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Ausgerechnet in einem Antiquariat in New Jersey stößt ein russischer Bücherfreund auf ein zweiteiliges Manuskript in seiner Muttersprache. Der seltsame Fund entpuppt sich als atemberaubendes Bekenntnis: Ein Mann, der sich K. nennt, erzählt die Geschichte seiner verhängnisvollen Liebe. Sie beginnt in einem Sommer im Herzen der Ukraine, als K. erst elf Jahre alt ist. Dem Jungen erscheint nachts eine Frau in Weiß. Sein Großvater schweigt sich über den Spuk aus, doch hört K. im Dorf allerlei Gerüchte und Legenden, die auf ein dunkles Familiengeheimnis verweisen. Später begegnet er am Ufer des Flusses einem verführerischen jungen Mädchen: Tonja. Jede Nacht rudert K. mit dem Mädchen auf den Fluss hinaus, ohne das Rätsel ihrer Herkunft ergründen zu können. K.s Gesundheit verfällt immer mehr, seine Eltern holen ihn zurück nach Moskau, die Ferien sind zu Ende. Von da an wird K. zum Getriebenen, ein Leben lang. Er kann das Mädchen einfach nicht vergessen, flüchtet sich in die Welt der Bücher, während um ihn herum Verwandte und Freunde sterben und eine ganze Gesellschaft zerfällt – das Ende der Sowjetunion naht. Auf der Jagd nach Tonja reist K. zwischen Moskau und Kiew hin und her, findet sie, verliert sie wieder, seine Liebe nimmt immer bedrohlichere Züge an. Schließlich verfolgt er Tonjas Spur bis nach Amerika. Als sie einander in Florida wiedersehen, lässt sich die Enthüllung des schrecklichen Geheimnisses nicht länger aufschieben ...
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Oleg Postnow
Angst
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Ihr Verlagsname
Ausgerechnet in einem Antiquariat in New Jersey stößt ein russischer Bücherfreund auf ein zweiteiliges Manuskript in seiner Muttersprache. Der seltsame Fund entpuppt sich als atemberaubendes Bekenntnis: Ein Mann, der sich K. nennt, erzählt die Geschichte seiner verhängnisvollen Liebe.
Sie beginnt in einem Sommer im Herzen der Ukraine, als K. erst elf Jahre alt ist. Dem Jungen erscheint nachts eine Frau in Weiß. Sein Großvater schweigt sich über den Spuk aus, doch hört K. im Dorf allerlei Gerüchte und Legenden, die auf ein dunkles Familiengeheimnis verweisen. Später begegnet er am Ufer des Flusses einem verführerischen jungen Mädchen: Tonja. Jede Nacht rudert K. mit dem Mädchen auf den Fluss hinaus, ohne das Rätsel ihrer Herkunft ergründen zu können. K.s Gesundheit verfällt immer mehr, seine Eltern holen ihn zurück nach Moskau, die Ferien sind zu Ende.
Von da an wird K. zum Getriebenen, ein Leben lang. Er kann das Mädchen einfach nicht vergessen, flüchtet sich in die Welt der Bücher, während um ihn herum Verwandte und Freunde sterben und eine ganze Gesellschaft zerfällt – das Ende der Sowjetunion naht. Auf der Jagd nach Tonja reist K. zwischen Moskau und Kiew hin und her, findet sie, verliert sie wieder, seine Liebe nimmt immer bedrohlichere Züge an. Schließlich verfolgt er Tonjas Spur bis nach Amerika. Als sie einander in Florida wiedersehen, lässt sich die Enthüllung des schrecklichen Geheimnisses nicht länger aufschieben ...
Oleg Postnow, 1962 in Nowosibirsk geboren, ist Professor für Philologie, Übersetzer und Schriftsteller. Für seine literarische Prosa wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.
Die Übersetzung wurde gefördert vom Literarischen Colloquium Berlin mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
Angst ist eine fremde Macht, die den einzelnen Menschen fasst, und doch kann man sich nicht davon losreißen und will das nicht, denn man fürchtet zwar, aber was man fürchtet, das begehrt man.
Kierkegaard
Am neunzehnten Februar 1994 – ein denkwürdiger Tag für mich – suchte ich in einer amerikanischen Kleinstadt in New Jersey das Antiquariat auf: Es reizte mich schon seit einer Weile. Doch gerade hatte ich erfahren, dass mein Buch, das hier in den USA erscheinen sollte, aus dem Verlagsprogramm gestrichen worden war. Ich hielt das für keinen allzu großen Verlust, wollte mich aber gern ein wenig aufheitern lassen. Ein Besuch im Antiquariat war dafür genau das Richtige.
Der Laden war ziemlich karg, am Eingang standen ein paar kleine Lesetische; übrigens konnte man hier auch Kaffee trinken. Aber ich war nur auf geistige Nahrung aus, darum trat ich, nachdem ich die Regale abgegrast hatte, an den Ladentisch in der Ecke, um zu zahlen. Als einzige Ausbeute betrachtete ich zunächst das Buch «Deaths of Herman Melville» von E.S. Schneidman, der das Werk meines geliebten Melville aus überraschender Sicht interpretierte; ich freute mich, es hier gefunden zu haben. Zu meinem Erstaunen erkundigte sich der Ladeninhaber, als er mir den (zugegeben, lächerlich niedrigen) Preis genannt hatte und zusah, wie ich mich mit dem Kleingeld abmühte – ich war erst seit knapp einem Monat in den Staaten und hatte noch Probleme mit den Münzen, verwechselte gern fünf und fünfzig Cent –, ob ich Russe sei. Ich bejahte. «Ich heiße Luke», stellte er sich vor. Er mochte etwa fünfundvierzig sein. «Hi, Luke!», sagte ich und stellte mich ebenfalls vor. Mein Name brachte ihn offenbar aus der Fassung: Unsicher lächelnd, bewegte er die Lippen in dem Versuch, ihn nachzusprechen. Dann lächelte er noch breiter und gab das sinnlose Unterfangen auf. «Sehen Sie, Mister», fuhr er fort und hielt dabei die gezwungene Förmlichkeit aufrecht, die ihm lästig, nun aber unerlässlich war, «ich habe eine Überraschung für Sie. Vielleicht interessiert es Sie ja.» Er tauchte unter seinen Ladentisch, zauberte flink eine kleine Mappe in farbigem Umschlag hervor und überreichte sie mir. Als ich die Mappe aufschlug, hätte ich beinahe ihren Inhalt fallen gelassen: drei dicke russische Schulhefte, die von der ersten bis zur letzten Seite in kleiner Schrift voll geschrieben waren. Doch das war noch nicht alles. Ein Extrafach, das hinten auf die Mappe geklebt war, enthielt ein weiteres Dokument, etwa sieben Seiten, ebenfalls auf Russisch, allerdings ein Computerausdruck. Die Seiten in amerikanischem B 5-Format hatten offensichtlich einmal in einem Briefumschlag gesteckt, denn sie waren dreifach gefaltet. Der Umschlag selbst, mit einem Papiermesser ordentlich aufgetrennt, war mit einer goldenen Büroklammer sorgfältig an die Innenseite der Mappe geheftet worden. Luke bestätigte umgehend, ja, er habe ihn per Post erhalten, obwohl der Name des Adressaten, wie ich bereits bemerkt hatte, ein anderer war – derselbe wie auf dem Titelblatt des obersten Hefts. «Aber», sagte Luke, «als der Brief ankam, konnte er seine Post nicht mehr öffnen. Ich habe den Brief aufgemacht, weil ich dachte, es sei vielleicht eine Rechnung.» Er hatte sich geirrt. Ein verzeihlicher Irrtum: Er erklärte, er habe nicht recht verstanden, worum es sich bei dem Brief eigentlich handelte. «Er enthält keine Anrede und auch keine Unterschrift», klagte er. «Soweit ich das russische Alphabet kenne, enthält er überhaupt kaum Namen. Es sei denn, Namen werden im Russischen kleingeschrieben.» Ich versicherte ihm, das sei nicht der Fall. Er nickte ernsthaft, bat mich aber inständig, die Mappe mitzunehmen, denn – das sah ich ein – etwas Besseres falle ihm nicht ein. «Und die Adresse?», fragte ich dennoch, mit einem Blick auf den Poststempel. «Dort wohnt jetzt jemand anders», seufzte Luke. «Ein junges Fräulein. Außerdem hat sie Trauer.» «Ach so!», sagte ich gedehnt und hob eine Braue. Er nickte betrübt. Mehr erfuhr ich nicht. Also nahm ich die Mappe an mich.
