Annis gestohlenes Kindheitsglück - Anni Margot Skorupa - E-Book

Annis gestohlenes Kindheitsglück E-Book

Anni Margot Skorupa

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Beschreibung

Zwei Zeitzeuginnen melden sich zu Wort: Das Kriegskind Margot Skorupa und das Nachkriegskind Dr. Ingrid Stockmann. Sie sind Mutter und Tochter. Margots Eltern waren Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime, die Mutter als Zivilistin und der Vater als Parteikader. Obwohl in der ehemaligen DDR im Gegensatz zur BRD der "linke Widerstand" sehr angesehen war und ihre Eltern durch Erschießen getötet wurden, also für den Frieden ihr Leben ließen, zeigten die Parteigenossen kein Interesse an ihrer Würdigung. Margot war eines der sechs Kriegsvollwaisen, welche kurz vor Kriegsende ihres Vaters und ihrer Mutter beraubt wurden. Das jüngste Geschwister war erst sieben und Margot 16 Jahre alt. Die Autorin beschreibt ihre Kindheit bis zum Abschluss der Volksschule und spannt dann einen Bogen zu ihrem weiteren Leben. Sie leistete u. a. seelischen Widerstand gegen die subtile Unterdrückung in der DDR als angebliche Dissidentin. Dabei wollte sie lediglich aus dem Grund nicht politisch sein, weil Politik nur Unglück über ihre Familie gebracht hatte. Der verfassungsrechtlich verankerten "Pflicht zur Arbeit" kam sie nicht nach, weil sie die Pflege ihrer seit dem vierten Lebensjahr psychisch behinderten ersten Tochter selbst übernehmen wollte. Sie wurde verdächtigt, sich durch die zahlreiche Westverwandtschaft, worunter auch DDR-Flüchtlinge waren, politisch negativ beeinflussen zu lassen. Die Überwachung betraf ihre gesamte, selbst gegründete Familie und insbesondere ihre Tochter Ingrid, welche ihrer Mutter am Sterbebett die Zuversicht gab, ihr Manuskript herauszubringen und ihre Eltern zu würdigen. Dr. Ingrid Stockmann ergänzt die Ausführungen durch eigene Erinnerungen sowie Erfahrungen und führt diese weiter. Sie beschreibt das Familienschicksal in dem dazugehörigen zeitgeschichtlichen Rahmen und lässt auch einige analytische Kenntnisse mit einfließen.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2022

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In Bewunderung für den Lebensmut von Anni Margot

Gier wird zum Verzerr-Spiegel für die Realität. Zeit füreinander ist Lebenselixier. (Dr. Ingrid U. Stockmann)

Inhaltsverzeichnis

Der Wundertrank

Vorwort

Meine Schwestern Lilo-Fee und Irmela

Das dritte Mädchen

Kein Knabe

Lilo-Fee

Meine ersten Erinnerungen

Bettzeug im Tante-Emma-Laden

Meine liebe schöne Mutter

Lilos neue Mutterrolle

Eine Last für Lilo und Irmela

Schrecken, Leid und Glück

Das Jahr 1930

Einsamkeit

Nachbarfamilien

Familienglück

Ein wunderschöner Maitag

Nun mit Brüderchen Otto

Goldene Kindheit! Holde Jugendzeit?

Das Jahr 1933

Als Ernstchen kam

Meine Erfahrungen als junges Schulkind

Schwere Zeit für uns Fünf und unsere Mama

Meine Kindheit mit unserem dritten Bruder

Meine angeschlagene Gesundheit

Umzug nach Premnitz

Frühlingserwachen

Antworten auf Fragen meines jüngsten Enkels

Erinnerungen an meine Mutter

Welche Erinnerungen ich an meinen Vater habe?

Wie meine Mutter und mein Vater als Eltern waren

Einige Gedichte über meine Kindheit und Eltern

Das deutsche Mädchen

Sonderbarer Laden

Riemenpeitsche mit Bleikugeln

Mutter schrie

Anni

Meine Kunsterziehung

Der Traum.

