ANNA - Annina Keller - E-Book

ANNA E-Book

Annina Keller

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Beschreibung

Geboren im Jahr 1869, wuchs Anna als Bauerntochter inmitten des Emmentals zu einer aussergewöhnlichen jungen Frau heran. Einer Frau, die bald die Aufmerksamkeit von Paul auf sich zog. Sie gefiel ihm. Und er, er gefiel ihr. Eigentlich war vieles klar. Doch das Leben sah etwas anderes für sie vor. Sie war dabei, in der »Krone« von Zäziwil Köchin zu werden, als ein Schicksalsschlag alles veränderte: Von einem Moment auf den anderen wurde sie, erst fünfundzwanzig Jahre alt, zur Mutter von acht Kindern, zur Ehefrau des Wirts – und zur Gastgeberin. Anna fand sich in einer Realität wieder, die ihr Herz sich so nie ausgesucht hätte. Aber – sie arrangierte sich, wuchs an den Herausforderungen und wurde sogar glücklich. Der zweite Bruch in ihrem Leben erfolgte fast dreissig Jahre später. Ausgerechnet im Wonnemonat Mai. Wider alle Erwartungen wurde ihr die Möglichkeit geschenkt, ihrem Herzen doch noch zu folgen. Und zwar ans andere Ende der Welt. Das Buch »Anna« erzählt eine bezaubernde Geschichte, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann – die Geschichte einer Frau, die aus dem, was war, das Beste machte und aus dem, was kam, das Schönste.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Fotos Umschlag Der Link öffnet das Cover.Cover: Anna 1905 vor dem Gasthaus Krone Kapitel Der Link öffnet das Kapitel.»Über das Buch« (von links): die »Krone« 1922; Anna und Paul 1923 auf der Überfahrt; Freizeit auf hoher See, 1931

Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

Angaben zur EU-Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit finden sich auf der letzten Seite dieses Buchs.

© 2025 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea Leuthold Korrektorat: Brigitte Matern Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina Fotos und Rezepte: © Privatarchiv Rezeptillustrationen: Frank Baumann Papierhintergrund: silver-john/Bigstock.com Layout, Satz und Herstellung: Beate Simson Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe

Print ISBN 978-3-03763-164-5 E-Book ISBN 978-3-03763-861-3

Der externe Link öffnet die Webseite des Verlags.www.woerterseh.ch

 

Für Trudi

 

Alte Liebe und alter Span brennt leichter wieder an.

Deutsches Sprichwort

 

Inhaltsverzeichnis

Der Link öffnet das Kapitel:Über das Buch

Der Link öffnet das Kapitel:Über die Autorin

Der Link öffnet das Kapitel:Amuse-Bouche

Der Link öffnet das Kapitel:Hauptgang

Die folgenden Links öffnen die Unterkapitel:Schälmesser   ·   Fleischwolf   ·   Löchersieb   ·   Schwingbesen   ·   Wallholz   ·   Schöpfkelle   ·   Einmachglas   ·   Schmortopf   ·   Käsebohrer   ·   Honiglöffel   ·   Fischmesser   ·   Zuckerdose   ·   Silbergabel   ·   Büchsenöffner   ·   Nussknacker   ·   Rührschüssel

Der Link öffnet das Kapitel:Nachschlag

Der Link öffnet das Kapitel:Dank

Der Link öffnet das Kapitel:Glossar

 

Über das Buch

Geboren im Jahr 1869, wuchs Anna als Bauerntochter inmitten des Emmentals zu einer aussergewöhnlichen jungen Frau heran. Einer Frau, die bald die Aufmerksamkeit von Paul auf sich zog. Sie gefiel ihm. Und er, er gefiel ihr. Eigentlich war vieles klar. Doch das Leben sah etwas anderes für sie vor. Sie war dabei, in der »Krone« von Zäziwil Köchin zu werden, als ein Schicksalsschlag alles veränderte: Von einem Moment auf den anderen wurde sie, erst fünfundzwanzig Jahre alt, zur Mutter von acht Kindern, zur Ehefrau des Wirts – und zur Gastgeberin. Anna fand sich in einer Realität wieder, die ihr Herz sich so nie ausgesucht hätte. Aber – sie arrangierte sich, wuchs an den Herausforderungen und wurde sogar glücklich. Der zweite Bruch in ihrem Leben erfolgte fast dreissig Jahre später. Ausgerechnet im Wonnemonat Mai. Wider alle Erwartungen wurde ihr die Möglichkeit geschenkt, ihrem Herzen doch noch zu folgen. Und zwar ans andere Ende der Welt. Das Buch »Anna« erzählt eine bezaubernde Geschichte, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann – die Geschichte einer Frau, die aus dem, was war, das Beste machte und aus dem, was kam, das Schönste.