So kam ich in den Besitz der sonderbaren Chronik, die ich im Folgenden anfüge. Nachdem ich sie mir angesehen hatte, stellte ich erleichtert fest, dass im Grunde kein Wunder geschehen war. Von ein paar amüsanten Zufällen abgesehen, die auch hätten ausbleiben können, hatte dieses so sorgsam und liebevoll aufbewahrte kleine Archiv auf jeden Fall einem Landsmann in die Hände geraten müssen – früher oder später. Der Zufall hatte mich erwählt.
Zum Schluss noch eine Anmerkung: Es ist natürlich ein uralter Trick, den Liebhabern «echter» Fakten zuliebe seine eigenen Sünden für fremdes Geschreibsel auszugeben. Aber wer mich besser kennt, wird sich wohl solcher Vermutungen enthalten. Ich habe den Text unverändert gelassen, abgesehen von rein technischen Korrekturen. Aus verschiedenen Gründen möchte ich jedes Urteil darüber vermeiden. Ich will mich nicht einmal über die Autoren der beiden Dokumente äußern, zumal ich über sie ohnehin nichts weiß. Die schriftstellerische Routine (ich sage nicht: Gabe) des ersten scheint mir außer Zweifel, ungeachtet einer Reihe gelinde gesagt ziemlich gewagter Passagen. Die Fähigkeiten und das Bestreben des zweiten sind weit bescheidener und verdienen deshalb Nachsicht, auch rein menschliche. Im Übrigen mag der Leser darüber selbst befinden. Schade ist nur, dass gerade dieses Fragment am Ende stehen muss. Was tun! Die Logik des Schicksals (hier eine unumgängliche Formalität) nimmt nicht immer Rücksicht auf literarische Vorlieben, sodass mir meinerseits nur bleibt, mich ihr zu fügen. Das ist ja unser aller Los – im Leben wie in der Literatur. Alles andere sind bekanntlich nur Worte.
O.P.
Wissen lässt sich nicht immer in Worte fassen. Umso absoluter ist das Gefühl, das darauf beruht. Als ich an den Anmerkungen zu einer der frühen Erzählungen von Edgar Allen Poe arbeitete, deren Herausgabe ein kleiner unabhängiger Verlag aus kommerziellen Gründen plante, stieß ich auf einen eigenartigen Umstand, der mir früher entgangen war. Die Erzählung hieß «Metzengerstein». Geschrieben im damals modernen «gotischen» Geist, beruhte sie ganz und gar auf übernatürlichen Zufällen und bösen Wundern. Es ging um die jahrhundertelange Feindschaft zweier alter Geschlechter, die einst in den tiefsten Tiefen Ungarns lebten. Die Zeit der Handlung wird nicht näher erläutert. Einige Details jedoch lassen auf das 16. oder 17. Jahrhundert schließen, was ich in meinen Anmerkungen erwähnen wollte. Im Übrigen ersetzt der Autor die historische Authentizität durch deren vollendete Illusion. Den Handlungsrahmen bildet die Erfüllung einer uralten Prophezeiung, die den überlieferten Zwist begründet hatte.
Der letzte Metzengerstein, ein junger Baron und wahrer Teufel, der mit König Herodes und Caligula verglichen wird, wohlweislich ohne dass seine Gräueltaten im Einzelnen geschildert werden, sitzt eines Tages im Saal seines Schlosses und betrachtet einen ausgeblichenen Gobelin, auf dem sein Urahn im Augenblick des Triumphes über einen der Todfeinde abgebildet ist. Das gigantische Pferd dieses Kriegers, der bereits von einem Dolchstoß niedergestreckt ist, steht «unbeweglich und steinern» daneben. Plötzlich wendet es jäh den Kopf, blickt mit menschlichen Augen vom Gobelin herunter und entblößt Furcht erregend seine Zähne, die gelb sind wie die eines Toten. Sein Zittern unterdrückend, stürzt der junge Herr aus dem Saal, doch im Hof, im Licht der Fackeln, sieht er drei seiner Diener, die soeben aus dem in dieser Nacht in Brand geratenen Stall seines Feindes ein Pferd «übernommen» haben – eine lebende Kopie des Abgebildeten. Das Mal auf der Stirn lässt keinen Zweifel. Metzengerstein ruft ein paar Worte, gespickt mit Drohungen und Gotteslästerungen, schwingt sich auf das Pferd – und scheint fortan an den Sattel des gewaltigen Rosses gekettet. Tagelang reitet er darauf durch die umliegenden Wälder, vergisst Schlaf und Erholung, bis schließlich eines Tages um Mitternacht sein eigenes Schloss von den Türmen an in Brand gerät. Vergebens versucht das Gesinde, das Feuer einzudämmen. Als der Flammensturm alle Gebäude ringsum erfasst, kommt pfeilschnell das Pferd aus dem Wald geschossen und trägt seinen Reiter, der es nicht zu zügeln vermag, mitten hinein in den Feuerschlund. Worin er umkommt. Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Die Rauchwolken über den Ruinen der Heimstatt der Metzengersteins formen sich zu einem riesigen Pferd.
Der Gedanke an Gogols «Schreckliche Rache» drängte sich mir förmlich auf. Doch nicht die Ähnlichkeit der Motive, die durchaus erklärbar war, beispielsweise durch Motivwanderung im Sinne von Wesselowskis «Historischer Poetik» (und dennoch verblüffend, wenn man die Übereinstimmung von Details bedachte, wie etwa die Rolle des Pferdes am Ende), sondern etwas anderes, weniger Offensichtliches ließ mir keine Ruhe. Ich schlug in einem Gogol-Band nach und stellte fest, dass die Erzählung 1831 entstanden und Anfang 1832 erschienen war. Der Herausgeber der «Gesammelten Erzählungen» von E.A. Poe gab lakonisch dieselben Daten an – für «Metzengerstein».
Dieser Fund brachte mich um den Schlaf. Während ich mich in der Dunkelheit hin und her wälzte und versuchte, meine chaotischen Gedanken zu ordnen oder endgültig zu vertreiben, konnte ich mich doch des Gefühls nicht erwehren, dass diese meine Entdeckung nicht lediglich ein philologischer Kasus war, sondern eine Laune des Schicksals. Meinem Gemüt widerstrebt jede Mystik, besser gesagt, bin ich geneigt, sie möglichst zu meiden. Mir ist klar, wie verdächtig ein solches Geständnis wirken mag: In meinem Fall ist es ein wenig fehl am Platz. Dennoch hege ich eine aufrichtige Abneigung gegen Zufälle, selbst gegen glückliche. Zufälle sind die Maske, in der das verhängnisvolle Schicksal am liebsten daherkommt. Klammheimlich machen sie unser Leben zur Farce, denn das Wesentliche an Zufällen ist natürlich, dass sie nicht zufällig sind. Ihr unsichtbares Gewebe stellt unser Freiheitsgefühl infrage, zermürbt unsere Kräfte, mitunter auch unseren Lebenswillen. Wie in einem Spiel, bei dem der Croupier mogelt. Gewiss ist dieser Gedanke extrem. Aber Rhetorik an der Grenze zwischen Schlaf und Wachsein folgt selten Vernunftgründen. Bald glaubte ich, Recht zu haben. Im Dämmerzustand stellten sich immer neue Fakten ein, zum Beispiel, dass beide Schriftsteller die – nicht ganz unbegründete – Furcht hegten, lebendig begraben zu werden; dass E.A. Poe aus unerklärlichen Gründen sein Leben lang versicherte, er sei einmal in Petersburg gewesen (just in jenen Jahren), obwohl inzwischen eindeutig belegt ist, dass das nicht stimmt; dass beide, obwohl Christen, an Seelenwanderung glaubten (wie übrigens die meisten Sterblichen). Schließlich schien mir, wie es im Halbschlaf häufig vorkommt, das alles – Gogol, die Rache, das Spiel der Daten – sei nichts anderes als ein Zeichen anderer, ebenfalls düsterer Ereignisse, die mich allein betrafen. Ich hatte ihnen seit langem in meiner Seele keinen Raum mehr gewährt und sogar angenommen, ich hätte sie vergessen.