Goethe übertroffen

Nachwort

Anhang 1

Ausführungen über das Leben der Autorin und ihrer Familie

Über die letzten Aufzeichnungen der kranken Autorin

Von 1928 bis zum Schulabschluss 1942

Wie ging es nach dem Schulabschluss 1942 weiter?

Margot in Halle (Saale)

Margot mit Ehemann und Kindern

Am Ende ihres Lebens mit all seinen Herausforderungen

Kurzbiografie (Autorenvita)

Anni Margot Skorupa

Kurzbiografie (Autorenvita)

Dr. Ingrid Ursula Stockmann

Anhang 2

Trauergedichte

Liebe Mutter!

Für Papa

Trauergang zurück ins Leben

Anni Margots Wunsch nach dem Weltfrieden

Zusammenhalt!

Unsere gemeinsamen Werke

Deine Werke

Mutters Lebenshaltung

Bewahrt den Frieden!

Nachruf

Das letzte Gedicht von Anni Margot Skorupa

Fast „90“

Abbildungsverzeichnis

Der Wundertrank1

Anni Margot Skorupa (1965)

Mich deucht,

man sollte eine Mixtur erfinden,

nach deren Trank

alle schlechten Gedanken

wie böse Scheusale entschwinden.

So etwas sollte man

den Machthabern in den Kaffee tun,

so dass sie künftig

alle Schlechtigkeiten

lassen ruh’n.

Trinkt so einer

lieber ein Glaserl Wein,

dann tut man eben

dort ein Quäntchen hinein.

Von so einem Trank

soll er sich laben

und sollte nie genug

davon haben,

so dass ihm deucht,

alles, was da kreucht

und fleucht,

benötigt mehr Liebe

und nicht tödliche

Hiebe!

1 Ingrid Ursula Stockmann & Anni Margot Skorupa: Auf Nilpferde hört man nicht, BoD Norderstedt, 1. Auflage, 2015, S. 197.

Vorwort

Anni Margot Skorupa

Im vorigen Jahrhundert schaltete ich den Fernseher an und hörte gerade noch, als Walter Ulbricht (Politiker der DDR), diesen Satz zu den vielen Kindern sagte: „Kinder! Seid ihr auch alle Kinderchen?“

Sicher war er überwältigt durch den Anblick der vielen lieben Kinder, dadurch dieser Versprecher; offensichtlich wollte er die Bestätigung bekommen, dass sie liebe Kinderchen sind. Ich musste über diesen Versprecher herzlich lachen.

Aber: Bei reichlicher Überlegung muss ich sagen, dass die Bezeichnung „Kinderchen“ nicht für jedes Kind stimmt(!), denn durch das Verschulden vieler Machthaber wird die Kindheit erheblich verkürzt. Sie, die kleinen Wesen, erfahren oftmals viel Leid und haben keine Zeit, das Leben zu genießen, deswegen fließen öfter Tränen; die Verantwortlichen sollten sich deshalb schämen!

Leider gibt es viele kleine Erdenbürger, die sich in zartem Kindesalter schon behaupten müssen, die ihre Kindheit nicht genießen können.

Bezüglich der Beispiele kann ich in meine eigene Herkunftsfamilie sowie auf mich selbst schauen und erzählen.

Kinder!

Seid ihr auch alle Kinderchen?

(Zitat: Walter Ulbricht)

Meine Schwestern Lilo-Fee und Irmela

Die kleine Lilo-Fee wurde im Dezember 1922 geboren. Eigentlich hatten sich die jungen Eltern einen Sohn gewünscht, der kam aber erst nach mir, dem dritten Mädchen, zur Welt. Erst einmal waren wir das „Drei-Mädel-Haus“.

Die kleine Lilo sah allerliebst aus mit ihren blonden Schillerlocken. Meine Mutter war richtig stolz auf sie. Lange konnte sie sich über die Lockenpracht der hübschen Tochter nicht freuen ...

