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Man trifft sich immer zweimal im Leben! In ihrem persönlichen Buch der Herzensbrecher hält Annie May akribisch die Namen aller Missetäter fest, die ihr in ihrem Leben je Böses angetan haben. Ganz oben auf ihrer Liste steht Ben Seymour: der Mann, der sie am Tag ihrer Hochzeit sitzenließ und ohne ein Wort verschwand. Nun taucht Ben nach achtzehn Jahren aus dem Nichts auf. Er kauft das Traumhaus ganz in ihrer Nähe und wagt es, bei ihr anzuklopfen ...
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Debby Holt
Annies Buch der Herzensbrecher
Aus dem Englischen von Theresia Übelhör
Ihr Verlagsname
Man trifft sich immer zweimal im Leben!
In ihrem persönlichen Buch der Herzensbrecher hält Annie May akribisch die Namen aller Missetäter fest, die ihr in ihrem Leben je Böses angetan haben. Ganz oben auf ihrer Liste steht Ben Seymour: der Mann, der sie am Tag ihrer Hochzeit sitzenließ und ohne ein Wort verschwand. Nun taucht Ben nach achtzehn Jahren aus dem Nichts auf. Er kauft das Traumhaus ganz in ihrer Nähe und wagt es, bei ihr anzuklopfen ...
Debbie Holt ist Schriftstellerin und hat bereits zahlreiche Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht – ein «Buch der Herzensbrecher» führt sie allerdings nicht. Zusammen mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern lebt sie friedlich in der englischen Kleinstadt Bath.
Annies Buch der Herzensbrecher ist eine schwarze Liste. Sie enthält die Namen und Vergehen all der Menschen, die ihr je unrecht getan haben. Der schlimmste Übeltäter von allen war der Mann, der sie vor siebzehn Jahren sitzenließ.
Bald wird er in ein Haus ganz in ihrer Nähe einziehen.
Miss Baker, weil sie mir vorschreiben wollte, wie ich mir die Nase zu putzen habe.
David Llewellyn, weil er zu mir gesagt hat, meine Landschaftszeichnung sähe aus wie ein Schweinetrog, und dann jedes Mal, wenn er mich erblickte, Grunzlaute von sich gab.
Carol Anderson, weil sie überall herumerzählt hat, ich würde glauben, dass man vom Küssen schwanger werden kann.
Helen Owen, weil sie Miss Morrish erzählt hat, sie hätte mich fluchen gehört, obwohl sie genau wusste, dass wir nur Wortspiele gemacht haben und ich die Wörter sowieso nicht richtig ausgesprochen habe.
Janet Elliot, weil sie Nigel erzählt hat, ich hätte mir Taschentücher in den BH gestopft.
Mr. Cawthorne, weil er mir gesagt hat, ich sei das dümmste Mädchen, das ihm je begegnet ist.
Mein Cousin Peter, weil er mich seinen Freunden als seine Cousine vom Land vorgestellt und dafür gesorgt hat, dass ich mir tatsächlich wie eine Landpomeranze vorkam; außerdem hat er nur von seinen Londoner Kumpeln geredet, die ich nicht kannte und die ich auch ganz bestimmt nicht kennenlernen möchte, weil sie allem Anschein nach widerlich sind.
Alison Parker, weil sie Lucy gesagt hat, sie wäre sehr attraktiv, wenn sie nur einen kleineren Hintern hätte.
Lizzie Gatehouse, weil sie Nigel, Gary und Paul erzählt hat, ich würde in der Schule verbreiten, dass alle drei in mich verknallt seien. Deshalb reden sie jetzt nicht mehr mit mir, und ich werde nie wieder ein Wort mit Lizzie reden.
Angus Trent, weil er mir auf Lucys Party seine Liebe gestanden und mich leidenschaftlich geküsst hat, allerdings nicht erwähnte, dass er schon am nächsten Tag nach Australien auswandern würde.
Harriet Murray, weil sie hinterhältig die Ohren spitzte, als Lucy sich beklagte, weil Peter Elton ihr nur im Bett Beachtung schenkte und weil Harriet noch am selben Abend mit Peter geschlafen hat.
Peter Elton, weil er sich von mir Zigaretten «ausleiht» und sich nie selbst welche kauft.
Andrea Johns, weil sie vierzehn Wochen in meiner Wohnung gelebt hat, ohne sich an der Miete oder am Haushalt zu beteiligen, und weil sie mir als Dankeschön einen Gürtel geschenkt hat, den sie sich selbst gekauft hatte, der ihr dann aber doch nicht gefiel – außerdem war er für mich viel zu lang.
Jenny Edwards, weil sie versucht hat, mir Ben auszuspannen. (Nicht, dass sie je Erfolgschancen gehabt hätte.)
Eintrag vom 8. Februar: Mr. Cawthorne, weil er am Tag vor meiner Hochzeit vorbeigekommen ist und versucht hat, uns allen ein schlechtes Gewissen einzujagen, weil wir ihn nicht eingeladen hatten.
Lily war der letzte Mensch, dem Annie normalerweise Herzensangelegenheiten anvertraut hätte. Lily und Herz – das passte einfach nicht zusammen. Manchmal fragte sich Annie, ob ihre jüngere Schwester überhaupt ein Herz hatte. Nichtsdestotrotz fühlte sich Annie heute, am Vorabend ihrer Hochzeit, zurückgekehrt in den Schoß ihrer Familie, in ihrem alten Schlafzimmer mit den verblassenden Duran-Duran-Postern an der Wand, genötigt, ihre Gedanken auszusprechen.
«Es ist schwer zu erklären», sagte sie, «aber ich fühle mich so ganz anders, ich fühle mich, als würde ich mich auf einer Decke aus Liebe wälzen. Ich liebe alle Menschen. Hoffentlich bleibt mir dieses Gefühl für immer erhalten.»
«Das hoffe ich auch», antwortete Lily, die mit Kennerblick den Inhalt von Annies Kleiderschrank begutachtete. «Gehe ich recht in der Annahme, dass du mir deine braune Samtjacke nicht schenken willst?»
«Ja», sagte Annie. Natürlich konnte Lily es nicht verstehen. Lily verstand nichts. Annie setzte sich an ihren Frisiertisch und nahm den neuen Nearly Nude-Nagellack zur Hand.
Annie hatte herausgefunden, worin der Sinn des Lebens bestand. Auch das konnte Lily nicht verstehen. Vor ein paar Monaten hatte Annie den Sinn des Lebens gefunden. Genauer gesagt, um halb drei am 27. Dezember war sie darauf gekommen, worin der Sinn des Lebens besteht.
Um neunundzwanzig Minuten nach zwei am 27. Dezember hatte sie in ihrem Zimmer am Schreibtisch gesessen. Eigentlich sollte sie Dankesbriefe schreiben, doch in Wahrheit haderte sie damit, dass sie sechs Wochen zuvor mit Ben Schluss gemacht hatte. Um halb drei hörte sie, dass es draußen auf dem Kies knirschte. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie Ben, der die Einfahrt entlangkam. Sie stürmte aus ihrem Zimmer, über den Flur, die Treppe hinunter, durch die Diele und aus dem Haus in seine Arme, und er flüsterte: «Heirate mich. Heirate mich auf der Stelle.»
Dieser Augenblick, diese Erinnerung war in einer kleinen Schatulle in einem Winkel ihres Bewusstseins gespeichert, und jedes Mal, wenn sie diese öffnete – sei es in ihrer Wohnung in Hammersmith, während sie sich darum bemühte, die Dusche wieder in Gang zu kriegen, sei es in der U-Bahn in einem Wagen, in dem sich mindestens fünfundfünfzig Fahrgäste zu viel drängten, oder sei es bei der Arbeit, wenn sie zehn verschiedene Aufgaben auf einmal erledigen musste –, stoben tausend kleine Freudenfunken heraus, brachten Ordnung in die Atome und erfüllten Annie mit der Zuversicht, dass das Leben schön war.
Die Liebe war der Sinn des Lebens. Die Liebe änderte alles. Ohne Liebe konnte sie zur Arbeit gehen, konnte sie sich der Tatsache erfreuen, dass sie zumindest ein kleines Rädchen in der erhabenen Institution war, die die BBC nun einmal darstellte, konnte sie sich auf den Tag freuen, an dem sie keine Sekretärin mehr sein würde, sondern Produktionsassistentin der Spielfilmabteilung und dann am Ende vielleicht sogar Produzentin.
Ohne Liebe konnte sie noch immer die Treffen mit ihren Freundinnen, die Besuche zu Hause bei ihrer Familie und Urlaubsreisen nach Frankreich genießen. Ohne Liebe schaffte sie es beinahe, das vage Gefühl von Unzufriedenheit zu ignorieren, das sie immer mit sich herumgetragen hatte. Doch jetzt, da sich der charmanteste, einfühlsamste und lustigste Mann auf Erden unergründlicherweise in sie verliebt hatte, gab die Liebe ihrem Leben Struktur und ein Ziel. Ben hatte sich ihres ungeordneten, chamäleonartigen Daseins angenommen und ihm Würde und Tiefe verliehen. Bis dahin hatte sie ihr Leben damit zugebracht, sich die Nase an der Fensterscheibe platt zu drücken und dem Treiben von außen zuzusehen. Ben hatte die Tür aufgemacht, sie hereingebeten, und da war sie nun – für immer in Wärme und Sicherheit.
