppe war etwas ganz Besonderes für mich, denn sie konnte ihre Augen öffnen und schließen, was mich total fasziniert hatte. – Im Gegensatz zu anderen Puppen, bei denen die Augen nur aufgemalt waren und man sie sogar wegkratzen konnte. – Es soll ein Riesendrama gewesen sein (aber nicht so schlimm wie mit meinen Unmengen an Schnullern), als diese Puppe kaputt ging und weggeworfen wurde.

An der Seite meiner wunderschönen, jungen Mutter – eines meiner Lieblingsbilder.

Zu dieser Zeit hielten mich alle Menschen für einen Buben, was mich nicht sonderlich störte, da ich mit Mädchen eh nicht gut zurecht kam. Ich spielte (bis zum Ende der Grundschule) lieber mit Jungs, denn die waren irgendwie nicht so kompliziert wie Mädchen. Zumindest war so mein damaliges Empfinden.

Fasching im Kindergarten. Die Kostüme für mich (auch später für meinen Bruder) hatte meine Mutter jedes Jahr immer selbst genäht, oft bis tief in die Nacht.

Im Kindergarten schon war ich ein Außenseiter. Nicht, weil ich es unbedingt wollte, sondern weil die Bedingungen meines Zuhauses dies mit sich brachten:

Ich wurde oft morgens als erstes Kind abgegeben und abends als letztes Kind wieder abgeholt, manchmal so spät, dass ich glaubte, meine Familie hätte mich vergessen.

Ich wurde etliche Male ungewaschen und mit Läusen in den Haaren im Kindergarten abgegeben. Dann sonderten mich die Erzieher von der Gruppe ab und wuschen und entlausten mich auf grobe Weise.

Auch war ich oft krank, hatte viele Kinderkrankheiten, Asthma, oft Angina und Bronchitis und litt regelmäßig an anderen körperlichen Beschwerden, wie z.B. Bauchschmerzen, Nasenbluten, Verstopfung, Übelkeit und Erbrechen, wodurch ich dann wiederum von den anderen Kindern abgetrennt wurde bzw. eine Sonderbehandlung erhielt.

Ich konnte mittags nicht schlafen, wenn wir alle Mittagschlaf halten sollten, also stellten die Erzieher genervt meine Liege in ein anderes Zimmer, wo ich dann auch allein war.

Zu Ostern, wenn wir im Wald unsere Osterkörbchen suchten, fehlte meines manchmal. Zu Weihnachten, wenn alle Kinder Geschenke in ihren Spinten vorfanden, waren ein Mal Kohle und Rute in meinem, obwohl ich wusste, dass ich ein »braves« Kind gewesen war.

Ich weiß bis heute nicht, warum dies alles so geschehen ist, und das spielt auch keine Rolle mehr für mich. Wichtig ist, was es in mir bewirkte: nämlich das Gefühl, dass ich in dieser Welt unwichtig, unerwünscht, ungewollt, lästig, störend und fehl am Platz bin.

Ich war ein Bündel voller Fragen – und wie jedes Kind: sehnsüchtig nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit!

Ich liebe dieses Bild; es ist besonders, denn die Nähe zu meiner Mutter – eine Nähe, an die ich mich gar nicht mehr erinnern kann – wurde schon bald radikal zerstört.

1986, ich war fünf Jahre alt, wurde mir ein Brüderchen geschenkt. Seinen Namen Sebastian erhielt er von mir – darauf war ich mächtig stolz. Ich liebte ihn für immer gleich auf den ersten Blick.

Ende des Jahres 1987 schon verließ uns leider unser Vater. – Und damit brach die Tragik in voller Gewalt über mein (unser) Leben herein, da es für unsere noch sehr junge Mutter unmöglich war, den Verlust ihrer großen Liebe – und ihre Wut, allein gelassen worden zu sein – zu bewältigen, ohne dabei ihren Kindern psychischen und körperlichen Schaden zuzufügen.

Für ein Kind ist seine Familie / seine Umgebung die ganze Welt. Daraus entwickelt es seinen Blick auf die Welt, sein Verstehen der Welt und seine Position in der Welt. Ich erfuhr ab diesem Zeitpunkt, dass die (ganze) Welt gefährlich, bedrohlich, gewalttätig, unberechenbar und ein Leben in ihr leidvoll ist.

6 – 10 Jahre / Grundschulzeit

Danach fing ich an, Tag für Tag weitere Informationen über »mich« zu akzeptieren und errichtete so eine Schein-Persönlichkeit, nur weil ich die Last auf mich genommen hatte, geboren worden zu sein, obwohl mir voll bewusst war, dass ich niemals diese Erfahrung, geboren zu werden, gemacht hatte und mir mein Körper ohne meine Zustimmung aufgezwungen worden war.

Ramesh S. Balsekar

1987 – Meine Einschulung. Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut.

Diese große Schultüte, das erinnere ich noch, konnte ich nur für dieses eine Photo halten, denn sie war mir eigentlich viel zu schwer. Die ganzen Süßigkeiten hat dann später, wie das jüngere Geschwister gern machen, mein kleiner Bruder genascht.

Die Schule fiel mir sehr leicht, wie im Zeugnis der 1. Klasse zu sehen ist. Das war auch gut so, denn die Schule bot mir einen sicheren Zufluchtsort vor der bedrohlichen, unberechenbaren Gewalt, der ich zuhause ausgeliefert war. In der Schule war ich »sehr gut« und ich wurde von den Lehrern oft gelobt. Diese Anerkennung in der Schule war überlebenswichtig für mich, da ich dies zuhause nicht erfuhr (obwohl ich an dieser Stelle meiner Mutter danken muss, dass sie mich immer mit Büchern versorgt hat und damit meinen Wissendurst stillen half). Während meiner ganzen Schulzeit hatte ich nie irgendjemandem erzählt, wie sehr ich zuhause litt. Ich lebte ein Doppelleben: draußen lächeln, drinnen weinen.

Die Trennung meiner Eltern verursachte, dass ich mich auch in der Schule wie eine Außenseiterin fühlte, denn ich war damals das einzige »Scheidungskind« in meiner Klasse. Für meine Oma (die Mutter meiner Mutter) war es eine Schande, dass sich ihre Tochter scheiden ließ. Diese Schande sah ich auch auf mir lasten.

Ich war in der Schule plötzlich ein Kind, dass oft nicht mehr mitreden konnte. – Ich hatte keinen Vater mehr! – Meine Familie war für die anderen Kinder »unnormal«. Dadurch war auch ich, so glaubte ich zumindest, »unnormal«. – Schon mit den einfachsten Hausaufgaben hatte ich Probleme, wie z.B. im Deutschunterricht zu schreiben, was ich in den Ferien mit meinen »Eltern« unternommen hätte. Ich hatte keine Eltern in dem Sinne mehr – und hinzu kam, dass meine Mutter (gesundheitlich und finanziell) oft nicht in der Lage war, mit uns Kindern etwas zu unternehmen.

Bereits in der Grundschule fiel mein Talent zum korrekten Schreiben und genauen Zeichnen auf. Zu meiner ersten Kurzgeschichte – sie hieß »Sahra« und handelte von einem kleinen Mädchen, das mithilfe eines fliegendes Pferdes nachts in Fantasiewelten reiste – befragte die Lehrerin meine Mutter, ob ich diese Geschichte allein, also ohne fremde Hilfe geschrieben hätte. Auch zu meiner ersten Zeichnung eines Stilllebens – die gekonnte Umsetzung der Schatten war dabei das Herausforderndste – wurde meine Mutter ebenso von der Lehrerin gefragt, ob ich dieses Bild allein gezeichnet hätte.

