Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Fabienne und Robert sind ein gut aussehendes, modernes und verliebtes Karrierepaar aus Frankreich. Durch außergewöhnlichen Ehrgeiz der Armut ihrer Elternhäuser entkommen, fehlt es den beiden an nichts, außer an gemeinsamer Zeit, Freunden und Familie. Der romantische Wochenendtrip in das Schloss-Hotel soll die Weichen für ihre Beziehung neu stellen. Die Weichen werden tatsächlich neu gestellt, aber auf ein Art und Weise, die so gar nicht zu den beiden passt. Verstrickt in ein mystisch-erotisches Geflecht, steht nicht nur ihre Beziehung auf dem Prüfstand. Ein unglaublich spannender Sex & Mystery Kurzroman, bei dem auch Fantasy nicht zu kurz kommt. Ankerkind sollen zwei weitere Teile folgen!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Fabienne und Robert: Wie alles begann
Änderungen im Leben: Entschleunigung
Perfekt und unnahbar: Cynthia und Marc
Zu schön, um wahr zu sein: Das Schloss-Hotel
Hoffnungslos verfallen: Die Begegnungen
Wahrheit vs. Lüge: Die Begierde siegt
Bloß Sex: Pure Lust
Versöhnung oder Trennung: Die Ernüchterung
Beste Vorsätze: Die Abreise
Wieder zu Hause: Erste Eindrücke
Wieder zu Hause: Die Uhr
Das Archiv: Die Recherche
Die Aussprache: Wer zuerst?
Die Zeit danach: Der Test
Die Wende: Was nun?
Die Roten: Angst um Julien
Der Traum: Laetitia
Samstag früh, 6:00 Uhr, der Wecker klingelt schrill. Fabienne und Robert gähnen und strecken sich, danach stehen sie auf. Wie zwei Roboter marschieren die beiden in ihrer Wohnung umher. Es gibt jeden Morgen einen geregelten Ablauf, zuerst geht Robert ins Bad und Fabienne auf die Toilette, dann umgekehrt. Frühstück gibt es im Büro. Der Samstag ist längst ein Bestandteil der Arbeitswoche geworden. Kein Kuss, keine Umarmung, kein „guten Morgen“. Stattdessen sagt Robert: „20:00 Uhr.“ Und Fabienne: „18:00 Uhr - nehme etwas mit.“ „Okay“, erwidert Robert, „vom Inder hatten wir länger nichts mehr.“ In dieser Art beginnt jeder Arbeitstag von Fabienne und Robert.
Beide sind um die dreißig. Sie haben sich an der Universität kennengelernt und sind mittlerweile erfolgreich in der Immobilienbranche tätig. Sie sind gutaussehend, sie sind modern und stehen am Beginn einer steilen Karriere. Fabienne ist eine zierliche Blondine, eins siebzig groß und hat feines, glattes, langes Haar, meist hat sie es hochgesteckt. Gelegentlich trägt Fabienne eine Brille, weil sie leicht kurzsichtig ist. Sie ist eine Augenweide, nicht nur durch ihr umwerfendes Lächeln und ihre großen blauen Augen. Wegen ihrer langen, schlanken Beine wurde Fabienne in der Schule oft gehänselt. Heute sieht dieses damalige vermeintliche Manko etwas anders aus. Fabienne weiß genau mit ihren Reizen zu spielen. Enge Hosen oder kurze Business-Röcke betonen ihre atemberaubende Figur.
Robert steht ihr um nichts nach. Mit eins achtundachtzig, athletischer Figur, einem Drei-Tage-Bart und dunklem Teint dreht sich häufig jemand nach ihm um, wenn er sich durch sein etwas längeres, braunes Haar fährt. Sie sind ein hübsches Paar im besten Alter und beruflich erfolgreich. Ihre tolle Penthouse-Wohnung in einer mittelgroßen Stadt in Frankreich können sie sich spielend leisten, worauf sie besonders stolz sind. Sie haben sich diese auch hart erarbeitet.
