5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €
Aramin Decourcey – Min für seine wenigen Freunde – mag der beste Dieb in Amberwich sein, und er mag ein Geheimnis haben, das ihm hilft, in der tückischen Welt der aristokratischen Familien und ihrer mächtigen Magieanwender zu überleben, aber er hat eine Schwäche: seine Zuneigung zu seinem Adoptivneffen Harry. Als der Junge zwischen die Fronten gerät, wird Min gezwungen, einen selbstmörderischen Auftrag anzunehmen. Dieser führt ihn ausgerechnet nach Anhaga, einem Küstendorf, das unter der Kontrolle des furchterregenden Verborgenen Herrschers der Feen steht. Min mag sich seiner Cleverness rühmen, aber dieser Fall scheint ihm über den Kopf zu wachsen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lisa Henry
© dead soft verlag, Mettingen 2024
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Anhaga
Cover: Lisa Henry
Bearbeitung: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-735-4
Aramin Decourcey – Min für seine wenigen Freunde – mag der beste Dieb in Amberwich sein, und er mag ein Geheimnis haben, das ihm hilft, in der tückischen Welt der aristokratischen Familien und ihrer mächtigen Magieanwender zu überleben, aber er hat eine Schwäche: seine Zuneigung zu seinem Adoptivneffen Harry.
Als der Junge zwischen die Fronten gerät, wird Min gezwungen, einen selbstmörderischen Auftrag anzunehmen. Dieser führt ihn ausgerechnet nach Anhaga, einem Küstendorf, das unter der Kontrolle des furchterregenden Verborgenen Herrschers der Feen steht.
Min mag sich seiner Cleverness rühmen, aber dieser Fall scheint ihm über den Kopf zu wachsen.
Für Kate, die meine schrecklichen Fantasygeschichten gelesen hat, als ich dreizehn war.
Die Morgendämmerung hinkte lahm heran wie ein schlurfender Bastard und zog das Sonnenlicht einem verkrüppelten Körperteil gleich hinterher.
Min stöhnte und rollte sich mit dem Rücken zum Fenster.
»Du liegst auf meinen Haaren«, sagte jemand.
Min riss seine Augen auf. »Ah«, sagte er.
Er konnte sich vage an die Frau erinnern. An ein geteiltes Lächeln und mehr als einen Drink mit ihr. Und leider nur so vage, dass er sich nicht vorstellen konnte, sich gut angestellt zu haben. Die hochgezogene Augenbraue der Frau bestätigte dies.
Er bewegte sich leicht zurück, damit sie ihre roten Locken zu sich ziehen konnte.
»Aiode«, stellte sie sich vor und hielt ihm eine blasse Hand voller Sommersprossen entgegen. Ihren anderen Arm behielt sie vor ihrer Brust, damit die Decke nicht herunterrutschte, die einen, da war sich Min sicher, wunderschönen Busen verbarg. »Aiode Nettle. Da ich mir sicher bin, dass du dich nicht erinnerst.«
Der Nachname überraschte ihn ein bisschen. Min hatte nicht die Gewohnheit, mit den Begabten zu schlafen. Auch wenn Aiode mit dem Namen, den sie gewählt hatte, wahrscheinlich keinen höheren Rang, als eine Heckenhexe innehatte. Offensichtlich hatte er eine Ausnahme gemacht. Aiode war selbst mit ihrem vom Schlaf zerzausten Haar und dem Kissenabdruck auf ihrem Gesicht wunderschön.
»Aramin Decourcey«, stellte er sich, ihre Hand schüttelnd, vor.
»Das ist ein ziemlicher Zungenbrecher«, meinte sie.
»Ich bin mehr als ein Zungenbrecher, Süße.«
»Das hast du letzte Nacht versprochen«, sagte Aiode. Ihre Augenbrauen wanderten wieder nach oben. »Leider hast du nicht abgeliefert.«
Min war zu verkatert, um wirklich beleidigt zu sein. Er rollte sich zurück und blinzelte zu dem Lichtstreifen, der durch die herunterhängenden Fensterläden drang. Da der Tag in seinen Augen bereits ruiniert war, setzte er sich auf und schwang seine Beine aus dem Bett. Seine Fußsohlen trafen auf den groben Boden der Dachkammer. Sie war günstig, was ihr einziger Pluspunkt war. Das und ihr Blick über die Seitengasse hinter der Taverne namens Footbridge. Die meiste Zeit arbeitete Min von dieser Taverne aus. Seine Arbeit war nicht gerade seriös und er wusste gerne, ob sie ihm nach Hause folgte wie ein zeckenbefallener Streuner. Die Sicht auf die Gasse gab ihm zumindest eine kleine Vorwarnung.
Min sah sich blinzelnd im Raum um.
Hose. Hose, Hose, wo war seine Hose? Er war nicht wirklich ein Gentleman, doch eine Hose musste sein. Er entdeckte sie zusammengeknüllt unter dem Fenster und hievte sich aus dem Bett, um sie zu holen. Er hob sie auf, schüttelte sie aus und zog sie an.
Als er sich umdrehte, um Aiode wieder anzusehen, wirkte es, als hätte sie den Anblick sehr genossen. Doch um sein Ego nicht zu streicheln, sagte sie nichts.
Aber bitte, Min wusste auch so, dass sein Arsch wunderschön war.
Er grinste Aiode an, bückte sich nach seinem Hemd und zog es sich über den Kopf. »Ich würde dich ja gern einladen, zu bleiben und dein Fasten mit mir zu brechen, aber«, er umschloss den Raum in einer Geste, »wie du sehen kannst, habe ich weder eine Küche noch Essen.«
»Selbst wenn du beides hättest, würde ich ablehnen«, erwiderte Aiode und ließ ihren Blick kritisch über den verschmierten Boden, die Spinnweben in der Ecke der wasserbefleckten Decke und die Sammlung leerer Flaschen im Raum wandern. »Man erwartet mich im Schrein zurück.«
Der nächstgelegene Schrein, den Min kannte, war der der Heiligen Quelle. Also war Aiode auf jeden Fall eine Heckenhexe. Von allen Begabten waren die Heckenhexen am wenigsten fragwürdig. Grundsätzlich waren ihre Kräfte gutartig und in der Natur begründet. Sie halfen mit guten Ernten und Regen. Auch wenn sie meist in der Stadt angesiedelt waren, reisten sie regelmäßig aufs Land und boten ihre Dienste den Farmern des Königreichs an. Der Rest der Begabten sah auf die Heckenhexen herab, was in Mins Augen ein Argument für sie war. Wenn auch das einzige.
»Also dann«, sagte Min.
»Also«, echote Aiode ihre Augen verengend.