Schon als kleines Kind träumte ich davon, eines Tages »berühmt« zu sein und vielen Menschen etwas von mir zu zeigen. Mein erster Berufswunsch war Sängerin. Ich lernte deutsche und englische Songs auswendig und sang sie meiner Mutter in der Küche vor. Ich glaube, ich war dabei sehr hartnäckig, ein »Nein« von ihr hätte ich nicht akzeptiert. Ich freute mich und war sehr stolz, wenn sie mich lobte. Später dann wollte ich Schriftstellerin werden. Eifrig schrieb ich an meinen Märchen und Geschichten und war fest davon überzeugt, dass ich schon schreiben konnte wie eine »große Schriftstellerin«. Auch dafür musste meine Mutter herhalten, denn ich las ihr immer meine neuesten Werke vor. Manche umfassten mehrere A4-Seiten und ich muss heute lächeln und bin von Freude erfüllt, wenn ich erkenne, wie viel Geduld und Zuspruch mir meine Mutter in diesen Momenten entgegengebracht hat. – Mit etwa zehn Jahren hörte das auf. Ich sang und las meiner Mutter nichts mehr vor und ich zeigte ihr auch keine meiner Zeichnungen mehr. Ich glaubte, sie mit solchen Kinderspielchen nicht mehr belästigen zu dürfen, da sie so viele Erwachsenen-Sorgen hatte und immer depressiver wurde.

Ja, ich war gern Pionierin.

Man bezeichnete mich als redefreudig? Interessant! Ich erinnere mich, dass es mir sehr schwer fiel, während des Unterrichtes nicht mit den Kindern um mich herum zu reden. Daher hatte ich im Fach »Betragen« immer eine Zwei.

Diese erwähnte Redefreudigkeit wandelte sich aber innerhalb der nächsten Jahre in tiefes Schweigen, in Rückzug, in Unsichtbarkeit. Ich galt später auf dem Gymnasium als schüchtern, kompliziert und introvertiert.

Eine Urkunde erhielt damals in der DDR jeder Schüler, der sehr gute Leistungen erzielte. Meine Mutter platzte natürlich vor Stolz. Während meiner Grundschulzeit zeigte sie oft anderen Menschen meine Zeugnisse und betonte, wie intelligent ich doch sei, wie stolz sie auf mich sei. Für mich war das sehr verwirrend, denn auch sie lebte damit ein Doppelleben: draußen Lob, drinnen Schläge.

Sie war manchmal nächtelang weg und ich war allein mit meinem kleinen Bruder, der ja fast noch ein Baby und ebenfalls sehr häufig krank war. Sie hatte zwar Nachbarn beauftragt, regelmäßig nach uns zu schauen, doch das wusste ich nicht und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass Nachbarn nach uns geschaut hätten. Als ich eines Nachts oder frühen Morgens erwachte und unsere Mutter nicht da war, holte ich meinen Bruder aus dem Bett und betrachtete mit ihm weinend und verzweifelt unsere Familienphotos. Ich glaubte tatsächlich, unsere Mutter hätte uns verlassen, würde niemals wieder zu uns zurück kommen und wir seien nun für immer mutterseelenallein. Es kam mir vor wie endlose Stunden. Als sie dann endlich doch nach Hause kam und wir freudestrahlend, erleichtert und sehnsüchtig auf sie zuliefen, erhielt jeder von uns eine Ohrfeige mit der Anweisung, sofort wieder ins Bett zu gehen.

Letztlich, das spürte ich damals schon, war meine Mutter überfordert – überfordert mit sich und ihrem Leben – und zusätzlich überfordert mit der alleinigen Verantwortung für zwei kleine Kinder; eines davon ich: ein kluges, begabtes und hochsensibles Kind, als das ich mich immer mehr herausstellte.

Als ich erwachsen war, erzählte mir meine Mutter, dass sie sich Vorwürfe machte, mich nicht genügend gefördert zu haben (im Zeichnen, Musizieren, Sport, Schreiben, Singen, Fremdsprachen, uvm.). Sie wusste einfach nicht, wie sie das hätte finanzieren sollen.

Natürlich tat es ihr auch unendlich leid, dass sie uns geschlagen hatte. – Schon in meiner Kindheit hatte sie mich nachts oft aus dem Bett geholt und sich unter Tränen bei mir entschuldigt, wenn sie mich tagsüber wieder verprügelt hatte. Ich wurde in diesen nächtlichen Momenten irgendwann eiskalt wie ein Stein, denn ich erfuhr ja am eigenen Leib, mitunter schon am nächsten Tag, dass sie trotzdem mit dem Schlagen nicht aufhörte. – Oft hatte sie mir später in Briefen geschrieben, wie gern sie dazu bereit gewesen wäre, all mein Leid auf ihre Schultern zu nehmen. Dabei hatte sie selbst genug Leid aus ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Kindheit und Jugend zu tragen, die ebenfalls von Gewalt und Alkoholismus geprägt waren.

Heute weiß ich: Sie hat ihr Bestmögliches gegeben. Trotz allem: Sie liebte uns.

Als guter Pionier und bewegungsfreudiges Kind nahm ich regelmäßig an Sportwettkämpfen teil und war gar nicht so schlecht. Damit wurde mir wieder Ehre und Anerkennung zuteil, was ich so sehr brauchte, um zuhause zu überleben.

Wieder einer der vielen Sportwettkämpfe, an denen ich teilnahm. Sie waren ein wichtiger Teil meines Lebens.

Ich, etwa in der zweiten Klasse: ein unauffälliges, freundliches, fleißiges Kind.

Oh je, das Schwimmlager in den Sommerferien vor der dritten Klasse. Ich hatte Angst vor Wasser und meine Mutter war der Ansicht, ein Schwimmlager sei gut für mich, damit ichs dann in der dritten Klasse, wenn Schwimmen offiziell zum Unterricht gehörte, leichter habe. – Ich lernte gut schwimmen, die Taufe aber habe ich nicht als angenehm in Erinnerung. »wild« ist wohl nur in meinem Taufnamen enthalten, weil ich mich so sehr gegen das »Tauf-Ritual« gewehrt habe.

Ich betrachte manchmal diese Urkunde und versuche mich zu erinnern. Aber ich erinnere mich einfach nicht daran, mit acht Jahren an einem Herbstcross teilgenommen und sogar den zweiten Platz belegt zu haben.

Traumatisierungen können zu Erinnerungslücken führen. Im Alter von fünf bis zehn Jahren war meine Kindheit besonders schwer. Mit sieben oder acht Jahren war ich vor ein Auto gelaufen – als Hilferuf, weil ich vom neuen Partner meiner Mutter in einer »Dunkelkammer« (wie ich sie nannte) eingesperrt wurde. Das Auto (ein gelber Wartburg) erwischte mich damals in Steißbeinhöhe. Ich lief panisch vor den Menschen, die mir helfen wollten, weg, litt tagelang unter Schmerzen und blutigem Stuhlgang und erzählte niemandem davon. Meiner Mutter erzählte ich es erst, als ich schon 16 Jahre alt war. Sie war geschockt und weinte. Erst Ende 2000 wurden die damals entstandenen Schäden an meiner Wirbelsäule entdeckt (in Form von Vernarbungen).