Keiner von ihnen will so leben, wie sie aufgewachsen sind – auf dem Land in sehr ähnlichen ärmlichen Verhältnissen, mit tristen beruflichen Perspektiven. Beide sind Einzelkinder, ihre Eltern haben ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet. Ihre Eltern leben nicht mehr, die wenigen Verwandten sind vermutlich im Ausland. Doch bis jetzt hatte keiner von beiden Zeit oder ausreichend Interesse, die Verwandten auszuforschen. Das Wichtigste in ihrem Leben ist Erfolg, um die frühere Armut für immer hinter sich lassen zu können.
Fabienne und Robert sind streng katholisch erzogen worden. Vor und nach dem Essen wurde gebetet, der Besuch von Gottesdiensten war obligatorisch. Weder die Eltern von Fabienne noch von Robert hätten es akzeptiert, wenn sie den Besuch einer Messe ausgelassen hätten. Die Eltern, vor allem der Vater, galt als Respektsperson, man durfte nicht widersprechen. Sie hatten aufzuessen, auch wenn das Essen nicht schmeckte. Dabei mussten die beiden auch oft stundenlang am Tisch sitzen bleiben.
Vielleicht fühlten sich Fabienne und Robert auch deshalb so voneinander angezogen, weil sie das gleiche Schicksal teilten. Sie lernten einander an der Universität kennen – doch zuerst war von einer Beziehung oder einer Annäherung noch lange keine Rede. Die beiden nahmen sich ab und zu wahr, nicht mehr. Daher wussten sie auch nicht, dass sie die gleiche Erziehung genossen hatten und aus ähnlichen ärmlichen Verhältnissen stammten. Regelmäßig geschlagen wurden zwar beide nicht, doch die Väter teilten schon des Öfteren Ohrfeigen aus, die sich gewaschen hatten.
Richtige Schläge bekamen die Tiere in der kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft von Roberts Eltern. Mit massiven Stockschlägen gegen die Tiere verarbeitete sein Vater den Alltagsfrust und baute seine Aggressionen ab. Robert erinnert sich noch genau daran, dass er durch das kleine Toilettenfenster die Stockhiebe seines Vaters mitbekam, so dass die Tiere vor Schmerz schrien. Oft wünschte sich Robert, dass sein Vater tot wäre oder dieselben Schmerzen erleiden sollte wie die armen Tiere.
Als Katholik war sich Robert sicher, dass das auch der Fall war. Vermutlich stand sein inzwischen verstorbener Vater schon vor seinem Richter. Daher hegt Robert auch keinen Hass mehr gegen ihn oder gegen seine versteinerte Mutter, die einfach nur zusah.
Es dauerte eine erhebliche Zeit, bis beide den Selbstwert, der ihnen in der Kindheit genommen wurde, wieder aufbauen konnten. Beide waren lange Zeit ausgesprochen schüchtern. Mit Bestleistungen in der Schule und ausgezeichneten Uniabschlüssen kompensierten sie dieses Defizit. Beide wurden von vielen Kollegen durchaus bewundert, hatten aber trotzdem so gut wie keine Freunde, sondern nur oberflächliche Bekanntschaften, nicht mehr. Während der Studienzeit mussten Fabienne und Robert arbeiten, um sich über Wasser halten zu können. Der Wunsch, anders zu leben, als sie aufgewachsen waren, förderte ihren Ehrgeiz, deshalb gelang es beiden sehr gut, Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen.
Weil sie schüchtern waren und Menschen gegenüber misstrauisch, hatte keiner vorher eine richtige Beziehung. Dafür hält ihre nun schon seit einigen Jahren.
Der Arbeitsalltag von Fabienne und Robert ist hart, aber erfolgreich.
