Anjuli Aishani - Janina Gerlach - E-Book

Anjuli Aishani E-Book

Janina Gerlach

0,0

Beschreibung

Anjuli Aishani, eben erst in Floresville angekommen, trifft in der neuen Schule auf den ungewöhnlichen Nathan Hawk. Bald schon verliebt sie sich in ihn, nicht ahnend, dass den Jungen ein dunkles Geheimnis umgibt. Als Nathan über Nacht spurlos verschwindet, macht Anjuli sich zusammen mit seinem Bruder Steven auf die Suche nach ihm. Eine Reise in eine unvorstellbare Welt beginnt. Unzählige Fabelgestalten und eine Vielzahl von Abenteuern, die auf die beiden warten. Nur ihre große Liebe zu Nathan lässt Anjuli weiter vorangehen. Aber wird es ihr gelingen, ihn zu finden und zu retten? Der erste, spannungsgeladene Band eines fantastischen Mehrteilers, welcher die Leser in Atem hält.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Janina Gerlach

ANJULI AISHANI

Im Reich der schwarzen Engel

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2014

Für Papa, Mama&Stephan,

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelfoto Janina Gerlach

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Widmung

Impressum

Prolog

Kapitel 1–Nächtlicher Besuch?

Kapitel 2–Floresville High School

Kapitel 3–Grandma‘s Spezialsoße

Kapitel 4–Cleopatra

Kapitel 5–Lauf um dein Leben

Kapitel 6–Die Auflösung

Kapitel 7–Freitag nach der Schule

Kapitel 8–Zitronen

Kapitel 9–Herzklopfen

Kapitel 10–Überraschungsbesuch

Kapitel 11–Taufe?

Kapitel 12–Der Schock

Kapitel 13–Die Wahrheit

Kapitel 14–Von Strigoi und Vukodlaks

Kapitel 15–Aus Freund wird Feind

Kapitel 16–Schwarzer Engel

Kapitel 17–Die neue Welt

Kapitel 18–Zu Besuch bei Freunden

Kapitel 19–Missverständnis

Kapitel 20–Unerwartete Wendung

Kapitel 21–Flucht

Kapitel 22–Rosy & Co

Kapitel 23–

PROLOG

Lange lange Zeit zuvor in der Unterwelt am Portal zu Rumänien:

Der Saal ist brechend voll. Alle sind sie zusammengekommen in der schwarzen Festung am Rande des Portals, gerufen durch ihre Meister. Ahnungslos sitzen sie in kleinen Grüppchen zusammen, gespannt darauf, was verkündet werden wird. Das Stimmengewirr erfüllt die Luft wie das Rauschen eines Wasserfalls. Der Raum ist riesig und die steinernen Mauern ragen weit in den Himmel hinauf. Trotzdem haben einige sogar auf den schweren hölzernen Querbalken an der Decke Platz nehmen müssen, da es sonst zu eng geworden wäre.

Erst vor ein paar Jahrhunderten ist der Erste von ihnen geschaffen worden und schon jetzt zählen sie fast fünfhundert ihrer Art. Wirklich alle haben sich an diesem Tag versammeln müssen. Nicht nur wie üblich die Familienältesten, nein, heute tummeln sich auch Frauen und unbeholfene Kinder im Gedränge.

Mit einem lauten Schlag fliegt plötzlich das massive Eingangsportal auf. Der eintretende Windstoß bringt die Fackeln an den Wänden zum Flackern. Sofort verstummt das Gemurmel im Saal. Jeder starrt gespannt zur Tür. Im nächsten Moment treten sie ein, zwanzig an der Zahl. Allesamt sind sie in lange schwarze Kutten gehüllt, die ihren Körper und sogar das Gesicht vollständig verdecken. Majestätisch schreiten sie in der altbewährten Formation durch den Gang, den die Umstehenden ehrfürchtig für sie geräumt haben, bis sie sich schließlich in einem Halbkreis vor der Menge aufbauen. Einer von ihnen tritt einen Schritt nach vorne und ergreift das Wort.

»Seid gegrüßt!«, schreit er in die Menge und sofort ertönt ein lautes Jubeln. Ein kleines Handzeichen des Sprechers genügt und es ist sofort wieder verstummt. Sie lauschen gespannt seinen Worten. Die Älteren erkennen, dass es der alte Radu ist, der spricht.

»Wir haben uns heute hier versammelt, um den größten Triumph unserer Geschichte zu zelebrieren!« Die eingelegte Pause bedeutet der Menge in erneutes Jubeln auszubrechen, dann donnert seine Stimme weiter.

»Vor wenigen Stunden ist es mir und meinen Männern«, er deutet auf die Gestalten hinter sich, »gelungen, die Hexen zu einem weiteren, ja zu einem gigantischen Entgegenkommen zu zwingen. Seht nur!«

Er greift mit beiden Händen die Ränder seiner Kapuze und die Männer hinter ihm tun es ihm gleich. Bedächtig langsam zieht er den schwarzen Stoff nach hinten und entblößt Stück für Stück seinen Kopf. Zum Vorschein kommt das Gesicht eines alten, grauhaarigen Mannes. Man würde ihn auf um die sechzig Jahre schätzen. Er hat buschige weiße Augenbrauen, die seinen Ehrgeiz verraten, und ein paar Falten spielen um seinen leicht lächelnden Mund. Seine weit aufgerissenen blauen Augen blicken Stolz erfüllt in die Menge.

Für einen Menschen wäre dieser Anblick nichts Besonderes gewesen, doch aus den Mienen der Zuschauer sprechen Entsetzen und Verblüffung. Sofort erfüllt lautes Gemurmel und Getuschel den Raum.

»Wie ist das möglich, Herr?«, ruft einer.

»Das will ich dir sagen«, spricht Radu weiter und der Saal liegt wieder in Totenstille vor ihm. »Ihr alle kennt den Brunnen im großen Saal der Festung.« Ein paar nicken eifrig, der Rest lauscht, traut sich kaum zu atmen. »Wir haben die Hexen dazu zwingen können, ihn in eine unversiegbare verzauberte Quelle zu verwandeln. Derjenige, der sich ihr Wasser über sein Haupt ergießen lässt, soll menschliche Gestalt annehmen und in der Menschenwelt leben können, ohne erkannt zu werden.«

Ein Raunen geht durch die Menge, die meisten tauschen ungläubige Blicke, doch keiner protestiert, denn der lebende Beweis steht ja dort vor ihnen. Plötzlich beginnt einer in der hinteren Reihe lautstark zu jubeln und bald stimmt der ganze Saal in die Freudenschreie ein. Es wäre wahrscheinlich den ganzen Abend so weiter gegangen, hätte der alte Radu nicht wieder das Wort ergriffen: »Halt!«, ruft er mit drohender Stimme, die den ganzen Saal erfüllt. Mit schnellen Schritten geht er auf die erste Reihe zu, die augenblicklich ehrfürchtig ein Stück zurückweicht. Er hebt seinen Finger mahnend in die Höhe.

»Ihr werdet die Vorzüge dieses neuen Zaubers sicherlich genießen, doch ich warne euch: Wenn auch nur ein Mensch hinter das Geheimnis kommt und ihr ihn nicht sofort beseitigt, wird das mit euch passieren!«

Ohne Vorwarnung tritt er noch ein Stück näher an die Masse heran, greift wahllos nach einem jüngeren Alters und haut ihm die nun wieder an seinen Fingern erschienenen langen Klauen in die Schultern. »Dies soll euch allen eine Lehre sein!«, ruft er aus und übertönt damit den verzweifelten Angstschrei des Opfers. Mit einer schnellen Bewegung hat der Meister den Hals des Jungen nach hinten überstreckt und rammt seine spitzen Zähne in seinen Hals. Blut spritzt, dann noch ein kurzes Zucken und der Körper fällt schlaff zu Boden. Die Umstehenden treten hastig noch weiter zurück, dann schreit Radu: »Und jetzt geht hinaus, Brüder und Schwestern und genießt die Freiheit!«

Er richtet das blutverschmierte Gesicht gen Himmel und lacht laut und voller Triumph.

KAPITEL 1 – NÄCHTLICHER BESUCH?

Es ist mitten in der Nacht, als ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen werde. Kalte Schwärze umgibt mich. Es muss um Mitternacht sein. Was hat mich geweckt? Ein lautes Knacken meiner Dielen. Da ist es schon wieder. In Sekundenschnelle sitze ich aufrecht im Bett, schaue mich in meinem Zimmer um. Zitternd versuche ich meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Mein Herz rast. Ich hätte schwören können, dass eine dunkle Gestalt an meinem Bett gestanden hat. Dass sie mich angestarrt hat.