»Es war Trudi, die mir von meiner Ururgrossmutter Anna erzählte. Eine Geschichte, die mich nicht mehr losliess.«

Annina Keller, Autorin

 

Über die Autorin

© Patrick Stoll

Annina Keller, geb. 1975, studierte an der Universität Zürich Publizistik, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Politologie, wurde unter anderem Lehrerin, Museumspädagogin und Kommunikationsexpertin. Die eindrucksvolle Lebensgeschichte ihrer Ururgrossmutter Anna faszinierte sie so sehr, dass die Idee entstand, sie literarisch festzuhalten. Die Autorin lebt heute dort, wo sie geboren wurde – in Schaffhausen.

Amuse-Bouche

 

Anna begegnete mir zum ersten Mal am Ende eines langen Tisches bei heissem Schinken und Kartoffelsalat. In den Erzählungen von Trudi, an einer Beerdigung. Trudi ist in meiner Erinnerung immer schon alt und weisshaarig gewesen. Aber vital, mit wachem Geist und in ihrem Opel Kadett aus den Achtzigern immer sehr sportlich unterwegs. Als Cousine meiner Grossmutter war sie damals nicht nur altersmässig weit weg von mir, wir trafen uns auch nur an Familienfesten und Beerdigungen. Sie lebte in Spiez, ich am anderen Ende der Schweiz.

Anna war Trudis Grossmutter und somit meine Ururgrossmutter. Kurz, pointiert und fast ein bisschen beiläufig fasste Trudi die wichtigen Ereignisse in Annas Leben zusammen. Und führte aus, wie es kam, dass Anna, geboren am 28. Juni 1869, und ich zwar biologisch nicht verwandt sind und sie aber dennoch meine Ururgrossmutter wurde. Was für eine Geschichte.

Der Kontakt zu Trudi intensivierte sich, und gemeinsam machten wir uns auf Spurensuche. Immer mehr Dinge aus Annas Leben tauchten in Kellern und auf Dachböden auf: ein handgeschriebenes Kochbuch, ein kleines Büchlein – Annas »Vergissmeinnicht« –, Fotoalben, eine Schrift zu Annas Abdankung und sogar Annas Überseekoffer.

Irgendwann tauchte auch noch ein unscheinbares blaues Heft auf. Meine Grosstante Bethli erzählt darin in ihrer unverkennbaren Handschrift ausführlich und detailliert von ihrem Leben und auch von Anna.

Doch neben Trudi waren es nicht mehr viele, die Anna noch gekannt hatten. Heute ist es niemand mehr. Es gelang noch, gemeinsam mit Trudi auf einen Nachmittagskaffee bei Heidi vorbeizugehen. Das Diktiergerät zeichnete die Erinnerungen der beiden Cousinen auf. Auch Heidi verstand es, eine Geschichte zu erzählen. Ich bekam Einblick in eine Welt lange vor meiner Zeit. Als sich eine Reise von Spiez nach Zäziwil noch wie eine Weltreise anfühlte, als Arzneien aus der Tierarztpraxis für Tier und Mensch da waren, als es noch ein Gnadenbrot gab und Innereien regelmässig auf dem Speiseplan standen. Die beiden Frauen hatten eine lebhafte Erinnerung an Anna. Die tiefe Zuneigung, die sie für ihre Grossmutter empfanden, war zudem allgegenwärtig.

Mir wurde erzählt, was man sich über Anna erzählte. Als ich über sechzig Jahre nach ihrem Tod von ihr hörte, liessen sich glücklicherweise noch viele weitere Einzelheiten aus ihrem Leben herausfinden. Dank dem reichen Schatz an Quellen erfuhr ich mehr als die Legende, die am Familientisch weitergegeben wurde.

Inspiriert von all diesen Eindrücken, entstand die folgende Erzählung. Sie basiert auf wahren Begebenheiten und könnte vielleicht genau so passiert sein.