Es ist Samstagabend. Fabienne ist bereits zu Hause, als Robert heimkommt: „Hey, Fabienne! Gibt es etwas vom Inder?“
„Natürlich, Schatz, ich wärme es kurz auf“, sagt Fabienne. Sie hat sich bereits umgezogen und trägt ein ausgesprochen sexy Home Outfit. Robert ist ein Glückspilz, Fabienne zur Freundin zu haben. Bei gedämpftem Licht und einer angezündeten Kerze und Wein essen die beiden in entspannter Atmosphäre. Sie lieben sich und wissen, dass sie zu wenig Zeit füreinander haben. Das Streben nach Erfolg, der Wunsch, den Entbehrungen der Kindheit und der damit verbundenen Armut zu entrinnen, lässt beide nicht los. Natürlich gibt es Momente, in denen sie an etwas mehr Ruhe, Zeit für die Liebe und die Stärkung der Beziehung denken – jedoch sehr selten.
Doch Fabienne verspürt immer öfter den Wunsch nach mehr Geborgenheit, nach Liebe und Zärtlichkeit. Seit ihrem letzten Geburtstag macht sie sich auch immer öfter Gedanken über den Sinn des Lebens. Wo will sie hin, was möchte sie erreichen, wer soll an ihrer Seite sein? Doch das ist eigentlich klar, das wird Robert sein. Aber möchte Robert einmal Kinder haben, eine richtige Familie? All diese Gedanken überkommen Fabienne immer häufiger. Früher nur an den Wochenenden, seit Monaten jedoch auch während der Woche. Soll sie Robert davon erzählen, ihn fragen, wie er ihre gemeinsame Zukunft sieht?
Nach dem Abendessen kuscheln sich die beiden eng umschlungen auf die Couch. Es läuft Entspannungsmusik und der Fernseher ist eingeschaltet, jedoch ohne Ton. Fabienne und Robert sind zufrieden. Viel haben sie seit dem Studium schon geschafft, worauf sie sehr stolz sind.
Doch auch Robert macht sich immer öfter Gedanken über ihre gemeinsame Zukunft. Auch er ist sich dessen bewusst, früher oder später etwas ändern zu müssen. Er befürchtet, Fabienne nicht halten zu können, wenn sie weiter in dieser Art weiterleben. Denn er ist sich sicher, dass Fabienne über kurz oder lang Kinder haben will.
Robert richtet sich auf, trinkt einen Schluck Wein und lehnt seinen Kopf wortlos an Fabiennes. Fabienne streichelt ihn. Währenddessen überlegt Robert, wie er Fabienne um ihre Hand bitten soll. Nicht gleich, aber es ist einfach ein guter Moment, die Gedanken darüber schweifen zu lassen.
Robert denkt zum ersten Mal auch darüber nach, ob man Trauzeugen benötigt, um heiraten zu können. Wer könnten diese sein? Ihm fällt niemand ein. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass Fabienne Trauzeugen finden würde. Familie: Fehlanzeige. Freunde: Fehlanzeige. Robert schämt sich fast deswegen. Sie haben alles erreicht, es geht ihnen gut. Aber sie kennen niemanden, der bei ihrer Hochzeit als Trauzeuge fungieren könnte. Sollen sie sich Freunde suchen? Auch peinlich, wenn sie nur deshalb Freunde suchen, damit sie Trauzeugen haben, wenn sie einmal heiraten möchten! Was ist hier schiefgelaufen?, fragt sich Robert. Er denkt wieder an sein Elternhaus und an seine Kindheit. Fabienne hatte es genauso schwer wie er, aber auch sie hat nicht einmal eine beste Freundin, eigentlich gar keine Freundin. Unglaublich, findet Robert. Er verdrängt die Heiratsgedanken und versucht sich wieder zu entspannen.
„Alles in Ordnung?“ Fabienne hat bemerkt, dass Roberts Herz schneller schlägt und er unruhig ist.
„Ja, liebste Fabienne, alles in Ordnung, ich liebe dich“, sagt Robert. Fabienne lächelt und küsst ihn zärtlich auf die Lippen.