Ich blinzelte, dann war sie spurlos verschwunden.

Das ist absurd, versuchte ich mir einzureden. Ich schüttelte den Kopf und versuchte den Gedanken zu vertreiben. Das musste eine Auswirkung der vielen Horrorfilme sein, die ich mir in den Sommerferien zusammen mit Ashley angeschaut hatte. Dennoch wollte es mir nicht gelingen zu entspannen. Mein Herz pochte immer noch heftig.

Ein Blick durch mein Zimmer versicherte mir, dass sich dort keiner verstecken konnte. Langsam entkrampften sich meine Muskeln. Der Raum war noch sehr spärlich eingerichtet, da wir erst in der letzten Woche nach Floresville gezogen waren.

Das Fenster hatte ich wegen der unerträglichen Hitze am Abend offen gelassen, doch nun peitschte ein kalter Wind durch die Dachgaube. Vorsichtig schwang ich meine Beine aus dem Bett und erschrak. Da war das Knacken wieder.

Es dauerte einen Augenblick bis ich begriff, dass ich das Geräusch selbst ausgelöst hatte, als meine nackten Füße den alten Eichenboden berührten. Schnell huschte ich an meinem Schreibtisch vorbei und schloss das Fenster. Ich hielt einen Moment inne und betrachtete die dunklen Wolkenfetzen, die der Wind über den Himmel jagte. Nur ab und zu ließen sie den Mond durch ihre grauen Mauern blitzen.

Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke. Konnte jemand durch das Fenster eingestiegen sein? Ruckartig riss ich meinen Blick von dem Himmel los und drehte mich um. Dicht an die Wand gepresst durchsuchte ich die Schwärze nach einer Gestalt, nach einer Bewegung.

Alles blieb ruhig. Ich zwang mich dazu, das Geräusch endlich zu vergessen.

Es muss ein Albtraum gewesen sein. Wer sollte schon über den zwei Meter hohen Saarlouis-Zaun geklettert sein, der unser Grundstück umgab, um dann womöglich wie Spiderman zehn Meter an der Wand in die Höhe zu klettern und in mein schmales Fenster einzusteigen.

Es ist absurd. Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Ich habe wirklich eine blühende Fantasie.

Wesentlich entspannter schlich ich zurück in mein Bett, wobei mein Blick auf meinen Nachttisch fiel. Blitzartig wurde mein Herz schwer und Trauer brannte in meinen Adern. Da stand ein Foto von Julien, meinem…naja, unfreiwillig gewordenem Ex-Freund, und mir. Vor einigen Wochen noch hatte ich in Portland in seinen Armen gelegen und auf Wolke sieben geschwebt, doch dann hatte mein Vater kurzerhand beschlossen, nach Floresville in Texas zu ziehen. In unserem alten Zuhause war etwas Schreckliches passiert, und außerdem würde mein Dad in San Diego einen neuen Auftrag haben. Alles was ich wusste war, dass er beim FBI arbeitete und wirklich nie über seine Arbeit sprach. Ob er es nicht durfte oder einfach nur unklug fand, seiner 16- jährigen Tochter etwas anzuvertrauen, wusste ich nicht. Ich fragte auch nicht mehr nach, denn inzwischen war mir klar geworden, dass es nichts brachte und ich ohnehin nichts aus ihm herausbekommen würde.

Ich war natürlich ziemlich verärgert darüber, dass ich all meine Freunde und mein Zuhause der letzten 15 Jahre verlassen sollte, doch schweren Herzens willigte ich schließlich ein und trennte mich von Julien. Ich tat es sehr ungern, da wir bereits elf Monate eine glückliche Beziehung geführt hatten, doch die fast dreieinhalb tausend Kilometer, die nun zwischen uns lagen, hätten für jedes Treffen mehr als eine Tagesreise gefordert und ich konnte mir eine Fernbeziehung einfach nicht vorstellen. Dass ich ihn früher als geahnt wiedesehen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Traurig nahm ich das Bild von dem sonst noch leeren Nachttisch und legte es in die unterste Schublade, wo ich es sorgfältig mit ein paar bunten Halstüchern bedeckte. Es würde das Beste für mich sein, ihn einfach zu vergessen und aus meinem Leben zu streichen. Meine Illusion jener Nacht war bereits eine gute Ablenkung gewesen.

Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und ich konnte an der Wand neben meinem Schrank die silberne Digitaluhr erkennen, die mir mein Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich kniff die Augen zusammen, um die roten Ziffern erkennen zu können. Stöhnend ließ ich mich wieder in mein Bett sinken, zog die Bettdecke bis zu meinen Ohren nach oben und machte die Augen zu. Die Uhr hatte 01:54 Uhr angezeigt – in etwa viereinhalb Stunden würde ich wieder aufstehen müssen und alle Energie brauchen, um meinen ersten Schultag an der Floresville High School zu absolvieren.

Ich werde meinen Vater bitten, sich um die Dielen zu kümmern, war das Letzte, was ich dachte, bevor ich wieder tief und fest einschlief und im Land der Träume versank.

KAPITEL 2 – FLORESVILLE HIGH SCHOOL

Robert nahm meine Hand, zog mich ganz nah an seine Brust und hob mit sanften Händen mein Kinn an, sodass ich in seine blaugrauen Augen blicken konnte. Er war zum Verlieben schön. Mein Herz fing heftig an zu klopfen, als er langsam seinen hübschen Kopf neigte, seine braunen Haare leicht in sein Gesicht fielen und schließlich seine Lippen die meinen berührten.

»Schätzchen, bist du schon wach?«

Der Kuss war unendlich schön. Ich legte meine Hände an seinen Nacken, um ihn noch näher an mich heranzuziehen.

»Anjuli? Du musst jetzt wirklich aufstehen. Wir haben schon viertel vor acht!« Was? Die Stimme klang aber nicht nach Robert. Langsam öffnete ich die Augen und bemerkte entsetzt, dass ich da nicht Robert Pattinson im Arm hatte, sondern nur mein zerknuddeltes Kopfkissen.

Mist! Vor der Tür stand meine Mutter um mich zu wecken und das war ein schlechtes Zeichen, da sie morgens eigentlich nur an meine Tür klopfte, wenn ich wirklich spät dran war. Was hat sie gesagt? 7:45 Uhr – und um 8 Uhr fängt die Schule an?

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, versicherte meiner Mutter rasch, dass ich schon so gut wie fertig war und zog mir schnellstmöglich wahllos ein paar Shorts und ein Shirt aus einem der Umzugskartons über. In Windeseile hetzte ich ins Bad, welches direkt neben meinem Zimmer lag, putzte mir so schnell die Zähne, dass mein Zahnarzt bei dem Anblick im Dreieck gesprungen wäre und legte etwas Make-up auf, um die kleinen roten Stellen auf meiner Stirn zu bedecken. Dann noch ein wenig Kajal um meine kastanienfarbenen Augen und fertig. Kritisch betrachtete ich mich im Spiegel. Bei dem Anblick meiner zerzausten Haare kräuselten sich meine Lippen, doch ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich es schon jetzt nicht mehr rechtzeitig schaffen würde.

Super! Das macht ja einen tollen Eindruck bei meinem ersten richtigen Schultag. Ungekämmt und trotzdem viel zu spät.

Ich war aufgeregt und gespannt, wie die anderen Schüler auf mich reagieren würden. Zwar war ich am vorigen Tag bereits an der Schule gewesen, jedoch nur um ein paar Formulare auszufüllen und meinen Stundenplan abzuholen.

Während ich die Treppe halb runter rannte, halb runter stolperte, warf ich einen kurzen Blick darauf und sah mit Entsetzen, dass ich in der ersten Stunde Mathe haben würde. Leider gehöre ich nicht zu den wenigen Genies dieser Welt, die etwas von Integralrechnung, Stochastik und wie das alles heißt, verstehen, sondern sitze immer einfach nur da, mein süßestes Lächeln aufgesetzt und nicke ganz schnell, wenn der Lehrer fragt, ob wir auch alles verstanden haben.