Ihr ganzes Leben vor Ben bestand aus einem Kaleidoskop von Erinnerungen: ihr kindlicher Wunsch, Schauspielerin zu werden, ihre heftigen Streitereien mit Lily, ihre zum Scheitern verurteilten Versuche, Josephines Erfolgen auf der Universität nachzueifern, ihre zahlreichen Schwärmereien für Jungs, an denen sie jegliches Interesse verlor, sobald diese ihre Gefühle erwiderten, ihr Stolz, bei der BBC eingestellt zu werden, ihre Freude, zu Hause auszuziehen und sich zusammen mit Freundinnen eine Wohnung zu mieten. Alles in ihrem Leben schien lediglich als Hintergrund für diesen Augenblick zu dienen. Das würde jetzt das letzte Mal sein, dass sie in ihrem alten Zimmer saß und etwas zu tun gedachte, von dem ihre Schwester sie versuchte abzuhalten.
Lily, die achtzehn Monate jünger war als sie, sollte ihre Brautjungfer sein. Annie war nicht gerade begeistert gewesen, das Rampenlicht mit einer Schwester zu teilen, die das Ego von Madonna und das Aussehen von Kim Basinger besaß, aber sie hatte es nicht übers Herz gebracht, das unbekümmerte Vertrauen ihrer Mutter in ihre schwesterliche Gutmütigkeit zu enttäuschen.
Nachdem Lily den Schrank durchsucht hatte, betrachtete sie sich nun in dem großen Spiegel. «Gefällt dir meine Frisur?», fragte sie. Sie war am Nachmittag beim Friseur gewesen. «Findest du, ich hätte mir noch zwei Zentimeter mehr abschneiden lassen sollen? Annie, schau mich doch mal an!»
Annie, die versuchte, ihren linken Daumennagel zu lackieren, warf ihrer Schwester einen flüchtigen Blick zu. «Ich weiß nicht, warum du mich das überhaupt fragst», antwortete sie, «du bist sowieso davon überzeugt, dass du perfekt aussiehst.»
«Ja», stimmte ihr Lily zu, «aber ich möchte wissen, ob du der gleichen Meinung bist.» Ihre Mutter hielt Lilys Ehrlichkeit für lobenswert, doch Annie war der Ansicht, dass es zwischen Ehrlichkeit und Selbstgefälligkeit eine feine Grenze gab und dass Lily diese Grenze überschritten hatte, kaum dass sie sprechen konnte.
«Ich sage es nur ungern», gab Annie zu, «aber du siehst ziemlich gut aus. Mir gefällt dein Pony.»
Sie fuhr zusammen, als plötzlich die Tür heftig gegen das Regal knallte und das jüngste Mitglied der Familie, ihr ein Jahr alter Neffe Sidney, hereingewackelt kam. Sidney besaß das, was seine Eltern als «geistige Frühreife» zu bezeichnen pflegten. Diese Feststellung schien jedoch einzig auf der Tatsache zu basieren, dass er, wenn ihm etwas gesagt wurde, stets das letzte Wort nachplapperte. «Hallo, Sidney!», rief Annie. «Was hast du denn da in der Hand?»
Diese Frage war völlig überflüssig, weil sie genau sah, was er in der Hand hielt, nämlich eine gelbe Plastikente, die er ihr entgegenstreckte, was dazu führte, dass sie ihren Nagellack verschmierte. «Ach, Sidney», rief sie aus und griff nach einem Kleenex, «weißt du, was du bist? Ein böser kleiner Teufel!»
Einer von Sidneys besonders reizenden Wesenszügen war, sich über alles zu freuen, was irgendjemand zu ihm sagte. «Teu-fel! Teu-fel!», gluckste er.
Annies Mutter Rosemary, die in das Zimmer gestürmt kam und dabei aussah, als habe sie vergessen, was sie eigentlich sagen wollte, lächelte beim Anblick ihres Enkels. «Hallo, Sidney! Was machst du denn da? Hilfst du Annie beim Nägellackieren?» Auch diese beiden Fragen waren völlig überflüssig, weil offensichtlich war, was Sidney gerade machte. Er half Annie keineswegs beim Lackieren ihrer Nägel, sondern stieß mit seinem Hinterteil gegen ihre Knie. Ohne seine geistige Frühreife an den Tag zu legen, versuchte er, wieder in den Besitz seiner gelben Ente zu gelangen, und kippte dabei Annies Nagellack um.
«Annie …» Rosemary verstummte, als sie sich zu erinnern versuchte, was sie hier eigentlich wollte. Sie erhaschte einen Blick auf ihr Spiegelbild und prüfte vorsichtig ihre frischgelegte Dauerwelle. Mit einem Mal schien es ihr wieder einzufallen, und ihr Gesicht hellte sich auf. «Annie! Ich wollte dir sagen, dass Mr. Cawthorne vorbeigekommen ist und dir ein Hochzeitsgeschenk gebracht hat, und ich muss sagen, dass es ein sehr nettes Hochzeitsgeschenk ist! Ein Spaten für den Garten. Es war mir dermaßen peinlich, dass wir ihn nicht eingeladen haben, und ich habe mich gefragt, ob wir nicht …»
Annie griff nach einem weiteren Kleenex. «Tut mir leid», sagte sie mit einer Stimme, die klarmachte, dass es ihr überhaupt nicht leidtat, «aber ich lade keinen Mann ein, der mir erklärt hat, ich sei das dümmste Mädchen, das er je unterrichtet hat!»
«Dabei hast du gerade gesagt, du würdest alle Menschen lieben», warf Lily ein.
«Ich liebe alle Menschen mit Ausnahme von Mr. Cawthorne.»
«Also wirklich, Annie!», protestierte Rosemary. «Er hat dich so gern! Und du hast ihn doch auch gemocht! Er war sechs Jahre lang dein Mathelehrer! Ich muss schon sagen, dass die Art, wie du deine Abneigung gegen Leute pflegst, richtig … richtig irritierend ist! Und du musst zugeben, dass du in Mathe wirklich keine Leuchte warst.»
«Ich weiß, dass ich in Mathe keine Leuchte war. Und nachdem mir Mr. Cawthorne gesagt hat, wie dumm ich mich anstelle, habe ich noch weniger kapiert.»
«Du bist im Begriff zu heiraten!», stellte Rosemary vorwurfsvoll fest. «Das ist der glücklichste Tag in deinem Leben! Es ist Zeit, alten Groll zu begraben und ein bisschen christliche Nächstenliebe an den Tag zu legen!»
«Das habe ich», antwortete Annie. «Ich habe zugelassen, dass du meinen Cousin Peter eingeladen hast. Das ist für mich genug der christlichen Nächstenliebe.»
«Hat jemand Sidney gesehen?» Josephines Bauch tauchte in der Tür auf und gleich darauf Josephine selbst. Josephine war Annies ältere und hochschwangere Schwester. Sie und Lily hatten eigentlich sehr ähnliche Gesichtszüge, und es war schwierig zu erklären, warum die jüngste Schwester umwerfend aussah, die älteste dagegen nicht. Josephines dunkelblondes Haar war zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden, während Lilys luftige, glänzende Locken durch eine Spülung für blondes Haar noch heller strahlten. Beide hatten außergewöhnlich lange Wimpern und einen wunderschön geformten Mund, doch während an Lily alles «Bin ich nicht hinreißend?» zu schreien schien, sah Josephine ständig besorgt aus – wahrscheinlich, weil sie es tatsächlich war. Wenn sie sich nicht gerade Sorgen machte um die Armut in der Dritten Welt oder die Ungerechtigkeit von Mrs. Thatcher, beklagte sie sich über das Schicksal von Sidneys Generation in einer Welt voller Nuklearwaffen und ungebremster Umweltverschmutzung. Außerdem war sie sehr kurzsichtig und sah ihren Sohn erst, als er auf und ab sprang, «Mammiii!» kreischte und dabei Annie anrempelte, die gerade zum dritten Mal Nearly Nude aufgetragen hatte.
«Ach, Sidney», stöhnte Josephine, «ich habe deinen Schlafanzug ausgepackt, und jetzt wird dein Badewasser kalt!» Ihr Blick fiel auf das Hochzeitskleid, das an der Vorhangstange hing. «Das ist also das Kleid!», sagte sie.
«Wie gefällt es dir?», fragte Annie.
«Es ist sehr hübsch», antwortete Josephine, «allerdings verstehe ich noch immer nicht, warum du Geld für ein neues Kleid verplempert hast. Du hättest meins haben können.»
«Nimm es mir nicht übel», warf Lily ein, «aber kein Mensch auf der Welt würde sich dein Hochzeitskleid ausleihen wollen.»
Das entsprach der Wahrheit. Josephine hatte ihr Hochzeitskleid bei der Schwester einer Freundin gekauft, die ein Geschäft mit dem Namen «Hochzeitskleider für die Ewigkeit» eröffnet hatte. Die Schwester der Freundin war auf die faszinierende Idee gekommen, Hochzeitskleider anzufertigen, die man später als Bettlaken verwenden konnte. Es wäre besser gewesen, wenn die Hochzeitskleider ein bisschen mehr nach Kleidern und etwas weniger nach Bettlaken ausgesehen hätten. Kein Wunder also, dass die Schwester von Josephines Freundin nur ein einziges Hochzeitskleid verkauft hatte.