Wie meist verbringen Fabienne und Robert auch diesen Sonntag in der Natur. Beide haben – trotz wenig Freizeit – viel für die Natur über. Sie lieben die Stille, die satten Farben, Wasser und Berge, Wiesen und Äcker, Wälder und Auen. Es ist ein leicht bewölkter Frühherbsttag. Die leichte Brise ist angenehm und Fabienne und Robert spazieren mit offenen Jacken durch den weitläufigen Park am Rand ihrer Heimatstadt. Nur selten läuft ihnen jemand über den Weg. Sie marschieren ziemlich flott Hand in Hand, eigentlich ist es eher ein „Workout“. Zu Mittag holen sie sich vom nahegelegenen Chinesen eine „Chinabox to go“, und verspeisen das Essen auf einer abgelegenen Bank im Park.
„Es ist so schön hier“, meint Fabienne und lehnt sich an Robert. Das findet er auch. Die Bank befindet etwas oberhalb von einer leicht abfallenden Wiese und ist von einigen alten Bäumen umgeben. Weiter unten erkennt man die nahegelegene Stadt. Mitten in der Natur und doch nah am städtischen Geschehen. Robert legt seinen Arm um Fabienne und fragt: „Bist du glücklich, Fabienne?“
„Natürlich bin ich glücklich, mein Schatz“, antwortet sie schnell. „Was für eine Frage.“
Robert streckt die Beine aus und seufzt. „Wir müssen mehr Zeit miteinander verbringen“, sagt er.
Fabienne ist überrascht und überglücklich zugleich. Auch sie hat insbesondere in der letzten Zeit dasselbe gedacht.
„Ich glaube, mein Chef weiß nicht mal, ob ich in einer Beziehung lebe oder nicht. In unserer Firma kommt es so gut wie nie zu persönlichen Gesprächen. Unter einem guten Arbeitgeber stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor“, sagt Robert nachdenklich.
„Das ist bei mir auch nicht anders. Es interessiert niemanden, was ich privat tue oder wie ich lebe“, entgegnet Fabienne.
„So weit hat es die Menschheit gebracht“, sagt Robert.
„Nein, so weit haben wir beide es gebracht“, kontert Fabienne. „Es kann nicht sein, dass wir unser Leben in Anonymität fristen und es nur auf Profit, Macht und Reichtum ausgerichtet ist, alles andere aber an uns vorüberzieht.“
Doch den Lebensstandard, den sie heute haben, hätten sie nicht erreicht, wenn sie einen anderen Weg eingeschlagen hätten.
Darüber sind sich beide ebenso im Klaren.
Fabienne ist – wie Robert – froh darüber, dass sie zum ersten Mal über eine Änderung in ihrem Leben sprechen.
„Darf ich dich auf ein paar Tage Kurzurlaub einladen?“, fragt sie Robert schließlich lächelnd.
Fabienne lacht laut: „Natürlich, du musst sogar. Nächste Woche ist ein langes Wochenende. Wir könnten aufs Land fahren, in die Berge, einfach nur raus hier.“
Robert nimmt Fabienne an der Hand und sie marschieren weiter. Beide sind glücklich darüber, endlich klare Worte über ihre Lebenssituation gefunden zu haben. Alles wird ab nun anders, dessen sind die beiden sicher. Am Abend wollen sie im Internet nachsehen, ob es noch attraktive Angebote für das lange Wochenende gibt. Sie können sich gar nicht daran erinnern, jemals gemeinsam Urlaub gemacht zu haben, nicht mal einen Kurzurlaub.
Abends, nach einer stärkenden Gemüsebouillon, setzen sich Fabienne und Robert an den Wohnzimmertisch und prüfen im Internet diverse Angebote für ihren Kurzurlaub. Es scheint nicht mehr all zu viel zur Verfügung zu stehen. Robert ist sauer und schlägt vor, den Kurztrip zu verschieben. Fabienne lehnt ab und sucht weiter. Entweder sind nur noch Einzelzimmer verfügbar oder die Hotels sind zu weit weg, fliegen möchten sie nicht. Der Urlaubsort soll mit dem Auto erreichbar sein. Die Berge sind nicht weit weg, mit einer mehrstündigen Anreise mit dem Auto haben Fabienne und Robert kein Problem.
Doch alles ist ausgebucht! Fabienne sieht nun auch ein, dass das zu kurzfristig geplant war und sie den Urlaub verschieben sollten. Etwas mürrisch verdrückt sich Fabienne ins Badezimmer.