Die Klausuren zeigten dann meistens, dass ich da doch noch ein paar Fragen hatte…

Unten angekommen sprintete ich in die Küche, drückte meiner Mum einen Schmatz auf die Wange, warf mein Frühstück in meinen Rucksack und packte mir die Autoschlüssel. Mein weißer Audi wartete bereits im Hof auf mich. Ich bin eigentlich nicht so markenverrückt wie einige meiner Freunde, aber ich muss sagen, dass dieses Auto schon das gewisse Extra hat. Mit Navi, Sitzheizung und eingebautem Bordcomputer machte das Fahren echt Spaß und die Chromfelgen gaben dem Ganzen den letzten äußerlichen Schliff – meinte zumindest mein Vater, der mir den Wagen zu meinem 16. Geburtstag geschenkt hatte.

Vom Geld her war das kein Problem. Schließlich verdiente er beim FBI mehr als genug, um mir jeden Wunsch zu erfüllen, doch ehrlich gesagt wollte ich das nicht so ausnutzen und hatte mir, bis auf ein fahrtaugliches Auto zum Geburtstag, noch nie so etwas Großes gewünscht. Dass es genau dieses Auto wurde, hat mich dann auch nicht gestört.

Das einzig Schlechte daran war, dass es zahlreiche Blicke von gaffenden Schülern auf sich und somit auch auf mich lenkte. Als ich gestern zum ersten Mal vor der Schule vorgefahren war, hatte ich mich vor neugierigen Blicken kaum retten können und war froh, als ich durch die Tür des Sekretariats geschlüpft und somit erst mal sicher gewesen war.

Heute würde mir das wahrscheinlich nicht drohen, da meine Uhr bereits 8:10 Uhr zeigte, als ich die Hofausfahrt verließ und mich in Richtung Schule begab.

Unser neuerworbenes Haus lag an einem abgelegenen Waldstück etwas abseits der Stadt und so dauerte es fast zehn Minuten bis die Schule in Sicht kam.

Auf dem Schulparkplatz angekommen, drehte ich eine Runde, um noch eine freie Parklücke zu finden, und siehe da – hinter einer Reihe von Büschen und Bäumen gab es noch weitere fünf Parkplätze. Drei davon waren bereits belegt und eine der freien Parklücken war so eng, dass ich bestimmt Probleme mit dem Einparken bekommen würde. Ich steuerte also auf die letzte Parklücke zu, die wie für mich gemacht zu sein schien, da tauchte plötzlich hinter mir ein anderes Auto auf. Es war eine schwarze Corvette, die mich überholte und sich in die Lücke stellte, auf die ich gerade zugehalten hatte. Verärgert grub ich meine Fingernägel in das Lenkrad.

Was erlaubt sich dieser Typ?

Genervt legte ich den Rückwärtsgang ein und versuchte mir die Worte meines Fahrlehrers über Einparken wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ich wollte jetzt einfach möglichst schnell in diese Parklücke und am besten ohne mir eine Delle in meinen Audi zu fahren.

Wie ich erwartet hatte, klappte es nicht beim ersten Versuch. Beim zweiten auch nicht. Der dritte war knapp, doch ich wollte nicht riskieren, gegen eins der anderen Autos zu fahren, also setzte ich nochmals zurück und versuchte es ein viertes Mal. Ich war so konzentriert gewesen, dass ich gar nicht bemerkte, wie drei Personen aus der Corvette ausstiegen. Zwei davon, ein Junge und ein Mädchen, entfernten sich in Richtung Schulgebäude, der Dritte kam direkt auf mich zu. Ich betete, dass ich es dieses Mal schaffen würde. Alles andere wäre einfach viel zu peinlich gewesen. Ich hielt die Luft an, lenkte in Richtung Parklücke, drückte leicht das Gaspedal und… atmete aus, denn ich hatte es endlich geschafft. Hastig ergriff ich meinen Rucksack, der auf dem Beifahrersitz lag und stieg aus. Ich hoffte immer noch, dass ich mich nur verguckt hatte, doch der Fahrer der Corvette kam wirklich auf mich zu.

Was will der nur?

Eigentlich kochte die Wut in meinem Magen, doch bei dem Anblick des jungen Mannes verflog der Ärger und wich einem Hauch von Scham, welcher meine Wangen rosa rot färbte.

Er musste etwa 1,90m groß sein, denn ich selbst war schon mit 1,78m nicht klein und er schien mich noch um einen Kopf zu überragen. Mein Blick wurde auf seine muskulösen Arme gelenkt, während er sich lässig in meine Richtung bewegte.

Ich musste echt lächerlich aussehen, wie ich einfach nur so dastand und ihn anstarrte, denn als er näher kam, erkannte ich ein schelmisches und zugleich arrogantes Lächeln auf seinen Lippen. Lippen, die einfach perfekt zu dem Teint seiner braunen Haut passten. Seine Augen waren verdeckt von einer großen, schwarzen Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, so dass es mir unmöglich war zu sehen, wohin er schaute.

Bitte geh an mir vorbei, bitte geh an mir vorbei.

Seine Haare waren leicht nach oben gegelt und eine Mischung aus schwarzbraunen und haselnussfarbenen Strähnen, die in sein Gesicht fielen und somit seine makellose Haut im Bereich der Stirn verdeckten. Als er keine zwei Meter mehr von mir entfernt war, verlangsamte er seine Schritte und blieb schließlich stehen.

»Du bist neu in der Stadt, stimmt´s? Ich habe dich gestern schon hier gesehen«, sagte er unerwartet freundlich. Beim Klang seiner Stimme klopfte mein Herz schneller. Die Melodie, die darin mitschwang, war einfach atemberaubend schön.

»Ehm, ja stimmt.«

Ich spürte wie Unmengen von Blut in mein Gesicht gepumpt wurden und konnte mir gut vorstellen, wie rot ich wohl sein musste. Mit einem Grinsen im Gesicht streckte er mir die Hand entgegen und sagte:

»Nathan Hawk. Sorry noch mal wegen eben. Ich hatte es ein wenig eilig.«

Eilig? Wieso nimmt er sich dann die Zeit mit mir zu reden?

Ein winzig kleiner Teil in mir bestand darauf, sauer auf diesen arroganten Nathan Hawk zu sein, doch der restliche Teil meines Verstands verzieh ihm sofort und wie ferngesteuert streckte ich auch meine Hand aus und stellte mich vor.

»Anjuli Aishani. Macht nichts. Ist ja nix passiert.«

Mit der freien Hand strich er sich ein paar Strähnen zur Seite und ich konnte sehen, wie er die Stirn runzelte.

»Anjuli Aishani? Das ist aber nicht sehr amerikanisch. Wo kommst du ursprünglich her, wenn ich fragen darf?«

Diese Frage kannte ich nur zu gut, da sie mir schon viele Leute zuvor gestellt hatten – zu Recht, wenn man nicht wusste, dass meine Mutter indischer Abstammung war, ich mich jedoch durch und durch als Amerikanerin fühlte und nicht ein Wort Indisch konnte. Ich wusste lediglich was mein Name bedeutete. Anjuli, der Segen, und Aishani, die Göttin.

Du bist wirklich ein Segen Gottes, hatte mir meine Mutter immer ins Ohr geflüstert, als ich klein war.

Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke etwas höher, da ein kräftiger kalter Windstoß von hinten kam, meine Haare in Nathans Richtung wehte und mich leicht frösteln ließ. Ich wollte ihm gerade die passende Antwort auf seine letzte Frage geben, da bemerkte ich seinen Gesichtsausdruck, der sich schlagartig von jetzt auf gleich verändert hatte.

Seine Züge ließen erahnen, dass er die Augen geschlossen hatte, und ich konnte deutlich sehen, wie er die roten Lippen aufeinander presste, so als hätte er eine Fliege verschluckt und wollte sie auf keinen Fall wieder aus seinem Mund lassen.

Verwundert sah ich ihm zu, wie er das Gesicht in den Wind hielt und kräftig einatmete. Mein Verstand musste mich täuschen, denn das, was ich da vor mir sah, erinnerte mich mehr an ein wildes Tier, das die Fährte seiner Beute aufnimmt, als an einen Menschen.

Seine Hände verkrampften sich und ich konnte deutlich die blauen und grünen Adern erkennen, die sich darauf abzeichneten. Ich hatte Angst, sie könnten aufplatzen, so fest drückte er darauf. Völlig erschrocken trat ich einen Schritt zurück, um Abstand zwischen uns zu bringen. Angst um mich hatte ich in diesem Moment keine.

Warum sollte dieser Mensch mich angreifen? Ich habe ihm nichts getan.

Vielmehr sorgte ich mich um sein Wohlbefinden. Vielleicht hatte er einen Anfall? Ich biss mir leicht auf die Lippe, so wie ich es immer tat, wenn ich mir in einer Sache unsicher war, und fragte ganz leise:

»Ist alles in Ordnung, Nathan?«

Endlich entspannten sich seine Züge. Er schien wieder zu sich gekommen zu sein.