«Es war ein hübsches Hochzeitskleid, nicht wahr, Sidney?», sagte Josephine und fragte damit den einzigen im Zimmer Anwesenden, der darauf gar nicht antworten konnte. «Willst du jetzt in die Badewanne, bevor du ins Bett gehst? Sollen wir Oma fragen, ob sie uns hilft?»
«Liebend gern!», antwortete Rosemary wehmütig. «Eigentlich sollte ich die Hochzeitsgeschenke neu arrangieren, aber das ist, als wollte man ein Puzzle fertig machen, dem ein paar Teile fehlen. Ich schaffe es nicht, sie alle im Esszimmer aufzubauen, und ich weiß, dass Jean Farnleigh-Anderson sauer sein wird, wenn ich nicht jede einzelne ihrer Wedgwood-Florentine-Suppentassen aufstelle. Und es stehen noch etliche Sachen auf dem Boden herum.»
«Das übernehme ich», erklärte Lily. «Nimm es mir nicht übel, Mutter, aber von Gestaltung hast du keine Ahnung, während ich besonders gut darin bin. Es macht mir Spaß, die Hochzeitsgeschenke zu dekorieren. Ich kann es gar nicht erwarten, selbst zu heiraten. Ich werde die größte und teuerste Geschenkeliste der Welt zusammenstellen. Ich werde eine ganze Woche bei Harrods verbringen!»
«Wie gern würde ich glauben, das sei nur ein Scherz», erklärte Josephine betrübt. «Ehrlich.» Sie hievte Sidney hoch und setzte ihn sich auf die Hüfte. «Sollen wir jetzt gehen und unser Bad nehmen, Sidney? Soll Oma mitkommen?»
Die Oma lächelte erfreut. «Ich denke, das tut die Oma! Oma möchte ein paar große Seifenblasen machen! Sag Tante Annie gute Nacht! Sag Tante Lily gute Nacht!»
Die beiden Tanten hoben die rechte Hand und winkten pflichtschuldigst. «Gute Nacht, Sidney!» Sie beobachteten, wie ihr Neffe wie ein junger Pharao von seinen ihm ergebenen Dienerinnen hinausgetragen wurde.
«Wäre ich kein so ausgeglichener Teenager», stellte Lily fest, «wäre ich bestürzt, dass unsere Mutter Sidney so viel Aufmerksamkeit schenkt.»
«Du bist nur noch ein paar Wochen ein Teenager», bemerkte Annie. «Und überhaupt, was ist mit mir? Erinnerst du dich, wie es war, als Ben und ich versuchten, allen zu verkünden, dass wir uns verlobt haben? Sidney hat sich genau in diesem Moment entschlossen, seine ersten Schritte zu machen. Er hat die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen.»
«Ist dir klar», überlegte Lily, «dass Josephine, wenn du mit Ben Kinder kriegst, erwartet, dass du deinem Kind alle selbstgemachten Babysachen von Sidney anziehst? Wie viele Kinder wollt ihr überhaupt?»
«Ben möchte zwei», antwortete Annie. «Ich hätte lieber fünf.»
«Ich hätte gern drei Mädchen, die genauso aussehen wie ich, dann werden wir alle Models für Seifenwerbung.» Lily warf einen letzten Blick in den Spiegel und steuerte auf die Tür zu. «Ich gehe mal und arrangiere deine Hochzeitsgeschenke. Denk dran, dass es um acht den Champagner gibt.»
«Bis dahin bin ich fertig.»
«Deine Haare sehen schön aus», sagte Lily. «Du wirst eine sehr hübsche Braut sein.»
Da Lily so selten Komplimente machte, waren sie besonders willkommen. Annie lächelte. «Danke!»
«Ist schon in Ordnung. Ende gut, alles gut.»
«Die Liebe besiegt alles.»
Lily grinste und ging hinaus. Ihre Großmutter mütterlicherseits hatte die Angewohnheit, in Sprichwörtern zu reden, und ihnen immer wieder gesagt, dass kleine Vögelchen im Nest nicht streiten sollten. Die beiden Schwestern hatten von Kindesbeinen an gewetteifert, wann immer möglich das passende Sprichwort zu verwenden. Jedes Sprichwort hat einen wahren Kern, dachte Annie, und die Liebe besiegt tatsächlich alles.
Da ihr Zimmer nun zum Glück wieder leer war, wandte Annie sich gewissenhaft ihren Nägeln zu. Morgen Nachmittag würde sie Mrs. Seymour sein. Morgen Abend würde sie mit Ben in einem kleinen Hotel beim Flughafen Gatwick Champagner trinken, dann würden sie nach Korfu fliegen. Zwei Wochen später würden sie ins Pixie Cottage einziehen und jeden Morgen zusammen zur Arbeit fahren. Eines Tages würden sie in einem Haus mit einem Garten wohnen, das an einem Teich oder Fluss lag – Annie hatte schon immer nahe am Wasser leben wollen –, und sie würden viele Kinder und einen Hund haben und auf der Terrasse Wein trinken. Ihr Leben lag vor ihr wie ein prächtiger Strand.
Sie blickte kurz in den Spiegel. Wie Lily war sie heute Nachmittag beim Friseur gewesen, und ihre braunen Haare, normalerweise ein wilder Lockenschopf, waren glatt und glänzten wie das Fell eines Rennpferds. Sie mochte nicht den Knochenbau ihrer Schwestern haben, weder Josephines Intelligenz noch Lilys Schönheit besitzen, aber immerhin war sie schlank, hatte strahlende Augen und, wie sie jetzt wusste, eine hinreißende Nase. Ben sagte, ihre Nase habe als Erstes seine Aufmerksamkeit erregt. Ihm gefalle, wie sie gerade nach unten verlief und es sich in letzter Minute doch anders überlegte. Als Annie jetzt ihre Nase musterte, konnte sie nicht recht verstehen, warum ausgerechnet dieser Körperteil so spektakulär sein sollte, aber sie nahm Ben in jeder Hinsicht gern beim Wort.
Um acht ging sie hinunter, die frischlackierten Fingernägel abgespreizt wie Fischflossen. Ihr Vater stand in der Diele und telefonierte. David May telefonierte fast immer, entweder in der Diele oder in seinem Arbeitszimmer, in das er sich zwei Telefonleitungen hatte legen lassen, oder aber im Garten, wo er einen Apparat geschickt im Rhododendron versteckt hatte. Als Annie vorhin Ben anrufen wollte, hatte er ihr erklärt, die Firma stecke in der Krise. David hatte mindestens alle zwei Wochen eine Krise zu bewältigen, aber die aktuelle Krise war immer die schlimmste. An eine Benutzung des Telefons war nicht zu denken. Jetzt stand ihr Vater vor dem Dielenspiegel, strich sich das Haar aus der Stirn und sprach in ernstem Ton in die Sprechmuschel. «Nein, nein, das ist inakzeptabel, Harold, absolut inakzeptabel. Schreib einen neuen Entwurf und melde dich wieder bei mir … nein, nicht heute Abend, heute rufen noch mindestens sechs andere Filialleiter an … Ja, genau, alter Junge, ruf morgen an. Jederzeit, aber unbedingt vor dreizehn Uhr dreißig … Nein, in jedem Fall vor dreizehn Uhr dreißig. Meine Tochter heiratet, und da muss ich dabei sein. … Gut so! Und übrigens, Harold, wie läuft es mit der Diät? Wie viel hast du abgenommen? … Nicht schlecht, Harold, aber du musst noch mindestens sechs Kilo abspecken. Ein dicker Manager ist ein unproduktiver Manager. … Genau! So ist es recht!»
Auch Josephines Mann, Clement, stand in der Diele und holte gerade mit leichtgerunzelter Stirn Champagnergläser aus dem Schrank. Als überzeugter Sozialist fühlte Clement sich genötigt, die autokratische Art und Weise zu missbilligen, mit der sein Schwiegervater seine Firma führte. Clement hatte einmal den Gedanken geäußert, dass seine Angestellten wohl weniger geneigt wären, einen Aufstand anzuzetteln, wenn er ihnen gegenüber eine weniger autoritäre Haltung an den Tag legen würde. David hatte diesen Vorschlag begeistert aufgenommen und sofort beschlossen, seinen Angestellten Firmenanteile anzubieten – unter der einzigen Bedingung, dass sie auf ihr Recht verzichteten, einer Gewerkschaft beizutreten. Zu Clement hatte er gesagt, er sei ein Genie. Danach hatte sich Clement der Aufgabe, seinen Schwiegervater zu bekehren, nicht mehr gewachsen gefühlt. Daher warf er Annie jetzt nur ein müdes Grinsen zu.
David legte den Hörer auf und lächelte seine Tochter an. «Hallo, Darling! Alles bereit für den großen Tag? Ich muss nur noch einen Anruf machen …»
Von oben drang Rosemarys Stimme außergewöhnlich entschlossen herunter: «David, untersteh dich, diesen Hörer noch einmal in die Hand zu nehmen! Deine Tochter heiratet morgen, und es ist Zeit, dass wir anstoßen.»