„Wir verschieben das einfach, es gibt außerdem zurzeit wirklich viel zu tun. Ich wollte meinen Kopf sowieso bei der Arbeit haben und nicht bei einem Kurztrip“, sagt Fabienne, als sie aus dem Bad kommt, und geht zu Bett.
Robert gibt keine Antwort. Waren all die Gespräche umsonst? Nein, das will Robert nicht akzeptieren. Er ist der Meinung, dass sie mehr Zeit für sich und die Beziehung haben sollten. Robert findet immer mehr Gefallen an dem Gedanken von Heirat und Familie, auch ohne Trauzeugen und Freunde. Er will mit Fabienne in Zukunft anders leben als bisher, damit sie auch sicher zusammenbleiben. Deshalb schnappt er sich seinen Laptop und sucht weiter nach einem passenden Hotel für das kommende Wochenende. Die Stunden vergehen, Robert kann es nicht fassen, es scheint in der Tat nichts mehr Geeignetes zu geben. Etwas ernüchtert, aber nicht weniger von seinen neuen Ansichten überzeugt, will Robert gerade den Laptop zuklappen.
In diesem Moment poppt auf dem Bildschirm eine rot unterlegte Werbeeinschaltung auf. Robert erschrickt, der Laptop wäre beinahe zu Boden gefallen. Mit einer Hand fängt er ihn gerade noch auf. Was ist das?
„3 Stunden Fahrt von Ihrem derzeitigen Standort“, steht in der Anzeige. „Genießen Sie unvergessliche und erholsame Tage im Schloss-Hotel. Ob Wellness-Fan, Leseratte oder Naturliebhaber – all Ihre Wünsche werden in unserem Hotel mit atemberaubendem Ambiente vor überwältigender Naturkulisse in Erfüllung gehen.“ Zu schön, um wahr zu sein, denkt Robert und ist dabei, den Blick abzuwenden, als ein weiteres Fenster aufpoppt: „Noch Doppelzimmer der ersten Kategorie für das verlängerte Wochenende frei.“
Robert ist von der Schönheit der Anlage total begeistert. Ein altes Schloss, großartig renoviert, tatsächlich mitten in der Natur – mit Bergen, Wäldern und Wasserfällen. Schnell reserviert Robert ein schönes Doppelzimmer. Der Preis dafür erscheint angemessen zu sein. Geld darf nun wirklich keine Rolle spielen. Unmittelbar danach kommt auch schon die Reservierungsbestätigung. Robert ist knapp daran, Fabienne zu rufen, lässt es aber bleiben. Er will es ihr am Morgen erzählen, womöglich schläft Fabienne schon. Robert steigt in sein Onlinebanking-System ein und überweist den geforderten Betrag mittels Eilüberweisung, denn nun darf nichts mehr schiefgehen oder dem Zufall überlassen werden. Dieses Zimmer im Schloss-Hotel gehört ihnen, das ist Fakt, sagt sich Robert und fühlt sich wie ein Ritter. Er ist stolz auf sich und weiß, damit eine Wende in ihrer Beziehung einleiten zu können. Er steht auf, geht im Wohnzimmer auf und ab und kann es kaum fassen, noch ein passendes Hotel gefunden zu haben.
Robert öffnet kurz die Terrassentür und blickt nach draußen. Er atmet tief durch und saugt die kühle Nachtluft ein. Kommendes Wochenende schon werden die beiden einen perfekten Kurzurlaub miteinander verbringen. Robert schließt die Tür, als er den Ton einer eingehenden E-Mail hört. Das „Schloss-Hotel“ schreibt: „Vielen Dank für Ihre Buchung. Der Betrag ist bei uns eingelangt. Anbei finden Sie die Zahlungsbestätigung. Es erwarten Sie traumhafte Tage, in denen keine Wünsche offen bleiben, bei uns im Schloss-Hotel.“
„Wow“, denkt Robert und sieht sich noch einige Bilder auf der Homepage an, dann geht auch er zu Bett. Fabienne schläft bereits tief und fest. Robert kann es kaum erwarten, ihr von der Buchung zu erzählen. Es wird eine perfekte Überraschung.