Ich erinnere mich noch sehr genau, dass meine Mutter mich während meiner Jugend mehrmals im Jahr gefragt hatte, ob mir denn während der Zeit mit ihrem damaligen Partner etwas Schlimmes passiert gewesen sei, ob ich Erinnerungen an etwas hätte. Ich war verwundert, warum sie fragte, musste immer verneinen, verschwieg aber, dass ich das Gefühl nicht los wurde, dass da ein dunkles Geheimnis verborgen lag. Und als ich meiner Mutter mit etwa Anfang 20 Jahren gestand, dass ich psychische Probleme hatte und litt, war ihre prompte Antwort: »Also doch. Ich ahnte es. Er hat dich sexuell missbraucht.« Ich nahm dies damals zwar noch nicht allzu ernst, still und leise aber wucherte diese Vermutung meiner Mutter wie ein Krebsgeschwür in mir.

Meine Erinnerungslücke erstreckt sich im Grunde über meine ersten elf Lebensjahre. Mit elf Jahren hatte ich begonnen, ein Tagebuch zu führen. Mein Leben davor habe ich nur in verwirrenden, oft schwer zuordenbaren Bruchstücken oder schwer greifbaren Bildern in Erinnerung. Damals, mit elf oder zwölf, konnte ich mich noch mehr an mein Leben davor erinnern, aber ich erinnere mich heute, dass ich einfach nicht die Kraft dazu hatte (und ich mich unsäglich schämte), das Erlebte ins Tagebuch zu schreiben. Und auch in den darauffolgenden Jahren konnte ich vieles, was ich noch erlebte, nicht aufschreiben – sondern nur vergessen, um nicht daran zu zerbrechen.

Auch an diesen Instrumentalistenwettstreit kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß, ich spielte während der Grundschule Blockflöte (auch mit Soloauftritten in der Schule, in Seniorenheimen, in Krankenhäusern – wie es Pioniere damals taten) und ich spielte Querflöte in einem Spielmannszug. Meine Mutter war jedes Mal sehr stolz, wenn ihre Tochter während der vielen Stadtfeste, die eine Mittelalter-Stadt so hat, bei den Straßenzügen mit dabei war.

Ich (links vorn) während einer Klassenfahrt in der dritten Klasse. Nur die Photos erinnern mich daran. – Ich selbst habe keine Erinnerung.

Das Ende der Grundschule … und auch der DDR.

Ab der fünften Klasse wurde man ein Thälmann-Pionier und das bis dahin blaue Halstuch wurde durch ein rotes ersetzt. Aufgrund der Wende habe ich diesen Status nicht erreicht, was ich damals sehr bedauerte. Denn ich war gern Pionier. Pionier sein bedeutete für mich in erster Linie Hilfsbereitschaft (vor allem Schwächeren und Kranken gegenüber), freiwillige gemeinnützige Arbeit, Verantwortung, Güte, Freundlichkeit und Zusammenhalt.

Ich habe die Wende übrigens nicht als positives Ereignis in Erinnerung. Meine Mutter und andere Familienmitglieder wurden arbeitslos, da in kurzer Zeit viele Fabriken und Firmen geschlossen wurden. Für meine Mutter begannen damit die finanziellen Sorgen, auch, weil zugleich alles teurer wurde.

Mit diesen Noten war klar: Die fünfte Klasse würde ich an einer neuen Schule – einem Gymnasium – beginnen (müssen); für mich eine große beängstigende Veränderung, denn ich verließ einen sicheren Hafen und wusste nicht, ob mich der neue ebenso beschützen würde.

Nur ein Jahr später – mit zehn Jahren – bekam ich zum ersten Mal meine Periode. Meine Mutter hatte mich zwar bereits darüber aufgeklärt, aber ich war zutiefst erschüttert. Sie sagte stolz: »Nun Melly, wirst du zu einer Frau!«, und meinte es sicherlich gut. Aber ich wollte gar keine Frau werden. Ich wollte Kind bleiben. Ich sehnte mich danach, weil meine Kindheit bereits mit etwa sechs Jahren beendet war und ich mich Herausforderungen (vor allem psychisch) ausgeliefert sah, die mich schneller hatten erwachsen werden lassen. Ich war zu diesem Zeitpunkt innerlich längst kein Kind mehr, was sich auch darin zeigte, dass ich mich unter Gleichaltrigen sehr unverstanden und verloren fühlte.

10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Nach und nach wurde die Konditionierung immer stärker und nahm ein solches Ausmaß an, dass ich nicht nur die Last akzeptierte, als bestimmter Körper geboren worden zu sein, sondern auch, dass ich eines Tages »sterben« würde; und das Wort »Tod« wurde zu einem Grauen, zur Vorankündigung eines schrecklichen Erlebens.

Ramesh S. Balsekar

Dies war meine letzte Teilnahme an einem Sportwettbewerb, denn als ich etwa zwölf Jahre alt war, wurde die Scheuermann’ sche Krankheit bei mir diagnostiziert, eine Wirbelsäulenerkrankung, die in der Regel nur im Jugendalter auftritt. Die Ärzte prognostizierten mir ein Leben im Rollstuhl, was für mich ein enormer Schock war und mit dazu beitrug, dass ich glaubte, nicht sehr alt zu werden. Es folgten Jahre, in denen ich durchgehend zur Physiotherapie gehen musste, um keinen – so sagte man mir – Buckel zu bekommen.

Ab diesem Zeitpunkt traten also meine seelischen Schmerzen in Form von körperlichen Schmerzen langsam zutage. Diese Erkrankung hatte zur Folge, dass ich vom Schulsport befreit wurde und ich während des Sportunterrichts auf der Bank sitzen (oder dem Lehrer assistieren) musste. Wieder fühlte ich mich durch die äußeren Umstände wie ein Außenseiter.

Einsamkeit

Ich gehe durch leere Straßen.

Ich bin allein.

Allein an diesem Abend.

Der Mond verschwindet hinter den Wolken.

Die Straßenlampen flackern.

Sie erlöschen.

Ich stehe im Dunkeln.

Ich habe Angst.

Angst vor dem ewigen Dunkel.

Angst vor der Einsamkeit.

1995

Während der Grundschulzeit hatte ich viel Zeit damit verbracht, Geschichten und Märchen zu schreiben, die aber leider alle verloren gegangen sind. Das änderte sich Anfang der 90er Jahre:

Dies ist das älteste Gedicht von mir, was ich noch habe. Ich war zwölf Jahre jung, als ich es schrieb.

Die 90er Jahre waren der Beginn meines Schreibens von Gedichten (manchmal 30 Stück pro Monat) und (vorerst) das Ende des Schreiben von Geschichten und Märchen. Die Gefühle in mir mussten raus – zunehmend mehr in verschlüsselter, heimlicher, metaphorischer Form, denn ihr direkter Ausdruck hätte mich zu sehr gequält. Ich schrieb vor allem auch selbst, weil ich in den dicken Gedichtbänden, die ich mir in der Bibliothek ausgeliehen hatte, keine Gedichte fand, zu denen ich hätte sagen können: »Ja, so geht es mir auch. Ja, in diesen Worten fühle ich mich erkannt.«

Damals ahnte ich noch nicht, dass das Schreiben eine große Bedeutung in meinem Leben einnehmen würde – dass es mich bis heute begleiten und für viele befreiende Glücksmomente sorgen würde.

