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Zwei stark verwitterte Mahnmale in der Senne mit der schrecklichen Nachricht über die Ermordung einer jungen Frau und ihrer kleinen Tochter am 3. Oktober des Jahres 1660 und ein Bericht des Sekretärs der Grafschaft Ravensberg auf der Sparrenburg in Bielefeld aus dem Jahre 1688 über diesen Doppelmord bergen ein dunkles Geheimnis: Wer war der Mörder? Zwar gesteht der Dragoner Lorentz aus Siberg den Mord und wird am Ort seines Verbrechens hingrichtet, aber schon damals gab es Zweifel, ob er wirklich der Mörder war. Ulrich Klemens fügt die nicht übereinstimmenden Nachrichten auf den Mordsteinen und im Bericht des Amtsschreibers neu zusammen und lässt die Zeit vor mehr als 350 Jahren wieder lebendig werden. Er erzählt die Geschichte der Bürgerstochter Anna aus Herford, die um ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfte, und des Dragoners Lorentz aus Siberg, der im Dreißigjährigen Krieg als Kindersoldat aufgewachsen war.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Heepen – Montag, den 18. Oktober 1660
Auf dem Thieplatz vor der Vogtei – Der Tag der Verurteilung
Herford – Montag, den 4. Oktober 1660
Flucht des Lorentz aus Herford
Herford – Mittwoch, den 6. Oktober 1660
Verhandlung im Gericht wg. Kirchenraub
Heepensenne – Montag, den 4. Oktober 1660
Entdeckung der zwei Leichen
Herford – Mittwoch, den 6. Oktober 1660
Lorentz des Mordes beschuldigt
Anna Tambor
Meister Evering
Herford – Mittwoch, den 6. Oktober 1660
Fortsetzung der Verhandlung
Herford – Samstag, den 2. Oktober 1660
Lorentz’ Streit mit Meister Evering
Herford – Sonntag, den 3. Oktober 1660
Mordversuch an Evering und Kirchenraub
Herford – Mittwoch, den 6. Oktober 1660
Geständnis des Lorentz
Heepen – Montag, den 18. Oktober 1660
Urteilsverkündung – Lorentz wird Kindersoldat
Heepen – Samstag, den 2. Oktober 1660
Anna bei ihrer Tante Meta
Heepensenne – Sonntag, den 3. Oktober 1660
Weg in die Senne und Mord
Heepensenne – Montag, den 18. Oktober 1660
Selbstmord des Lorentz
Heepensenne – Montag, den 3. Oktober 1661
Aufrichtung der Gedenksteine
Anhang: Fragen an die historischen Quellen
Sennestadt ist arm an historischen Gebäuden und Denkmalen. Das kann nicht verwundern, war doch die frühere Gemeinde Senne II nicht reich und ohne besondere geschichtliche Bedeutung. Einen historischen Schatz gibt es jedoch, verborgen in einem kleinen Waldstück nahe dem Frieda-Nadig-Haus am Senner Hellweg: die MORDSTEINE. Sie berichten von einem Doppelmord, der an diesem Ort am 3. Oktober 1660 von einem Dragoner an seiner Frau und seinem Kind begangen wurde.
So interessant für mich die Geschichte des Aufbaus der Sennestadt und ihre bisherige Entwicklung waren und noch sind, so sehr zogen mich bei meiner Tätigkeit als Ortsheimatpfleger diese alten „Denksteine“ in ihren Bann. Es gibt nämlich neben den Texten auf den beiden Steinen noch eine zweite historische Quelle. Wolff Ernst Aleman, von 1686 bis 1725 Amtmann der Grafschaft Ravensberg mit Sitz auf der Sparrenburg, berichtet 1688 in seinen „Denkwürdigkeiten“ ebenfalls und ungewöhnlich ausführlich über diesen Doppelmord in der Senne.