Der nächste Morgen verläuft wie immer. Keine Zeit für Zärtlichkeiten und Beziehungsarbeit. Alles muss rasch, schnell und effizient funktionieren. Doch dann sagt Robert: „Fabienne, halt! Ich habe ein Hotelzimmer reserviert.“
„Nein! Ist es auch etwas Vernünftiges? Wir wollten doch verschieben“, sagt Fabienne. Robert kann es nicht erwarten, die Bilder auf der Homepage zu laden. Fabienne ist perplex. „Puh - du bist ein Genie“, ruft sie aus. „Robert, ich liebe dich über alles!“
Während Fabienne bereits überglücklich das Haus verlässt, überprüft Robert noch die Überweisung. Er druckt die Reservierungs- und die Zahlungsbestätigung aus. Von seinem Konto wurde jedoch noch kein Cent abgebucht! Robert will eine E-Mail an das Hotel schreiben, bremst sich jedoch ein, als ihm bewusst wird, dass er eine Buchungs- inkl. Zahlungsbestätigung vom Hotel hat. Nein, denkt Robert, das ist deren Problem. Ich schaue nun auf uns, auf Fabienne und mich. Die sollen sich melden, wenn ihnen etwas fehlt.
Später an diesem Tag überprüft Robert nochmals das Konto. Es wurde noch immer nichts abgebucht. Aber das ist ihm mittlerweile egal, das Wesentliche sind die Tage mit seiner Liebsten und diese sind gesichert.
Die Arbeitswoche vergeht wie im Flug. Die Vorfreude, die sich nun einstellt, kannten bisher weder Fabienne noch Robert.
Am Vorabend der Abreise hält Robert nochmals innere Einkehr. Er geht auf die Terrasse ihrer großen Penthouse-Wohnung im 20. Stockwerk. Sein Lieblingsplatz, wenn er kurz für sich sein und nachdenken möchte.
Er liebt Fabienne und ist sich sicher, nur mit ihr sein Leben verbringen zu wollen. Er steht mit beiden Beinen im Leben, hat eine fundierte Ausbildung und ist beruflich abgesichert. Ja, wenn das kommende Wochenende seine Gefühle bestätigt, will er danach Fabienne um ihre Hand bitten. Die schönste, tollste und liebenswerteste Frau des Universums soll seine Ehefrau werden. Dessen ist sich Robert nun absolut sicher.
Er fährt sich durchs Haar und reibt sich mit der Hand den Drei-Tage-Bart am Kinn.
Aber es gibt da etwas, nein, nicht heute, nein, doch heute, überlegt Robert hin und her. Er will gedanklich frei aus diesem Wochenende nach Hause kommen, bereit für den Neu-Start seiner Beziehung zu Fabienne. Er muss die Prioritäten neu ordnen, dessen ist sich Robert ganz sicher. Darum sollte er eventuell, nein, muss er Fabienne von Cynthia erzählen. „Ich tue das noch heute Abend, kurz und knapp“, sagt er sich und fährt sich nochmals durchs Haar.
Fabienne zieht die halterlosen Strümpfe aus, die sie unter dem schwarzen Business-Rock trug. Sie ist froh, sie loszuwerden und will endlich unter die Dusche. Das warme Wasser läuft über ihren Körper. Ihre Brüste sehen aus, als ob sie nicht von der Natur geschaffen worden wären. Viele Frauen würden sich genau diese Formen vom Schönheitschirurgen modellieren lassen – prall, nicht zu klein, fest und formschön. Ihre leicht rosa Brustwarzen stehen durch den mittlerweile leicht kühl eingestellten Wasserschwall etwas ab.