Samstag, 08.01.1994

Es ist Sonnabend und am Montag ist schon wieder Schule. Ich habe schreckliche Angst, es eines Tages nicht mehr zu schaffen und meine Familie zu enttäuschen. Am Dienstag schreiben wir eine Französischarbeit. Ich habe noch nicht gelernt. Die letzten Tage hatte es andauernd geregnet und viele Städte wurden überflutet. […] In Sydney, Australien, ist es sehr heiß. Viele Häuser brennen, auch der Regenwald.

Ich hoffe, dass die Menschen bald vernünftig werden und aufhören, die Welt zu zerstören. Wer leidet sind ja meistens die Kinder, die gar nichts damit zu tun haben.

Krieg

geschrieben 1994

Traurig sitze ich am Fenster und schaue zu, wie die Regentropfen an mein Fenster schlagen und langsam hinabfließen. Ich höre das Plätschern nicht, sondern die Schreie von Kindern und die lauten Schüsse der Kanonen.

Ich schließe meine Augen. Sekundenlang sehe ich schwarz. Als ich meine Augen wieder öffne, zeigt sich vor mir ein Bild des Grauens. Ich sehe Kinder, die vor einer Horde bewaffneter Männer davon laufen. Blindlings schießen diese in die Kindermenge. Die Kugeln zerfetzen den Körper eines Kindes. Tot bleibt es liegen.

In panischer Angst versuchen die anderen Kinder zu entkommen. Aber aus dieser Hölle gibt es kein Entkommen. Die angsterfüllten Schreie der Kinder lassen mir das Blut in den Adern gefrieren. Doch die Soldaten schießen weiter.

Mit zerschossenen Beinen bleibt wieder ein Kind liegen. Ohne Erbarmen schießen sie ihm in den Kopf, bis keine Kugel mehr hineinpasst.

Plötzlich ein Knall. Ein blutverschmierter Oberkörper ohne Arme und ohne Kopf fliegt an mein Fenster, rutscht hinab und lässt eine Blutspur an der Scheibe zurück. Die Kinder sind verschwunden, stattdessen liegen überall Menschenteile auf der Straße.

Tränen laufen mir über die Wangen. Diese Kinder waren noch nicht einmal zehn Jahre alt und trotzdem mussten sie sterben. Die Straßen färben sich rot. Rot mit dem Blut der Unschuldigen.

Ich kann es nicht mehr ansehen und halte mir die Hände vor die Augen. Sekundenlang höre ich nichts. Doch dann vernehme ich das Plätschern der Regentropfen. Ich bin wieder zu Hause. Ich öffne meine Augen und laufe nach draußen. Kühl und erfrischend läuft mir das Wasser über das Gesicht und vermischt sich mit meinen Tränen.

»Warum? Warum tut ihr das?«, schreie ich so laut, dass mir die Stimmbänder wehtun. Weinend breche ich zusammen und bleibe auf der Erde liegen. Mein letzter Gedanke: »Wenn ich doch nur helfen könnte!«

In der sechsten Klasse begann ich mit Saxophon-Unterricht. Eigentlich wollte ich Klarinette lernen, doch im Orchester waren bereits genug Klarinetten, nur ein Tenor-Saxophon fehlte. Da ich mir Noten lesen bereits selbst beigebracht hatte (auf Block- und Querflöte), lernte ich dieses Instrument und die Stücke fürs Orchester sehr schnell. Nach etwa zwei Jahren wechselte ich in ein Akkordeon-Orchester und spielte dort bis zu meinem 18. Lebensjahr Keyboard (dieses nach Noten und zweihändig zu spielen, hatte ich mir ab meinem 14. Lebensjahr auch selbst beigebracht).

Die vielen Auftritte in der Öffentlichkeit waren eine wichtige Erfahrung für mich. Auf der »Bühne« fühlte ich mich sicher und stark.

Etwa zur selben Zeit trat ich – entgegen den Warnungen meiner Ärzte – einem Karate-Verein bei, wofür ich ebenfalls großes Talent zeigte und schnell lernte. Hier ließ ich mich von meinem Bruder ganz stolz mit meinen ersten Gurten (weiß und gelb) fotografieren.

Das lila Kuscheltier heißt übrigens Tarabas – benannt nach einer Figur aus meiner damaligen Lieblingsfilmreihe »Prinzessin Fantaghiro«.

Wie man auf dem Photo sieht: Ich war von Michael Jackson – seiner Lebensphilosophie, seiner Weltanschauung – total begeistert und sammelte alles von ihm, was ich bekommen bzw. bezahlen konnte.

Besonders geprägt hat mich sein Buch »Dancing the Dream. Gedichte und Gedanken«, das mir leider später während des Berufslebens und den vielen Ortswechseln verloren gegangen ist. Aber ich trage seine Botschaft »We are one (World)« in meinem Herzen.

Weitere Vorbilder für mich waren damals: Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Lady Diana und verschiedene Philosophen. Das Buch »Sofies Welt« hat ebenfalls sehr zu meinem damaligen Weltverständnis beigetragen (Ich war eine Leseratte und verbrachte manche Wochenenden nur mit Lesen).

Meine Vorbilder – meine Lehrer – haben sich mit den Jahren erweitert. Mittlerweile fühle ich mich sehr verbunden mit Khalil Gibran, Jiddu Krishnamurti, Jesus, Sathya Sai Baba, Rumi, Meister Eckhart, Meister Kuthumi, Konfuzius, Osho, Eckhart Tolle, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Oscar Wilde, Hermann Hesse, Lao Russell, uva.

Donnerstag, 07.07.1994

Im Moment verstehe ich mich selbst nicht. Ich raste schnell aus, ich kann mich nicht bändigen, ich trotze oft, ich widerspreche, ich könnte meinen Bruder erwürgen, ich könnte immer weinen. Ich bin am Boden zerstört. Ich möchte weg, weg von meiner Familie, weg von meinen Freunden, raus aus dieser Stadt.

Ich bin, wie jedes Kind, dazu verdammt, meine nächsten fünf Jahre auf der Schulbank zu verbringen. Ich will aber nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Ich komme jetzt schon in die 8. Klasse. Die Zeit, ich hasse sie. Warum kann ich nicht ein siebenjähriges, unschuldiges Kind sein und für immer bleiben? Ohne Schule, ohne Krieg, ohne Elend und ohne Armut? Ich mag die Erde nicht.

Ich will nicht erwachsen werden. Die Erwachsenen zerstören die Erde. Wenn ich auch erwachsen bin, zählt man mich zu ihnen.

Kinder sind die Weisesten dieser Erde. Ich zähle nicht mehr zu ihnen. Ich bin schon zu erfahren und zu alt. Die Kleinen wissen nichts von Elend, Krieg oder Armut außer rund 1 Million Kinder. Sie wurden verdammt, dafür zu leiden, was die Erwachsenen für Fehler gemacht haben, die sie sich aber nicht eingestehen wollen. Die Kinder wussten nichts von Elend, bis sie es selber am eigenen Leib gespürt hatten.

Wir Kinder unter 14 Jahren würden niemals auf die Idee kommen, andere für Geld umzubringen, eine Atombombe über ihnen abzuwerfen oder einen Krieg gegen sie zu führen. Aber nur, wenn die Erwachsenen nicht wären. Sie zerstören das Leben von vielen Kindern, die ein normales Leben hätten führen können. Aber jetzt müssen sie betteln, schuften für die Erwachsenen oder mit in den Krieg ziehen.