Hauptgang

 

Schälmesser

21. August 1894   Anna sitzt regungslos am Küchentisch. Die Kartoffeln für die Rösti des Zmittag liegen immer noch ungeschält vor ihr. Die Wolken über Zäziwil verdunkeln den Himmel, und es beginnt erneut zu regnen. Bis anhin war Annas Leben einfach gewesen. Jetzt wird es kompliziert. Langsam greift sie nach einer Kartoffel, in der Hoffnung, dass es durch das Schälen einfacher würde, das Durcheinander in ihrem Innern zu ordnen. Prüfend dreht sie die Kartoffel in ihrer Hand, um die optimale Stelle zu finden, wo sie das Messer ansetzen kann. Was normalerweise ein paar Sekunden in Anspruch nimmt, dauert jetzt gefühlt ewig. Zu allem Übel scheint ihre Überforderung sich auch auf das Schälmesser zu übertragen, es will nicht richtig fassen. »Komm schon!«, entfährt es Anna, als ob sie das Messer wie auch sich selbst ermahnen wollte.

Die junge Frau verliert die Fassung nur ganz selten. Als ältestes von sieben Kindern ist sie es gewohnt, über den Dingen zu stehen. Es fällt ihr leicht, weil sie das meiste, was es zu tun gibt, einfach kann. Viel zu tun gibt es immer, ob auf dem grossen Bauernhof ihrer Kindheit und Jugend oder jetzt hier in der Küche des Gasthofs Krone, wo sie angestellt ist. Anna sieht immer, was es zu tun gibt, und weiss intuitiv, wie es gut und sinnvoll erledigt werden kann.

Und darum ging es, seit sie denken kann. Weil sie Menschen mag, begegnet sie ihnen mit Grosszügigkeit. Ihre innere Stärke ist auf den ersten Blick nicht immer erkennbar. Obwohl sie grösser ist als die meisten anderen jungen Frauen Mitte zwanzig, wirkt sie sanft.

Anna nimmt einen neuen Anlauf, die Kartoffeln zu schälen. Nur um gleich wieder zu scheitern. In der Küche scheint es inzwischen wärmer geworden zu sein. Eine zähe Hitze hat sich ausgebreitet. Dennoch zittert es in Anna. Ihr Verstand steht für einmal auf verlorenem Posten. Normalerweise hat er das Sagen, und ab und zu übernimmt das Herz, denn es ist ebenfalls gross und mit Durchsetzungskraft ausgestattet. Dass jetzt aber der Verstand nicht mehr weiss, wo oben und unten ist, bringt Anna dazu, das Messer sinken zu lassen. Sie steht auf und öffnet das Küchenfenster. Der Regen hat sich entschieden, weiterzumachen, als ob nichts wäre. Die feuchte Luft tut im ersten Augenblick zwar gut, das Klima in der Küche wird dadurch jedoch nicht besser. Es ist schwül, die Luft schwer. Damit aus den Kartoffeln rechtzeitig Rösti werden kann, muss Anna endlich in die Gänge kommen. Sie nimmt einen Krug und macht sich auf zum Brunnen vor dem Haus. Der Regen hat dort jegliches Treiben verscheucht. Anna ist froh, dass sie niemandem begegnet. Zurück in der Küche, schenkt sie sich ein Glas Wasser ein und setzt sich wieder zu den Kartoffeln. Langsam nimmt sie die Arbeit auf und versucht, sich zu konzentrieren.

Paul. Immer wieder huscht Paul durch ihre Gedanken. Was würde aus ihm werden?

Mit Neugierde und Freude an der Abwechslung hatte sie als Halbwüchsige am ersten Tag der Oberstufe den Schulweg unter die Füsse genommen. Einen neuen Lehrer würde sie bekommen, aber viel gespannter noch war sie auf die neuen Gesichter in der Klasse. Sie fühlte sich zum ersten Mal so etwas wie erwachsen, als sie beim Schulhaus ankam. Paul lehnte abseits an der alten Linde und verfolgte, wie die anderen Frischlinge zu ihrem ersten Schultag kamen. Belustigt beobachtete er, wie sich der Schulhof langsam mit eifrigen oder gelangweilten und auch schüchternen Neulingen füllte. Anna irritierte ihn, sie liess sich nicht einordnen. Sie war schlank, aber nicht zierlich, ihr Gesicht mit den markanten Zügen und dem kantigen Kinn der Mutter wirkte nicht grob. Ihre Augen verrieten Güte, Verstand und Neugierde, ihr schmaler gerader Mund hingegen schien sich nicht zu scheuen, auch Unangenehmes auszusprechen. Ihr Gang gab dem Selbstbewusstsein einer grossen Schwester Gestalt – die Art, wie sie mit ihren flinken Händen spielte, liess sie jedoch unsicher wirken. Paul musterte sie fasziniert und realisierte nicht, dass sein Blick etwas zu lange auf ihr ruhte, um unbemerkt zu bleiben.