Ich setzte mich auf, verließ das Bett und sah aus dem Fenster. Es war ein warmer November, das Laub fiel von den Bäumen. Ich wurde zu einem missmutigen Zeugen der schwindenden Nacht. Die Girlanden der Stadt verblassten im Morgengrauen. Der Südwind, der, wie ich aus meinen schlaflosen Nächten wusste, um diese Stunde meist herrschte, belebte den Hybridstrauch unterm Fenster, der noch voller Schatten steckte. Mir war kalt und traurig zumute. Ich unterdrückte das Zittern, kroch wieder unter die Decke und schloss die Augen. Was wissen wir über unser Leben? Wir fällen vorschnell Urteile über uns und andere, und noch schlimmer ist unser Tun. Zu viele Nächte und Tage schenkt uns die Zeit: Wir sind außerstande, sie in unserem Innern zu bewahren. Ist das vielleicht der Grund, warum uns am Ende nur eines erwartet: das Vergessen?
Zur Welt kam ich vor rund einem Drittel Jahrhundert in der Familie eines Diplomaten. Purem Zufall verdanke ich den Ort meiner Geburt. Die Mission meines Vaters in New York war vermutlich alles andere als harmlos. Dennoch hatte er darauf bestanden, dass meine Mutter ihn begleitete. Sie hatte sich gesträubt. Soweit ich mich erinnere, war ihr das Stadtleben immer eine Last. Vielleicht konnte auch ich selbst mich bis zuletzt nicht an die Hauptstadt gewöhnen. Mein Vater, durch und durch Hauptstädter – in seinem Geschmack, seinem Beruf und seinem Schicksal –, konnte diese ihre «Wunderlichkeit» nicht begreifen. Er vertrat die Ansicht, alles müsse vernünftig sein. Die Vernunft gebietet, die Welt kennen zu lernen. Mutter willigte nur deshalb ein, ihn zu begleiten, weil die «Instanzen» es verlangten (das hatte er ihr gesagt). Ich bin bis heute nicht sicher, ob wirklich nur die Launen der Politik sie länger in Amerika festhielten oder ob Vater das insgeheim so geplant hatte, wie er mir später mehrfach andeutete. Übrigens hielt er Lügen bei niemandem für verwerflich. Ein Herzinfarkt beendete seine Karriere, als ich siebzehn war, und danach konnte ich über ihn denken, was ich wollte. Ich hatte es nicht eilig, Schlüsse zu ziehen. Aber es erschien mir immer sonderbar, dass ich, kaum geboren, das Leben erst als vagen Traum erahnend, den halben Planeten umrunden musste, um mich selbst zu finden, auf einem Gartenweg, vor Großvaters Haus, kurz vor einem Gewitter, an das ich mich nicht mehr erinnere.
Das Haus war solide gebaut, noch vor dem Krieg, und hatte die Okkupation überstanden. Ein Bombensplitter hatte eine Fensterscheibe zerbrochen und die Tür der Anrichte durchbohrt. Zu meiner Zeit waren die Fensterscheiben natürlich alle wieder heil und die Tür repariert, nur innen gab es noch ein paar abgesplitterte Stellen, die ins Auge fielen, wenn jemand die Seite öffnete, wo das alte Steingutgeschirr aufbewahrt wurde. Darin bedrängte eine Reihe von Flaschen mit Medizin und Wodka einen bauchigen Krug, der immer leer war, außerdem hingen dort Kräuterbündel für Likör. Die Kräuter sammelte Großvater selbst im Wald. Auch der Wald war alt und riesig; er verlor sich irgendwo in Polen (vielleicht auch in Ungarn, in Geographie war ich schwach) und reichte bis dicht ans Dorf. Vom Garten aus sah man die dunkle Reihe seiner Wipfel, die dunkler und näher wirkten, als sie in Wirklichkeit waren. Selbst in der ukrainischen Mittagshitze schien von den jahrhundertealten Kronen dunstige Feuchtigkeit herüberzuwehen. Ihr Duft staute sich im Schuppen, wo Großvater Holz hackte und lagerte. Vor dem Schuppen liefen Hühner herum. Unterm Dach war ein Heuboden.
Großvaters Hof wurde von Jahr zu Jahr größer und erschien mir gewaltig an jenem ersten Tag im Garten, als ich mir meiner selbst bewusst wurde. Ich kann nicht sagen, warum das gerade hier geschah. Vielleicht hatte die schwüle Gewitterluft für einen Augenblick meinen Verstand erhellt, ihn auf eine besondere Weise geweckt oder verdichtet, sodass ich alles überdeutlich wahrnahm und mir einprägte – für immer und ewig: die Blumen im Beet links vom Gartentor, mich selbst, wie ich auf krummen, unsicheren Kinderbeinen daran vorbeistapfte (meine Hilflosigkeit schreckte mich nicht), während sich ringsum alles anschickte, in warmer rosa- und purpurroter Finsternis zu versinken, und der Rand einer schwarzen Wolke hinter der wilden Birne gegenüber der Haustreppe hervortrat. Dann alterte und verfiel das alles allmählich, war von Jahr zu Jahr, wenn ich aus der Hauptstadt wieder zu Großvater kam, ein wenig geschrumpft, als sei die Zeit zuvor rückwärts gelaufen, hier aber auf ihre gewohnte Bahn zurückgekehrt, und mir schien sogar, dass eben deshalb mein Herz jedes Mal auf eine besondere Weise schmerzte, wenn ich nach dem langen Winter erneut den Weg entlang nach Hause eilte, zu Großvaters Anwesen.
Meine Kindheit war nie arm und entbehrungsreich, es fehlte mir an nichts. Im Gegenteil. Ich vermochte kaum alles zu fassen, was ich um mich herum vorfand, und spürte darum bereits sehr früh das verräterische Wesen der Dinge: Sie veränderten sich zu schnell, schneller, als ich wollte. Kein Wunder, dass ich keine Langeweile empfand. Was machte es, dass ich allein war!
Großvaters Garten fiel zum Fluss hin ab. Der Fluss hatte einen sandigen Grund, war hell und seicht und immer kalt, selbst in der Julihitze. Die Nachbarhöfe zierten die Umgebung mit einem bunten Durcheinander von Dächern, Kronen von Apfel- und Birnbäumen sowie Blitzableitern, die von weitem aussahen wie in Moos gesteckte Nadeln. Flussabwärts befand sich ein Weiher mit weißen Wasserlilien und einem aus Brettern gezimmerten Wehr. Großvater sagte, früher sei hier eine Mühle gewesen. Sie ist im Krieg verbrannt, wie alle ihre blassen Abbilder, die in Filmen immer wieder so gern heraufbeschworen werden. Hinter dem Wehr wurde der Fluss zum Fließ und mündete in einen anderen großen Fluss, dessen Namen ich sogar in alten Chroniken fand. Dieser Fluss gab dem Dorf seinen Namen.
Großvaters Haus beherrschte den Hof und war zugleich das größte in der ganzen Straße. Der Garten umschloss es völlig, vermochte es aber nicht zu verbergen. Doch die Sträucher wucherten bis dicht an die Hauswände – Flieder an der Veranda, eine Akazie vorm Kinderzimmer, Wein zwischen den Fenstern von Ess- und Schlafzimmer – und nachts, in der Dunkelheit, wirkte das ganze Anwesen wie ein formloser Koloss, nur oben scharf umrissen von den Dachflächen. Tagsüber war es in den Zimmern kühl, die Sonne drang nur mühsam durch das Laub, und ich lief höchstens hinein, um in der Küche aus einem Emaillebecher einen Schluck eiskaltes Brunnenwasser zu trinken. Der Vorrat wurde immer mit großem Eifer aufgefüllt, obwohl der Brunnen sich gleich auf dem Nachbarhof befand, der durch eine eigens eingerichtete seitliche Pforte zu erreichen war. Mehr hatte das Haus tagsüber für mich nicht zu bieten.