Min tat so, als würde er ein Buch interessant finden, das Harry hatte liegen lassen. Harry und seine verdammten Bücher. Der Junge war zu neugierig. Außerdem waren Bücher teuer. Auch wenn Harry das Buch definitiv gestohlen hatte, das Min nun durchblätterte. Min war ein guter Lehrmeister.
Hinter sich hörte er das Rascheln von Stoff. Er war versucht, sich umzudrehen, um wenigstens etwas von dem zu kriegen, was er gestern Abend verpasst hatte, aber Aiode schien wie eine Frau, die geübt war, einem Mann in die Eier zu treten, und Min wollte sie nicht provozieren. Außerdem war sie begabt. Eine Heckenhexe konnte wahrscheinlich nicht mehr tun, als ihn mit ein paar Warzen hier und da zu verfluchen, aber es gab keinen Grund, es zu riskieren. Nicht die Warzen natürlich, sondern die Enthüllung.
Min hatte nämlich eine eigene Gabe und er bevorzugte es, sie geheim zu halten.
»Ich werde jetzt gehen«, verkündete Aiode.
Min legte Harrys Buch auf den klapprigen Tisch und drehte sich um. Aiode trug ein schlichtes grünes Kleid über einem weißen Untergewand. Enttäuschend bescheiden.
»Ich bringe dich bis zur Straße«, bot Min an. »Einige meiner Nachbarn sind leider keine Gentlemen.«
Aiode hob eine Augenbraue. »Glaubst du, ich sei nicht in der Lage, mich zu verteidigen?«
Min lächelte sie an. »Keineswegs. Tatsächlich verlasse ich mich auf dich, mich zu beschützen.«
Aiode lachte. Es klang so ehrlich und ausgelassen, dass Min zum ersten Mal, seit er aus dem Schlaf gerissen worden war, verstand, warum er sie am Abend zuvor mit in sein Bett genommen hatte. Er verfiel immer am ehesten den Frauen, die sich keinen Mist gefallen ließen. Und Aiodes Mistdetektor war, so vermutete er, so fein eingestellt wie sein eigener.
Es war klar, dass er sie auf keinen Fall wiedersehen durfte.
Min trennte sich von Aiode auf der Straße hinter seiner Bleibe und ging die Gasse hinunter zur Taverne. Die Footbridge zog eine spezielle Klientel an: Slummer; verhätschelte Söhne aus wohlhabenden Familien, die nach Einbruch der Nacht in den Ort einfielen, begierig darauf, Schultern und andere Körperteile der ungewaschenen, ungehobelten und auf andere Weise unangenehmen Gestalten anzufassen. Aber warum auch nicht? Das Bier und die Prostituierten waren billig und es verging keine Stunde, in der keine Schlägerei ausbrach. Die Slummer kamen für das Blut, genauso wie für die anderen Dinge. Sie waren zu jung und zu dumm, um sich darum zu scheren, dass es vielleicht ihres sein könnte.
Am Tage war der Ort normalerweise ruhig. An diesem Morgen war die Footbridge leer, bis auf ein paar Stammgäste, die wahrscheinlich im Schankraum lebten, und den Jungen, der frisches Stroh über die schlimmsten Flecken von letzter Nacht verteilte: Bier, Blut, Pisse oder eine Kombination aus allem.
Min setzte sich wie immer an den Tisch in der Ecke und sah einer fetten Spinne dabei zu, wie sie einen schimmernden Seidenfaden spann und drehte.
Freya, die Frau des Besitzers, oder eine von Swanns Frauen, das hatte Min nie gewagt zu fragen, kam auf ihn zu. Sie hatte ihre Ärmel hochgerollt und zeigte ihre muskulösen Unterarme. Und das war keine Übertreibung, denn Min hatte mal gesehen, wie sie einen Schmied beim Armdrücken besiegt hatte.
»Haferbrei oder Haferbrei?«, brummte sie.
»Dann Haferbrei«, antwortete Min freundlich und legte eine Münze auf den Tisch. »Hast du Harry gesehen?«
Harry war ein dünnes, sechzehnjähriges Kind mit grauen Augen und einem Schopf unzähmbarer, blonder Haare, die so weich und wild waren wie Löwenzahnflaum. Er war clever und neigte dazu, stundenlang verloren zu gehen. Meistens fand man ihn unter dem Rock einer jungen Frau, die ihm in der Woche gerade gefiel. Er hatte die Manieren einer Kanalratte und es war ein unendliches Mysterium für Min, wie er es schaffte, die Mädchen, die er liebte und wieder verließ, nicht zu verärgern. Der Charme der Jugend vielleicht.
Harry hatte auf jeden Fall keinen anderen Charme, den er bezeugen konnte. Wahrscheinlicher war, dass die jungen Frauen, die er verführte, so daran gewöhnt waren, in einer tristen Transaktion gekauft und verkauft zu werden, dass sie Harrys Eifer wie eine glückliche Abwechslung sahen. Sie wurden umgarnt, gebettet und verließen einander als Freunde.
»Heute nicht«, sagte Freya.
»Hast du unter allen Betten nachgesehen?«
Freya grunzte. Es war näher an einem Lachen, als Min jemals aus ihr herausgekitzelt hatte. Sie wischte die Münze vom Tisch in ihre Hand und ging in Richtung Küche davon.
Min sah der Spinne noch etwas länger zu und fragte sich, ob der Tag ihm etwas Interessanteres bringen würde als Haferbrei.
Es sollte anscheinend so sein, denn Min war gerade mit seinem Frühstück fertig, als ein junger Mann die Taverne betrat. Er sah sich besorgt um, bevor er wohl entschied, dass Min am wenigsten bedrohlich wirkte. Er näherte sich seinem Ecktisch. Der Mann war dünn und blass und hatte weiche Locken, die bis zu seinen Schultern fielen. Seine Kleidung war einfach, aber sauber und von guter Qualität. Er hatte einen verkniffenen Blick und schmale Gesichtszüge, die ihm die Ausstrahlung eines etwas unzufriedenen Wiesels gaben. Wahrscheinlich würde er deswegen mit wenigstens einem blauen Auge die Taverne verlassen. Es war einfach so eine Art Ort.
Er sah Min zögerlich an und senkte seine Stimme, sodass Min ihn, als er sprach, kaum hören konnte. »Bist du Aramin Decourcey?«
Min benutzte seinen Fuß, um den anderen Stuhl unter dem Tisch hervorzuschieben. »Der bin ich.«
Der junge Mann setzte sich, die Enden seines Umhangs fester um sich ziehend, als würde er ihm irgendeine Art von Schutz bieten. »Ludin hat mir deinen Namen gegeben. Er hat gesagt …« Dann verstummte er.