Bei näherer Beschäftigung mit diesen beiden Quellen stieß ich auf einige Widersprüche, für die ich bisher in Archiven keine Lösung finden konnte. Dennoch suchte ich nach schlüssigen Zusammenhängen beim Ablauf der Ereignisse im Jahre 1660 und machte mir Gedanken über die Motive der handelnden Personen. Dabei konnte nur eine fiktive Geschichte herauskommen, bei der die Aussagen der beiden Quellen den äußeren Rahmen abgeben, alle vorhandenen Widersprüche aber in einer erfundenen Erzählung aufgehoben werden.
Zunächst war nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Weil aber das neue NRW-Heimatministerium durch die Aktion „Heimat-Scheck“ auch für solche heimatkundlichen Arbeiten dem Sennstadtverein Geld zur Verfügung gestellt hat, konnte diese Buchausgabe vorbereitet werden. Dabei waren Thomas Kiper (Lektorat) und Marion Winkler (Layout) unverzichtbare Helfer. Dankbar bin ich auch dem Sennestädter Kunstmaler Alexander Gutor, der zu einigen Szenen bildliche Darstellungen gezeichnet hat.
Im Anhang sind die historischen Quellen, auf die sich die Geschichte bezieht, angefügt und die Widersprüche und offenen Fragen kurz aufgezeigt.
Ich wünsche der Geschichte von Anna Tambor eine freundliche Aufnahme bei den Mitgliedern des Sennestadtvereins und bei Leserinnen und Lesern darüber hinaus.
Bielefeld-Sennestadt 2019 Ulrich Klemens
An diesem Montagmorgen, dem 18. Oktober 1660, war in dem kleinen Ort Heepen von dem starken Regen des Vortages nicht mehr viel zu sehen. Die Pfützen auf dem Thieplatz und auf den Wegen zwischen den großen Bauernhäusern, die sich um die Peter und Paul Kirche gruppierten, waren fast verschwunden. Die Bewölkung war aufgerissen und der Tag versprach endlich wieder etwas wärmer zu werden als die Tage in der vergangenen Woche.
Die beiden Pferde vor dem Leiterwagen schreckten auf, als der Bauer vier grob zu dreikantigen Balken zugeschlagene Hölzer auf den Wagen warf. Er rüttelte sie ein wenig zur Seite, damit sie nicht auf dem langen Baum lagen, der vom vorderen Teil weit bis über das Ende des Wagens hinausragte. Dieser schlanke Fichtenstamm schien kurz vorher geschlagen worden zu sein. An manchen Stellen hing noch die Rinde in dünnen Streifen herab und an vielen der Stellen, die das nackte Holz zeigten, glänzte das herausgetretene Harz. Ein breites Brett lag vorne über den beiden seitlichen Leitern und diente als Sitz für die Pferdelenker. Hinten war der Wagen offen.
Der Bauer drehte sich um und ging auf den vor wenigen Monaten errichteten, langgestreckten eingeschossigen und mit steilem Satteldach versehenen Fachwerkbau der Heeper Vogtei zu, in dem unter dem Vorsitz des Vogts Conrad Becker die abschließende Sitzung des Gogerichts stattfand.
Zu beiden Seiten der hohen, schwarzen Eingangstür standen brandenburgische Reiter, zwei an der linken und drei an der rechten Seite. Ihre Pferde hatten sie neben dem kleinen Kutscherhaus angebunden, das sich rechts an das Vogteigebäude anschloss.
Der Bauer schlurfte mit langsamen Schritten auf die Soldaten zu. Seine Stiefelschäfte hingen fast bis auf die Fersen herab und waren an den Rändern ausgefranst. Seit er sie vor Jahren einem getöteten Landsknecht von den Beinen gezogen hatte, hat er sie fast täglich getragen. Es wurde Zeit, dass er sich nach anderen Schuhen umsah. Seine weite, gelbliche Hose war an den Seiten mit großen Taschen versehen, die sich ausbeulten, weil er in ihnen ihm wichtige Dinge wie seine Pfeife mit Tabaksbeutel, einen kleinen Beutel mit ein paar Pfennigen, ein leinenes großes Sacktuch mit einem darin eingewickelten Knusten Brot und anderes mehr bei sich trug. Große dunkel gefärbte Stoffflicken überspannten die Löcher in der Sitzfläche der uralten Hose. Die braune Jacke war an den Ellenbogen mit roten Flicken ausgebessert worden und an den Ärmeln fehlten alle Knöpfe, so dass sie weit offenstanden und die knöchernen Unterarme sichtbar wurden. Der breite Schlapphut, dessen linke Krempe er nach oben gebogen und mit einer schwarz-weißen Kokarde befestigt hatte, verbarg fast ganz die wenigen grauen Haare, die ihm im Kranz um den sonst kahlen Schädel wuchsen und ungekämmt unter dem Hut herabhingen.