Ganz anders der Garten und der Schuppen. Die brütend heiße Luft flirrte über dem Gras, über den Beeten, sog betäubenden Duft aus der Kapuzinerkresse und dem Phlox, dessen Blüten überdies Regenwasser enthielten – jede Blüte einen Tropfen –, und wenn man sie auf der Zunge zerdrückte, weckte das süße Gift eine brennende Gier nach etwas, das ich noch nicht benennen konnte. Im Schuppen lagerte neben Brennholz auch das gesamte Werkzeug des Haushalts. Hier roch es nach Honig und Teer. Harken stellten mir tückisch ihre Zinken in den Weg, hin und wieder sprang ein dünner Stiel plötzlich tänzelnd aus der Ecke hervor, aus der Gemeinschaft von seinesgleichen, die jedoch reglos verharrten (Spaten und Schaufeln neigten nicht zum Beinstellen). Da hieß es rechtzeitig zurückspringen. Die Werkbank war gefährlich, weil man sich Splitter einreißen konnte, zog mich aber unwiderstehlich an wegen des Sammelsuriums lockiger alter und frischer Hobelspäne, für die ich unbedingt eine Verwendung finden wollte. Büchsen mit Nägeln, ein Satz Gewichte, schwarzgelbe Waben mit einer toten Biene, ein Zerstäuber und ein alter, mit Spinnweben überzogener Destillierkolben – Großvater hatte einmal chemische Experimente gemacht –, unzählige solcher Schätze gab es im Schuppen, und ich kam oft aus dem hellen Sonnenschein herein, stand lange da und betrachtete sie, worüber Großvater sich sehr wunderte. Nie nahm ich etwas von seinen Sachen, wie ich auch nie Blumen abbrach, außer vielleicht mal eine Phloxblüte, aber selbst das nur selten. Ich ahnte vielleicht doch schon vage, was ihr Gift andeutete. In der hinteren Ecke des Schuppens, über alten Bienenkörben mit Blechdach und dunklem Schlitz, hingen Ruder an der Wand. Weiß und blau gestrichen, an den Holmen abgewetzt, weckten sie in mir im Lauf der Jahre unterschiedliche Emotionen: Das Boot war nicht immer fahrtüchtig. Mal war eine Seite morsch, mal das Heck, meist aber der Boden, sodass Großvater es langwierig reparierte und teerte, wenn er überhaupt Zeit dafür fand. Davon hing das Schicksal meiner Flussodysseen ab; wenn ich zu Großvater kam, erkundigte ich mich als Erstes: Was macht das Boot? Ich erinnere mich nicht mehr, wie alt ich war, als mir zum ersten Mal erlaubt wurde, allein zu rudern.
Die amerikanische Kleinstadt, in der ich jetzt lebe oder leben muss, im Exil, wenngleich freiwillig, liegt hundert Werst südlich von New York und trägt einen ausgefallenen Namen: Riverband. So würde man in Russland vielleicht eine Straße nennen, aber hier herrschen andere Sitten. Einen Fluss gibt es übrigens wirklich irgendwo, allerdings habe ich ihn bisher nie aus der Nähe gesehen. Er versteckt sich im niedrigen Walddickicht von New Jersey, das ich nicht zu durchqueren vermag. Außerdem fürchte ich, Grenzen von Privatgrundstücken zu verletzen, und ich möchte auf keinen Fall in fremdes Gebiet eindringen. Mit Grenzmarkierungen kenne ich mich nicht aus. Das betrifft den gesamten Raum meiner zufälligen Heimat. Er ist anders strukturiert, als ich es gewohnt bin, hat seine eigene Geographie, die mir nicht vertraut ist. Der Mensch verschandelt die Welt. Der Mensch ist selbst eine Verschandelung der Welt, und darum bemühe ich mich, nach Möglichkeit vorgezeichnete gerade Wege zu benutzen.
Meine Stadt bietet mir dafür jede Menge Gelegenheit. Sie besteht aus einstöckigen Gebäuden, die wie in Zellen angeordnet sind; die Zellen entstehen durch die Straßenkreuzungen, und mein Haus steht an einer Kreuzung. Dem Hauseingang gegenüber steht ein Hydrant, eins dieser Gebilde, die Nabokov so fürchtete. Wenn man um die Ecke biegt, an der ein Hybridstrauch wächst, und dann die Straße immer weiter hochläuft, nach Norden, stößt man bald, nach einem Quartal oder Häuserblock, wie man hier sagt, auf eine Bushaltestelle. Eine Stunde Busfahrt, dann drei Häuserblocks die 42nd Street entlang, nicht zum Meer – dessen Geruch man manchmal in der Luft spürt, selbst im Winter –, sondern in die entgegengesetzte Richtung: das ist alles, was der russische Buchverlag in New York von mir verlangt. Ich verfasse Anmerkungen. Fertige Übersetzungen an. Korrigiere Fahnen. Wir verlegen Angelsachsen auf Russisch und Russen auf Englisch. Augenblicklich sitze ich an jenen Anmerkungen zu E.A. Poe.
Läuft man dagegen, aus dem Haus gekommen, nach Westen, vorbei an den schräg zum Bürgersteig geparkten Autos, die auf dieser heimlichen Hauptstraße der kleinen Stadt sehr zahlreich sind, dann liegt rechter Hand eine sich über mehrere Häuserblocks erstreckende Geschäftsstraße mit kleinen Läden, Kiosken, Büros von Verleih- und Reparaturfirmen, Cafés und Pizzerien, kurzum, dem ganzen Handel und Wandel, der in Europa ein lärmendes Dasein führt, hier dagegen zu schlafen oder verödet zu sein scheint, obgleich Neonlettern Tag und Nacht verkünden: open. Dennoch ist nachts alles geschlossen, das weiß ich als Russe, der in seiner Schlaflosigkeit Ablenkung sucht.
Mein Lieblingsladen ist das bescheidene Antiquariat mit einer amüsanten Spezialisierung: Philosophie, Poesie und Judaika – in der Stadt gibt es viele Synagogen. Der Inhaber ist ein dunkelhäutiger Amerikaner mit Schläfenlocken; ein Sombrero würde besser zu ihm passen. Er ist ein Meister der Preisnachlässe, die ihn meiner Ansicht nach schon längst ruiniert haben müssten. Doch er hält sich noch immer über Wasser. Er heißt Luke. Ein Glöckchen über der Tür meldet jeden, der hereinkommt; neben dem Ladentisch mit der Kasse stehen zwei, drei kleine Tische, an denen man Kaffee trinken kann, und überhaupt ist alles wunderbar. Die Kaffeemaschine bedient er selbst. Ich gelte hier als Stammgast, darum bin ich mit ihm näher bekannt. Das äußert sich gelegentlich in gegenseitigem Schulterklopfen, zum Beispiel zu Neujahr. Einmal fragte ich ihn, ob er den Fluss schon mal gesehen habe. «Natürlich», antwortete er sofort. «Ich habe viele Flüsse gesehen.» Ich fragte nicht weiter und klopfte ihm auf die Schulter. Er lächelte breit und verkaufte mir zu einem Spottpreis Thomas von Aquins «Summa contra gentiles». Der Titel hatte ihn wohl in die Irre geführt: Als er selbst den Band kaufte, dachte er vermutlich, «gentiles» heiße «Goi».
Was den Fluss meiner Kindheit anbetrifft, jenen einzigen Fluss des ukrainischen Sommertages, so lag er dicht bei Großvaters Haus, fast auf seinem Hof. Ein Stück stromauf machte er einen weiten, ausschweifenden Bogen – wie bei Hoffmann (Viktor, nicht Ernst Theodor Amadeus) –, und dort war er seichter und schmaler; er umspülte die morschen Trägerbalken von breiten Bootsstegen, die an offene Veranden oder Flöße erinnerten. Darauf knieten Hausfrauen und wuschen Wäsche, wobei sich vom Waschpulver violett gefärbte Kreise ausbreiteten, in denen man bei einiger Anstrengung einen trüben Regenbogen schillern sehen konnte. Flussabwärts, zum Weiher hin, waren keine Stege. Der Weiher war von Schilf und Eselsdisteln umsäumt: Der Fluss hatte einst eine Wiese überflutet. Der Grund war sumpfig; um die ersten Seerosen sammelte sich Entengrütze. Die Ruder verfingen sich unter Wasser in den Stielen, man musste langsam und vorsichtig rudern oder die Riemen aus den Dollen nehmen, ans Heck gehen und mit dem kurzen Steuerruder manövrieren, abwechselnd mal links, mal rechts. So ruderte ich am liebsten. Großvaters Gehöft hinter mir, vor mir den Weiher, und links, wo das Ufer eine kleine Landzunge bildete, die dunklen Umrisse eines fremden Anwesens, das ich im Stillen immer «Die Trauerweiden» nannte.