»Er hat dir erzählt, dass ich der beste Dieb im Ostviertel bin?«, fragte Min. »Dass ich der dreckige Sohn einer Hure bin, mit weniger Moral als eine Kanalratte, ich aber niemals einen Kunden übers Ohr haue?«
»J-ja. So etwas in der Art.« Der junge Mann wurde rot. Natürlich wusste der Arme nicht, wie man das Gesagte als Kompliment auffassen konnte. Aber es war ein großes Kompliment, wenn es von Ludin kam.
»Also gut«, sagte Min. »Wie kann ich dir behilflich sein?«
Der junge Mann stotterte und stammelte für einen Moment herum und Min nahm sich zusammen, um nicht mit den Augen zu rollen. Er musste Miete bezahlen und das Geld schien, wie immer, durch seine Hände zu rinnen wie Sand. Er konnte es sich nicht leisten, einen zahlenden Kunden zu vergrämen.
Was auch immer der aufgeweckte kleine Geck sagen wollte, ging in der Aufregung unter, als ein Junge mit dürren Gliedmaßen durch die Tür der Taverne wirbelte. Es war Auric, oder Aulus, oder wie auch immer der Name der kleinen Made war. Er hatte Zahnlücken und roch, als hätte er in seinem kurzen, mitleiderregenden Leben noch nie ein Bad gesehen. Und aus irgendeinem Grund dachte er, er wäre mit Min per Du.
»Min!«, rief der Junge nach Luft schnappend. »Min! Komm schnell! Die Sabadines wollen Harry umbringen!« Dann brach er in Tränen aus.
Die Sabadines waren eine alte Familie. Eine reiche. Eine, die einen großen politischen Einfluss in Amberwich hatte. Die ganze Welt wusste, dass Edward Sabadine am Ellbogen des Königs saß. Und Min vermutete, dass er nicht der Typ Mann war, der es lustig fand, einen gewöhnlichen Taugenichts unter der Bettdecke seiner Enkeltochter vorzufinden. Tatsächlich sah er aus, als hätte er einen Anfall erlitten, als Min am Sabadine-Haus ankam und in den Flur geführt wurde.
»Aramin Decourcey, zu Euren Diensten«, sagte Min und senkte seinen Kopf vor Sabadine.
Er war ein alter, aber kein fragiler Mann. Er hatte scharfe Gesichtszüge, einen schmalen Nasenrücken und dünne Lippen. Er hatte eine beginnende Glatze, war aber nicht eitel genug, um sie unter einem Hut zu verbergen. Min wusste es besser, als einen Mann seines Status zu unterschätzen, nur weil seine Knie knackten, während er lief. Dieser Mann war gefährlich.
Edwards Blick huschte so schnell über Min wie die Zunge einer Schlange. Offensichtlich erkennend, dass Min keine Gefahr darstellte, winkte er seine Bediensteten mit seiner von Leberflecken gesprenkelten Hand aus dem Raum.
Min sah aus dem Augenwinkel, wie sie gingen. Es fühlte sich an, als würden sie die ganze Wärme des Tages mit sich nehmen. Nur einer blieb im Raum, den Blick starr auf den Boden gerichtet.
Min betrachtete für einen Moment die Wand.
Wie alle reichen Familien verdienten die Sabadines ihr Geld auf dem Land und gaben es in der Stadt aus. Irgendwo weit hinter der Sicherheit der Stadtmauern ackerten Männer und Frauen auf Feldern, damit Edward Sabadine seine Kassen füllen konnte. Min bezweifelte, dass der Mann in den letzten Jahren ein Mal einen Fuß auf seine Ländereien gesetzt hatte. Trotz der Tatsache, dass die Wände mit bäuerlichen Szenerien geschmückt waren, war Sabadine ebenso wenig ein Bauer, wie Min ein Gentleman war. Wenigstens gab Min nicht vor, besser zu sein als das, was er war.
Er strich sich mit der Hand über seine abgetragene Jacke.
Wie könnte er auch?
Er war vielleicht ein König im Ostviertel, aber hier, im Schatten des Eisenturms, war er nicht mehr als ein Bettler.
»Ich kenne Euren Ruf«, sagte Sabadine nach einer Weile schroff.
Min zuckte überrascht zusammen. Der beste Dieb im Ostviertel? Sicher. Unsagbares Glück und teuflisch schön? Natürlich. Aber dass ein Mann von Edward Sabadines Status von ihm gehört hatte? Der Schauder, der ihm über den Rücken lief, war nicht angenehm. Das Problem, der größte Fisch im Teich zu sein, war, dass ihn früher oder später ein Falke mit scharfen Augen fand.
»Und ich kenne Euren, Sir«, erwiderte Min.
Das brachte ihm ein humorloses Grinsen ein. »Lasst uns über den …«, seine Mundwinkel verzogen sich wieder, »den Jungen reden.«
»Meinen Neffen«, sagte Min, auch wenn Harry das nicht war. Es hatte sich immer angeboten, diese Bezeichnung zu benutzen. Min würde niemals behaupten, dass Harry näher mit ihm verwandt war, weil Min viel zu jung war, um einen Sohn von sechzehn Jahren zu haben. Zum Glück! Außerdem schien Neffe die perfekte Distanz zwischen ihnen darzustellen. Familiär, aber weit genug entfernt, damit Min alle Verantwortlichkeit für Harrys viele Fehler von sich schieben konnte.
»Euer Neffe hat den Namen meiner Enkeltochter beschmutzt«, knurrte Sabadine.
Und ihr wahrscheinlich den Ritt ihres Lebens beschert, dachte Min.
»Ich versichere Euch, Sir, dass er sie nicht entehren wollte.« Er hielt seinen Ton respektvoll, da Edward Sabadine das Recht hatte, Blut zu verlangen. Und zwar von Harry und Min.
Sabadine schnaubte und faltete seine Hände hinter seinem Rücken. »Er hat angeboten, sie zu heiraten.«
Min versuchte, nicht zusammenzuzucken. Natürlich hatte er das. Weil er ein Idiot war und genug seiner albernen Bücher gelesen hatte, um wirklich zu denken, dass ein Taugenichts, der nichts zu bieten hatte, außer seinem Herzen, eine Lady für sich gewinnen konnte. Weil er sechzehn war und keinen verdammten gesunden Menschenverstand besaß. Weil er Harry war.
»Talys mag nur die Tochter meines jüngsten Sohnes sein«, sagte Edward, »aber sie ist immer noch eine Sabadine. Ich könnte sie an jeden jungen Sohn aus gutem Hause oder einen reichen Händler verheiraten und er wäre geehrt. Euer Balg hat nichts, was ihn empfehlen würde.«
Min neigte den Kopf.
