Annas Chronik und... - Hannes Meier - E-Book

Annas Chronik und... E-Book

Hannes Meier

0,0

Beschreibung

Tot liegt Anna im Sterbezimmer des Pflegeheims. Ihre fünf erwachsenen Kinder und ein Schwiegersohn halten Totenwache am Bett der Mutter. Danach kommt es in der Cafeteria zur Abrechnung. Neid, Missgunst, aber auch zutiefst verletzte Gefühle eskalieren zum Geschwisterkrieg, der immer groteskere Formen annimmt. Bernhard, der Älteste, findet im Nachlass der Mutter Briefe und eine Chronik, in der Anna ihr Leben von den Kriegs- und Nachkriegsjahren bis zur Jahrtausendwende schildert: Die Enge ihrer schweizerischen Kleinstadt, die Macht der katholischen Kirche, ihre Angst vor Sünde und ewiger Verdammnis, die sie von einer Schwangerschaft in die nächste treibt, ihre Ehe mit Johnny, der bis zum Ende ihre große Liebe bleibt, auch wenn er sich dem Kindergeschrei mit Überstunden und Schützenfesten entzieht. Immer mehr schlägt Annas Verzweiflung in Wut um auf jene, die sie für die Ursache ihres Unglücks hält: Die Kinder…

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hannes Meier

ANNAS CHRONIK

UND DER KRIEG DER ZU KURZ GEKOMMENEN

Roman

Imprint

Annas Chronik und der Krieg der zu kurz Gekommenen Hannes Meier Umschlag & Satz: sabine abels www.e-book-erstellung.de published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de Copyright: © 2016 Hannes Meier

Inhaltsverzeichnis

Die letzten Dinge regeln – 1999

Anna findet eine Arbeit und einen Mann – 1917 bis 1940

Gantenbein will eine Kontovollmacht – 1999

Was sich für Doblers ziemt und was nicht – 1940 bis 1941

Die Stunde der Anwälte – 2000

Sündiges Treiben und himmlische Zeichen – 1941

Weitere Abrechnungen – 2000

Anna stellte ein Ultimatum – 1941 bis 1942

Aliens, ein Börsencrash und ein verschwundenes Testament – 2001

Eine strahlende Braut bekommt ein Sterbekreuz – 1941 bis 1942

Eine Emanzipation, die in die Hosen geht – 2001

Das Pochen der Angst und des neuen Menschleins – 1942

Bigis Grabmal – 2001

Anna verspricht der Heiligen Jungfrau ein Kind – 1943

Gret Lisbeth in der Falle – 2001

Zwischen allen Fronten – 1945

Franz gewinnt – 2002

Römisches Roulette – 1946 bis 1948

Die Retourkutsche – 2002

Das ungewollte Kind – 1949

Madame Soleil führt durch den Jura Hof – 2002

Ein Auto, ein Schicksalsschlag und noch ein Kind – 1954

Das getürkte Haushaltsbüchlein – 2002

Anna weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht – 1957

Neue Fronten – 2003

Annas Kampf gegen Gottlosigkeit und Sünde der Kinder – 1960

Ein Pyrrhussieg für Gret-Lisbeth – 2003

Die Verstoßung der Bösen – 1963

Vom Gleichgewicht der Niedertracht – 2003

Anna erbt und Johnny macht eine Investition – 1966 bis 1985

Franz sucht Erleuchtung, Bernhard verliert seinen Job und Agnes den Verstand – 2004

Die Rückkehr der Kinder – 1989

Bigi fädelt etwas ein – 2004

Annas letzter Eintrag – 2004

Annas Befreiung – 1997

Das zehn-kleine-Negerlein-Prinzip – 2004

Johnny stirbt und Franz sieht eine Kostenersparnis – 1998

Die Schlichtung – 2007

Das Ende der goldenen Straße – 1999

Herzlichen Dank

Die letzten Dinge regeln – 1999

Das Sterbezimmer. Ein schmuckloser Raum, ganz am Ende des langen Flurs. Dort, wo sonst keiner mehr hinkommt. Ein Kreuz an der Wand. Eine flackernde Kerze. Die tote Anna liegt im Bett auf blütenweißen Kissen. Ihr ausgemergeltes Gesicht wird von einem lila Kinnband zusammengehalten. Rosa Bäckchen, geschminkte Lippen, violetter Lidschatten. So, wie sie im Leben noch nicht einmal zur Weiberfasnacht gegangen wäre.

Neben dem Bett: Annas fünf erwachsene Kinder und ein Schwiegersohn auf zwei akkurat angeordneten Stuhlreihen. Zwei hinten, vier vorn. erlegenes Schweigen. Hin und wieder ein Hüsteln. Hinten links Bernhard, 56, der Älteste, Journalist beim Fernsehen. Graues Haar, am Hinterkopf schon etwas schütter, gepflegter Kinnbart, Bauchansatz. Ein Handy schnurrt. Neben ihm greift Gret-Lisbeth in die Handtasche und stellt es stumm. Ein kurzer Blickwechsel. Die spöttischen Augen hinter der Hornbrille lassen Bernhard manchmal arrogant erscheinen. Seine Schwester zuckt mit den Schultern. Sorry. Trotz ihrer 52 immer noch eine tolle Frau. Promoviert, Chefberaterin bei dieser Heuschrecken-Firma. Aber immer tipp-top im Auftreten. Burschikoser Kurzhaarschnitt, Hosenanzug, energisches Kinn.

In der Reihe vor ihm herrscht Betroffenheit. Agnes, 55, die zweitälteste, wischt sich mit einem umhäkelten Taschentuch eine Träne aus dem Augenwinkel. Aschblondes Haar, streng geknotet, grauer Rock, rosa Bluse, mager, ein bitterer Zug um den Mund. Beruf: Hausfrau und rechte Hand im Büro ihres Mannes. Der sitzt daneben: Franz, eins neunzig groß, zerknitterter Anzug, keine Regung im bulliges Gesicht. Als vereidigter Gutachter hat man jeden Anschein von Persönlichem zu vermeiden. Früher nannte Agnes ihn Möpsli. Als sie noch verliebt war. Bei den Geschwistern heißt er immer noch so. Neben Agnes: Brigit, genannt Bigi, Mode-Designerin, 55. Teure Kurzhaarfrisur, grüner Minirock, sehr rote Pumps, hautenger, gelber Kaschmirpulli. Ein etwas gewagtes Outfit für eine Totenwache. Aber wahrscheinlich ist sie direkt vom Atelier gekommen. Aufseufzend lässt sie den Kopf in die Hände sinken. Aufseufzend. Bernhard versucht, nicht unfair zu werden. Wahrscheinlich trauert sie ja wirklich hinter ihrer dunklen Ray-Ban-Sonnenbrille. Seit er es abgelehnt hat, ihre Kindermodenschau ins Fernsehen zu bringen, hat sie jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Ihr Mann ist Arthur La Roche. Der von der Bierbrauerdynastie. Wie meistens, wenn’s um Familiäres geht, ist Arthur verhindert.

Der letzte Stuhl in der ersten Reihe ist leer. Frater Ursus, ein Mönch, steht am Fenster und betet. Aufgeschwemmtes Gesicht vom Cortison, das er gegen sein Rheuma nimmt und ziemlich viel Volumen in der Kutte. Ob er Anna zuliebe mit 40 noch ins Kloster ging? Als Koch war er damals am Ende, sein Lokal bankrott. Doch dann köchelte er die „Pilgerstube“ des Klosters Meggenfurt zu einem gut besuchten Gourmet-Lokal hoch. Der Segen von Annas endlich erfülltem Gelübde ruhte auf ihm.

Bernhard betrachtet die tote Mutter. Ein Holzkreuz in den knotigen Händen. Hände, mit denen sie ein Leben lang für andere geschuftet und gegen die Schicksalsschläge ihres unbarmherzigen Gottes angebetet hatte. Hände, von denen man oft nicht wusste, warum sie zuschlugen. Manchmal spontan, manchmal als Ritual, wie auf dem mittelalterlichen Richtplatz. Die Geschwister als schaulustiges Volk, schwankend zwischen Entsetzen und Schadenfreude, wenn der Teppichklopfer auf den nackten Hintern niederfuhr. „Ein böses Kind schlagen zu müssen, tut der Mutter mehr weh als dem Kind“, sprach Anna mit roten Wangen und flackernden Augen, wenn sich der Delinquent schreiend am Boden wälzte, und dann wurde gebetet. Dabei hatte sie ihre Kinder geliebt. Die einen mehr, die anderen weniger, je nachdem, wie schwer sie es ihr und Johnny machten. Am größten war die Liebe, wenn das Kind in ihrem Bauch strampelte oder nuckelnd an ihren Brüsten lag.