Der jungen Familie ging es trotz Wirtschaftskrise noch relativ gut. Auch die Herkunftsfamilie meines Vaters hatte ihr Auskommen. Die Eltern meiner Mutter lebten nicht mehr. Der Großvater vs. war ein Schuhmacher und fertigte sogar orthopädische Schuhe an. (Als Schulkind hatte mein Vater öfter mal die Schuhe absichtlich verloren, damit sein Freund sie finden sollte, um in der kalten Jahreszeit nicht barfuß laufen zu müssen. Der Vater fertigte dann neue Schuhe für seinen Sohn Otto an.)

Das Familienglück war von kurzer Dauer, denn der junge Vater wurde 19242 aus politischen Gründen erstmals inhaftiert. Er fungierte als Propaganda- und Kulturleiter einer Ortsgruppe der KPD in Tangermünde, seit Gründung dieser Partei. Bei einer Protest-Versammlung, die verboten war, hielt er eine Rede vor dem Rathaus.

Die kleine Tochter war fast noch ein Baby. Elly, die junge Mutter, musste nun den Lebensunterhalt selbst bestreiten. Damit die kleine Lilo trotzdem nicht allein sein sollte, bat sie die jüngere Schwester von Otto um Hilfe. Martha war selbst noch ein Kind. Sie spielte Friseur und schnitt die Lockenpracht ab. Elly war traurig darüber, denn die Locken wuchsen nicht nach und die Haare wurden dunkler. Als ich geboren wurde, hatte Lilo schwarzes Haar.

Nach sechs Wochen Haftzeit konnten sich Elly und Otto wieder lieben. An Stelle eines Buben wurde Irmela im März 1925 geboren. Zu dieser Zeit wohnte die junge Familie im Postgebäude in der Langen Straße in Tangermünde. Beide Eltern mussten Geld verdienen; dadurch waren die kleinen Töchter oftmals allein zu Hause.

Die lebhaften Mädchen lagen im Bett und schliefen friedlich. Meine Mutter nutzte die Zeit, um wichtige Dinge zu erledigen. Als sie nach getaner Angelegenheit zurückkehrte, saßen die Mädchen auf dem Fensterbrett in der Küche.

Lilo-Fee war inzwischen zwei Jahre, zwei Monate und 17 Tage alt geworden. Sie freute sich über das kleine Kindchen, das plötzlich da war. Ganz zeitig entwickelte sie schon für die kleine Irmela Muttergefühle. Lilo beschützte das Schwesterchen und brachte dem Mädchen auch „dumme Sprüche“ bei, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte.

Die beiden Mädchen waren nicht nur sehr lebhaft sondern auch erfindungsreich. So manches ging beim Tollen in die Brüche. Eines Tages fiel eine sehr schöne Tischuhr herunter und zerbrach in tausend Stücke. Sie besorgten Schnellkleber und reparierten die Uhr, was sehr schwer war, denn die Uhrumrahmung war eine Eule aus Keramik.

2 Im Jahre1924 waren zu diesem Zeitpunkt die KPD und die NSDAP verboten und Hitler kam in diesem Jahr nach Landsberg in Haft, wo er an dem Buch „Mein Kampf“ schrieb.

Das dritte Mädchen

Im Jahr 1925 bekamen meine Eltern die Genehmigung für ein Wandergewerbe, welches trotz der Wirtschaftskrise bis Ende 1932 gut lief. Ich wurde am 02.11.1928 geboren, erlebte dieses Gewerbe als ein kleines Kind, und ich kann mich noch sehr gut an damals erinnern.