»Außer«, fuhr Sabadine fort, »Euren Ruf.«
Misstrauen und Erleichterung kämpften in Min. »Sir?«
»Ich habe einen Job für Euch, Decourcey«, sagte er und verengte die Augen. »Ihr werdet ihn annehmen.«
Min musste sich zusammennehmen, doch neigte den Kopf erneut. »Und meine Bezahlung?«
»Wenn Ihr Euren Job erledigt habt«, erwiderte er mit einem Grinsen, das an den Tod erinnerte, »kommt der Junge mit dem Leben davon.«
Min öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch in dem Moment hallte ein Schrei durchs Haus. Es war ein greller, schmerzerfüllter Ton und Min sackte das Herz in die Hose.
Harry!
Sabadine schnaufte. »Entspannt Euch. Er ist noch nicht tot.«
Min kämpfte gegen den Drang an, die alte Viper am Hals zu packen und zu Tode zu würgen.
»Kommt mit«, sagte er. »Es gibt Angelegenheiten, die wir besprechen müssen.«
Er verließ den Raum mit großen Schritten. Der dünne, kleine Bedienstete huschte vor ihm her, um die Tür zu öffnen.
Min folgte ihm mit schwerem Herzen.
Harry.
Verdammter Harry.
Min hätte den kleinen Unruhestifter dort lassen sollen, wo er ihn vor fünf Jahren gefunden hatte. Doch selbst jetzt konnte er sich nicht vormachen, dass es jemals eine Option gewesen wäre.
Willst du von hier weg, Junge?, hatte Min gefragt.
Und Harry hatte sich die Augen gewischt, seine Schultern gestrafft und war Min durch das Fenster in sein neues Leben gefolgt. Kein komfortables oder sicheres Leben, aber um einiges besser als das miserable, das er gehabt hätte, wenn Min ihn ignoriert hätte. Min hatte ihn seitdem nicht mehr weinen sehen. Vielleicht bedeutete Harry mehr Ärger, als er wert war, und vielleicht gab es Zeiten, in denen er ihn freudig erwürgen wollte, aber es gab immer einen Teil von ihm, der sich an den Harry aus der ersten Nacht erinnerte: elf Jahre alt, zu klein für sein Alter und mit Tränen, die sein blasses Gesicht hinunterliefen. Keine Teenagerdreistigkeit könnte dieses Bild jemals auslöschen.
Der Schrei war verhallt, doch seine Abwesenheit brachte keine Erleichterung. Wo zum Teufel war Harry?
Min ballte seine Hände zu Fäusten und versuchte, nicht in Panik zu geraten, als er Sabadine und dem Diener durch die schattigen Flure zu einer Art Büro oder Bücherei folgte. Auf jeden Fall beherbergte der Raum mehr Bücher, als Min in seinem ganzen Leben gelesen hatte. Was, um fair zu sein, drei Bücher waren. Um es besser zu beschreiben: Es waren mehr Bücher, als Min in seinem ganzen Leben gesehen hatte. Ganze Regale voll, die an den Wänden standen. Und in der Mitte des Raums befand sich ein großer Tisch, der von Stühlen mit hohen Lehnen umringt war.
Ein Mann erhob sich von einem der Stühle, als Edward Sabadine und Min eintraten.
Er war vielleicht zehn Jahre älter als Min. Groß, mit einem guten Körperbau und einem gepflegten dunklen Bart, der die scharfen Kanten seines schönen Gesichts betonte. Sein Haar war in Wellen frisiert und an den Schläfen bereits grau. Er sah vornehm aus, wie ein Gelehrter, doch kein Gelehrter hätte eine solche Haltung. Dieser Mann war ohne Zweifel ein Soldat.
»Mein Sohn Robert«, sagte der alte Mann.
»Aramin Decourcey«, stellte sich Min vor.
Roberts Augen waren blau oder grau. Min war sich nicht sicher. Sein Blick war berechnend, clever und kalt. Dies schien eine Familieneigenschaft der Sabadines zu sein. Sie prügelten wahrscheinlich jegliche Wärme von Geburt an aus ihren Kindern.
»Setzt Euch«, sagte Sabadine.
Ein Diener sprang aus einer dunklen Ecke und zog einen der schweren Stühle zurück.
Min setzte sich.
Er lauschte auf weitere Schreie, die nicht kamen, hasste Harry dafür, dass er seinen Morgen ruiniert hatte, eigentlich sein ganzes Leben, und hoffte gleichzeitig, dass er nicht verletzt war. Es gab natürlich Götter und Geister, die er bitten konnte, aber Min konnte ihnen nichts anderes anbieten als die Fussel in seinen Taschen. Und selbst wenn er etwas von substanziellem Wert anzubieten hätte, würde er es Edward Sabadine anbieten und keinem körperlosen Wesen. Min war ein pragmatischer Mann.
Sabadine saß ihm gegenüber, mit Robert an seiner Seite. »Es gibt etwas, das mir entwendet wurde und ich mir zurückwünsche.«
Min sah von Sabadine zu Robert und zurück. Er konnte in ihren Gesichtern nichts erkennen. »Wisst Ihr, wer es gestohlen hat?«
»Ja.« Sabadine presste seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. »Ein Heckenhexer namens Kallick.«
Also wollte Sabadine, dass er einen Begabten bestahl. Jeder Magier oder Zauberer, der sein Handwerk verstand, und Min wusste, dass eine Familie wie die Sabadines einige in ihren Diensten hatten, konnte sich einem einfachen Heckenhexer annehmen. Der einzige Grund, aus dem sich Sabadine weigern würde, seine eigenen Begabten gegen Kallick einzusetzen, war, um alles Wissen um die Aktion abstreiten zu können, falls etwas schiefging. Kriminelle Handlungen und glaubhafte Bestreitbarkeit. Zwei von Mins liebsten Dingen. Beide passten so bequem zu ihm wie ein alter, abgetragener Schuh.
»Und was hat Kallick Euch gestohlen, Sir?«, fragte Min.
Sabadine schürzte seine Lippen. »Meinen Enkel.« Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
Robert lehnte sich leicht vor. »Wie vertraut seid Ihr mit der Tradition der Lehrlinge?«
Min wandte seinen Blick zu Sabadine. »Euer Enkel ist ein Lehrling?« Die Situation wurde immer schlimmer. Es war eine verdammte Schande, dass Harrys Leben davon abhing.
»Er wurde mit einer Begabung geboren«, erklärte Sabadine, »und als Lehrling zu Kallick geschickt, als er …« Er brach mit gerunzelter Stirn ab.