Die Soldaten wandten sich zu ihm hin, und einer brummte ihm etwas zu. Der Bauer begab sich zur linken Seite des Hauses, wo ein mit einem Pferd bespannter Planwagen stand, auf dem die Soldaten allerlei Gerät mitgebracht hatten. Anstelle der beiden seitlichen Leitern war an den Rungen zwischen den vier hohen Karrenrädern ein länglicher Weidenkorb angebracht, in dem sich gut viele einzelne Gegenstände sicher aufbewahren und befördern ließen.
Der Bauer hob die Plane an und griff nach einem großen Rad mit einem eisernen Reif, das nicht ganz die Größe der Räder an den anderen Wagen hatte. Mit einiger Mühe hob er es heraus, rollte es zu seinem Wagen, hievte es mit einem leisen Fluch auf das Gefährt und band es im vorderen Teil an der linken Leiter an. Dann setzte er sich auf das Brett, das vorne auf seinem Leiterwagen lag und blickte ausdruckslos, mit dem Rücken zu den Pferden, zur Vogtei hinüber.
Obwohl es schon Mitte Oktober war, war die Luft an diesem Morgen wieder etwas wärmer als am gestrigen Sonntag, und wenn zwischen den Wolken einmal die Sonne hervorkam, konnte man sich richtig wohlfühlen.
Vor vier Tagen hatte die Ankunft der Soldaten mit dem Deserteur und Mörder aus der Herforder Garnison schon zahlreiche Leute aus Heepen zum Amtshaus gelockt. Heute waren noch viel mehr Bewohnerinnen und Bewohner des uralten Dorfes auf dem Thieplatz zusammengekommen. Solche Gelegenheiten, einmal wieder einen Delinquenten in Fesseln den Wagen des Henkers besteigen zu sehen, ließ man sich nicht entgehen. Zumal wenn es um einen Mörder ging, sogar einen Doppelmörder. Er würde vielleicht auch auf dem Weg zum Richtplatz mit glühenden Zangen traktiert werden. Aber dafür fehlten in diesem Fall ganz offensichtlich alle Vorbereitungen vor dem Amtshaus und auch auf dem Wagen. Dennoch war es stets ein schaurig-schönes Gefühl, der Hinrichtung eines Unholdes zuzuschauen in dem Bewusstsein, dass damit Gottes Ordnung wieder hergestellt werde. Leider war bekannt gegeben worden, dass der Mörder am Ort seines Verbrechens aufs Rad gelegt werden sollte, also ein ganz schönes Stück Wegs von Heepen entfernt, drüben in der Heepensenne, weit hinterm Berg. Wer außer ein paar Jungen und dem einen oder anderen Bauern konnte schon einen ganzen Arbeitstag für diese Hinrichtung opfern!
Erst einmal sehen, was hier im Dorf passieren wird.
Die Uhr im Turm der Peter-und-Paul-Kirche schlug gerade halb zehn. Die fünf Reiter nahmen plötzlich Aufstellung zu beiden Seiten der Tür des Amtshauses, rückten ihre breiten Hüte zurecht, hoben ihre Brustpanzer etwas an und ergriffen den Knauf ihrer Degen an ihrer Seite. Die Tür wurde nach innen geöffnet und heraus traten nacheinander zwei Dragoner mit ihren Hellebarden. Ihnen folgte mit einem Strick um den Hals Lorentz aus Siberg. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen wurde er von einem dritten Soldaten hinter ihm grob nach draußen gestoßen. In einer Hand hielt der Soldat das Ende eines langen Stricks, der in einer Schlinge um den Hals des Delinquenten gebunden war.