Ob Anna jetzt im Himmel ist? Oder wenigstens im Fegefeuer? In ihrem erloschenen Gesicht keine Antwort, nur fromme Strenge. Wie bei den gotischen Figuren über dem Portal der Pfarrkirche.

Ein leises Klopfen an der Tür. Frau Füglister, die Pflegeleiterin, schleicht in den Raum, gefolgt von einem schwarz gewandeten Bestatter. Ihr Dutt und die Stahlbrille erinnern Bernhard an seine längst verstorbene Oma. Dabei ist sie wahrscheinlich noch keine fünfzig. Sie beugt sich flüsternd zu Gret-Lisbeth. Die schaut in die Runde. Bernhard nickt. Die Pflegeleiterin löst die Bremsen des Bettes, der Bestatter packt mit an. Sie wollen die Tote aus dem Zimmer schieben. Bigi springt auf, wirft sich dramatisch auf das Bett, küsst laut schluchzend Annas bleiches Gesicht. Peinlich berührt zischt Bernhard: „Bigi! Bitte!“ Empörte Blick von Agnes, die ihre Schwester sanft von der Toten wegzieht, assistiert von Franz. Verunsichert sieht die Pflegeleiterin wieder zu Gret-Lisbeth. Ein dezentes, aber energisches Handzeichen. Quietschend entfernt sich das Bett im Flur.

Ein Augenblick der Ratlosigkeit. Bigi ordnet die verrutschte Sonnenbrille und die Frisur. Gret-Lisbeth steht auf. Die andern folgen, Bigi gestützt von Agnes und ihrem Franz. Bernhard hinkend als letzter.

***

Während im Keller der „Trauerhilfe „In Aeternum“ Anna für die Aufbahrung vorbereitet wird, sitzen die Hinterbliebenen gegenüber im Tea-Room Denzler vor frischem Gebäck. Betretenes Schweigen. Keiner isst. Bigi schluchzt leise. Agnes legt die Hand auf ihren Unterarm. „Gott sei Dank, dass sie nicht länger hat leiden müssen.“ „Und mit den letzten Tröstungen der Kirche hat gehen dürfen“, ergänzt Urs, der sich allein an die leere obere Hälfte des Tisches gesetzt hat. „So oder so. Einmal trifft es jeden“, beendet Franz das Thema und nimmt von der Serviererin seinen Kuchen entgegen.

Gret-Lisbeths Handy schnurrt schon wieder. Diesmal eine SMS. Sie beginnt zu tippen. Bernhard greift zur Gabel und nimmt seine Apfeltasche in Angriff. Schweigend folgen die andern seinem Beispiel.

„Früher hat es hier eine ganz passable Aprikosenwähe gegeben, heute ist alles Fabrikware“, bemerkt Franz mit vollem Mund.

Agnes nickt. Bernhard mustert die beiden amüsiert.

„Lang her, seit man euch das letzte Mal gesehen hat.“

„So lang auch wieder nicht“, mampft Franz. „Bei Papis Beerdigung.“

Bigi nickt: „Früher hat man sich noch bei den Hochzeiten gesehen. Inzwischen nur noch bei den Todesfällen“.

Franz stopft sich die nächste Ladung in den Mund.

„Klar. Wenn man zu den Hochzeiten nicht mehr eingeladen wird.“ Er fixiert Bernhard. „Wie oft warst du jetzt eigentlich schon unter der Haube?“

„Nicht jeder findet auf Anhieb die Richtige, so wie du.“

Agnes blickt mit einem vergrämten Seitenblick zum Gatten, dann zu Bernhard.

„So einfach ist es auch wieder nicht…“

Gret-Lisbeth lacht. Franz wird ärgerlich.

„Lach nur, wenn andere ihre Ehe noch ernst nehmen.“

„Ihr habt euch wirklich etwas rargemacht, in den letzten Jahren, Agnes“, bemerkt Bigi mit leichtem Vorwurf.

„Nach all dem, was passiert ist…“, seufzt Agnes.

„Was ist passiert?“ „Ach… reden wir von etwas Anderem…“

„Ich weiß, was du meinst, Agnes. Aber du bist nicht die einzige!“

Franz schüttelt den Kopf: „Scho falsch, Bigi! Von euch hat inzwischen jeder seine Schäfchen im Trockenen. Agnes hingegen ist immer zu kurz gekommen.“

Bigi sieht ihn erstaunt an.

„Wie meinst du das jetzt?“

Amüsiert lässt Gret-Lisbeth das Handy sinken.

„Redet er vom Geld oder von der Liebe?“

„Von beidem!“, fährt Franz Gret-Lisbeth an.

„Agnes hat immer den Kürzeren gezogen.“

„Und ich? Was ist mit mir?“, kräht Bigi.

Genervt zückt Bernhard seinen Terminkalender.

„Kommen wir bitte zur Sache. Wer übernimmt die Traueranzeigen? Wer den Pfarrer?“

„Moment mal!“, fährt Agnes hoch. „Du und Gret-Lisbeth durftet studieren. Ich musste ins Büro!“

Gret-Lisbeth klappt ihr Handy zu.

„Agnes! Das Studium haben wir uns schon selbst finanzieren müssen.“

Bigi lacht künstlich auf: „Selbst? Das habe ich aber anders in Erinnerung!“

Gret-Lisbeth greift ebenfalls zum Terminkalender.

„Vielleicht täuscht sie dich wieder einmal, deine Erinnerung. Aber reden wir jetzt bitte über die Beerdigung, ich muss weg.“

Bigi lässt sich nicht bremsen.

„Bei mir dasselbe in grün, Agnes! Ich musste als Stift zum Schneider Ulmer, obwohl die Lehrer sagten, für mich käme nur ein Designerstudium in Frage. Und wisst ihr warum! Weil Agnes und ich immer brav das gemacht haben, was Papi wollte. Wir waren ständig die Dummen …“

Bernhard verdreht die Augen.

„Wenn du das so siehst…“

„Genau so war es!“

Gret-Lisbeth platzt der Kragen: „Notorisch zu kurz gekommen! Klar! Und wer, Bigi, hat in den letzten Jahren eins nach dem andern abdisponiert? Die alte Standuhr, das Silberbesteck von Großmutter, usw.!“

„Was meint sie mit `abdisponiert`?“

Bigi sieht mit ihren blauen Augen in die Runde.

„Sie behauptet, du hast Einiges von zuhause mitlaufen lassen“, erklärt Franz und wird selbst misstrauisch. „Stimmt das etwa?!“

Bigi schnauft empört auf. „Was für eine Gemeinheit! Ich war die Einzige, die sich gekümmert hat, als beide so krank waren.“

„Bis sie ins Pflegeheim kamen. Dann hattest du keine Zeit mehr und ich durfte ran“, ergänzt Gret-Lisbeth.

Bernhard lacht: „Wahrscheinlich, weil‘s nichts mehr zum Kümmern gab.“

„Gret-Lisbeth, du solltest lieber den Mund halten, nachdem was du getan hast.“

Gespannte Neugier der andern, doch Bigi winkt ab. „Es macht unsere Mutter auch nicht wieder lebendig…“

Jetzt will man es natürlich erst recht wissen.

„Gut. Ich hätte es ja für mich behalten. Aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt: Gret-Lisbeth hat eine künstliche Ernährung abgelehnt und dafür gesorgt, dass Anna Morphium bekommt. Damit es schneller geht.“

Bigi beginnt zu schluchzen.

Gret-Lisbeth, einen Moment lang völlig überrumpelt, fasst sich schnell.

„Dass man eine alte, sterbende Frau nicht auch noch mit Magensonden traktiert, leuchtet eigentlich jedem ein, der einen Funken Menschlichkeit hat. Aber der geht dir offenbar ab.“

Frater Ursus, der bisher geschwiegen hat, steht auf.

„Dass ihr euch nicht schämt.“

Er wendet sich ab und will gehen. Franz hält ihn auf.