»Ich muss los«, presste er zwischen den Lippen hervor. Anstatt mir zu versichern, dass alles klar war, wie es normale Menschen für gewöhnlich taten, verzog er das Gesicht, rückte seine Brille zurecht, während er einen unheimlich arroganten Blick aufsetzte und sich dann schließlich umdrehte und in schnellen Schritten den Parkplatz verließ. Zu meiner Überraschung, die durch dieses Verhalten sowieso schon riesig war, ging er jedoch nicht in Richtung Schule, sondern verschwand in ein anderes Gebäude, das ich jedoch noch nicht kannte. Ich überlegte einen Moment lang, ob ich ihm nachrufen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Ich würde aus diesem Jungen wohl so schnell nicht schlau werden. Außerdem war ich bereits mehr als spät dran und so eilte ich in das Schulgebäude, welches ich wohl für die nächsten zwei Jahre so gut wie täglich besuchen würde.

In der großen Eingangshalle angekommen, zerrte ich den geknickten Stundenplan aus meinem Rucksack und versuchte vergeblich herauszufinden, in welchem Raum ich eigentlich schon vor dreißig Minuten hätte erscheinen sollen. Die Halle war verlassen. Keiner, den ich hätte fragen können. Natürlich nicht – alle saßen bereits im Unterricht. So blieb mir nichts anderes übrig, als noch einen kurzen Abstecher ins Sekretariat zu machen, um die zum Glück freundliche und verständnisvolle Mrs. Jacobs nach dem Weg zu fragen.

Ich war leicht außer Atem, als ich endlich die Tür des Klassenzimmers erreichte, noch einmal tief durchatmete und dann leise aber hörbar anklopfte. Ein älterer Mann, graue Haare, Halbglatze, groß und schlaksig, öffnete mir und starrte mich mit zornigem Blick an. Er rückte seine altmodische Brille zurecht und verkündete spöttisch:

»Ah, sie müssen zweifellos Miss Aishani sein, habe ich Recht? Wir haben Sie bereits erwartet.«

Beschämt nickte ich, betrat den Raum und setzte mich kleinlaut auf den einzigen freien Platz, auf den Mr. Black, mein neuer Lehrer, mich verwiesen hatte. Ich spürte, wie alle Blicke auf mich gerichtet waren, während ich meine Jacke auszog, sie über den Stuhl hängte und mich schließlich darauf niederließ. Neben mir saß ein Junge, der mich mit schwarzen kurzen Haaren, grünen Augen und Sommersprossen anlächelte und sich als Daniel Reed vorstellte. Er schien nett zu sein und ich hoffte nur, dass er mir helfen würde, dieses grauenhafte Fach zu überleben.

Mr. Black war nicht gerade der Mathelehrer, den ich mir gewünscht hatte, und um direkt zu demonstrieren, dass man bei ihm besser niemals zu spät kam, holte er mich auch schon an die Tafel und ließ mich eine verdammt schwere Aufgabe vorrechnen. So etwas Gemeines hatte ich an meinem ersten richtigen Schultag nun wirklich nicht erwartet. Ich würde mich zum Schulgespräch Nummer eins machen – jedoch nicht auf positive Weise.

Ich wollte gerade verzweifeln, da ich nicht mehr weiter kam, als es plötzlich an der Tür klopfte. Wenige Sekunden später streckte Nathan seinen Kopf durch die Tür, setzte seine Sonnenbrille ab und murmelte etwas, dass wie »Entschuldigung, verschlafen«, klang. Mr. Black setzte dieselbe Miene auf wie auch bei mir vorhin und wies ihn zurecht.

»Tja, tut mir leid, Mr. Hawk, aber ich fürchte, ihr Platz wurde soeben vergeben. Da Sie es ja sowieso vorziehen, gar nicht, oder wenn, dann viel zu spät zu meinem Unterricht zu erscheinen, denke ich, es macht ihnen bestimmt nichts aus zu stehen.«

Verblüfft sah ich von Nathan, dessen Augen wütend funkelten, zu Mr. Black, der in der Ecke stand und zu seiner Genugtuung grinste.

»Wie wäre es, Hawk«, fuhr er schließlich fort, »wenn sie gastfreundlich wären und für unsere neue Schülerin, Miss Aishani, diese Aufgabe zu Ende rechnen würden?«

Ich atmete auf. Danke lieber Gott – ich bin gerettet.

Mit gepresster Stimme würgte Nathan ein »Aber liebend gerne doch«, was mehr als zynisch klang, heraus und kam in Richtung Tafel auf mich zu. Ich reichte ihm die Kreide und ging auf meinen Platz zu. Gerade als ich mich wieder neben Daniel setzte, hörte ich noch ein leises »Vielen Dank« seinerseits. Von der schönen Melodie, die ich vorhin noch in Nathans Stimme vernommen hatte, war nun nichts mehr übrig.

Ich verstand nicht, warum er sich so anstellte, an die Tafel zu müssen. Er gehörte zweifellos zu den wenigen Mathegenies, denn er rechnete die Aufgabe fehlerfrei und ohne langes Grübeln zu Ende.

Bewundernd schaute ich ihm dabei zu. Er stand mit dem Rücken zur Klasse. Ich konnte nicht erkennen, welches Logo auf seine schwarze Jeans aufgenäht war, doch es musste zweifelsfrei eine teure Markenhose sein. Dazu trug er ein weißes Shirt, eine schwarze Lederjacke und abgenutzte, knöchelhohe Stiefel.

Ein nahezu makelloses Bild gab er ab, wie er so da stand und in atemberaubender Geschwindigkeit unzählige Formeln an die Tafel kritzelte. Schon halb gefangen in einem herrlichen Tagtraum schreckte ich plötzlich hoch, als Mr. Black einmal in die Hände klatschte und Nathan mit einer Handbewegung zurück an die Tafel zitierte, um ihn auch noch den Rechenweg für die anderen Schüler erklären zu lassen.

So wundervoll das Mathegenie auch von hinten noch ausgesehen haben mochte, als ich in sein ernstes und zugleich genervt dreinblickendes Gesicht schaute, verflog der Zauber, der ihn noch eben umgeben hatte. Ich kannte diesen Typ erst seit weniger als einer Stunde – wenn man überhaupt von kennen sprechen konnte – und er war mir schon jetzt unsympathisch. Als er vorhin durch die Tür gekommen war, hatte ich die Reaktionen seiner Mitschüler aus den Augenwinkeln mitverfolgen können. Die Mädchen hatten alle wie verzaubert in seine Richtung geschaut, was den Jungen etwas zu missfallen schien, doch auch ein paar von ihnen hatten Nathan mit einem Grinsen zugenickt. Es musste also noch eine andere Seite an ihm geben, die die Schüler der Floresville High School zu bewundern schienen.

Als er gerade mit seiner Erklärung beginnen wollte, meldete sich die Schulklingel in der Ecke des Klassenzimmers und verkündetet das Ende dieser Stunde. Nathan war der erste, der den Raum verlassen hatte, ohne auf Mr. Black zu hören, der ihm laut nachbrüllte und wohl noch ein Wörtchen mit ihm reden wollte. Ich heftete mich an Daniel, folgte ihm aus dem Raum und atmete erleichtert auf, als ich auf dem Flur im dritten Stock stand und das Schlimmste an diesem Tag wohl zum Glück schon hinter mir hatte.

Oder kann es noch schlimmer kommen?

Mein Stundenplan kündigte Französisch für die nächste Stunde an. Daniel war wirklich hilfsbereit, zeigte mir den Weg zu dem Raum, hielt mir die Türen auf, die wir passierten, und beantwortete alle meine Fragen, die ich zwischendurch stellte. Ein echter Gentleman! Ich fühlte mich geschmeichelt.

Die Französischstunde war schon viel angenehmer. Kein Wunder – Sprachen fielen mir im Allgemeinen leicht und Französisch war meine Lieblingssprache. Mit vierzehn hatte ich etwa ein halbes Jahr bei meinem Onkel Charly verbracht, der in Paris lebte, und in dieser Zeit mehr über Grammatik, Aussprache und Vokabeln gelernt als in drei Jahren Schulunterricht. Freundlich lächelnd begrüßte mich Madame Ciboulette, deren Name jedem Französischkundigen ein Grinsen entlockte, mit einem: «Ah, bonjour! Tu es la nouvelle fille, Anjuli Aishani, c’est vrai?»