Anna kannte den Jungen am Baum nicht, aber er war ihr sympathisch. Seine grosse Gestalt und sein Gesicht mit klaren, wohlproportionierten Zügen konnten seine Zielstrebigkeit nicht verbergen, auch wenn er bemüht war, nonchalant zu wirken. Obwohl er seine Selbstsicherheit sehr deutlich zeigen wollte, machte er einen bodenständigen Eindruck. Ihre Blicke trafen sich einen kurzen Moment, und Annas Schritte verlangsamten sich. Ihre Mundwinkel setzten instinktiv zu einem kleinen Lächeln an, während ihr Herz entschied, ebenfalls nur den Jüngling zu bestaunen, und darüber glatt vergass, regelmässig weiterzuschlagen. Erschrocken versuchte Anna, wieder Herr über sich zu werden, indem sie den Blick senkte und dem Eingang zügig entgegenging. Als ob es den Fehler von vorhin wiedergutmachen wollte, schlug das Herz jetzt doppelt so schnell und schien dadurch jegliche Feuchtigkeit aus Annas Mund zu saugen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Die Sache wurde noch schlimmer, als sich der sie irritierende Junge mit grossen Schritten von hinten näherte und sein Tempo ihrem Gang anpasste.

»Ich bin der Paul«, war alles, was er über die Lippen brachte, er konnte nicht anders, als sie fasziniert aus den Augenwinkeln zu beobachten.

»Anna«, erwiderte sie, gerade noch rechtzeitig, bevor sie vom Schulhaus verschluckt wurden. Als Anna ihre Sinne wieder einigermassen beieinanderhatte, sass sie in der Schulstube – doch die erste gemeinsame halbe Stunde hatte sie völlig verpasst.

Annas Finger greifen mechanisch nach den Kartoffeln, lassen das Messer nun einigermassen flink knapp unter der Schale über das gelbe Innere gleiten. Sie arbeitet zügig und sauber und legt die schalenlosen Knollen ins Wasser, damit sie bis zum Schneiden ihre Farbe behalten. Ihre Gedanken sind derweil in sommerlichen Blumenwiesen, im Frühlingswald, auf verschneiten Feldern und in farbigem Herbstlaub – beim Wandern, beim Schlitteln, beim Tanzen an der Chilbi, bei Paul. Jede freie Minute verbrachten sie, wann immer es ging, gemeinsam. Auch wenn ihre Schwester Liseli meist mit dabei war, in der Erinnerung ist Anna nur mit Paul. Wie damals, als zum ersten Mal am 1. August die Schweiz gefeiert wurde. Ein fröhliches Fest mit Musik, einem grossen Feuer und etwas zu essen. Von der Ansprache des Gemeindepräsidenten bekamen sie nichts mit, weil sie sich lieber eng nebeneinander ins hohe Gras legten, um einander zu spüren und den Wolkenfiguren am Himmel Namen zu geben.

Anna ging in die Schule, weil sie musste, und kam dennoch gut mit. Was sie jedoch wirklich interessierte, war, was in einem Kochtopf vor sich geht. Wie sich unförmige oder gar ungeniessbare Dinge darin in etwas Leckeres verwandeln konnten. Bis heute tüftelt sie gern daran herum, wie welcher Teil der Kuh am besten zubereitet wird. Sie mochte schon immer den Geruch des Feuers im Ofen und wie er sich mit Suppenduft vermengte. Es war eine fabelhafte Gelegenheit für sie, in der »Krone« Köchin lernen zu dürfen. Seither kann sie den ganzen Tag tun, was ihr am liebsten ist. Fritz, der Wirt, ist gut zu ihr, und sie mag ihre Arbeit. Die Atmosphäre der »Krone« gefällt ihr. Im stattlichen Gasthof an bester Lage an der Hauptstrasse von Zäziwil ist immer viel los, nicht zuletzt, weil zum Gasthof auch noch ein Landwirtschaftsbetrieb gehört, der für die Produktion vieler Zutaten für ihre Küche unverzichtbar ist. Acht Kinder sorgen für Abwechslung und Aufregung. In der Küche plaudern, singen oder schweigen sie gemeinsam, die älteren helfen mit.