Lorentz’ Blick ging hinauf in den hellen Himmel und, wie geblendet, schloss er sogleich die Augen und senkte den Kopf, so dass seine dichten braunen Haare das Gesicht fast verbargen. Nur ein helles Hemd bedeckte seinen Oberkörper, vorne weit geöffnet, so dass man die Muskeln auf seiner kräftigen Brust sich bewegen sah. Die schmutzige rote Hose wurde mit einem Strick gehalten, und seine Füße steckten in den neuerdings im brandenburgischen Heer üblichen kurzen engen Stiefeln. Eine Kette verband die an beiden Beinen angebrachten eisernen Schellen.
Das umstehende Volk johlte los. „Mörder“, „Kindsmörder“, „Kirchenräuber“ – schlimme Schimpfwörter schrien sie heraus, und einzelne Steine flogen in Richtung des Verurteilten.
Ruhe trat erst ein, als der Profoss heraustrat. Der schon alte Soldat trug über seiner Uniform einen langen, grauen Mantel. Auf dem Kopf hatte er einen breitkrempigen, schwarzen Hut mit einem Busch roter Federn. Sein grauer Bart umrahmte ein hageres Gesicht, und er blickte mit dem Ausdruck tiefer Müdigkeit in die Runde.
Vor gut zwei Wochen musste er sich zum ersten Mal mit den Untaten dieses Dragoners aus seiner Kompanie in Herford befassen. Es war nicht gut für das Ansehen des brandenburgischen Heeres, wenn Soldaten aus seinen Reihen Verbrechen begingen, die das Volk nur zu sehr an die Schrecken des großen Krieges erinnerten.
Aus dem anfänglichen Verfahren wegen des Einbruchs in der Neustädter Johanniskirche in Herford in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober und dem anschließenden Fluchtversuch über die brandenburgische Grenze im Süden der Heepensenne in Richtung der Grafschaft Rietberg war eine unglaubliche Moritat geworden.
Obwohl bei diesem Verbrechen nicht mehr unmittelbar zuständig, hatte der Profoss den Fortgang des Verfahrens vor dem Gericht in Herford und später dann vor dem Gogericht in Heepen genau verfolgt. Deswegen hatte er auch an diesem letzten Tag, an dem das Urteil verkündet und vollstreckt werden sollte, an der abschließenden Gerichtssitzung teilgenommen.
Am Morgen des 4. Oktobers 1660, also genau vor zwei Wochen, war dem Kommandanten der brandenburgischen Garnison in Herford, Obristlieutenant Mollisohn, berichtet worden, dass der Dragoner Lorentz aus Siberg nicht zum Dienst erschienen war. Wenig später wurde auch in der Garnison der Einbruch in die Sakristei der Johanniskirche bekannt und der Verdacht geäußert, dass Lorentz die wertvollen Geräte für die Abendmahlsfeier gestohlen haben könnte und wohl deswegen aus Herford geflohen sei.
Der Obristlieutenant erkannte sofort, dass dieser Vorfall das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen der Garnison und der Herforder Bevölkerung schwer belasten könnte. Er befahl daher, alles zu tun, um den Diebstahl so rasch wie möglich aufzuklären und das Kirchengut wieder zurückzugeben. Nach kurzer Besprechung wurden Reiter zur südlichen Grenze der Grafschaft Ravensberg geschickt, weil zu erwarten war, dass der Flüchtige Rietberger Gebiet zu erreichen suchte.
Obristlieutnant Mollisohn war nach der 1658 erfolgten endgültigen Einverleibung der freien Reichstadt in das Herrschaftsgebiet des Kurfürsten von Brandenburg nun schon seit gut zwei Jahren Kommandant der brandenburgischen Garnison in Herford. Diese gehörte zu dem Teil des brandenburgischen Heeres, der unter Obrist Derfflinger in der Grafschaft Ravensberg einquartiert war. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte sich schon 1647 gewaltsam in den Besitz der Stadt Herford gebracht und die einst freie Reichsstadt 1657 auf die Stufe einer Landstadt herabgedrückt. Fast alle Herforder Bürger lehnten daher die Einquartierung der fremden Truppen vehement ab. Ein Vorfall wie dieser konnte also leicht erneut politische Unruhen auslösen.