Auf dem Lande wohnten zu dieser Zeit Bauern, aber auch sehr arme Menschen, die kein Geld besaßen. Meine Eltern bekamen deshalb oftmals Eier oder andere Produkte für die Waren. Manchmal legte meine Mutter Eier auf den Grudenspeicher. Ich war entzückt und beglückt, wenn wunderschöne, gelbe Küken sich durch die Eierschale pickten. Als Sensation empfand ich es, als die kleinen Wunderwerke der Natur über den Hof liefen. Voller Begeisterung gesellte ich mich zu ihnen. Durch diese Ereignisse war die Liebe zu den Tieren das schönste Geschenk für mein Leben.

Eines Tages hielt ein kleiner Lieferwagen vor unserem Geschäft, das mein Vater persönlich aufgebaut hatte, denn in dem Vorort von Tangermünde, den die Einwohner liebevoll und scherzhaft „Kleinasien“ nannten, gab es keine Läden, also keine tägliche Versorgung mit Waren jeglicher Art. Auch dieses Geschäft lief sehr gut; meine Eltern waren sehr großzügig und verschenkten viele Lebensmittel und Kleidung, Wäsche und andere Dinge, um die Not der Mitmenschen zu lindern. Kaum war die Tür des Lieferwagens geöffnet, rannten quietschend zwei Ferkel davon. Die Nachbarn wurden durch das Gequietsche aufmerksam und rannten hinter diesen kleinen Ausreißern her. Das Muttertier war noch im Lieferwagen eingesperrt und machte Rabatz, weil es seinen kleinen Zöglingen nicht nacheilen konnte. Kräftige Männer verfrachteten die Sau in den Stall hinter dem Haus.

Inzwischen wurde eine tolle Jagd nach den Ferkeln veranstaltet, die in verschiedenen Richtungen Reißaus nahmen. Frau Fiß hatte ein Schweinchen erwischt, was ihr sofort wieder entglitt, denn so lebhaft war es. Ich staunte darüber, wie schnell sie ihre kleinen Haxen bewegen konnten. Flink rasten sie die Treppe hoch zum „Schottberg“, eine kleine Siedlung der armen Leute. Einige schöne Häuser gab es auch dazwischen für besser Betuchte. Die Dienstboten lebten in einfachen Holzhäusern. Die Jagd nach den quirligen Ferkeln wirkte sehr lustig für mich. Am liebsten hätte ich mich an der Hatz beteiligt, aber ich war ja noch ein Winzling. Enttäuscht schaute ich auf meine kleine linke Hand.

Zu dieser Zeit ging die kleine Lilo-Fee bereits in die Schule. Irmela wurde von der Oma Seeger betreut, um mich kümmerten sich die Nachbarn in Klein-Asien.

Kein Knabe

„Bringt uns der Storch

einen Buben ins Haus,

so drollig und so nett,

dann nehmen wir

ihn in den Arm.

Wir nehmen ihn mit

ins Bett!

Wir herzen und

wir küssen ihn.

Wir haben ihn

so lieb!

Ich bin Mama,

du bist Papa,

unser kleiner Racker

ist da!“

„Storch, Storch, du Bester,

bring mir eine Schwester.“

„Storch, Storch, du Guter,

bring mir einen Bruder.“

Dies war meine Version als Hörfehler:

„Storch, Storch Esther,

bring mir eine Schwester.“

„Storch, Storch Luder,

bring mir einen Bruder!“

Meine Eltern wünschten sich einen Knaben, den wollten sie unbedingt haben. Elly sang mit ihrer schönen Altstimme:

„Bringt uns der Storch einen Buben ins Haus, so drollig und so nett, dann nehmen wir ihn in den Arm und nehmen ihn mit ins Bett. Wir herzen und wir küssen ihn, wir haben ihn so lieb. Du bist Papa und ich Mama, ach wir haben ihn sehr lieb!“

Aber, oh Schreck und Graus, es kam noch ein Mädchen ins Haus. Dieses Mädchen war ich. Irgendwie spürte ich Ablehnung und schrie bis zum frühen Ende ...