Paul lernt unterdessen in Neuchâtel, ein erfolgreicher Agronom zu werden. Sobald er seine Ausbildung beendet hat und seine erste Stelle antreten wird, wollen Anna und er heiraten. Das steht fest, seit sich die beiden in der Sekundarschule ineinander verliebten. Zumindest bis vorhin stand das fest; bis Fritz in die Küche kam und sich zu ihr und den Kartoffeln setzte.

»Autsch!«, entfährt es Anna genervt. Sie lässt Kartoffel und Messer fallen und steckt den linken Daumen in den Mund. »Auch das noch …«

Vor vier Monaten brachte Elisabeth, die »Kronen«-Wirtin, das achte Kind zur Welt. Anna war gerade dabei, den Abwasch zu erledigen und die Küche aufzuräumen, als Anny, das älteste Kind, ganz aufgeregt zu ihr in die Küche gerannt kam. Fritz war nicht da, und die Wehen hatten bereits eingesetzt. Anna liess alles stehen und schickte Anny los, um der Hebamme Bescheid zu geben; sie selbst setzte Wasser auf und legte Lappen und Tücher bereit. Das Kind hatte es eilig, niemand hatte bereits jetzt mit seiner Ankunft gerechnet. Trotzdem war die Hebamme zeitig zur Stelle, die Geburt verlief ohne grössere Zwischenfälle. Fritz konnte vier Stunden später den Ruedi auf den Arm nehmen. Er war rundum gesund und hatte von Anfang an einen schelmischen Blick. Elisabeths Körper erholte sich langsam, aber stetig. Über ihrer Seele hingegen hingen immer länger werdende, dunkle Schatten. Weder der kleine Sonnenschein Ruedi noch der aufkommende Frühling konnten sie vertreiben. Zusehen zu müssen, in welch hilfloses Bündel die Schwermut die ansehnliche Frau verwandelte, war für Anna zeitweise unerträglich. Sie zog sich dann in ihre Küche zurück und versuchte, mit duftenden und schmackhaften Speisen etwas Freude in die Familie zurückzubringen. Als Elisabeth die Schlafstube dann nicht mehr verliess, verdrängte Anna alle dunklen Vorahnungen und widmete sich neben dem Kochen auch immer intensiver den Kindern.

Am Morgen des 1. Juni 1894 feuerte Anna in der Küche ein und dachte, es sei alles wie immer. Doch beim Bereitstellen der Frühstücks-Chacheli erreichte sie die Nachricht, dass Elisabeth nicht im Haus zu finden sei. Als dann Jörus Knecht mit panischen Augen und wild fuchtelnden Händen angerannt kam, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Der Knecht schickte Fritz lautstark zum Feuerweiher, taumelte durch die Gaststube und setzte sich an den Stammtisch. Anna machte ihm zur Beruhigung einen Kaffee und schenkte ihm einen Bätzi ein. In zusammenhanglosen Worten versuchte ihr Jörus Knecht zu beschreiben, wie er die Pferde hätte tränken wollen. Wie er dann etwas entdeckt hätte, das weisslich aus der Tiefe des Wassers hervorgeblitzt habe. Als er nach dem Etwas gegriffen hätte, habe er Elisabeths Hand in der seinen gehalten. Sein Meister habe ihn dann losgeschickt, um Bescheid zu geben. Nie werde er den Blick in Elisabeths starre Augen vergessen, fügte er an, nachdem er den Apfelschnaps in einem Zug geleert hatte. Anna hätte es lieber nicht so genau gewusst.

In der Nacht zuvor hatte Elisabeth verzweifelt und nur mit dem Nachthemd bekleidet unbemerkt das Haus verlassen. Sie hoffte wohl, durch die frische Luft die Enge in ihrer Brust, die ihr das Atmen so schwer machte, vertreiben zu können. Doch die Schwermut drückte zu stark; die klare Nacht mit dem lauen Wind, der nach Frühling roch, konnte nichts ausrichten. Elisabeth irrte durch das Dorf, bis ihr nur noch das Äusserste Linderung versprach. Sie hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren, und war es leid, dauernd mit dem Leben ringen zu müssen. Sie entschied sich, auszusteigen. Der Feuerweiher half ihr dabei.