Lily, die mit einer Champagnerflasche in der Hand aus der Küche auftauchte, fasste ihren Vater am Arm. «Komm mit, Daddy», sagte sie entschieden, «darauf habe ich schon den ganzen Tag gewartet!»
Annie wurde zum besten Sessel geführt und von der ganzen Familie umringt, während Clement den Champagner einschenkte.
«David?» Rosemary sah ihren Mann erwartungsvoll an. «Willst du nicht einen Toast aussprechen?»
«Ach, ja! Natürlich!» David räusperte sich und blinzelte kurz – ein untrügliches Zeichen, dass er ernsthaft überlegte. «Nun, Annie», sagte er. «Wir sind alle hier, um auf dein zukünftiges Glück anzustoßen! Ich habe in Clement einen wunderbaren Schwiegersohn …», er hob sein Glas in Clements Richtung, woraufhin dieser nervös an seinem Bart zupfte, «… der mir in Sidney einen intelligenten Enkel geschenkt hat …»
«Den hat ihm auch Josephine geschenkt», murmelte Lily.
«Pst, Lily», flüsterte Rosemary.
«Und ich weiß», fuhr David fröhlich fort, «dass auch Ben ein wunderbarer Schwiegersohn sein wird.» Er hielt inne. «Wenn du erlaubst, Annie, würde ich dir gerne einen Rat geben …»
«Mach’s kurz», sagte Lily. «Ich würde meinen Champagner gern trinken, solange er noch prickelt.»
«Pst, Lily», wiederholte Rosemary.
«Nur einen kurzen Rat. Annie, manchmal hast du mich an jene Fischer erinnert, die nur aus Spaß an der Jagd fischen. Ich hatte den Eindruck, dass du schnell das Interesse an deinen Fängen verloren und sie halbtot wieder ins Wasser geworfen hast …»
«Annie hat niemanden halbtot zurückgelassen», protestierte Lily, «und sie war in ihrem ganzen Leben noch nie beim Angeln.»
«Das war eine Metapher», erklärte David, «und wenn ich mit meiner Analogie fortfahren darf, dann würde ich dir raten, Ben als einen Goldlachs zu betrachten. Halt ihn in Ehren, widersteh jedem Drang, ihn ins Wasser zurückzuwerfen, verwöhne ihn, wie ich deine Mutter verwöhnt habe …»
«Entschuldige», warf Josephine ein, «aber du hast Mum nie verwöhnt.»
«Das stimmt», räumte David ein. «Ich wünschte, es wäre anders. Aber ich habe sie immer geschätzt und sie mich …»
«David, wenn wir nicht bald unseren Champagner trinken, werden wir erst um Mitternacht essen», sagte Rosemary. «Kannst du bitte auf den Punkt kommen?»
«Also, Annie, was ich dir abschließend sagen möchte», fuhr David fort, «ist, dass …»
«Dass du versuchen solltest, dich nicht allzu schnell von Ben zu trennen», kam Lily ihm zu Hilfe, «und falls doch, dann kannst du ihn an mich weiterreichen.»
«Also, Annie», korrigierte David, «wir haben dich alle lieb und freuen uns, dass du deinen Mann liebst und von ihm geliebt wirst!» Er hob sein Glas. «Auf Annie und Ben!»
Annie blickte in die Runde. Sie schaute ihre geduldige und liebevolle Mutter an, ihren verrückten, phantastisch einzigartigen Vater, der einen zur Raserei bringen konnte, ihre sanftmütige, hoffnungslos idealistische große Schwester, ihren freundlichen Schwager und ihre schöne, nervige und nüchterne kleine Schwester. Sie hatte sie alle lieb. Sie liebte Ben. Sie war rundum glücklich.
Am nächsten Tag schritt Annie um ein Uhr vorsichtig die Treppe hinunter, Lily trug das Ende ihres Schleiers.
Rosemary, die in ihrem rosa Kostüm und mit ihrem neuen Hut in der Diele wartete, klatschte in die Hände. «Oh, Annie», hauchte sie, «du siehst so schön aus!»
Zum fünfzehnten Mal läutete an diesem Tag das Telefon. Davids Stimme drang aus dem Arbeitszimmer. «Hier David May.»
«Ich gebe David noch eine Minute», schimpfte Rosemary. «Dann ziehe ich den Stecker raus. Wir müssen bald los. Annie, lass ihn niemanden mehr anrufen, wenn wir gegangen sind, sonst werden wir ewig vor der Kirche warten müssen. Wie fühlst du dich, Liebes? Du hast kaum etwas zu Mittag gegessen …»
«Ich war zu aufgeregt», antwortete Annie. «Mir geht es gut. Mir geht es bestens!»
Josephine kam langsam die Treppe herunter und hielt Sidney an der Hand, der außergewöhnlich sauber war und in dem kleinen Matrosenanzug, den Rosemary ihm gekauft hatte, engelsgleich aussah. Ihnen folgte Clement, der in der einen Hand eine Tasche mit Spielzeug trug und mit der anderen an seiner Krawatte zupfte. Josephine lächelte Annie an. «Du siehst zauberhaft aus!», sagte sie. «Mir ist glatt zum Weinen zumute.»
«Niemand weint hier», warnte Rosemary, «sonst fange ich auch an, und ich will mir nicht noch einmal das Gesicht pudern. Ich gehe jetzt wirklich …» Sie hielt inne, als Davids Stimme laut aus dem Arbeitszimmer dröhnte.
«Das ist ja die HÖHE!», brüllte er. «Das ist einfach die HÖHE!» Einen Augenblick später kam er in die Diele gestürmt. Als er seine Familie erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen und strich sich mit beiden Händen die Haare aus der Stirn.
«Um Himmels willen, David», hob Rosemary an, stockte aber, als sie sein Gesicht sah. «David? David, ist mit dir alles in Ordnung?»
David runzelte die Stirn und holte tief Luft. Dann ging er auf Annie zu und ergriff ihre Hände. «Liebes», sagte er, «du musst jetzt ganz tapfer sein …»
Annie erstarrte vor Angst. «Ist etwas mit Ben?», hauchte sie. «Was ist Ben zugestoßen?»
«Die Sache ist die», antwortete David, «ich weiß nicht, was Ben zugestoßen ist. Keiner weiß, was mit Ben passiert ist. Seine Mutter war gerade am Telefon. Gestern Abend wollte er sich plötzlich mit einem Freund treffen und sagte, er wäre am Morgen wieder da. Er ist aber nicht nach Hause gekommen. Keine Ahnung, warum uns die Frau nicht früher angerufen hat. Jedenfalls hat er sich vor zehn Minuten bei ihr gemeldet und gesagt, dass er nicht zurückkommt. Er ist abgehauen. Er ist fort, wie vom Erdboden verschluckt, einfach verschwunden. Er ist ein Schuft und eine fiese Ratte, und ich hoffe, dass er wie dieser Sisyphus in der Hölle für immer und ewig Steine den Berg hinaufrollen muss. Annie, Liebes, es tut mir so leid. Der Mann ist ein Vollidiot, und du bist ein wirklich schönes Mädchen und viel zu gut für ihn.»
Es folgte ein langes, betretenes Schweigen. Keiner rührte sich. Alle waren wie versteinert. Dann räusperte sich Lily: «Nehmt es mir nicht übel», sagte sie, «aber muss Annie jetzt ihre Hochzeitsgeschenke wieder zurückgeben?»
BEN SEYMOUR FÜR ALLES, WAS ER MIR ANGETAN HAT.
Gott, weil er mir klargemacht hat, dass er nicht existiert, und, falls doch, weil er sich nicht um die Menschen kümmert.
Die drei Paare in Abbéville, die unentwegt in aller Öffentlichkeit herumgeknutscht haben.
Armand Duvalier, weil er zu mir gesagt hat, ich sei eine frigide, neurotische Engländerin. (Warum meinen Männer immer, Mädchen, die an ihnen nicht interessiert sind, seien frigide, während Mädchen davon ausgehen, dass Jungs, die kein Interesse an ihnen zeigen, allen Grund dafür haben?)
Der pickelige Mann auf der Fähre zurück nach England, der sich für so unglaublich witzig hielt, als er mir sagte, ich sollte versuchen zu lächeln, falls der Wind sich dreht.
Mein Tutor, der meine Lehrprobe vor der schlimmsten Klasse abnahm, mit der ich je zu tun hatte, und mir danach sagte, ich solle hin und wieder daran denken, dass das Unterrichten eigentlich Spaß machen sollte.
Angus Dredge, weil er davon ausging, dass ich mit ihm schlafen würde, nur weil er mich zum Essen eingeladen hat.
Lucy, weil sie ihrem Mann vor meinen Augen einen zweiminütigen Zungenkuss gegeben hat, obwohl er eine Dreiviertelstunde verspätet zu dem Abendessen kam, zu dem nur ich eingeladen war und das am Ende völlig verbrannt schmeckte.
Mr. Wyngarde, weil er der Meinung war, ich sollte keinen so kurzen Rock tragen, wenn ich Jungs unterrichte.
Tyler Jones, weil er mir vor Mr. Wyngarde nachgepfiffen hat.
Mrs. Abbott, weil sie mich bat, meine Leonard-Cohen-Platten nicht nach halb elf zu hören.