Während ich dies jetzt alles schrieb, habe ich geweint, denn es ist die Wirklichkeit. Was ich geschrieben habe, ist die Realität. Und das schockt mich. Denn in dieser Welt ist niemand mehr sicher!

Krieg, dass so etwas Grausames und Sinnloses existiert, hat mich schon immer gequält, was ich in dieser Zeichnung zum Ausdruck zu bringen versuchte.

Schon früh als Kind, da meine Eltern oder andere Verwandte mich nicht fortschickten, wenn Nachrichten im Fernsehen kamen, habe ich von Krieg und Leid erfahren (auch durch meine Oma) und musste jedes Mal weinen. Es ging mir einfach nicht in meinen Kinderkopf hinein, warum es Kriege auf der Welt gab. Wer dazu fähig war. Warum sich niemand dagegen auflehnte. Während meiner ganzen Jugend verließ ich das Zimmer, egal wo ich war, wenn im TV Nachrichten kamen. Ich konnte das einfach nicht ertragen – diese Gleichgültigkeit; wie neben den Lottozahlen und den Fußballergebnissen von Kriegen berichtet wurde, als sei das völlig normal.

Samstag, 08.10.1994

Ich hatte andauernd Streit mit meiner Mutter. Sie ist grauenvoll. Ich wünschte, sie wäre tot – und Sebastian auch. Andauernd muss man nach ihren Launen leben. Ich wünschte, sie würde versuchen, mich zu schlagen, dann würde ich mich wehren, aber richtig. Es wird immer unerträglicher mit ihr. Ich habe schon dran gedacht, abzuhauen – aber wo soll ich hin?

Kürzlich, da wollte sie mir eine Ohrfeige geben, da habe ich sie abgewehrt, richtig hart. Sie sagte: »Wage es ja nicht, deine Hand gegen deine Mutter zu erheben!« Aber sie darf es!? Ich hätte am liebsten geantwortet: »Wage es ja nicht, deine Hand gegen deine Tochter zu erheben!« Aber stattdessen hatte ich mich entschuldigt und einen Rückzieher gemacht. – Elternteil gewonnen, Kind verloren. – So geht es bei uns immer aus. Und danach will sie sich wieder einschmeicheln. Keine Entschuldigung von ihr. Sie tut ganz einfach so, als wäre nichts passiert. Das hasse ich an ihr. […]

Mutter will ja nicht einmal darüber reden. Und wenn sie es tut, komme ich nicht zu Wort, denn sie würde dann sagen: »Widersprich deiner Mutter nicht!«

Wie soll ich das nur aushalten?!

Freitag, 14.10.1994

Im Moment verstehe ich mich mit meiner Mutter wieder etwas besser. Ich glaube auch nicht, dass jedes Kind seine Mutter immer durchweg liebt.

Mittwoch, 26.10.1994

Die Ferien sind vorbei und der Horror des Alltages fängt wieder an. Es macht mich total kaputt, jeden Tag zu lernen. Ich habe totale Angst abzusacken. Weißt du, liebes Tagebuch, wie das ist? Soll ich es dir beschreiben? Oh, du gehst mit panischer Angst in die Schule, dir ist zum Heulen zumute, du denkst an Selbstmord. Aber das würde ich nicht tun, weil ich dann in meinem nächsten Leben, falls es überhaupt eins gibt, ein schlechteres Leben führen würde als jetzt. Heute habe ich sogar daran gedacht, Mutters Sekt und Wein zu nehmen und mich zu betrinken. Wie findest du das?

Sonntag, 30.10.1994

Es ist kaum zu glauben, was heute Nachmittag geschehen ist. Mein Vater hat heute angerufen. Irgendwie war ich froh, dass er uns die letzten zwei Jahre in Ruhe gelassen hat. Aber jetzt, als er anrief, war mir bewusst geworden, wie sehr mir ein Vater fehlt. Meine Mutter war ans Telefon gegangen und sie redeten über Unterhalt und alltägliche Dinge. Er will mich nächste Woche besuchen. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Nach zwei Jahren werden wir zum ersten Mal wieder miteinander reden. Irgendwie ist er mir fremd geworden. Ich kann nicht normal mit ihm reden wie mit meiner Mutter. Aber ich wünsche mir ein besseres Verhältnis zu ihm.

Einmal habe ich meine Halbschwester gesehen, dabei bin ich mir gar nicht so sicher, ob sie es überhaupt war. Da war ich in der Stadt mit ein paar Freunden. Die Kleine lief einfach an mir vorbei und ihre Mutter sagte: »Mach den Leuten Platz, Susanne. Der Fußweg ist für alle da.« Susanne (Name geändert), so heißt Papas Tochter von seiner neuen Freundin. Und das kleine Mädchen, das an mir vorbeilief, ohne mich zu beachten, war in ihrem Alter. An ihre Mutter kann ich mich nicht mehr gut erinnern. Ich habe sie nur einmal gesehen, und das war vor vielleicht vier Jahren, als sie mich auf meinem Schulwegabpasste und versuchte, mich in ihr Auto zu locken. Ich war damals weggerannt. In der Stadt hatte ich die Mutter der Kleinen nicht so beachtet, hätte ich wohl besser tun sollen?! Vielleicht war sie es ja.

Ich hoffe nur, mein Vater ist mir nicht zu fremd geworden.

Mittwoch, 02.11.1994

Es ist fünf vor um elf. Vor einer halben Stunde ist mein Vater gekommen. Ich schwänze die Schule, nur um ihn einmal zu sehen. Als er kam, haben wir uns die Hände geschüttelt. Das tat mir ziemlich weh. Nicht sein Händedruck, sondern die Tatsache, dass wir uns nicht mehr umarmen. Vor vier Jahren haben wir uns noch umarmt, aber das war damals. Ich glaube nicht, dass ich mich je wieder mit ihm so verstehe wie vor sieben Jahren.

Im Moment sitzt er mit Mutti in der Küche und trinkt Kaffee, während sie sich unterhalten. Er versucht bestimmt, sie zu überreden, die Pfändung einzuziehen. Aber das wird sie nicht machen, denn er zahlt den Unterhalt nie pünktlich. Ich glaube sogar, er führt was im Schilde. Er wird bestimmt alles tun, um das Geld nicht bezahlen zu müssen.

Es ist halb zwölf. Papa ist eben gegangen. Ich glaube, er spielt mir was vor. Er tut so, als würde er mich noch lieben, doch dann hätte er sich schon eher blicken lassen müssen.

Alle zwei Jahre mal vorbei zu schauen, ist ziemlich unverschämt. Er platzt einfach rein und in meinem Kopf stürzt alles wieder zusammen, was ich jahrelang aufgebaut hatte. Ich dachte, ich würde ihn nicht mehr lieben, aber ganz so ist es nicht. Klar, richtig liebe ich ihn nicht, aber es tut trotzdem weh, wenn ich sehe, wie er wieder geht.

Die letzten Tage habe ich oft geheult und mich gefragt, warum wir nicht auch eine richtige Familie sind. Mit Mutter und Vater, die sich nicht streiten. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann sich meine Eltern mal nicht gestritten hatten. Ich lag immer im Bett und konnte alles hören. Sie hatten Geldprobleme. Papa wollte uns ein Haus bauen, aber ihm wurde der Zement, und was man noch für ein Haus brauchte, gestohlen. Seltsam, denn bei den beiden Häusern daneben, die auch noch nicht fertig waren, wurde nichts gestohlen. Jedenfalls hatte er kein Geld, um neues Material zu kaufen. Ich weiß nicht, ob sie sich noch über mehr gestritten hatten, ich war ja gerade mal fünf oder sechs. Aber mein Vater ist schließlich abgehauen zu seiner Mutter. Mutti und ich saßen damals in der Stube und hatten geweint – ganz lange. Daran kann ich mich noch erinnern.