Fabienne ist sich sicher, dass Robert der Mann ihres Lebens ist. Sie will, wenn es sein muss, auch auf die große Karriere verzichten, um häusliches Glück und Familie, Kinder haben zu können. Fabienne will dieses Wochenende auch dazu nützen, um über diesen Wunsch in Ruhe nachdenken zu können. Nur mit Robert kann sie sich eine Zukunft vorstellen, oder? Fabienne möchte, nein, sie muss, noch vor diesem Wochenende Klartext mit ihm reden. Und zwar heute Abend. Es war zwar nicht mal etwas Ernstes, also nichts Dauerhaftes, trotzdem will sie Robert davon erzählen. Nachdenklich massiert sie das Creme-Duschgel in ihre langen, schlanken Beine ein.
Die letzten Tage hatte sie wenig Hunger, zu sehr musste sie über ihre Beziehung zu Robert nachdenken. Fabienne mag grundsätzlich ihre schlanke Figur, aber wie ein Hungerhaken will auch sie nicht aussehen. Sie wäre kein Magersuchtmodel.
Wenn sie enge Hosen trägt und vor ihm geht, schwärmt Robert, dass er das Gefühl habe, er bade in Honig und genieße in völliger Zufriedenheit einen Sonnenaufgang. Ab und an gibt es da kaum noch ein Halten, gibt er zu. Darum ist es ihm lieber, er sieht Fabienne erst abends in ihren sexy Outfits, denn dann muss er sich nicht den ganzen Tag über vorstellen, was er am Abend mit ihr anstellen wird.
Fabienne lächelt meist verführerisch, wenn Robert ihr das sagt, und bewegt dabei leicht kreisend ihre Hüften.
Fabienne lässt sich in der Dusche beregnen, mit nach unten gesenktem Kopf und hinunterhängenden Haaren. Sie muss Robert von Marc erzählen. Nur dann kann sie als gläubige Katholikin, als treue, aufrichtige und liebende Frau mit der Vergangenheit abschließen. Nur noch die Zukunft zählt. Die gemeinsame Zukunft mit ihrem Liebsten.
Robert denkt nochmals zurück an seine Kindheit. Alles musste so kommen, denkt er. Er ist sehr stolz darauf, was er erreicht hat.
Schon an der Universität konnten Fabienne und Robert ihre kognitiven Stärken einsetzen. Bei den Klausuren mussten sie keine soziale Kompetenz beweisen. Da wären beide durchgefallen. Daran hapert es auch heute noch, aber sie arbeiten nun immerhin daran. Die Einsicht ist schon ein guter Schritt. Locker hätten die beiden damals das Zeug zum Studiensprecher gehabt. Doch ihr geringes Selbstwertgefühl hemmte ihr Auftreten in vielen Belangen. Es lag keinem von beiden, sich in Szene zu setzen.
Dass sich ihre Kindheit auf viele bewusste und unbewusste Entscheidungen im Leben auswirkt, dessen sind sich Fabienne und Robert im Klaren. Sie arbeiten immerhin an der Schadensbegrenzung.
Marc war der Lehrgangssprecher von Fabienne gewesen. Er war nicht nur ein kluger Student, er war auch bei allen beliebt. Zu jeder Feier war er eingeladen und er konnte sich dann auch so gekonnt in Szene setzen, dass er trotz aller Dominanz nie arrogant wirkte. Er war groß, intelligent, er hatte schöne, gepflegte Hände und Zähne. Optisch war er dem Robert von heute ebenbürtig. Deshalb ist es verständlich, dass er nicht nur Fabienne gefiel.
Beinahe alle Studentinnen und manche Studenten hatten es auf Marc abgesehen. Er war der Schwarm am Campus. Marc hatte immer die hübschesten Mädchen als Freundinnen – meist mehrere gleichzeitig, außer er meinte es einmal ernster mit einer hübschen Studentin. Marc war jedoch keinesfalls ein plumper Egoist. Er konnte auch die Zuneigung und die Anerkennung seiner Kompetenzen von weniger attraktiven Kolleginnen gewinnen, indem er sich für diverseste Projekte engagierte. Für den Tierschutz, für hungernde Kinder der Dritten Welt, für Integration und der ehrlichen Verteilung von Ressourcen. Marc war ein Genie. Viele trauten sich jedoch nie zu, mehr als eine Woche mit seinem Tempo mitzuhalten. Er war ein Siegertyp, ein Erfolgsmensch, immer in Aktion. Er war einer, der das Ergebnis schon vor Beginn kannte und somit den Prozess beeinflussen, quasi lenken konnte. Er war die perfekte Führungskraft mit einer gewaltigen Portion an sozialer Kompetenz.