Jeremy Davies, weil er in betrunkenem Zustand beleidigend und aggressiv wird und glaubt, das sei nicht weiter schlimm, solange er sich dafür entschuldigt, wenn er wieder nüchtern ist.
Cousine Vanessa, weil sie mich gefragt hat, ob es mir was ausmache, die einzige unverheiratete von uns drei Schwestern zu sein.
Die Klasse 8F, weil sie unmöglich zu unterrichten ist.
Mrs. Forrest, weil sie mich gebeten hat, nach halb zehn keine Leonard-Cohen-Platten mehr zu hören.
Simon Francis, weil er mir nicht gesagt hat, dass er eine andere kennengelernt hat, und weil er glaubt, das würde mir etwas ausmachen.
Wendy Freeman, weil sie sich ein Kleid, das ich erst ein einziges Mal getragen hatte, von mir auslieh und Rotwein draufschüttete, es dann bei sechzig Grad gewaschen, mir kommentarlos zurückgegeben und das Malheur erst eingestanden hat, als sich herausstellte, dass besagtes Kleid nur noch einer unterernährten Bohnenstange passte.
Der Vater von Sam Crew, weil er mir am Elternabend mitteilte, wenn ich je Kinder bekommen sollte, würde ich verstehen, warum er es für nötig halte, seinen Sohn jeden Abend zwei Stunden zusätzlich Hausaufgaben machen zu lassen.
Die Mutter von Sally Williams, weil sie sich nicht die Mühe gemacht hat, am Schuljahresende zu der Theateraufführung zu kommen, bei der ihre Tochter alle vom Hocker riss.
Der Mann, der mir eine Stunde lang von seiner schweren Depression berichtete, die ihn beinahe in den Selbstmord treibe, und abschließend betonte, eine einzige weitere Enttäuschung würde das Fass zum Überlaufen bringen und ob ich übrigens nicht mit ihm schlafen wolle. Kurze Zeit später hörte ich, wie er einer anderen Frau von der schweren Depression erzählte, die ihn noch in den Selbstmord treibe.
Jessica Brown, weil sie sich im Lehrerzimmer den schwangeren Bauch massierte, während sie mir sagte, wie leid es ihr tue, dass Robbie mich verlassen habe.
Cherry White, weil ich Luft für sie war, seit ich an der Schule unterrichte, und sie plötzlich entdeckt hat, dass sie mich mag, weil sie meine Wohnung zu einem Spottpreis kaufen will.
Henry Bertram, weil er ein Trottel ist.
Sidneys Freund Robert, weil er Sidney seine erste Freundin ausgespannt hat.
Clement, weil er schwach, egoistisch und scheinheilig ist und sich mit seiner angeblich lammfrommen Freundin aus dem Staub macht, um Kinder in Afrika zu retten, während er seinen eigenen Sohn und seine Tochter in Herne Hill im Stich lässt.
Die beiden Frauen, die im entscheidenden Moment von The West Wing an meiner Tür klingelten und fragten, ob ich Gott in mein Haus einlassen wolle. (Als ich antwortete, das sei nicht der Fall, erklärten sie mir, ich käme in die Hölle, und als ich sagte, ich wolle gar nicht in einem Himmel bei einem Gott leben, der Leute wie mich einfach in die Hölle schickt, meinten sie, auch Gott sei darüber sehr traurig, also sagte ich, dann könnte er mich ja gleich in den Himmel lassen, und dann fiel mir The West Wing wieder ein, und ich fluchte so heftig, dass mich wohl definitiv die ewige Verdammnis erwartet.)
Xanthe Miller, weil sie mir bis zum Überdruss von den Zeugnissen ihrer Tochter erzählt hat und dann sagte, ich könne mich glücklich schätzen, dass ich keine Kinder habe.
Eintrag vom 12. April: Ich, weil ich absolut unfähig bin, Beziehungen zu beenden.
Alles in allem hatte es Annie bis auf zwei krasse Ausnahmen lieber, wenn mit ihr Schluss gemacht wurde. Echtes Selbstmitleid war ein wesentlich sanfteres Ruhekissen als die Schuldgefühle, die nach einer beendeten Beziehung lange Zeit wie Kaugummi an einem kleben.
Sie hatte genau geplant, wie sie ihm heute Abend den Laufpass geben wollte. Das Treffen auf einen Drink nach der Arbeit würde kurz und deshalb leicht zu meistern sein. Die Uhrzeit, halb sieben am Abend, war perfekt gewählt, weil Annie, wie Derek wusste, ab acht Uhr Schauspielunterricht zu geben hatte und somit jedem Risiko aus dem Weg ging, länger zu bleiben, sich vorzugaukeln, die Trennung sei ein aufregender neuer Lebensabschnitt, und einen ganzen Teller Pasta zu verschlingen. Der Treffpunkt, All Bar One, war besonders geschickt ausgesucht, da Derek von Unmengen hübscher junger Frauen Mitte zwanzig umgeben sein würde und ihm dämmern könnte, dass er ohne eine Frau, die in drei Jahren vierzig wurde, letztendlich besser dran war.
Sie kam um sechs Uhr neunundzwanzig und entdeckte Derek sofort. Er saß an einem Ecktisch, auf dem zwei Gläser Weißwein und eine Schale Chips standen, und checkte gerade sein Handy. Wie immer war er gutgekleidet, er trug einen grauen Anzug, ein hellblaues Hemd und eine violette Krawatte. Er hatte genau die Kopfform, zu der ein kurzer Haarschnitt perfekt passte. Als Annie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war er ihr wie ein römischer Feldherr vorgekommen, wie ein sensibler Feldherr mit Machogehabe wie Russel Crowe in Gladiator, nicht etwa wie ein gruseliger, verrückter römischer Feldherr wie Laurence Olivier in Spartakus.
Am Tisch nebenan saßen zwei attraktive Frauen, beide blond, beide makellos gepflegt, die miteinander plauderten und lachten. Immer wieder warfen sie den Kopf in den Nacken und schauten zu Derek hinüber, der gezwungen war, ihre Blicke zu erwidern. Annie wusste Bescheid. Einen Augenblick lang zweifelte sie: Wollte sie einem eins achtzig großen Adonis tatsächlich Lebewohl sagen? Dann schaute er zur Tür. Sein Blick hellte sich auf, als er sie bemerkte. Annie straffte die Schultern und ging auf ihn zu.
«Derek!», sagte sie. «Egal, wie früh ich komme, du bist immer vor mir da!»
Er stand auf und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. «Ich lasse eine Dame nicht gerne warten», antwortete er. «Ich habe dir einen Pinot Grigio bestellt. Ist das in Ordnung?»
«Bestens!» Annie nahm Platz. Er war so aufmerksam. Ein echter Gentleman. Und sie war eine so dumme Gans. Sie nahm einen Schluck und murmelte: «Wunderbar», dann riss sie sich am Riemen. «Der Wein schmeckt wunderbar.»
Derek beugte sich vor. «Schön, dass du dich mit mir treffen wolltest», sagte er. «Ich möchte mit dir über meine Mutter reden. In drei Wochen feiert sie ihren siebzigsten Geburtstag, und es wird übers ganze Wochenende ein großes Familienfest stattfinden. Meine Mutter würde sich freuen, wenn du kommst. Ist das in Ordnung?»
Oh, mein Gott. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sie musste es gleich, sie musste es sofort hinter sich bringen, bevor der Mut sie verließ. «Derek, die Sache ist die …» Sie zögerte einen Augenblick, dann zwang sie sich, ihm direkt in die freundlichen, erwartungsvollen Augen zu blicken, und fuhr fort: «Ich wollte dich heute Abend treffen, weil ich den Eindruck hatte … weil ich den Eindruck hatte … nun, was ich meine, ist, dass wir in den letzten Monaten eine wirklich schöne Zeit hatten. Ich habe das Zusammensein mit dir sehr genossen, und ich bin überzeugt … absolut überzeugt … dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um Schluss zu machen, bevor die Sache schiefgeht, solange noch alles in Ordnung ist, bevor wir anfangen, aneinander herumzunörgeln, und uns gegenseitig auf die Nerven gehen, denn das wäre wirklich schlimm, weil wir doch so gute Freunde sind, falls du verstehst, was ich meine. Ich denke, es ist viel besser, wenn wir uns trennen, solange wir noch so gute Freunde sind, weil wir dann gute Freunde bleiben können, denn ich will wirklich, dass wir das bleiben. Das Problem ist …»
«Warte mal, bitte.» Jetzt saß Derek stocksteif da, und seine Gesichtshaut war fahl, während Annie rot angelaufen war. Annie sah in seinem Blick, wie verletzt und verwirrt er war. Sie spürte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte.
Derek verschränkte die Finger und starrte sie an. «Versuchst du mir gerade klarzumachen, dass du mich nicht mehr sehen willst?»
«Es ist nicht so, dass ich dich nicht mehr sehen will, sondern …»
«Annie, wärst du bitte so freundlich, mir gegenüber ehrlich zu sein? Willst du mir damit sagen, dass du mich nicht mehr sehen möchtest?»