Anna nahm das sehr mit, sie hatte die Wirtin immer gern gemocht. Fritz verfiel durch den jähen Tod seiner Frau in eine Schockstarre und war nur durch viel guten Zuspruch und Appelle an seine Verantwortung dazu zu bewegen, seine Arbeit zu tun und sich um die »Krone« zu kümmern. Sein geradliniges bestimmtes Wesen hatte seine Konturen verloren, sein starker Wille und seine schlaue Intuition schienen sich verflüchtigt zu haben. Und dann waren da die acht Kinder mit ihrem eigenen Kummer. Gleich nach dem Todesfall waren Nachbarn, Freunde und Verwandte zu Hilfe geeilt, um den Gasthof am Laufen zu halten und den Kindern so etwas wie Alltag zu bieten. Auch Anna half seither noch mehr ausserhalb der Küche; in der Gaststube, beim Schuhebinden, beim Haarewaschen und Zöpfeflechten. Sie hatte ein offenes Ohr und ein offenes Herz für den Kummer der Kinder und das Leid von Fritz. Ihren Paul sah sie in der schweren Zeit seit Elisabeths Tod nur einmal.

Heute, an diesem launischen Augustmorgen, stellte Fritz Annas ganzen Lebensentwurf auf den Kopf. Als er zu ihr in die Küche kam, hatte sie soeben die Kartoffeln fertig gewaschen und sich zum Schälen an den Tisch gesetzt. Er öffnete langsam die Tür und trat behutsam ein. Fritz setzte sich zu Anna an den Tisch und legte seine kräftigen Hände auf ihre, die vom Kartoffelputzen nass und schrumpelig waren. Er sah matt und blass aus. Die vergangenen Monate hatten ihn gezeichnet, und über seiner Stirnglatze hatten sich noch mehr weisse Haare zu den braunen gesellt. Aus seinen kleinen Augen traf Anna ein warmer, bittender Blick. Sie spürte, dass er ein besonderes Anliegen hatte.

Fritz holte tief Luft: »Würdest du von der Küche in die Stube wechseln?« Er weiss von Paul und kann sich denken, dass sie und Paul heiraten wollen. Es war ihm jedoch auch klar, dass sein Heiratsangebot zwar als Frage formuliert war, aber in Wirklichkeit den weiteren Gang von Annas Leben bestimmen würde: »Es soll dir an nichts fehlen«, fügte er noch an.

Das Angebot schwebte schon die Tage davor wie eine Wolke über allem. Jetzt da es ausgesprochen war, wurde die Luft in der Küche zäh und dick. Sie zwang Anna, kräftig zu atmen, um ihre Lungen füllen zu können. Einzig die Kartoffeln auf dem Tisch zeigten sich unbeeindruckt. Anna konnte auf die Frage nicht antworten. Sie sass auf ihrem Stuhl, atmete schwer und starrte auf die Kartoffeln. Fritz drückte ihre Hände und schaute sie wortlos fragend an, als könnte er Anna so zu einer Regung bewegen. Er versuchte vergeblich, ihren Blick einzufangen. Eine gefühlte Ewigkeit später senkte sie ihren Kopf, hob die Schultern fast unmerklich an und liess sie wieder fallen. Fritz drückte ihre Hände erneut. Unzählige Gedanken überschlugen sich in Annas Kopf. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Musste sie eine Pflicht erfüllen und den halbverwaisten Kindern eine Mutter, dem Gasthof eine Wirtin und dem Witwer eine Frau werden? So wie es die Welt um sie herum von ihr erwartete? Oder könnte sie ihrem Herzen folgen und auf Paul warten, der »Krone«, der Familie und Zäziwil den Rücken kehren? Langsam löste sie ihre Hände aus Fritz’ Griff und zog sie zurück. Es gelang ihr nur, einige zusammenhanglose Worte zu stammeln. Die Überforderung war ihr anzusehen, und es war offensichtlich, dass sie sich nicht jetzt hier vor den Kartoffeln zu einer Antwort durchringen würde.

»Bitte denk darüber nach und gib mir Bescheid, wenn du dich geordnet hast«, bat Fritz. Er hatte nicht mit einem überschwänglichen Ja gerechnet, aber dass er Anna so überrumpeln würde, hatte er nicht erwartet.