Ich lächelte zurück, bestätigte ihr, dass ich die neue Schülerin war und schaute mich in der Klasse um. Daniel hatte leider kein Französisch, sondern Latein, und so musste ich mir wohl oder übel einen neuen Sitzpartner suchen. In der ersten Reihe saß ein Mädchen ganz alleine an ihrem Tisch. Ihre langen, goldbraunen Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie sich nach vorne beugte, um zu lesen. Als ich auf sie zukam, schaute sie auf und lächelte mir entgegen. Ihre blauen Augen strahlten, als sie mir sagte, dass der Stuhl neben ihr frei wäre und fragte, ob ich nicht neben ihr Platz nehmen wollte. Dankbar nickte ich und setzte mich gerade noch rechtzeitig hin, bevor das laute Schrillen einer Glocke durch den Raum tönte und mich zusammenzucken ließ.

»Erschreck dich nicht«, flüsterte das Mädchen neben mir. »Das macht sie immer wenn der Unterricht beginnt. Damit alle leise sind, verstehst du?«

Ich deutete ein Nicken an und konzentrierte mich dann wieder auf Madame Ciboulette, die auf mich zukam und mich aufforderte, mich vorzustellen. Ohne Fehler berichtete ich nun der Klasse, wie ich hieß, dass ich 16 Jahre alt war, vorher in Portland gewohnt hatte und was man eben noch so sagt, wenn man sich vorstellt und kassierte dafür ein »Très bien!«.

Endlich mal ein guter Start in den Unterricht. Wenn schon in Mathe nicht klappt, werde ich hoffentlich in Französisch gute Noten bekommen.

Der restliche Schultag verlief ähnlich. Auch in Englisch, Geschichte und Erdkunde begrüßten mich die Lehrer freundlich, wollten, dass ich mich kurz vorstellte und dann war ich auch schon wieder erlöst. Glücklicherweise hatte ich jedes der Fächer entweder mit Daniel oder Kathy – dem Mädchen aus Französisch – zusammen, und so war es kein Problem, die Räume zu finden, ohne sich zu verlaufen. Um 12 Uhr klingelte es endlich zur Mittagspause und Kathy und Daniel schleppten mich mit in die überfüllte Cafeteria. Sie wollten mich ihren Freunden vorstellen, die bereits an einem langen Tisch in der Ecke Platz genommen hatten. Kathy setzte sich neben einen großen Jungen mit leicht orange-rötlichem Haar und grünen Augen, der mir als Finch vorgestellt wurde, und bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass ich mich neben sie setzen sollte. Außer meinen zwei neuen Freunden und Finch waren noch vier weitere Personen am Tisch: Zwei Mädchen, Danielle und Victoria, die exakt dieselben dunkelbraunen, fast schwarzen Haare hatten, mich mit denselben braunen Augen anlächelten und sogar den gleichen grünen Pullover trugen. Auf meine eigentlich schon überflüssige Frage wurde mir bestätigt, dass sie eineiige Zwillinge waren.

Anstatt die zwei weiteren Personen am Tisch genauer zu betrachten, wurde meine Aufmerksamkeit auf den Tisch dahinter gelenkt. Möglichst unauffällig versuchte ich zwischen Danielle und Victoria hindurch zu gucken, um den Jungen und das Mädchen, die ganz alleine am Nachbartisch saßen, genauer in Augenschein zu nehmen. Sie saß mit dem Rücken zu uns, strich sich kurz mit der Hand durch ihre langen gelockten Haare, die im Licht wie pure Seide glänzten, und nahm einen Schluck aus einer silbrigen Flasche. Der Junge saß ihr gegenüber und somit genau in meinem Blickfeld. Obwohl seine Augen durch eine dunkle Sonnenbrille verdeckt wurden, kam er mir unheimlich bekannt vor. Für einen Jungen hatte er relativ lange Haare, die schon fast seine Schultern berührten, und obwohl er somit eigentlich nicht so mein Typ war, hatte er etwas seltsam Anziehendes an sich.

Als ich einen Stich in meiner Seite spürte und erschrocken hochfuhr, registrierte ich, dass mein Blick zum Nachbartisch wohl doch nicht so ganz unbemerkt geblieben war. Kathy grinste mich an.

»Ah, natürlich. Du wärst wirklich unnormal gewesen, wenn du sie nicht angestarrt hättest!«

Ein kurzer Blick zu den anderen Tischen zeigte, dass ich nicht die Einzige war, die immer wieder mal einen Blick zu den beiden hinüber warf.

»Das sind Steven und Britney Hawk. Irgendwo hier müsste sich noch ihr Bruder Nathan rumtreiben. Er ist in unserer Stufe und ich kann dir sagen: Du wirst vom Hocker fallen, wenn du ihn siehst.«

Natürlich. Die leicht gebräunte Haut, die markanten Wangenknochen…Steven sah, abgesehen von den Haaren, seinem Bruder sehr ähnlich. Deshalb kam er mir so bekannt vor. Ich erwähnte nicht, dass ich Nathan eigentlich schon getroffen hatte und wirklich, wie sie gesagt hatte, fast vom Hocker – beziehungsweise vom Autositz – gefallen war. Es war ja nur eine kurze Begegnung gewesen und ich wusste immer noch so gut wie nichts über ihn. In der Hoffnung, vielleicht mehr über seine Familie zu erfahren, fragte ich bei Kathy nach.

»Was ist denn so Besonderes an ihnen? Wieso starren die alle so an?«

»Nun ja, wie du ja bestimmt schon bemerkt hast, sehen alle drei ziemlich gut aus und haben…diese gewisse Anziehung, die jeden träumen lässt, der nicht gerade eifersüchtig ist. Nathan ist wie gesagt in unserer Stufe, Steven ist ein Jahr älter als er und Britney ist erst 14. Sie leben seit circa vier Jahren in Floresville und kommen ursprünglich irgendwo aus Europa, glaube ich. Keiner weiß genau wieso, aber sie lassen sich so gut wie nie irgendwo blicken. Weder auf Schulveranstaltungen noch in der Cafeteria, deshalb werden sie auch jetzt von allen so angestarrt.« Sie zwinkerte mir zu. »Auch du machst da keine Ausnahme.«

Während ich über das nachdachte, was Kathy mir gerade erzählt hatte, schrillte es plötzlich erneut über unseren Köpfen und ein Blick auf die Uhr zeigte, dass die Mittagspause schon wieder zu Ende war. Kaum zu glauben, dass ich die ganze Zeit damit verbracht hatte, irgendwelche anderen Leute anzustarren, ohne auch nur einen Bissen von meinem Brot zu nehmen. Hastig biss ich ein paar Mal ab und legte es in meinen Rucksack zurück. Finch und die anderen beiden Jungs hatten die Cafeteria bereits verlassen und auch Victoria und Danielle machten sich auf den Weg zu den letzten beiden Stunden für heute. Daniel setzte sich mir gegenüber und streckte die Hand aus.

»Zeig mal deinen Stundenplan, dann kann ich dir sagen, wo du jetzt hin musst.«

Nach kurzem Kramen fischte ich ihn irgendwo aus meiner Tasche, warf einen Blick darauf und verkündete erfreut, dass ich jetzt eine Doppelstunde Kunst haben würde.

»Welcher Lehrer?«, fragte Daniel sofort und klang so, als würde er sich an meiner Stelle nicht so freuen.

»Ehm, Carrol.«

Die Züge meines Gegenübers entspannten sich. »Da hast du aber Glück gehabt«, meinte Daniel und grinste, während er fortfuhr: »Wir haben hier fünf Kunstlehrer an unserer Schule. Vier davon sind verhasst – Ms. Carrol wird von allen angehimmelt. Du Glückspilz.«

Er stand auf und zog mich durch die schon fast leere Cafeteria hinter sich her, während er sich im Slalom an den leeren Stühlen vorbei kämpfte.