Ich liebte meinen Vater abgöttisch, mehr sogar als meine Mutter. Jetzt ist es umgedreht, und ich glaube, es wird immer so bleiben.

Montag, 23.01.1995

Früher dachte ich, Gott hätte an mir einen Fehler gemacht. Ich habe sehr viele Talente, um die mich viele beneiden, und dafür danke ich Gott, ob er mich hört oder nicht. Aber ich glaube nicht, dass man kirchlich sein muss, um von Gott gehört zu werden. Ich dachte jedenfalls, dass ich eine lange Nase hätte, da mich viele deswegen hänselten. Ich stand vor dem Spiegel und fragte: »Warum, warum hast du mir so viel Gutes gegeben, nur an meiner Nase hast du einen Fehler gemacht? Ist es etwa meine ewige Prüfung fürs Leben?« Am Anfang dachte ich so, denn die Hänseleien taten mir ziemlich weh und sie zerstörten fast vollständig mein Selbstvertrauen, was ich bis heute noch nicht wieder aufgebaut habe. Doch nach einiger Zeit flauten die Beschimpfungen ab und ich bekam Komplimente wegen meiner Haare. Ich konnte es natürlich nicht glauben. Erst hässlich, dann schön? Geht das? Es kamen aber immer mehr Komplimente. Ein paar auchwegen meiner Augen. Wenn ich jetzt vor dem Spiegel stehe, mache ich Gott keine Vorwürfe mehr, obwohl ich mich immer noch wegdrehe, wenn Jugendliche an mir vorbei laufen, denn ich fange dann wieder an zu denken, sie würden mich hänseln. Tun sie aber nicht. Je mehr danke ich Gott für das, was er mir gab.

Dienstag, 24.01.1995

Ich glaube in meinem Alter versteht sich jeder nicht so gut mit seiner Mutter. Ich liebe sie. Aber wir sind immer total gereizt, gegenseitig lassen wir es dann raus. Wir schreien uns an. Ich verkrieche mich dann in mein Zimmer oder in mein Bett, so wie jetzt, und weine, höre Musik oder schreibe Tagebuch. Ich liebe sie wirklich sehr, aber irgendwas verbietet mir – irgendetwas in mir selbst – sie zu umarmen, Zuneigung ihr zu bieten, ihr zu zeigen, wie sehr ich sie liebe. Eben kam sie rein und sie gab mir nichtmal einen Gute-Nacht-Kuss, wie sonst immer. Es ist traurig.

Ich wünsche mir, noch einmal klein zu sein, und im Ehebett zwischen meinen Eltern zu schlafen – zu wissen, dass sie mich beschützen. Von Vater bekomme ich schon jahrelang nicht mehr die Liebe und Zuneigung, die er mir früher gab. Warum können wir nicht wie eine normale Familie leben in unserem eigenen Haus mit Garten und Hund und Katze? Es ist ein schöner Traum, nicht wahr? Und ich werde ihn mir bewahren, um ihn meinen Kindern zu erfüllen.

Donnerstag, 26.01.1995

Meine Rückenschmerzen haben zugenommen und meine Reserven an Tränenflüssigkeit scheinen schon verbraucht zu sein.

In meiner Klasse habe ich keine richtige Freundin. […] Aber an wen kann ich mich wenden? Ich weine, wenn ich daran denke, wie mein Verhältnis mit den Anderen früher war. Entweder habe ich mich verändert oder sie. Sie verstehen mich nicht. Unterhalte ich mich mit ihnen, putzen sie mich richtig runter, so als wäre ich unter ihrem Niveau. Ich weiß nicht, was ich falsch mache?

Mit Mutter verstehe ich mich eigentlich außer ein paar kleinen Meinungsverschiedenheiten. Ich habe gelernt, ihr jetzt einfach aus dem Weg zu gehen, wenn sie nicht gut drauf ist, um Streit zu vermeiden.

Ich sehne mich nach einer Freundin, an deren Schulter ich mich lehnen kann, die meine Probleme versteht und mir meine Fehler ins Gesicht sagt, anstatt hinter meinem Rücken über mich zu quatschen. Mit meiner Mutter kann ich nicht über sowas reden. Sie sieht es aus ihrer Erwachsenen-Sicht: »Das geht alles wieder vorbei. Ich hab das auch schon hinter mir.« – Das ist mir keine Hilfe. Ich kann diese Worte schon auswendig.

Mir ist auch aufgefallen, dass ich schwer über meine Probleme reden kann. Ich komme mir da immer so blöd vor. Ich habe mal gehört, wer über seine Gefühle offen reden kann, ist mutig. Demnach bin ich feige. Ich verschließe mich. Baue eine Wand um mich.

Freitag, 10.02.1995

Im Kerzenlicht zu schreiben, zu lesen oder Musik zu hören, liebe ich über alles. Aber ich muss dabei allein sein. Dann ist so eine schöne Atmosphäre im Raum. Ich schaue manchmal einfach nur in die Flamme und lasse mir Teile meines Lebens wie einen Film vor meinen Augen ablaufen. Es kam so oft vor, dass ich weinte. Ich weine gern. Allein! Blicke ich in eine Kerzenflamme am Abend, überfällt mich immer gleich tiefe Trauer. Der Glanz bringt mich in Trance. Ich spüre dann, wie mein Körper sich entspannt oder mein Geist aus ihm entweicht. Es tut mir leid, ich kann es nicht besser erklären.

1995 – Meine Jugendweihe mit 14 Jahren.

Kurz davor hatte ich im Schoß meiner Mutter bitterlich geweint, denn ich wollte nicht erwachsen werden, wie man auch in meinem Tagebuch lesen kann. – Ich wollte nicht in diese Gleichgültigkeit fallen, in die offenbar alle Kinder automatisch fallen, wenn sie erwachsen werden.

Es verwundert mich heute nicht mehr, dass ich in der Nacht vor meiner Jugendweihe furchtbare Alpträume hatte und am Morgen mit einer schweren (meiner ersten und bis heute einzigen) Magen-Darm-Grippe erwachte. Den Tag überstand ich nur mit vielen Tabletten. Am nächsten Tag, nachdem das Ende meiner Kindheit und der Beginn meines Erwachsensein gefeiert worden war (vorwiegend von den Erwachsenen meiner Familie), waren alle Symptome wie weggeflogen.

1995 – 50 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges.

In diesem Jahr liefen viele Reportagen und Dokumentationen im Fernsehen.

Ich habe mir fast alle angesehen – oft bis in die frühen Morgenstunden. Ich sah Berichte über die KZs Auschwitz, Buchenwald und Treblinka (auch in französischer Sprache) – zu allen machte ich mir Notizen. Ich sah stundenlang die halbtoten, fast komplett verbrannten Überlebenden der Atombomben-Abwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Ich sah die Zerstörung und das Leid der Bombenabwürfe über deutschen Städten. Ich sah »Horrorfilme«!