»Acht war«, ergänzte Robert für ihn. »Wie es das Gesetz verlangt.«
»Kallick sollte ihn mit vierzehn Jahren wieder nach Hause schicken«, sagte Sabadine. Seine Stimme veränderte sich plötzlich und klang eher nach einem Knurren. »Doch das hat er nicht getan und nun sind bereits fünf Jahre vergangen.«
»Das Gesetz ist auf unserer Seite«, sagte Robert ruhig, als wenn es für einen Mann wie Min etwas ausmachen würde. »Kallick ignoriert unsere Gesuche.«
Ein bisschen Bewunderung breitete sich in Min für einen Mann aus, auch wenn es sich um einen Heckenhexer handelte, der es wagte, die Sabadines zu ignorieren. Er war allerdings nicht so dumm, darüber zu lächeln.
»Ich will den Jungen zurück«, sagte Sabadine mit sauer verzogenem Mund. »Es ist ein fairer Tausch. Euer Junge für meinen.«
Und da war der Grund, aus dem Min nicht ablehnen konnte. Was nicht bedeutete, dass er nicht wenigstens ein bisschen widerspenstig sein konnte. »Was passiert, wenn Euer Junge nicht nach Hause kommen will?«
»Er hat keine Wahl«, sagte Sabadine. »Mein Anspruch auf ihn ist größer als Kallicks.«
Sicher, aber wenn der Junge wirklich nicht wollte … Mins Unsicherheit musste sich auf seinem Gesicht gezeigt haben.
»Auch Roberts Anspruch ist größer«, raunzte Sabadine.
Mins Blick schwang zu Robert und er sah zum ersten Mal einen Ausdruck von Unbehagen in seinen Zügen.
»Roberts Ehefrau ist tot«, sagte er. »Es ist an der Zeit, dass er einen neuen Ehepartner nimmt.«
Vielleicht war es Mins Kater, der sein Gehirn dazu brachte, über diese Verbindung zu stolpern.
»Robert ist Ihr Sohn«, sagte er in dem Versuch, die Situation zu erklären. »Und der Junge ist Ihr Enkel. Die Heirat ist zwischen Ihrem Sohn und …«
»Meinem Neffen«, sagte Robert mit versteinerter Miene. »Ich bin mit meinem Neffen verlobt.«
Nicht sein Kater, sondern sein Anstandsgefühl hatte seine Gedanken stolpern lassen.
»Ah.« Urgh, sagte sein Gehirn.
Sabadine lächelte grimmig. »Haben wir einen Deal?«
»Ja«, log Min. Zum Teufel damit, in der Sekunde, in der er Harry wiederhatte, würde er von hier verschwinden und nie wiederkommen. »Wir haben einen Deal, Sir.«
Natürlich hätte er wissen müssen, dass eine Schlange wie Sabadine eine Ablehnung unmöglich machte. Er begriff es in dem Moment, als die Tür zum Studierzimmer aufschwang und ein Mann in einer blauen Robe eintrat. Ein Hexenmeister. Die Sabadines waren reich und mächtig genug, um einen Hexenmeister zu beschäftigen. Der Mann schleppte einen schniefenden Harry hinter sich her.
»Harry!«, rief Min.
Harry sah auf. Seine Augen waren groß und sein Gesicht tränenverschmiert. Und auf seiner Wange war ein schwarzes Mal in der Größe einer Münze eingebrannt.
Mins Herz gefror.
Sie hatten ihn verflucht.
Die Sabadines hatten Harry verflucht.
Scheiße.
Der Schrein der Heiligen Quelle lag am äußersten Rand des Ostviertels der Stadt in einem Spalt zwischen einem schattigen Tal und zwei Bergen. Von Osten her drohten die überfüllten Straßen mit ihren Werkstätten, Tavernen und Mietshäusern in das Tal vorzudringen. Das würde die heiligen Wasser verseuchen. Die Häuser auf dem anderen Berg, die zum westlichen Quadranten gehörten, waren größer. Die Straßen waren breiter und die verstaubten Fensterläden wurden zu Glasfronten. Die Besitzer waren auf jeden Fall wohlhabend, aber nicht wohlhabend genug, um ihren Nachbarn zu entkommen.
Der Schrein der Heiligen Quelle war das Herz der Stadt. Den Legenden zufolge hatte der Gründer von Amberwich, Rus Cardor, an diesem Ort seine Hütte gebaut.
Min hatte keine Zeit für Legenden. Der Schrein war, was er war: eine gedrungene, unscheinbare Ansammlung von Gebäuden mit einem Tempel in der Mitte. Der Weg zum Tempel wurde von Bäumen gesäumt, um die sich die Heckenhexen kümmerten, die dem Schrein dienten. Tempeldiener sammelten die gefallenen Blätter und boten sie Bittstellern gegen ein paar Münzen an. Min schürzte seine Lippen, als er dem Treiben zusah. Wenn er daran glauben würde, dass ein paar tote Blätter Harry helfen würden, hätte er schon längst mit Geld um sich geworfen.
Harrys heftiges Schluchzen hatte sich auf dem Weg vom Haus der Sabadines in ein Schniefen verwandelt. Trotzdem behielt Min die ganze Zeit eine Hand auf der Schulter des Jungen. Harry hatte die Kapuze über seine schmuddeligen Löwenzahnflaumhaare gezogen und hielt vorsichtshalber seine Hand über der Wange mit dem Mal. Min führte ihn um die lange Schlange der Leute herum, die darauf warteten, in den Tempel zu kommen, und steuerte auf einen grün gekleideten Akolythen zu.
»Hey«, sagte er, woraufhin der Akolyth seinen Korb voller Blätter schützend an seine Brust zog. »Ich muss mit Aiode Nettle sprechen. Wo ist sie?«
Der Akolyth musterte ihn skeptisch. »Erwartet die Heckenhexe Nettle Euch?«
»Nein«, sagte Min und lächelte charmant. »Aber wie ein leichter Frühlingsregen komme ich zwar unangekündigt, jedoch nicht unwillkommen.«
Normalerweise schnaubte Harry vor Lachen, wenn er so etwas sagte. Heute nicht.
Auch der Akolyth schien unberührt.
Min fummelte eine Münze aus Harrys Tasche, denn seine eigene war leer, und übergab sie.
»Folgt mir«, sagte der Akolyth.
Anstatt zum Tempel und dem heiligen Schrein im Inneren führte er sie zu einem der vielen Nebengebäude. Er stieß die Tür auf. Im Inneren war es dunkel und kalt; ein starker Kontrast zu der Hitze des Tages. Der Schweiß trocknete auf Mins Rücken und ließ sein Hemd klamm werden. Er und Harry folgten dem Akolythen vorbei an einigen Türen und eine Treppe hinauf.