„Moment mal, Frater Schwager – du kannst dich nicht einfach abseilen bevor wir über dein Beizli gesprochen haben…“

„Was?“

„Du weißt genau, was ich meine: Den Landgasthof Jura Höhe.“

„Den gibt es schon lange nicht mehr.“

„Stimmt“, sagt Gret-Lisbeth, “weil du den Karren an die Wand gefahren hast!“

„Den Gasthof hat dir der Papi finanziert, nachdem du als Koch nix auf die Reihe gekriegt hast!“, präzisiert Bigi, froh, aus der Schusslinie zu kommen.

„Und alles von meinem Erbe!“

„Von unserem – wenn schon“, korrigiert Gret-Lisbeth.

„Wie immer: Ihr habt keinen blassen Schimmer.“

Urs wendet sich ab und geht.

„Du schuldest uns 200.000 Franken!“, kräht Bigi hinterher.

„Klarer Erbvorbezug! Vergiss nicht, wenigstens deinen Kaffee zu bezahlen!“, lacht Franz und schaut in die Runde, ob der Witz auch angekommen ist.

„Wenn der mit mir Schlitten fahren will, hat er sich aber geschnitten. Nochmals zu Agnes…“

Bernhard unterbricht: „Urs hat recht. Wir sollten uns wirklich schämen.“

Betretenes Schweigen. Bernhard greift zum dritten Mal nach seinem Terminplaner. „Wer übernimmt die Traueranzeigen?“

***

Am Abend sitzt Bernhard auf der weinumrankten Terrasse von Gret-Lisbeths altem Bauernhaus im Zürcher Oberland. Denkmalgeschützt ist es und aufs Feinste renoviert, wie es sich für die Chefberaterin der Invest Consulting Europe gehört. Seit einigen Jahren lebt sie hier allein mit einer älteren Hauswirtschafterin und den Hunden. Sie kann es sich leisten.

Bernhard genießt die Abendsonne und trinkt einen Clevner. Vor ihm ein altes Fotoalbum. Kleine Schwarz-Weiß-Fotos mit breitem gewellten Rand. Der Vierwaldstätter See, ein Schaufeldampfer vor der Bergkulisse. Strahlendes Föhnwetter. Anna, elegant mit Pumps, Schlapphut und hellem Sommerkleid posiert am Dampfschiffssteg in Luzern, neben ihr der dreijährige Bernhard, verdrossen in kurzen Hosen. „Sommer 1945 – Ausflug an den Vierwaldstättersee“ steht unter dem Bild mit ziselierter Schönschrift. Anna ist jung und lacht – so hat er seine Mutter nicht in Erinnerung. Aber hier ist sie eine hübsche, lebenslustige Frau. Er blättert weiter. Die Kinder kommen. Erst als entzückende Babys bei der Taufe, dann in Gruppenbildern: Eins neben dem andern, wie die Orgelpfeifen. Posen und Schnappschüsse, von Anna liebevoll betextet. „Bernhardli – ein herziger kleiner Lauser“, „Agnesli, wenn es von einem Englein träumt“, „Brigitli, Papis Schätzli!“, „Stürmisch ins Leben! Lisbethlis erste Schritte!“, „Ursli, unser Sonnenschein“.

Später beschränken sich die Texte auf Fakten: „Ferien in Lenzerheide, Sommer 1955“. Ein Familienbild an einem Felsblock, Anna lächelt verkniffen, einige Kinder grinsen, Bernhard schaut demonstrativ in die Luft. Er erinnert sich: kurz zuvor hatte Anna ihm eine Ohrfeige verpasst, weil er Grimassen schnitt und Johnny das Foto neu knipsen musste. Das kostet alles Geld. Annas Standardsatz. Dass Agnes mit dem Zeigefinger in der Nase bohrte, hatten sie übersehen. Der Finger wurde später wegretuschiert. Das kostete noch mehr Geld. Und sieht jetzt aus, als hätte das Kind eine Hasenscharte.

Er klappt das Fotoalbum zu und genießt die Abendsonne über den bewaldeten Hügeln. Auf der Wiese toben Gret-Lisbeths Neufundländer.

Sie tritt auf die Terrasse, locker, in Jeans und T-Shirt, nicht mehr hochhackig und businesslike und stellt einen Karton mit uralten Bundes-Ordner, und weiteren Fotoalben auf den Tisch.

„Es ist noch mehr auf dem Speicher. Aber der Rest ist uninteressant. Quittungen, Bilanzen, Protokolle vom Schützenverein und alte Zeitungen. Du weißt – er hat alles aufgehoben.“ Bernhard greift nach einem ledergebundenen Folianten mit der goldenen Aufschrift CHRONIK. Auf der Innenseite steht eine Widmung: „Meiner lieben Schwester Anna zur Hochzeit! Möge die hl. Jungfrau dich beschützen auf allen deinen Wegen und möge Gott, der Herr, dir die Gnade erweisen, dass es nur Schönes u. Gutes zu berichten gibt auf diesen Seiten! Huwyler 1942 – Deine Schwester Magdalena.“ „Sie hat ein Tagebuch geführt?“ „Tagebuch ist übertrieben. Eher eine Chronik. Fromm und heuchlerisch. Ich hätte es weggeschmissen.“ „Warum heuchlerisch?“ Gret-Lisbeth hat keine Lust auf das Thema. „Lese es, wenn du glaubst, dass es dir was bringt… Wie machen wir es nun mit der Beerdigung?“ Man hatte sich im Tea-Room Denzler doch noch auf eine Aufgabenverteilung geeinigt. Franz will sich um den Bestatter und die Todesanzeigen, sie beide um die Behörden und das Pfarramt kümmern.

„Wer ist überhaupt Pfarrer in Huwyler?“, fällt Bernhard plötzlich ein.

„Kägi bestimmt nicht mehr. Der müsste ja uralt sein – wenn er überhaupt noch lebt.“

„Schade, der Kägi hätte gut gepasst.“ Bernhard imitiert sein säuselndes Salbadern: „Bernhardus, Sohn des Johannes und der Anna! Gott, der Allmächtige, hat dich berufen…“

Gret-Lisbeth lacht. „Fragt sich wozu? Den Bock zum Gärtner?“

Bernhard gibt sich entrüstet. „Hey! Geht’s noch! Ich war damals superfromm! Mit acht konnte ich das Credo auf lateinisch: Credo in unum Deum, Patrem omnipotentem, Creatorem coeli et terrae – ich war der geborene Pfarrer!“

„Stimmt! Du hattest bei ihm einen Stein im Brett!“

„Hochwürden konnte aber auch anders. Einmal hat er mir nach dem Ministrieren in der Sakristei so eine geknallt, dass ich gestolpert bin und der Holzfigur des heiligen Sebastian einen der Marterpfeile abgebrochen habe.“

Sie beschließen, gemeinsam beim Pfarramt Huwyler vorzusprechen. Vielleicht lebt Hochwürden ja doch noch.

***

Seit seiner dritten Scheidung wohnt Bernhard in der Zürcher Altstadt in einer hellen, ausgebauten Mansarde. Drei Zimmer mit Blick auf die Limmat. Schön, aber unverschämt teuer, wie alles in der Stadt der Banken-Gnome. In seinem Arbeitszimmer packt Bernhard die Kartons aus. Es riecht muffig, wie Papier eben riecht, wenn es Jahrzehnte lang auf dem Dachboden gelegen hat. Annas Geburtsanzeige, 1917: „Wir danken Gott, dem Allmächtigen. Er hat uns ein Mädchen geschenkt.“ Der Antrag von Annas Mutter auf Witwenrente 1922. „Untertänigst bitte ich Sie…“ Annas Schulzeugnisse: „Schriftliche Leistung, Fleiß und Betragen: s. gut. Die mündliche Beteiligung am Unterricht lässt aber zu wünschen übrig.“ Fotos vor dem Stadthaus. Erste Kommunion. Firmung. Grimmige Familienbilder. Nur Mädchen und Frauen in gestärkten Blusen und langen Röcken, die versteinert in die Linse starren. Rührend und fern wie der Mars. Dann Briefe, noch mehr Briefe. Rechnungen und Todesanzeigen. Ein ganzer Ordner mit Briefen. Und eben das Tagebuch. Das, was Gret-Lisbeth als Heuchelei bezeichnet. Annas eingefärbte Realität. Vielleicht steht ja etwas zwischen den Zeilen. Bernhard beginnt, die Dokumente chronologisch zu ordnen und macht sich Notizen, wie man das als Journalist gelernt hat. In der Hoffnung, dass am Ende mehr rauskommt, als die Summe von banalen Ereignissen, Schönfärbereien und zufällig Festgehaltenem.