Anna sitzt seitdem vor den Kartoffeln. Das Schälen macht ihre Situation nicht einfacher, und der Schnitt im Daumen pocht darauf, dass sich etwas tut. »Ich muss mit Vater reden«; das Resultat des langen Gedankenjätens bietet zumindest bis zum Abend einen Ausweg aus dem Durcheinander in Annas Kopf. Sie wird nach der Arbeit nach Hause ins Känelthal hochgehen und ihren Vater um Rat fragen. Anna steht entschlossen auf, putzt mit einem sauberen Küchentuch das Blut vom Daumen und beginnt, die Kartoffeln in feine Scheiben zu schneiden. Langsam und bedächtig am Anfang, immer schneller und energischer gegen den Schluss. Als die Bratpfanne heiss und die Butter geschmolzen ist, wirft sie die Kartoffeln zielsicher hinein und muss schmunzeln, weil sie sich wie jedes Mal dabei fragt, warum die kleinen Dinger zusammenhalten, sobald sie heiss werden. Sie wollte Paul danach fragen und hatte es beim letzten Mal vergessen.

Die Küchentür schwingt auf, und Anny kommt mit fliegenden Zöpfen in die Küche. Der Regen hat zwar aufgehört, dennoch ist an Essen im Garten nicht zu denken. Anny deckt zusammen mit ihrer kleinen Schwester Marie den Tisch im Stübli. Es gibt Rösti und Käse.

Ein langer Tag geht zu Ende. Anna hängt ihre Kochschürze hinter die Küchentür und macht sich auf den Weg zum elterlichen Hof. Normalerweise schläft sie in der »Krone« in ihrer kleinen Kammer unterm Dach, wo sie das Plätschern des Brunnens vor dem Haus in den Schlaf wiegt. Die Eltern werden Fragen haben, warum sie über Nacht bleiben will. Aber heute braucht sie Abstand. Und frische Luft, klare, frische Luft. Langsam zieht der Abendwind die zähen Fetzen, die sich am Morgen in der Gasthofküche in ihr festgesetzt haben, aus ihr heraus. Sie hat keine Augen dafür, wie der nahende Herbst langsam die Sommerwärme vertreibt und sich über die Felder ausbreitet. Anna geht, ohne irgendetwas wahrzunehmen. Schritt für Schritt schlagen ihre Füsse von allein den richtigen Weg ein, während sich vor ihrem inneren Auge alles noch einmal abspielt – wie Fritz in die Küche kam, wie er sich zu ihr setzte, wie glücklich und zufrieden Paul sie anschaute, als sie sich das letzte Mal trafen. Bilder der Kinder von der »Krone«, die eine Mutter brauchten, mischen sich mit Zukunftsbildern ihrer eigenen Kinder, die sie mit Paul haben könnte. Wenn er doch nur schon seine Anstellung hätte!

Ganz ausser Atem bleibt Anna stehen und bemerkt, dass sie bereits beim Tenn des stattlichen Hofes ihrer Eltern angekommen ist. Sie muss schneller gegangen sein als sonst, ihr ist ganz warm. Es ist bereits dunkel, in der Stube brennt eine Kerze. Auch noch mit Mitte zwanzig fühlt sie sich geborgen, wenn sie zu Hause ankommt. Als Älteste war Anna schnell zur rechten Hand der Mutter geworden. Geschwister mussten gewickelt, getröstet und zu Bett gebracht werden. Der ganze Tag war eine Kette von aneinandergereihten Verpflichtungen gewesen. Einzig bei den Hühnern konnte Anna einen Moment lang für sich sein. Jeden Morgen hatte sie die Eier geholt und für ein paar Minuten die Ruhe inmitten des Gegackers genossen. Jetzt setzt sich Anna zum Verschnaufen vor das verwitterte Scheunentor und lehnt sich an. Als Kind mochte sie es besonders, wenn das sonnengetränkte Holz des Tors an Sommerabenden ihren Rücken wärmte.

»So, auf jetzt!« Anna gibt sich einen Ruck und macht sich auf den Weg zur Küchentür. Ihre Beine gehen so langsam, als wollten sie gar nie ankommen. Sie überwindet sich und geht durch die spärlich beleuchtete Küche in die Stube. Mutter strickt warme Socken für den Winter, und Vater liest in einer Unterlage des Grossrates. Weder von den Geschwistern noch vom Gesinde ist jemand zu sehen. Vaters Chacheli ist bereits leer, was bedeutet, dass er bald ins Bett geht. Erstaunt schauen die Eltern auf, sie haben zu dieser Stunde nicht mehr mit Besuch gerechnet. Vaters Augen verraten eine grosse Müdigkeit, sein Blick ist matt. Gerade zu dieser Jahreszeit ist es besonders anstrengend, sein Amt im Grossrat von Bern und die Arbeit auf dem Hof unter einen Hut zu bringen. Anna spürt, dass es besser ist, erst einmal über das Ganze zu schlafen und Vater morgen früh um Rat zu fragen. Sie weicht den erstaunten Blicken ihrer Eltern aus und setzt sich nicht mehr an den Stubentisch.