Es bildete eine bedeutende Ausnahme unter den Häusern und Gärten der Gegend. Schon äußerlich hob es sich entschieden von ihnen ab. Die Kätzchen und Weiden, die bis zum Wasser hinunter wuchsen und auf der Straßenseite bis zum Tor, bildeten eine Art grüne Kuppel, und bei ihrem Anblick begriff man schnell, dass es in diesem Garten keine Gemüsebeete oder andere Nutzpflanzen, etwa Obstbäume oder -sträucher, geben konnte. Dort herrschte immer Schatten. Das Haus lag gänzlich im Schatten verborgen, und alles, was ich im Vorbeirudern erkennen konnte, war ein baufälliger Schuppen, der früher einmal weiß gekalkt, nun aber völlig farblos war. Es hieß, die «Datscha» – so nannten alle diesen Hof – gehöre einer Kinderbuchautorin, deren Bücher ich sogar gelesen hatte. Doch die Schriftstellerin selbst war nie zu sehen. Überhaupt sah man im Garten oder am Fluss nie jemanden; «Die Trauerweiden» wirkten verlassen und unbewohnt. Im Laufe der Jahre hatte ich mich vollkommen daran gewöhnt und wäre wohl sogar enttäuscht gewesen, wenn sich hier etwas verändert hätte, egal was. Denn von Kindheit an verabscheute ich Veränderungen.
Aber war ich denn lange allein? Ich erinnere mich an Erwachsene und Gleichaltrige, mit denen ich bisweilen Zeit verbrachte, doch sie änderten nichts an meiner Einsamkeit, an jener konzentrierten inneren Abkapselung, die ich mir antrainiert hatte. Sie schienen gar nicht zu existieren: Ich weiß, dass sie da waren, aber ich sehe sie nicht. Höre ihre Stimmen nicht. Wohl erst mit Beginn der Schulzeit dringt ein schwaches, undeutliches Stimmengewirr in meine Erinnerung. Allerdings war die Hauptstadt immer ein Feind der Stille und all dessen, was ich liebte, gewesen, und daran hatte ich mich längst gewöhnt. Ganz anders der Vorfall, als eines Sommers mein Boot ganz in der Nähe der «Trauerweiden» von einem fremden, bauchigen Kanu attackiert wurde, in dem ein paar ziemlich grimmig gestimmte, mir fremde Burschen saßen. Ich glaube, nur meine absolute und aufrichtige Verblüffung – ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendetwas in diesem Teil der Welt sich gegen mich erheben sollte – bewahrte mich vor Unannehmlichkeiten. Dennoch schien ich damit aus meinem Schlaf erweckt. Es stellte sich heraus, dass unter den Kindern im Ort einige enge Bekannte bereitstanden, wie Schauspieler hinter der Bühne, sodass ich mich bereits nach einer Woche in der kleinen Gemeinschaft unseres Dorfes vollkommen zu Hause fühlte: ein Umstand, der im Weiteren eine gewisse Rolle spielen sollte. Ich fand heraus und nahm es als selbstverständlich hin, dass die Älteren – die Erwachsenen oder Verwandten meiner Freunde – bestens unterrichtet waren, nicht nur über mich, sondern auch über Großvaters gesamte Familie sowie über meinen Vater. Kurzsichtig wie jeder Städter, maß ich dem keine Bedeutung bei und bekundete auch meinerseits keine Neugier. Ich war eben noch klein.
Das Dorf führte ein ruhiges, träges Leben, das im Laufe von Jahrhunderten gewachsen war. Aus Großvaters Erzählungen wusste ich, dass dieser Eindruck trog, interessierte mich aber auch hier nicht weiter für Details. Mein Bild der Wirklichkeit war mir teuer. Nach meinen Beobachtungen erwachte das gesellschaftliche Leben nur auf Beerdigungen. Unsere Straße lag zentral, darum konnten wir jede Prozession sehen, ohne aus dem Haus zu gehen. Das Orchester, immer dasselbe, aus dem Nachbardorf Migalki, kündigte den Trauerzug schon von weitem an. Ein klappriger LKW, mit Kränzen und dem Sarg beladen, kroch den Angehörigen des Toten voran, wobei die Blechbläser des Orchesters zwar den Motor übertönten, nicht aber das Heulen der Hunde, denen die Trompeten das Herz zerrissen. Großvater ging gemessenen Schrittes hinaus, um sich zu erkundigen, wer beerdigt wurde, und das Gleiche taten alle Nachbarn. Der Tod zeigte sich in seinem alltäglichen, nicht übermäßig grausigen Gewand – das Furchteinflößendste war für mich, ebenso wie für die Hunde, immer das Orchester –, und der gemütliche, anheimelnde Friedhof bestätigte diesen Eindruck. Der Friedhof war neu. Der frühere, auf dem dürftige Kreuze standen und kaum Grabsteine, längst von allen Seiten vom gewachsenen Dorf bedrängt, war geschlossen worden. Findige brave Dörfler hatten darauf einen Gemüsegarten angelegt; zwischen den Gräbern lagen Beete. Dafür war der neue Friedhof, etwas außerhalb am Waldrand gelegen, bunt und gepflegt; die Grabsteine waren von verschnörkelten schmiedeeisernen Zäunen umfriedet, die stets hell gestrichen waren, blau oder salatgrün; der protzige schwarze Obelisk am Beginn der zentralen Allee, aufgestellt aus gewaltigem Snobismus oder vielleicht aus maßloser Trauer war das einzige Schauerliche an diesem Ort – er stellte den Toten in voller Lebensgröße dar, sodass man in der Dämmerung davor erschrecken konnte. Hierher kamen wir selten: Verwandte «besuchen», über die ich gerüchteweise viele sonderbare Dinge erfahren durfte, die ich selbst jedoch nie kennen gelernt hatte. Großvater erzählte mitunter ihre Geschichten, allerdings widerstrebend und mürrisch; das meiste davon hielt er für «Weibergewäsch». Ich teilte seine Ansicht. Beerdigungen fanden höchstens zweimal im Monat statt und gehörten auf diese Weise mit vollem Recht zu meinem Lebenskreis. Übrigens unterschieden sich Beerdigungstage von allen übrigen durch ein besonderes, leicht würziges Aroma, vom Gedächtnis gewissenhaft festgehalten; deutlich sehe ich mich am Tor stehen, es ist Juli, Mittag, mein Milchzahn wackelt, droht jeden Moment herauszufallen, die Straße ist voller Menschen, es ist heiß, und an mir vorbei gleitet ein roter Sarg, der von oben aussieht wie eine Festtafel, auf der zwischen weißen Servietten eine tote Hand liegt.
Ich war zehn oder vielleicht elf, als ich zum ersten Mal mich selbst und meine Erinnerungen losgelöst voneinander betrachtete. Zuvor war beides eine chaotische Einheit gewesen, die sich der Zeit und jeder geordneten Abfolge von Handlungen oder Markierungen widersetzte. In diesem Jahr war ich früher gekommen als sonst, bereits im Mai; die Apfelbäume blühten. Großvater hatte gerade das Boot frisch geteert. Doch ich hatte es nicht eilig, die Ruder von der Wand zu nehmen. Meine Ankunft zelebrierte ich seit langem wie eine Art geheimes Ritual, ich kann nicht erklären, wie es entstand und wozu es nötig war: zuerst machte ich eine Runde durch Haus und Hof, schaute hinter den Schuppen, wo zwischen Himbeersträuchern das Toilettenhäuschen stand, dann ging ich hinunter zum Brunnen und weiter zum Fluss, kehrte auf das Anwesen zurück und betrachtete eine Weile den verblühten Phlox vorm Haus. Großvater trat heraus und rief mich zum Essen, es war Mittag. Von ihm erfuhr ich, dass am Sonnabend, also bereits am nächsten Tag, meine ältere Cousine Ira für zwei Tage aus Kiew zu Besuch kommen würde.