Anna findet eine Arbeit und einen Mann – 1917 bis 1940

Kurz nachdem Lenin Zürich verlassen hatte, um in Russland die Revolution auszurufen, wird Anna als erstes Kind der Lehrersfamilie Dobler in der Kleinstadt Huwyler in der Ostschweiz geboren. In einem großen Stadthaus mit mehreren Wohnungen, das Annas Mutter Agathe Dobler, geb. Wick, zusammen mit ihrer Schwester Rosa Wick geerbt hatte. Zwei Jahre später kommt Schwester Magdalena zur Welt. Und noch drei Jahre später stirbt der Vater an einer Niereninsuffizienz, obwohl er eigentlich herzkrank war. Böse Zungen – und davon gibt es einige in Huwyler – behaupten, Alphons habe eine Jugendgeliebte als heimliche Nebenfrau gehabt, was weder seine Frau Agathe noch deren Schwester Rosa mit ihren katholischen Grundsätzen vereinbaren konnten. Genaueres weiß man aber nicht. Wie auch immer – nach dem Tod des jungen Gatten steht Agathe mit ihren zwei kleinen Kindern praktisch unversorgt da, weil man den jungen Lehrer wegen seiner Herzschwäche von den staatlichen Pensionen ausgeschlossen hatte. Großzügiger Weise bieten die Huwyler Schulbehörden der Witwe „vorläufig und bis die Stelle wieder ordentlich besetzt werden kann“ den Job ihres verstorbenen Mannes an, wenn auch nur zu 60 Prozent der Bezüge. Agathe kehrt also in ihren angestammten Beruf zurück und führt mit eisernem Regiment Grundschulklassen mit über 50 Kindern zum großen Einmaleins – daneben versorgt sie den Haushalt und ihre eigenen Kinder. Sie hatte es als eine der ersten Frauen in der Schweiz ins Lehrerseminar geschafft, war schon immer eine Kämpferin gewesen. Jetzt aber wird sie beinhart.

***

Wie ein brummender Hummelschwarm zieht der Pulk der betenden Pilger über den Klosterplatz, vorbei an den Ständen der Devotionalienhändler zum Haupttor des Doms, dessen meterhohe Flügel von zwei Benediktinerbrüdern eilig für die Wallfahrer geöffnet werden. Tief im düsteren Innern der riesigen Barockkirche flackern hunderte von Kerzen: die Gnadenkapelle mit der schwarzen Jungfrau. Als die Schar vor dem Altar zum Stehen kommt und das Lied „Meerstern ich dich grüße, oh Maria hilf…“ anstimmt, gilt Annas Aufmerksamkeit einem jungen Mann, der eine Fahne mit der Aufschrift „Kath. Turnverein Huwyler“ hochhält. Johann Weber ist ein schlanker, trotzdem athletischer junger Mann, groß, braunes Haar, das ihm öfter in die Stirne fällt, lachende Augen, die Schalk verraten. Kurz – ein attraktiver Bursche. Dass er etwas gelangweilt wirkt inmitten der frommen Verzückung schmälert den positiven Eindruck Annas nicht. Sein Blick trifft sich mit ihrem, er grinst und hebt verstohlen die Hand zum Gruß. Anna lächelt, doch ein strenger Blick ihrer Mutter lässt sie schnell den Kopf senken und wieder in den Pilgerchor einstimmen.

Nach dem Ende des Liedes herrscht ein paar Sekunden Stille. Dann erhebt sich in der Tiefe des Doms ein gregorianischer Choral. Eine schwarze Kolonne wallt vom Hochaltar Richtung Gnadenkapelle. In Zweierreihen, vorn die Knaben des Klosterinternats, dann die Brüder, hinten die Mönche, alle in schwarzen Soutanen mit gesenkten, in den Kapuzen versteckten Häuptern, die Arme in weiten Ärmeln vor der Brust verschränkt, eine Welle im wogenden Gleichschritt. 16-stimmig hallt das Ave-Maria durch das Gewölbe des riesigen Schiffes, als kämen die Stimmen aus einer anderen, mystischen Welt: „Ave Maria, gratia plenum…“. Kalte und heiße Schauer des Entzückens jagen über Annas Rücken, so innig, dass sie in die Knie sinken möchte und nur noch weinen. Auch Johann ist ergriffen von der Macht und der Herrlichkeit der Kirche, die sonst wirklich nicht so sein Ding ist und senkt die Fahne des katholischen Turnvereins bis zum Boden.

Später, als Anna mit Mutter, Schwester Magdalena und Tante Rose bei Tee und marzipangefüllten Schafböcken im Café Pilgereinkehr sitzt, fällt ihr plötzlich ein, dass sie noch ein Votivbildchen vom seligen Bruder Meinrad mitnehmen wollte. Wie erwartet findet sie die Turner in der Klosterschänke, wo sie sich bei einer Stange Hell von den Strapazen des Wallfahrens erholen. Johann, diesmal ohne Fahne, dafür mit einem Glimmstängel lässig im Mundwinkel, will austreten und stößt fast mit Anna zusammen. „Anna!“ „Johann du!“ haucht Anna „So ein Zufall…“ Er, wieder ganz Herr der Lage, grinst und meint, es handle sich wohl eher um eine Fügung der Gnadenmutter! Da sie kein Bier mag, lädt er sie zu einem Glas Milch ein. Lachend erinnert man sich der gemeinsamen Schulzeit. Der schmächtige Johann hatte sich einen Spaß daraus gemacht, sie an ihren dicken Zöpfen zu ziehen, den Knoten ihrer braven Schürze zu öffnen oder sie mit blöden Sprüchen zu ärgern. Wohlgefällig mustert er seine ehemalige Schulkameradin. Trotz der bescheidenen Pilgerkluft mit groben Bergschuhen, weitem Rock und steifer Bluse, gefällt ihm ihr offenes, liebes Gesicht mit den großen blauen Augen und das volle blonde Haar, das jetzt allerdings zu einem strengen Knoten geknüpft ist. Hübsch, noch etwas scheu, aber, wenn man ihr bei Garderobe und Frisur ein bisschen auf die Sprünge hilft, wäre sie ein rassiges Mädchen, lautet insgeheim sein Urteil. Im lockeren Plauderton erzählt er ihr, dass er im Turnverein Leichtathletik treibt (sogar in der kantonalen Auswahl) und alle ihn Johnny nennen. Noch arbeitet er als kaufmännischer Angestellter bei der „Schweizerischen Seifen AG“ in Zürich, aber er ist – wie er als Turner sagt – „im vollen Aufschwung zum Sessel des Chefbuchhalters“. Im Gegensatz zu früher hat er jetzt offenbar ein paar Sprüche drauf, die sogar die schüchterne Anna zum Lachen bringen. Also lacht Anna, und Johnny lacht mit, und Johnny gefällt Anna, und Anna gefällt Johnny. „Vom hässlichen Entchen zum hübschen Schwan! Du hast dich aber gemacht“, grinst er frech. Anna wird rot und weist die Anmache zurück, wie es sich für ein katholisches Mädchen gehört. Diesmal wollen sie sich aber etwas besser im Auge behalten, sagt Anna zum Abschied keck, wie es sonst gar nicht ihre Art ist und wird dabei nur ein bisschen rot.