»Heckenhexe Nettle?«, fragte der Akolyth, als sie an der ersten Tür im neuen Stockwerk ankamen, und klopfte leicht. »Ihr habt Besuch.«
Aiode riss die Tür auf. Der Ausdruck von Überraschung auf ihrem Gesicht verwandelte sich in Misstrauen, als sie sah, wer da stand. »Danke, Dar. Du kannst gehen.«
Der Akolyth flitzte davon.
Aiode verengte ihre Augen, als sie Min ansah. »Was willst du? Ich werde bei dem rituellen Segen erwartet. Und glaub mir, du hast dich letzte Nacht nicht so gut geschlagen, um es erneut versuchen zu dürfen.«
Auf den Punkt. Min respektierte das. Er zog Harrys Kapuze zurück und seine Hand von der Wange. »Das ist mein Neffe Harry. Er hat ein Problem.«
Aiodes Augen weiteten sich, als sie das in Harrys Haut eingebrannte Mal betrachtete. »Das sehe ich.« Sie atmete tief durch. »Kommt besser rein.«
Aiodes Zimmer war klein, aufgeräumt und sauber. Ein Fenster mit Blick auf einen offenbar privaten Innenhof des Tempelkomplexes ließ Sonnenlicht herein.
Min lief im Zimmer auf und ab, während Harry die traurige Geschichte erzählte, und versuchte, ihn nicht anzuknurren oder zu packen und verdammten Verstand in ihn zu schütteln. Denn es war offensichtlich zu spät dafür.
Er erzählte, er hätte Talys Sabadine auf dem Beltane-Festival getroffen. Sie hätte gelbe Bänder in ihren Haaren gehabt. Harry hätte ihr einen Hafermehlkuchen gekauft und …
Min hob seine Augenbraue. Er hatte ihn wohl eher gestohlen. Aber er sprach es nicht aus, um die Geschichte nicht noch mehr zu trüben. Später am Abend hätte sie seine Hand genommen und sie wären zusammen über das Feuer gesprungen. Harrys Stimme wurde immer höher, während er sprach. Er hätte nicht gewusst, dass sie eine Sabadine war, und sie hätte nicht gewusst, dass …
Er wurde rot.
Aiode machte ein mitfühlendes Geräusch.
»Dass ich ein Niemand bin«, beendete Harry letztendlich seinen Satz und schniefte. »Aber das hat uns nicht interessiert. Wir haben uns noch ein paarmal getroffen. Dann, letzte Nacht, sind wir erwischt worden. Es war nicht das erste Mal, dass ich in ihrem Zimmer war, aber ihre Dienerin ist einfach ins Zimmer gekommen, ohne anzuklopfen.« Er erschauderte bei der Erinnerung und drehte sich zu Min um. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich sie heirate und damit alles wiedergutmache!«
»Oh Schätzchen«, sagte Aiode und fing Mins Blick ein.
Es war ein seltsames Wunder, dass Harry in so vielen Bereichen noch so naiv war, dass er wirklich glaubte, es gäbe einen Weg, dass die Sabadines Talys in die Gosse stießen, damit sie mit ihm zusammen war. Wegen Liebe. Harry dachte, dass Liebe die Antwort wäre. Min wünschte sich, er könnte darüber lachen. Aber er konnte nicht einmal ein bedauerndes Lächeln aufbringen.
Aiode hob ihre Hand und fuhr über das Mal an Harrys Wange. »Das ist …« Sie seufzte. »Das ist ein wirklich komplizierter und teurer Fluch. Wenn ich nicht falsch liege, ist das Mondarbeit.«
»Was bedeutet das?«, fragte Min.
»Das bedeutet, dass du bis zum nächsten Vollmond Zeit hast, bevor es ihn umbringt«, erklärte Aiode.
Harry blinzelte und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
»Kennst du einen Weg, den Fluch zu brechen?«, fragte Min.
»Das ist die Arbeit eines Hexenmeisters«, erwiderte Aiode.
Das beantwortete es. Min hatte es vermutet, aber Aiodes Bestätigung fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an. Hexenmeister waren unglaublich mächtig. Die meisten arbeiteten direkt für den König und benutzten ihre Gaben, um Amberwich vor den Attacken des Verborgenen Herrschers zu schützen. Sie waren gefürchtet, sogar von den anderen Begabten.
»Es ist ein Blutfluch. Er kann nur von demjenigen gebrochen werden, der ihn verhängt hat. Dieser Fluch …«, sagte Aiode, zog ihre Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. »Diesen Fluch für Harry zu benutzen, ist, als würde man einen Amboss benutzen, um eine Ameise zu zerquetschen.« Ihr Blick wurde scharf. »Was sollst du für sie tun?«
Min blieb für einen Moment stehen. »Sie wollen, dass ich Sabadines Enkel zurückhole. Er ist ein Lehrling eines Heckenhexers und sollte wohl schon vor ein paar Jahren nach Hause kommen. Er soll zurückkehren, damit er Robert Sabadine heiraten kann. Seinen Onkel.«
»Das ergibt Sinn«, meinte Aiode und zuckte mit den Schultern, als sie Mins Gesichtsausdruck sah. »Es ist ein Weg, um den Jungen an den Willen seines Großvaters und an seinen Onkel zu binden. Ein Kind unterwirft sich dem Familienoberhaupt und ein Erwachsener unterwirft sich seinem Gatten. Wenn sich diese beiden einig sind, ist der kleine Vogel zweimal in derselben Schlinge gefangen.«
Und das ohne einen einzigen Moment der Freiheit zwischen dem Lösen der einen Schlinge und dem Festziehen der anderen, stellte Min fest. Kein Wunder, dass sich der Junge weigerte, wieder nach Hause zu kommen.
»Wie dem auch sei, dieser kleine Vogel scheint seine Freiheit als Lehrling zu genießen und möchte nicht nach Hause kommen«, sagte Min.
»Und so schickt die giftige alte Kröte dich, um ihn zu holen.« Er nickte.
Aiode überlegte. »Ein Heckenhexer sagst du?«
»Jemand namens Kallick.«
»Der Name kommt mir bekannt vor. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich erinnere …« Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Was aber wichtiger ist: Warum möchte eine Familie, die einen Hexenmeister beschäftigt, dass du den Jungen holst?«
»Ich bin für meine Diskretion bekannt«, antwortete Min. »Und ich habe das Gefühl, dass Edward Sabadine nicht möchte, dass die ganze Stadt erfährt, dass er seinen eigenen Enkel entführen lässt. Das Gesetz mag für ihn sprechen, aber was ist mit seiner Reputation? Einer der einflussreichsten und mächtigsten Männer in Amberwich und er kann nicht mal seinen eigenen Enkel nach Hause beordern?«
Natürlich war es nicht so leicht.