Ira war die Despotin der Familie und setzte mit ihrem Eigensinn fast der ganzen Sippe heftig zu, darunter auch Großvater. «Nichts als Flausen im Kopf», hieß es über sie am häufigsten. Nach Meinung der Älteren war sie unstet und verschlagen. Die Rede war auch von anderen Sünden, die zwar in meiner Gegenwart nicht weiter erörtert wurden, über die ich aber dennoch genauestens Bescheid wusste, nämlich aus erster Hand, denn ich verstand mich gut mit ihr. Auch diesmal freute ich mich darauf, sie zu sehen. Großvater dagegen war barsch und nervös.
Ich stellte fest, dass es im Haus während meiner Abwesenheit einige Veränderungen gegeben hatte. Eine davon betraf mich persönlich: Im Kinderzimmer, das ich immer bewohnte, stand nun Großvaters Schreibtisch, ein Gegenstand meiner steten Neugier. In meiner Seele – in ihrem geheimsten Winkel – nahm er etwa den gleichen Stellenwert ein wie die Anrichte. Doch er war rätselhafter und unerreichbarer, für mich jedenfalls. Ich kannte nicht einmal die Hälfte der Namen aller Dinge, die darin aufbewahrt wurden, besonders in den Schubfächern, die gewöhnlich abgeschlossen waren. Wenn sie aufgeschlossen wurden, hatte ich Gelegenheit, über Großvaters Schulter hineinzuschauen, doch davon, etwas in die Hand zu nehmen, konnte ich nur träumen. «Das is kein Spiel nich»[*], erklärte Großvater in solchen Fällen lakonisch. Doch das war wohl geschwindelt. Denn vieles von dem, was ich erkennen konnte, war eben das, nämlich Spiel: Patiencekarten, Lottosteine, eine Schachtel Zündblättchen für einen französischen Theatercolt, den vermutlich sogar mein Vater ihm mitgebracht hatte. Auf den Zündblättchen war ein stilisiertes Blatt abgebildet, das an eine Pik-Karte erinnerte. Aber Großvater blieb stur. Nur selten und widerwillig gab er mir für kurze Zeit etwas aus seinem Schreibtisch, beispielsweise eine Lupe, mit der man Muster brennen konnte, oder Tusche und eine Feder, prüfte hinterher streng, ob die Dinge auch unversehrt waren, und legte sie stets selbst zurück. Im Schreibtisch, ob in den Schubfächern oder hinter den Seitentüren, herrschte mustergültige Ordnung, die nicht ganz zum Zustand auf dem Tisch passte. Hier war Großvater weniger streng. Eine Lampe mit einem nackten Amor, der auf den drallen Knien eine Charta hielt, vermutlich eine Liste seiner Eroberungen, eine dazu passende bronzene Schreibgarnitur, ein Barometer und ein hölzernes Papiermesser verschwanden oft unter einem Stapel Zeitungen und Zeitschriften, von denen die untersten bereits vergilbten. In der Mitte des Tisches beschwerte eine Glasscheibe das blaue Tuch, darunter lagen Fotos: das Album der ganzen Familie. Großvater achtete darauf, dass niemand vergessen wurde. Tote ebenso wenig wie Lebende. Selbst die ungeliebte Ira war vertreten, auf einem rauchgrauen Foto, mit einer so braven Miene, wie ich sie im Leben noch nie bei ihr gesehen hatte. Die Aufnahme zeigte sie am Tag ihres Schulabschlusses der achten Klasse. Sie trug ein Kleid, eine Haarschleife und eine Schürze mit breiter, handgehäkelter Spitze. Sie war hübsch auf diesem Foto, und ich wusste, dass sie just an diesem Tag dem Nachbarsburschen, dem Schmied, den Kopf verdreht hatte. Seitdem machte sie sich immer offen über ihn lustig. Übrigens habe ich sie mehrmals in der Dämmerung zusammen spazieren gehen sehen. Vor mir versteckten sie sich nicht: Mir waren sie gleichgültig.
Der Tag schwand allmählich, Abendlicht erhellte das Zimmer. Außer der Liege, auf der ich schlief, gab es hier noch eine Ledercouch mit einem Schubfach für Wäsche unter den Sitzen. Wahrscheinlich, weil der Schreibtisch wie immer abgeschlossen war, hockte ich mich hin und zog das Schubfach auf. Die Wäsche war säuberlich gestapelt. In einer leeren Ecke lag traurig ein Stoß von Ira und mir längst ausgelesener Kinderbücher. Daneben schlummerte zusammengekauert Iras winziges armseliges Puppenreich: zwei Püppchen beiderlei Geschlechts, den Frisuren nach zu urteilen. Die Puppe Sweta in einem ziemlich schmutzigen Kleid hatte Spuren von Make-up auf Lippen und Wimpern und ekstatisch verdrehte Augen. Diverser Spielkram und nur eine einzige Neuheit: eine aus alten Postkarten gebastelte Schachtel in Form einer Couch, ebenfalls mit einem Schubfach unter den Sitzen, in dem man vielleicht eine Flasche Parfüm verstauen konnte. Das gefiel mir, so geriet die große Couch nämlich zu einer Art riesigen Matrjoschka oder zur Endlosschachtel wie bei Lewis Carroll; eigentlich mochte ich ihn nicht leiden, weil mir seine Sujets vorkamen wie ein Scharlachtraum, dem man hilflos ausgeliefert ist, ohne das Geringste zu verstehen … Seufzend schloss ich die kleine und die große Couch. Dann wurde es Abend.
Ich weiß nicht, warum ich bei diesem letzten Punkt meiner Kindheit zögere, aber irgendetwas hält mich zurück. Etwas befiehlt mir, mich an die Kälte jener Mainacht zu erinnern, die in die Veranda drang, wo ich im trüben Licht der «Sparlampe» neben dem grünen Auge des Radioapparats vorm Schlafengehen mit Großvater Kräutertee trank. Großvater war in eine Zeitung vertieft, ich las die Aufschriften auf der unteren Leiste des Radios, unter der ein roter Pfeil hin- und herkroch, ohne natürlich jemals etwas anderes zu empfangen als die Hauptstadt und Kiew. Doch die gelben Aufschriften verhießen eine richtige Kreuzfahrt: Stockholm, London, Athen, Paris. New York – der Name der Heimat. Als sei ich in der Fremde. Ich lachte spöttisch über das Radio. Großvater ging auf den Heuboden schlafen, ich schloss das Haus ab und löschte das Licht. Ich glaubte, ich würde sofort einschlafen. Ich irrte: Dies war die Nacht, in der ich die Angst kennen lernen sollte.
Lukes Café war leer – nur ein Besucher mit Schläfenlocken wie der Ladeninhaber blätterte in der Ecke behutsam in einem Folianten. Luke freute sich über mich, beinahe noch mehr als sonst. «Aha, Mister, mal sehen», sagte er, wobei er geheimnisvoll tat und mir zuzwinkerte, «ob das, was ich hier für Sie habe, nach Ihrem Geschmack ist.» Gewandt wie ein Zirkusartist (ein Klischee aus dem Handel, nicht aus der Literatur), zog er ein Buch unter dem Ladentisch hervor und reichte es mir. Es war Ambrose Bierce, ein Sammelband mit Gedichten und Erzählungen. Nach der schlaflosen Nacht wäre mir eine Tasse Kaffee ehrlich gesagt lieber gewesen. Aber ich tat natürlich, als freute ich mich.