Ich habe geweint, so viel geweint, so unendlich viel geweint, bis mein Körper schmerzte. Ich konnte nicht verstehen, dass ich in einer Welt lebte, in der es »so etwas« (dafür fehlten mir die Worte) gab.

Ich fragte mich: Wie konnten / können Menschen dazu fähig sein? Warum wurde und wird das zugelassen? Müssten nicht alle Menschen schreiend aufspringen, täglich darin bestrebt, solche Verbrechen zu beenden? Warum aber schwiegen alle?

Ich war schockiert, in was für eine Welt ich da bloß hineingeboren worden war.

Ich spürte innerlich, dass die Menschheit diese Welt und damit sich selbst zerstörte! Was für ein Wahnsinn! – und ich mittendrin, denn ich war ebenso Mensch und damit logischerweise ebenso gefährdet, diese Krankheit namens »kollektiv-suizidalen Wahnsinn« in mir zu tragen.

Die Schule weiterhin ernst zu nehmen, mich auf den Lernstoff, die Prüfungen und meine kleine persönliche Berufs-Zukunft vorbereiten zu müssen, war wohl das absurdeste, was man von mir – die den »Untergangsschmerz« dieser Welt fast körperlich zu spüren glaubte – verlangen konnte. Doch ich meisterte es – noch – denn ich lernte langsam die Vorzüge des Verdrängens kennen.

Doch fragte ich mich stets: Wozu persönliches Glück anstreben, wenn die Welt unterging?

Donnerstag, 22.06.1995

So langsam glaube ich, ich würde meine Persönlichkeit verlieren. Ich habe heute meine Orangegurt-Prüfung abgelegt, aber ich kann mich nicht freuen, denn der Sattel meines Fahrrades wurde geklaut und ich weine öfter. Ich weiß auch nicht mehr, woran ich bei meinen Freundinnen bin und mache es mir egal.

Ich bete jeden Abend zu Gott und doch tue ich bestimmt noch Dinge im Alltag, die Gott nicht passen. Warum sonst wurde mein Sattel gestohlen und nicht der von anderen? Andere Fahrräder standen genau neben meinem.

Naja, im Moment ist mir alles gleichgültig. Ich wünschte, ich wäre eine Schnecke, dann könnte ich mich in meinem Schneckenhaus verkriechen. Ich habe so sehr das Bedürfnis danach.

Anfang Juli 1995 nahmen mich zwei Tanten und zwei Onkel mit ihren Kindern (also mit einer meiner Cousinen und einem meiner Cousins) für zwei Wochen mit nach Dänemark. Das ist der einzige wirkliche Urlaub in meiner Jugend, den ich auch als »Urlaub« in Erinnerung habe.

Natürlich, wir (meine Mutter, mein Bruder und ich) hatten relativ häufig meinen Onkel in Frankfurt oder meinen Onkel in Cottbus besucht, oder wir besuchten Freizeitparks in Deutschland, aber von der Welt hatte ich dadurch noch nicht viel gesehen (außer die Zerstörung in den TV-Nachrichten).

Auch während dieser zwei Wochen in Dänemark, obwohl ich mit Familienmitgliedern dort war, die mich liebten, fühlte ich mich einsam und unverstanden. Ich hatte mich oft zurückgezogen, habe viel Tagebuch geschrieben, habe oft die Sonnenuntergänge fotografiert und über den Sinn des Lebens gegrübelt. Ich fühlte mich nicht dazugehörig, denn es waren zwei intakte Familien (Vater, Mutter, Kind) – und ich, ohne meinen Bruder, ohne meine Mutter, ohne meinen Vater. Ich fühlte mich sehr familienlos, was meine Tanten, Onkel sowie meine Cousine und mein Cousin nur schwer verändern konnten, auch wenn sie sich noch so sehr bemühten.

Mittwoch, 12.07.1995

Ich habe mein Tagebuch eben durchgelesen, und ich muss sagen, meine Launen und Gefühle sind von Eintrag zu Eintrag verschieden.

Ich bin immer das dritte Rad am Fahrrad, das war ich schon in der Grundschule mit anderen Mädchen. Hier in Dänemark bin ich es wieder. Meine Cousine und mein Cousin verstehen sich sehr gut. Ich habe mich die ganze Zeit zurück gezogen, wie ich es immer mache. Ich stecke immer alles ein und wehre mich nicht.

Ich bin sehr gern allein und schreibe Gedichte, meine Gedanken oder Geschichten auf. Alles, was ich geschrieben und gezeichnet habe, will ich eines Tages mal veröffentlichen.

Ich erfreue mich an kleinen Dingen, an denen die Anderen sich nicht mehr erfreuen können, sie haben es verlernt. Ich habe jeden Abend den Sonnenuntergang beobachtet, er ist faszinierend, ein Schauspiel überwältigender Pracht. Es ist Vollmond, ich habe ihn mir angeschaut und ich sehe auf ihm ein trauriges Gesicht. Von ihm bin ich immer fasziniert. Ich liebe es, wenn der Wind um meinen Körper weht und die Gräser rauschen. Ich beobachte die Schwalben und freue mich für sie, dass sie fliegen können. Ich bin glücklich, wenn es regnet und die Erde mit ihren vielen Pflanzen eine Erfrischung bekommt. Ich beobachte Menschen und freue mich mit ihnen, obwohl ich sie gar nicht kenne. Ich liebe die Erde und das Leben über alles. Ich bin froh, dass ich leben darf, und ich bin glücklich, wenn ich weine.

Auch wenn ich im Moment keine beste Freundin habe, so ist es mir doch schon genug, an die schönen Zeiten zu denken. Man sollte immer eine positive Ausstrahlung haben, was ich zwar nicht habe, aber das macht nichts.

Wenn ich mich zurück ziehe, denken immer alle, ich wäre krank oder traurig, dabei bin ich nur glücklich, auch wenn es nicht so aussieht. Ich lasse meinen Gedanken gern freien Lauf.

PS: Ich denke noch nicht lange so positiv, aber seit ich so denke, fühle ich mich freier. Meine Liebe für alles und meine Faszination für so viele Dinge vereinige ich in meinen Gedichten und Geschichten. Ich habe Gedichte über Mutti, Bastian und Papa geschrieben, und jedes Einzelne drückt auf seine eigene Art meine große Liebe zu ihnen aus. Gedichte über Leben und Erde schreibe ich oft, sie sind traurig, direkt und mahnend.

Seit ich an Gott glaube, weiß ich, dass man das Leben auskosten muss und den Charakter positiv gestalten soll.

Gottes Meisterstück

geschrieben 1995

Im Weltall gab es eine wunderbare Welt, entstanden aus Staub durch Gottes Hand, dem Allmächtigen. Er erschuf diese Welt als Paradies für die Lebewesen, die in ihr lebten. Diese Lebewesen erschuf auch er und sie sollten sein Meisterstück werden. Doch gedachte er nicht der Hand des Bösen, die seine Kreaturen zu Unheil und Gewalt verleiten würden.

Geistige Individuen erschuf er und sie waren ihm treu und untertan. Darauf erschuf er körperliche Individuen, welche die geistigen Erschaffungen nicht sehen oder hören konnten. Ihnen schenkte er einen der schönsten Planeten, die er je geschaffen hatte, damit sie sich unter seiner Regierung entfalten konnten.