»Sie ist zwar eine der beliebtesten Lehrerinnen hier, aber sie kennt keine Gnade für Zuspätkommer.« Er zwinkerte mir zu. »Du solltest also besser einen Zahn zulegen. Siehst du die bunte Tür da unten? Da musst du hin. Viel Erfolg!«

Verblüfft blieb ich stehen. »Du kommst nicht mit?«

Das hatte wohl doch ein bisschen zu traurig geklungen, denn Daniel grinste schon wieder. »Sorry, Anjuli. Aber das schaffst du bestimmt auch ohne mich.«

Er lächelte mich noch einmal ermutigend an, drehte sich dann um und verschwand im nächsten Gang. Ich schaute ihm noch eine Sekunde hinterher, biss mir leicht auf die Lippe und machte mich auf den Weg zum Kunst-Raum. Zum Glück war ich noch rechtzeitig, denn die Tür stand offen und Ms Carrol war mit einigen Unterlagen beschäftigt. Nach einem kurzen Blick durch den Raum fand ich einen leeren Tisch und setzte mich, jedoch nicht ohne die neugierigen Blicke der anderen Schüler auf mir zu spüren. Ashley, meine frühere beste Freundin, hätte sich bestimmt wohl und bestätigt gefühlt, wenn so viele Blicke auf sie gerichtet waren. Mir war das Ganze jedoch eher unangenehm. Vor allem, weil meine kastanienbraunen Haare nicht wie sonst leicht gelockt auf meine Schultern fielen, sondern eher wie Stroh fad herunterhingen. Leise verfluchte ich mich dafür, verschlafen zu haben.

Endlich schob Ms. Carrol ihre Unterlagen beiseite und hieß uns alle in ihrem Unterricht willkommen. Ich war gespannt, denn Kunst lag mir eigentlich ziemlich gut und zeichnen war meine Leidenschaft, obwohl ich zuvor nicht allzu viel Glück mit den Lehrern gehabt hatte. Ms. Carrol jedoch schien anders zu sein. Sie war noch ziemlich jung, ich schätzte sie auf etwa achtundzwanzig, trug eine weiße Bluse, hatte ihre blonden Haare zu einem Zopf gebunden und machte einen ziemlich selbstbewussten und zielstrebigen Eindruck. Als sie aufstand, um den Overheadprojektor zu betätigen, bemerkte ich erst, wie groß und schlank sie war – man konnte schon fast von Modelmaßen sprechen. Mit einem Lächeln auf den Lippen verkündete sie: »Neues Schuljahr, neues Glück. Ich habe eben mal auf die Klassenliste geschaut, aber bis auf Andrew und Mary hatte ich vorher noch keinen von euch im Unterricht. Deshalb werde ich jetzt erst mal euer Können überprüfen, um die Leistung des Kurses besser einschätzen zu können.«

Als ein leises Raunen durch den Raum ging, fügte sie noch schnell hinzu: »Keine Angst, nichts Schwieriges.«

Sie holte einen Stapel Folien vom Lehrerpult. »Wie ihr hier seht«, sagte sie, während sie die erste Folie auflegte, »wird unser erstes Thema, mit dem wir uns dieses Halbjahr beschäftigen werden, Zeichnen sein.«

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Juhu, Zeichnen! Genau wie ich gehofft habe.

»Ihr werdet vier Monate Zeit bekommen, da wir uns ja leider nur jede zweite Woche sehen und noch ein paar Stunden ausfallen, um eine Ganzkörperzeichnung eures Banknachbarn anzufertigen.«

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, wurde der Geräuschpegel deutlich höher, da alle schon wild mit ihren Nachbarn diskutierten. Die meisten schienen sichtlich erleichtert und glücklich. Nur ein paar wenige verzogen den Mund beim Anblick ihres Gegenübers und wollten gerade schon anfangen zu tauschen, als Ms Carrol sich wieder zu Wort meldete und verkündete, dass alle an ihren Plätzen bleiben müssten.

»Wenn ihr euren Nachbarn noch nicht kennt, dann habt ihr ja genug Zeit ihn kennenzulernen«, sagte sie schließlich und zwinkerte zwei Jungen in der ersten Reihe zu. Während sich alle wie wild unterhielten, schaute ich immer wieder von Ms Carrol zu dem leeren Platz neben mir und fühlte mich seltsam alleine und unwohl.

»Ich möchte, dass ihr mehr über denjenigen neben euch in Erfahrung bringt und ihn so darstellt, dass jeder direkt sieht, was ihn auszeichnet«, fuhr unsere Lehrerin fort und legte nacheinander ein paar Folien auf, die Beispielbilder von einer anderen Klasse zeigten. »Ihr könnt also den Ort selbst aussuchen und auch frei bestimmen, welche Gegenstände die Person auf der Zeichnung gegeben falls bei sich trägt.«

Etwas unsicher blickte ich immer wieder von einigen Schülern um mich herum zur Tafel, dann wieder zu dem leeren Platz neben mir und schließlich zu Ms Carrol. Als sich unsere Blicke zufällig trafen, machte sie ein überraschtes Gesicht, warf einen Blick auf die Klassenliste und kam schließlich lächelnd auf mich zu.

»Hi, ähm…wie war dein Name nochmal?«

»Anjuli Aishani. Ich bin neu an der Schule«, antwortete ich, während ich in ihre großen blauen Augen blickte.

»Also gut, Anjuli. Darf ich mich kurz zu dir setzen?«

Ich nickte und rückte ein Stück zur Seite, um ihr Platz zu machen.

»Wie du wohl auch schon bemerkt hast, ist der Platz neben dir heute leer. Ich habe aber gerade in der Klassenliste nachgezählt und ihr seid 20 Schüler. Dein Banknachbar ist heute also wahrscheinlich nur verhindert und wird in der nächsten Stunde wohl hoffentlich hier sein und dann könnt ihr auch mit dem Ideensammeln anfangen.«

Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder doch eher enttäuscht sein sollte. Was ich aber auf jeden Fall spürte, waren Aufregung und Neugier, die mein Herz schneller schlagen ließen, ohne überhaupt zu wissen, wer mein Nachbar sein würde. Ich hoffte nur, dass wir einigermaßen miteinander auskommen würden und konnte gar nicht erwarten, es in zwei Wochen endlich herauszufinden. Während ich mir bereits ausmalte, wie er oder sie aussehen könnte, hatte ich Ms Carrol neben mir schon fast vergessen und erschrak leicht, als sie plötzlich wieder mit mir sprach.

»Sonst hast du die Aufgabenstellung aber verstanden oder ist dir noch was unklar?«

»Ich denke, ich habe alles verstanden. Danke.«

»Schön, das freut mich. Wann bist du denn hierher gezogen, wenn ich fragen darf?«

Es verunsicherte mich etwas, dass sie so viel Interesse an mir zeigte, ließ sie jedoch auch sehr freundlich und menschlich wirken. »Wir sind erst letzte Woche aus Portland hergezogen.«

»Wirklich, Portland?«, fragte sie sichtlich überrascht. Ich nickte kurz und war gespannt, was daran so interessant sein sollte. »Dort ganz in der Nähe habe ich früher als Kind auch gewohnt. Wunderschöne Gegend.« Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen und lächelte, so als würde sie sich gerade an die schöne Zeit zurückerinnern. Überrascht schaute ich sie von der Seite an.

»Und wieso sind sie jetzt hier, ausgerechnet in Floresville?«

Okay, Floresville hatte schon seine Vorzüge. Ein kleines ruhiges Städtchen, im Herzen von Texas, umgeben von Wäldern, mitten in der Natur. Allerdings musste man etwa hundert Kilometer bis zur nächsten großen Stadt und sogar hundertsechzig Kilometer bis nach Austin, der Staatshauptstadt, zurücklegen und war somit doch sehr isoliert. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass jemand, der ursprünglich aus Portland kam, an Floresville Gefallen finden konnte. Schließlich war meine Heimatstadt mit mehr als einer halben Millionen Einwohnern die größte Stadt des Bundesstaates. Auch mit der Lage konnte Portland punkten: Ganz im Nordwesten der Vereinigten Staaten, nur einen Katzensprung von der kanadischen Grenze oder der Metropole Seattle entfernt und außerdem nicht weit vom Pazifik. Die beiden Städte im Vergleich waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Ich hoffe, es wird mir nicht allzu schwer fallen, mich umzugewöhnen.

Ms Carrol erklärte mir kurz, dass sie sich mit sechzehn in einen Jungen aus dieser Gegend verliebt hatte und schließlich für ihn hierhin gezogen war. Ziemlich mutig, dachte ich mir und hing noch meinen Gedanken nach, als sie schon wieder aufstand, um einigen anderen Schülern zu helfen. Den Rest der Stunde verbrachten alle damit, sich wild mit ihren Partnern zu unterhalten, Skizzen zu zeichnen und ihre Ideen auszutauschen.

Alle außer mir.

Ich saß still und alleine auf meinem Platz, dachte über den Tag nach und wartete, bis es endlich zum Schulschluss klingelte.