Marc engagierte sich auch bei einem Projekt, an dem Fabienne in der Freizeit teilnahm: gewaltfreie Erziehung in minderbemittelten und Alkoholiker-Familien.
Marc kam – im Gegensatz zu Fabienne – aus sehr reichem Elternhaus, Geld spielte für ihn keine Rolle. Fabienne musste hingegen neben dem Studium arbeiten, um über die Runden zu kommen. Ihr Herz schlug immer schneller, wenn Marc in ihrer Nähe war. Er nützte sein Netzwerk und den Einfluss seiner Familie, um diesem Projekt den Rücken zu stärken. Eines Tages meinte Marc zu Fabienne: „Hey du, dir würden die Haare offen sicher auch gut stehen, warum versteckst du dich immer dermaßen? Du bist hübsch, geh aus dir raus.“ Fabienne wurde rot und verließ den Raum. Marc meinte das nicht böse oder beleidigend. Er strotzte vor Selbstvertrauen. Damit muss man auch mal umgehen können, dachte sich Fabienne. Als Fabienne hinausgegangen war, folgte ihr Marc.
„Hey, du heißt Fabienne, das weiß ich, wo willst du hin? Das Team braucht dich, und ich brauche dich auch.“ Fabienne zuckte zusammen, als Marc „ich brauche dich auch“ sagte. Klar, Marc meinte das auf das Projekt bezogen. Marc folgte Fabienne und begleitete sie zum See am Campus. Dort gab es ein paar ruhige Plätze, die Fabienne aufsuchte, wenn sie abends nicht arbeiten musste. Dort konnte sie Kraft tanken und nachdenken.
„Es ist schön hier“, meinte Marc. Er war erst ein- oder zweimal da gewesen. An diesem Abend war es kühl und er war mit Fabienne offensichtlich alleine.
Marc fragte sie, warum sie sich für dieses Projekt engagierte, wenn sie einen völlig anderen Zweig studierte. Fabienne erzählte kurz von ihrer Kindheit. Schließlich fasste sie Mut und fragte Marc, warum er sich denn für dieses Projekt einsetzte. Marc erzählte von sich, seiner Kindheit und dass er von seinem Vater, der nicht mehr lebte, eigentlich nichts hatte außer viel Geld.
Sein Vater hatte viel an der Börse spekuliert und konnte das oft nervlich nicht verarbeiten. Er war schließlich Alkoholiker geworden, woran er auch gestorben war. Es wäre schon lange her und er müsse nach vorn blicken, meinte Marc. Keine Zeit, um in der Vergangenheit zu leben. Fabienne lachte.
„Das lieben alle an dir, Marc, deine positive Einstellung, du bist wunderbar und …“
„Und was?“, fragte Marc.
„… und sehr anziehend“, sagte Fabienne leise.
Sie fühlte ihr Herz bis in die Haarwurzeln pochen. Sie war so aufgeregt, dass ihre Oberschenkel zitterten.
„Ich küsse dich jetzt“, sagte Marc ganz leise, „du bist wirklich ein hübsches, kluges und liebenswertes Mädchen. Willst du mich?
Kämst du mit mir klar?“
Während er so sprach, öffnete er die Spangen, mit denen sie ihr Haar hochgesteckt hatte. Er strich zärtlich über den Mittelscheitel ihrer feinen und glatten Haare entlang abwärts.
Dann zog er sie an sich und presste seine weichen und vollen Lippen auf ihre. Fabienne war kurz davor ohnmächtig zu werden. Wie in Trance öffnete sie ihren Mund und Marc drang mit seiner Zunge in sie ein. Er war zärtlich und einfühlsam.