»Ich brauche mal wieder frische Luft, ich bin müde«, schiebt sie schnell als Grund für ihr Kommen vor, steigt die Treppe hoch und geht in ihre alte Kammer. Liseli schläft bereits. Annas Körper ist zwar müde, ihr Geist jedoch aufgebracht. Die Flucht in den Schlaf will ihr nicht richtig gelingen. Sie wälzt sich im Halbschlaf hin und her; die klebrig kreisenden Gedanken halten Bewusstsein und Seele fest und lassen sie nicht abtauchen. Immer wieder schreckt sie hoch und hört die Regentropfen sacht ans Fenster trommeln.

Fleischwolf

22. August 1894   Paul sitzt in Gedanken versunken vor einem Chacheli Milchkaffee. Es dauert am Morgen immer einige Zeit, bis seine Lebensgeister ganz erwachen. Er gähnt genüsslich, auch wenn er eine gewisse Nervosität in der Magengegend spürt. Wenn heute alles gut geht, kann er sich im neuen Jahr vorstellen gehen; vielleicht hat es bei der aufstrebenden Nährmittelfirma in Vevey auch einen Platz für ihn. Sein Bruder lässt seine Beziehungen spielen, und er will Anna fragen, ob der kleine Ruedi seit Elisabeths Tod auch von dem Kindermehl von Nestlé bekommt. Nach den Prüfungen erwartet ihn ein langes Wochenende, das er zu Hause verbringen wird. Wo er sich hoffentlich endlich wieder einmal mit Anna treffen kann. Seit dem Tod von Elisabeth sind ihre Arbeitstage in der »Krone« noch länger geworden, und sie hilft ihren Eltern bei der Ernte. Sie wird auch dieses Mal nicht viel Zeit haben. Aber er muss es schaffen, sie zu sehen. Das letzte Treffen ist schon so lange her, und er sehnt sich nach ihr. Auch wenn sie selten allein sind – er geniesst es, einfach in Annas Nähe zu sein. Sobald er die Prüfungen bestanden hat, will er bei Annas Vater um ihre Hand anhalten. Er wird Ehemann und Vater werden. Die Gedanken der Vorfreude geben Paul Mut, als er sich auf den Weg zur Prüfung macht. Er ist gut vorbereitet und sich seiner Sache sicher.

Anna erwacht und erschrickt gleichzeitig; die Erschöpfung hat sich irgendwann durchgesetzt und Anna in einen zwar kurzen, dafür traumlosen Schlaf sinken lassen. Ihr ist heiss, und sie hört Vater, wie er sich im Stall mit dem Melker wegen der Frieda unterhält. Auch Liseli ist bereits aufgestanden. Anna wäscht sich hastig, flechtet sich die Haare und bindet sie streng am Hinterkopf zusammen. Die verschwitzten Laken schüttelt sie dreimal kräftig aus und geht durch die Küche nach draussen. Das Feuer im Herd ist schon an. Der Melker kommt ihr mit besorgtem Gesicht aus dem Stall entgegen. Anna ist froh darüber – so hört ausser den Kühen niemand mit bei dem, was sie zu besprechen hat. Vater sitzt auf seinem Melkstuhl und untersucht die Frieda. Anna kommt das sehr entgegen, dann lässt sich der Augenkontakt einfacher vermeiden, wenn sie ihn um seine Meinung fragt. Um einen brauchbaren Rat zu bekommen, muss sie ihm von Paul und ihren gemeinsamen Absichten erzählen. Vielleicht ahnt er ja etwas, doch sie kann nicht davon ausgehen. Ihr Hals zieht sich langsam zusammen, ihr Kopf ist leer. Obwohl sich ihre Gedanken die halbe Nacht um dieses Gespräch drehten, weiss sie jetzt nicht, wie sie anfangen soll. Mit ihren nasskalten Händen streicht sie sich die Schürze glatt und atmet tief durch. Trotz trockenem Mund fasst sie sich ein Herz und beginnt zu sprechen.