In Wahrheit hegte ich nie eine Leidenschaft für Autoren wie Lovecraft, Bierce oder Howard. Ihre Schrecken erschienen mir immer allzu künstlich, um mehr zu sein als bloße Staffage. Hamlet senior beispielsweise – wenn man denn nach Vergleichen sucht – ist weit schauerlicher als sie, und auch Tolstois Vampir ist vollblütiger als ihre blassen phantastischen Figuren, hinter denen, so genau man auch hinschaut, nichts Reales hervorschimmert. Ganz anders bei Poe. Nicht umsonst scherzte er in seinen langweiligsten Erzählungen immer wieder: eine klägliche Grimasse, hinter der sich die Wahrheit kaum verbergen lässt. Aber dank Luke – er hatte sich irgendwann einmal beiläufig nach dem genauen Ziel meiner Fahrten nach New York erkundigt – und auch wegen der Vorliebe unseres Verlages, der im Übrigen immer den Geschmack des Marktes bediente, hatte sich bei mir zu Hause eine ganze Bibliothek derartiger Bücher angesammelt. Für Amerika konnte sie wohl als recht solide gelten. Aber russische Emigranten neigen eben wie Brandopfer generell dazu, jeglichen Kram aufzuheben. Hin und wieder, wenn ich vorm Einschlafen in dem einen oder anderen Buch blättere, entdecke ich (als Spezialist bei einem Dilettanten) einen geschickten Zug, einen Rhythmus, sogar eine Beschreibung von Gefühlen, die mir allzu vertraut, dem Autor selbst aber vermutlich fremd sind. Bierce allerdings mag einiges selbst erlebt haben. Was Lovecraft angeht, so beruht sein literarischer Erfolg auf einem Kunstgriff, der seinen ganzen Stil ausmacht – einem Trick, den anschließend eine ganze Meute von Vertretern dieses Genres übernahm, der aber selbst dann nicht die spielerische Fähigkeit einbüßte, das Vage jedes Albtraums vor dem Hintergrund der öden Tagesangelegenheiten zu erfassen. «Es (das Geständnis) war unfassbar», schreibt Lovecraft, «aber ich glaubte ihm sofort unbesehen. Ich weiß nicht, ob ich ihm jetzt noch glaube» – so die Formel dieses Kunstgriffs. Wir wollen ihn «Enduastos» (Zweifel) nennen und uns merken.
Ira kam am Morgen. Ich erwachte sofort – sie klopfte an die Tür –, aber es war schon zu spät. Ich lief zur Tür, meine Füße tappten auf dem Boden. Es belustigte sie, dass ich nur ein Nachthemd trug, keine Hosen: «Wie ein Mädchen!» Das ganze Haus war sogleich erfüllt von ihr. Sie zog im Wohnzimmer die Vorhänge auf, die Sonne vergoldete den Staub unterm Tisch, Großvater eilte von der animal farm (dem Hühnerhof) herbei, und ich versuchte zu begreifen, ob das, was ich in der Nacht erlebt hatte, wirklich geschehen war.
«Du hast allein geschlafen? Im Haus?», fragte Ira plötzlich und bedachte mich mit einem seltsamen Blick. Wir traten in den Flur hinaus. Der kupferne Stiefelknecht reckte seine dicken Fühler aus dem Schuhregal hervor. Der Enduastos ließ mich erröten. Ich blickte schräg nach unten, auf den Stiefelknecht. Großvater kam herein und ersparte mir die Antwort. Ira und er küssten sich flüchtig. Schon fünf Minuten später war er finster und knurrte vor sich hin, gefasst auf Iras Streiche und unzufrieden, weil sie allein, ohne zu fragen, den Frühstückstisch gedeckt hatte und dabei im Garten so viel Grünzeug gepflückt hatte, wie ihr in die Hände geraten war – übrigens zu Recht, denn wir aßen umgehend alles auf, vom Knoblauch bis zum Salat, und Rührei, auf ukrainische Art mit Speck gebraten. Es war ein heißer, regloser Tag. Ira ging zum Fluss rauchen. Ich trottete hinterher, gepeinigt von Zweifeln, die nicht nachließen, wenngleich ich zweifelsfrei wusste (wogegen ich aber innerlich zu rebellieren versuchte), dass das kein Traum gewesen war. Doch wirkte es ebenso befremdlich zu wissen, dass das wirklich war.
Es war eine uralte Geschichte. Soweit ich mich erinnere, fürchtete ich mich nie vor der Dunkelheit. Anders als Herrn Galandos Neffe bei de Régnier empfand ich abends in meinem Zimmer keine Angst. Zudem war das Schlafzimmer, in dem ich die Nacht verbracht hatte, der mir am meisten vertraute Raum in Großvaters Haus. Dennoch hingen gerade damit vage Gerüchte in unserer Familie zusammen. Ich hatte sie zuvor schon oft gehört, ihnen aber keinerlei Beachtung geschenkt, sodass ich mich nun mühsam zu erinnern versuchte, was genau erzählt wurde, dieweil ich Ira – vielleicht wegen ihrer allzu wachen Neugier – nicht fragen konnte. Das Boot schaukelte an der Leine. Ich setzte mich ans Heck und beobachtete die Paarung zweier Fliegen. In meinem Kopf lichtete sich allmählich etwas.
Ich wusste, dass meine Mutter genau wie ich von Kindheit an in diesem Zimmer gewohnt hatte. Die Liege, eine andere als jetzt, aber ebenfalls groß, hatte auch damals an derselben Stelle gestanden (genau gegenüber der Couch). Darauf schlief die Mutter zusammen mit ihrer Schwester, meiner Tante, Iras Mutter. Die Sitten des Dorfes trennten die Kinder nachts nicht. Worüber sie vorm Einschlafen tuschelten, weiß der Himmel, aber ich denke, von ihrer Schwester hörte meine Mutter zum ersten Mal, dass es im Haus ein Spukgespenst, eine Mara gab. Die Schwester war älter als meine Mutter. Eines Tages musste sie nach Kiew fahren. In dieser Nacht hörte Großvater meine Mutter schreien, lief zu ihr und fand sie mit dem Kopf unterm Kissen. Zitternd und weinend, wie es sich für ein junges Mädchen gehört, erzählte sie, dass sie im Dunkeln ein Gespenst gesehen habe. Großvater lachte sie aus, verstummte jedoch, als von einer großen Frau in einem weißen Kleid mit Hohlsaum die Rede war. Der Wilkie Collins aus der Dorfbibliothek, der am Abend eifrig gelesen worden war und noch am Kopfende schlummerte, mochte schuld gewesen sein an dem Albtraum, zumindest der Illustrator seines Buches; ob es noch andere, geheimnisvollere Gründe gab (das Tuscheln der Schwester, ihre Abreise), sei dahingestellt, jedenfalls hatte meine Mutter in dieser Nacht die Frau in Weiß gesehen. Und ebendiese Frau hatte vor einigen Stunden in der vormorgendlichen Dunkelheit lautlos die Schwelle meines Schlafzimmers überschritten.
«Weißt du was?», fragte Ira, schleuderte die Kippe genau zwischen zwei Seerosen und reckte sich. «Ist das eine Hitze! Auf dem Boden liegen Sonnenblumen vom letzten Jahr. Ich hab Lust auf Sonnenblumenkerne. Kommst du mit?»
Ich kletterte wortlos aus dem Boot.
Der Boden war verbotenes Terrain, dort hinauf führte eine Treppe aus der Kammer, die eiskalt war wie ein Keller. Auf Regalen an den Wänden standen Krüge, bauchige alte Flaschen aus grünem und blauem Glas, nun allerdings staubgrau. Außerdem Gläser mit Öl, mit Marmelade, mit eingekochten Johannisbeeren und Himbeeren. Großvater, der nur selten krank war, kurierte sich lieber damit als mit der Medizin aus der Anrichte. In den Ecken hingen Zwiebeln. Die Treppe endete an einer quadratischen Luke mit einer schweren Klappe, deren Ränder mit Filz bezogen waren und die nur mit einiger Kraftanstrengung zu öffnen war. Spärliches Licht drang auf den Boden durch zwei schmale Fenster, die zudem auf der Straßenseite von den Ästen der Pflaumenbäume verdeckt wurden. Um hinauszusehen, musste man das Schiebeglas herunterlassen. Hier in der braunen Dunkelheit unter den Dachschrägen gab es vieles, mit dem nicht zu scherzen war: Das war in der Tat kein Spiel nich. Hier stand eine Truhe mit Großvaters kompletter Jagdausrüstung, vom Pulver bis zum Ladestock, ausgenommen lediglich die Doppelflinte selbst, die hing über Großvaters Bett; eine weitere Truhe mit Giften; ein Vorrat an Spiritustabletten, Siphons mit Petroleum. Petroleumlampen aller Art – von «taillierten» Hauslampen mit schmalem Fuß und Lampenschirm über dem Glas bis zu einer tragbaren Lampe in einem Käfig aus Eisendraht – standen in Reih und Glied. Alte Dochte streckten die Zunge aus ihrem Schlitz. Einzeln lagen verstaubte abnehmbare Glaskolben herum. Bloß Sonnenblumenkerne gab es nicht, und Ira zog mich am Ärmel fort. Doch ich verweilte noch einen Augenblick vor einem kleinen Astrolabium und einem in jeder Hinsicht ungefährlichen Grammophon, dessen Nadel längst verloren gegangen war. Wir gingen zurück zum Fluss.