„Schnell, schnell, das Kind soll leben.“ Nach anstrengender Wiederbelebung pochte mein kleines Herz wieder. Die Hebamme hatte prophezeit, dass dieses Kind nicht alt wird. Trotzdem bin ich inzwischen 88 Jahre alt, und ich finde das Leben noch sehr interessant und lebenswert. Zwar hat mich der Sensenmann schon öfter besucht, aber im letzten Moment springe ich ihm von der Schippe, trotz vieler Zipperlein; das finde ich fein.

Eigentlich wollte ich von meiner Schwester Lilo berichten, aber die Erinnerungen haben mich übermannt.

Lilo-Fee

Bevor der Ernst des Lebens sie überforderte, war sie das süße, kleine Mädchen mit wundervollen, blonden Schillerlocken und strahlend blauen Augen. Als die winzige Irmela geboren wurde, war sie begeistert von der kleinen Püppi, denn sie passte in einen Schuhkarton, hatte die Mutter später erzählt. Wenn die Kinder allein waren, übernahm Lilo schon die Rolle einer kleinen Mutti für das niedliche Schwesterchen.

Eines Tages hatte die Mutter sich verspätet und die Kinder bekamen Hunger. Lilo kletterte auf einen Stuhl und holte aus dem Küchenschrank Zucker; damit fütterte sie die Kleine. Ein anderes Mal wollten sie schauen, ob die Mama bald käme. Das Fenster war geschlossen und mit Bindfäden abgesichert. Aber es war genug Kraft in den kleinen Händen, um das gesicherte Fenster zu öffnen.

Sie setzte sich aufs Fensterbrett und ließ die Beine rausbaumeln. Irmela krabbelte hinterher. Lilo half der kleinen Schwester, dann saßen sie nebeneinander.

Als die Mutter ihre kleinen Mädchen am offenen Fenster sah, fiel sie beinahe vor Schreck um. Leise schlich sie sich an die Töchter heran und zog sie behutsam an sich. Sie dankte Gott, dass er die Kinder durch einen Schutzengel hat behüten lassen.

Meine ersten Erinnerungen

Von meinem missglückten Start ins Leben habe ich schon geschrieben. Im Kleinkindesalter, bis zu den ersten Schritten im Leben, war das Umfeld für mich bereits interessant. Das erste Erlebnis, an welches ich mich erinnere, war schon erstaunlich für mich. Meine Mutter hatte mich auf dem Arm und sie schaute nach, wie weit mein Vater mit dem Ausbau des „Tante-Emma-Ladens“ gekommen war. Es fehlten noch die Fußböden, Fenster und Türen.

Die zweite bewusste Wahrnehmung: Fenster, Türen und Fußböden waren installiert, auch der Tresen war schon fertig, aber es fehlten noch die Waren zum Verkauf. Der Kinderwagen, in dem ich lag, stand vor dem Tresen. Rechts unterm Fenster befand sich eine Kommode. Das Fenster war abgedunkelt. Meine Mutter nahm mich aus dem Wagen und setzte sich mit mir auf eine Bank, die draußen vor dem Ladenfenster stand. (Ich konnte schon sehr zeitig Gesichter unterscheiden und wusste, ob die Personen Fremde sind oder zur Familie gehören.) Darauf saßen schon eine Nachbarin (Frau Fiß), eine Frau (Ratzeburg) und eine fremde Frau; diese fragte meine Mutter: „Darf ich Margot mitnehmen zur Gaststätte?“ Meine Mutter war einverstanden.

Zärtlich und voller Freude drückte diese fremde Frau mich an sich. Auch ich war darüber beglückt. Dann eilte sie mit mir über die Straße. Wir befanden uns am Tresen oder an der Theke des Lokals „Zum Karpfenteich“. Die Wirtin fragte nach dem Wunsch des Kaufes. Die fremde Frau verlangte eine Tüte mit Bonbons, die sie mir dann reichte.