Als der Dragoner Lorentz aus Siberg am Montagmorgen nicht zum Dienst erschienen war, war ein Soldat zur Wohnung des Dragoners in der Luttenstraße geschickt worden, um nähere Auskünfte einzuholen. Die Magd im Hause des Steinmetzmeisters Evering, wo Lorentz mit seiner Frau Anna wohnte, antwortete auf die Frage, wo denn der Soldat sei, dass sie es nicht wisse. Er habe nach einem heftigen Streit mit Meister Evering vor zwei Tagen das Haus nicht mehr betreten. Sie hätte ihn weder am Sonntag noch am Montag gesehen. Wo er die Nächte verbracht habe, wisse sie auch nicht. Die Frau konnte bei der Vernehmung manchmal kaum reden, weil sie heftig erregt war und offensichtlich nicht alles zu sagen bereit war, was sich am Sonntagabend im Hause des Meisters ereignet hatte.
Die Richtung, in der der entwichene Soldat geflohen sein konnte, war, wie schon gesagt, leicht auszumachen. In die benachbarte Grafschaft Lippe würde er wohl nicht gelaufen sein, weil zwischen dem Kurfürsten und dem Grafen Hermann Adolf von Lippe-Detmold wegen ihres gemeinsamen reformierten Bekenntnisses schnell eine Einigung über die Auslieferung des desertierten Soldaten erzielt worden wäre. Eher bot sich als Fluchtort die Grafschaft Rietberg an. Deren Landesherr, Graf Johann IV., war ein strenger Katholik und erklärter Gegner der Machtpolitik des Kurfürsten. Beide Staaten betrachteten sich daher auch nach dem Friedensschluss von 1648 mit großem Argwohn.
Nur auf Rietberger Gebiet also konnte Lorentz vor dem Zugriff der Häscher des brandenburgischen Heeres sicher sein. Zwölf Reiter waren sogleich losgeschickt worden, damit sie den Fahnenflüchtigen zurückholten. Tatsächlich hatten sie Lorentz erst am späten Nachmittag auf Rietberger Gebiet fangen können. Weil sie aber zurückgekehrt waren, bevor die Rietberger Obrigkeit von dem Vorgang erfuhr, war die Verfolgungsjagd ohne politische Komplikationen geblieben.
Am Abend des 4. Oktobers war der Soldat als Fahnenflüchtiger in Herford in Gewahrsam genommen worden und wartete bei Wasser und Brot bis zum nächsten Tag angekettet im Kerker der Garnison. Schon bei der ersten Befragung am Abend seiner Gefangennahme durch den Profoss und unter Androhung der Folter hatte Lorentz zugegeben, wegen seines Einbruchs in der Johanniskirche aus Herford geflohen zu sein. Daraufhin hatte der Obristlieutenant Mollisohn befohlen, den Delinquenten der städtischen Gerichtsbarkeit zu übergeben, weil der Kirchenraub in Herford ein weit größeres Verbrechen darstellte als die Fahnenflucht. Es wäre allenfalls zu überlegen gewesen, ob Lorentz vor seiner Hinrichtung am Galgen noch durch die Rutengasse geführt werden sollte – um der Truppe zu zeigen, was Fahnenflüchtige zu erwarten hatten.
Am Morgen des 5. Oktobers, einem Dienstag, war Lorentz vom Garnisonsgefängnis in den Kerker des Rathauses der Stadt Herford gebracht worden. Inzwischen war der Einbruch in der Johanniskirche zum Stadtgespräch geworden. Die anfängliche Wut und Empörung über die Kirchenschändung war allgemeiner Freude und Genugtuung über die schnelle Ergreifung des Täters gewichen. Allerdings sahen sich viele in ihrer Ablehnung der brandenburgischen Zwangseinquartierung bestätigt. Die vielen fremden Soldaten störten den sozialen Frieden in der Stadt. Für viele Bürger waren sie immer noch die raub- und mordlustigen Landsknechte des großen Krieges.