Als sie nach über einer Stunde ins Café zurückkehrt, herrscht Unmut in der Damenrunde, die unbedingt den Fünf-Uhr-Zug nach Huwyler erreichen will. Der Unmut verstärkt sich, als Anna auf dem Weg zum Bahnhof zum eigentlichen Grund ihrer Verspätung kommt. Magdalena findet zwar, dass der Weber Junior ein „flottes Bürschlein“ sei, doch Mama gibt ihr einen strafenden Blick über ihre Nickelbrille hinweg und auch bei Tante Rosa findet Annas Begegnung gar keine Gnade. Zu wenig Gottesfurcht und Demut, ein Angeber, lautet das vernichtende Urteil. Er komme ganz nach seinem Vater! Mehr wird nicht gesagt, es bleibt bei vielsagenden Blicken zwischen Mama und Tante. Doch Anna erinnert sich schwach an den Tratsch in der Kleinstadt: „Tätschliweber“ – so wird Johnnys Vater genannt, weil er sich angeblich bei den hübscheren Serviererinnen mit gutem Trinkgeld und aufmunternden Klapsen hervortut. Annas Einspruch, das sei doch nur Geschwätz und wenn, was könne der Sohn dafür, wird von Tante Rosa zurückgewiesen: Davon, dass der Weber eine „Reformierte“ geheiratet habe, und was dann aus so einem Kind werde, wolle sie erst gar nicht anfangen. Nein, Anna solle sich vor Menschen wie den Webers hüten und lieber ihre Pflichten bei Verleger Schmalzer im Auge behalten. Mutter und Magdalena nicken. Dazu hätte Anna nun einiges sagen können. Aber sie schweigt, vergräbt es in ihrem Herzen. Betet im lärmenden Abteil des überfüllten Pilgerzuges ein Ave-Maria zur Heiligen Jungfrau, dass das Katz- und Mausspiel mit dem dicken Patron endlich ein Ende finde.

***

Am nächsten Tag – es ist ein Montag und ihr letzter Urlaubstag in Huwyler – treibt sie sich am Abend wie zufällig auf dem Bahnhofvorplatz herum (ihrer Mutter hat sie gesagt, sie wolle eine ehemalige Klassenkameradin treffen) und passt zwei Pendler-Züge aus Zürich ab. Aus dem 18:20-Uhr-Zug steigt er dann auch aus, ihr Johnny. Bella Figura, Anzug und Schlips, aber leider in Begleitung eines anderen, mit dem er sich so angeregt unterhält, dass er sie übersieht und sie sich nicht traut, ihn anzusprechen. Sie geht im Strom der Pendler hinter ihm her, bewundert seinen sportlichen Schritt, bis die beiden in einer Seitenstraße verschwinden.

Es ist eine harte Rückkehr in Schmalzers Villa. Die ersten Blätter fallen und ein Sonnenstrahl bricht zwischen den grauen Wolken hervor, um sofort wieder zu verschwinden, als das schwere Gartentor hinter ihr ins Schloss fällt. Ihr kommt es wie ein schlechtes Zeichen vor. Kaum im Haus, ruft Schmalzer sie in sein Büro. Offenbar hat er auf sie gewartet, die Tür ist weit offen. Sie bleibt im Rahmen stehen und sagt „Bitte?“. Schmalzer mustert sie unverhohlen von oben bis unten. Sie wird rot und er grinst. Die Ferien hätten ihr wohl gutgetan, sie habe Farbe bekommen! Er steht auf und kommt um den Schreibtisch herum. Anna weicht zurück. Er versucht sie am Arm zu fassen. „Was ist los Anna? Ich will dich doch nur begrüßen!“ Sie befreit sich. „Also – Grüezi!“, sagt sie, packt schnell ihren kleinen Koffer und verschwindet.

Am Abend, in ihrer Mansarde, beschließt Anna ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und schreibt einen Brief.

15. September 1940

Lieber Johnny!

Du erlaubst doch, dass ich Dich so anrede, denn der alte Johann, der mich immer geneckt hat in der Schule, ist gewiss nicht der, dem ich als „Fügung der Gnadenmutter“ (wie Du es so schön formuliert hast) begegnet bin. Es hat mich jedenfalls sehr gefreut. Warum ich Dir schreibe, ist das Votivbild des seligen Bruder Meinrads, das ich Dir als Erinnerung beilege. „Es geht alles vorbei, nur die Ewigkeit nicht“ hat er gesagt. Schön, Johnny, gell, und so tief! Vielleicht laufen wir uns wieder einmal über den Weg. Gestern habe ich Dich von weitem am Bahnhof gesehen. Aber Du warst mit einem anderen beschäftigt und so habe ich mich nicht getraut. Vielleicht ein andermal – spätestens bei der nächsten Wallfahrt.

liebe Grüße Anna.“

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und schon zwei Wochen später trifft man sich zum ersten Tête-à-Tête am Huwyler Weiher, der zu dieser Jahreszeit höchstens von ein paar lustlos gründelnden Enten belebt wird. Kalt ist es den beiden auf der Parkbank aber nicht. Den Kopf neben seiner starken Schulter durchströmt ein nie gekanntes heißes Prickeln ihren Bauch. Er berichtet vom Kantonalen Turnfest (es ist zwar schon ein paar Wochen her), wo er am Barren Sechster wurde und sich am Reck bestimmt noch weiter vorn platziert hätte, wenn man ihm nicht seinen sensationellen Doppelsalto wegen eines falschen Griffs aberkannt hätte! Anna sieht Johnny vor ihrem geistigen Auge, wie einen Engel, in strammer weißer Keilhose, schwerelos durch die Lüfte schweben. Sie verspricht, am Sonntagnachmittag zum Training zu kommen. Hand in Hand geht es dann vorbei an Enten um den kleinen See zurück – ab der Stadtgrenze ohne Händchenhalten. Zum Abschied, in der dunklen, menschenleeren Apotheken-Passage, haucht er ihr einen Kuss auf die Wange, was Annas Herzschlag verdoppelt und später zu Mamas Frage führen wird, woher sie die roten Backen habe? Von der Kälte natürlich. Noch ahnen weder Mutter noch Magdalena noch Tante Rosa, was sich nach all den männerlosen Jahren hinter ihrem Rücken zusammenbraut. Am nächsten Tag – es ist Sonntag – trifft sich Anna mit Johnny im Hochamt. Besser gesagt, man trifft sich auf Distanz. Denn in der Pfarrkirche gilt strikte Geschlechtertrennung. Links die Mädchen und Frauen, rechts die Knaben und Männer, dazwischen der Mittelgang. Vorne überspannt ein Wandgemälde das Schiff. Es zeigt das Jüngste Gericht. In der Mitte thront ein zürnender Gott, flankiert von zwei Engeln mit Flammenschwertern. Auf seiner rechten Seite versammeln sich die Frommen auf ihrem Weg ins rosa leuchtende Paradies, zur Linken zerren Teufel und Dämonen schreiende Halbnackte hinab in Finsternis und lodernde Flammen. Schon als Kind hat diese Szene tiefen Eindruck auf Anna gemacht. Und schon damals ahnte sie, dass Sünde und ewige Verdammnis etwas mit Entblößung zu tun haben müssen. Heute aber steht Anna der Sinn nicht nach Höllenqualen. Mit Inbrunst und wie aus der Pistole geschossen kommen ihre lateinischen Antworten auf den psalmodierenden Singsang von Pfarrer Kägi am Hochaltar: „Dominus vobiscum“. „Et cum spiritu tuo“. Es herrscht eine feierlich gehobene Stimmung, wallender Weihrauch und brausende Orgelklänge verschaffen Anna in ein euphorisches Glücksgefühl. Hin und wieder wirft sie einen Blick auf die dumpf mitbrummelnde Männerseite, der von Johann forsch lächelnd erwidert wird (an diesem geweihten Ort scheint ihr „Johnny“ irgendwie unpassend). Was Magdalena nicht entgeht, die neben Anna kniet. Als es nach der Messe zu einem scheinbar harmlosen Schwatz zwischen den beiden kommt, ist ihr die Sache klar. Beim Mittagessen – Tante Rosa hat Hackbraten mit Nüdeli gemacht – lässt sie die Bombe platzen. Warum der Weber Junior jetzt ins Hochamt gehe? Sonst sehe man die Webers doch höchstens in der Elf-Uhr-Messe. Wenn überhaupt. Anna wird puterrot und Mama bitterböse. Ob sie sich letzthin nicht deutlich genug ausgedrückt habe? Oder ob das Wort einer Mutter gar nichts mehr gelte? Anna verteidigt sich nicht sehr überzeugend mit dem Argument, man werde sich nach der Messe ja wohl noch mit einem ehemaligen Schulkameraden unterhalten dürfen. Magdalena setzt noch einen drauf. Sie habe ganz genau gesehen, wie sich die beiden beim Hochamt zugezwinkert hätten! Zugezwinkert! Während der HEILIGEN Messe! Das bringt Tante Rosa so in Rage, dass sie Anna eine Ohrfeige gibt und Mama sie schrill von der Tafel weist. Schluchzend verschwindet Anna in ihrem Zimmer, das sie mit Magdalena teilt. Diese kommt dann auch prompt nach dem Essen, um ihr mitzuteilen, dass sie für heute Zimmerarrest habe. Später erscheint dann Mama, um zu beten. Anna muss sich vor dem Kreuz niederknien und den Herrn um Verzeihung für ihre gotteslästerliche Tat bitten. Zur Buße gibt es dann noch einen schmerzhaften Rosenkranz und von Tante Rosa einen Korb voll Wäsche zum Bügeln. Und Johnny wartet vergeblich in der Turnhalle. Dafür bekommt er dann zwei Tage später einen Brief.