Annie biss sich verzweifelt auf die Lippe. «Ja», murmelte sie. «So, wie du es meinst. Nicht, wie ich es meine. Falls du verstehst, was ich meine.» Einfach schrecklich, wie sie die Sache handhabte. Selbst in ihren Ohren klangen ihre Ausflüchte und Vorwände erbärmlich und schwach und schlichtweg verlogen. Sie hätte tief Luft holen und ihm die simple, ungeschminkte, reine, einfache und ehrliche Wahrheit sagen sollen:
Derek, erinnerst du dich, dass du vor zwei Wochen zum Essen zu mir gekommen bist, dass wir beide einen anstrengenden Arbeitstag hinter uns hatten und dass wir nach dem Essen den Fernseher eingeschaltet und uns Eine Hochzeit zum Verlieben angeschaut haben? Und erinnerst du dich an das Ende des Films, wo Adam Sandler Drew Barrymore dieses wirklich schmalzige Lied vorsingt, dass er mit ihr alt werden will? Nun, ich habe dich angeschaut und dachte, mir würde übel werden, doch du hast meine Hand genommen und hattest das gleiche schmachtende Lächeln wie Adam Sandler auf den Lippen, und ich dachte mir, oh, mein Gott, aus Derek ist eine wuchernde, gefährliche Schlingpflanze geworden. Ade, Spaß und aufregender Sex, hallo, ernster, bedeutungsvoller Sex. Vorbei die Zeit, als meine Wohnung noch mein sicherer Zufluchtsort war, weil Derek jetzt erwartet, mich jeden Abend zu sehen, und mit mir darüber reden will, ob wir nicht zusammenziehen wollen. Und, Derek, es tut mir wirklich leid, dass ich mich mit dir, wäre aus dir keine gefährlich wuchernde Schlingpflanze geworden, endlos weiter verabredet hätte, weil du lustig, attraktiv und interessant bist, aber jetzt, da aus dir so eine wuchernde gefährliche Schlingpflanze geworden ist, hast du das alles kaputt gemacht, weil ich dich nicht jeden Abend sehen will, Derek, ich will niemanden jeden Abend sehen, und ich will weder meine Küche noch mein Bad oder mein Schlafzimmer mit jemandem teilen, und ich weiß, dass es egoistisch klingt, aber das liegt daran, dass ich egoistisch bin, Derek, ich weiß, ich bin selbstsüchtig, und, ehrlich gesagt, ich habe gar keine Lust, nicht mehr egoistisch zu sein.
Das hätte sie sagen sollen.
«Machst du dir wegen der Zeit Sorgen?», fragte Derek unvermittelt.
«Was?» Automatisch warf Annie einen Blick auf ihre Uhr. «Nein, sei unbesorgt. Die neue Schülerin kommt erst gegen acht.»
«Nein, ich meine, ob du dir wegen der Zeit Sorgen machst, deiner biologischen Dingsbums. Willst du Kinder haben? Ich meine, wenn es das ist, was du willst …»
«Um Himmels willen, nein!» Annie schüttelte entschieden den Kopf. «Meine biologische Dingsbums belässt es gern bei meiner Nichte und meinen Neffen. Darum geht es nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin in diesen Dingen nicht gut. Ich meine, ich will niemandem verpflichtet sein, weder Kindern noch Liebhabern. Ich bin mit mir ganz zufrieden, mir gefällt meine Wohnung, ich mag meine Unabhängigkeit. Du und ich … Zwischen uns ist es allmählich ernst geworden, und ich will nicht, dass es ernst wird. Hätte ich etwas Ernstes im Sinn, wärst du genau der Richtige, weil du nett bist und freundlich und attraktiv …»
«Hast du eine Vorstellung, wie herablassend du dich anhörst?»
«Tut mir leid.» Annie biss sich auf die Lippe. «Das wollte ich nicht. Ich dachte, ich sage dir besser die Wahrheit.»
«Du hast einen anderen kennengelernt? Ist es das?»
«Natürlich nicht! Ich bin nur an der Sache mit der Liebe nicht interessiert. Sich zu verlieben ist … ist dumm, finde ich.»
«Dumm?» Derek stieß ein Lachen aus, dem jegliche Heiterkeit fehlte. Die beiden Frauen am Nachbartisch verhehlten nicht mehr, dass sie mithörten.
«Dumm?», wiederholte Derek. «Warst du je richtig verliebt?»
«Ja. Ich mochte das nicht. Es ist … es ist dumm.»
Derek hob die Hände, dann ließ er sie auf den Tisch fallen. «Du solltest zu einem Psychiater gehen. Du bist ja völlig durchgeknallt.»
«Da hast du wahrscheinlich recht.»
«Ich kapiere gar nichts mehr. Es ist zwischen uns doch so gut gelaufen. Wir haben großartigen Sex … War der Sex nicht großartig?»
«Wir hatten wirklich großartigen Sex», pflichtete ihm Annie ernst bei.
«Wir haben gemeinsame Interessen, wir kommen mit den Freunden des anderen aus, und jetzt willst du Schluss machen, weil es zu ernst werden könnte? Genau das passiert, wenn eine Beziehung funktioniert, Annie, sie wird ernst. Die Dinge verändern sich, werden besser oder schlechter, aber es gibt keinen Stillstand. Und jetzt sagst du mir, dass du lieber in deine einsame kleine Wohnung zurückgehst und jeden Abend für dich allein kochst? Das kaufe ich dir nicht ab. Nein, ich nehme es dir einfach nicht ab. Sorry.»
Wieder folgte langes Schweigen. Annie nahm sich von den Chips, bereute es aber gleich, weil man Chips unmöglich geräuschlos essen kann. «Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll», murmelte sie. «Nur, dass ich hoffe, wir können Freunde bleiben.»
«Tut mir leid, Annie, wir können keine Freunde sein. Meine Freunde sind Leute, die ich achte und verstehe, und dich verstehe ich nicht, und achten kann ich dich schon gar nicht. Ich glaube, du bist verrückt, durchgeknallt, emotional unterentwickelt, und ehrlich gesagt», er schob seinen Stuhl zurück und stand auf, «habe ich wirklich keinerlei Interesse daran, dich noch einmal wiederzusehen.»
Annie sah ihm nach, als er das Lokal verließ und auf die Straße hinausging. Es war gut, dass er wütend war. Die Erinnerung an einen wütenden Derek war leichter zu verkraften als die an einen traurigen Derek. Mit ein bisschen Glück würde er sich bald selbst davon überzeugen, dass er gerade noch rechtzeitig entkommen war. Sie verspürte einen leichten Anflug von Verärgerung und stürzte sich begierig darauf. Denn eigentlich hatte Derek gemeint, jede Frau, die lieber allein als mit ihm zusammen war, müsse verrückt sein. In diesem Fall war sie ganz gern verrückt.
Die beiden Frauen am Nachbartisch tuschelten und kicherten. Annie wusste, dass sie sich über sie unterhielten. Wahrscheinlich fragten sie sich, was, zum Teufel, ein Bild von einem Mann wie Derek überhaupt mit jemandem wie ihr zu schaffen hatte. Na schön. Es war ihr egal. Das waren typische Schickimicki-Frauen aus Bath, die durch lukrative Scheidungen zu Geld gekommen waren, der guten Schulen wegen in Bath wohnten und ständig auf der Suche nach dem nächsten reichen Ehemann waren. Falls sie Derek wieder über den Weg laufen sollten, würden sie ihn wie Piranhas umkreisen. Annie trank ihren Wein aus und stand auf. Als sie hinausging, warf ihr eine der Frauen ein zuckersüßes und eindeutig mitleidiges Lächeln zu. Annie fühlte sich gleich noch elender. Es ging fast zu weit, dass blonde, schöne und gutgekleidete Frauen auch noch nette Menschen waren. Ihr Ärger schwoll gewaltig an, und da er natürlich keine Zielscheibe fand, wandte er sich gegen sie selbst.
Den Heimweg legte sie mit schnellen und wütenden Schritten zurück, den Blick fest auf das Pflaster gerichtet. In den sieben Jahren in Bath hatte sie sich stets an den großzügigen Proportionen der Great Pulteney Street und den großartigen georgianischen Reihenhäusern erfreut. Heute bemerkte sie sie gar nicht. Sie hatte die Sache mit Derek äußerst ungeschickt angepackt. Lange vor Eine Hochzeit zum Verlieben hatte es Anzeichen dafür gegeben, dass Derek und sie völlig unterschiedliche Erwartungen hatten. Schon an Silvester hatte er vorgeschlagen, dass sie im Sommer gemeinsam in Urlaub fuhren, und er hatte mehr als einmal gesagt, er würde sie gerne seiner Familie vorstellen. Sie hätte es erkennen, sie hätte es sehen müssen – mein Gott, was war sie dumm gewesen!
Sie schaute gerade noch rechtzeitig auf, um die amüsierten Blicke einer Gruppe weiblicher Teenager zu bemerken, die ihr entgegenkam. Sie hatte gerade leise Selbstgespräche geführt. Klasse! Schon wurde sie zu einer schrulligen Alten. Sie war zu alt, um ein solches Trauma zu verkraften. In Zukunft würde sie von vornherein Grundregeln aufstellen und absolut klarmachen, dass sie nur an lockeren Beziehungen interessiert war. Ersatzweise konnte sie sich natürlich auch mit einem enthaltsamen Lebenswandel begnügen. Angesichts des Mangels an attraktiven Männern mittleren Alters in Bath und der Unmenge an hinreißenden Frauen würde ihr genau genommen wahrscheinlich gar nichts anderes übrigbleiben, als sich mit Enthaltsamkeit abzufinden. Vielleicht sollte sie stattdessen mit dem Joggen anfangen.