Es folgte die erste Enttäuschung in meinem Leben. Meine Mutter nahm mir die Tüte mit den Bonbons aus der Hand, legte sie auf die Kommode aus Essen und mich in den Wagen. Ich dachte: ‚Ein Bonbon hätte sie mir doch geben können.‘ Woher sollte ich als Baby wissen, dass ich noch viel zu klein für solche Leckerei war.

Später erfuhr ich, dass meine Mutter mit ihren Eltern zeitweilig in Essen gelebt hatte.

Bettzeug im Tante-Emma-Laden

Damals wohnten wir im Schützenhaus in der Stendaler Straße. Meine Eltern verdienten durch das genehmigte Wandergewerbe den Lebensunterhalt für die junge Familie. Die diversen Waren für den „Tante-Emma-Laden“ waren schon bestellt. Also! Noch war der Laden leer.

Meine Tante Anni und Onkel Willy benötigten dringend eine Unterkunft. Als meine Eltern mit mir den Laden betraten, machten die jung Verliebten gerade eine übermütige Kissenschlacht. Sie konnten ja nicht ahnen, dass sie in der frühen Morgenstunde Besuch bekommen würden. Ganz verlegen und errötend zog Tante Anni das Federbett über sich.

Ich war sehr verwundert, dass das Bettzeug so liederlich auf dem Fußboden und vor dem Tresen lag. Meine Eltern fragten die beiden, ob sie mich betreuen könnten, weil sie Ware in umliegenden Dörfern verkaufen wollten. Anni und ihr Liebster waren einverstanden. Onkel Willy nahm mich in Empfang und verfrachtete mich gleich auf seine Schultern und sprang übermütig mit mir durch die Bettenpracht, wobei er wie ein Pferdchen wieherte. Nach der Tollerei legten sie mich in den Kinderwagen. Ich schlief sofort ein.

Inzwischen hatten sich Onkel und Tante angezogen. Als ich erwachte, staunte ich über die schmucke Uniform meines Onkels. Er trug einen schwarzen Anzug mit vielen blauen Knöpfen. Ich glaube, ich fand die vielen Knöpfe so interessant, dass dies der Grund war, dass ich anstatt mit Puppen zu spielen, lieber mit hübschen bunten bizarren Knöpfen spielte. Mir machte es auch Freude, verschludertes Garn wieder in Ordnung zu bringen.

Abbildung 1: Die Familie von Margots Vater Otto mit Bruder Willy und Schwester Martha, zu seiner Konfirmation, 1915.

Meine liebe schöne Mutter

Zwischen unserem Haus und den Ställen, Waschküche und Toiletten, befand sich noch ein Zwinger für Hühner, auch ein kleiner Pavillon hatte dort noch Platz. Meine erste Entdeckung dieser Art war, als meine Mutter Geburtstag hatte, das war am 4. Mai 1929, also wurde sie gerade 29 Jahre jung, was ich natürlich noch nicht wissen konnte. Ich war gerade 6 Monate und 2 Tage alt. Sie ging mit mir in den Hausgarten des Schützenhauses, der festlich gestaltet war. Der Pavillon war mit Birkengrün geschmückt. Dort standen viele runde, feierlich gedeckte Tische und Korbsessel, Korbhocker sowie Küchenstühle für die Gäste bereit. Auf einem Tisch stand schon eine Tasse mit dem noch dampfenden, heißen Kaffee. Blitzschnell bückte ich mich hinunter und wollte die Tasse ergreifen. Meine Mutter hatte es glücklicher Weise noch rechtzeitig verhindern können, denn sonst hätte ich mich verbrüht. Sanft zog sie meine Hand weg und klopfte leicht auf meine winzigen Finger. Ich war empört und klatschte mit meiner kleinen Hand ihr dreimal ins Gesicht. Damit sie nicht böse sein sollte, drückte ich meine Wangen zärtlich an ihr Gesicht und streichelte sie dabei. Sie trug ein wunderschönes neues Kleid und darüber eine neue Jacke. Das Haar war noch goldblond und sie sah wunderschön aus.