„…Gell, du bist mir nicht bös, Johnny, aber es gab noch so viel im Haushalt zu tun, dass ich mich unmöglich davonstehlen konnte…Umso mehr war ich in Gedanken bei dir und deinem Training.“

Nach einer weiteren Durststrecke von drei Wochen – so lange dauert es, bis Verleger Schmalzer seiner Haushälterin wieder einmal ein freies Wochenende gönnt – ist Anna gewiefter. Sie treffen sich nicht unter den Augen der halben Kleinstadt im „Hochamt“, sondern diskret nach der samstäglichen Beichte. Und da es ein wunderschöner Herbsttag ist, fahren sie mit den Fahrrädern hinaus aufs herbstliche Land. An einem Waldrand legen sie sich in die dünne Sonne. Galant hat Johnny seine Jacke für Anna als Unterlage ausgebreitet. Erst reden und lachen sie, dann küssen sie sich und können nicht mehr aufhören. Es ist schon dunkel, als Anna wie in Trance ins „Stadthaus“ zurückkommt und in einem Anfall von Verwegenheit verkündet, dass Johann Weber und sie sich prüfen wollen im Hinblick auf das heilige Sakrament der Ehe. Mama wird stumm vor Schreck und Tante Rosa knurrt: „So etwas wie ein Mann kommt mir nie ins Haus!“ Aber wirkliche Argumente gegen ein Kennenlernen „im Geiste der Kirche“ fallen beiden nicht ein. So beschränkt sich die Mutter darauf, die Begegnungen mit diesem Herrn Weber vorauseilend zu reglementieren: „Nicht mehr als einmal im Monat!“ „Wie soll man sich prüfen, wenn man sich überhaupt nicht sehen darf!“ „Deine Schwester kann euch begleiten!“ „Die ärgert uns nur!“ „Er kann ja zu uns kommen und ihr könnt hier Mühle spielen!“ „Wir möchten aber nicht nur Mühle spielen!“ „Aha! Genau das habe ich befürchtet!“ Unwirsch unterbricht Tante Rosa und bringt die Sache auf den Punkt: „Männer bringen Unglück. Immer. Schlag ihn dir aus dem Kopf“ „Ich will aber mal Kinder haben und nicht als alte Jungfer enden!“, schreit Anna und fängt von der Mutter eine Ohrfeige. „Auf solche Saugofen wie dich, kann ich schon lange verzichten!“ ergänzt Rosa wütend. Mutter befiehlt Anna scharf, sich bei Rosa zu entschuldigen. Jungfräulichkeit sei mindestens so erstrebenswert wie eine noch so christliche Ehe! Da dämmert es Anna, in welchen Fettnapf sie gerade getreten ist. Mit 16 soll Tante Rosa nämlich einem Jungpriester aus der entfernteren Verwandtschaft als „geistiges Bräutchen“ zugewidmet worden sein. Ob sie sich dabei ganz irdisch in den jungen Mann verliebt hat? Ob sie von ihm enttäuscht worden ist? Oder ist Rosas Männerfeindlichkeit einfach ein Schutzwall, den sie um ihr damaliges Keuschheitsgelübde gezogen hat? Was immer die Klatschmäuler in Umlauf brachten, Tante Rosa hüllte sich in Schweigen, bis man sie schließlich so akzeptierte, wie sie ist. Was den Herrn Weber Junior anlangt endet der Abend mit einem Waffenstillstand. Auf jeden Fall habe er sich bei ihnen vorzustellen, erklärt die Mutter, bevor über alles Weitere diskutiert werden kann.

Schon am darauffolgenden Sonntag kommt Johnny zu Kaffee und Kuchen ins „Stadthaus“. Korrekt wie immer mit Schlips und Anzug und einem Strauß Blumen für die Mutter und Konfekt für Tante Rosa. Diese lässt sich entschuldigen, genauer gesagt: sie bleibt einfach weg, und Mutter Agathe entschuldigt sie mit einer erfundenen Migräne. Johnny gibt sich charmant und das bleibt – sehr zu Annas Erleichterung – nicht ohne Eindruck. Man redet übers Wetter und andere unverfängliche Themen, bis Agathe Dobler den Scheinfrieden mit der Bemerkung beendet, dass ihre Tochter noch lange nicht reif sei für eine christliche Ehe. Anna wird rot und ruft beschwörend „Mama!“, und Magdalena kichert so sehr, dass sie sich verschluckt. Johnny fasst sich nach kurzer Verblüffung: „Verehrte Frau Dobler, von einer Heirat zwischen Anna und mir kann doch gar keine Rede sein. Wir haben es nett gefunden, dass wir uns nach Jahren wieder getroffen haben und wollen in Kontakt zu bleiben.“ Das ist nun auch nicht das, was Agathe Dobler hören will. Dann haben Sie also keinerlei ernsthafte Absichten?“, fragt sie scharf, und Anna wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen. Johnny rudert schnell ein Stück zurück. Das wollte er damit nicht sagen, aber erst einmal müsse man sich doch näher kennenlernen. Und darum sei er auch hier, um Annas Mutter um Vertrauen zu bitten. Er wolle ihr hiermit versichern, dass Anna, wie übrigens alle Damen, von ihm immer nur mit der größten Hochachtung behandelt werde. Die Rede verfehlt auch diesmal ihre Wirkung nicht, aber Frau Dobler ist noch nicht am Ende ihrer Befürchtungen. Wie er es denn mit der heiligen Kirche halte, fragt sie, Anna komme nämlich aus einem gottesfürchtigen Elternhaus. Da kann Johnny nur nicken. Auch er sei im Glauben aufgewachsen und könne sich nichts Anderes vorstellen. Mit einem ernsten Blick in Annas Augen gibt er seiner Aussage das nötige Gewicht, so dass Anna ihm spontan beispringt: am letzten Sonntag sei er sogar zweimal in der Kirche gewesen. Sie erwähnt natürlich nicht, warum. Er hatte gemeint, sie gehe ins Hochamt, und sie nahm an, er besuche die Elf- Uhr-Messe, wo sie sich schließlich auch gefunden hatten. Beim Abschied versucht Johnny, Frau Dobler die Hand zu küssen, was aber nicht so gut ankommt. Immerhin wird ihm der Umgang mit Anna nicht verboten. Aber oberstes Gebot bleibt die mütterliche Kontrolle. Was Tante Rosa später als einen „faulen Kompromiss“ bezeichnet.