Sie überquerte die Straße, schloss die Haustür auf und stieg die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Kaum hatte sie die Tür hinter sich zugemacht, warf sie ihre Handtasche auf den Boden und ließ sich auf das Sofa fallen. Sie kickte sich die Schuhe von den Füßen, wackelte mit den Zehen und streckte Beine und Arme aus. Es war gut, wieder zu Hause zu sein.
Als sie die Wohnung zum ersten Mal gesehen hatte, wusste sie gleich, dass sie sie haben wollte. Zur zweiten Besichtigung hatte Lily sie begleitet, und Annie hatte auf die hohen Decken, die großen Schiebefenster, die die Räume mit Licht durchfluteten, und auf die wunderschönen Flügeltüren hingewiesen, die das Schlafzimmer vom Wohn- und Essbereich trennten. Lily hatte hervorgehoben, dass die Küche und das Bad winzig, die Teppiche fleckig und abgetreten seien und die Tapete aussehe, als leide sie an einer Hautkrankheit. Das alles hatte Annie nichts ausgemacht. Noch am gleichen Tag hatte sie ein Gebot abgegeben.
Nach dem Einzug hatte sie sich sofort an die Arbeit gemacht. Sie hatte die Tapeten abgelöst, die Teppiche herausgerissen und jeden Quadratzentimeter der Wohnung geschrubbt und von offenbar jahrhundertealtem Schmutz und Staub befreit. Sie strich die Wände in einem zarten Gelb und lackierte die Holzflächen weiß. Die Böden schliff sie ab und versiegelte sie, und die grellen Lampen ersetzte sie durch gedämpftes Licht. Die beiden großen Luxusausgaben, die sie sich leistete, waren zum einen ihr riesiges Doppelbett und außerdem das lange cremefarbene Sofa. Die Flügeltüren ließ sie immer offen stehen, damit sie beide Möbelstücke sehen und das Licht durch die zwei Fenster hereinfallen konnte. Wenn sie, so wie jetzt, auf ihrem Sofa saß, sah sie links die Bäume von Henrietta Park und rechts die honigfarbenen georgianischen Reihenhäuser auf der anderen Straßenseite.
Sie lehnte sich zurück in die Kissen und wartete, dass der Friede ihres Zuhauses seine Wunderwirkung vollbrachte. Derek würde schon drüber hinwegkommen. Er würde bald eine andere finden. Und als sie darüber nachdachte, fand sie es ziemlich mies, dass er sie als emotional unterentwickelt bezeichnet hatte, nur weil sie sich nicht in ihn verlieben konnte. Okay, er hatte das Recht, wütend zu sein, aber nicht so wütend. Sie seufzte. Jetzt hatte sie keine Zeit, sich mit ihm zu befassen. Sie stand auf, ging in die Küche, bereitete sich einen Toast zu und schenkte sich ein Glas Wasser ein, um den Folgen des hastig hinuntergespülten Pinot Grigio entgegenzuwirken. Bald würde ihre neue Schülerin kommen.
Vor ein paar Jahren hatte Annie angefangen, privaten Schauspielunterricht zu geben, um ihre riesige Hypothek abzubezahlen. Was sie dabei verdiente, war zwar lächerlich, aber sie hatte bald herausgefunden, dass das Geld nur zweitrangig war. Sie liebte die Intimität der Einzelstunden. Nach einem hektischen Tag in der Schule, wo sie Klassen mit über dreißig Schülern unterrichtete, war es eine Freude, vierzig Minuten mit nur einem hochmotivierten Schüler zu verbringen. Und es bestand ja immer die verlockende Chance, dass sie vielleicht die zukünftige Meryl Streep entdeckte.
Punkt acht Uhr läutete es an der Tür. Annie nahm den Hörer der Gegensprechanlage ab und sagte: «Komme sofort!» Dann ging sie hinunter, um die Haustür zu öffnen.
Ein junges Mädchen stand auf der Schwelle. Sie hielt die Enden ihrer Ärmel in den Fingern, und ihr rechter Fuß wippte nervös auf und ab. Zwei Vorhänge aus dunklem Haar verdeckten den größten Teil ihres Gesichts. «Miss May?», fragte sie.
«Ja, das bin ich!» Annie lächelte. «Nenn mich Annie. Du musst Bella Partridge sein! Es tut mir leid, dass du warten musstest. Ich habe eine Taste, mit der sich die Haustür angeblich öffnen lässt, aber die hat nie funktioniert! Komm mit nach oben!»
Das Mädchen nickte nervös. «Ich hoffe, ich komme nicht zu früh.»
«Genau pünktlich!», sagte Annie fröhlich. Sie hatte ein selbstsichereres Mädchen erwartet. Bella hatte selbst angerufen, um die Stunde zu vereinbaren, und gesagt, sie sei eine Freundin von Abby. Sie hatte entschlossen und konzentriert geklungen. Annie war davon ausgegangen, dass sie wie Abby wäre, die ein beängstigend selbstsicherer und redegewandter Teenager mit äußerst kurzem Rock war, für den sie aber immerhin auch die entsprechenden Beine hatte. Dieses Mädchen hier war ganz anders. Abgesehen von der Tatsache, dass sie eine Trainingshose und ein übergroßes Sweatshirt anhatte, sah sie auch ansonsten aus, als würde sie jeden Augenblick davonrennen.
Annie führte sie in ihre Wohnung und ließ sie auf dem Sofa Platz nehmen. «Kommst du von außerhalb, oder wohnst du in Bath?»
«Ich wohne oben in Lansdown. Ich bin zu Fuß hierhergelaufen.»
«Tüchtig, tüchtig!» Annie setzte sich und warf Bella einen aufmunternden Blick zu. «Ich gehe davon aus, dass Abby dir gesagt hat, was wir hier so machen. Sie bereitet sich gerade auf ihre Prüfung an der London Academy of Music and Dramatic Art vor. Und dann findet ja das Mid-Somerset-Festival statt. Ich habe ein paar Schüler, die sich beim National Youth Theatre bewerben wollen. Hast du irgendwelche speziellen Pläne?»
Das Mädchen saß unsicher auf der Sofakante. Sie erinnerte Annie an einen verängstigten Vogel. Wieder hatte sie ihre Ärmel über die Hände gezogen und zwirbelte die Enden zusammen. «Na ja», sagte sie leise, «wahrscheinlich werden Sie mich für dumm halten …»
«Das tue ich bestimmt nicht», versprach Annie.
Bella drehte sich eine Locke um den Zeigefinger und stierte auf ihre abgewetzte graue Trainingshose. «Ich möchte Schauspielerin werden!» Sie sah kurz mit unruhigen Augen zu Annie auf. «Ich weiß, es ist dumm. Meine Schauspiellehrerin hält mich für schlecht, immer kriegen Abby und Martha bei den Schulaufführungen die Hauptrollen. Ich weiß, dass ich nicht hübsch bin und meine Stimme nicht gut ist, und ich habe keine Ahnung, was ich mit meinen Händen anstellen soll, und ich bin zu klein und …»
«Warte mal», fiel ihr Annie ins Wort. «Stopp, hör auf!» Sie verschränkte die Arme und seufzte. «Du hast mir mehr oder weniger gesagt, dass du nicht attraktiv bist und nicht schauspielern kannst. Was in aller Welt hast du dann hier verloren?»
Das Mädchen blinzelte verlegen. «Ich weiß nicht», flüsterte sie.
«Ich auch nicht», sagte Annie. «Denn wenn du kein Vertrauen in dich hast, warum sollte dann sonst jemand welches in dich setzen? Du musst zumindest so tun, als wärst du selbstsicher. Deshalb sage ich dir was, Bella Partridge, du gibst jetzt die Vorstellung deines Lebens. Ich möchte, dass du so tust, als wäre ich eine unnachgiebige alte Ziege. Ich weiß, das ist schwer vorstellbar …» Sie wartete ab, ob Bella lachte oder zumindest lächelte, aber Bella nickte nur ernst, was bedeutete, dass sie entweder keinen Humor hatte oder der Meinung war, Annie sei tatsächlich eine unnachgiebige alte Ziege. «Mach mir klar, warum ich, die einflussreichste Agentin der Welt, dich engagieren sollte. Du spielst die Rolle einer Bella Partridge, die zweifellos, ganz ohne Frage, alles hat, um ein Star zu werden. Fang an, wenn du so weit bist!»
Bella saß schweigend da, ein Bild des Jammers. So würde das nicht funktionieren. Insgeheim verfluchte sich Annie. Sie hatte die Sache falsch angepackt. Zuerst mit Derek, jetzt mit diesem armen, unschuldigen Teenager. Na bravo, Annie!