Doch das Böse verleitete sie, ihre eigene Regierung zu sein und auf das Wort Gottes nicht zu hören. In ihre Gefühlswelt kamen Hass, Neid, Egoismus, Wut und Streitsucht dazu, Dinge, die Gott ihnen nicht gab. Auch in ihrem Verhalten veränderte sich einiges: Habsucht, Gewalt, Zerstörung und Feindseligkeiten verbreiteten sich unter ihnen. Leiden mussten deswegen nicht nur sie, sondern auch ihr von Gott geschaffenes Paradies. Es wurde Stück für Stück zerstört. Übrig blieben Kriege, Hungerepidemien und Seuchen.

Unbeschreibliche Qualen musste ihre Natur durchstehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie sich wehrte. Sie schickte riesige Flutwellen auf Gottes Geschöpfe, Erdbeben kostete Millionen das Leben, Vulkanausbrüche zerstörten Hunderte von Dörfern und Städten, Dürre verbreitete sich auf großen Weiten dieser Welt, Orkane machten des Menschen Bauwerke dem Erdboden gleich und Hitze ließ ihre Häuser brennen.

Viele Tierarten, die auf dieser Erde lebten, wurden ausgerottet wegen ihres Felles oder anderen Teilen ihres Körpers, welche dem Menschen viel Geld einbrachten. Auch vor ihren Regenwäldern machten sie nicht Halt. Erbarmungslos fällten sie die gigantischen Bäume, welche schon Hunderte von Jahren auf dieser Welt weilten. Respekt vor anderen hatte die Menschheit nicht, nicht einmal vor dem Allmächtigen Gott und sich selbst.

Da wurde Gott bewusst, dass es nicht so weiter gehen konnte und er musste dem Tun seiner Kreaturen ein Ende bereiten. Viele Engel schickte er zu ihnen, um ihnen die Augen zu öffnen über ihr falsches Handeln. Doch sie reagierten nicht, und ihm war klar, er musste sein Meisterstück vernichten und nochmal von vorn beginnen.

Dienstag, 01.08.1995

Ich habe eben den Film »Prinzen für einen Sommer« im Fernsehen gesehen. Darin geht es um ein Camp für krebskranke Kinder bis 18 Jahre. Sie alle wissen, dass sie eines Tages sterben werden. In dem Camp wurde ihnen Mut gemacht und sie wurden Therapien unterzogen, ohne dass sie es wussten. Mir kamen die Tränen, zum Schluss habe ich nur noch geweint.

Ich frage mich, wie die vielen Krebskranken nur damit klarkommen, dass sie in einiger Zeit sterben werden? Ich bin so froh, dass ich gesund bin. Ich könnte damit nicht klarkommen.

Ich plane manchmal schon soweit in die Zukunft, da bin ich 80.

Jetzt frage ich mich, ob ich überhaupt so alt werde. Bei jedem könnte irgendwann ein Tumor entdeckt werden. Und wenn man dann noch erfährt, wie man stirbt und man leidet dabei – das ist doch schrecklich. Wenn ich die Macht hätte, würde ich die Welt von allem Bösen befreien und ich würde alle Krankheiten verschwinden lassen, für immer.

Freitag, 25.08.1995

Ich will einen Pakt abschließen und er ist gültig, sobald ich ihn in diesem Buch aufgeschrieben habe. Er lautet: Alles, worauf ich Appetit habe, werde ich ablehnen, um damit die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass ein 3. Weltkrieg auf uns zukommt. Es ist vielleicht dumm, aber ich würde so gern etwas tun.

In den Zeitungen steht, dass Deutschland wieder rüstet und eine eigene Atombombe haben möchte. Unsere schöne Stadt Naumburg soll wieder eine Militärstadt werden, wie im 2. Weltkrieg. Dabei hatte Deutschland 1945 oder 1946 einen Vertrag unterschrieben, nie wieder zu rüsten. Ich müsste mich schämen (tue ich ja auch, nur ichkann nichts ändern). […] Ich verstehe nicht, wie man Krieg führen kann, das ist krank.

All das Leiden, das könnte ich nicht auf mich nehmen. Dabei ist Europa so schön. Und was wäre Europa ohne Bevölkerung, ohne jegliches Leben?

Samstag, 26.08.1995

Das mit dem weniger essen hat heute nicht so richtig geklappt. Ich bin enttäuscht und ich habe Angst, wie das auf der Welt mal enden soll.

Ich denke nicht immer positiv und freue mich nicht immer über alles. In meinem Kopf ist alles verdreht. Ich wäre charaktermäßig gern perfekt! Ich würde liebend gern in Wirklichkeit keinen Hass, Egoismus und alle schlechten Charaktereigenschaften empfinden, anstatt sie nur zu unterdrücken. Ich versuche, immer weise zu handeln und zu reden, doch sehr oft klappt es nicht.

In Gedanken rede ich andauernd mit der Stimme in mir, manchmal streiten wir auch. Als ich klein war, hatte ich immer einen Phantomfreund, mit dem ich mich unterhielt und stritt. Er war immer etwas erwachsener als ich und weiser. Doch irgendwann war er verschwunden, nur noch diese Stimme blieb in mir, die Ratschläge oder Befehle gibt.

Ich habe oft Angst vor meinen eigenen Gedanken, weil manche verrückt und krank sind. Ich kämpfe gegen sie an und unterdrücke sie. Ich kann sie nicht verschwinden lassen und das macht mir Angst. Ich versuche einfach, nicht daran zu denken, dass ich so durcheinander bin. Ich werde langsam im Innern kalt, da ich es leid bin, Mitleid zu empfinden. Wenn irgendetwas getan oder gesagt wird, was mich undmeine Gedanken noch mehr durcheinander bringt, dann schalte ich einfach ab. Ich denke an nichts. Ich sehe und höre es zwar, doch es geht mich nichts an. Früher habe ich geweint, wenn ich die Kriegsopfer und Hungernden im Fernsehen gesehen habe, doch jetzt scheinen meine Tränen das nicht mehr wert zu sein. Man sieht es so oft!

Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich mein Leben geben würde, wenn ich dadurch all dem Elend auf der Welt ein Ende setzen könnte. Doch ich schätze, ich wäre zu feige. Ich würde vielleicht sogar meine Mutter sterben lassen, um meine eigene Haut zu retten. Ich habe schon oft darüber nachgedacht und ich schätze, es wäre so. Es ist schlimm, das zuzugeben.

Sonntag, 27.08.1995

Manchmal denke ich, ich bin krank oder habe einen Schaden von der Scheidung bekommen. Was soll es eigentlich nützen, wenn ich unter paar Milliarden Menschen hungere, damit es keinen Krieg mehr gibt? Ich kann mir auch vorstellen, einfach so ohne Grund zu verhungern und dann trotzdem noch zu glauben, es sei richtig.

Ich frage mich aber auch, ob es nicht auch krank ist, an eine Person zu glauben, die noch nie ein Mensch gesehen hat und die angeblich die Bibel geschrieben haben soll. Vielleicht ist es nur ein inniger Wunsch des Menschen, an etwas Übernatürliches zu glauben, an etwas, das ihn vor sich selbst rettet.

Im Moment mache ich gerade eine Phase durch, in der meine Gedanken und Gefühle total durcheinander sind. Meine Geduld scheint vollends verschwunden zu sein. Ich raste schnell aus. Irgendwie sehne ich mich auch sehr nach einer Vaterfigur. Ich will meinen Vater umarmen, ganz fest und lange, und seinen Duft und seine Wärme spüren. Ich will ihn lieben wie früher. Ich will nicht dran denken,