Ich erinnere mich nicht, wann ich die Ruder aus dem Schuppen holte. Dafür erinnere ich mich gut an den Schuppen selbst und sein warmes Dunkel, in dem keine toten Damen aufzutauchen drohten. Die gleiche friedliche Finsternis war mir, wie ich heute weiß, auch auf dem Boden so angenehm gewesen. Ich machte noch einen Abstecher zum Klosett, dann war ich bereit zum Auslaufen.
Wir legten sofort ab. Der Boden des Bootes glitt raschelnd durch Entengrütze und tauchte dann in das frische Wasser des Flusses. Ich ruderte ohne Hast. Mit Ira fuhr ich aus irgendeinem Grund immer zum Weiher. Wir hatten Rückenwind; wir passierten die Biegung, und direkt vor uns lagen die «Trauerweiden». Jetzt, in meiner dumpfen Abkapselung, umgeben von fremdem Festland, erscheint mir vieles außergewöhnlich, ich verspüre sogar eine gewisse Bitterkeit im Herzen, wenn ich versuche, mich an die ersten Blicke zu erinnern, die ich damals insgeheim (wie übrigens immer) unter die Kuppel der Weiden warf, die viel zu dicht war, als dass man irgendetwas hätte erkennen können. Doch damals im Boot, mitten auf dem sonnenbeschienenen Fluss, verspürte ich natürlich keinerlei Bitterkeit, obgleich ich missmutig war (die Nacht war nicht spurlos an mir vorübergegangen), sodass Ira sogar beiläufig bemerkte: «Du siehst so finster aus. Ist was passiert?»
Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht sehnte ich mich damals zum ersten Mal im Leben (hinterher neigen wir dazu, das zu vergessen) nach Einsamkeit. Später sehnte ich mich oft danach. Darum weiß ich auch, dass die jetzige abendliche Stille meiner Behausung, meine Unschlüssigkeit vor dem Bücherregal, das Schweigen des Telefons, mit dem ich niemanden anrufen kann, der vage Schmerz in der Brust, besonders vorm Einschlafen, und Lukes Café morgens – dass das alles meine heimliche Wahl war; ein Willensakt, ein ungebührlicher Wunsch. Oder vielleicht bloß ein Irrtum des Verstandes.
«Sieh mal», sagte Ira. «Da ist jemand.»
Wir befanden uns bereits vor den «Trauerweiden». Es war Mittag und brütend heiß. Der Fluss glänzte in der Sonne.
Ich war gerade mit dem Ruder in der Entengrütze hängen geblieben, hatte «einen Krebs gefangen», das Boot drehte sich mit dem Heck zum Ufer, und ich musste den Kopf wenden, um im Ufergebüsch flüchtig ein seltsames graues Wesen zu erkennen, das, wie mir schien, so rasch es konnte davonlief, in die Tiefe des Hofes. Ich begriff nicht, wer das war, doch Ira erhob sich plötzlich von der Bank und rief laut, mit einem durchdringenden Kreischen wie ein Dorfweib, das ihr hin und wieder eigen war:
«Tante Glascha! He, Tante Glascha! Verkauf uns Sonnenblumenkerne! Hast du welche? Verkauf uns welche!»
Da sah ich die Alte.
Das heißt, sehen ist zu viel gesagt, ich erhaschte nur einen kurzen Blick auf sie, wie in einem alten Vexierbild, wo der Ellbogen eines Mädchens plötzlich zu einer Hakennase wird und ihr Haar zu einem Schal. Die Alte drehte sich im Laufen zu uns um, huschte aber sofort in den Schatten.
«Verdammt!», sagte Ira. «Wir müssen zu ihr hin. Leg an.» Sie zupfte ihr Kleid zurecht.
Ich wollte nirgends hingehen – zum Teil auch deshalb, weil ich die Alte erkannt hatte. Das war nicht schwer: Jeder im Dorf kannte sie. Sie war narrig und trank außerdem bis zum Delirium. Über die Ursachen ihrer Verrücktheit gingen die Meinungen auseinander. Die einen sagten, an allem sei der Selbstgebrannte schuld (den setzte sie besser ab als Sonnenblumenkerne); andere – die Alten – erzählten, im Krieg hätten die Deutschen vor ihren Augen ihre ganze Familie erschossen, ihren Mann und ihre Kinder, und sie selbst anschließend vergewaltigt. Mein Großvater sagte, das sei alles Humbug. Bei alldem hatte niemand Mitleid mit ihr, am wenigsten die Kinder. Allerdings wurde sie nicht gehänselt, und Ärger hatte sie nur mit den Erwachsenen: Ein oder zweimal im Jahr wurde sie mit viel Lärm und Geschrei ins Krankenhaus gebracht. Doch das führte zu nichts, bald darauf erschien sie wieder auf den Straßen, sprach mit niemandem, murmelte dafür ständig vor sich hin. Sie trug eine Art Sack, in der Mitte gegürtet, wie ein Kapuzinermönch. Außerdem besaß sie eine uralte Tasche, mit der sie einkaufen ging und (weiß der Himmel wozu) auch in den Wald. Neu war für mich nur, dass sie offenbar bei den «Trauerweiden» wohnte.
Übrigens wurde sogleich klar, dass es nicht ganz zutraf. Wir liefen einen kaum erkennbaren Pfad entlang zum Nachbarhof, vorbei an den Trümmern eines Zauns, der am Fluss längst verfault war, und ließen das Anwesen seitlich liegen. Der Hof war ganz klein und schmal. Zu zwei Dritteln war er mit Unkraut zugewuchert. Bis hier reichte der Schatten der Weiden nicht, sodass das Unkraut total verbrannt und ausgetrocknet war. Auch jetzt herrschte hier pralle Sonne. Das einzige Gebäude – eine weiße Lehmhütte von der Größe einer Sommerküche – war fast völlig verfallen, die kaputten Fensterscheiben blickten finster, aus ihnen quollen Staubflocken wie Watte. Das war die Behausung der Alten. Hier brannte sie vermutlich auch ihren Schnaps: Neben der Treppe türmten sich Flaschen. Eine gänzlich in die Erde eingewachsene Hundehütte, offenkundig seit langem leer, war alles an Nebengebäuden im Hof der Irren. Sie selbst hockte auch hier, die schmutzigen nackten Knie aufgereckt, und durchbohrte uns mit Blicken. Man hätte meinen können, sie hocke schon eine gute Stunde an Ort und Stelle: Sie regte sich nicht. Sie hatte kleine Augen, gelb wie die einer Mumie und so bösartig wie die eines Kettenhundes (vielleicht desjenigen, der früher in der Hütte gelebt hatte?). Doch im ersten Moment zuckte ich zusammen und war erschüttert – zutiefst und für alle Zeiten – vom Anblick ihres weit offenen Schoßes, der nackt war, an den Seiten grau behaart, riesig und, wie mir damals schien, von innen aufgebläht, und den sie keineswegs vor uns versteckte. Ihr Sackgewand hatte sie fast bis zur Brust hochgerafft. Großvaters Erzählungen fielen mir ein. Sie schwieg indessen, obwohl Ira ihre Bitte schon zum zehnten Mal wiederholte. Schließlich rührte sich die Alte.
«Zum Knabbern? Kerne? Zehn Kopeken», sagte sie mit Bassstimme, woraufhin sie sich leichtfüßig erhob, endlich ihren grauenhaften Schoß verhüllte, ins Haus ging und mit einem dicken Glas in der Hand zurückkam, das tatsächlich voller Sonnenblumenkerne war. Ira gab ihr eine Münze.
«Eine milde Gabe für die Arme, eine milde Gabe», murmelte die Alte hastig vor sich hin.