Zur gleichen Zeit, etwas weiter entfernt:

Der Hunger quält ihn, macht ihn schwach und träge. Seit drei Dutzend Stunden hat er nichts mehr zu sich genommen.

Den ganzen Tag hat er damit verbracht, etwas Essbares zu suchen – doch vergebens. Der Wald scheint wie leer gefegt zu sein. Besonders, nachdem jetzt auch noch die Jäger ihr Unwesen dort treiben.

Sie hatten damit rechnen müssen, dass ihre Anwesenheit eines Tages bemerkt werden würde, und doch ärgert es ihn. Er hat den Auftrag noch nicht zu Ende gebracht, er kann jetzt noch nicht gehen.

So muss er wohl oder übel wieder auf die Notreserve zurückgreifen, auch wenn es gefährlich ist, da sein Diebstahl bereits bemerkt worden ist und er den Geschmack der kleinen Wesen verabscheut.

Es ist ein Leichtes für ihn, den dünnen Maschendraht auseinanderzubiegen und eines der fauchenden Dinger zu entnehmen. Normalerweise tut er es nachts, im Schutze der Dunkelheit, doch er kann nicht riskieren, noch länger hungrig zu bleiben. Wenn ihm jemand begegnen sollte, kann er für nichts garantieren.

So landet er vorsichtig auf dem Dach des Hauses und vergewissert sich, dass er unentdeckt geblieben ist. Vor dem Alten muss er sich nicht fürchten, den nimmt keiner mehr für voll, doch vor den Nachbarn sollte er sich in Acht nehmen.

Fast lautlos gleitet er die Dachrinne hinab, landet leichtfüßig und beugt sich über die kleinen Käfige. Sobald ihm der Duft des warmen pulsierenden Bluts in die Nase steigt, setzen seine Gedanken aus – sein Trieb handelt.

Mit einem gezielten Schlag durchtrennt er den Draht und greift nach seiner Beute. Diese wehrt sich jedoch und erwischt ihn mit ihren Krallen. Leise flucht er.

Dann ein weiterer einstudierter Handgriff und das Wesen liegt regungslos in seinen Händen. An der getroffenen Stelle hat sich ein hauchdünner Riss aufgetan, ein wenig Blut tritt aus. Er beobachtet die Wunde ein paar Sekunden lang, dann schließt sie sich auch schon wie gewohnt von selbst.

Noch einmal blickt er sich um und grinst schließlich erleichtert, da alles um ihn ruhig geblieben ist. Nur die übrigen Geschöpfe in dem Käfig machen einen Aufstand, doch das kümmert ihn nicht. Vorsichtig biegt er den Draht in seine ursprüngliche Stellung zurück und klettert flink über die Regenrinne wieder hinauf aufs Dach. Dort versteckt er sich im Schatten des alten Schornsteins und verspeist seine Beute.

KAPITEL 3 – GRANDMA‘S SPEZIALSOßE

Als ich nach Schulschluss verträumt den Weg zu den Parkplätzen hinunter schlenderte und schließlich an meinem Audi ankam, fiel mir auf, dass die schwarze Corvette nicht mehr an ihrem Platz stand. Entweder war Nathan pünktlich um halb drei aus dem Unterricht gestürmt und davon gefahren oder aber er hatte einige Stunden geschwänzt. Das würde auch erklären, warum ich ihn nach der Mathestunde nicht mehr gesehen hatte. Nicht, dass ich nach ihm Ausschau halten würde, aber er war nun wirklich nicht zu übersehen.

Nichts ahnend stieg ich in mein Auto und machte mich auf den Weg nach Hause. Erst später würde ich erfahren, warum der geheimnisvolle Corvettefahrer so plötzlich die Flucht ergriffen hatte.

Während der Fahrt konzentrierte ich mich nicht wirklich auf den Weg, schaute mir nicht die farbenprächtig aufblühende Gegend an, sondern war in Gedanken schon bei meinem neuen Zimmer. Da ich heute in keinem Fach Hausaufgaben aufbekommen hatte, wollte ich die Zeit nutzen, um endlich mal die unzähligen Kisten auszupacken und alles nach meinem Geschmack einzurichten.

Ich bemerkte, dass meine Eltern nicht zu Hause waren, als ich die große Eingangstür aufdrückte und den Flur betrat. Stattdessen klebte ein kleiner Zettel am Spiegel und ich erkannte sofort die Handschrift meiner Mutter.

Sind noch schnell was erledigen. Kommen so gegen 6 Uhr wieder. Stell bitte um 5 den Herd an. Danke.

Perfekt. Ich konnte also tun und lassen, was ich wollte. Schnell holte ich mir noch meinen Lieblingsjoghurt aus dem Kühlschrank und stieg dann die Treppe zum ersten Stock hinauf. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, stand ich vor einem tristen und schlichten weißen Raum.

Da muss ich unbedingt was dran ändern.

Die erste Kiste, die ich öffnete, beinhaltete hunderte von Skizzen, die ich selbst damals in Portland angefertigt hatte. Da waren Portraits von meinen Eltern, von meinen Freunden und natürlich auch von Julien. Die schönsten Bilder von meinen Eltern hängte ich über mein Bett, die Restlichen verstaute ich. Wie zuvor das Foto von Julien, legte ich sie in die unterste Schublade meines Nachttischs. Die Erinnerung an mein altes Leben war einfach zu schmerzhaft, die Wunde war zu frisch.

Als ich endlich zufrieden mit den ausgewählten Bildern war, machte ich mich an die anderen Umzugskartons. Als erstes räumte ich all meine Kleider in den Schrank, danach sortierte ich meine Schulsachen in den Schreibtisch ein, der an der Wand unter meinem Fenster stand, und während ich noch das ein oder andere irgendwo verstaute, hätte ich fast die Zeit vergessen. Beinahe zufällig blickte ich um 17:04 Uhr auf die Uhr. Gerade noch rechtzeitig.

Schnell stieg ich die Treppe herunter, nahm dabei jeweils zwei Stufen auf einmal und sprintete in die Küche. Als ich den Herd öffnete, um zu schauen, was meine Mutter vorbereitet hatte, schwebte mir sofort der köstliche Duft von Grandma‘s Spezialsoße entgegen. Tausende von Erinnerungen strömten in diesem Moment in meinen Kopf.

Die ersten zeigten einen schönen Sommertag. Ich sah mich, wie ich damals bei meinen Großeltern im Garten gesessen hatte und schon von Weitem riechen konnte, wenn meine Oma mit ihrem »Nudelauflauf speciale« die Treppe herunter kam. Ich war fröhlich, lachte… Dieser Auflauf war einfach mein Lieblingsgericht gewesen und ich hatte jedes Mal so viel davon gegessen, dass mir danach schlecht wurde. Ein Lächeln flog über meine Lippen. Ich wünschte mich in diese Zeit zurück.

Dann plötzlich schienen die Gedanken an meine Großeltern wie aufgereihte Dominosteine zu kippen und setzten eine Kettenreaktion in Gang. Im nächsten Moment schossen weitere Erinnerungen in meinen Kopf. Bild- und Wortfetzen, die ich seit diesem einen Tag vergeblich zu verdrängen versuchte. Bilder, die ungewollt vor meinem inneren Auge erschienen. Tränen stiegen mir in die Augen, die alte Wut kochte wieder hoch. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem dicken Klos im Hals erinnerte ich mich zurück.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte sich in unserer Familie eine Tragödie abgespielt. Da es mit dem FBI zu tun hatte, wusste ich leider nicht viel darüber. Was ich jedoch wusste, war absolut grausam. Mein Vater hatte irgendeinen gefährlichen Fall – mehr sagten sie mir nicht – und war nah dran, diese Gangster auffliegen zu lassen, als er ungewollt einen schweren Fehler beging. Irgendwie hatten die Kriminellen den Namen meines Vaters herausbekommen und sich dann ganz legal bei der Auskunft unsere Telefonnummer geben lassen. Irgendwo hatten sie ein Mädchen in meinem Alter aufgetrieben und zwangen sie, bei uns zu Hause anzurufen, um sich zu erkundigen, wo ich mich aufhielt. Sie hatten wahrscheinlich vor, mich zu entführen, um meinen Vater später erpressen zu können.

Die ganze Sache war etwas verwirrend. Mein Vater sagte dem Mädchen am Telefon, dass ich den Tag bei meinen Großeltern verbringen würde und gab ihr deren Adresse, ohne zu ahnen, welche fatalen Folgen das haben würde. Was er zum Glück nicht wusste, war, dass ich mir eine Grippe zugezogen hatte und deshalb gar nicht bei Oma und Opa gewesen war.