»Kallick!«, rief Aiode auf einmal aus. »Kallick Sparrow! Jetzt erinnere ich mich!«
»An was erinnerst du dich?«, fragte Min und ein Gefühl des Grauens kroch über ihn.
»Kallick«, wiederholte Aiode mit sich weitenden Augen. »Kallick lebt in Anhaga!«
Ein Schauder durchfuhr ihn.
Ah. Das war es also. Es war nicht so, dass Min diskreter als ein Hexenmeister war. Er war nur entbehrlicher.
Eine kalte Brise ließ die Blätter an den Ästen der Bäume erzittern, die den Weg säumten, als sie den Schreinkomplex verließen. Akolythen rannten wie aufgeregte Eichhörnchen herum und sammelten die herunterfallenden Blätter ein. Sie lachten und unterhielten sich, während sie arbeiteten.
Hinter ihnen machte sich eine Reihe Heckenhexen auf den Weg von ihren Quartieren zu den Tempelgebäuden, wo sie die tägliche Segnung des Wassers durchführen würden.
Der Priester, der Min unterrichtet hatte, hatte ihn als Kind immer mitgeschleppt. Das Ritual beinhaltete viele Sprechchöre, Gesänge und ein unerwartet aufregendes Finale, in dem Salpeter in die Kohlebecken der Tempel geworfen wurde, was die Flammen zischen und Funken schlagen ließ, bevor das Feuer brannte. Mit acht Jahren hatte es Min sehr beeindruckt und auch ein wenig verängstigt. Heutzutage brauchte es mehr als ein paar Blitz- und Knalltricks, um ihm Angst zu machen.
Ein paar Dinge schafften es allerdings.
Wie Anhaga.
Min verdrängte den Gedanken daran und wunderte sich stattdessen, wie sein Name die Aufmerksamkeit eines Mannes wie Edward Sabadine erregt hatte. Er hatte zwar Aufträge von Repräsentanten adeliger Häuser angenommen, doch sie hatten zu der Sorte Job gehört, von der Min angenommen hatte, dass seine Arbeitgeber sie lieber geheim hielten. Mins Meisterstück lag nun zwei Jahre zurück. Er hatte ein Familienerbstück eines Edelmannes zurückgebracht, das sich bei einer anderen Adelsfamilie wiedergefunden hatte, genauer die hässlichste Halskette, die Min je gesehen hatte. Dank eines fremdgehenden Ehemanns, der in eine der Töchter des anderen Hauses verliebt gewesen war. Insgesamt ein Gewirr, aber von der Art, die beide Familien zum Gespött gemacht hätte, wenn es bekannt geworden wäre.
Die Halskette war nicht besonders gesichert gewesen, bis auf die vorhandenen Magiebarrieren des Grundstücks. Mins Klient hatte nicht seine eigenen Begabten gegen die eines anderen Hauses losschicken wollen, damit keine private Angelegenheit eskalierte und in eine Blutfehde umschlug. Und Min hatte den Ruf, jegliche Sicherheitsmaßnahmen umgehen zu können, sogar die magischen. Seine Dienste waren nicht billig.
Es war Routinearbeit, aber waghalsig genug, sodass es vielleicht jemand herumerzählt und auch Edward Sabadine von ihm gehört hatte. Damals war Min zu betrunken von seinem Erfolg gewesen, um darüber nachzudenken, dass es ihn später wieder einholen könnte.
Oder dass es Harry einholen könnte.
Er verstärkte seinen Griff um die Schulter des Jungen, während sie weitergingen.
Auf dem Gipfel des Hügels drehte er sich um und sah zurück. Der Schrein der Heiligen Quelle war ein einladender grüner Punkt in dem flachen Tal. In einigem Abstand hinter ihr erhob sich der Eiserne Turm. Wenn der Schrein das Herz von Amberwich war, dann war der Eiserne Turm … nun, der Schwanz, oder? Er ragte stolz auf dem Königshügel im Westquadranten der Stadt empor. Arrogant, kriegerisch und nach Aufmerksamkeit lechzend. Der Turm war von der privaten Parkanlage des Königs umgeben, die auch die Baracken und Ställe der königlichen Garde, die gesicherte Schatzkammer, die Gildenhalle der Zauberer und den alten Palast beherbergte. Der König selbst lebte im Eisernen Turm. Wer konnte es ihm nachsehen, mit einem Haufen Zauberer als Nachbarn? Im Eisernen Turm konnte er sie kommandieren, ohne Angst haben zu müssen, dass einer von ihnen ihn in seinen Bann zog. Die Aufgabe des Eisernen Turms war schon immer geteilt gewesen: Zum einen beschützte er den König vor seinen eigenen Begabten und zum anderen beschützte er die Stadt vor den Fae.
Er dominierte den Königsberg, war sechs Stockwerke hoch und besaß ein steiles rotes Dach, das im Sonnenschein schimmerte. Die Wände des Turms waren weiß, die Farbe war über die Jahre verblichen. Durch vergitterte Fenster konnte man die Parkanlage überblicken. Unter dem Dach ragte eine Brüstung aus der Turmwand heraus. Der Turm war Hunderte von Jahren alt. Es gab nun zwar erhabenere Gebäude in Amberwich, aber keines, das so solide und imposant war.
Min drehte ihm den Rücken zu.
Die Straßen wurden enger und voller, als sie sich tiefer in das Ostviertel bewegten. Langsam zogen Wolken auf. Die Sorte, die genug leichten Regen versprach, um die Straßen rutschig werden zu lassen und den Gestank der Straßen zu verstärken. Abgemagerte Hunde schnüffelten in der Gosse, begleitet von mageren Kindern. In den Geschäften und Werkstätten, die den Weg säumten, gingen die Menschen ihrer Arbeit nach. Aus Gewohnheit zuckten Mins Finger, als sie den vollen Apfelwagen eines Verkäufers passierten und sein Magen knurrte, aber er lief weiter. Sie kamen an einem bemalten Stand vorbei, der in einer Ecke aufgestellt war, wo der Fußgängerverkehr gezwungen war, langsamer zu werden, um die Show zu beobachten: Eine Puppe mit einem grün bemalten, grinsenden Gesicht und einer silbernen Krone auf dem Kopf zog Büschel roter, verknoteter Wolle aus dem Bauch einer anderen Puppe. Die älteren Kinder grölten vor Lachen, während die jüngeren heulten.
Mins Magen verkrampfte sich, als er und Harry vorbeigingen.
Anhaga.