Johnny, obwohl schon 23 und als kaufmännischer Angestellter gut im Brot, wohnt immer noch im Haus seiner Eltern. In seinem alten Kinderzimmer steht jetzt zwar auf dem Schülerschreibtisch eine nagelneue Hermes-Schreibmaschine (mit umschaltbarem Farbband schwarz/rot!). Über dem Bett hängt ein Bild mit Höhlenbewohnern, die ein Mammut jagen und ein Plakat vom „Eidgenössischen Turnerfest 1938 in Thun“, auf dem ein eleganter Turner in eleganten Keilhosen über dem Reck schwebt. Die geliebte Armbrust, mit der Johann früher auf Spatzen schoss, ist verschwunden. Dafür lehnt seit der Rekrutenschule ein Schweizer Armee-Karabiner neben dem Schrank. In der Schublade ist eine Armeepistole mit hundert Schuss Munition. Sonst hat sich nicht viel verändert, außer, dass sich zu den Büchern von Karl May und der ´Via Mala´ von John Knittel auf dem schmalen Bücherbrett über dem Bett ein prächtiger Bildfoliant über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin dazu gesellt hat. Johnny war damals begeistert von Hitlers „Fest der Völker“ und berauschte sich an Leni Riefenstahls Fotos der Athleten im Gegenlicht, den flatternden Hakenkreuzfahnen, dem Fackellauf entlang der himmelstrebenden Olympia-Bauten und auch an dem 60.000 Arme reckenden Hitlerjungen und SA-Leuten, dem Portrait mit dem herrischen Blick auf der letzten Seite: „Und über allem steht der Führer“. Bis zum Überfall auf Polen bewunderte und beneidet Johnny also die Deutschen, dachte, ein Stück von ihrer zackigen Großspurigkeit könnte sich die biedere Schweiz durchaus abschneiden. Damit stand er nicht alleine. Sogar Bundesräte liebäugelten mit einem Anschluss à la Österreich, es gab eine schweizerische NSDAP, deren Führer Gustloff allerdings schon 1936 von einem jüdischen Studenten in Davos erschossen worden war. Jetzt, 1940, hat sich die Situation gründlich geändert. Es ist Krieg. Die neutrale Schweiz ist umzingelt von den Achsenmächten, ein Land nach dem andern ist von Hitler überrannt worden. Man fürchtet täglich den Einmarsch. Seit 1940 herrscht Notstand, die Armee hat die Generalmobilmachung befohlen und ist entschlossen, die Heimat militärisch zu verteidigen. Um die Wirtschaft des Landes nicht lahm zu legen, werden abwechselnd Teile der wehrfähigen Männer an den Grenzen und in der Alpenfestung in den Bergen stationiert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Johnny einrücken muss. Kriegsverdunkelung ist auch in der Schweiz angeordnet. Auf Druck von Hitler und Mussolini, damit die alliierten Bomber sich schlechter orientieren können. Mit der Folge, dass es immer wieder zu „irrtümlichen“ Bombardierungen von Schweizer Städten kommt. Doch Johnny und Anna haben nichts gegen die Verdunkelung. Sie entzieht ihre Zärtlichkeiten dem Blick der neugierigen Kleinstadtbürger, wenn Johnny sie am Sonntagabend zum Bahnhof bringt.

Dass Johnny mit 23 immer noch gerne zu Hause wohnt, liegt auch an Gret Weber, seiner Mutter, einer gutmütigen, korpulenten Frau, etwas phlegmatisch und gern am Jammern. Sie verwöhnt ihr einziges Küken nach Strich und Faden, auch wenn es inzwischen ein prächtiger Hahn geworden ist. Sie wäscht und bügelt seine Wäsche und zaubert ihm und seinem Vater in normalen Zeiten Köstlichkeiten auf den Tisch, die auch der gehobenen Küche zur Ehre gereicht hätten. Jetzt aber ist Krieg und auch in der Schweiz herrscht Mangel. Natürlich ist die Not der Bevölkerung nicht so groß wie in den kriegsführenden Ländern, aber durch das Embargo der Achsenmächte fehlen plötzlich Lebensmittel, die vorher aus dem Ausland importiert wurden. 1940 ruft die Regierung zur „Anbauschlacht“ auf. Jeder Quadratmeter, ob Garten, Park oder Sportplatz, soll mit Getreide, Kartoffeln und Obst bepflanzt werden. So muss die Schweiz, als einziges Land in Europa zwischen 1940 und 1945 nie Gemüse, Kartoffeln und Obst rationieren. Auch bei den Webers kommt jetzt viel Selbstgezogenes auf den Tisch. Johnny lässt es sich unter den Fittichen seiner Mama gut gehen, zahlt keine Miete, steckt höchstens ab und zu einen Zehner in ihre Haushaltskasse und sieht keinen Anlass, sich nach einer eigenen Bleibe umzusehen. Mutter Gret ist, wie gesagt, eine Reformierte. Vor der kirchlichen Trauung musste sie geloben, ihre Kinder im katholischen Geiste zu erziehen (anders geht es nicht, wenn man im stockkatholischen Huwyler einen Beamten heiraten will). Dieses Versprechen bringt aber weder sie noch Johnnys Vater August um den gesunden Schlaf. Von seinem Wesen her neigt auch August weniger zum Grübeln. Gut gelaunt, eine frischgepflückte Nelke im Knopfloch, gibt er den Lebemann und Genießer und lässt jeden nach eigenem Gusto selig werden. Tagsüber ein korrekter Beamter im Rathaus, am Abend gesellig mit der Brissago im Mundwinkel und einem Viertel Roten vor sich, beim Kartenspiel im „Rössli“. Summa summarum also ein ziemlicher Kontrast zur herben Damenriege im Stadthaus.

Gantenbein will eine Kontovollmacht – 1999

Dass man Franz und Agnes mit den Todesanzeigen betraut hat, entpuppt sich als Fehlgriff. Mitten in die Sitzung des Inlandjournals platzt Bernhards Sekretärin ins Zimmer. Es wäre dringend. Ein Herr Gantenbein verlange Herrn Weber am Telefon und lasse sich nicht abwimmeln. Ärgerlich geht Bernhard ins Vorzimmer. Am andern Ende der Leitung lacht Franz.

„‘Mein Name sei Gantenbein‘ – du kennst doch deinen Max Frisch oder? Identitätswechsel!“ Manchmal verblüfft ihn Franz mit Bruchstücken aus seiner vorzeitig beendeten Gymnasialzeit.

„Was willst du?“ „Hätte ich mich als Franz Moser gemeldet, hättest du dich verleugnen lassen, stimmt’s? Also Gantenbein.“

Er lacht wieder. Bernhard bleibt sachlich.

„Ich bin beschäftigt, ich leg jetzt auf, Franz.“ „Moment – es geht um die Konten. Wenn ich die Beerdigung deichseln soll, brauche ich den Zugriff auf die Konten.“ „Gret-Lisbeth hat die Vollmacht. Schick ihr die Rechnungen.“ „Wieso Gret-Lisbeth und nicht Agnes?“ „Weil der Vater es so bestimmt hat, als er mit Anna ins Pflegeheim kam. Und weil Gret-Lisbeth kompetent ist.“ „Moment! Willst du damit sagen, dass Agnes und ich inkompetent sind!“ „Ich will damit sagen, dass es so geregelt ist. Nach Johnnys Tod war Anna die einzige, die es hätte ändern können, und Anna ist jetzt tot. Also bleibt es so, bis das Erbe vollstreckt ist.“ „Scho falsch! Das Amtsnotariat kann jederzeit Agnes zum Erbvollstrecker bestimmen.“ „Du meinst dich? Du kannst es ja mal versuchen…“ „Und ob! Ihr werdet uns noch kennenlernen!“

Natürlich haben einige die Abwesenheit ihres Ressortleiters genutzt, um der Sitzung einen andern Drall zu geben. Als Bernhard zurückkehrt, wird gerade diskutiert, ob man für den Magazinbeitrag „Maulkorb und Leinenpflicht für alle Hunde?“ auch ein Statement von der rechtspopulistischen SVP des Herrn Blocher „abholen“ sollte. Schon aus Gründen der `Ausgewogenheit`. Schließlich sei das kantonale Veterinäramt, das hauptsächlich zu Wort komme, in der Hand der `Freisinnigen`…

Bernhard, schon ziemlich angefressen vom Gespräch mit seinem Schwager, beendet den Diskurs mit der Bemerkung, da es sich um Hunde und nicht um ausländische Zuwanderer handle, werde man in diesem Fall auf ein Statement des unvermeidlichen Herrn Blocher verzichten. Dann schließt er die Sitzung. Es gibt so Tage…