Am Abend erzählte er mir dann, dass eine Freundin namens Tiffany angerufen und nach mir gefragt hatte. Ich war mir jedoch absolut sicher, dass ich keine gleichnamige Person kannte. Wir ahnten das Schlimmste. Ohne groß darüber nachzudenken, stiegen wir alle ins Auto und fuhren zum Haus meiner Großeltern, welches in Gresham, keine 25 km von Portland entfernt, lag.

Plötzlich brach die Erinnerung ab. Nur noch Wortfetzen, verschwommene Bilder…

Oma und Opa am Boden…

…Blut…

»Sie sind beide tot«

…so viel Blut…

»Sieh nicht hin, Anjuli«

…ganz viel rotes Blut…

»tot«

...

Schnell schüttelte ich den Kopf, hielt mir mit der einen Hand die Augen zu und versuchte mit der anderen meine Ohren zu bedecken. Ich wollte das nicht hören, ich wollte das nicht sehen!

Ein halbes Jahr war ich zur Therapie gegangen, um das alles zu vergessen, und jetzt kam es so plötzlich wieder hoch, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ich sank laut keuchend auf den Küchenboden und spürte, wie dicke Tränen meine Wangen hinab rannen. Ich versuchte mit aller Kraft an etwas Positives zu denken… so viel Blut… und stimmte leise im Kopf mein Lieblingslied an.

Baby you're all that I want

When you're lyin' here in my arms

I'm findin' it hard to believe

We're in heaven

And love is all that I need

And I found it there in your heart

It isn't too hard to see

We're in heaven

Ich hörte weit entfernt das Ticken der Uhr – um mich herum schien die Zeit jedoch stehen geblieben zu sein. Leise summte ich Bryan Adams vor mich hin und versuchte mich zu beruhigen. Ich suchte verzweifelt nach irgendetwas Positivem in meinem Kopf. Plötzlich tauchten ungewollt Bilder von heute Morgen auf. Ich sah Daniel, wie er mich anlächelte, Kathy, die mich von der Seite angrinste, Ms Carrol, die sich zu mir setzte…und auf einmal war da Nathan. Ich sah ihn vor mir, als wäre er wirklich da, wie er sich die Haare zur Seite strich und mir seine Hand entgegenstreckte.

Schlagartig verlangsamte sich mein Puls, ich atmete erleichtert auf und die Erinnerungen an meine Großeltern verblassten, sodass ich wieder klar denken konnte. Langsam öffnete ich die Augen. Solche Attacken hatte ich früher, kurz nach dem Geschehen, öfter gehabt. Ein weiterer Grund für meine Eltern umzuziehen und der Hauptgrund, der für Floresville gesprochen hatte. Eine kleine Stadt, weit weg von allem und ein Ort, an dem uns so schnell keiner mehr finden konnte.

Natürlich hatte mein Vater direkt danach unsere Nummer aus dem Telefonbuch streichen lassen und war jetzt extra vorsichtig. Es hatte sogar eine Zeit gegeben, in der er all meine Freunde, alle Telefonate und sogar meine Emails kontrolliert hatte. Erst als ich ihm später in einer heftigen Auseinandersetzung klar machte, dass das zu viel war, ließ er mir wieder ein Stück Privatsphäre. Dennoch war ich ihm dankbar dafür, wie er sich um unsere Familie kümmerte, und musste zugeben, dass ich mich mit der Alarmanlage und dem hohen Zaun um unser Haus schon um einiges sicherer fühlte.

Als ich wieder bei klarem Verstand war, stand ich auf, stützte mich an der Küchenablage ab, damit ich nicht gleich wieder das Gleichgewicht verlor, und wagte einen Blick auf die Uhr: 17:28 Uhr. Ich hoffte nur, dass der Auflauf heute besonders schnell fertig werden würde. Schnell stellte ich den Herd an und beschloss schon jetzt, dass ich gleich keinen Hunger haben würde. Die Angst, dass die Erinnerungen wieder kommen könnten, war einfach zu groß.

Langsam ging ich in das angrenzende Wohnzimmer, ließ mich auf die braune Ledercouch fallen und schaltete den Fernseher ein. Ich zappte einmal durch alle Kanäle, aber es kam leider nichts, dass mich auch nur annähernd interessierte. Ich war eher der Typ für kitschige, lustige Serien und die liefen leider nur abends. Also blieb ich bei irgendeiner beliebigen Talkshow hängen und verfolgte gelangweilt das Geschehen, während ich immer wieder den Kopf schüttelte und mich fragte, was für eine Art von Mensch sich im Fernsehen derart bloßstellen ließ. Mir war eigentlich egal, was ich mir anschaute. Hauptsache Ablenkung, denn ich wollte um jeden Preis verhindern, dass die Bilder zurückkamen. So verharrte ich also eine Weile im Wohnzimmer, bis ich endlich den Schlüssel im Schloss und kurz darauf die vertraute Stimme meiner Mutter hörte.

»Anjuli! Wir sind wieder da!«, rief sie den Flur hinauf und wirkte ein wenig überrascht, als ich ihr von der Couch aus antwortete. Eine Minute später stand sie in der Tür, runzelte leicht die Stirn und schaute mich fragend an. »Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst so blass aus?«

Meine Mum ist wirklich eine typische Mutter.

Eine von denen, die immer direkt bemerken, wenn etwas nicht stimmt – egal wie gut man es zu verbergen versucht. Mir blieb also nichts anderes übrig, als ihr kurz und knapp zu schildern, was passiert war. Direkt kam sie auf mich zu, setzte sich mit besorgter Miene neben mich und nahm mich in den Arm.

»Mein armer Schatz, das tut mir leid. Ich hatte gar nicht daran gedacht, wollte nur dein Lieblingsessen für dich machen. Geht es dir denn jetzt besser?«

»Ich weiß, das war auch echt nett von dir, Mum.« Ich lächelte sie dankbar an. »Mir geht‘s auch schon wieder besser. Ich mache mir einfach gleich was anderes.«

Nachdem sie noch drei Mal nachgefragt hatte, ob auch wirklich alles okay war, verließ sie endlich den Raum, schloss die Tür hinter sich und schon kurz darauf hörte ich Geschirr klappern und wusste, dass meine Eltern bereits am Essen waren.

Inzwischen leicht genervt von der Talkshow, schaltete ich den Fernseher aus und ging auf die Fensterfront zu. Ich öffnete den Riegel der Terrassentür, setzte mich nach draußen in einen der gemütlichen Sessel und legte die Füße hoch. Von hier aus hatte man einen wundervollen Ausblick auf den Englischen Garten, der hinter dem Haus angelegt worden war.

Wenn es im Sommer so richtig heiß in der Region werden würde und man es draußen fast nicht mehr aushalten konnte, würden die vielen Weiden mit ihren riesigen Baumkronen angenehmen Schatten spenden und die Hitze ertragbar machen.

Ich schloss die Augen, als mir ein leichter Sonnenstrahl ins Gesicht fiel und lauschte den Geräuschen der Natur. Unser Haus lag so abgelegen am Rande von Floresville, dass man von Autos, Baustellen oder sonstigem Lärm nichts mitbekam. In meinen Ohren klangen die verschiedensten Gesänge von Vögeln, das Summen einer Biene, die von Blume zu Blume flog, und im Hintergrund das leise Plätschern des Bachs, welcher sich am Rande unseres Grundstücks durch die Weiden schlängelte und die vielen Pflanzen darum am Leben erhielt.

Als ich die Augen wieder öffnete und auf den riesigen Garten blickte, kam es mir vor, als würde ich in einem Bilderbuch blättern. Überall sprießten weiße Lilien und die blauen Blüten der Blue Bonnets aus dem Boden. Von der Terrasse aus führte ein schmaler weißer Kiesweg durch den Garten, am Bach und den herrlichen Blumenbeeten entlang zu einer alten Holzbank an unserer Grundstücksgrenze, die sich unmittelbar vor dem angrenzenden Waldrand befand. Auf dieser Seite des Grundstücks war kein Zaun errichtet worden, da man dachte, der Bach und der Wald würden als natürlicher Schutz genügen. Ein großer Fehler, wie sich nur wenig später herausstellen sollte.

Diese ganze Umgebung war vollkommen fremd für mich. Obwohl es in Texas sehr trocken war, bereiteten sich kleine Triebe und bunte Blumen den Weg durch den Boden. Hinzu kamen das Zwitschern der Vögel, der Duft nach Moos und Erde,