Das Wort schnitt sich wie ein Fluch in seinen Geist. Anhaga war eine Fischerstadt, einige Tage nördlich von Amberwich. Min war noch nie dort gewesen. Niemand, der bei Verstand war, wollte dorthin. Es wurde gemunkelt, dass der Verborgene Herrscher in Anhaga wandelte. Es gab eine Zeit, in der das Dorf erfolgreich und wohlhabend gewesen war. Eine Zeit, in der, wie sich Min erinnerte, seine Mutter stolz verkündet hatte, dass sie ihren Gästen nur die besten Schnepfenaale frisch aus Anhaga servierte. Dann war der Verborgene Herrscher gekommen, der König der Fae. Anhaga lag nun am Rande seines Schattenreichs. Der Verborgene Herrscher lief nachts durch die Straßen. Diejenigen, die aus Anhaga geflohen waren, kamen mit Albträumen nach Amberwich, die sie wie Geister verfolgten. Die, die geblieben waren … Nun, Min wusste nicht, warum überhaupt jemand geblieben war. Er fragte sich, ob sie nun im Bann des Verborgenen Herrschers standen und ob sie, wenn er sie aufforderte, mit ihm tanzten, bis sie starben, und er sich dann an ihren Eingeweiden labte wie im Puppenspiel.
»Min?«, fragte Harry mit dünner Stimme.
»Ja?«
»Wir werden verfolgt.«
Min drückte die Schulter des dünnen Jungen. »’türlich werden wir das, Junge. Denkst du wirklich, die Sabadines lassen uns aus den Augen? Sie folgen uns, seit wir ihr Haus verlassen haben.«
Harrys Mundwinkel verzogen sich nach unten und seine Schultern verspannten sich. Sein Blick schärfte sich und Min ließ langsam den Arm von seiner Schulter gleiten. Als Min einem Haufen Pferdeäpfel auf der Straße auswich, war Harry verschwunden.
Min lief weiter und lächelte bei dem Gedanken daran, wie verwirrt die Männer, die ihnen folgten, nun sein würden. Harry war flink und hatte die Fähigkeit, in einer Menschenmasse zu verschwinden. Er war schnell und schlau wie ein Fuchs. Ein Fuchs mit einem lächerlich großen, blinden Fleck für schöne Frauen, aber trotzdem ein Fuchs. Min war auch mal sechzehn gewesen und das war noch nicht so lange her, aber er hatte sich nie für ein schönes Gesicht zum Affen gemacht. Ein Vorteil, wenn man in einem Freudenhaus aufgewachsen war. Das Mysterium Sex war nie wirklich mysteriös für ihn gewesen, und als Min in das Alter gekommen war, in dem auch das dazugehörige Verlangen eingesetzt hatte, hatte er bereits einen ausgeprägten Sinn für Zynismus entwickelt und die Fähigkeit, nicht mit seinem Schwanz zu denken. Harry musste diese Lektion noch lernen. Min hoffte, er würde lange genug dafür leben.
Aber Harry war clever. Er sah aus wie ein Junge, der noch grün hinter den Ohren war, und nutzte dies zu seinem Vorteil. Ältere Männer übersahen Harry oft und unterschätzten ihn. Er hatte Min durch seinen scharfen Blick, den schnellen Verstand und das Messer, das er unter seinem Hemd versteckte, schon oft die Haut gerettet. Also das Messer, das er normalerweise trug. Min bezweifelte, dass die Sabadines es ihm gelassen hatten.
Als Min weiter die Straße hinunterging, war er sich sicher, dass Harry umgekehrt war, um die Männer zu überprüfen, die ihnen folgten.
Nach drei Blöcken war Harry wieder zurück an Mins Seite, als wäre er nie weg gewesen.
»Zwei«, bestätigte er. »Sie laufen wie Soldaten. Einer hat gelbe Haare und Pockennarben an den Wangen. Der andere ist ein brauner Hund.«
Min schnaubte. Harry beschrieb jede Person, die besonders unauffällig war, als braunen Hund. Die Straßen von Amberwich waren voll von unscheinbaren Kötern. Die vier-, aber auch die zweibeinigen.
»Das kannst du besser, Harry.«
Er grinste. »Na gut. Ein blasser Kerl. Spitzes Kinn. Augen wie Pisslöcher im Schnee.«
»Das ist mein Junge«, sagte Min und legte wieder seinen Arm um ihn. Die tröstende Geste war vielleicht etwas unglücklich und erinnerte Harry lediglich an den Fluch, der in seine Haut gebrannt war. Sein Grinsen verschwand so schnell, wie es gekommen war, und er zog seinen Kopf ein.
Als Min ihn gefunden hatte, hatte sich Harry so sehr beweisen wollen und so große Angst davor gehabt, wieder verstoßen zu werden, dass er sich nicht getraut hatte, laut zu werden und zu sagen, wenn ihn etwas störte. Es hatte lange gedauert, bis er verstanden hatte, dass Min ihn nicht alleinlassen würde, nur weil er widersprach, alle Decken in einer kalten Winternacht hortete oder die größere Hälfte eines gestohlenen Gebäcks aß. Es dauerte lange, bis er erkannt hatte, dass Min Loyalität erwartete, aber es einen großen Unterschied zwischen Loyalität und unterwürfigem Gehorsam gab. Natürlich war Min selbst nie jemandem gegenüber besonders respektvoll und so schien es ein unrealistischer Maßstab zu sein, den er an jemanden legen konnte, insbesondere an ein Kind. Harry hatte so verängstigt ausgesehen, als Min ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte nicht den Wunsch, diesen Gesichtsausdruck erneut auf seinem Gesicht zu sehen.
Und das hatte er auch nie mehr. Bis heute.
Er zog Harry ein bisschen näher. »Lass uns nach Hause gehen.«
Harry nickte.
Sabadines Männer folgten ihnen bis zur Footbridge. Das war nicht schlimm. Jeder, der Min erreichen wollte, kam früher oder später zur Taverne. Min und Harry betraten sie durch die Eingangstür, verschwanden dann durch die Küche und in die enge Gasse dahinter, die nach Abfall stank. Sie liefen schnell zum Haus und stapften die unebenen, knarrenden Stufen hinauf. Die Treppe lag auch in der Mitte des Tages im Dunkeln, doch Min und Harry waren trittsicher in ihrem Territorium. Min schloss die Tür zur Dachkammer auf und Harry schlüpfte unter seinem Arm hindurch in den Raum.
»Es tut mir leid, Min«, murmelte er, während er sich auf das Bett schmiss.
Min lief direkt zum Fenster. Er beobachtete die Gasse für einen Moment, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurden, und zog die Fensterläden zu.
Harry lag zusammengerollt auf dem Bett, seine rechte Wange hatte er in das klumpige Kissen gepresst.