***

Am späteren Nachmittag trifft sich Bernhard mit Gret-Lisbeth vor dem alten Pfarrhaus. Seit ihrer Jugend sind sie nicht mehr hier gewesen. Sie haben es ziemlich heruntergekommen in Erinnerung, aber inzwischen ist das Haus aus dem 16. Jahrhundert prachtvoll renoviert. Bernhard betätigt den historischen Türklopfer. Pfarrer Sturzenegger, etwa vierzig, modische Kahlfrisur, Hornbrille, Jeans und Holzfällerhemd öffnet persönlich. Auf der ebenfalls renovierten Holztreppe, die nicht mehr knarzt, läuft er sportlichen Schrittes nach oben. Alles noch da, wie in seiner Ministranten Zeit, aber jetzt picobello renoviert, denkt Bernhard. Die fleckigen Wände sind weiß gekalkt, auch die Heiligenfiguren in den Nischen scheinen ein Lifting hinter sich zu haben. Grinsend macht er seine Schwester auf den heiligen Sebastian aufmerksam, aus dessen Bauch ein nagelneuer Pfeil ragt. Sturzenegger, der die Geste missversteht, nickt bestätigend: „Ja, ja, die Kirche pflegt ihr kulturelles Erbe!“ Sie setzen sich an den alten Tisch. Sturzeneggers Katechet oder Sekretär, ein bleicher Knabe im Kaschmirpullover, macht Ingwer-Tee. Was mit Pfarrer Kägi sei, fragt Bernhard. Der war lange krank und sei letztes Jahr „hoch betagt“ verstorben. Schade, meint Bernhard, den hätte er gern nochmals gesehen. Ein Pfarrer wie aus dem Bilderbuch, der seinen Schäfchen von der Kanzel herunter auch mal die Leviten las. Tja, lächelt Sturzenegger nachsichtig, zum Glück habe sich seither einiges getan. Gret-Lisbeth entschuldigt sich, dass sie die Entwicklungen der Kirche nicht mehr so mitgekriegt habe. Sie sei schon lange ausgetreten. Ob es denn die Sterbemessen und Sterberosenkränze überhaupt noch gebe? Die Mutter sei nämlich ziemlich altmodisch gewesen in ihrem Glauben. Bernhard ergänzt, das Fresko vom jüngsten Gericht über dem Chor der Pfarrkirche habe Anna schon als Kind geprägt. Sturzenegger wirkt leicht eingeschnappt. Natürlich gibt es Totenmessen und Sterberosenkränze noch! Was es allerdings nicht mehr gebe, sei das nazarenische Wandgemälde über dem Chor. Man habe „Das Jüngste Gericht“ schon vor Jahren entfernt, weil es „ablenkend“ und für den modernen Glauben nicht „zielführend“ gewesen sei. „Schade“, entfährt es Gret-Lisbeth, „es war so schaurig schön.“ Sturzenegger überhört es und schlägt vor, nicht nur eine Totenmesse („mit oder ohne heilige Kommunion?“ „Mit. Franz, Agnes und Urs sind ja gläubig“), sondern auch Jahresmessen und entsprechende Abendrosenkränze zu buchen. Zu den Tarifen und andern Fragen rund um die Bestattung gibt es das Faltblatt „Für die trauernden Angehörigen“. Um zum Gedenken an die Tote ein paar Worte sagen zu können, benötige er biografische Angaben. Bernhard fragt, ob er denn die Verstorbene nicht gekannt habe? Sie sei doch eine fleißige Kirchgängerin gewesen.

„Nicht direkt“, gibt Sturzenegger zu, „so, wie Sie die heimgegangene Frau Weber schildern, wird sie ihren geistigen Zuspruch eher im Klösterli gesucht haben…“

Der Besuch in der alten Stadtpfarrkirche ist enttäuschend. Alles frisch geweißelt. Nichts mehr erinnert an die prächtigen Hochämter mit der rauschenden Orgel, dem mächtigen Bass des lateinisch psalmodierenden Stadtpfarrers Kägi, der meist einen halben Ton danebenlag, den flackernden Kerzen und dampfenden Weihrauchkesseln unter dem dräuenden Jüngsten Gericht. Stattdessen weiße Wände, wohin das Auge reicht. „Da kann man ja gleich protestantisch werden“, sagt Gret-Lisbeth und irgendwie hat sie recht.

Sie gehen durch die ebenfalls renovierten mittelalterlichen Gassen der Altstadt zum Parkhaus, das ein fortschrittlich denkender Stadtrat in eine Altstadtschneise gesetzt hat. Sie versuchen sich zu erinnern, warum sie mit 14 plötzlich nicht mehr in die Kirche gehen wollten. Der barocke Pomp war es nicht. Eher die Verlogenheit, die Heuchelei. Beten, beichten und hinterher genauso fies weitermachen.

„Ich bin immer noch empört über diese kleingeistigen Pharisäer“, ereifert sich Gret-Lisbeth, „auch wenn es Jahrzehnte her ist.“ Bernhard pfeift die ersten Takte einer Melodie, dann zitiert er: „It aint necessarily so, it ai’nt necessarily so, the things that you li’bl, to read in the bible, it ai’nt necessarily so!” „Sammy Davis Junior in ´Porgy and Bess´!”

Kägi war auf die Kanzel gestiegen, als der Film im Kino Lenzlinger anlief, um die Gläubigen vor dem Teufelswerk in Technicolor zu warnen. Als Bernhard sich trotzdem ins Kino geschlichen hatte, gab es zuhause einen Riesenkrach.

„Lust an der Provokation war auch dabei…“, gibt er grinsend zu.

Sie fahren am Huwyler Weiher vorbei, den man unter dem Motto „Kunst am Weiher“ mit modernen Metallplastiken und anderem Schnickschnack aufgemotzt hat. Gret-Lisbeths Handy klingelt. Irgendein Ärger. Lisbeth klappt das Handy zu. „Franz, das Arschloch, hat bei allen Banken und Sparkassen meine Vollmachten sperren lassen!“

„Das kann er doch gar nicht!“

„Doch – im Auftrag von Agnes. Der Widerspruch eines einzigen Erben genügt. Damit ist alles gesperrt.“

Johnny hatte sein Geld, zu dem er in den siebziger Jahren endlich gekommen war, auf fünfzehn Banken verteilt. Weil das sicherer sei. Oder, wie Gret-Lisbeth mutmaßt, weil er gern vor möglichst vielen Filialleitern den großen Zampano spielte. Wie auch immer – als er und Anna 1998 ins Pflegheim kamen, hatte er Gret-Lisbeth zu seiner unbezahlten Steuer- und Vermögensverwalterin ernannt. Das war den andern damals nur recht gewesen. Die Kosten für eine Treuhandfirma wären ja vom bald zu erwartenden Erbe abgegangen. Doch jetzt fehlt den Miterbinnen Agnes und Bigi plötzlich das Vertrauen. Ab sofort sind Zahlungen nur noch über das Amtsnotariat möglich. Das heißt: Jede Rechnung einreichen und begründen. Zum Beispiel für die Beerdigung. Das ist Franz und Agnes dann doch zu viel. Also „können die anderen ja auch einmal etwas tun.“ Bigi lässt schnippisch wissen, „dass sie als angebliche Kleptomanin und Erbschleicherin dafür wohl nicht in Frage käme.“ Genauso wenig wie Frater Urs. Der muss kochen und beten. Die Beerdigung bleibt also an Bernhard und Gret-Lisbeth hängen.

***

Am nächsten Tag ist Redaktionsschluss für das Inlandjournal. Nach einem Interview mit der Vorsitzenden der Frauenkommission im Gewerkschaftshaus über den geplanten Frauenstreik („Wenn Frau es will, steht alles still“) hat Bernhard so richtig Lust zum Kochen. Auf dem Markt am Helvetiaplatz findet er sensationelle Steinpilze und beschließt, Sofia mit seinem berühmten Risotto zu überraschen. Mit der jüngeren Kollegin vom Sport verbindet ihn eine offene Beziehung. Man geht gemeinsam ins Kino, ins Theater, zum Essen, an Vernissagen, zum Tauchen, zum Radfahren und natürlich ins Bett. Nach drei gescheiterten Ehen hat Bernhard keinen weiteren Bedarf an weiblicher Umklammerung, Freiheitsberaubung und emotionaler Erpressung. Sofia sieht das umgekehrt genauso. Sie macht, was ihr spontan einfällt, ohne erst jemanden fragen zu müssen und sie lacht gern (womit Bernhard bei ihr gepunktet hat). Natürlich steht er auf ihre sportliche Figur, auf ihre kleinen Brüste und den süßen, strammen Hintern, aber genauso auf ihr freche, direkte Art. Völlig unschweizerisch nennt sie die Dinge beim Namen und eckt damit schon mal an. Vor ein paar Jahren hatte es sie aus dem fränkischen Bamberg (Bernhard liebt auch ihr rollendes R) in die Schweiz, genauer gesagt nach Magglingen verschlagen, wo sie Sport studierte. Noch bevor die Woge der deutschen Akademiker über die Eidgenossenschaft hereinbrach, heuerte sie beim Fernsehen an und ist nun Reporterin beim Sport.