Plötzlich krempelte das Mädchen die Ärmel hoch, richtete sich kerzengerade auf und sah Annie direkt ins Gesicht. Sie schob sich die Haare hinter die Ohren, und zum Vorschein kam ein ovales Gesicht mit großen braunen Augen. «Mein Name ist Bella Partridge», sagte sie. «Ich bin siebzehn Jahre alt und möchte Schauspielerin werden. Ich will eine große Schauspielerin werden. Ich bin gut. Ich bin sehr, sehr gut. Ich habe ein Gesicht, das man nicht vergisst. Ich habe dunkle Haare und dunkle Augenbrauen, die auf Fotos ins Auge springen. Ich bin klein, aber es ist gut, klein zu sein, weil all die anderen kleinen Schauspieler neben mir nicht wie Zwerge aussehen. Es gibt Unmengen von hübschen, großen, dünnen, blonden Mädchen, aber es gibt nicht viele Leute, die aussehen wie ich und die schauspielern wie ich, denn ich kann spielen. Ich kann es wirklich!» Jetzt glänzten ihre Augen, und sie reckte das Kinn furchtlos und aufmüpfig. Annie hatte große Lust, ihr zuzujubeln.
«Bella», sagte sie, «du warst phantastisch! Ich würde dich auf der Stelle engagieren.»
«Wirklich?» Bellas Mund zuckte ein wenig. Es war beinahe ein Lächeln.
«Ja, und nur zu deiner Information, ich habe noch nie solchen Unsinn gehört wie den, dass du hässlich bist. Lektion Nummer eins: Du bist nicht hässlich. Du bist auch keine Schönheit. Das sind Judi Dench und Kate Winslet auch nicht, aber sie spielen so gut, dass sie einen, wenn sie schön aussehen wollen, glauben machen, sie seien schön. Denk nur an Dame Edith Evans oder an Wendy Hiller …»
«Wer ist das?», fragte Bella.
«Sie sind schon gestorben», antwortete Annie, «aber vor ihrem Tod waren sie phantastische Schauspielerinnen, die nicht annähernd so hübsch waren wie du … Wenn du ein Star in einer billigen Vorabendserie oder im jüngsten Teenagerfilm werden willst, dann könntest du ein Problem bekommen, weil du, wie du ganz richtig hervorgehoben hast, nicht wie die fünf Millionen anderen Teenager aussiehst, die allesamt hübsch und nichtssagend und berechenbar aussehen. Wenn du wirklich Karriere machen willst und das Talent dazu hast, dann könntest du eine Chance haben.»
Bella drehte den schmalen Kupferring, den sie am kleinen Finger der linken Hand trug. «Ich will Karriere machen», sagte sie bedächtig, «aber Miss May …»
«Annie. Nenn mich Annie. Und das ist Lektion Nummer zwei: Von tausend Leuten, die sich für die Schauspielerei entscheiden, hat vielleicht einer so etwas wie Erfolg. Die Statistiken sind niederschmetternd, und man muss sich eine Elefantenhaut zulegen, um die vielen Absagen zu verkraften. Das Leben wird die Hölle sein. Ende der Lektion. Jetzt lass uns erst einmal sehen, wie wir die ersten Hürden überwinden. Kennst du Oleanna?»
«Ich bin mir nicht sicher …»
«Macht nichts. Du brauchst bloß zu wissen, dass Oleanna zu ihrem Tutor gegangen ist, weil er ihr für ihren Aufsatz eine schlechte Note gegeben hat und sie herausfinden wollte, woran das lag. Sie ist nicht sonderlich schlau und sie ist sehr unsicher, aber sie ist zugleich sehr dickköpfig – eine ziemlich beängstigende Kombination. Lies diese Seite durch, dann schauen wir, was du daraus machen kannst.»
Bella beugte sich eifrig über das Skript. Annie lehnte sich zurück. Wie immer, wenn sie es mit einem vielversprechenden Schüler zu tun hatte, spürte sie einen Adrenalinstoß. Einen Augenblick hatte sie Dereks Gesicht vor Augen, verletzt, verdutzt und wütend, dann blinzelte sie und schaute zum Fenster hinaus. Bella räusperte sich, und Annie wandte sich um und wartete auf ihren Einsatz.
Wahrscheinlich war es keine gute Idee, sich das grauenvolle Drama zweier Flüchtlinge aus Afghanistan anzuschauen, die versuchen, von Pakistan nach England zu gelangen. Sendungen über arme Menschen erfüllten Annie immer mit Schuldgefühlen, weil sie nicht mehr für wohltätige Zwecke spendete, und mit Gewissensbissen, weil sie sich mit ihren eigenen, weit banaleren Problemen beschäftigte und sich das auch in Zukunft nicht ändern würde.
Wäre sie vernünftig gewesen, dann hätte sie sich direkt nach ihrer Stunde mit Bella Partridge ins Bett gelegt. Die Unterrichtsstunde hatte die Niedergeschlagenheit, die sie wegen Derek spürte, abgebaut beziehungsweise gemindert. Sie mochte Bella. Das Mädchen nahm sich zwar viel zu ernst und war noch mehr mit sich selbst beschäftigt als die meisten anderen Mädchen ihres Alters, aber sie war ehrlich und entschlossen und eindeutig talentiert. Man sollte ihr Selbstvertrauen aufbauen und ihre weitere Entwicklung beobachten.
Annie hatte gerade mit dem Zähneputzen angefangen, als das Telefon läutete. Schnell spülte sie sich den Mund aus und rannte ins Schlafzimmer.
«Du hast doch noch nicht geschlafen, oder?» Es war Lily. Selbstverständlich war es Lily. Wer würde sie sonst um zehn vor elf noch anrufen? Nur Lily erledigte ihre Anrufe kurz vor dem Schlafengehen.
«Nein», antwortete Annie und fügte spitz hinzu: «Ich war gerade beim Zähneputzen.»
«Ich hab mit Josephine geredet», sagte Lily. «Ich habe ihr erklärt, dass wir beide sehr enttäuscht sind, weil wir nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen wurden …»
«Ich war nicht enttäuscht», protestierte Annie. «Schon beim ersten Mal wollte sie kein großes Fest. Und ich bin froh, dass sie sich bei der zweiten Hochzeit nicht von allen hat hineinreden lassen.»
«Ich habe ihr jedenfalls gesagt, dass sie Mark zumindest mal mitbringen soll, weil wir ihr das ansonsten niemals verzeihen …»
«Was meinst du mit ‹wir›?» Eine Unterhaltung mit Lily war, als versuche man eine telefonische Zeitansage anzuhalten.
«Schließlich haben wir ihn erst ein paarmal gesehen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass sie uns Ende Mai, am letzten Wochenende des Monats, besuchen kommen. Du kannst doch auch übers Wochenende bleiben, oder?»
«Ich denke schon, da fangen gerade die Ferien an …»
«Gut, dann musst du am Sonntag nicht gleich zurück. Ich rufe jetzt Josephine an und bestätige es ihr. Kommst du dann am Samstag zum Mittagessen? Ich möchte, dass du am Nachmittag einen Blick auf Lukes Geschichte wirfst. In der Schule findet ein Schreibwettbewerb statt, und er hat eine sehr nette Kurzgeschichte über einen Drachen geschrieben. Das Problem ist, dass er an manchen Stellen über das Ziel hinausgeschossen ist: Sein Drache furzt ständig, und der Tod des Bösewichts wird unglaublich blutrünstig geschildert. In drei Absätzen beschreibt er, wie zuckende Eingeweide im Boden versickern, und ich glaube nicht, dass Eingeweide versickern, du etwa? Auf mich will er selbstverständlich nicht hören, deshalb brauche ich dich, damit du ihn überzeugst, die Sache ein bisschen abzuschwächen. Sonst denkt seine Lehrerin noch, er hätte sich Reservoir Dogs oder Ähnliches angeschaut. Ach, und übrigens, warum bringst du Derek nicht mit? Wir würden ihn so gerne kennenlernen …»
«Das könnte schwierig sein», antwortete Annie. «Ich habe vor ein paar Stunden mit ihm Schluss gemacht.»
«Ach, Annie, wie konntest du nur? Was ist nur mit dir los? Du kannst es dir nicht leisten, Männer wie Derek in die Wüste zu schicken …»
«Du kennst Derek doch gar nicht!»
«Ich sage es nur ungern, Annie, aber du bist allmählich in einem Alter, in dem gute und ungebundene Männer dünngesät sind. Du hattest zwei Jahre keinen Freund, bis du Derek kennengelernt hast …»
«Ein Jahr, es war ein Jahr …»
«Und jetzt hast du dich von Derek getrennt, bevor wir die Chance hatten, ihn kennenzulernen. Warum? Willst du für den Rest deines Lebens allein sein? Das kaufe ich dir nämlich nicht ab. Ich weiß, dass du nicht gerne über die Vergangenheit redest, und ich habe das immer respektiert, aber ich muss sagen …»
«Lily», fiel ihr Annie ins Wort, «ich muss Schluss machen. Mein Handy klingelt. Nimm es mir nicht übel.» Sie knallte das Telefon auf die Station und kehrte ins Bad zurück, wo sie ihrem Ärger an ihrer Gesichtshaut freien Lauf ließ, indem sie mit so viel Schwung Reinigungsmilch und dann Toning-Lotion einmassierte, dass sie bald wie eine Tomate aussah. Zum zweiten Mal nahm sie die Zahnbürste zur Hand, wurde jedoch gleich wieder vom Telefon unterbrochen.
